Um uns die Toten – Bartholomäus Grill

Siedler 2014 | 224 Seiten

>>Bartholomäus Grill hatte wahrlich viele Begegnungen mit dem Tod. Großeltern, Eltern, Schulfreunde, die kleine Schwester, der Bruder, vor allem aber durch die vielen Jahre als Kriegsreporter bei den schlimmsten Schlächtern in allen Regionen der Welt. Der tief verwurzelte katholische Glaube seiner oberbayrischen Heimat, in der der Tod und die Verdammnis, aber auch Hoffnung allgegenwärtig sind, tut ein Übriges.
Nach seiner berührenden Reportage in der ZEIT über den selbstgewählten Tod seines krebskranken Bruders in der Schweiz hat ihn der Verlag offensichtlich zu diesem Buchprojekt angeregt, wie man der Danksagung entnehmen kann. Eine lohnenswerte Lektüre, wenn auch die oberbayrische Prägung des Katholizismus etwas viel Raum einnimmt. Beeindruckend das Streitgespräch mit dem Moraltheologen Spaemann über den Freitod. Wie sich Grill zwischen der These: „Denke an nichts so oft wie den Tod“ (Seneca) und der Antithese: „Ein freier Mensch verschwendet keinen Gedanken an den Tod“ (Spinoza) entscheidet, bleibt offen. Vielleicht gibt es eine Synthese. Note: 2 – (ün)<<

>>  Grills eindrucksvolle  Begegnungen mit dem Tod sind auch Auseinandersetzung mit den eigenen Erinnerungen. Die eigene Kindheit (glücklicherweise frei vom Unterwerfungsritual religiöser Dogmen)  Abschied von Großeltern, Pubertät (Film Massenmord Auschwitz), vor allem Grenz- und Todeserfahrungen während der Studentenzeit (Existenzialismuspose, Revolutionsromantik, auch Verirrungen und Verwirrungen), Abschied von Eltern und jüngst von wichtigen Freunden und Freundinnen. Vor allem wenn Grill im doppelten Sinne in der Nähe bleibt (Familie, die Libeth- Rosalie-Episode etc.), nimmt er den Leser mit . Seine Erfahrungen als Auslandskorrespondent über die Massenmorde und Massensterben bringen angesichts der vielfach bekannten traurigen Fakten wenig Erkenntnisgewinn und berühren nur dann, wenn aus dem Kollektiv der Bestialität das Einzelschicksal sichtbar wird. Für mich zentral ist Urbans „assistierter Freitod“ und die Auseinandersetzung mit Robert Spaemann, ein Dialog auf Augenhöhe und hohem Niveau, im Ergebnis offen. Anders als bei Grill in seinem Schlusskapitel bestimmt meine innere Vorstellung des Reichs der Toten keine Winterlandschaft. Mein Wunsch ist ein Wärmestrom von Erinnerung.      Note: 1,5 (ai) <<

>> Verglichen mit dem Autor habe ich in meinem bisherigen Leben deutlich weniger Begegnungen mit  Sterbenden und Toten erlebt. Habe ich Glück gehabt?
Auch nach längerem Nachdenken fällt mir „nur“ der Tod meiner Großmutter Kreszentia im Frühsommer 1964 ein, in deren Haus wir wohnten. Die ganze Familie stand betend um ihr Bett, ein Pfarrer brachte die „Letzte Ölung“ (heute freundlicher Krankensalbung genannt). Die Pausen zwischen den gequälten Atemzügen wurden immer länger…

Die Argumentation des Moraltheologen Robert Spaemann finde ich unbarmherzig.Die Interpretation des Liedes vom „Major Tom“ durch den Autor ist etwas daneben. Hingegen sein Satz „Wir Journalisten sind fehlbar“: einfach großartig. Vergleichbares liest man sehr selten.
Ein beeindruckendes Buch, das mich mehr als andere Bücher bewegte und Gefühle auslöste, die ich schwer in angemessene Worte fassen kann. Note: 1,5 (ax)<<

 

Die Diplomatin – Lucy Fricke

Ullstein, 2022 | 254 Seiten

<< „Die Diplomatin“  ist die Ich-Erzählerin Friederike Andermann, genannt Fred. Sie ist Botschafterin in Montevideo und schiebt dort eine ruhige Kugel, bis die Entführung und Ermordung einer deutschen Touristin, Tochter einer mächtigen Verlegerin, alles  durcheinander wirbelt. Sie wird in die „Zentrale“ zurückbeordert. Zwei Jahre später kommt sie als Konsulin nach Istanbul, wo die diplomtischen Geschäfte heikler und schwieriger sind. Die Inhaftierung von mißliebigen Journalisten und Regimegegnern mit Verbindungen nach Deutschland binden alle Kräfte, auch die des Botschafters Philip, einem alten Freund von Fred. Die willkürlichen Verhaftungen und Prozesse sind nicht wirklich was Neues für den Leser, die  diplomatischen Fäden und Überlegungen im Hintergrund schon. Die Autorin hat Insiderwissen und gut recherchiert. Wird der Diplomatenalltag  im ersten Teil „Montevideo“ noch sehr witzig, unterhaltsam und sprachlich gekonnt geschildert, verflüchtigt sich das im zweiten Teil „Istanbul“ zusehends und wird deutlich flacher. Vieles ist vorhersehbar.
Schließlich entschließt sich Fred gegen den ausdrücklichen Rat von Botschafter und Freund Philip, drei  von der Polizei gesuchte oder zumindest mit Ausreiseverbot belegten Dissidenten im selbstgesteuerten Auto (Philip: „Niemals das Auto selbst steuern“) zur Südküste zu fahren und zur Flucht nach Griechenland zu verhelfen. Unzweifelfhaft das Ende ihrer Karierre, was allerdings offenbleibt. Im letzten Kapitel
„Hamburg“  besucht sie ihre Mutter im Krankenhaus, die kurz zuvor aus einer brennden Küche gerettet werden musste. Die von der Feuerwehr aufgebrochene Wohnung weckt Erinnerungen von Fred an ihre früheste Kindheit im Osten, als sie die Wohnung und das Land auch pötzlich verlassen mussten. Ihre Mutter weiß auch nicht mehr viel, was der Grund war. „Geheimdienst, oder so“.
Das Ende wirkt reichlich konstruiert. Note : 3 ( ün) <<

 

>> Ja, die ersten Kapitel sind vielversprechend. Was uns die Ich-Erzählerin Friederike Andermann als neue Botschafterin in Montevideo mitteilt, führt in die kleine große Welt der Diplomatie. Zwischen Bratwürstchen-Einheitsfest, Krisenmanagement und Bettkante bewegt sich die inzwischen 50-jährige Protagonistin. Das jugendliche Latzhosenmädchen, Tochter einer alleinerziehenden Kellnerin, aufgewachsen im Hamburger Arbeiterviertel, Jurastudium, einen „Fast-Ehemann“, zwei Fehlgeburten, jetzt eine selbstbewusste Frau, die „auf den Wunsch nach Ehe und Familie keine Antwort wusste“, eine Karriere auch durch späten Quotenvorteil, Heimatbezug durch Mutters Holsteiner Schinken, die Alltagserfahrung eines Lebens zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Stationenhopping im diplomatischen Dienst, Bagdad, Montevideo, Zentrale, Istanbul, all das wäre Stoff für eine großartige Geschichte gewesen. Und gerade Freds Sozialisation ermöglicht auch großartige Einblicke in diplomatische Verkehrsformen: Repräsentationsrituale, Sprachregelungen (CYA), Verhaltensmuster zwischen der Zentrale und den Außenstellen, brillante Charakterisierungen von Partnerbeziehungen im diplomatischen Dienst (köstlich nicht nur der MAP), Aufstieg einerseits, Verkümmerung anderseits, Altersruhesitz Südfrankreich oder Uckermark, ein Schmankerl die Leopardenfell-Prüfung oder in Ankara die „Honigdiplomatie“! Stattdessen rücken zunehmend Spannungspotentiale ins Zentrum. Die Stärke der Montevideo-Episode liegt im exemplarischen Detail: Ein Polizeipräsident-Macho wie Hector, Vertraulichkeit zwischen Alkohol und Mate-Tee, Gastgeschenk Solartaschenlampe, die Nazienklave und das kärgliche Eventmanagement einer deutschen Botschaft zum Jahreshighlight deutscher Wiedervereinigung, all das atmosphärisch dicht und sprachlich gekonnt. Doch dann tischt die Autorin auf, was das Unterhaltungsgenre fordert: Drogendealer entführt Tochter einer einflussreichen deutschen Zeitungsverlegerin, will Kontakt zu seinem in Deutschland lebenden Kind erpressen, dreht durch, ermordet Tamara Büscher. Die logische Folge Aktionismus im Krisenstab der Zentrale, natürlich auch das BKA involviert, da der Druck der Zeitungszarin groß. Am Ende steht zwar nicht die von ihr geforderte Schließung der Botschaft, aber die Versetzung Freds in die Zentrale. Dass Montevideo dann auch noch auf Anweisung „der Büscher“ das kurzfristige Aus für einen Journalisten und „Partyschreck aus Uruguay“ (85) bedeutet (zurück in die Lokalredaktion), ermöglicht jene Istanbuler Fred-Daniel-Beziehungsgeschichte, die zum schwächsten Teil des Romans führt. Zentral dagegen die politische Botschaft der nachfolgenden Handlung, die die aktuelle Situation der Presse in der Türkei beleuchtet. Willkürverhaftungen, Informationskanäle des türkischen Geheimdienstes (MIT), Investigativ-Journalismus unter Lebensgefahr, die Strukturen eines korrupten Justizapparats am Beispiel der Meral-Baris Geschichte. Aber eigentlich für die informierten Zeitungsleser auch nichts Neues. Hier werden Fred als Konsulin in Istanbul und Philipp als Deutscher Botschafter in Ankara, zu empathischen Akteuren, die gar die Grenzen der Diplomatie sprengen. Für mich mit dem happy-end einer doch recht platten Fluchthelfergeschichte etwas zu viel des Guten. Doch damit nicht genug: Die Schlusskapitel mit dem Schauplatz Hamburg präsentieren ein privates Wiedervereinigungspathos (Mutter, Tochter, Daniel), bei dem zu wünschen gewesen wäre, dass die Fernbedienung bei der Übertragung des Tags des Deutschen Einheit versagt hätte. Dann hätten wir auch nicht erfahren müssen, dass Schwarzrotgold jetzt nur noch schlapp weht statt knattert.

Die Entschlüsselung des doch recht kryptischen Stasi-Geheimdienstbezugs gelingt vielleicht einem mir bekannten Leser durch die ihm vertraute Kontaktaufnahme mit der Autorin. Note : 3 – ( ai) (schade, der „Roman“ hätte Potential)<<

 

<< Die Diplomatin ist Fred, eine maskulin harsch bestückte Friederike. Karrierebewusste Botschaftermentalität mit steter Sicht auf die Berliner Zentrale. Anfänglich Montevideo, Uruguay. Das Land, in dem die Friedlichkeit die Gedanken zum Erliegen bringt. Die Restsedierung erfolgt im Mekka der Rindersteaks durch den über allem schwebende Grillkohlestaub. Goethe und seine Statuen werden hier nicht gehuldigt, sondern nur von Hunden bepinkelt. Freds Aufgabe erschöpft sich darin Deutschland zu sein. Zum Tag der Deutschen Einheit kontert sie vorschriftsmäßig mit dem legendären Kulturhöhepunkt: Bratwürste urdeutscher Machart. Doch dann wird ein deutsches Verlegermädel ermordet, man kann nichts tun, Fred wird versetzt, mausert sich später zu einer innerlich bewegten Fluchthelferin als Konsulin in Istanbul und trifft letztendlich im Halbschatten der alternden Mutter in Hamburg einen David, den sie – ergänzend zu ihrem zweiten Ehemann – liebhaben kann. Dann ist fertig. Dazwischen erheiternde Passagen einer kaltschnäuzigen Mannsfrau , die zur Fraufrau wird. Satirisch-reale Einblicke in Diplomatiefacetten, türkische Staatswillkür und über allem die wenig geglückte Metamorphose-Darstellung eines gefühlsarmen Weibes, das zum teilempathischen Charakter changiert. Zwar ist der Leser der Protagonistin stets auf den Versen, doch wird es ihm schwer gemacht, ihre handwerklich dürftig in Szene gesetzten Entwicklungen nachzuvollziehen.

