Der Omega-PunktDon DeLillo

Don DeLillo - Der OmegapunktKiepenheuer&Witsch 2010, 112 Seiten.      

 >>Zwei  Episoden – die Verknüpfung bemüht bedeutungsschwanger.
Episode 1: Im Spätsommer 2006 zeigt das MOMA in New York an 6 Tagen eine großformatige Videoinstallation von Douglas Gordon, die Hitchkocks Film „Psycho“ ohne Musik und Dialog auf 24 Stunden verlangsamt. Ein Mann, von niemandem beachtet,  ist seit 5 Tagen stummer Betrachter dieser Arbeit. Der Erzähler vermutet „Was er hier sah, schien der reine Film zu sein, die reine Zeit“. Während auf der Leinwand gerade die Duschszene läuft, beobachtet der Mann zwei eintretende Männer unterschiedlichen Alters (sie entpuppen sich in  der 2. Episode als die Protagonisten  des Romans), die er merkwürdig zielsicher als „Akademiker, Adepten des Films, der Filmtheorie….“ ausmacht. Seine Überzeugung von der Seelenverwandtschaft des entschleunigten Betrachtens- „Er wusste, die beiden Männer an der nächsten Wand würden ebenso aufmerksam zuschauen. Ihm war, als hätten sie etwas gemeinsam, wir drei, so lautete sein Gefühl. Es war die seltene Kameradschaft, die von einzigartigen Ereignissen hervorgebracht wird, auch wenn die anderen gar nicht wussten, dass er da war.“ – erweist sich als Selbsttäuschung.  Zu rasch verlassen die beiden Männer den Raum (10 Minuten gibt ihnen das Geschehen in der 2. Episode) um den „Herzschlag der Bilder, die in diesem Tempo projiziert wurden… zu spüren“ und das Urteil des Dauergastes ist unerbittlich: „Sie hielten sich für ernsthaft, waren es aber nicht. Und wenn man nicht ernsthaft ist, hat man hier nichts zu suchen“ (Ja, solch klare Botschaften über die Rezeption von 24stündigen Videoinstallationen wünscht sich der Leser) Merkwürdig diffus scheinen dagegen die Wahrnehmungswelten des stummen Beobachters: „Je weniger zu sehen war, je genauer er hinschaute, desto weniger sah er. Das war der springende Punkt. Zu schauen, was da war, endlich hinzuschauen und zu wissen, dass man es tat, das Vergehen der Zeit zu spüren, wach zu sein für das, was in den kleinsten Einheiten der Bewegung geschieht“ um dann aber doch wenig später festzustellen, „welche Tiefe durch die Verlangsamung der Bewegung möglich wurde, welche Dinge zu sehen waren und welche Tiefe der Dinge bei den oberflächlichen Sehgewohnheiten so leicht zu übersehen war.“ Und dann, als am Ende der Episode der Beobachter fast eins zu werden scheint mit dem Raum seiner Betrachtung „Er wollte an keinem anderen Ort sein als hier, dunkel an dieser Wand“, darf sich doch noch einmal das Türchen öffnen, um hereinzulassen, worauf der Mann an der Wand „nach all der Zeit….gewartet hatte. Auf was?……Er hatte darauf gewartet, dass eine Frau ankam, eine Frau allein, mit der er reden könnte, hier an der Wand, flüstern, sparsam natürlich (warum eigentlich? R.S.), oder später irgendwo Gedanken und Eindrücke auszutauschen, was sie gesehen hatten und wie sie das fanden“. Der Erzähler versäumt es in diesem Zusammenhang auch nicht das Zeitfenster für ein ernsthaftes Gespräch über die Installation zu benennen -„eine halbe Stunde, das genügte“-  , nicht vermutend,  dass damit dem Leser von Episode 1 vielleicht auch einiges an Leere erspart geblieben wäre. Dass die Frau  aus der „Jenseitswelt“ in die Kunstwelt von „24 hour Psycho“ eintritt, erfahren wir in Episode 2, dass die Begegnung allerdings weniger cineastischem Niveau genügte, läßt das zeilenisoliert hervorgehobene „Wichser“ vermuten. Bleibt doch zu hoffen, dass sich da „der Mann an der Wand“ im MOMA nicht daneben benommen hat.

Episode 2: Schauplatz ein Rückzugsraum ganz anderer Art: ein einsames Haus in der südkalifornischen Wüste, wo der 73jährige Wissenschaftler und Ex-Pentagon-Irakkriegsberater Richard Elster von dem nicht mal halb so alten New Yorker Filmemacher  Jim Finley (er ist der Ich-Erzähler der Episode 2) zu einem Filmprojekt besonderer Art gewonnen werden soll. Das Arrangement vergleichbar der Episode 1: „nur ein Mann und eine Wand …Der Mann steht da und berichtet von der gesamten Erfahrung, alles, was ihm einfällt, Persönlichkeiten, Theorien, Einzelheiten, Gefühle. Sie sind der Mann. Keine Stimme aus dem Off, die Fragen stellt. Keine hineingeschnittenen Szenen aus dem Krieg oder Kommentare von anderen, im Bild oder im Off“. Welche Erwartungshaltung stellt sich beim Leser angesichts solcher Vorgaben ein? Radikale Reduktion, Ausblendung von Störfaktoren, Entschleunigung (Elster spricht von „spirituellem Rückzug“), veränderte Raum- Zeitdimension (Elster spricht vom „Terror der Zeit “, von „sterblicher Zeit“ im Räderwerk der Macht), Wahrnehmung und Aufarbeitung verschiedener Wirklichkeiten (Planspiel, Kriegsrealität), vielleicht eine Lebensbeichte Elsters vor dem Hintergrund von Wissenschaft und Verantwortung . Doch statt Erhellung  Nebulöses.  „Die Wirklichkeit steht, geht, sitzt. Außer wenn sie es nicht tut.“ (30) ist eine der Botschaften Eislers. Wortneuschöpfungen wie „Haiku-Krieg“, mit denen Eisler dem Irak-Krieg eine neue „Denk- und Sichtweise“ zu geben versuchte, zeigen ihn als Adepten der Desinformationsmaschinerie im Pentagon .Der „Omega-Punkt“-Nebel lichtet sich noch weniger angesichts früherer essayistischer Erkenntnisse Eislers einerseits  „Eine Regierung ist ein kriminelles  Unterfangen“ und seinem (vielleicht scotchglasgetrübten) amerikanischen Verblendungbekenntnis andererseits: „Ich will immer noch einen Krieg. Eine Großmacht muss handeln. Wir wurden schwer getroffen. Wir müssen uns die Zukunft zurückholen. Die Willenskraft, das pure instinktive Bedürfnis. Wir können nicht Andere unsere Welt und unser Denken gestalten lassen. Die haben nur alte, tote, despotische Traditionen. Wir haben eine lebendige Geschichte.“  Von jemandem, der nach Aussage Finleys „frei ist, alles zu sagen, was er will, ungesagte Dinge, vertrauliche Dinge, loben, verdammen, faseln“, bleibt nur Letzeres.

Mit dem Besuch von Elsters Tochter Jessie erweitert sich zwar das Personal nicht aber Tiefe der Information. „Die meiste Zeit redeten wir über nichts, sie und ich“, weiß uns Finley zu erzählen um aber wenige Zeilen später zu betonen: „Ich mochte diese Gespräche,  sie waren ruhig, mit einer unheimlichen Tiefe in jeder Zufallsbemerkung, die sie machte“  (ja so unterschiedlich können Erwartungen von Lesern und Romanakteuren sein). Unvermittelt und bedeutungsschwer dann zwischen Scotch und Arznei-mittelschränken (Eisler ist medikamentenabhängig) Eislers Endzeit-Botschaften „Wir wollen die tote Materie sein, die wir früher waren. Wir sind die letzte Milliardstelsekunde in der Evolution der Materien“, in deren Kontext wir erfahren, dass Eisler sich neben frühen Essays zur Bedeutung der Babysprache, ausführlich der Lektüre der Mystiker wie auch der Schriften Teilhard de Chardins widmete. Mit dem geheimnisvollen Verschwinden Jessies gewinnt die Handlung dann kurzfristig dramatischen Schwung. Ist ihr Verschwinden gar der Vorgriff von Eislers Vision  des „Omega-Punktes“: „Überlegen Sie mal. Wir verabschieden uns völlig aus dem Dasein. Steine“ ? oder lassen Finleys Bemerkungen auf der Rückfahrt mit Elster nach New York (das Filmprojekt scheint mit dem Abtritt Jessies gescheitert) vermuten, wie brüchig sich Elsters Gedankgebäude angesichts des Schicksal seiner Tochter ausnimmt: „Ich dachte an seine Bemerkungen über Materie und Wesen. Die langen Nächte auf der Terrasse, halb besoffen, er und ich, Transzendenz, Paroxysmus, das Ende des menschlichen Bewusstseins. Jetzt kam mir das wie eine Menge totes Echo vor. Der Omega-Punkt. Eine Million Jahre entfernt. Der Omega-Punkt hat sich, hier und jetzt, verdichtet zu der Spitze eines Messers, die gerade in einen Körper eindringt. All die großartigen Themen dieses Mannes zusammengetrichtert auf umgrenzten Kummer, einen Körper da draußen irgendwo oder auch nicht.

Mit „Anonymität 2“ erneut ein Schnitt und wir kehren in den Schauplatz von Episode 1 am 6. und letzten Tag der Installation zurück. Der Fokus unseres Mannes an der Wand nicht mehr ausschließlich auf die Leinwand gerichtet. Neben Filmfiguren treten Besucher, meist leere Momentaufnahmen: „Ein Mann und eine Frau traten ein, Eltern der Kinder, der genetische Code knisterte in der Luft“ (???) oder „Ein französisches Paar kam herein. Es waren Franzosen oder Italiener, sie sahen intelligent aus“ und dann taucht plötzlich an der Seite unseres Anonymus eine Frau auf, die die auch für den Leser entscheidenden Fragen stellt: „Was sehe ich mir da an?“ oder „Sind Sie sich sicher, dass das keine Komödie ist?“ und dann passiert, was auch keiner mehr nach 100 Seiten erwartet: Die Antworten bleiben aus. Nur eine von unserem Mann imaginierte Gewaltandrohung gegenüber der Frau eröffnet ein weiteres Rätsel, bevor er sich nach kurzem Frischluftaufenthalt und Telefonnummerntausch  am Ende in die Figur Norman Bates aufzulösen beginnt.

Nein, filmische Langsamkeit und Entschleunigung in konstruiert philosophischem Kontext führen allein noch nicht zu mehr Erkenntnis. Was beim „Omegapunkt“  über weite Strecken bleibt, ist Ratlosigkeit, vielleicht auch das Ungenügen, man sei an diesem Buch gescheitert.

Vielleicht ist aber auch ein ganz Anderer gescheitert. Note: 4/5 (ai)<<

>>Ein beklemmendes, zuweilen doch recht dunkel bleibendes Kammerspiel, indem es  um „letzte Fragen“, um die  Grenzen  der Erfahrung, des Sprach-und Ausdrucksvermögens und  um nichts Geringeres als das Ziel der Evolution geht.  Als Klammer arrangiert DELILLO raffiniert eine Installation im MOMO, die den Film Psycho in extremer Zeitlupe auf 24 Stunden gedehnt zeigt. Dazwischen der Versuch des Filmemachers Finley den  Ex -Regierungsberater und Kriegsphilosophen Elster in dessen abgeschiedenen Zufluchtsort in der Wüste  zu einem avantgardistischen Filmprojekt zu überreden. Finley philosophiert mit ihm über Haiku-Kriege und die Idee der Auslöschung, den Traum vom Aussterben der Menschheit und die Materialisierung des Lebendigen. Auch Teillard de Chardin wird bemüht. Die  Zeitdilatation wie in der MOMA Installation ließe sich bis zum absoluten Stillstand extrapolieren, bis zur Einheit von Mensch und Materie. Als dann allerdings seine Tochter auf mysteriöse Weise verschwindet, kehrt die Zeit plötzlich zurück. Vielleicht ein wirklich großer Roman. Vielleicht aber auch nur ein aufgeblasenes  Geschwurbel . Ich weiß es nicht! Man muss ihn vermutlich mehrmals lesen, nein durchackern um diese Fragen beantworten zu können. Leichte Kost ist es jedenfalls nicht. Note: 3 (ün)<<

>>  Richard Elster ist ästhetisierender Vordenker des Todes. Mit pseudophilosophischer Tiefe vermeint er einen evolutiven Rückruf wahrnehmen zu können: den Ruf der lebenden Natur, sich zurück in den Zustand der Leblosigkeit, des Stein-Seins zu entwickeln bis hin zur atomaren Auflösung. Übertragen auf den politischen Alltag, wird Krieg zu einem Ritual, in dem nicht gemordet wird sondern die Evolution lediglich voranschreitet. In diesem Kontext sind Moral und Verantwortung keine relevanten Größen. Entsprechend wird Elster von der US-amerikanischen Regierung in den Irak berufen, um den Krieg zu konzeptualisieren, sprich die Unmenschlichkeit mit akademischen Rechtfertigungen zu etikettieren.
Teil des nekrophilen Prozesses ist die Alterung der Zeit. Zeit, die sich selbst verliert, verlangsamt und damit alle Prozesse ihrer natürlichen Bedeutung beraubt. Dies wird im Roman eindrucksvoll mit der vorangestellten Filminstallation 24 Hour Psycho von Douglas Gordon inszeniert. Ein Mord in diesem hochgradig verlangsamten Psychothriller von Alfred Hitchcock verliert seinen Schrecken und die moralische Empörung darüber. Die überraschende Verzögerung wird selbst zum Inhalt, zum künstlerischen Element und einer neuen Form der Ästhetik.
Auch Elster praktiziert eine Form der Entschleunigung, in dem er sich in sein einsames Haus in einer Wüstenregion Kaliforniens zurückzieht und sich den Steinen aussetzt um Teil ihrer Zeitlosigkeit zu werden.
Dieses Mal hat Elster den Jungfilmer Finley in sein Haus geladen – oder genauer – zugelassen. Finley bekniet Elster seit längerem, sich für einen monolithischen Film herzugeben, der nie zustande kommen wird. Vermutlich ein Anti-Kriegsfilm, in dem in einer einzigen Einstellung 99 Minuten lang nur das erzählende Konterfei Elsters erscheinen soll wie es assoziativ über den Irak Krieg ausschweift und sich vermutlich in pseudowissenschaftlichen Phantasterei selbst entlarvt. Die Zeit dämmert tagelang dahin bis Elsters schüchterne Tochter auftaucht, von der Mutter geschickt, damit sie Abstand zu einem unerwünschten Mann gewinnt. Wenig später verschwindet sie spurlos.
Genau an dieser Stelle wird Elster vom wahren Leben eingeholt. Jetzt, wo vermutet wird, dass die eigene Tochter aus dem Leben geschieden ist, wird die Pseudophilosophie brüchig. Elster bricht augenblicklich zusammen und regrediert zum lebensunfähigen Greis, der der Begegnung mit dem vermuteten Tode im eigenen Haus in keiner Weise gewachsen ist.
Die Fragwürdigkeit absurder Endzeit-Philosophie wird letztlich noch mal durch den Pro- und Epilog Rahmen am Anfang und Ende des Buches thematisiert. Während im Prolog ein Mann tagelang den Zeit-entstellten Mordfilm Hitchcocks inhaliert, wiederholt sich diese Szene im Epilog mit dem Unterschied, dass diese Person sich nach einer Frau, also nach Leben und Emotionen sehnt. Tatsächlich wird er im Schatten der Leinwand von einer Frau angesprochen. Der Austausch der Telefonnummern suggeriert eine weitere lebenszugewandte Entwicklung fernab ritualisierter Todesphantasien.
Der Roman weist Parallelen zu dem sechs Jahre älteren Werk „Der Dekan“ des schwedischen Autors Lars Gustafsson auf. Auch hier steht ein US-Kriegsveteran und Hochschullehrer im Mittelpunkt, der dem Tod und im Besonderen dem Töten eine positivistische Kategorie zuordnet. Auch hier tritt ein junger, die Hauptperson kontrastierender Adlatus auf. Ebenso ist der Tod im eigenen Umfeld des Protagonisten Bestandteil des Plots. Auch die Wüste als Grenzbereich zwischen Leben und Tod ist in die Szenerie integriert. Verschieden ist jedoch die Schlussausrichtung: einmal zum Leben hin (deLillo) und das andere Mal den Tod als Endpunkt andeutend (Gustafsson). Ob deLillo an dieser Stelle einen direkten Bezug beabsichtigte, ist nicht bekannt.
Was beiden Romanen in gleicher Weise anhaftet, ist die nur sehr begrenzte inhaltliche Tiefe, sprich Vermutungen im Philosophischen – sofern die Oberflächlichkeiten der Bücher diesen Begriff überhaupt rechtfertigen. Die oben diskutierten Aspekte sind tatsächlich in nur wenigen Absätzen angerissen. Stattdessen präsentieren sich beide Werke als Zettelkasten von Nebensächlichkeiten. Dankenswerterweise aber in überschaubaren Längen und mit gelegentlichen Sprachüberraschungen.  Note: 3– (ur)<<

 

>>Spätsommer/Frühherbst  2006. Ein zeitnaher Roman und doch blieb er mir fern, wenn auch nicht sofort. Ein optimaler erster Eindruck, geniale Umschlagsgestaltung, wunderbares Pflanzenmotiv,  sehr ansprechend alles, das Buch liegt gut in der Hand. Hitchcocks „Psycho“ auf 24 Stunden verlangsamt.  Eine Installation im MoMA in New York. Fulminanter Einstieg. Dann in die Wüste zum Gelehrten Richard Elster. Ein Film soll gedreht werden. Der Filmemacher und Elster unterhalten sich, viel und lang. Es geht um Raum und Zeit, um den Irakkrieg. Zwischendurch geht eine Maus in die Falle. Elster bemerkt es nicht. Später taucht Elsters Tochter Jessie auf, verschwindet aber wieder spurlos. Autor Don DeLillo schlägt eine immer höhere Sprache an: „Die Materie möchte ihre Befangenheit verlieren, das Bewusstsein ihrer selbst. Wir sind Geist und Herz, zu denen die Materie geworden ist. Es ist Zeit, das alles dichtzumachen. Das treibt uns jetzt an.“ (Seite 49) Falls sich jemand findet, der mir diese Sätze verständlich machen kann, lade ich ihn zu einem Essen ins Casino (Tübingen) ein. Während ich überwiegend Phrasen und Worthülsen entdecke, überschlägt sich das deutsche Feuilleton mit Lob, Lob, Lob. Vielleicht bin ich einfach zu dumm für dieses Buch? Ich weiß zwar schon länger, dass viele rumlaufen, die intelligenter sind als ich, aber trotzdem zweifle ich an der Genialität dieses Romans. Könnte es sich nicht doch um Kaisers neue Buchkleider handeln oder gar um eine Luftnummer? „Jeder verlorene Augenblick ist das Leben.“ (Seite 61) Die Frage aller Fragen, was ist das Leben. Sie wird beantwortet. Der verlorene Augenblick. Wie gesagt, es geht um Raum und Zeit und immer wieder wird Teilhard de Chardin erwähnt. Ihm ist dieser Roman erspart geblieben. Note: 5+ (ax)<<

Sally-Arno Geiger

Arno Geiger - SallyHanser 2010, 364 Seiten.      

 >>  Sally und Alfred, beide über 50, sind im Wanderurlaub, als sie die Nachricht erreicht, dass zu Hause eingebrochen wurde. Ihre Freunde Erik und Nadja helfen beim Aufräumen des Chaos. Alfred leidet besonders, da auch in sein Innerstes, seine Tagebücher  eingebrochen wurde. Für das Unerwartete ist er überhaupt nicht mehr gerüstet. Sally hingegen peilt ein  neues Leben an, Alfred hängt am alten.  So wird der Einbruch und seine Bewältigung auch zum Menetekel für ihre Beziehung. Alfred, der mit Stützstrümpfen seinem Krampfadernleiden begegnet, erscheint Sally zunehmend als Klotz am Bein. „Alfreds Leistungen im wirklichen Leben waren nicht berühmt“. Sally, die bereits mit 24 über „eine beachtliche sexuelle Reputation“ verfügte, lässt sich auf eine heimliche, heftige Affäre mit Erik ein. Versuchsweise bringt sie sogar das Wort Scheidung ins Spiel. Alfred erscheint ihr „entsetzlich alt, teigig und unwirklich“.  Das Kapitel 10 bringt formal und inhaltlich die Wende. Eruptiv und in Endlos-Sätzen spricht nun Alfred himself über seine Beziehung zu Sally, früher und heute. Alfred zeigt sich als einfühlsamer, zärtlicher und erstaunlich duldsamer Mensch, der Sally bedingungslos liebt, trotz ihrer unzähligen Eskapaden. Sehr berührend, wenn sich Alfred dabei sorgt, dass Sally „da draussen“ sicher nicht nur angenehme Erfahrungen macht. Sie sei das „Beste und Tollste, was ihm je passiert ist“. Nach  diesem Kapitel schwant dem Leser ein böser Verdacht. Könnte es sein, dass der Autor Sally so nahe war, dass er ihren Blick in seinen Schilderungen Alfreds eingenommen hat? Dass der Titel „Alles über Sally“ in die Irre geführt hat, und wir sehr viele mehr  über die Psyche Alfreds erfahren als über Sally, die nun plötzlich doch recht oberflächlich daherkommt? Könnte sein. Alles in allem ein fulminantes Buch, auch wenn der Schluss etwas rätselhaft bleibt. Note: 1– (ün)

>>  Sally, Sally, du verrücktes Huhn ………    (S.288) Sally Fink, dreifache Mutter und Lehrerin an einem Wiener Gymnasium, Anfang 50. Alfred Fink, Museumskurator und ein Mann des Bewahrens, Ende 50. Seit 30 Jahren verheiratet. Sally leidet unter der Behäbigkeit ihres Gatten, der Tagebuch schreibt, von Krampfadern und Gallensteinen geplagt wird. In ihren Augen ein Trottel, an dem sie Symptome körperlichen Verfalls erkennt, denen sie selbst um jeden Preis entgehen möchte. So reagieren sie auch völlig gegensätzlich auf einen Einbruch in ihrer Wohnung. Die robuste Sally packt an und renoviert, Alfred verharrt wie in Schockstarre. Die beiden lieben sich. Alfred bedingungslos und  die lebenslustige Sally eher schwankend. Monotonie und Monogamie sind nicht ihre Sache. Von ihrer Familie würde sie sich aber nie trennen. Ihre Unfähigkeit mit Dienstboten umgehen zu können, macht sie doppelt sympathisch. Finks sind mit Nadja und Eric Aulich befreundet. Nadjas offene Art schüchtert Alfred ein. Die Beziehung zwischen Eric und Sally entsteht so irgendwie. Ein nachdenkliches Fragen in den Augen, ein flüchtiger merkwürdiger Wunsch, den anderen zu küssen. Die Beziehung zu Eric nimmt ein überraschendes Ende, das hier nicht vorweggenommen werden soll. Aulichs durchlaufen die bekannten Scheidungskalamitäten, aber dafür kann Sally eigentlich nichts. sally2Alles über Alfred oder alles über Sally? Bevor das zehnte Kapitel beginnt, erfahren wir nur Negatives über den Alfred aus Schenkenfelden, den unentschlossenen, ängstlichen, triefäugigen,  den hängeschul-trigen Träger von Kompressions-strümpfen. Aber dann hat er das letzte Wort mit seinen Tagebucheinträgen. Ohne Punkt und Komma schreibt er sich nach oben, offenbart sich als der wahre Weise und stiller Held des Romans. Alfredo, wie er sich nennt, ist nicht der tumbe Tor, für den wir und Sally ihn hielten. Er zeigte einfach nicht, wie klug er eigentlich ist. „Jetzt, jetzt kannst du dein Urteil fällen…“ (Seite 351) Im Roman finden sich interessante Aussagen und Schilderungen über den Lehrerberuf, sein gesellschaftliches Ansehen und die Abgründe auswärtiger Kulturarbeit. Sehr amüsant die satirische Schilderung eines Freud-Symposiums in Kairo. Unklar bleibt, warum immer wieder Satzteile kursiv gedruckt werden oder der Geruch von Passionsblumenöl durchs Haus zieht. Wahrscheinlich sind Sally und Alfred ein komplementäres Paar mit guter Prognose. Sicher auch ein Verdienst der lebensklugen Sally, die zu allem eine idealistische und eine realistische Meinung hat: „Sie ist davon überzeugt, dass man im Leben nicht nur EINEN Menschen lieben kann. Die Liebe zu mehreren Menschen erscheint ihr als etwas völlig Normales“. (Seite 126)  Und die realistische Version verweist auf  die vielen Probleme als Folge der idealistischen. So einfach ist das. Insgesamt ein Plädoyer für die Dauer, fürs Weitermachen und Durchwursteln. Oder eher, wie ein anderer schrieb, ein „Trostbuch fürs eigene Mittelmaß?“ Arno Geiger jedenfalls findet das Verhalten des Paares eher „tröstlich und gut. Und man darf annehmen, dass das Buch auch für manche Leser nicht nur literarische Qualität besitzt, sondern mit der eigenen Beziehung, darin erlittenen Wunden, begangenen Fehltritten und uneingelösten Sehnsüchten versöhnt“ (Schwäbisches Tagblatt vom 23. April 2010). Warum Sally nach ihrer Frühpensionierung einen Imbissstand (Foto) aufgemacht hat, konnte niemand aus ihrem Freundeskreis so richtig nachvollziehen. Aber Alfred, der alte Trottel, ließ sie wieder einmal einfach machen. So oft ich nach Wien komme, gehe ich natürlich vorbei. Sie weiß nicht, dass mein Herz für sie glüht. Sie wird es auch nie erfahren.

Maybe you can find the answer
Maybe you can find the place for you
Run, Sally, run, run away.

Note: 1– (ax) >>

<< Ja, Alfred, Dir und dem Leser wäre einiges erspart geblieben, hätte dich  Sallys Botschaft, dass mit einem Gipsbein eindeutig mehr Staat zu machen ist als mit einem Stützstrumpf , frühzeitiger erreicht. So nimmt seinen Lauf, was schon größere Romane ausgezeichnet hat: die eine bricht aus der Ehe aus, der andere in der Ehe ein. „Meine Ehe“, sagst du auf S.356 anerkennend, „die hält etwas aus, interessanterweise“. Nicht jede Ehe endet glücklich mit einem Ein-Bruch, kann ich da nur sagen. Im Kapitel 10 warst du übrigens schon weiter als bei deinem merkwürdigen Sally-Abgesang am Schluss, schade, aber Arno hat mit ungekünstelter Prosa unterm Strich (verzeih mir das Bild) deine Sally hintergründiger alt aussehen lassen als dich, dafür gibt’s Note: 1/2 (ai)>>

<<  An der zwanzigjährigen Ehe von Sally und Alfred nagt der Zahn der Vergänglichkeit. Die begeisterte Hinwendung ist schon lange von dem Kräfte zehrenden Familienalltag, in dem drei jugendliche Kinder ihren egozentrischen Tribut fordern, aufgebraucht. Sally führt den stillen Kampf gegen den körperlichen Verfall, in dem nichts gewonnen, wohl aber viel verloren wird, während Alfred in hypochondrischer Selbstvergessenheit mit dem Sofa verwächst und den Stützstrümpfen huldigt.
Im Laufe eines England Urlaubs erreicht die beiden die Nachricht, dass in ihr Haus eingebrochen wurde, worauf sie sofort nach Wien zurückkehren. Der Einbruch ist auch ein Einbruch in die eheliche Monotonie. Alfred ist wochenlang seelisch zutiefst gelähmt und steht oder besser liegt fassungslos vor dem sinnlosen Schicksalsschlag. Sally dagegen stellt sich entschlossen dem von den Einbrechern angerichtetem Chaos und beginnt augenblicklich und allein das Eigenheim neu zu richten. Die Welten, in denen beide leben und leiden, entfernen sich weiter von einander. Nicht überraschend folgt Sally in dieser Phase der Anziehung von Alfreds Freund Erik. Regelmäßige Hotelbegegnungen steigern die Begierden ohne dass Alfred oder Eriks Frau und Sallys Freundin Nadja davon erfahren. Der sexuelle Überschwang währt jedoch nicht lange, da sich Erik Schundroman-mäßig schon bald einer jungen Russin verschreibt und dafür überraschend nicht nur Sally, sondern auch seine Familie verlässt. Der Anschlag auf das Selbstwertgefühl macht Sally empfänglicher für Alfred mit seiner geduldigen Verbundenheit Sally gegenüber. „Und ohne dass die beiden es merkten, begann draußen Schnee zu fallen, harmlos und naiv suchten sich die Flocken ihren Weg durch den beständig schwankenden Raum“. So enden Buch und Entwicklung ereignisarm und zögernd. Ein verschneiter Schluss.
Alles über Sally. Nach gut 300 Seiten wissen wir, dass Sally die kämpferische Hartnäckigkeit ihrer selbstbewussten, verarmten Mutter erbte; ein Charakterzug, der unter dem Einfluss eines eifersüchtigen, gemeinen Großvaters zu einer tiefen Oppositionsbereitschaft reifte. Sally, die Aufsässige. Später erleben wir Sally als ausgleichende Lehrerin und verständnisvolle Kollegin beim Tode eines Lehrers, der sich in Folge des Vorwurfs der sexuellen Belästigung das Leben nahm. Anders als der Titel nahe legt, ist jedoch das Alles über Sally letztlich dürftig wenig. Genau das zu Wenige spiegelt Alfreds Unwissen über Sally wider. Begründet auch in der Selbstversunkenheit des ermüdeten Ehemannes.
Ein Ausdruck dieses Auf-sich-selbst-gerichtet-sein ist die beeindruckende Sammlung von Tagebücher, die Alfred seit 40 Jahren führt. Mit schier unerschöpflichem Zeitaufwand verewigt er Vergangenheiten und versäumt die Jetzt-Zeit zu atmen bis sein Horizont kaum mehr als die Polster zwischen beiden Sofalehnen überspannt. Ein lebensfernes, lethargisches Fossil, das vom eigenen Gewicht erdrückt wird. Man möchte diesen Kloß unters Sofa rollen.
Kurz vor Schluss des Buches dann der Blick- und Stilwechsel. Nur einen einzigen Satz lang, atemlos und assoziativ über 40 Seiten gebreitet, erleben wir einen Tagebucheintrag, der verwirrt und dennoch tiefgründig erscheint. Der Leser wird vom Gefühl unterwandert, das da heißt: Alles über Alfred. Man ist überrascht und erinnert den Alfred eines früheren Kapitels. Der jüngere Alfred im turbulenten Kairo. Alfred als versierter Doktor der Geschichte. Alfred mit akzentfreiem Arabisch am österreichischen Kulturinstitut. Alfred als Fels in der Brandung. Alfred, der Sally Liebe und Unterkunft gibt. Alfred, der mit seinem Realitätssinn die ertrinkende Sally im arabischen Labyrinth über Wasser hält. So war Alfred und könnte es vielleicht wieder sein.
Der Autor verwöhnt uns durchgehend mit einem satten Sprachfluss. Wortspiele verbreiten ein stimmungsvolles Plätschern. Aber irgendwie erscheint die Durchsichtigkeit des Wassers fast zu normal als dass es eine Geschichte wert wäre. Ehen entstehen, Ehen vergehen oder dursten dahin. Note: 2/3  (ur)

Der Musterjude-Rafael Seligmann

Rafael Seligmann - Der Musterjudedtv 1999,  393 Seiten.      