Fred ist 50, beginnt gerade in Uruguay Netzwerke aufzubauen, als die extrovertierte Tochter der einflussreichsten deutschen Verlegerin von einem polizeibekannten Kleinkriminellen entführt wird. Er möchte seine in Deutschland bei der getrennten Ehefrau lebende Tochter sehen. Liebe macht unberechenbar. 200 km weiter findet man Tage später die Leiche der Verlegertochter – jedoch ohne eine Spur des Täters. Die Medien sind voll von der Tat, Fahndungsmisserfolgen und nationaler Rufschädigung. Der Tourismus bricht ein. Die deutsche Botschaft gerät in einen desaströsen Abwärtsstrudel. Zur Stimmungsaufhellung wird Fred zwei Jahre in das Berliner Krisenzentrum versetzt, wo sie in abgedunkelten Räumen auf Tsunamis, Vulkaneruptionen und Bürgerkriegsausbrüche wartet, um deutsche Staatsbürger evakuieren zu können.

Die Wiederauferstehung von Fred als Konsulin wird in Istanbul inszeniert. Unzählige Oppositionelle sind der Erdogan Justiz bereits zum Opfer gefallen. So auch die deutschkurdische Historikerin Meral. Seit Monaten in Untersuchungshaft versucht deren deutscher Sohn Baris sie zu besuchen, gerät jedoch sofort in die Fänge des Polizeistaates. Ein Ausreiseverbot wird verhängt. Zusammen mit dem deutschen Botschafter aus Ankara, dem diplomatischen Justizveteran Christof und einer nahkampferprobten Rechtsanwältin zeigt man hektische Präsenz beim Prozess gegen Meral. Überraschend wird sie – auch bedingt durch das große Medieninteresse –  freigesprochen. Verdeckt soll sie sofort abgeschoben werden. Am Flughafen gelingt es gerade noch, desorientiertes Wachpersonal von ihrer Freilassung zu überzeugen. Nun gerät der Plot irgendwie ein bisschen albern – aber schön, dass alles noch einmal gutgegangen ist.

Um einen Zusammenhang zum isolierten Uruguay Abschnitt herzustellen, muss schließlich der Reporter David wieder auftauchen, den Fred bereits in Montevideo als Abgesandten der rachesüchtigen Verlegerin kennenlernte. Statt Angst provoziert die Begegnung diesmal jedoch Liebe. Gegen später werden beide sich im gegenseitigem Einverständnis die Kleider vom Leibe reißen. Aber ach! Der noch lahmende Spannungsbogen soll noch einmal nachgeschärft werden, weshalb jetzt auch David ins Visier des türkischen Staatsschutzes geraten muss. Seine Wohnung wird durchsucht und verwüstet. Fred gewährt ihm im Konsulat Unterschlupf, Pizzahälften und sanfte Berührungen. Mit einer Prise Emotionen verschnauft das Geschehen, holt dann aber zum finalen Paukenschlag aus: die Putzfrau vermittelt einen Enkel, der mit seinem kleinen Motorboot Meral, Baris und David von der türkischen Küste zu einem rettenden griechischen Eiland schippert (3 km Luftlinie). EU-Land, Freiheit, Rechtstaatlichkeit. Ein liebliches Episodenende. Geht doch.

Zu guter Letzt dann noch was ganz Persönliches. Die betagte Mutter von Fred ist gestürzt. Fred eilt also zügig heim, trifft in Hamburg erneut David – auch ins Herz. Und wird von dessen Verlegerin freundlich gegrüßt. Selbst Rache kann in diesem Setting zuverlässig befriedet werden.

Nur eine Frage bleibt offen: Warum wird im Roman nicht auch mal Sauerkraut gegessen?  Note: 3 – (ur) <<

 

>>  Montevideo. Im ersten Satz des Romans „knatterte die deutsche Fahne im Wind.“ Im letzten Satz in Hamburg „wehte schlaff die deutsche Fahne im Wind.“ Ein windiger Wink der Autorin Lucy Fricke für die Einordung des Romangeschehens? Ich bin nicht sicher, was sie gemeint haben könnte. Die Autorin gewährt uns überzeugende und tiefe Einblicke in den diplomatischen Alltag, schreibt mit Humor und trockener Ironie, der besonders in den zahlreichen Dialogen besticht.  Da spielt sie in einer ganz anderen Liga als zum Beispiel unser letzter Autor  Fitzek (Elternabend).
Die „diplomatische“ Taktik „Cover your ass“ (CYA) findet sich allerdings nicht nur im Diplomatischen Dienst. Die enge Zusammenarbeit zwischen türkischen und deutschen Geheimdiensten finde ich skandalös. Leider muss man davon ausgehen, dass hier nicht übertrieben wird. Mesale Tolu hat diesbezüglich im Weltethos-Institut über ihre Inhaftierung in der Türkei berichtet. Vielleicht hat ihr Fall die Autorin auch etwas inspiriert.
Zum Schluss ein paar Sätze, die mir besonders gut gefallen haben:

„Es gab Liebe, die war so rational, dass sie durch nichts zerstört werden konnte.“ (S.22) Der Satz bezieht sich auf Ehepaare im Diplomatischen Dienst.

„Deutsche Touristen waren ein Elend.“(S.27).

„Wer die höchste Strafe verhängt, steigt auf.“ (S.125)  Über die türkische Justiz.

Insgesamt ein spannendes und lohnendes Buch, auch wenn der Schlußteil etwas aufgesetzt rüberkommt.  Note : 2+ ( ax) <<

Unser Deutschlandmärchen- Dinçer Güçyeter

mikrotext 2022  |  213 Seiten.

>> Ein anatolisch deutscher Mikrokosmos, der 1965 mit dem neuen Leben Fatmas beginnt. Zwangsheirat mit dem „riesigen Kopf“ Yilmaz, er lebt schon in Deutschland. Dort „wo man das Geld von den Bäumen pflücken kann“ gilt es für Fatma auch den Weg für die beiden zurückgebliebenen (!) Brüder zu „pflastern“. Die Geschichte, die jetzt beginnt, wird uns im Wesentlichen in einer dialogischen Perspektive von Dincer und seiner Mutter erzählt. Was sich in der fremden neuen Heimat in Nettetal dann abspielt, ist sicherlich auch ein typisches Familiengenerationenschicksal türkischer Gastarbeiterfamilien, das zugleich die gesellschaftlichen Spannungspotentiale aufzeigt („Solingen brennt“), dem der eloquente Dincer in eindrucksvollen Bildern seine Sprache verleiht. Im Zentrum jedoch steht eine Mutter-Sohn-Beziehung. “Unser Deutschlandmärchen“ ist vor allem eine Hommage an Fatma. Die Schauplätze sind Fabrikhallen, Spargelfelder, Putzdienste im Kneipen- und Bordellmilieu (Doppelbödigkeit männlicher Familienehre!), ein schuldengeplagter Alltag, aufopferungsvoll, jährlich gabenreiche Pflichtbesuche nach Anatolien mit Rückfall in alte Rollenmuster.  Yilmaz, Ehemann und Vater ein Totalausfall, ein spät erfüllter Kinderwunsch und dann die Hoffnung, dass Sohn Dincer als Mannersatz zur „zweiten Chance in ihrem Leben“ werden würde. Was die Pflichten anbelangt, werden diese Erwartungen zunächst auch erfüllt. Das Arbeitsethos des Kindes bewundernswert. Dass dann allerdings nicht der „Blaumann“ und wie bei Fatmas im klassischen Sinne erfolgreichen Brüdern das zweite Haus im Heimatland in Erfüllung gehen, sondern sich schon früh bei Dincer in vielfacher Hinsicht eine Gegenwelt auftut, bleibt der Mutter fremd. Bohème statt Drehbank, Lyrik statt Stechuhr, nach anatolischen Kategorien kein Mann sondern schwul, kein von der Oma gewünschter „Hodscha“ sondern ein 14jähriger, der in der Nettetaler Moschee die leerformelhafte Inszenierung der Koranlesungen durchschaut und nicht mehr bereit ist in dieser Zeremonie die Marionette zu spielen. Die Stärke des Buches liegt gerade darin diesen Entwicklungs- und Abnabelungsprozess, der sowohl bei Fatma und Dincer auch Schuldgefühle hinterlässt, eindrucksvoll zu erzählen.

Dem Amtsrichter Hoeke  (ironischerweise ist Schuldnervater Yilmaz der Weichensteller), der dieses Buch letztlich erst möglich gemacht hat, wäre allerdings zu empfehlen gewesen, es mit dem literarischen Kanon für den jugendlichen Dincer und den späteren Heidenreich-Walser Connections etwas behutsamer angehen zu lassen. Der ganze formale  und inhaltliche literarische Überbau (Gebet, Lied, Chor, Bühnendialog, Lyrik etc.) dieses Buches ist eher verstörend, weil er den eindrucksvollen Klartext dieses Familienschicksals trübt. Note: 2/3 (ai)<<

 

>> Das Realmärchen des Deutschtürken Güçyeter gibt sich als literarisches Experiment. 70 Episoden. Überwiegend Prosa, gelegentlich Lyrik. Einer gebrochenen Chronologie folgend erzählen der Autor und seine Mutter von anatolischer Heimat, deutscher Nicht-Heimat, schmerzhaften Traditionen, ekelhafter Männerherrschaft, Befreiungen und Gefangenschaft. Erheiterndes und Erschütterendes. Es funktioniert erstaunlich gut, ein und dieselbe Geschichte aus dem Munde von Mutter und Sohn zu hören. Es funktioniert erstaunlich gut, wie die große Zahl von Mosaiksteinen sich zu einer eindrücklichen Familienbiographie verdichtet. Es funktioniert, den Anklagen überzeugendes Gewicht zu geben, sind sie doch eingeflochten in das Gewebe belasteter Lebensläufe. Und daneben leuchtet dennoch Freude und Frohsinn auf.

            Unser Deutschland Märchen reflektiert das individuelle Schicksal einer Gastarbeiterfamilie aus dem archaischen Anatolien in der industriell explositionsartig expandierenden Bundesrepublik. Der Roman durchleuchtet die Emanzipationsversuche des Autors als feingeistigen Einzelgänger gegenüber der rechtschaffenden Mutter. Die Befreiungsschläge der Frau in der Männer-dominierten Unendlichkeit. Die Fesseln und Widersprüche eines hochfrequenten Wirtschaftssystems im Kontrast zu lähmenden Gesellschaftsnormen in der jährlich besuchten türkischen Heimat. Es ist auch eine Sozialreportage der Wirtschaftswunderjahre.

            Fatma ist die Mutter von Dinçer. Deren Mutter lebte noch als Nomadin von den Einnahmen ihres Tabak-schmuggelnden Mannes – bis er erschossen wurde. Die Regeln dieser Gesellschaft lesen sich so: „Ein obdachloses Weib zu behüten, ist die Pflicht eines jeden Mannes. Jetzt warteten … die nächsten auf sie, mit ihren steifen Werkzeugen. Bekamen die Möglichkeit, das Gewissen ihrer Schwänze zu beruhigen.“ Fatma und zwei Brüder werden gezeugt. Fatma wird einem Fremden als Gattin zugewiesen, um in Deutschland Geld für die beiden behinderten Brüder zu verdienen. Fatma will es nicht, muss es aber.