>>  Vom Aufstieg und Fall des Moische Bernstein erzählt der Roman. Bernies Jeansshop ist Ausgangs- und Endpunkt einer wahrhaft turbulenten Karriere im deutschen Pressewesen. Den gnadenlosen Gesetzen des Zeitungsmarktes folgend, in dem das hire and fire-Prinzip den auch verbal knallharten Ton angibt, mausert sich der bis zum Schluss unter der unerbittlichen Fuchtel seiner jidische Mamme Hanna stehende Moische vom Looser zum Chefredakteur und Starkolumnisten zweier Erfolgsgazetten „Logo“ und „German Today“. Den „Juden“-Bonus wie die Unfähigkeit des „Goj“ zur Aufarbeitung der Vergangenheit gleichermassen schamlos missbrau-chend, fegt Moische auf der Welle des Erfolgs und lässt skrupellos eine Spur von schreibende Karriereopfern hinter sich (Keller, Reydt Wimmer), bevor sein eigener Zögling Frank Lackner zum Brutus wird. Auch inhaltlich bedient uns Seligmann statt mit seriösem Journalismus mit Einblicken in die Hexenküche nicht nur des Boulevards: Taschenspielertricks, etwa Moisches „aufgejudeter Name“ Moische Israel Bernstein der dem Kolumnisten den Hauch der Unangreifbarkeit verleiht. Vermeintliche Leserbefindlichkeiten werden schonungslos bedient „Die deutschen Mörderseelen sind süchtig nach jüdischen Themen“.  Der tägliche Aufmacher, die Schlagzeile wird zur auflagengeilen Kampfparole. Sprache und Denken in den Redaktionstuben sprengen alle ethischen Grenzen:„Schreib mir die kulinarische Todesfuge“.  Nicht seine eigenen zuweilen auch denunziatorischen Methoden bringen Moische Bernstein zu Fall, die von seinem ehemaligen Ziehvater Heiner Keller lancierte Enthüllungsgeschichte „Ein falscher Jude“ erweist sich nach einem wohlinszenierten tränenreichen Fernsehauftritt Bernsteins und seinem mitleiderheischenden Appell „Ich fordere Menschlichkeit“ als Rohrkrepierer, sondern die schnöden Gesetze des Marktes. Reichlich unvermittelt wie sein Aufstieg ist auch sein Fall.  Der amerikanische Verlagsleiter und seine Geldgeber (Klischee?) sprechen das Urteil: „Du bist der Wirtschaft und ihren Werbefritzen nicht mehr vermittelbar“. Dem Leser wenig vermittelbar ist auch ein ganz anderer „Phall“. Moisches Frauen, ob als „Schicksen“ denunziiert oder jüdischer Provenienz scheinen eher dem Wunschtraum eines sehr schlicht geratenen Männerbildes als der Wirklichkeit entsprungen. Hier scheint dem Autor vor allem in der Judith-Gabi-Moische Episode der Schmok durchgegangen zu sein.  Für diesen sprachlich eher schlichten Intrigantenstadel deutscher Medienlandschaft, ob überzeichnet oder nicht mögen Insider urteilen, eine 2,5. Für die jidische Mamme, die nach Seligmann alles andere als ein jüdisches Mutter-Zerrbild darstellt, einen Sonderpunkt. Note: 2,5 (ai)<<

>> In Auschwitz zu „I will survive“ tanzen – darf man das?  Ja man darf, allerdings nur wenn man selbst Überlebender des Holocaust ist. Großajatollah Henrik M. Broder hat seinen Segen gegeben. Sein Urteil über den „Musterjuden“ von Seligmann fällt  weniger großzügig  aus. Seligmann biedere sich seiner Meinung nach zu sehr bei den „Deutschen“ an, verleiht ihm gar den Negativpreis „Schmok des Tages“.  Meine Einwände  sind andere:
Die Innenschau in die Mechanismen und Redaktionskonferenzen der Medienbranche ist  trotz oder wegen der  zuweilen grotesken Übertreibungen erhellend,  witzig und wohl nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches liest sich dies rasant und kurzweilig. Ob es ihm allerdings gelingt wie versprochen, das deutsch-jüdische Verhältnis zu entkrampfen, bleibt eher zweifelhaft. Vieles wirkt  doch klischeehaft. Die massenhafte und letztlich wenig motivierte Verwendung jüdischer Ausdrücke  wie „Schickse“ nervt doch zunehmend. Literarisch bleibt die Figur des Moische Bernstein seltsam ambivalent und trudelt zwischen genialischem Hochstapler  und Witzfigur.
Note: 3+ (ün)<<

>>Das Buch schildert Aufstieg und Fall des Moische Bernstein. Vom Jeansverkäufer zum Chefredakteur und viceversa. Insgesamt  bleibt es etwas rätselhaft, wie dieser fulminante Aufstieg überhaupt gelingen konnte. Die Mutter hält ihn für einen Versager und wer Moische in seinem Jeansladen erlebt , sieht in ihm nicht den strategischen Kopf, der ein Massenblatt dynamisch leiten kann. Im Mittelpunkt steht das immer noch komplizierte deutsch-jüdische Verhältnis. Was witzig und ironisch gemeint ist, wirkt aber immer wieder grenzwertig und vor allem: es wieeeeederholt sich. Darf ein Jude Tabus verletzten, die für einen Deutschen tabu bleiben müssen/sollten?  Das zweite zentrale Thema ist die deutsche Medienlandschaft, die unter amerikanischen Finanzeinfluss gerät. Sie wird eher in Form einer Posse abgehandelt. Hier geht es vor allem um Auflagensteigerung um jeden Preis. Dazu wird vor keiner Geschmacklosigkeit zurückgeschreckt  (Erfindung KZ-Kochbuch zum Beispiel). Alles begleitet von Kabalen und Komplotten ohne Ende. Der Leser wird gezwungen, seinen Wortschatz zu erweitern. Schmock&Schmonzes werden ihm zu vertrauten Worten, ebenso die unterschiedlichen Aggregatzustände, in die sich ein Schmock verwandeln kann. Dann vielleicht doch lieber gleich richtige Comedy, wie die vom jüdischen Komiker Oliver Polak: „Ich darf das, ich bin Jude“. Note: 3+ (ax)<<

 

>>Moische alias Manfred alias Israel Bernstein ist Jude und Nichtjude, Spielball in einem real-absurden deutschen Medienschlachtfeld, ist Feldmarschall, Rekrut, Überläufer, Demagoge und spektakulärer Verlierer. Moische Manfred Israel Bernstein wird zur Projektionsfigur des von Auschwitz genährten deutschen Schuldgefühls, ist die stilisierte, ständig ersehnte Opfergestalt, die der jüdische Autor Seligmann dem deutschen Leser als großen Manipulator der nationalen Empfindlichkeit an die Seele nagelt. Was passiert hier?

Moische lebt seit Jahren als Verkäufer mit seiner mental stoßfesten Mutter in antagonistischer Symbiose von einem kleinen Jeansladen. Auf dem journalistischen Parkett ist Moische bisher nur ausgerutscht bis sein alter Schulfreund Heiner ihn für einen Artikel zum ausgewählten Thema Küchengeheimnisse aus dem KZ anheuert. Die Grundidee: Tabuthemen in unklar semitische/nazistische Nebelschwaden gehüllt als reißerische Unterhaltung auf den Markt werfen und eine breite Zustimmung sichern, indem der Autor sich als bekennender Jude outet. Das Konzept schlägt ein wie eine Bombe. Mit olympisch philosophischen Ambitionen sieht Moische sich schon bald als nationalen Vordenker.

Der Chefredakteur des Magazins mit dem bezeichnend inhaltlosen Namen logo! versteht dem öffentlichen Geschmack zu entsprechen, spürt den gelangweilten Konsumdruck des Publikums und modelliert entsprechend alle Komponenten. Moisches Konterfei als Beiwerk zu seinen Artikeln wird mit jüdisch schweren Lidern aufgepeppt, sein Name mit dem Zweitnamen Israel „aufgejudet“ (S. 77) und der Storytitel mitten ins Holocaust Herz gestoßen: „Droht ein neues Auschwitz?“. Den ständig steigenden Druck-Auflagen folgen ebenso rasant grassierende Radiosendungen und Talk-Shows, die durch gezielte Vorabinformationen an die Sender die Medienpräsenz katalysieren.

Bizarre Konfrontationen fördern weiter das Geschäft als die berühmte Fatima Örsel-Obermayr als Vorkämpferin für die Rechte ausländischer Mitbürger Moische angreift. Juden würden das Leidensmonopol für sich beanspruchen, während Ausländer in Deutschland angeblich nur Freude hätten. Den heftigen Angriffen ist Moische noch nicht gewachsen. Er bricht heulend zusammen und muss von seiner Mutti nach Hause gebracht werden. Die Nation ist angesichts solch vermeintlich antisemitischer Gemeinheiten entsetzt und wird fortan nicht nur Fatima Örsel-Obermayr ächten, sondern auch Moische mit Inbrunst huldigen. Örsel-Obermayr hatte ein deutsches Tabu gebrochen: sie hatte versucht die Deutschen ihrer Lieblingsopfer zu berauben (S.87).

In dieser Phase beginnt die inter- und intraredaktionelle Schlammschlacht, die – wie wir lernen – prinzipiell keine Grenzen kennt. Heiner stachelt jetzt Moische an seinen Chefredakteur wegen (Über)-Fälschung seiner Artikel erfolgreich auf Schmerzensgeld zu verklagen. Sofort wechselt Moische zusammen mit Heiner zum neuen Konkurrenzblatt Germany Today. Nachdem es ihm gelingt den dortigen Chefredakteur zu liquidieren und den Posten zu übernehmen, entsorgt er auch seinen Freund Heiner in die Leserbrief-Redaktion, bevor er ihn ganz rausschmeißt. Als Moische dann an einem eigenen Denkmal bastelt und ein Zweitblatt gegen den Willen des amerikanischen Managements aufmachen will, wird er von einem seiner Zöglinge verraten und augenblicklich beerbt. Allerdings wird auch dieser schon wenig später kaltgestellt und ersetzt. Wie das unendliche Wirken der Gezeiten spülen die Fluten frisch angewachsene Meeresfrüchte aus bei Ebbe trocken gelaufenen Becken. Und es nimmt nie ein Ende. So überzeichnet und erschreckend amüsant gerade dieser Teil ist, so beeindruckt wird der Leser von der nackten Grausamkeit der Medienlandschaft.

Moische steigert sich zunehmend in einen demagogischen Publikationsstil, definiert die redaktionelle Pflicht, Emotionen zu schüren, ignoriert Wahrheiten und polarisiert durch eine perfide Mischung aus Halbwissen und Gerüchten, wiegelt auf und entfacht das ganz große populistische Sperrfeuer mit einer Anti-Steuerkampagne für Branntwein, Tabak, Getränke, Mineralöl und andere Konsumgüter des kleinen Mannes. Die kumulierenden Kampagnen führen nicht nur zu steigenden Aktienkursen einschlägiger Industriezweige, sondern sogar zum Rücktritt betroffener Minister. Bei alledem entpuppt sich Moische als fette Spinne in einem Netz, an dem Unzählige munter mitspinnen und sich auf ihre Art bereichern. Es gibt tatsächlich keine Unschuldigen. Schuld scheint das Lebensmotiv, ja das Leben an sich zu sein.

Dies gilt auch für alle Frauengestalten. Sei es die von anti-deutschen Hassgefühlen getriebene Mutter, sei es die Moische ergebene Volontärin Cordula, die durch sexuelle Breitbeinigkeit deutsche Schuld zu sühnen sucht, sei es die reichste, schönste Jüdin Berlins Judith, die mit ihrem halbwüchsigen Sohn fürsorglich das Bett teilt, so dass ihre nazistisch durchsetzten Schuldgefühle nicht aber Moische auf ihrem Kissen Platz finden.

Seligmann ist eine laute, knallbunte Realsatire gelungen, in der die tägliche Gewalt des Medienlebens und der historische Masochismus deutscher Intellektueller gekonnt mit einander verflochten sind. Der Kulminationspunkt wird erreicht als der bekennende Jude Moische als Sohn eines Nazischergen entlarvt wird. Seligmann setzt sogar noch eins drauf: die deutsche Schuldbedürftigkeit lässt die Liquidierung des Schuldobjekts Moische nicht zu und rehabilitiert ihn. Stattdessen wird der Urheber der Aufdeckung vernichtet.

Wie absurd und real doch alles erscheint. Vor allem wenn sich zu guter Letzt der Leser vor Augen hält, dass solch eine Satire nie von einem deutschen Pharisäer hätte geschrieben werden dürfen.

Kurzweilig, erhellend, nachdenklich, voller Schundroman-Dynamik, aber sicher keine große Literatur. Note: 2– (ur)<<

Älter werden- Silvia Bovenschen

aelterwerdenFischer  2006,  202 Seiten .     