Der neue Ehemann wird sich als arbeitsscheu und wenig geschäftstüchtig erweisen. Fatma dagegen wird sofort die treibende Kraft der Familie. Hilft ihrem Mann in seiner schlecht laufenden Kneipe, quält sich mit seinen immer weiter auftürmenden Schulden ab. Arbeitet in Schwermetallfabriken, gebärt zwei Söhne und nimmt Zweittätigkeiten in der Landwirtschaft an bis der Zusammenbruch eintritt: ein schwerer Arbeitsunfall zwingt sie zu monatelangen Krankenhausaufenthalten und wiederholten Operationen, die ihren Gesundheitszustand fortlaufend verschlechtern. Und dennoch gibt sie nicht auf. Kommt den unstillbaren Begierden nach Konsumartikeln ihrer Verwandtschaft in der Türkei nach, versorgt bis zu acht Bewohner in ihrer kleinen Wohnung und beherbergt undankbare Flüchtlinge. Überraschend bewahrt sie sich ein offenes Herz. Sie kann gar nicht anders. Ein kleinwüchsiger Türke, der den Arsch nah am Boden trägt, eröffnet ein Bordell. In ihrer Kneipe verteidigt Fatma die kleinen Huren vor den sabbernden, geilen Böcken und versucht die jungen Dirnen wieder auf den rechten Pfad zu leiten. Sie werden in ihren wankelmütigen VW-Bus verfrachtet mit Ziel Frankfurt, Köln oder wo immer die Mädchen herkommen. Ihre Väter und Brüder werden bedrängt, die verstoßenen Töchter wieder aufzunehmen. Meist klappt es nicht. Dinçer wird später ihr Lebensgefühl so beschreiben: „Das hier ist nicht mein Leben. Das hier ist nur die Zeit, in der ich die Töpfe der anderen fülle…“.

            Dinçer ist Fatmas lang ersehnter Erstgeborene. Er ist besonders, integriert sich kaum in den deutschen Kinderalltag, schreibt früh Gedichte. “Wenn ich vor meinen schönsten Jahre sterbe, soll keiner weinen.“ Das Testament, bereits mit acht Jahren verfasst. Dinçer leidet mit der Mutter, vernachlässigt die Schule, um schon als Grundschüler mit und für die Mutter Geld zu verdienen. Von den ersten Ersparnissen kauft er ungefragt für sie Stöckelschuhe. Leider passen sie nicht. Die Mutter trägt sie trotzdem bis die Blasen platzen. Dem Pubertierenden wird vom Onkel ein Putzjob angetragen. Auch er hat inzwischen ein Bordell eröffnet. Obwohl die versprochene Entlohnung nie gezahlt wird, fühlt Dinçer sich mit dem Erfahrungsschatz königlich entschädigt.

            Das Verhältnis zur Mutter nimmt zusehends Schaden, wird zwiespältig. Er erfüllt nicht ihre Erwartungen. Sie auch seine nicht, als sie in der anatolischen Ferne die paternale Diktatur der Dörfer mitlebt. In Anatolien sind nicht Taten ein Verbrechen, sondern das Sprechen über die Taten. Also schweigt Fatma auch dann noch als eine rechtschaffende Frau geächtet wird, weil sie vor dem Missbrauch flüchtet. Dinçer macht die harte Schule einer Werkzeugmacherlehre durch. Irgendwie will er auch normal sein – und wird es doch nicht. Versucht sich bei einer Schauspielschule, fühlt sich als Schwuler entlarvt. Flüchtet von Zuhause, vagabundiert durch die Strichernächte Istanbuls. Verweigert sich. Wird dichtender Kneipier. Die Lyrik nimmt immer mehr Raum ein, auch wenn es die Familie verstört. Bis ein Herr Hoeke seine Begabung entdeckt und Dinçer nachhaltig fördert. Erste öffentliche Auftritte folgen. Die Presse berichtet euphorisch. Preise werden überreicht. Schließlich der literarische Gabelstaplerfahrer und Inhaber eines kleinen Eigenverlages. Bis heute. Das ist Dinçer Güçyeter.

            Währenddessen kämpft Fatma und fügt sich dennoch dem Diktat ihres Schicksals. Und dies, obwohl sie angefüllt ist von tiefster Enttäuschung. Ihre Erfahrung ist: solange der Mensch das Dasein prägt, wird die Welt nicht für Menschen sein. Der Mensch bleibt das ewig blutende, rohe Fleisch. Egal ob in der Heimat oder Heimatlosigkeit, unter Türken oder Deutschen, in der Familie oder allein. Gerade wegen dieser abgründigen Tiefen berührt es umso mehr, wenn wir von Sohn und Mutter ein gemeinsam verfasstes Deutschland Märchen lesen. Es ist eine Heimkehr. Das sanfte, ehrliche Aufarbeiten, das Zusammenführen von Welten, von Werten, die so lange unvereinbar schienen, hatte die Mutter sich doch einen geschäftstüchtigen, starken Gattenersatz erhofft. Stattdessen brachte Dinçer sanfte Worte nach Hause. Jetzt erlebt die Mutter vermutlich zum ersten Mal als Koautorin die Stärke des Wortes durch den Mund ihres Sohnes. Ein wahres Märchen mitten in Deutschland.

 Auch wenn das Werk zum Ende Gefälle offenbart, bleibt es eindrücklich.

Note 2 –(ur)<<

 

>>Mit der Frage „Wann wirst du dein eigenes Lied singen, Alamanya ?“ endet das „Lied der Mütter vor dem Parlament.“

Ich habe versucht, die Frage zu beantworten und angefangen zu dichten und zu singen. Den Titel „Das Brummeln der Kartoffeln“ hatte ich schnell gefunden, aber der Rest ist leider ziemlich misslungen, weshalb ich m e i n Lied der geneigten Leserschaft ersparen möchte. Vorsichtshalber habe ich es zerrissen. Die Mahnung von Mutter Fatma an ihren Sohn Dinçer gilt nicht für meine Zeilen: “Dinçer, sei nie zu schnell mit deinem Urteil, weder jetzt noch später. Die Wahrheit bleibt oft ein Geheimnis.“ Hut ab vor Dinçer G., einem Autor, der die zweite Grundschulklasse wegen mangelnder Deutschkenntnisse wiederholen musste und jetzt Prosa, Lyrik und mehr veröffentlicht. Genreübergreifend. Er spielt mit der Sprache, wirkt aber manchmal artifiziell, manieristisch. Und manchmal so anspruchsvoll, dass der native speaker nur mit Mühe versteht, was ihm der Autor sagen will.

Der Mutter-Sohn Dialog berührt durch seine Ehrlichkeit und seine Authentizität. Dinçrt enttäuscht die Erwartungen der Mutter auf einen soliden Sohn an der Werkbank. Eigentlich ein klassischer Konflikt, Kinder erfüllen nicht die Erwartungen der Eltern. Wohltuend für meine Kartoffelseele, dass Dinçer Güçyeters Deutschlandbild sich nicht auf rassistische Anschläge beschränkt, sondern auch die Unterstützung und Hilfe erwähnt, die er von deutschen Nachbarn erfahren hat.

Eine bewegende Lektüre. Lohnend.  Note : 2/3 (ax) <<

 

<< Unser Deutschlandmärchen: Eine formal ungewöhnliche Montage aus über 60 Szenen, Gedichten, Chören, Gebeten, ja offenbar authentischen Fotos aus dem Familienalbum. Die an vielen Stellen sehr berührende Geschichte einer Einwandererfamilie aus Anatolien, die -so lässt sich vermuten- die Geschichte des Autors und seiner Familie, ist. Dinçer Güçyeter gibt auch seiner Mutter Fatma eine Stimme, in dem er zahlreiche Szenen aus ihrer Sicht erzählt. Die Frauen halten den Laden zusammen. Männer kommen eher schlecht weg bei Gücyeter. Sein Vater ist ein Versager mit „riesigem Kopf“, sein Onkel betriebt ein Bordell, in dem auch der junge Dincer aushilft. Die Männer in den Kneipen geile Böcke. Einzig Amtsrichter Hoeke- ausgerechnet- hebt sich von der negativen Folie ab. Er hilft dem 14-jährigen Dincer und erkennt sein Talent als Dichter und fördert ihn. Ein Märchen.
Im zweiten Teil wird das Buch schwächer. Zuviel gewollt und überfrachtet. Schade.
Note: 2/3 (ün)<<

Elternabend- Sebastian Fitzek

Droemer  334 Seiten.

>> Wer seine Hauptfigur mit einer Sprache auf Kalauer- und Männerwitzniveau ausstattet, der darf sich nicht wundern, dass das eintrifft, was jener Sascha Nebel selbst vermutet:“…dass nahestehende Personen meine Gedankengänge manchmal nervtötend finden“ (81). Hinzu kommt, dass das Potpourri des sonstigen Personals kaum übers Klischee hinauskommt. Damit verspielt der Autor alles, was gute Unterhaltungsliteratur ausmacht.  Ja, ich habe mich bei einigen Slapstick-Szenen im Schilfwerder-Kammerspiel auch beim Lachen ertappt, im Nachhinein ein Fall fürs Fremdschämen. Im seichten Gewässer der Handlung wird es dann unerträglich, wenn Tragisches und Ernsthaftes zum Kitsch verkommt.

Die Misere beginnt schon vor dem 1. Kapitel. Dem dümmlichen Lesehinweis des Verlags ist eine wohl humorvoll gemeinte Widmung vorangestellt: „Für meine Kinder“. Ein Warnhinweis für Leser wäre angemessener gewesen.  Note 5/6 (ai) <<

 

 

>> Sebastian Fitzek, Deutschlands erfolgreichster Autor, liest man auf dem Buchdeckel. Wer wird da mäkeln wollen. 15 Millionen verkauft, tja. Er verzichtet auf die Genderei, dankt seinen Lesern auf der letzten Seite fürs Lesen und nennt seine Mailadresse. Das kommt selten vor. Kurzgefasst zum Buch: die Zettelkästen, in denen der Autor seine Pointen stapelt, müssen riesengroß sein. In einem recht konstruiert wirkenden Plot hechelt man von Pointe zu Pointe. So ähnlich wie bei manchen Kabarettisten, wo der nächste Witz vorhersehbar ist. Witz komm raus, Du bist umzingelt.

Die Penisfixiertheit („ein mir sehr wichtiges Körperteil“) langweilt. Peinlich der Hinweis auf ein Handbuch “Suizid-Verhindern für Dummies“. Da hilft auch der „Hinweis für mitlesende Oberstudienräte“ nicht weiter. Der Verlag wirbt für eine „Komödie mit Tiefgang“. Die Tiefe erschließt sich mir nicht. Der Erfolg des Buches stimmt nachdenklich. Sehr nachdenklich.

Offen blieb die Frage, warum nie geraucht wird. Das Büro des Autors (fitzek@sebastianfitzek.de) beantwortete die Frage nach zweimaliger Nachfrage mit dem Hinweis, dass Herr Fitzek nicht rauche. Na also.  Note: 5 (ax) <<

 

 

>> Ein Tiefpunkt im Literarischen Quartett. Es ist das am schlechtesten jemals bewertete Buch. Es hat mit Schule und Elternabend so viel zu tun, wie dieses Buch mit Literarur. Voll von unerträglichen Klischees, platten Einfällen und einer von grotesken Vergleichen zerschundenen Sprache.  Nicht witzig, sondern aberwitzig dümmlich. Stichworte:  Aromayoga  und Polysusi69. Note . 6 –( ün)<<

 

Hiob – Joseph Roth

dtv 188 Seiten

<< Wenn einer am Ende das Wunder verdient, dann jener Mendel Singer, den Joseph Roth, seinem biblischen Vorbild folgend, durch qualvolle Schicksalsschläge schickt. „Fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich“ so wird der 30jährige Thoralehrer (was Analphabetismus nicht ausschließt) eingeführt. Die „Fruchtbarkeit seiner Lenden“ steht im Kontrast zu „seiner Hände Armut“ (anders als der biblische Hiob) und nachdem sich ersteres mit der Geburt des 4. behinderten Menuchim ebenfalls legt, folgen freud- und lustlose Jahrzehnte. Schonungslos offen sind die Bilder vom Zerfall einer Ehebeziehung. Gefangen im Korsett jüdischer Orthodoxie verweigert Mendel für Menuchim mögliche medizinische Hilfe. Bedingungslose Opferbereitschaft und Selbstaufgabe, das ist die kleine Welt Mendels. „Welche Hilfe erwartest du von den Menschen, wo Gott uns bestraft“ fragt Mendel Deborah, die sich wenigstens neben Ahnenkult und Fasten noch mit den Heilungs-Prophezeiungen eines jüdischen Rabbi zu trösten vermag. Brutalität der Geschwister gegenüber „dem missratenen Krüppel“, eine lustbetonte Tochter, die sich mit „Kosaken“ einlässt, ein für den galizischen Juden fremdes Zarenreich, das seine beiden Söhne zum Militärdienst zwingt, diese „Plagen“ scheinen mit der Amerikageschichte Schemarjahs eine Wende zu nehmen. Etwas klischeehaft der Aufstieg des Zarendienstdeserteurs zu Sam, dem Kaufhausbesitzer. Entgegen dem Rat des Rabbi wird Menuchim zurückgelassen. Das „gesegnete Land“ erweist sich janusgesichtig. Für Mendel überwiegt das Verharren in seiner alten Welt schlichter Frömmigkeit, für die junge Generation gilt ein zukunftszugewandtes Amerikabild. Brillant wie Roth in wenigen Zeilen diese vermeintlichen Verheißungen skizziert. Und gerade als im 58. Jahr zum ersten Mal „die Sorgen das Haus Mendels Singers“ verlassen (Kap.XI), folgen die unerbittlichen Schicksalsschläge. Sam fällt fürs amerikanische Vaterland in Europa, Deborah stirbt an Trauer über den verlorenen Sohn und die liebestolle Tochter Mirjam, von der der Vater schon seit der Kosakenepisode glaubt, der „Teufel sei in sie gefahren“ wird verrückt. Der verlorene Bruder, lieb ich Mac oder Herrn Glück, für sie und für mich als Leser etwas zu viel. Was folgt ist die Wende: Mendels Zorn auf Gott. Nicht mehr der „wacklige Körper“, der am ganzen Körper betet, sondern der aufbegehrende Mendel, der sein „rotsamtenes Säckchen“ (Gebetsriemen, Gebetsmantel, Gebetsbücher und mit ihm Gott „verbrennen will“. Dass nun gerade die jüdischen Freunde, deren Sinn eher nach Geld statt nach Sabbat stand und auf deren „alten Glauben“ der „Staub der Welt schon dicht lag“ Mendel vor dem endgültigen Abfall von Gott retten und ihn an die Hiobgeschichte erinnern, verweist auf ein reichlich pragmatisches Glaubensverständnis von Joseph Roth. Reichlich knitze auch, dass sich der lästernde und gottfluchende Mendel als zehnter Mann zum jüdischen Abendgebet für reine Anwesenheit bezahlen lässt. Nach so viel Abkehr vom Glauben naht beim jüdischen Osterfest im Hause Skowronnek mit der Lichtgestalt des jüdischen Komponisten Menuchim Kossak das mit dem Romantitel „Hiob“ schon erwartete Wunder: Die Heimkehr des verlorenen Sohnes und die Buße des sündigen Vaters. Das Schlussbild des Romans eine Fotografie der zukünftigen Singer-Kossak  Familie im Zimmer eines Nobelhotels  : filmreif amerikanisch verkitscht. Wohl dem, der wie Mendel angesichts seiner Lebensgeschichte noch an die „Größe der Wunder“ glaubt.

So fremd mir die bedrückende Welt dieses „gewöhnlichen Juden“ auch ist, Joseph Roth beschreibt sie sehr anschaulich. Erzählperspektiven und Erzählstile sind variantenreich. Meist nüchtern registrierend, wenn aus der Perspektive der Figuren gesprochen wird, etwa die Beschreibung der Mendel-Deborah Entfremdung, die Kutschfahrten mit Sameschkin oder – ein highlight – Mendels Dokumentenepisode in Nummer 84. Daneben poetisch liebevoll Stimmungen und selbst bei allem Unglück für Mendel einzelne Mirjam Episoden.

Josef Roths Roman entstand 1930. Auch sein „Hiob“ lässt die Theodizee-Frage unbeantwortet.  Note: 1/2 (ai )<<

 

 

>> Wie im Alten Testament geschrieben steht, war Hiob ein Mann Gottes. So gottesfürchtig, dass Gott sich beim Disput mit dem Satan weit aus dem Fenster lehnte: dem Teufel würde es nicht gelingen, Hiob vom rechten Weg abzubringen. Darauf nahm der Teufel dem wohlhabenden Hiob sukzessive alles. Doch nach jeder weiteren Katastrophe lobpreiste Hiob seinen Gott: „Der Herr hat es gegeben. Der Herr hat es genommen. Gelobet sei der Herr.“ Der Herrgott wusste es zu schätzen und belohnte den Gottesdiener überreichlich, da sich dieser jeder Versuchung widersetzte.

Roth hat die alttestamentarische Episode in das Ostjudentum des frühen zwanzigsten Jahrhundert transformiert. Sein Jude heißt Mendel Singer, lebt unter ärmlichsten Bedingungen im russisch-polnischen Grenzgebiet und gibt sich ähnlich gottesfürchtig. Doch als die nicht enden wollenden Schicksalsschläge überhand nehmen, verdammt der alte Singer schließlich seinen Gott. Diese Verfremdung spiegelt vermutlich die tiefe Enttäuschung des Autors wider, der als Jude im aufziehenden Nazideutschland die alte Theodizeefrage aufgreift: wie ein allmächtiger Gott größtes Leid geschehen lassen kann. Roths Protagonist emanzipiert sich von der orthodoxen Frömmigkeit. Als am Ende des Romans ein verloren geglaubter Sohn Mendels wie ein auferstandener Messias den Vater aus dem Elend errettet, driftet die Darstellung in märchenhafte Klischees ab. Der Text lässt die Vermutung zu, dass Mendel nicht bekehrt wird – oder doch?  Was will uns das sagen?

Mendel ist mittelloser Gebetslehrer für eine Handvoll Vorschulkinder. Mehr nicht. Verachtet von seiner Frau Deborah ob seiner Erfolglosigkeit, führt Mendel dennoch ein in sich ruhiges Dasein, weiß er sich doch im Einklang mit den göttlichen Geboten. Drei Kinder toben durch die winzige Hütte bis schließlich noch ein viertes dazukommt. Als ob Deborahs Leib nicht mehr ausreichend Lebenssaft hatte spenden können, wird der kleine Menuchim als von epileptischen Anfällen geschüttelter Krüppel geboren. Die Geschwister hassen ihn, versuchen den sprachunfähigen Bruder zu ertränken. Doch etwas Unbestimmtes verleiht Menuchim eine unsterbliche Zähigkeit. Die Eltern empfinden eine besonders tiefe Verbundenheit mit ihrem behinderten Kind, die die Liebe zu den drei anderen Kindern fast vergessen macht.

Als die älteren Brüder das wehrfähige Alter erreichen, drohen beide für 25 Jahre zwangsrekrutiert zu werden. Einem kann die Mutter einen Schleuser ins Ausland finanzieren, für den zweiten reicht das Ersparte nicht. Doch dieser hat zum Entsetzen der Eltern inzwischen Gefallen am Militärdienst gefunden und wird Kämpfer der zaristischen und später weißen Armee. Ein grausamer Tod scheint ihm sicher. Währenddessen pubertiert sich Tochter Mirjam durch die benachbarten Kornfelder, wo ihr als hormonwütiger Heißsporn auch gern mal drei Kosaken gleichzeitig gerade genug sind. Der Vater ist entsetzt, während die Mutter schon lange aufgegeben hat. Als dann Post vom inzwischen in die USA geflüchteten Sohn Schemarjah kommt, beschließen sie nach Amerika auszuwandern, um die Tochter dem Sündenpfuhl zu entreißen.

Was folgt, ist ein kafkaesker Spießrutenlauf durch den korrupten Bürokratensumpf, wo auch den Nackten noch in die Tasche gegriffen wird. Es scheint lange Zeit unmöglich, die Ausreisepapiere zu erhalten. Kaum vorstellbar gelingt der Familie schließlich doch die Überfahrt nach Amerika. Mit Nachbarn einigt man sich, dass Mendels Hütte ihr neues Eigentum wird, wenn sie sich um den schwer behinderten Menachim kümmern, den sie zurücklassen müssen.

Sohn Schemarjah ist inzwischen in den USA bestens assimiliert, trägt jetzt den Namen Sam und avanciert zum erfolgreichen Geschäftsmann. Die Familie findet im jüdischen Viertel Unterkunft, die Tochter einen Mann, der Sohn eine Frau, die ihm schon bald eine Familie beschert. Amerika, das neue gelobte Land. Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus. Überraschend treten die USA in die Kämpfe ein, so dass auch Sam aus Überzeugung für seine neue Heimat freiwillig in den Krieg zieht. Er überlebt nur wenige Wochen. Mit der Todesnachricht bricht sowohl die Mutter zusammen und verstirbt, wie auch Mirjam, die eine degenerative Psychose entwickelt, die nur in einer geschlossenen Anstalt behandelt werden kann. In kürzester Zeit hat sich Mendels paradiesische Geborgenheit in eine grausame Hölle verkehrt: der älteste Sohn vermutlich in Russland umgekommen, der zweite im Weltkrieg gefallen, der jüngste verkrüppelt und lebensunfähig in der fernen Heimat, die Tochter unheilbar vom Teufel besessen und die Gattin ob dieser Qualen tot umgefallen. In der Interpretation des Geschehens wird auch die ewig umstrittene Frage berührt, ob die Assimilation orthodoxer Jude an veränderte Lebensumstände nicht nur Verrat am Ursprünglichen ist sondern auch den Untergang vorwegnimmt.

Für Roth markiert der Roman einen Wendepunkt: Aufgabe seiner engagiert kritischen journalistischen Arbeit hin zur traditionellen Literaturform auf Grundlage jüdischer Ursprünge. Roth selbst spricht von einer „anderen Melodie“, die ihn bewegt.  Eingebettet ist dieser Wandel in eigene Schicksalsschläge, die der gläubige Autor als göttlichen Fluch empfindet. Die Parallelen zum Roman sind offensichtlich. Während Mendel Singer sich schuldig macht, als er den verkrüppelten Sohn in der verruchten Heimat zurücklässt, glaubt Roth seine geliebte Frau Friedl verraten zu haben, als sie unheilbar an Schizophrenie erkrankt.

Ein kontrovers interpretierter Unterschied zwischen dem Alten Testament und Roths Hiob liegt in der Inszenierung der Protagonisten. Hiob ist Milliardär seiner Zeit, Mendel von Anfang an verarmt und hat damit eine nur geringe Fallhöhe. Hiob hält am Glauben fest und wird dafür göttlich entschädigt. Mendel verliert seinen Glauben und kehrt vermutlich nicht (?) zu ihm zurück. Dennoch wird auch Mendel erlöst und belohnt: sein ehemals schwerst behinderter Sohn ist zwischenzeitlich wundersam geheilt, mittlerweile berühmter Dirigent und findet in Umkehrung den verlorenen Vater. Die metaphorische Belohnung ergibt sich mit dem gemeinsamen Umzug ins legendäre Hotel Astor. Vermutlich ist diese Wendung parodistisch zu verstehen, war Amerika doch für Roth die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne den Umweg über die Kultur. Dazu könnte auch der als Mendels Tod interpretierte letzte Buchabsatz passen: „ Während sie sich langsam schlossen, nahmen seine Augen die ganze Heiterkeit des Himmels in den Schlaf hinüber…“

Ein Roman der alten Schule, interessant für Interessenten jüdischer Geschichte, sprachlich auch mit Höhepunkten z.B. in der Beschreibung Amerikas. Note: 2/3 (ur)<<

 

>>  Mendel Singer, Du Allerärmster. Leben mit einem Gott, der nur danach trachtet zu kontrollieren, zu strafen, zu richten. „Gott ist grausam, und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns um.“ Um Gottes willen.