 >> “What a drag it is getting old…” stellen die Stones in ihrem legendären Song “ mothers little helper” schnörkellos fest, was der Tübinger Autor Veit Müller in seinen Live Lyrix frei aber treffend so übersetzt hat: „Was für’n Scheiß ist es, alt zu werden…“ Ein Gerücht sagt, dass der 65 –jährige Mick Jagger diesen Song aus dem Repertoire der Stones gestrichen hat. In unserem Sprachgebrauch ist man aber selten alt, sondern höchstens älter. Eine „Vergewaltigung der Grammatik“ sei es, wenn eine ältere Frau jünger sei als eine alte, so Silvia Bovenschen in ihren „Notizen“, die sich weniger als Ratgeber fürs „Älter werden“, denn als Erinnerungen an Jugend -und Kindheit in den 50er und 60er Jahren und Sammlung mehr oder weniger geistreicher Aphorismen (Lichtenberg immer noch unübertroffen) entpuppen. Wiedererkennungseffekte ergeben sich zuhauf, etwa wenn sie das Erschrecken über manch unvermittelt erblicktes Spiegelbild im Kaufhaus schildert. Bild und geschmeicheltes Selbstbild wollen einfach nicht zusammen passen. Oder das Abwägen zwischen Zeitgemäßem und Altersgemäßem als „wahre Artistik des Alterns“. Klischeehafte Weisheiten, wie ihre Erfahrungen als Lehramtsanwärterin mit den „vielen Lehrern, die sich in eine verfehlte Zukunft gestellt sahen. Musiklehrer, die vordem Konzertpianisten, Mathematiklehrer, die vordem Nobelpreisträger hatten werden wollen“ sind ärgerlich, der Einsatz von Fremdwörtern wie „mnetisch“ schlichtweg affig.
Die eigene MS Erkrankung wird nicht allzu sehr in den Vordergrund gerückt, das ist angenehm. Trotzdem bleibt ihre Erfahrung mit dem Älterwerden offensichtlich von der schweren Erkrankung geprägt. Die witzigste Erkenntnis über das Älter werden stammt allerdings nicht von der Autorin, sondern ist von der amerikanischen Entertainerin Roseanne übernommen: „Ich habe mich zum ersten Mal alt gefühlt, als ich einer wildfremden Frau von meinen Hühneraugen erzählte“. Note: 2/3 (ün)<<

>>  Nein, diese gut gemeinten, jüngst auch noch von geschäftstüchtigen Verlagsstrategen des Fischer Verlags brusttaschengerecht als Hardcoverhandbüchlein auf den Buchmarkt geworfenen Notizen werden nicht im nachlassenden Gedächtnis haften. Was aber bleibt, ist, wozu sie inspirierten: Eine fulminante, bis ins Detail stimmige Inszenierung des Gastgebers, der in mehrfachem Sinne eine Kostprobe von dem gegeben hat, was auch die literarische Viererbande zwischen Pauline Krone und Luise Wetzel einmal erwartet – nur das Probeliegen kam etwas zu kurz. Dass Max – es ist das erste Mal in der Rezensionsgeschichte des LQ, dass ich die Anonymität lüfte – das Zimmer verlassen hat, bevor die Nachtschwester kam, war allerdings ein Verstoß gegen die Hausordnung. Es ist wunderschön mit diesem Quartett älter zu werden.
Noten:
Bovenschen 3/4  Gastgeber 1,0 (ai)<<

>>  Der Untertitel „Notizen“ (ich hatte ihn übersehen) hält, was er verspricht. Für „Älter werden“ gilt dies nicht in gleicher Weise. „Gesammelte Einsichten“ oder „Vermischte Rückblicke“  wäre als Buchtitel angemessener. Das Buch ist nicht leicht zu resümieren, da es sich um eine Sammlung von Fragmenten, Aphorismen, Miniaturen, intelligenten Wortspielereien, verbalen Torsos und Sentenzen handelt. Dabei fast immer klug und geistreich formuliert. Man kann sich nach der Lektüre die Autorin, Tochter aus bestem Hause, ganz gut vorstellen. Das Bändchen im handlichen Mao-Bibelformat wird wahrscheinlich im Gegensatz zu seinen Leser/innen nicht so schnell älter werden. Auch in zehn Jahren wird es noch zu Geburtstagen verschenkt werden können. Überraschend oft hatte ich bei der Lektüre das angenehme Gefühl „Ja, genau. So isses. Das hat sie gut gesagt“. Kein Wunder, dass man so ein Buch gerne liest. Note: 2– (ax)<<

>>Kurze Sentenzen, Assoziationen, Erinnerungen, Bedauern über Vergangenes , verlorene Worte, abhanden gekommene Werte, vorweggenommene Abkehr von einer Zukunft, die immer kürzer wird und schon lange von der Übermacht der Vergangenheit erschlagen wird. 2006 schreibt Bovenschen, sie sei 60, dass sei eine böse Zahl. Da sei nichts mehr zu machen. So dass der Leser schon nach wenigen Seiten ahnt, dass der Titel noch strenger formuliert gehört. Nicht „Älter werden“ – denn das wird auch ein Neugeborener und blickt einer großartigen Entwicklung entgegen – sondern „Alt sein“ – Entwicklungen schon hinter sich haben. Oder noch strenger: „Zu alt sein“ – Entwicklungen schon eingebüßt haben. Je mehr Notizen Bovenschen aneinanderreiht, je weiter das Buch sich dem Ende nähert, desto stärker scheint auch das Ende an sich zu drohen, wird eine Lebensenttäuschung zu Gedanken verdichtet, die den Suizid nicht ausschließt. Obwohl auch Heiteres aufblitzt, obwohl auch originärer Witz seinen Platz hat, wird der Text von einer Niedergeschlagenheit umklammert. Man fühlt sich nicht wohl, man möchte nicht in und mit dieser Lektüre alt werden. Vermutlich ist selbst für Leidende schwerlich Trost oder wenigsten Bestätigung des eigenen Leids in ihren Gedanken zu finden. Warum eigentlich nicht?

Bovenschen ist von zahlreichen, sehr schweren Krankheiten gezeichnet, die sie nur sehr zurückhaltend als Multiple Sklerose und Krebs andeutet. Man ahnt, dass mit den zunehmenden Qualen des voranschreitenden Leids das gefühlte Alter wesentlich fortgeschrittener sein muss als das physische Alter. Und dennoch – die Unstimmigkeit der Stimmung macht die Frage noch drängender, warum sie sich mitteilt. Jede Autobiographie hat etwas Exhibitionistisches. Warum sehr Privates in die anonyme Öffentlichkeit streuen? Und schließlich die Frage auf der Leserseite: will man in jedem Fall Teilhaber des Privaten werden?

Es reihen sich Kapitel verschiedener Prägung aneinander: amüsante Details der Jugend, die schon völlig vergessen waren wie die widerspenstigen Strumpfhalter, die in der Halböffentlichkeit unter dem Rock zur Räson gebracht werden mussten, wenn sie sich wieder einmal gelöst hatten. Oder sehr bemühte, gestelzt vorgetragene Betrachtungen bis hin zu gelungenen Sprachspielen wie etwa, dass die wahre Artistik des Alterns die Gabe sei, zwischen Altersgemäßen und Zeitgemäßen unterscheiden zu können. Das sei ein Können, das Alte vorübergehend noch können können. Die kurzen Kapitel machen das Lesen leicht. Gelegentlich möchte man noch eins mehr – aber man muss nicht unbedingt.  Note: 3– (ur)<<

Atemschaukel- Herta Müller

K640_atemschaukelHanser  2009, 300 Seiten.      

>> Herta Müller dokumentiert in der Rolle des fiktiven Ich-Erzähler Leopold Auberg das 5-jährige Zwangsarbeiterleben Oskar Pastiors im ukrainischen Nowo-Gorlowka und dessen Folgen . Was der 17jährige Rumäniendeutsche Leo, die Entdeckung seines homosexuellen „Geheimnisses“ fürchtend, als Chance dem „Fingerhut der kleinen Stadt“ zu entkommen, erlebt, erweist sich als Fahrt in die Niederungen menschlicher Verhaltensweisen. In 64 erinnerten Bildern, deren poetisch suggestive Sprache einem zuweilen wirklich den Atem verschlägt, vermischen sich zuweilen Realität und Halluzination. Zurückgeworfen aufs alltägliche Überleben – “Vom Eigenbrot zum Wangenbrot“ das bedrückendste Bild, im Dauerbündnis mit dem Hungerengels und unter dem Verlust von Scham und Moral erweist sich das Lager ins seinen alltäglichen Abläufen auch als „ein praktische Welt“,  in der selbst das „Abräumen“ der Toten zur nüchternen Verwertungskette verkommt. Jahreszeiten schrumpfen zu Hautundknochenzeiten. Zugleich gewinnen Objekte und ausbeuterischen Arbeitsvorgänge wie Zement, Schlacke, Schaufel,  Kohleabladen, Schlackoblockpressen ein differenziertes Eigenleben :„der Zement ist ein Intrigant“, die Arbeit mit der Herzschaufel gerät zum großartig grotesken Pas de deux, jede Schicht im Keller 12 Meter unter den Dampfkesseln der Fabrik mit Albert Gideo trotz gehasster „Durchfallschlacke“ zum „Kunstwerk“. Daneben bleibt Irma  Pfeifers Sprung in die Mörtelgrube die andere Form der Verarbeitung von Zwangsarbeit. Dass sich mit der Auflösung des Arbeitslagers nach 5 Jahren bei Leo Auberg  anstelle eines Gefühls der Befreiung die Erkenntnis der „unzumutbaren Entlassung“ einstellt, zeigt das  Maß an Verlust eigener Identität. Zwar erfüllt sich die Gewissheit von Leos Großmutter: Ich weiß Du kommst wieder, aber Zuhause bleibt er fremd. Posttraumatisch verfolgen ihn die Bilder bis zur Flucht nach Graz.: der „Nichtrührer“, „Zwischen den heimatsatten Leuten war ich vor Freiheit schwindlig“, das familiale Ver-schweigen und das „zusammengebaute“ Ersatzkind Robert, der Brief aus Wien – die Rache an Tur Prikulitsch -, der Kistennagler, der Betonierkurs, die Schein-Ehe mit Emma um dem Makel der „Spieler-“ oder „Klavier“-Identität zu entkommen. Was Leo an Glück bleibt, ist ein Einsamkeitstanz mit einer staubigen Rosine.
Fazit:
Faszination über die nicht immer auflösbare metaphorische Sprachwelt Herta Müllers und zugleich Entsetzen über das durch die Sprache aufgedeckte Martyrium der Lagerinsassen – ein Balanceakt für den Leser, der mich zuweilen doch an der Ästhetik der Grausamkeit zweifeln lässt. Note: 1/2 ( ai)<<

>>  „Der Hungerengel lief hysterisch herum. Er verlor jedes Maß.“ „Er taumelt enge Kreise und balanciert auf der Atemschaukel.“ Wann wird die Kraft nicht mehr reichen die Lungenflügel zu füllen, wann wird die Atemschaukel kippen, wann werden die Lagernachbarn in stabiler Gleichgültigkeit die versteckten Brotecken des Toten an sich nehmen? Fragen viel weniger an den Tod. Fragen viel mehr an diesen unsäglichen Hunger, der durch die Ewigkeit der Krautsuppe jahrein jahraus nur genährt und nicht gelöscht wird. Hunger, der allabendlich ein verzweifeltes Börsengeschäft belebt, wenn das einzige Brotstück in der Hoffnung getauscht wird, ein etwas größeres, dickeres zu erhalten. Und wenn auch das nicht gelingt, bleibt noch die Flucht in die Hungerwörter und die gar nicht abstrakten Visionen. Rauchige Luft zwischen leeren Zähnen ist/isst wie Bratwurst. Hunger entleert, Hunger macht geschlechtslos. Hunger zerstäubt die Anziehung zwischen Mann und Frau. Der unsäglich leere Gaumen wölbt sich wie eine gigantische Kuppel, in der sich beim „Gehen das Echo der Schritte … überschlug. Eine Durchsichtigkeit im Schädel, als hätte man zu viel grelles Licht geschluckt.“ Mit eindringlich poetischer Schärfe führt Herta Müller ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende das Messer in das  Fleisch des Frieden-verwöhnten Lesers.

Fünf unendliche Jahre verbringt die literarische Figur des anfangs 17-jährigen Leopold Auberg aus dem rumänisch-deutschen Siebenbürgen in russischen Arbeitslagern. Schon im zweiten Jahr beginnen die Bezüge des Ichs zu verschwimmen, wird der Zweifel zum Lebensinhalt. „Die Russen haben jedes ‚Jahr auf das Kommende gewartet, wir haben uns davor gefürchtet.“ Trotz der Sehnsucht nach Heimat, nach Orientierung und Halt, entschwindet zunehmend das Heimatgefühl. Je mehr Zeit der Entfremdung sich in die mageren Leben frisst, desto größer werden die Zweifel, ob Heimat noch Heimat sein kann, ob die Mutter nicht schon einen Ersatzsohn gezeugt hat oder die Ehefrau sich nicht schon an einen andern gebunden hat. In diesem Bezugsnotstand schwinden auch die zeitlichen Haltepunkte. Zukunft und Vergangenheit kommen abhanden. Nur die Gegenwart bleibt. Ein Paradoxon insofern, weil jeder Gegenwartsmoment leidvoll ist, während eine Flucht in das zeitliche Vorher oder Später Trost bieten könnte. Doch das tut es nicht – „man traute sich nicht mehr die Sehnsucht nach vorn“. Nicht mehr, wenn das Leid zu sehr Besitz ergreift.

Auch Leopold hat Alpträume von leeren Landstrichen, die einmal seine Heimat waren, entleert und für sein Auge nicht mehr wahrnehmbar. Stattdessen wird das quälende Lager sein emotionales Zuhause, weil eine Seele vier Wände braucht. Ganz andersartige Alpträume quälen ihn schließlich: er wird zum x-ten Mal deportiert, ohne dass man ihn in einem Lager aufnehmen will. Verzweifelt pocht er auf sein Lagerrecht, schließlich sei er ein erfahrender Lagerveteran. Selbst Jahrzehnte später, als er längst wieder in Freiheit lebt, lassen ihn diese Träume nicht los. Triebkraft wird nicht das absurde Recht auf Elend, sondern ein absurd anmutendes Heimwehgefühl als Grundmotiv von Eingebundensein. Eben der Ursprung von Heimat.

In 64 kurzen Abhandlungen, die mosaikartig ohne strenge Chronologie die Momente der Deportation, Inhaftierung, Heimkehr und schließlich Abkehr von Siebenbürgen skizzieren, wird der Leser mit Details eines  europäischen und eines individuellen Nachkriegsdramas konfrontiert. Leopold ist schwul und deshalb ständig von Inhaftierung im Rumänien der Kriegs- wie auch der Nachkriegszeit bedroht. Still in die Zeilen der Weltkriegsbeschreibung eingebunden erscheint die Verschleppung für den Homosexuellen anfangs wie eine Befreiung aus der moralisch-bedrohlichen Erstickungsnot der heimatlichen Umklammerung. Die beklemmende Enge bleibt auch nach der Rückkehr im Jahr 1950. Trotz einer Scheinehe wird die Bedrohung so groß, dass Leopold Hals über Kopf  nach Deutschland flüchtet ohne sein Ich zu finden, denn es sind nur kleine Schätze auf denen steht: Da bin ich. Die großen Schätze bleiben die der Vergangenheit: DA WAR ICH (S. 293). So atmet die Schaukel eine bleibende Traurigkeit. Der überwundene Schrecken bleibt wertvoller als die befreite Gegenwart.