Das ist keine Hilfe für den Alltag, für das Leben. Unglück oder Pech kann nur als göttliche Strafe gedeutet werden. Ohne Gott zu leben, was wäre das für eine Befreiung. Mir wurde ein anderes Gottesbild vermittelt. Manchmal fällt er mir erst ein, wenn Not am Mann ist. Dann werde ich zum Bittsteller. Ihn anzusprechen kann beruhigen. Er hilft, aber nicht immer… Aber ich weiß, Unglück oder Pech, das mir begegnet, ist nicht von ihm geschickt. Eher von Mitmenschen verursacht oder auch von mir selbst. Richtig gefallen hat mir nur ein einziger Satz:“Denn die Genüsse sind stärker, solange sie geheim bleiben.“ (Seite 16).  Note: 3+(ax) <<

Was vom Tage übrig blieb- Kazuo Ishiguro

Blessing | 317 Seiten

>>Der Ich-Erzähler Mr. Stevens, seit über 30 Jahren Butler im vornehmen Haus von Lord Darlington, nimmt uns mit auf eine 6tägige Reise „durch einige der schönsten Gegenden Westenglands“. Dass dabei die Landschaft fast auf der Strecke bleibt und stattdessen die Lebensgeschichte eines perfekten Butlers zum Vorschein kommt, verwundert wenig.  Eröffnet doch Mr. Stevens seinem neuen, ihn zur kurzen Auszeit geradezu drängenden Dienstherrn Mr. Farraday, kein alter englischer Adel sondern dollarschwerer Amerikaner, dass es ihm „vergönnt“ war „im Laufe der Jahre innerhalb dieser Mauern das Beste von England zu sehen“ und er eigentlich wenig Bedürfnis verspüre sich im schönen England umzusehen. So bleiben denn auch die „Mauern“ von Darlington Hall auf der Reise in immer wiederkehrenden Erinnerungsepisoden fast beklemmend allgegenwärtig. Statt frischer Fahrwind im schicken Ford vor allem Eintauchen in die Innenwelt der englischen Aristokratie und die Sekundärtugenden ihrer Dienerschaft und damit ein großartig erzähltes gesellschaftskritisches Dokument   Die Choreografie dieser Gesellschaftsschicht bewegt sich in einem starren nach außen  abgeschotteten Regelsystem. Pathetische Zuschreibungen des Ich-Erzählers wie „Würde“, „Größe“, „Moralität“, „Loyalität“ erschöpfen sich letztlich im dienenden Perfektionismus. Wenig verwunderlich daher, dass Empathie in der Welt eines Butlers mit Helikopterblick und absoluter Selbstkontrolle als Störfaktor wahrgenommen wird. Kühler als der Abschied vom eigenen Vater kaum möglich, Fähigkeit zu lieben gar unmöglich, ein Gefühlston wie in der glänzenden Miss Kentongeschichte zart angedeutet schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt (großartig: die Schlüsselszene der Beziehung spielt an einer Bushaltestelle). Ishiguro verlegt die Erzählzeit ins Jahr 1956, die erzählte Zeit reicht in den Erinnerungen seines Erzählers bis in die 20 Jahre zurück. Die Zeitebenen von Erinnertem und gerade Erlebtem werden so kunstvoll verzahnt, dass auch die Vergangenheit unmittelbar gegenwärtig erscheint. Der Blick fürs Wesentliches oszilliert: Ein Nasentropfen, eine vergessene Kehrichtschaufel, eine Konferenz, die im März 1923 im Hause Darlington Geschichte schreibt – sie sind nur einen erinnerten Wimpernschlag auseinander. Dabei ist sich Ishiguros Erzähler auch seiner Sprunghaftigkeit und Lückenhaftigkeit bewusst ist („schweife ab“, „verliere mich in Erinnerungen“, „ich komme jetzt darauf zurück“ „was ich eigentlich sagen wollte“, „möglicherweise täuscht mich meine Erinnerung“, „ich bin mir nicht sicher“). Nichts vermag aus meiner Sicht die auch reichlich skurrile Butlerwelt besser zu charakterisieren als Stevens Zufallsreisebegegnung mit dem Dorf Mursden und dessen Bedeutung für die Weltgeschichte. Ursprünglich Sitz der Firma Giffon & Co für Politurkerzen führte deren Entwicklung einer neuen Silberpolitur zum Umschwung in der Kunst des Silberputzens in englischen Adelshäusern , ein Zustand der während einer Geheimkonferenz von Lord Halifax und von Rippentrop („Schwindler im Auftrag Hitlers“) im Hause Darlington für Stevens  in der  Erinnerung in dem Triumph endet „mit dem Zustand des Silbers einen bedeutenden Beitrag zu Entspannung des deutsch-englischen Verhältnisses geleistet zu haben.“  Dies  ist  der Hochglanzhorizont des Butlers, der „seinen Posten am Portal“ zum „Dienst an der Menschheit“ überhöht, der glaubt, der Nabe des Rades nahe gekommen zu sein,  an der die großen Persönlichkeiten Weltpolitik gestalten („die gewöhnlichen Menschen können die großen Angelegenheiten nicht erfassen“), wo sich auch das „moralische Format eines Dienstherrns“  mit der Entlassung zweier jüdischer Hausangestellten verträgt, wenn es die Opportunität gegenüber dem deutschen Gesandten im Haus Darlington erfordert. So ist Stevens auch auf einer Reise immer dann kommunikativ blockiert, wenn das Gespräch auf das Leben und Werk Lord Darlingtons kommt. Das Bild der Nachwelt als Schachfigur im Spiel des Naziregimes verträgt sich nicht mit dem Bild, das Stevens von seiner Lordschaft verinnerlicht. Dass seine Dienerschaft „erstklassig“ gewesen sei, auch wenn letztendlich „Leben und Werk“ seines Dienstherrn „eine traurige Vergeudung“ gewesen sei, schützt den wahren Butler vor jedem Selbstzweifel.

Dass Stevens die Welt außerhalb „der Mauern von Darlington“ letzten Endes fremd bleibt, dass Begegnungen mit „gewöhnlichen Menschen“ auf der kurzen Reise eher Unsicherheit als Offenheit befördern, zeigt, dass er im Korsett eines Gesellschaftssystems gefangen bleibt, das sich überlebt hat. Er wird dadurch zur tragischen Figur, die auch durch das abschließende Seeluftgespräch, in dem der Ich-Erzähler erstmals Empfindungen wie „Freude“, „Herzlichkeit“, „menschliche Wärme“ wahrnimmt, kaum noch zu retten ist. Wer zudem gar das Scherzen weiterhin als „Aufgabe“ gegenüber seinem künftige Dienstherrn Farraday versteht, der unterwirft sein Ich weiterhin der Pflicht.

Ishiguro entwirft am Beispiel einer authentischen Butlerfigur, auch sprachlich und erzählerisch souverän, eine großartige Gesellschaftskritik der englischen Aristokratie. Dass von diesen Tagen auch in der Zukunft nichts mehr übrigbleibt, ist nicht nur England zu wünschen.  Note: 1,5  (ai) <<

>> Ein Butler im lebenslangen Einzelkampf, seine Dienste immer weiter zu perfektionieren. Sein Grundsatz, maschinenartig zu funktionieren und alle persönlichen Anteile zu eliminieren. Das ist der Goldstandard. Am Ende des Tages bleibt ein Mann, der entseelt auf seinen Lebensabend blickt. Mit kleinen Anekdoten schreitet der Leser durch den überholten Alltag des britischen Adels. Der Ich-Erzähler, der sich gezielt jeder Empathie beraubt und vielleicht für die erstrebte Fremdwahrnehmung auch den Leser belügt? Er will der beste Diener im Erdenkreis sein und dazu gehört die Tilgung aller Emotionen.
Ein mühsamer Roman. Ein Bühnenbild, das ermüdet. Und dann das belebende Versprechen des Bucheinbands („Eine bewegende Liebesgeschichte“), das so wahr ist wie die Behauptung von gymnastischer Beweglichkeit eines Betonnagels. Viel bleibt nicht übrig vom Tage und diesem Werk.  Note:  4 (ur)  <<

 

<< In Ishiguros sprachlich herausragendem und formal äußerst raffiniertem Werk geht es sowohl um die aus unserer Sicht grotesken und bizarren Mechanismen der britischen Klassengesellschaft, die bis heute nachwirken und die Menschen, die sie tragen als auch um die Frage aller Fragen: Worin besteht ein erfülltes Leben? Die äußere Klammer bildet eine 6-tägige Reise des Butlers Stevens, in der er uns in gut nachvollziehbaren Rückblicken sein Leben als Butler von Lord Darlington von den 30 er Jahre bis Mitte der fünfziger Jahre schildert. Selten koinzidiert die literarische Sprache so gut mit dem Gegenstand, den sie beschrieben soll. Stevens unternimmt die Reise zu einem Zeitpunkt, da sich sein langjähriges berufliches Leben als Butler dem Ende neigt. Er ist immer noch vollständig gefangen in seiner Rolle, die keine Gefühlsregung erlaubt und deren Kern er mit „Würde“ beschreibt, was bei den Menschen, denen er auf seiner Reise begegnet zu verständlichen Missverständnissen führt. Sie haben eine andere Vorstellung von „Würde“, die ihrer Meinung nach alle Menschen und nicht nur Butler besitzen. Überhaupt kommt er auf dieser Reise durch Cornwall wohl zum ersten Mal seit langem mit „normalen“ Meschen in Kontakt. Erst in der Rückschau auf dieser Reise erfahren wir nach und nach  , dass sein verehrter Lord Darlington, der enge Kontakte mit hohen Naziführern hatte , nach dem Krieg gesellschaftlich isoliert war. Zweimal streitet Stevens sogar ab, jemals Lord Darlington gedient zu haben. Er rechtfertigt dies damit, dass er das Andenken an seinen Dienstherrn nicht beschmutzen lassen will. Ob er uns damit die ganze Wahrheit sagt, bleibt offen. Dies gilt auch für seine Zuneigung zur früheren Haushälterin Miss Kenton, die das vordergründige Ziele seiner Reise ist. Obwohl er auch ihr gegenüber stets kühl und förmlich bleibt, fragt er sie doch, ob sie in ihrer Ehe glücklich ist. Als sie dies bejaht, überspielt er seine Enttäuschung durch professionelle britische Höflichkeitsfloskeln.
Erst als Miss Kenton ihm zu verstehen gibt, dass sie auch darüber nachgedacht habe, wie ihr Leben mit einem anderen Mann, z.B. mit ihm verlaufen wäre, „bricht ihm das Herz“. Ein rarer Augenblick, in dem man Emotionen bei ihm sieht. Ob sich Stevens am Ende der Reise durch den Kontakt mit einer anderen Wirklichkeit außerhalb der engen Mauern von Darlington und die Begegnung mit Miss Kenton verändert hat, bleibt offen. Aus dem was Stevens äußert, muss man folgern, dass er in seinem lebenslangen beruflichen Korsett  gefangen bleibt und er das „was vom Tage übrig blieb“ , das heißt den Abend des Lebens , nicht genießen wird, sondern weiterhin „der Butler“ bleibt.
Note: 1 ( ün) <<

 

>>  Lieber Mister Stevens,

ich schicke diese Mail hinauf in die Cloud, wo sich die besten Butler der Welt in der „Hayes   Society“ auch post mortem treffen. Jetzt haben Sie ja viel Zeit zum Lesen. Leider kann ich Ihnen nicht in der Sprache schreiben, die Sie gewohnt sind, also etwas gedrechselt und überelaboriert. Beim Lesen habe ich mich oft amüsiert über Ihre Formulierungen. Sätze wie „Sie messen der Angelegenheit eine zu große Dringlichkeit zu“, da muss man erst mal drauf kommen. Beeindruckt haben mich Ihre Überlegungen zu den Risiken, die mit witzigen Äußerungen verbunden sind. Ich habe damit auch einschlägige Erfahrungen gemacht, von der Ohrfeige einer an sich liebenswürdigen Grundschullehrerin vor vielen Jahren bis heute bei Leserbriefen. Aber was erzähle ich Ihnen da für Banalitäten. Ziemlich früh hatte ich geahnt, dass es kein Happy End für Sie geben würde. Freilich, Sie lebten in einer Zeit, in der man das Wort „Worklifebalance“ nicht kannte. Ich kenne Butler nur aus der Literatur oder aus Filmen. Insbesondere den Butler von Miss Sophie in „Dinner for one“. Und der sei in Deutschland gedreht worden wurde mir gesagt. Wegen Ihnen habe ich mein Butlerbild gründlich revidiert. Zum Besseren natürlich. Sie spielten in einer Liga, die es heute vermutlich gar nicht mehr gibt. Respekt, Respekt für Ihr außergewöhnliches Organisationstalent, Ihre Loyalität gegenüber Lord Darlington. Vermissen Sie ihn? Wo er wohl gelandet ist? Aber vielleicht waren die himmlischen Richter nicht so streng mit seinen politischen Rechtsabweichungen wie die britische Presse.
Schade, dass Sie so gar kein Feeling gegenüber den Avancen von Miss Kenton hatten… eigentlich unverzeihlich. Ich bin ja auch nicht gerade ein Draufgänger, aber wenn mir eine Frau so die Finger drücken würde, also da hätte ich zurück gedrückt, zärtlich aber bestimmt. Zu spät, Ihr Leben, aber auch das Leben von Miss Kenton hätte ein andere Wendung nehmen können, der Roman wäre kürzer geworden. Wenn Sie nur nicht so streng mit sich selbst gewesen wären, so dienst-und pflichtbeflissen, mon dieu. Auch beim Tod Ihres Vaters…, aber das war ein ganz besonderes Verhältnis.

Ihre einfühlsamen Landschafts-und Naturbeschreibungen beeindrucken. Mit der Wahl von Herrn  Ishiguro als Autor hatten Sie ein außerordentlich glückliches Händchen. Er hat alles, was Sie ihm erzählt haben, großartig auf-und zubereitet, sicher besser als Sie oder ich es gekonnt hätten. Aber ja, ein Butler von Ihren Dimensionen, der tut‘s auch nicht unter einem Nobelpreisträger. Sie, aber auch ich als Leser, sind Herrn Ishiguro zu großem Dank verpflichtet. Alles Gute für die nächsten Jahrhunderte wünscht Ihnen

Ihr Max Steinacher vom weltberühmten Literarischen Quartett Tübingen. Note: 1– (ax)

 

Hund Wolf Schakal – Behzad Karim Khani

Hanser Berlin2022   |  287 Seiten

>> Eine außergewöhnliche Milieustudie im Mikrokosmos Berlin Neukölln. Eine Pflichtlektüre nicht nur für Integrationsbeauftragte. Die zentralen Akteure alle schon sehr früh geprägt durch Gewalt, Krieg und Flucht. Dass damit alle „ihre Traumata in sich trugen“, erklärt wie dünn das Eis ist abzugleiten in eine Welt, die ihre eigenen Spielregeln und Moralvorstellungen definiert. Zu verlockend die Verführungen der libanesischen Gang um Marwan und Heydar um dem vor Schah- und Mullahterror geflohenen iranischen Familienvater Jamshid vor allem seinen Sohn Saam zu entfremden. Hält noch der 8jährige der Familienehre stand (wir sind keine Diener) und zwingt seinen kleineren Bruder Nima Frau Winkler die Belohnungsmünze zurückzugeben, so brechen in dem Maße alle Dämme, in dem die Peergroup durch Gangsterraprituale und Markenartikel neue Standards setzt. „Drei Steifen Adidas zwei Streifen Caritas“ so schlicht das Klassenmodell, da ist das auf die C&A Jacke aufgenähte Lacoste Krokodil nur ein kurzes Übergangsstadium in Saams Abwärtsbiographie. Klassenkamerad Heydar wird zum Drahtzieher dieser Entwicklung, sein Rekrutierungsfeld speist sich eigentlich aus Loosern, die er dem Schultheisskneipenmilieu in der „Weißen Rose“ zuführt. Dass an diesem Ort selbst ein Tischkickerspiel gefährliches Machtverschiebungspotential in sich birgt, dass sich hier Dummheit und Macht ein Stelldichein geben, dass sich hier die Einschätzung von Saams Vater Jamshid von der „stupiden Hierarchie von Totgeburten“ offenbart, all dies spürt Saam ohne daraus jedoch Konsequenzen ziehen zu können. Dass gerade an dieser Stelle des Romans der Autor für einen kurzen Moment vom Erzähler zum gesellschaftskritischen Kommentator wird und die Verantwortlichkeit des liberalen Rechtsstaats benennt, ist bemerkenswert.  Vom „Ritterschlag“ durch Ali Pacino über das Verticken von Iceberg-Pullovern oder Scarface-Kopien, über Heydars Rolex „Bruder“geschenk führt Sams Weg geradlinig dorthin wo das Gesetz der Gewalt gilt. Erst „der Sound, wenn Fleisch auf Fleisch trifft“, der Schlagring gegen den Zigeuner, macht in dieser arabisch dominierten Gegenwelt das Kind zum Mann. Mit dem Abstieg in die Kriminalität beginnt der Aufstieg im Milieu, in dessen Sprache sich die Handlungsoptionen ausschließlich zwischen „ficken“ und „gefickt werden“ bewegen. Letzteres verlangt in deren Logik nach Rache. Wie die aussieht, erzählt die Geschichte des kriminellen Palästinenserjungen Jamal. Demütigung von Saams Bruder Nima durch den Klau seines BMX-Rädchens, Saam macht im Auftrag des Clanchefs Marwin Jamal zum „Frankenstein von Neukölln“ („wegmachen“ lautet die Parole!)) . Erneuter Showdown der beiden Täter während Saams 6jähriger Knastepisode.  Am Ende von Khanis Roman steht der von Jamal beauftragte Mord an Saam durch einen 15Jährigen. Die Fortsetzung einer Geschichte von Gewalt und Gegengewalt ist absehbar.

Die Entwicklung der Biographie des jüngeren Bruders Nima spielt in einer anderen Liga und ist eher eine Nebenhandlung, hätte aber durchaus das Potential einer eigenen Neuköln-Geschichte. Nicht die „Weiße Rose“ sondern der Yard für Skater und Daves Friseursalon bilden neben der reichlich hippen Familien-Maybach Episode (der Name ist Programm)  die Kulisse. Das Heroinmilieu scheint gediegener, weniger gewalttätig und doch hätte der Leser vom Insider Khani gerne etwas mehr darüber zu erfahren, ob in Nimas Gymnasialklasse, deren Zusammensetzung (großartigeTypologie S.147) so wenig der „Urbevölkerung“  deutscher Bildungslandschaft entspricht, auf dem Weg zum Abitur auch Ansätze von Wissen und „soft-skills“ vermittelt wurden, die zukünftig Neukölln zu weniger Südlibanon machen.

Wo bleibt das Positive? Der Autor Khani ist die Erfolgsgeschichte. Mögen auch Hund, Wolf, Schakal Assoziationen offenbleiben, dieser Roman ist brillant und dies vor allem in der virtuosen Beherrschung unterschiedlichster Sprachniveaus. Fast jede Seite ein Beleg.  Note: 1 – (ai) <<

 

>> Das richtige Buch zur Silvester Nacht in Berlin! Wer wissen will, wie die Jungs in Neukölln ticken, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Spannend, witzig und mit großer sprachlicher Kühnheit führt uns Khani ein in die Kultur der in Berlin gestrandeten Einwanderer aus dem vorderen und hinteren Orient. Saam und sein Bruder Nima sind mit ihrem Vater Jamshid aus dem Iran geflohen. (Jamshid sieht sich allerdings nicht als Flüchtling, er befindet sich „auf einer Reise“ ). Schnell gerät Saam in Kontakt mit Jungs eines kriminellen Clans aus dem Libanon. Obwohl er ihre Dummheit sieht, sieht er auch ihre Macht. Und die fasziniert ihn. Saam findet schnell heraus, dass sich in dem Milieu Hierarchien leicht verschieben lassen, „die auf nichts beruhen als darauf, dass das Justizsystem des Landes eine Milde walten ließ, die sie als Schwäche fehlinterpretierten“ (S.60)  Khani will der in „Watte gepackten Mehrheitsbevölkerung“ mit seinem Buch einen Spiegel vorhalten. Sehr gelungen und sprachlich ein Genuss.  Note: 1 – (ün) <<

 

 

>>            In seinem Debutroman bricht der persischdeutsche Autor den Verhau eines stockdunkln Kellerverlieses auf mit Blick in die tiefböse Unterwelt von Berlin-Neukölln. Migrationsschicksal, Schulabbruch, Familienentfremdung, Gruppendynamik, Kleinkriminalität, Drogenwirtschaft, Mord, Gefängnis. Von A bis Z das Alphabet des Niedergangs vorbei am deutschen Rechtsbewusstsein. B.K.Khani öffnet mit dem Gang durch das Milieugebäude aber auch einen Dachverschlag, in dem die Seelenzustände seiner Opfertäter von erhellendem Licht beleuchtet werden. Was sind die Beweggründe, was Entwicklungsstrudel, was Lebensengpässe? Die Triebkräfte sind Ich-Überhöhung, Erniedrigung, Gewaltlust, Machtzeremonien, Respektperversion. Der ganze Mist. Das Werk von B.K.Khani ist jedoch kein Sachreport sondern ein literarisches Meisterwerk, das auf eine erstaunliche Weise Emotionalität und Erkenntnis so miteinander paart, dass das Entsetzen eingehegt und das Wissen in anspruchsvolle Prosa gekleidet wird. Grandios.

Im Mittelpunkt steht die Familie Homayoon. In Persien der 70er Jahre lernt der Student Yamshid im sozialistischen Schulterschluss gegen das amtierende Schah-Regime die Kommilitonin kennen, die er später heiraten wird. Zwei Söhne werden sie haben. Die Mutter wird früh von den Kindern getrennt. Ermordet von dem nachfolgenden Ayatollah Regime, das auch den agitierenden Vater zum Krüppel schießt. Er flüchtet mit den Buben nach Deutschland, dem Achtungland. Achtung Bosch. Achtung Benz. Achtung Beckenbauer. Das Land disziplinierter Erfolgsgeschichten. Der Vater wird Taxifahrer, aber ohne Erfolge und nie heimisch in der kapitalistischen Fremde. Komfort wäre ohnehin Verrat an marxistischen Idealen. Laut Yamshid stehen auch die aufkeimenden Depressionen und psychosomatischen Tics seiner schulpflichtigen Söhne in dieser Wohlstandsgesellschaft den beiden nicht zu, solange in Teheran Kinder Schlachthofmüll nach Essbarem durchwühlen müssen.

Die Nicht-Heimat heißt jetzt Berlin, Ghetto-Berlin. Eingepferchte Nationalitäten. Die Perser bringen historischen Stolz mit, den sie bei Arabern nicht erkennen können. Als Perser sind sie Verlierer mit erhobenem Haupt. Araber sind Verlorene. Die Ursprungsdeutschen dagegen sind bemüht: die hilfsbereite Nachbarin, die einfühlsame Lehrerin, die toleranten Schwiegereltern in spe. Die Behörden haben Luft nach oben. Der deutsche Richter überzeugt durch Fairness. Für die beiden Söhne wird jedoch im Laufe der Zeit die Clique zwingend. Dem Vater entgleiten die Söhne. Das Milieu garantiert, vom Sumpf verschluckt zu werden. Und so kommt es auch.