Ein überzeugendes Werk. Eine erstaunliche Metaphernvielfalt gebettet in eine bemerkenswerte sprachliche Klarheit. Und die literarische Überraschung, Unsägliches zu Kunst zu formen. Wem gelingt es schon Hochofen-Schlacke (S. 172) in Poesie zu verwandeln? Einer Nobelpreisträgerin. Note: 1– (ur)<<

 

>>  Herta Müller beschreibt in Atemschaukel das lange verdrängte Schicksal der deutschen Minderheit in Rumänien Anfang 1945, als Zehntausende von ihnen in russische Arbeitslager deportiert werden. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des 17-jährigen Leopold Auberg aus Hermannstadt, der die Deportation anfangs als eine Art Befreiung aus der Enge seiner Heimatstadt und auch seiner Familie begreift, wohl auch deshalb, weil er gerade erst seine Homosexualität entdeckt hat.
In 64 Kapiteln, besser Episoden,  wird ein eindringliches, ergreifendes Bild des Lebens und Sterbens im Lager entfaltet, das trotz fast lyrischer Schönheit aber auch manchmal lakonischer Sprache nie die grausame Wirklichkeit übertüncht. Sprache wird auch zum Überlebensmittel für Leopold in der Trostlosigkeit des Gulag. Er lässt sich ein auf das Lager und Russland und umfängt die praktische Welt des Lagers mit wunderbaren Sprachschöpfungen wie „Angstwünsche“, „Hungerengel“, “Gnadenzwinger“, „Herzschaufel“ „Eigenbrot“ und eben auch der „Atemschaukel“ und macht so das Unerträgliche mit Hilfe der Sprache für sich selbst erträglich. Ein Meisterwerk mit der leichten Tendenz, in der Metaphorik verloren zu gehen. Note: 1/2 (ün)<<

>> Was für ein Buch. Fünf Jahre in einem russischen Arbeitslager. Schon von daher kein Lesevergnügen im eigentlichen Sinne. Aber ein interessantes Buch, gewiss, das seinen  Ausgang in Hermannstadt (heute Sibiu) nimmt. Wer diese schöne Stadt kennt und dann vom „Leben“ in der Steppe liest, kann ermessen, was dem jungen Mann widerfährt. Aber dieser ist anfänglich nicht einmal so unglücklich, dass er auf der Deportationsliste steht und dadurch der für ihn als Homosexuellen eh viel zu engen Stadt entkommen kann. An die Sprache muss man sich gewöhnen. Oft hochartifiziell, enigmatisch, celanisch. Oder vielleicht auch überzogen, manieristisch, gestelzt, gekünstelt? Ein Versuch, das Grauen abzumildern, zu ästhetisieren? Dann aber auch wieder realistisch, schlicht und dadurch packend. Ganz so wie die Nobelpreisträgerin spricht bei ihren unzähligen Interviews. Überzeugend. Bei you tube zum Beispiel. Der omnipräsente Hunger, der entmenschlicht und bestialisiert. Ist es da zynisch, wenn lakonisch geschildert wird, wie die Hungerqual gestillt werden soll durchs Reden über Kochrezepte („Man nehme….“)? Hilft das? Ein eindringliches Kapitel, ebenso wie die „lateinischen Geheimnisse“ aus der maroden Krankenbaracke oder die Schilderung des allmächtigen Zements.  Der „Sieg“ der schwachsinnigen Planton-Kati aus Bakowa über den Tyrannen Tur Prikulitsch. Diese, wie gesagt eher lakonisch geschriebenen Kapitel wirken auf mich am eindringlichsten. Traurig für den Erzähler, dass die Beziehung zur eigenen Familie vor und auch nach der Deportation eher desolat ist. Nur die Großmutter zeigt echte Gefühle für ihn. Nur sie erwartet und erhofft seine Rückkehr. Die Übersetzer/innen dieses Buches sind nicht zu beneiden. Ich werde nachschauen, wie Meldekraut in  romanische Sprachen übersetzt wurde. Die Aufteilung in viele kleine Unterkapitel (Entstehungsgeschichte) macht das Buch gut lesbar. Ansonsten  viele Abgründe, zu viele Hungerengel, zuviel Wut über das, was Menschen Menschen antun (es gibt auch Lichtblicke), zuviel Schaukel ohne allerdings verschaukelt zu werden. Atemschaufel oder Herzschaukel?  Vielleicht habe ich auch nicht alles verstanden. Zum Beispiel auf Seite 236: „Der Nullpunkt ist das Unsagbare.“ Extreme Verdichtung, halluzinatorische Lyrik, lyrische Halluzinationen? Über das Unsagbare sollte man schweigen, hat einmal ein Bedeutenderer geschrieben. Doppelpunkt.
Note:
2+ (ax) <<

QQ- Max Goldt

Max Goldt- QQGoldmann 2006, 183 Seiten.      

 

>> 21 feuilletonistische Texte mit different quality. Ausgangspunkt fast immer Alltagsbeobachtungen, die z.T. sehr skurrile Assoziationen freisetzen. Zum Kugeln und mit hintergründig geistreichem Witz  (Malta; Moral-theologe; Schnalbelsackaroma; Zahnfleisch-prophylaxe und – großartig – Drahtschneckenringe u.Vicky Handchoreographie zum Gähnen und Abwinken (Henner Larsfelds Fernsehmusik;  Prekariatsgedanken; Querula-torisches im ICE; auch die drei Sprachkritiken – am schwächsten der aus meiner Sicht gescheiterte Analyseversuch jenes Satzes, der nach M. G. „nichts als Lügenschaum und dumme Fratze“ sei). Schade, dass das Potpourri und Feuerwerk von Geistesblitzen – die Wampenwanderung, die Cranio Sakral Session, die wunderbare Bügelhaltersicherung, der Zählkonflikt des illegalen Ziegenhirten, der Kindheitserinnerung an Frau Rem (es ist auch meines Kindheitserinnerung) so rasch erlischt. Ein Kracher jagt zu sprunghaft den nächsten – da kann dann auch mancher Text  wie bei der „Stabilität der Tomatenschelte“ in sich zusammenkrachen. Aber Max Goldt ist weit weit besser als der Kalauer „Es ist nicht alles Goldt, was glänzt“. Note: 2/3 ( ai)<<

>>  MG in QQ revisted: Max Goldt mit Quiet Quality recycelt. 21 Impressionen der Zeitschrift Titanic. Warum nicht und vor allem für jene, die es kompakt mögen, die es satirisch lieben, die sich Sinn für Unsinn bewahrt haben und hinter allem dennoch Lebensweisheiten vermuten wollen. Quiet quality sei all das in der modernen Medien- und Kulturlandschaft, was nicht schreit und spritzt. Wie von Max Goldt erwartet werden darf, lässt er sich auf das erste Q ein um gleich das zweite ins Gegenteil zu verkehren. Meist beginnt er mit dem Stillen, mit den übersehenden Kleinigkeiten des All- oder Sonntags, denen er sodann eine überraschende Interpretation, eine humorvolle Ausformung oder eine bissige Wertung gibt, dass es spritzt und schreit.
Max Goldt widmet sich gefälschten Helden wie dem Filmmusik-Komponisten, der entnervt ist von seinem jubelnden Publikum, weil es nicht merkt, dass seine Melodien sich ständig wiederholenden Grundmustern folgen. Oder jenen Damen als echten Helden der Zivilisation, die sich mit eherner Disziplin der grotesken Aufgabe stellen, kleine Affen in Kinderwagen um den Wohnblock zu rangieren.
Max Goldt ist vielseitig. Auch für Plattitüden ist er sich nicht zu schade. Folglich begegnen wir flach geratenen Abhandlungen über das Staunen, der Ablehnung eines neuen Feiertags namens „Masern“ in einer feiertagsarmen Jahreszeit vor den Herbstferien, oder seiner aufgesetzten Aufregung über die weibliche Gewohnheit, Stoffbärchen an Rucksacktaschen zu binden. Goldt ist klar, dass sich hier ein Bewußtseins-schwaches Geschlecht ausbreitet, auf das sich die Frauenbewegung fokussierten könnte, sollte sie noch mal zu Kräften kommen.
Wesentlich amüsanter dagegen „Die Prophezeiung“, die Pelikanen in Folge der Klimaveränderung eine glänzende Karriere als Pilzsammler voraussagt, was den Pilzen zwar ein Schnabelsackaroma verleihen würde, jedoch medientechnisch gewinnbringend in Szene gesetzt werden könnte. Auch sprachlich gelungen die herrliche Betrachtung „VL“, in der wir Vicky Leandros urban verfeinert in dramatischer Folkloretoilette wieder begegnen. VL sei ebenso sinnstiftend gewesen wie Katja Ebstein, die über jene ausgefeilte Handchoreographie verfügte, die jedem Korkenzieher Schraubgewinde Ehre machte.
Doch wie jeder gute Fußballverein hat auch GG schlechte Tage, an denen sich sprachliche Wadenprellungen häufen. Tage, an denen Elfmeter verschossen werden mit Sentenzen wie „die mir zugefügte Gewalt nicht langewaltend seelisch beschädigt“, Torflanken mit „zelebratorischer Schweigsamkeit“ ins Leere laufen, oder an denen mit „adoleszentem Wunsch nach Otherness“ schon mal der Schiedsrichter beleidigt wird. Das sind verregnete Tage, an denen die schriftstellerischen Schuhe besser im Spind geblieben wären. Aber sehen wir es sportlich. Wichtig ist doch nur das Dabeisein: spritzend oder bespritzt – in QQ ist für jeden irgendwo und –wie was dabei. Also bitte Platz nehmen. Note: 3 (ur)<<

>> QQ,  ein in einem fiktiven Interview des Autors mit der ebenfalls nicht-existenten Krimiautorin Petra Hipproth in einem früheren Werk auftauchender, angeblich neuer US-Trend für „stille Güte“ (quiet quality), stehe für alles , was nicht „spitzt und schreit“.  Reichlich viel Fiktion für einen Buchtitel. Ob dies als Klammer für die 21 in QQ vereinigten Essays  taugt? Eher nein. Macht aber nichts. Von wenigen Ausnahmen, wie „Über Fernsehmusik“ mal abgesehen, finden sich sehr gelungene, witzige und im Detail manche bekannte, oder eben auch die nur im Unterbewusstsein registrierten Alltagsphänomene – wie das der „fehlenden Haken“ – überraschend ergiebig  ausleuchtende, zuweilen auch ätzende, giftige oder gänzlich absurde Gedanken. Dies, und seine trotz des schonungslosen Grundtons immer sensible Annäherung an Sprache und mediale Sprachschöpfungen, aber auch sein virtuoser eigener Umgang mit Sprache, machen den Reiz des schmalen Bändchens aus. (Grossartig : „Gedanken bei der Cranio“) Dass sich bei der einen oder anderen Geschichte die Assoziationskette manchmal so weit verzweigt, dass der Autor nur mit Mühe oder auch gar nicht zum Ausgangspunkt zurückfindet, hat mich nicht im Geringsten gestört – im Gegenteil. So denkt Mensch nicht nur manchmal, sondern oft. Ich bin Goldt auf fast allen Wegen und Abwegen  gerne gefolgt. Note: 2 (ün)<<

>>Warum habe ich an diesem schneeigen Januarmorgen überhaupt keine Lust, über die 22 Titanic-Kolumnen des Kleist-Preisträgers Max Goldt zu räsonieren? An seinem ansprechenden Namen, der nur partiell zu seinem leicht bräsigen Gesicht passt, kann es nicht liegen. Liegt es dann vielleicht daran, dass ich nach der Lektüre der Martenstein-Kolumnen „Männer sind wie Pfirsiche“ viel ruhiger und zufriedener einschlafe als nach den Goldt -Glossen? Oder daran, dass ich im Innersten weiterhin schlicht und ergreifend die Schreibobligation nach der Lektüre und Diskussion eines Buches ablehne, es aber nicht zugeben kann? Oder daran, dass ich seit vielen Monaten fast hundertprozentig davon überzeugt bin, dass meine Zeilen nicht einmal  d i e drei Männer lesen, die das Vergnügen haben, gemeinsam mit mir seit über 15 Jahren (Jubiläum verpennt!) einen Lesekreis zu bilden, der sogar über eine eigene Homepeitsch (Wortspiel) verfügt. Wobei, damit keine Zweifel entstehen, das Vergnügen ganz meinerseits ist.Vielleicht finde ich später noch eine Antwort.
Max Goldt jedenfalls scheint diese Unlust nicht  zu kennen, zumindest nicht ernsthaft. Er schreibt scheinbar mühelos über fast alles und jedes. Es geht von Sylt nach Malta, von der Rohlings-Spindel zur Fach-Entrostung, vom Bärchen am Rucksack zur Theaterkritik. Und immer wieder die Sprache, unsere, die deutsche, die er als „Dorftrottel unter den Sprachen“ bezeichnet. Und doch nimmt er den Dorftrottel ernst, so ernst, dass es oft schon wieder lustig wird. So wenn er zeigt, wie dünn  und durchsichtig die Buchstabensuppe aus all den Worthülsen vieler Talkshows ist. Gelegentlich fühlt man sich ertappt, so etwa wenn er das Leserbriefschreiben als letzte sichere Bastion für Querulanten bezeichnet (S.90). Und wer schon mal in Kur war, hat sie gesehen, die, die „ihren Bademantel wie Hermelin tragen“(S.64). Oder sein Kommentar zu einer fast schon dekadent anmutenden Form des Feinschmeckertums, das auch in den sogenannten alternativen Intellektuellenkreises in den letzten zwanzig Jahren massiv zugenommen hat: “Bald wird niemand mehr etwas gelten in der Gesellschaft, der nicht wenigstens einmal im Jahr durch Pelikanspeichel fermentierte Pilze isst.“(S.76) Aber dann, ganz fürchterlich, wenn er Nietzsche mit zwei Sätzen richtet: “Nur was morgen stirbt, ist heute schön! Ewigkeit ist ekelhaft!“ Danke, Max! Note: 1/2 (ur)<<

Sieben Jahre- Peter Stamm

Peter Stamm - Sieben Jahre S.Fischer 2009,  298 Seiten.      

>> Die Dreiecksgeschichte „Sieben Jahre“ ist kein klassischer Beziehungskonflikt mit drei Ecken á la mann liebt zwei frauen. Das vermeintliche Dreieck wirkt eher wie zwei horizontale Strecken durch den Mittelpunkt Alex, aus dessen Munde die Geschichte stammt. Oder beziehungsmathematisch noch genauer: es ist die Geschichte um den einen Mittelpunkt, von dem nicht horizontal, sondern senkrecht zueinander zwei weibliche Beziehungs-strecken abzweigen. Sie sind so verschieden, dass sie nicht in einer Ebene denkbar wären. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der vordergründig mit der charmanten, schönen Gattin Sonja perfekt gebettet scheint und sich dennoch obsessiv zu der anteilnahms- und gesichtslosen Aschenputtelfigur Iwona legt. Peter Stamm hat eine Geschichte von Gefühlen, Macht und Entfremdungen geschrieben, die den Menschenverstand provoziert. Vielleicht im verborgenen Alltag gar nicht so selten. Konzeptionell in jedem Falle wertvoll.

Sonja und Alex sind Kommilitonen im Münchner Architekturstudium. Sonja begeistert durch ihren engagierten Einfallsreichtum. Während sie die kontroversen Richtungen geschichtlicher Bauphilosophien aufsaugt, schlafwandelt Alex durch die Nächte des studentischen Olympiadorfes. Während Sonja sich beruflich in Frankreich im Dunstkreis von Corbusier beeinflussen lässt, verliert Alex sich als angestellter Architekt in der monotonen Planung von Treppenhäusern. Während Sonja sich für einen Freund entscheidet, um sich schließlich von ihm wieder zu trennen, weil er sich nicht hinreichend von seinen Eltern emanzipiert, lässt Alex sich von angetrunkenen Freunden mit Iwona verkuppeln, obwohl sie ihn anwidert. Letztlich ist es die Freundin und exaltierte Malerin Antje, die die so verschiedenen Charaktere Sonja und Alex in ihrer Marseiller Wohnung zusammenbringt, woraus zunächst eine 14 jährige Ehe erwächst.

Iwona ist eine illegal nach Deutschland immigrierte Polin; isoliert, zurückgezogen, verschüchtert, arbeitsam, streng gläubig, befremdliche Erscheinung mit deutlichem Hang zur Geschmacklosigkeit. Ihr einziger Kontakt besteht zu einem Bibelkreis, der sie später fallen lassen wird, als sie unverheiratet und ungewollt schwanger wird. Nach der ersten Begegnung zieht es Alex immer wieder zu ihr, obwohl ihr Geruch, ihre ausdauernde Apathie und die konsequente sexuelle Weigerung ihn befremden. Dennoch ist es gerade der sexuelle Widerspruch, wenn er sich als nackter Mann an dieser gesichtslosen Frau in der Strickjacke reibt, der ihn ebenso reizt wie ihre Sprachlosigkeit, die keinerlei Ansprüche an ihn formuliert. Gerade hier tut sich für Alex eine neue Lebensqualität auf: ein Mensch so ganz anders als Sonja, die Alex immer wieder mit Plänen. Erwartungen, Herausforderungen konfrontiert. Iwona dagegen will nichts, fragt nichts, fordert nichts. Und dies obwohl sie Alex als von Gott für sie Auserwählten beschreibt.