Saam ist bei der Einreise 1988 neun Jahre alt, sein Bruder Nima erst vier. Als Nima der Nachbarin die Tasche trägt und spontan einen Obolus erhält, zwingt der Größere den unbedarften Kleinen das Geld zurückzugeben – Perser seien keine käuflichen Diener. Saam, der Hauptprotagonist des Buches, gerät schnell in die Einflusssphäre des libanesischen Jungen Heydar, der wie seine größeren Brüder schon früh mit beiden Beinen im kleinkriminellen Untergrund verwurzelt ist. Willkürlich gewählte Feindbilder, Schlägereien als Reifeprüfung, Knochenverstümmelungen durch Schlagringe, Narben durch Rasierklingenwaffen, eigene Verletzungen als stolz vorgeführte Premiumnoten. Der langsame Ein- und Abstieg scheint unumstößlichen Naturgesetzen zu folgen. Ein bissenthemmter Dobermann für Territorialansprüche wird rekrutiert. Überfälle auf Spätis zum Warmlaufen, Einsatz von Schusswaffen bis zum gescheiterten Überfall auf eine Apotheke. Der Apotheker im Kiez zieht überraschend als erster seine Waffe und verletzt Saam schwer. Man musste nur seiner Blutspur folgen, um ihn für Jahre hinter Gitter zu bringen. Sein Komplize Heydar kann entkommen und wird nicht verraten. Ehrensache. So bleibt die brüderliche Freundschaft des gewalttätigen Duos unsterblich.

Der kleinere Bruder Nima dagegen meidet die Gewaltarena und den zunehmend entfremdeten Bruder, findet Freude und Freunde beim unermüdlichen Skaten, macht Abitur und wird von high end girls umschwärmt. Die wohlhabende, urdeutsche Familie von Josephine empfängt ihn mit offenen Armen und organisiert schon bald einen Ausbildungsplatz. Nima macht sich prima. Doch im tiefsten Inneren spürt er einen Kulturriss. Josephine und alle Angebote hinter sich lassend, kehrt er ins Milieu zurück – nicht in den grenzen- und kulturlosen Rambokrieg, sondern in die stille Geborgenheit überschaubarer Kokaingeschäfte. Statt schwarzem Audi 8, geparkt in der zweiten Reihe, eine Mercedes A-Klasse mit Sylt-Aufkleber. Kleine Wohngemeinschaft in der Geld-gewaschenen Eigentumswohnung mit Fischgrätenparkett. Ein Dasein im Dauerauftragsmodus. Er will nicht mehr wollen. Ihm reicht der gediegene Frieden.

Saam verbringt derweil sechs Jahre hinter Gittern. Auch hier regiert und verfolgt das Kiezmilieu. Saam steht auf einigen Rechnungen. Schlägereien im Knast zwingen ihn in zweimonatige Isolationshaft, die ihn für immer belasten wird. Mentale Deprivation, Alpträume, Paranoia, kognitive Verluste. Eine Symptomatik, die sein nur noch kurzes Leben infiltriert, obwohl er sichtbare Besserung lebt, im Gefängnis eine Ausbildung als Koch abschließt und frühzeitig in den offenen Reha-Vollzug entlassen wird. Diese Situation nutzend wird sein Todesurteil vollstreckt, als ein 15-jähriger Nachwuchskiller ihn mit einem LKW überfährt und vollständigkeitshalber noch das Hirn aus dem Schädel schießt. Saam hatte vor Jahren einen Araber fürchterlich entstellt. Dieser hatte sein körperliches und mentales Gesicht verloren, nicht aber seine rächende Geduld. Damit endet die Geschichte. Der Sumpf währt ewiglich. Ein neuer Zyklus beginnt mit einer hochmotivierten Nachwuchsgeneration im deutschen Toleranzmorast.

Vor allem zwei Dinge machen dieses Buch der Rollentiere Hund Wolf Schakal so wertvoll. Da ist zum einen der von B.K.Khani unprätentiös vermittelte Erkenntnisgewinn in die Logik einer Gegenwelt, die grundlegende Werteprinzipien der Gesellschaft nicht im Geringsten teilt. Alles, aber auch wirklich alles, hat in dieser Männerwelt mit Machtverschiebung zu tun, selbst wenn es nur um Mikrometer geht. „Weil wir Löwen sind. Wir schleichen uns nicht heimlich an. Wir gehen da raus, fressen ihre Kinder und gucken ihnen dabei in die Augen. Das hat mit Stolz zu tun“ (Originalton Hydar). Und wenn einer Schwäche zeigt, disqualifiziert er sich als unwürdiger Aussätziger. Das Klima der Angst. Der Terror breitet sich im Kopf aus. Und weil jeder das meiden will, übernimmt er den Codex. Das Perpetuum mobile in nicht-enden-wollender Dynamik rotiert. Überlegene Aggression ist die Währung und davon sollte jeder genügend im Beutel haben.

Der Autor B.K.Khani spricht nur bedingt über die Wechselwirkung von Gesellschaft und Milieu. Und dennoch ist der Roman ein Spiegelbild der deutschen Naivität. Die praktizierte Toleranz wird als lächerliche Schwäche verstanden, die lasche Strafverfolgung als stimulierendes Katz-und-Maus Spiel. Schon für die halbstarken Kids sind es Beifang-Erfolge, wenn die begleitenden Sozialarbeiter in die Depression getrieben werden. Als die Sparkassen wegen anhaltender Überfälle das Bargeld abschaffen, wird das als Kapitulation vor den Gangs gefeiert. „Es gibt auch Gesetze nicht. Staat nicht. … Polizei nicht. Wenn sie überhaupt kommt, kommt sie irgendwann, und irgendwann gibt es nicht, es gibt nur jetzt. Und es gibt den Sound, wenn Fleisch auf Fleisch trifft. … Brechende Gesichter gibt es.

Gerade wegen der brutalen Zeichnung dieser Welt, ist es umso überraschender, dass B.K.Khani dieses Bild mit beeindruckendem Sprachspiel skizziert. Das ist nichts anderes als hohe Literatur. Wenn z.B. die Flüchtlingskinder diese unbarmherzige, fremde Sprache lernen müssen: „Sie erfuhren zunächst von der Existenz, dann von der Dringlichkeit und schließlich von der Willkür deutscher Artikel. Dass es nicht die, sondern das Mädchen heißt und dass Geld und Waffe nicht männlich sind.“ Oder wenn sie die Lakritz von der mütterlichen Nachbarin nicht ablehnten, weil sie Lakritz für Schokolade hielten, lernten sie, „ dass Höflichkeit etwas sein konnte, das ungenießbar salzig schmeckte und nicht schmelzen wollte“. Das Buch ist reich an diesen empathischen Formulierungen.  Großartig.  Note:    1 (ur)<<

 

 

 

<< Alter, echt, ein cooles Buch. Da kann ein kleiner Pisser vom Neckar mal sehen, wie es im Späti in Berlin so zugeht. In Neukölln genauer. Will ja keinen Stress machen, aber in spätestens 50 Jahren sind wir hier vielleicht genau so weit. Geduld, Geduld. Jetzt erst mal einen Wodkashot, da schreibt’s sich’s leichter. Ich merke, dieser Besprechungsstil wird dem Buch doch nicht gerecht. Dafür ist der Roman zu komplex.

Er beginnt in Teheran auf einer Dachterrasse, wo der kleine Saam mit Insekten spielt (dies Faible wird ihn  lebenslang begleiten) und zusehen muss, wie sein Vater Jamshid verhaftet wird. Die Verhaftung nimmt jedoch ein unerwartet gutes Ende, der Vater kann mit seinen Söhnen Saam und Nima ausreisen. Als Kommunist hatte Jamhid gegen den Schah gekämpft. Seine Frau war von den Mullah-Schergen getötet worden. Schweden, Sowjetunion, Jugoslawien, Deutschland stehen zur Auswahl. Es wird das „Achtungsland“ (S.29) Deutschland. Dabei ist Deutschland doch das Epizentrum des strukturellen und nicht strukturellen Rassismus… ? Im Süden hat sich das anscheinend immer noch nicht herumgesprochen. Und warum in Deutschland dann nach Neukölln und nicht nach Überlingen oder gar Tübingen?

Die Deutschen werden insgesamt irritierend positiv dargestellt. Frau Winkler, pensionierte Lehrerin, unterrichtet die beiden Jungs in Deutsch. Familie Maybach, eine alternativ bürgerliche Familie, zeigt sich sehr offen und gastfreundlich gegenüber Nima. Mit dem Richter, der Saam verurteilt, wäre Saam gerne befreundet. Und Gymnasiast Nima beklagt sich nie über schulische Diskriminierung. Andere kommen nicht so gut weg. „Klauten, logen und erpressten“ heißt es über die Araber, die Saam während seiner Zeit im Knast kennenlernt. „Die Türken waren etwas umgänglicher, aber auch selten interessant.“ Und dazu geistert auch noch das Unwort „Zigeuner“ durch den Text. Vielleicht erklärt es sich so, dass das Buch in Klagenfurt durchfiel?

Doch zurück nach Berlin. Saam gerät schnell in problematische Gesellschaft. Mit einem jungen Libanesen begeht er Überfälle. Beim zwölften Überfall schießt das Opfer zurück und verletzt Saam. Seinen Kumpanen und Verführer verrät er nicht. Vier Jahre Gefängnis mit alles. Auch Einzelhaft. Jamal, den er einmal verprügelt hatte, taucht im Gefängnis auf. Dessen Rache wird ihm nach der Entlassung zum Verhängnis werden.

Kriminalität hatte es leicht gemacht, Respekt, Status und Macht zu erlangen. Hier dominieren starre Weltbilder. Denken in Hierarchien. „Hierarchien (…) die auf nichts beruhten als darauf, dass das Justizsystem des Landes eine Milde walten ließ, die sie als Schwäche fehlinterpretierten.“ Justizkritik? Fürwahr kein leichtes Leben: “Immer mit oben und unten. Mit auslachen und ausgelacht werden, mit ficken und gefickt werden.“ Behzad Karim Khani gelingen viele verdichtete und gleichzeitig großartige Sätze.

Vater Jamshid schlägt sich als Taxifahrer durch. Er leidet, weil er sieht, wie sich seine Söhne entwickeln. Dabei bewahrt er seine Würde und wundert sich über mancherlei in Deutschland („Pflanzenabfallverordnung“). Die Sprache ist sehr facettenreich. Poetisch, wenn Insekten beschrieben werden, lakonisch unterkühlt beim Charakterisieren von Menschen, aber auch brutal. Die Vierbuchstabenwörter fehlen nicht.

Wie soll es weitergehen mit Deutschland, mit der Migration? Der Autor Behzad Karim Khani ist optimistisch und fordert, „dass man uns als die unumgängliche Notwendigkeit anerkennt, die wir hier darstellen. Davon, verstanden zu haben, das wir weder Nähr-noch Schadstoff in der Blutbahn dieses Landes sind, sondern das Blut selbst. Und davon, dass wir gar keine Zustimmung der Mehrheitsgesellschaft brauchen, die es ohnehin in anderthalb bis zwei Generationen nicht mehr geben wird. Da kann sich die politische Mitte, die Rechte noch so aufregen, drohen und irre Parteien wählen. Mehr als einen Ausdruck ihrer zunehmenden Irrelevanz bekommt sie nicht hin.“ (wochentaz vom 18.-24. Februar 2023). Na denn, schau mer mol.  Note ( 1/2) (ax) <<

Die vierte Gewalt – David Precht und Harald Welzer

S. Fischer  Verlag   288 Seiten

>> Neben der Legislative, Exekutive und Judikative diskutieren die Autoren die Medien als vierte Gewalt (Publikative), der eine kritische Kontrollfunktion ohne Verfassungsrang zukommt. Ein offensichtlicher Wandel im Wechselspiel zwischen Politik und politischem Journalismus erweckt jedoch inzwischen den Eindruck, dass die Medien nicht neben, sondern über den Verfassungsgewalten stehen. Politiker werden öffentlich zu massenmedial formulierten Entscheidungen getrieben. Selbsterhaltungsbewusste Politiker passen sich in vorauseilendem Gehorsam Tendenzen der Leit- und Direktmedien an. Das Mediensystem scheint das politische System zu kolonialisieren. Eine Transformation der Demokratie zur Mediokratie?