Zwischenzeitlich vergeht eine vom Autor nicht vertiefte Zeitspanne von sieben Jahren, in der Alex und Iwona einander aus den Augen verlieren. (Warum diese Phase dem Buch den Titel gab, bleibt im Verborgenen.) Alex und Sonja haben derweil ein erfolgreiches Architekturbüro etabliert, als Alex zu Iwona gerufen wird. Sie hat Gebärmuttergeschwülste, müsste operiert werden und bittet Alex um finanzielle Unterstützung. Augenblicklich erwacht die schon vergessen geglaubte Obsession. Während des jetzt vollzogenen Beischlafs ergießt sich der Samen in das Tumorgewebe und führt zur Schwangerschaft. Im Laufe der kommenden Monate dringt Alex regelmäßig in sie, zwingt ihr Peinlichkeiten auf und entlohnt sie je nach emotionalem Schwierigkeitsgrad in bar. Iwona erscheint wie ein kosmisches Schwarzes Loch, das ihn mit unbändigen Kräften anzieht und nicht mehr freigibt.
Als Alex Sonja in das Schwangerschaftsgeheimnis einweiht, wird einvernehmlich und konspirativ der Plan einer Adoption geboren, da Sonja trotz großer Bemühungen keine Kinder bekommt. Gegen den anfänglichen Widerstand von Iwona kommt das Neugeborene zu den Beiden, wo es dem Leser später als eine etwas kratzbürstige, siebenjährige Sophie begegnet.

Währenddessen greift die Wirtschaftkrise um sich, das gemeinsame Büro geht in die Insolvenz und die Ehe in den Ausnahmezustand. Sonja kehrt zurück nach Frankreich und Alex wird zum Stammgast in besser gemiedenen Spelunken. Sonjas spätere Rückkehr und die Gesundung des gemeinsamen Betriebes kann den familiären Zerfall jedoch nicht mehr aufhalten. Sonja löst sich endgültig von Alex und lässt Sophie bei ihm zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist Iwona aus dem realen Leben von Alex entrückt, auch wenn er in krankhafterweise ihre Spuren sucht.

Hat Peter Stamm in dieser Triole den einzelnen Protagonisten Facetten des Glücks und Unglücks, der Macht und Unfreiheit, der Ich-Stärke und Selbstaufgabe zugewiesen?

Offensichtlich ist es kein Entweder-Oder. Nicht Sonja oder Iwona. Denn beide konkurrieren nicht tatsächlich miteinander. Weder direkt noch in der Gefühlswelt von Alex. Alle drei scheinen in gewisser Weise hilflos mit sich selbst und ihrem Leben, keinem scheint nachhaltig Glück zuteil. Auch die Ich-Stärke hilft Sonja nicht. Im Gegenteil scheint die Stärke direkt gepaart mit Gefühlsarmut, welche Genuss mit Verweilen und Erfüllung verhindern. So bleibt Sonja als Getriebene unfrei. Andererseits schwebt über Alex ständig das Schwert der Selbstaufgabe, das ihn zu einem unbestimmt Getriebenen macht und ihn prompt in eine Schicksalssackgasse treibt. Und Iwona? Sie erscheint geradezu als die Inkarnation von Unglück, Unfreiheit und Selbstaufgabe, etwa wenn sie die für ihre Operation bestimmten Tausende von Euro nicht für sich beansprucht, sondern wie immer nach Polen zur Unterstützung der Verwandtschaft schickt, obwohl die Vettern und Tanten sie aus moralischen Gründen schon längst geächtet haben. Sie hat in ihrer Liebe zu Alex einen festen Bezugspunkt, aber wird ihr das ein Lebenswert? „Sie hatte alles verloren. Was man verlieren konnte, aber sie wusste wozu sie da war. Sie hatte ein Ziel, und wenn es noch so unsinnig war. Vielleicht… war Iwona glücklicher als wir“ (S. 248). Da ihr Gravitationsfeld eine lähmende Macht ausübt, versucht Alex ihre Anziehungskraft durch Erniedrigung zu neutralisieren. Doch muss der Versuch scheitern. Zwischen den beiden Beziehungsachsen rotiert er als leerer Schwerpunkt, so dass sich keine Geometrie der Unschuld und der nachhaltigen Bestimmung ergibt.

Am Ende ergibt sich eine Romangestaltung mit tragischen Lebensverlierern, unter denen Iwona die markanteste Figur darstellt. Peter Stamm hätte man wünschen mögen, die Widersprüchlichkeit und die daraus erwachsende Sucht- und Machtbeziehung des Ich-Erzählers Alex noch überzeugender zu profilieren. Das Buch wäre noch eindrücklicher geworden. Note: 2/3 (ur)<<

>>Die Geschichte vom Scheitern seiner 18jährigen Ehe mit Sonja, die wir als Rückblende aus der Perspektive des Ich-Erzählers Alex erfahren, erhält ihre befremdliche Faszination durch die Figur der Polin Iwona. Was sich aus der von bierseligen Studienfreunden eher als Jux arrangierten Zusammenführung des Architekturstudenten  Alex und Iwona ergibt, entzieht sich auf den ersten Blick („sie war vollkommen reizlos“ S.17) jeder Plausibilität und dennoch offenbart gerade diese Beziehung die Ab- und Hintergründe menschlicher Bedürfnisse. Die meist nur stundenweise Begegnung  von Alex und Iwona (der Schauplatz fast ausschließlich das muffige durch Illustriertenromanzen geschmückte Zimmer der völlig zurückgezogenen Iwona) ist geprägt durch das Nebeneinander von  Obsession und Abscheu, von Geborgenheit und Fremdheit, Gier und Sprachlosigkeit, von Macht und Ohnmacht, von Täter und Opfer. Fast willenlos unterwirft sich Iwona nach anfänglichem Zögern dem immer gleichen Befriedigungsritual („unsere Treffen liefen nach dem immer gleichen Muster ab und dauerten selten länger als eine Stunde) ohne auch nur den Hauch eines Anspruchs oder einer Forderung gegenüber Alex zu erheben. Für Iwona, durch Herkunft, illegalen Aufenthalt, religiöse katholische Erbauungsliteratur und triviale Glücksverheißung gleichermaßen begrenzt wie verblendet, beginnt mit der „Erscheinung“ von Alex die „bedingungslose Liebe“. Für Alex dagegen wird das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung zur „Hörigkeit“ (121) zu einer Art Parallelwelt, in der sich anfängliche Macht über Iwona (Missbrauch?) in Ohnmacht verkehrt. Verfügungsgewalt ganz anderer Art gewinnt Alex erst wieder am Ende der Beziehung zu Iwona. Iwona wird im 7. Jahr (!!) der Beziehung zu Alex schwanger, ein Umstand der der bisher kinderlosen Ehe von Alex und Sonja eine Adoptiv-Tochter namens Sophie beschert. Dass dieser unerwarteten Familienplanung, die in seltsam nüchterner Übereinkunft vollzogen wird, kein dauerhaftes Glück beschieden ist, zeigt sich Jahre später in dem Augenblick als die Wohlstandsfassade der dynamischen Architekturfamilie durch Auftragseinbrüche Risse bekommt. Während Alex dem drohenden Konkurs passiv durch Anzeichen der Verwahrlosung begegnet, knüpft Sonja ohne Rücksicht auf die Familie in Marseille an frühere Architekturarbeiten an.  Auch diese 2. Marseiller Episode erinnert daran, dass schon das Fundament der Beziehung von Alex und Sonja seit der 1. Marseiller Begegnung wenig stabil war. Sonjas durch das gutbürgerlich-wertkonservative Elternhaus (großartig Alex’ Beschreibung der Elternrituale) geprägter unbändiger Ehrgeiz sich beruflich zu verwirklichen, der Vorrang des Äußerlichen vor dem Innerlichen, ihre sexuelle Zurückhaltung, ihr Pragmatismus bei der Lebensplanung (Alex verordnete Fruchtbarkeitsfahrten von Chemnitz nach München), all dies liefert schon früh Motive für Alex wiederkehrende Ausbrüche in eine Parallelwelt vermeintlicher Freiheit, auch wenn sie wie im Falle Iwona wieder Züge des Zwanghaften annimmt. Das Scheitern in Beziehungen bedeutet für Alex aber auch das Scheitern an sich selbst, weil weder Lebens- noch Architekturplan eine persönliche Linie aufweisen und so bleibt seine Gewissheit „dass Iwonas Leben – ärmlich und anstrengend und entbehrungsreich – glücklicher gewesen war als meines“ (281) letztendlich eine romantische Verhöhnung der Iwona-Wirklichkeit.
Gerade weil die Alex – Iwona Beziehung bis zum Schluss nicht nur dem Leser sondern auch den Akteuren fremd bleibt, fesselt sie. Sie macht den Roman, die zum Teil sehr schrägen Nebenfiguren (Rüdiger, Tanja, Alice ec.) und Nebenschauplätzchen (Architekturgedöns) sind das literarische Lametta.. Die Sprache, die der Autor seinem Ich-Erzähler leiht, ist glasklar : anders als die Iwona-Geschichte. Note: 2 (ai)<<

>>Warum verfällt der Ich-Erzähler Alex, der mit der schönen, manchmal etwas spröden Sonja aus gutem Hause verheiratet ist, ausgerechnet der konturlosen, gänzlich unattraktiven Polin Iwona? Die asymmetrische, bedingungslose Liebe Iwonas zu Alex und die offensichtlich daraus resultierende Macht über Alex , das ist das zentrale Thema Stamms in diesem Buch. „Es ist schlimmer nicht geliebt zu werden, als nicht zu lieben“, lässt er Alex einmal sagen, als dieser mit dem Vorwurf seiner Freundin Antje konfrontiert wird, Iwona auszunutzen. Oder : „Ein Mensch der liebt, hat immer schon gewonnen“ . Eine These, die auf Iwona gemünzt, jedoch im Roman nicht wirklich bestätigt wird.

Die zeitversetzte Rahmenhandlung, die gutbürgerliche Welt am Starnberger See, das Studentenleben in München, die ästhetischen Fragen der Architektur, all dies gelingt Stamm vorzüglich und handwerklich gekonnt. Auch der Gefühlswelt von Alex lässt uns Peter Stamm sehr nahe kommen. Das ist sehr gut gelungen. Bei Sonja erging es mir nicht ganz so. Vielleicht liegt das daran, dass wir Sonja ja nur aus den Erzählungen von Alex kennen lernen. Oder der Autor hat ihr schlichtweg „zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, wie Peter Stamm auf einer Lesung nach einer Publikumsfrage selbstkritisch anmerkte. Note: 2+ (ün)<<

>> Lieber Alexander,
was wohl aus Ihnen geworden ist?
Mit all Ihrem übermächtigen Fernweh, das Sie auf der letzten Seite überkommt, Ihrem Wunsch, wegzugehen und nie mehr zurückzukehren, irgendwo neu anzufangen, in Berlin oder in Österreich oder in der Schweiz. Wo Sie wohl gelandet sind?
Glückwunsch, falls Sie sich für die Schweiz entschieden haben. Was soll ich sagen zu allem was Sie auf 298 Seiten mitgemacht, erlebt, gelebt und verlebt haben. Vorneweg:  ich glaube nicht, dass Sie ein Schwein sind, wie Antje sagt. Ganz sicher nicht. Dafür sind Sie zu sensibel, zu menschlich. Antje meint, das sei keine schöne Geschichte. Sicher, aber dafür ist sie interessant.
Das Zerrissensein zwischen zwei völlig gegensätzlichen Frauen. Nehme ich Ihnen ab. Aber diese Abhängigkeit von Iwona, diese Obsession, schwer fassbar. Haben Sie sich  nie gefragt, ob nicht ein kleiner Sadist in Ihnen steckt? Oder gibt es Magnetismus zwischen Menschen, der stärker ist als wir? Ihr Schöpfer Peter Stamm bleibt ein großer Andeuter, wenn er von Ihnen schreibt: „Dann sagte ich ihr, was ich mir ausgedacht hatte, und wir gingen ins Schlaf- oder Wohnzimmer oder ins Bad.“ Ein Therapeut würde vielleicht sagen, dass Sie daran arbeiten sollten, aber warum eigentlich. Bleiben Sie wie Sie sind, wichtig ist nur, dass Sie einen komplementären Part finden. Nach und nach sind Sie mir sogar sympathisch geworden. Sie  genießen es insgeheim, keine Verantwortung zu haben und kein Ziel (Seite 110). Und auch dann, wenn Sie wohlwissentlich einen Fehler machen (Seite 161), das zeigt doch Größe. Eigentlich sind Sie ja ein Glückspilz. Eine Frau wie Sonja kennen zu lernen,  um die Sie die ganze Welt beneidet. Aber natürlich, ein Melancholiker wie Sie und ein Tatmensch wie Sonja, da wird es immer knirschen. Trotzdem haben sie es  ja 18 Jahre zusammen ausgehalten. Zurück zur Eingangsfrage, was aus Ihnen wohl geworden ist. Mit einem Buch wie „Die nächsten sieben Jahre“ könnte Peter Stamm die Frage leicht beantworten. Aber dieses Buch wird wohl ungeschrieben bleiben und so werden wir es nie erfahren, weil auch meine Zeilen Sie wahrscheinlich nie erreichen werden.

Trotzdem alle guten jahreszeitlichen Wünsche, ein glückliches Jahr 2010 (ja Glück).
Ihr Milian
Note: 1/2 (ax)<<

Schrecklich amüsant,aber in Zukunft ohne mich – David Foster Wallace

Schrecklich amüsant-aber in Zukunft ohne michGoldmann 2006, 183 Seiten.      

 

>> Wenn schon eine Seefahrt lustig ist, wie lustig wird dann erst eine Kreuzfahrt? Zu lustig, meint David Foster Wallace, der von sich sagt, er leide unter Agoraphobie, vulgo Platzangst, also keine ideale Voraussetzung fürs Kreuzfahrten.
Sieben Tage verbringt der Autor auf dem Schiff Nadir und beschreibt akribisch und meist ironisch eine Fülle oftmals skurriler Details. Die Ko-Kreuzfahrer, die Mannschaft, das Programm, die technischen Details (Schwerpunkt Unterdruck-WC). Nichts, was seinem wachen Auge entgehen würde. Gelungen seine Gedanken zum  „professional smile“ des Personals, wobei er immer wieder  auf die miserablen Arbeitsbedingungen der unteren Chargen hinweist, gelegentlich schimmert etwas amerikanischer Selbsthass durch. Könnte die Charakterisierung der amerikanischen Touristen als „bovines Herdentier und Fleischfresser“ (Seite 110) nicht auch auf andere Nationalitäten zutreffen? Nachvollziehbar beschreibt er,  wie schnell man sich an Verwöhnung gewöhnt, wie schnell die Ansprüche steigen und dann solange gesucht wird, bis man doch etwas zum Kritisieren findet.
Die Fußnoten (Parodie auf wissenschaftliche Schreibe?) erleichtern die Lektüre nicht, ebenso manche Wiederholungen.
Insgesamt eine amüsante, anschaulich und originell geschriebene Lektüre, die sich aber jemand, der eine Kreuzfahrt für sich selbst immer schon ausgeschlossen hat, vielleicht auch sparen kann. Note: 2– (ax)<<

>>10 Jahre nach Neil Postmans berühmter Rede auf der Frankfurter Buchmesse „Wir amüsieren uns zu Tode“ entführt uns David Foster Wallace literarische Reportage in die Abgründe eines 7-tägigen Karibik-Kreuzfahrt. Was die Auftragsarbeit für „Harpers Magazine“ auf und unter Deck aufdeckt, ist weniger das Produkt eines investigativen Recherche (sie wird, wenn sie denn überhaupt intendiert war, durch das Schiffsmanagement gründlich behindert) sondern das Resultat eines glaubhaften Leidensberichts des 35-jährigen Autors, der schon im Einleitungskapitel („Ententanz von 500 amerikanischen Leistungsträgern“, „Skeetschießen“ „Pelikan auf Fenchel“, „Bierbäuche“, „Sakkos von menstrualem Rosa“, „Krampfadern und Besenreiser“, „Petra mit den Grübchen“ etc.)  viel von dem andeutet, wohin die Reise ging. Was sich von der „Verladeprozedur“ (die Schindlers-Liste Assoziation erschient mir als Fehlgriff), der Einschiffung in „Stückmengen“ bis zum skurril-hypnotischen Abgesang in diesen 7 Tagen auf den verschiedenen Decks, an Tisch 64, in Kabine 1009, in den Daueramüsement- und Rundumversorgung Etablissments abspielt, ist der Mikrokosmos einer Spezies namens „Nadiriten“, dem der Autor und Mit-Nadirite erst wieder mit seinem „Wiedereintritt in das normale, selbstverantwortliche Landratten entkommt“. Was aber offenbart uns als Leser dieser Mikrokosmos: Dass das teuer bezahlte Bedürfnis nicht nur des US-Bürger gehobenen Mittelstands und der Ostküstenadel nach Luxustourismus, nach Rundumverführung,  „pandemischem Service-Lächeln“, “Celebrity-Philosophie“, „wahnwitzigem Ausmaß der Verwöhnung der Maschine-Nadir“, „Lobster Night“,  „Glückseligkeits- und Heilsversprechungen“ eine vielfach verdrängte Voraussetzung in ethnisch-hierarischen Herrschaftsstrukturen hat, im Falle der „Nadir“ vom griechischen Elitekader bis zu den Drittwelt-Gestalten der „Service-Sklaven“, die nur für einen kurzen Augenblick in der glänzenden Episode des libanesischen Gepäckträgers ein persönliches Gesicht bekommen.
Wenn Wallace zurecht empfindet, dass „all diese Kreuzfahrten etwas unerträglich Trauriges umgibt“, dann stellt sich nur noch die in einer literarischen Reportage wohl nicht zu beantwortende  Frage, warum die „Nadiriten“ (der Boom von Luxuskreuzfahrten und Clubarrangements ist gewaltig) sich massenhaft, freiwillig, kostenpflichtig und ohne Anzeichen von Scham zu Tode amüsieren.
Apropos Amüsement: Die Spaßolympiade « Pool Possen » des Cruise Directors Peterson ist von der letalen Gefahr deutlich weiter entfernt als die zotige Unterdruck-Anekdote über seine Gemahlin Mrs Scott Peterson und ihren Mexikaner(hut).
Ein Buch, das ich trotz seiner mitunter lesestörenden Fußnoten, zunächst in einem Fluss (Karibik!) gelesen habe. Schiffspassage  zum fidelen Orkus – wo ist der Rettungsring? Note: 2/3 (ai) <<

>> Nicht schrecklich, aber amüsant und in Zukunft mehr mit mir! David Foster Wallace ist eine Entdeckung. Das schmale Bändchen Reiseliteratur – eine Auftragsarbeit – der anderen Art macht neugierig auf mehr von einem Autor, der in hinreißend komischer und spannenden Art die seltsamen Abläufe einer Kreuzfahrt beschreibt.
Trotz aller ätzenden Kritik an hohlem Amüsement und herdenhaftem, tumben Verhalten seiner Mitreisenden, schafft er aber auch liebevolle, einfühlsame Porträts einzelner Personen an Bord und leiht sich am Ende doch noch einen Smoking für das Captain’s Dinner. Note: 1/2 (ün)<<

>> Ein Wallace auf Wellen mit dem journalistischen Auftrag für eine Zeitschrift Eindrücke einer einwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik unterhaltsam zu durchleuchten. Der Titel verrät bereits das Layout: „schrecklich“ und „amüsant“. Und weil das erstere schwerer wiegt, folgt erwartungsgemäß „aber in Zukunft ohne mich“. Wallace ist kein Mensch lauter Seemannslieder, sondern als „Agoraphobiker“, wie er sich selbst einstuft, eher der stille Horcher hinter verschlossenen Kajütentüren. Und was er da hört, bekommt durch eigenwillige Assoziationen durchaus amüsante Klänge.

Während das Kreuzfahrtschiff von Horizont zu Horizont stampft, entdeckt er die kleine Gruppe der Exzentriker samt dem Toupet tragenden Jungen, der nie ohne orangefarbene Schwimmweste beobachtet wird, den extrovertierten Showmeister, dessen Frau nackt auf dem Unterdruckklo des Traumschiffes festgesaugt war, den Seepfarrer, der während seiner Predigt vor dem Klappaltar dankenswerterweise auf nautische Metaphern verzichtet und natürlich das rehäugige Zimmermädchen Petra. Mit Petra verbindet Wallace eine rege, wiederkehrende Unterhaltung, auch wenn Petra sich in gebrochenem Englisch auf den einfühlsamen Jauchzer „You funny thing, you.“ beschränkt. Trotz ihrer Einsilbigkeit bleibt sie ein Servicephänomen, da sie ohne je dabei gesehen zu werden, augenblicklich die Betttücher glättet, sollte Wallace länger als 29 Minuten die Kabine verlassen haben. Das Leben an Bord – ja auch das Bord / das Boot selbst ist ein Phänomen – geprägt von Luxus, Dekadenz, und herrlicher Sinnlosigkeit.

Es bleibt nicht aus, dass Wallace gelegentlich in der Ecke der Überheblichkeit stecken bleibt. Dennoch gelingt es immer wieder, sich mit eingestreuter Selbstironie etwa als Mann mit der Zinksalbennase selbst zum Erzählgegenstand zu machen. Amüsante Wortspielereien lockern den Text auf, wenn wir von narkoleptischer Bequemlichkeit der Liegestühle oder dem postkoitalen Timbre der Deutschen Sprache erfahren. Sehr bemüht wirken allerdings seine Passagen, die einem ernsten Anspruch folgen, wie etwa die Ausführungen zum „professional smile“ als Grundlage der Servicekommunikation. Hier wagt der Autor den Schluss, dass aufgesetzte Freundlichkeit durch unterdrückte Emotionalität Gewaltverbrechen provoziert. Ähnlich befremdlich wirken kritische Ausführungen zu „Infomercials“, für die der konkurrierende Autor Frank Conroy nach einer ähnlich beauftragten Kreuzfahrt einen poetisch vermarkteten Essay verfasste. Vergeblich bemüht sich der Leser zu verstehen, wo die Unterschiede in der Verwerflichkeit zwischen den Auftragsarbeiten von Conroy und Wallace zu suchen sind.

Zusammenfassend trägt die leichte Lektüre über den kultivierten Tagesablauf auf hoher See dennoch zur Erheiterung bei, vielleicht noch mehr, wenn der Leser dabei kreuzfährt. Note: 3 (ur)<<

Der letzte Harem- Peter Prange

harem Droemer 2007,   573 Seiten.      

>> Ein Taifun der Bedeutungslosigkeit wird diesen Roman begleiten. Anders als den männlichen Romanfiguren, denen in steter oder stehender Regelmäßigkeit nur das Eine anschwoll, schwoll mir mit zunehmend seichter Lektüre der Kamm. Nein danke, auch geschenkt keine Fahrkarte zum Gare du Nord um sich am orientalischen Ringelpiez zu langweilen. Die Überschrift  „Dichtung und Wahrheit“  auf S. 563 eine Verhöhnung der Kategorie  „Dichtung“. Lektor – bitte melden Tel.: 0711- 82319 . Note: 6 (ai)<<

>>Auf seiner website www.peter-prange.de erklärt der Autor erfreulich offen, dass „er lieber gute Bücher übersetzt, als selbst schlechte zu schreiben“. Warum sich Peter Prange bei „Der letzte Harem“ nicht an diese Maxime gehalten hat, bleibt ein Rätsel.
keine Note (ün)<<

>>Prange wählt den letzten osmanischen Harem als symbolträchtigen Ausgangspunkt für die Schicksalsstränge zweier unterschiedlicher Frauencharaktere an eben jenem historischen Wendepunkt, an dem das feudale Sultanat Konstantinopels zur neuzeitlichen Türkei aufbricht. Opfer dieses Umbruchs sind nicht nur Mächtige, Machtstrukturen und privilegierte Einrichtungen wie der traditionsreiche Harem als religiös begründetes Herrscherbordell. Opfer sind auch Tausende von Haremssklavinnen, die schlagartig aus einem Zustand völliger Abhängigkeit in eine sie grenzenlos überfordernde Gegenwartsnormalität katapultiert werden. Prange nutzt diesen Moment gesellschaftlicher Verwerfungen um mit den zentralen Frauengestalten Elisa und Fatima antagonistische Lebensmotive einander gegenüberzustellen: einerseits der Versuch der Anpassung an verbleibende Privilegien und anderseits ein Opfer fordernder Weg der Selbstbestimmung. Der literarisch-konzeptionelle Ansatz ist bemerkenswert. Um es jedoch vorwegzunehmen: die Ausgestaltung des Plots erreicht kaum das Niveau eines romantisierenden Heimatmelodrams, in dem auf keine noch so nahe liegende Affekthascherei verzichtet wird.
Die 9-jährige muslimische Fatima und die armenisch-christliche Elisa werden nach dem gegenseitigen Gemetzel ihrer Familien von einem Mädchenhändler als Waise in den Harem des Sultan überführt, wo sie während der nächsten 9 Jahre zu geschulten, unterwürfigen Mitgliedern des 5.000 Seelen umfassenden, hierarchisch streng organisierten Harems ausgebildet werden. Der edlen, mandeläugigen Fatima gelingt es die Begierde des Sultans auf sich zu lenken. Die weniger attraktive Elisa dagegen erlangt die Dankbarkeit des Sultans, nachdem sie ihn vor einem Attentat bewahrte. Selbst ihre auf Freiheit bedachte Weigerung, das Bett mit ihm zu teilen, sieht er ihr nach und macht sie stattdessen zu seiner täglichen Vorleserin.

Der Harem rekrutiert sich ausschließlich aus freiheitsberaubten Menschen, denn sowohl die Frauen wie auch die Eunuchen sind zwangsrekrutiert. In einer der wenigen tiefgründigen Passagen des Buches wird nachvollzogen, wie die meist schwarzen Eunuchen unter der geschlechtlichen Totalverstümmelung leiden, die sie nicht nur in eine Geschlechts- sondern auch in eine dauerhafte Identitätslosigkeit stürzt. An dieser Stelle entwickelt Prange die männlichen Begleiter von Fatima und Elisa, wobei kultivierte Gründlichkeit als deutscher Direktimport (Möbius) auf vorderasiatische Barbarei (General Taifun) trifft. Der Arzt Möbius wird an den Harem berufen, um die sich ausbreitende Tuberkulose zu bekämpfen. Während seiner Impfkampagnen wird er von Elisa auf die todkranke Fatima aufmerksam gemacht. Sie ist inzwischen vom Sultan schwanger und wird im Intrigen durchseuchten Harem von ihrer Konkurrentin Saliha, deren Sohn zur Sultan-Nachfolge auserkoren ist und dieses Privileg jetzt zu verlieren droht, schleichend vergiftet. Elisa kann den Sultan nicht überzeugen einzugreifen, da er an die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse und das Privileg des Stärkeren glaubt, auch wenn dabei seine Favoritin Fatima zu Tode kommt. Dies ist für den geneigten Leser zwar schwer nachvollziehbar, wo doch sonst kaum etwas dem Schicksal überlassen wird, doch kann der literarische Dampftopf durch weitere Ungereimtheiten weiter angeheizt werden. Möbius gelingt es selbstverständlich via mitternächtlicher Gewölbelabyrinth-Odyssee Fatima ein Gegengift zu verabreichen, worauf sie später einen gesunden Sohn gebärt. Nachdem der Eingriff ruchbar wird, lässt der Sultan Fatima, Elisa und Möbius einkerkern. Die Schicksalsnähe macht es dem Autor leicht, an dieser Stelle auch ein gemeinsames Herzflimmern von Elisa und Möbius vorzubereiten. Inzwischen überschlagen sich die innenpolitischen Ereignisse des Jahres 1909. Der Sultan wird entmachtet, der Harem aufgelöst und seine Zwangsrekruten befreit.

Während die meisten Haremsdamen von Verwandten aufgenommen werden, bleibt Elisa im alten Sultanspalast zurück. Fatima dagegen wird von General Taifun aufgegriffen, muss jedoch ihren Sohn bei Elisa zurücklassen. Dieser wird – wie wir es erwarten dürfen – in dem Moment von Taifun entführt und heimlich an den Sultan ins Exil ausgeliefert als Elisa sich Möbius zum ersten Mal mit ganzem Leib hingibt. Fatima wird vorgetäuscht, dass Elisa die Verantwortung für den Verlust des geliebten Sohns trage, was planmäßig die Beziehung zwischen Fatima und Elisa nachhaltig ruiniert. Während dessen verfällt Taifun in eine tyrannische Liebe Fatima gegenüber. Zwischen körperlicher Gewalt und aufrichtiger Zuneigung bleibt Fatima von Taifun angezogen, heiratet ihn und rückt in den Machtbereich der neuen türkischen Elite auf. Dem äußeren Aufstieg folgt der innere Absturz begleitet von Tabletten- und Alkoholsucht, da Fatima am Verlust ihres Sohnes zerbricht. Zur gleichen Zeit irrt Elisa völlig verarmt und von wiederholten sexuellen Übergriffen bedroht, durch das Hinterland bis sie sich einer Gauklergruppe anschließen kann, in der sie ihren zukünftigen Lebensabschnittsgefährten Aram kennenlernt. Erwartungsgemäß fehlt der Beziehung die entscheidende Tiefe um dramaturgisch noch eine Herzkammer für Möbius freihalten zu können.

Der zwischenzeitlich ausgewiesene Möbius wird in die Türkei zurück berufen, die im ausgebrochenen ersten Weltkrieg zu einem ruinösen Politspiel an der Seite Deutschlands angetreten ist. Für die historisch belastete Armenierfrage wird innenpolitisch ein Genozidprogramm entworfen, bei dem Möbius vom Schriftsteller auf die spannungsträchtige Absturzkante gestellt wird: entweder er kollaboriert als impfender Dr. Mengele Armenier vor dem Abtransport im Viehwaggon oder er schlägt sich auf die Seite der Unterdrückten. Konzeptgemäß muss er sich jedoch als Vertreter der Aufrichtigkeit zunächst durch Leichenberge quälen, die sich in armenischen Gebirgsbächen und Wüsten auftürmen, bis er am tiefsten Punkt der Grauenhaftigkeit Elisa findet, die gerade vergewaltigt werden soll jedoch nicht wird, weil Aram als Freiheitskämpfer aus dem Nichts kommend pünktlich den Täter erschlägt. Auch jetzt bleibt Möbius unbefleckt. Die Männer einigen sich schweigend und im Sinne des Schriftstellers, indem Aram wortlos das Feld räumt um einer lange verzögerten Liebe Platz zu machen. Dass Taifun der Oberschlächter in diesem schaurigen Geschäft ist, überrascht uns nicht. Auch nicht, dass Fatima langsam von den blutigen Händen ihres Gatten angewidert wird. Damit wird uns als Leser klar, dass mit Fatimas Entfremdung von Taifun zum einen seine Bestrafung und zum anderen ihre Annäherung an Elisa bevorsteht. Ein gutes Melotrauma braucht gerade für solche Wendepunkte ein gefühlsbetontes Medium, sonst wäre wertvolles Erzählterrain verschenkt. In diesem Falle drängt sich natürlich das Doppelpack „Verlorener Sohn plus Nebenbuhlerin“ auf – und schwups – stehen Mesut und Saliha schon auf der Erzählbühne.

Taifun versucht ein letztes Mal das Herz seiner Angebeteten zu erweichen, indem er ihren Sohn Mesut von Saliha zurückholt, die nach dem Tode des Sultans dessen Sohn großzog. Er wird von den Frauen mit der jetzt endlich aufblühenden Intuition durchschaut, und im gleichen Moment für die Gräueltaten in Armenien vom Arm des Gesetzes verfolgt. Weil hier noch ein wenig Platz für Autorenfantasie war, ermöglicht Prange dem Tyrann Taifun während des Gerichtstermins angeschossen in einem U-Boot zu entkommen. Erschossen wird Taifun erst nach seiner Emigration zum Bündnispartner in Berlin. Von wem? – natürlich vom ausdauernden Freiheitskämpfer Aram. Ein einsamer Mann, aber nachhaltig gerecht, wenn auch nicht rechtens. Dass ausgerechnet Möbius zu guter letzt noch die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen mit einer Geldübergabe zurechtrücken soll, verblüfft dann doch. Glücklicherweise wird ihm rechtzeitig der Millionenkoffer entwendet, so dass das Schicksal ihm auch diese Schuld erspart.

Zum vorläufigen Ende nochmals ein Tränensack aufblähender Emotionshöhepunkt. Mesut erkennt seine leibliche Mutter nicht und fühlt sich zutiefst bedroht. Zwischen leiblicher (Fatima) und Ziehmutter (Saliha) innerlich zerrissen, zieht Mesut sich in einen autistischen Kokon zurück, aus dem heraus er nur noch Vogelstimmen imitiert, aber nicht mehr spricht. Die Loslösung von der ins Herz geschlossenen Ziehmutter gelingt erst mit einem symbolischen Totschlag, als Saliha Mesut versehentlich eine Treppe hinunter stößt. Dass just in diesem Moment Elisa als finale Mediatorin auftritt, ist selbstverständlich. Die Inszenierung der Szene lässt keine Wünsche offen: Elisa erzählt das Märchen von der Prinzessin Fatima und ihrem verlorenen Sohn, drückt dem Buben ein Saiteninstrument in die Hand, worauf dieser die Geschichte auch ohne musikalische Vorkenntnisse sofort vertont und zur Sprache sowie seiner eigentlichen Mutter zurückfindet. Gute Musik öffnet eben Herzen und neuronale Sprachzentren.
Dann der Schlussschmalz. Möbius musste in den Kriegswirren Istanbul verlassen, sitzt jetzt als Institutsdirektor verheiratet am Berliner Küchentisch und liest Zeitung. Ein Bericht über eine gerühmte Musikantengruppe lässt ihn aufhorchen: zwei waschechte Haremsdamen und ihr Sohn tingeln durch Europas Hauptstädte und singen Haremslieder unter dem tosenden Beifall einer kriegsgeschädigten Generation. Sollte er hinfahren und Elisa, Saliha und Mesut  wieder sehen? Zwei Tage hätte er Zeit…

Schade – ein Werk, das offensichtlich als oberflächliches Filmbuch verfasst wurde ohne den Protagonisten Charaktertiefe zu geben. Statt dessen setzt der Autor auf die Maximierung gefühlslastiger Effektfeuerwerke. Anerkennend bleibt zu loben, dass Prange wieder in bekannter Gründlichkeit eine Vielzahl historischer Details in den Plot einarbeitete. Das Buch bleibt sprachlich unauffällig hat aber einen gewichtigen Kern, aus dem man in jeder Hinsicht viel hätte machen können. Vielleicht beim nächsten Mal wieder.
Note: 4 (ur)<<

>> „Zwei Frauen zwischen Orient und Okzident“  liest man auf der Rückseite des Buches.
Fatima und Eliza heißen die beiden Protagonistinnen, deren aufregendes Leben detailreich geschildert wird.Der Roman beginnt 1895 in der hinteren Türkei und endet 1923 in Berlin. Er ist in relativ kurze Kapitel aufgeteilt, die wie bei einem Fortsetzungsroman oft offen enden. So wird Spannung produziert, was die Lektüre erleichtert. Das Buch regt an, sich genauer mit der jüngeren Geschichte der Türkei zu beschäftigen. Es macht aber auch deutlich, wie schwierig es ist, erotische Szenen so zu schildern, dass sie erotisierend wirken. So scheint mir beispielsweise die  Feigenmetaphorik nicht sehr gelungen.
Eine Verfilmung des Romans wäre vermutlich reizvoll. Note: 4 (ax)<<

Gomorrha- Roberto Saviano

Roberto Saviano - GomorrhaHanser 2007 ,  368 Seiten.      

>> Roberto Saviano legt die Architektur der Gewalt der Camorra offen, entreißt die Täte ihrer Anonymität. Pasolinis „Ich weiß. Ich weiß die Namen“ fügt er sein „und ich habe Beweise“ hinzu.  Besonders eindringlich gelungen ist das Kapitel „Zement“ . Kampanien, das Territorium der Camorra, bekommt eine andere Topographie, eine Topographie der unvorstellbaren Grausamkeit und der Herrschaft der Berretas und Kalaschnikows, die einen erschaudern lässt. Ob Bauindustrie, Textilhandel, Müllgeschäft oder Drogen: die Camorra hat alles fest im Griff. Es fällt manchmal schwer, weiter zu lesen in diesem Buch. Zu brutal sind die Details der lapidar geschilderten mörderischen Akte und Rachakte der Clans. Trotzdem ein mutiges und notwendiges Buch mit literarischen Qualitäten. Ob dem literarischen Erfolg politische Konsequenzen folgen, bleibt abzuwarten.
Note: 2+ (ün)<<

>>Als Sohn des Umlandes von Neapel spricht in Roberto Saviano der Journalist, den mit seiner Heimat Heimatlosigkeit verbindet. Eine Heimat, die schon seit zwei Jahrhunderten ein Gomorrha mit besonders brutaler Niederträchtigkeit von geradezu biblischen Ausmaßen ist. Zutiefst erschüttert und gleichzeitig doch tiefgründig, teils mit sachlicher Geradlinigkeit und oder auch mit poetisch gefassten Emotionen beleuchtet Saviano diesen süditalienischen Zweig des organisierten Verbrechens. Die Camorra –  blutrünstiger als die Mafia und geschäftstüchtiger als die Costa Nostra. Eindrücklich beschreibt er die unglaubliche Evolution, die immer wieder neue Varianten krimineller Mutanten hervorbringt. Wie Mutationen des Systems neue Gesetzmäßigkeiten der Berufskriminalität generieren, wie Familienclans um Ressourcen ringen, um kriminelle Fortpflanzung ringen und durch Vernichtung konkurrierender Spezies die Vorherrschaft anstreben. Ein Darwinismus der Unmenschlichkeit.

Mit ausgewählten Detailansichten führt Saviano durch das Reich der Camorra. Neapel als das größte Tor Europas für illegale Importe aus China. Im Umland höchst produktive chinesische Kleinbetriebe, die unter selbstmörderischen Bedingungen international führende Modehäuser beliefern. Die Wirtschaftphilosophie beim Wechsel vom Heroinhandel mit gesellschaftlichen Außenseitern hin zur Livestyle-Droge Kokain etablierter Gesellschaftsschichten. Öffentliche Testzeremonien mit Todesfolge zur Profilierung neuer Designerdrogen. Jugendliche als die neue Generation besonders enthemmter Gewalttäter. Die überraschende Moral und Bürgernähe der Camorra in Sonderfällen. Der 3600 Tote fordernde Bandenkrieg und die für Schlagzeilen dankbare Presselandschaft. Für Jugendliche psychologisches Training zur Furchtlosigkeit mittels Schussübungen auf deren kugelsichere Westen. Die zwanzig brutalsten Formen des Mordens und deren rituelle Botschaften: die Symbolkraft von mit der Flex abgetrennten Köpfen und in Brunnenschächten gesprengten Leichen. Frauen der Camorra, die anders als ihre Männer nie als Kronzeugen auftreten. Die Wunder der Kalaschnikow und dass sie mehr Menschleben forderte als alle Atombomben zusammen. Gewalt als vermeintlich altruistische Aufopferung des Täters – quasi eine zutiefst christliche Geste. Zement, die Bauwirtschaft, Abfall und Entsorgung als ureigenste Stützen des italienischen Verbrechens. Pervertiertes Wertesystem und Ehrverletzung als grundlegende Kraft krimineller Entartung.

Der Leser lernt viel und hat doch schon so viel gewusst, was er gerne verdrängen würde. Und dann die schleichende Einsicht, dass dies ein Teil des modernen Italien ist, ein Land mitten im zivilisierten Europa. Ein Mittelalter mitten in der Jetztzeit. Und vermutlich gieren Köpfe der Hydra schon lange auch in unserer Nachbarschaft. Nach der Lektüre wäre alles andere verwunderlich. Ein ziemlich gutes Buch über ein hässliches Thema.
Note: 2 – (ur)<<

>>Wenn Udo Lindenberg  den Mafioso Jonny Controlleti besingt, der einen Streifenanzug trägt und „Alles unter Kontrolle“ hat, möchte man gerne mitsingen. Das vergeht einem aber schnell, wenn man mit Roberto Saviano die „Reise in das Reich der Comorra“ (Untertitel seines Buches) antritt, einem Reich, wo besagte kriminelle Vereinigung alles unter Kontrolle hat. Oder fast alles, viel zu viel auf  jeden Fall. Neapel ist der Hafen dieses Reiches, die berühmte Bucht, eine Kloake. Schon auf den ersten Seiten fallen Leichen  aus Containern. Nach einem so starken Einstieg erregt es dann schon fast nicht mehr, dass 60% der Einfuhren an der Zollkontrolle vorbeigehen. Viele Namen, viele Morde, viel Böses. Wird das Böse omnipräsent und repetitiv, wirkt es ermüdend. Wie das Gute ja auch. Manches wird erzählt, was eher degoutant ist. Das langsame Verrecken von Mordopfern oder postmortale Erektionen.

Überflüssiges hat sich eingeschlichen. Wozu ausführlich die Vor- und Nachteile einer Kalaschnikow erörtern? Die meisten mitteleuropäischen Leser/innen werden sich nie eine anschaffen können/wollen. Nach und nach versteht man, warum die desolaten sozialen Rahmenbedingungen die  Jobs bei der Camorra attraktiv machen. Man kann auch den Polizisten verstehen, der sich fragt: “Was geht uns das an? Lassen wir sie doch einfach, die sollen sich doch gegenseitig fertig machen.“ Die Sprache Savianos ist gut verständlich, die Übersetzung gelungen, die Metaphern gelegentlich etwas kühn. So werden etwa die Hafenbecken mit den Zitzen eines Muttertieres, der Hafen selbst mit einem Anus verglichen.
Nach zweihundert Seiten ein erstes Stoßgebet: „Herr, lass die Plage an diesem unserem Lande vorübergehen.“   Wenn man in das Buch „Mafialand Deutschland“ von Jürgen Roth schaut, muss man leider befürchten, dass die Bitte vergeblich war. Roberto Saviano muss wegen dieses Buches um sein Leben fürchten. Die Verbrecher der Camorra zwingen ihn sich zu verstecken. Ein Skandal. Ich bewundere den jungen Mann für seinen Mut, er hat meine vollste Hochachtung. Am 21. März 2009 demonstrierten rund 150 000 Menschen in Neapel gegen die Cosa Nostra, die `Ndrangheta, die Camorra. Zum ersten Mal seit dem Erscheinen seines Buches vor drei Jahren trat Saviano öffentlich in Neapel auf und verlas die Namen von Mafia-Opfern. Trotz dieser beeindruckenden Demonstration meint Saviano, dass die Mehrheit der Italiener die Augen vor der ungebrochenen Macht der Mafia verschließe (taz vom 23. März 2009). Ob das bei uns in Deutschland so viel anders wäre? Note: 2 – (ax)<<

>> Kein Buch fürs Feuilleton, kein Buch für Literaturkritik. Was sich im südlichen Vorhof der vatikanischen Moral- und Tugendwächter, eingebettet in die malerischen Tourismusoasen am Golfo di Napoli und an der Costiera Amalfitana e Sorrentina abspielt, das ist ein alltäglicher unerklärter Krieg zwischen atavistischen Familienclans, die mit der zunehmenden Akzeptanz von „Kollateralschäden“ an der Zivilbevölkerung anderen Formen entstaatlichter Gewalt in afrikanischen und asiatischen „failed states“ in Nichts nachstehen. Ob in der Gestalt der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, der Ndrangeta, der Camorra – das Spinnenetz des organisierten Verbrechens ist in (Teilen?) Europas allgegenwärtig. „Ich weiß. Ich weiß die Namen…“, schrieb Pier Paolo Pasolini in einem berühmt gewordenen Artikel des Mailänder Corriere della Sera im November 1974. Neunmal leitete der Schriftsteller, Regisseur und Intellektuelle darin seine Sätze mit der Formel „Ich weiß…“ ein. Sie war eine Anspielung auf Zusammenhänge zwischen Politik und Verbrechen, auf drohende Putschversuche und Attentate in Italien. Namen nannte der umstrittene Schriftsteller nicht: „Mir fehlen die Beweise.“ Ein Jahr später war Pasolini tot. Brutal zugerichtet wurde der 53-Jährige im November 1975 unweit der Küste im römischen Vorort Ostia aufgefunden. Savianos lebensgefährliche Recherche schließt Pasolinis Lücke: “Ich weiß, und ich habe Beweise. Ich kenne das Fundament, auf dem die Wirtschaft ruht. Den Geruch von Sieg und Erfolg. Ich weiß, woher das Geld kommt. Ich weiß“.
Saviano weiß es nicht nur von Don Peppino Diana. Ich weiß es jetzt auch. Mein Geruch von Zement und Haut Couture hat sich sensibilisiert, doch  das bleibt folgenlos. Ein Hauch von Hoffnung dagegen die Straße und nicht das Lesezimmer: Die in Anwesenheit Savianos am 21. März veranstaltete Anti-Mafia-Demonstration in Neapel.
Keine Note (ich ziehe daher meine Note zurück). Ich bin glücklich, dass unser LQ ohne “Capi dei capi“ (Bosse der Bosse) auskommt.<<