Wirkgrößen dieses Prozesses sind Skandalisierung, permanente Empörung und Polarisierung, die gezielt selbst in den Leitmedien wie FAZ, Welt und Süddeutsche oder in den Sendern der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vermehrt zu beobachten sind. Inszenierte Empörung wird millionenfach multipliziert und steigert damit den Unterhaltungs- und Publikumswert. Die Reichweite als alles dominierende Messgröße wird in die Höhe getrieben. Verlust von Sachinhalten und gleichzeitiger Personalisierung sind weitere Merkmale. Es geht zunehmend nicht mehr um politische Positionen sondern um Politiker, die medial wesentlich effizienter instrumentalisiert werden können als komplexe Gesellschaftszusammenhänge. Überraschend ist dabei jedoch das neue Phänomen, dass die konkurrierenden Medien Einheitsmeinungen einnehmen, ohne dass eine von oben oktroyierte Manipulation ersichtlich wäre.

An verschiedenen Ereignissen werden von den Autoren Detailaspekte illustriert, wobei der Krieg in der Ukraine eine besonders eindrückliche Periode darstellt. Nachdem von Politik und Medien der intensive Wirtschaftsaustausch mit Russland über mehrere Jahrzehnte zelebriert wurde (Wandel durch Handel), galt dieser plötzlich als größter historischer Fehler, wobei die Presse sich frei von Selbstkritik präsentierte. Namhafte Verfasser eines öffentlichen Briefes gegen die Lieferung schwerer deutscher Waffen, Exbundeskanzler Schröder sowie Exkanzlerin Merkel, die beide nicht ihre Außenpolitik widerrufen wollten, wurden zu Objekten des nationalen Fremdschämens stilisiert. Selbst der amtierende Bundespräsident wurde zum Schuldeingeständnis genötigt. Schämen und Widerruf als von den Medien öffentlich erzwungenes Gelöbnis.

Auch hier war wieder in Ziel und Stil ein einheitliches Vorgehen aller Leitmedien zu beobachten. Ursache dieser Entwicklung schreiben die Autoren vor allem dem Auftreten der Direktmedien als quasi fünfte Gewalt zu. Youtube, Twitter und andere Onlinemedien brechen das Informationsmonopol etablierter Medien auf. Jeder und jede wird zur RedakteurIn, immer und überall filmt schon ein Mobiltelefon, Inhalte und deren Wertung sind global und vor allem kostenlos verfügbar. Filterung erfolgt nicht mehr in wenigen Redaktionsstuben durch Gate-keeper mit althergebrachter Deutungsmacht. Charakteristisch ist für Direktmedien meist eine extreme Verkürzung von Inhalten, ausgesprochen subjektive Wertung und häufig gefährliche Emotionalisierung bis zur Diffamierung. Den Leitmedien brechen in der Folge auf ganzer Front Märkte weg. Werbeeinnahmen sind im freien Fall, Redaktionen werden eingeschmolzen. Recherchejournalismus wird unbezahlbar. Als entscheidende Lösung sehen die Alten vor allem das Imitieren der Neuen. Die neue Währung sind Klicks und Visits, um Anzeigenpreise höher zu halten. Redaktionseigene SEO (Search Engine Optimization) Mitarbeiter optimieren Artikel, damit das eigene Medium möglichst hoch im Ranking der Google Suchmaschinerie klettert.

Da das Publikum vor allem auf Sensationen reagiert, wird konsequent versucht, Extreme zu präsentieren oder notfalls spannungsarme Themen zu dramatisieren, Konflikte willkürlich zu konstruieren und Teilnehmer gegeneinander in Stellungen zu bringen. Gerade der letzte Punkt hat sich zum Goldstandard entwickelt. Die Personalisierung von Information ist ein neues Medienmerkmal geworden. Das kurze Lachen von Ministerpräsident Laschet bei einer Visite im zerstörten Ahrtal und seine darauf folgende Demontage als Kandidat für den CDU-Vorsitz durch die Medien (ein Präsident der angeblich seine leidenden Wahlbürger auslacht) ist ein Beispiel, in dem der politische Inhalt bewusst aufgegeben und eine Nebensächlichkeit zerstörerisch moralisiert und zum alleinigen Medieninhalt erhoben wurde. Skandaljournalismus als wirkstarkes Geschäftsmodell.

Einer von mehreren Gründen, dass dieses Modell im politischen Umfeld funktioniert, liegt auch daran, dass die Politik natürlich um die enorme Macht und Reichweite der Medien weiß und sich deshalb permanent den Medien als Multiplikatoren andient. Die Medien nehmen dankend das kostenlose Rohprodukt entgegen, so dass ein rotierendes Selbstgespräch zwischen Politik und Medien resultiert. Dass die Medien sich trotzdem immer wieder einzelne Persönlichkeiten oder Politikinhalte herausgreifen, um sie nach eigenem Gutdünken zu manipulieren oder zu zerstören, bremst den Kreislauf keineswegs, da es auch in diesen Situationen unter den politischen Gegnern immer auch lachende Gewinner gibt. Es entsteht ein vermarktbares Perpetuum mobile mit erheblichem Unterhaltungswert.

Teil des Infotainments ist der so genannte Unmarked Space, das bewusste Weglassen von Informationen. Auch wenn nie die vollständige Komplexität einer Sachlage erschöpfend wiedergegeben werden kann, sollte eine ausgewogene Berichterstattung erfolgen. Stattdessen bilden sich unter den Medien wie etwa im Ukraine Krieg fast völlig homogene, einseitige Positionen unter den Teilnehmern heraus. Merkmal ist dabei eine Indexierung von Sachinhalten. Der barbarische Krieg wird nur vom russischen Autokraten geführt, der selbst seine eigenen Soldaten in den Tod treibt. Zehntausende Tote und Verletzte haben nichts mit der Kriegführung der sich verteidigenden Ukraine zu tun. Der ukrainische Soldat, der wie jeder Soldat zum Massenmord verpflichtet ist, kommt nicht vor. In deutschen Medien wird dieser Teil der Wahrheit moralisch sanktioniert, d.h. unmarked. (Übrigens ganz anders als in der polnischen Kriegsberichterstattung, in der vernichtungsstarke Kämpfer der Ukraine als Helden gefeiert werden.) Entsprechend werden deutsche Waffen nur für die Rückeroberung der Freiheit benötigt – nicht für das Töten tausender Menschen. Diese Form der inneren Zensur trägt Züge eines totalitären Systems mit dem großen Unterschied, dass in der deutschen Demokratie keine Zensur von oben erfolgt. Die bewusst eingeengte Wahrnehmung erfolgt trotz unseres offenen Gesellschaftssystems mit Pluralität und Widerspruchsgarantie.

Gelegentlich können Kipppunkte in der Berichterstattung beobachtet werden. So folgte die deutsche Presse im Vietnam-Krieg lange dem US-amerikanischen Narrativ der Dominotheorie, dass man nur mit militärischer Gewalt verhindern könne, dass der sowjetische Kommunismus von einem Land auf viele andere überspringen könne. Erst als Dieter Hildebrandt seinerzeit eine entblößende Reportage über die Gräuel des Vietnam-Krieges in der Zeit veröffentlichte, objektivierte sich die bundesdeutsche Berichterstattung und sprach von der Gewalttätigkeit auf allen Seiten.

Warum treten die konkurrierenden Medien unisono auf und verlieren damit im Grunde Profil? Weil sich Schwarmverhalten als gewinnbringend herausgestellt hat. Precht und Welzer zitieren an dieser Stelle die folgenschwere Medienkampagne gegen den Bundespräsidenten Wulff 2012. Nachdem Verfehlungen identifiziert und erste Meldungen publiziert waren, nahm mit Folgerecherchen von weiteren Medien die Geschichte Fahrt auf. Letztlich konnte die Causa Wulff soweit zu einer Affäre verdichtet werden, dass der Politiker von seinem Amt zurücktreten musste. Jedes Organ nutzte die gesteigerte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und den damit verbundenen hohen Marktwert des Objektes. Es lohnte sich auf der Welle mitzusurfen und durch eigene Beiträge die Amplitude zu erhöhen. Besonders nachhaltig wurde die Eigenwerbung, wenn andere Wettbewerber einen zitierten. Letztlich steckt also in der vermeintlichen Medienkooperation ein Konkurrenzmechanismus. Dieses Phänomen ist umso eindrücklicher, weil anders als z.B. in der Adenauer Ära mit einer ausgeprägten Links-Rechts Topographie, die Leitmedien heute kaum noch unterschiedliches politisches Profil erkennen lassen. Im Fall der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine und seinen deutschen Verknüpfungen unterscheiden sich Bild und TAZ kaum noch. Diese Meinungsgeschlossenheit nennen die Buchautoren: Cursor Mentalität – das kollektive Folgen einer Leitspur.

Auch soziologisch und psychologisch ist dies ein bekanntes Anpassungsphänomen, das einem Individuum durch gruppenkonformes Verhalten eher Vorteile verschafft. Im Journalismus kann die kommerziell provozierte Stigmatisierung (der zögerliche Scholzomat), sich natürlich auch gegen die eigene Redaktion wenden, so dass man sich auch deshalb schon besser dem group think anschließt. Der Prozess mündet in einen Selbstverstärkungseffekt, häufig auch als Erregungsspirale. Teil der Gruppenanpassung ist die publikumswirksame Ausgrenzung Andersdenkender. So z.B. mediale Verurteilung von Alexander Kluge, als er in einem Interview zu sagen wagte, dass im Ukraine Krieg Kapitulation eine zivilisatorische Möglichkeit sei. Sofort sind diffamierende Gattungsnamen wie Putinversteher oder Unterwerfungspazifist gefunden. Ein weiterer journalistischer Würgegriff liegt in der De-Kontextualisierung – Einzeläußerungen oder Satzpassagen werden aus dem inhaltlichen Zusammenhang gerissen und verfremdet. So wurde die dem Feminismus zugewandte K. Rowling plötzlich als transphob deklassiert.

Wie könnte ein verantwortungsbewusster, informativer, kritischer Journalismus aussehen? Aufbauend auf eine im Idealfall deliberative Öffentlichkeit – wäre eine sich „beratschlagende“ Medienlandschaft denkbar. Entsprechend auch eine, die inklusiv und integrativ ist, also möglichst viele Meinungen einschließt und zusammenführt. Dazu gehört Tiefgang und Besonnenheit, also auch Zeit und Bereitschaft zur Zeitverzögerung. Weniger problemfixierter sondern lösungsorientierter Journalismus. Weniger katastrophenbegeistert sondern konstruktiv zu proaktivem Handeln motivierend unter dem Motto „Geht doch!“ ähnlich den aufgeführten Vorreitern Perspective Daily oder FUTURZWEI, so die beiden Autoren. Diskutiert wird auch eine wirtschaftlich und politisch unabhängige Lösung für Direktmedien analog der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Frage bleibt aber, ob hierbei nicht Antagonisten vereint werden sollen. Auffällig ist zwar, dass die Direktmedien ein Maximum an demokratischer Essenz beinhalten: alles ist allen und immer verfügbar, jeder ist aktiver Teil des Ganzen. Sie sind optimal inklusiv. Leider aber minimal integrativ und damit anti-deliberativ.
#Ein kluges Buch. Lesenswert.  Note: 2 ( ur) >>

 

>> Eine längst überfällige Analyse der Medienentwicklung in Deutschland zweier Autoren, die selbst die mediale Aufmerksamkeitsklaviatur perfekt beherrschen. Wie sich die „Verschiebung der medialen Plattentektonik durch Soziale Medien“ auf die sog. Leitmedien auswirkt, das ist die Schlüsselfrage. Reichweitenfetischismus, Clicks und Messtools, Hochgeschwindigkeits- und Trendjournalismus sind die Treiber der Veränderung. Analyse und Diskurs werden durch  Vereinfachung, Personalisierung und Skandalisierung ersetzt. Bashingunkultur: Wulff, Laschet, Münckler, Flaßpöhler, Kimmich, die Autoren selbst, die Beispiele zahllos. Leitmedien neigen bei den großen gesellschaftlichen Themen Migration, Corona, Ukrainekrieg  zum „Cursor-Journalismus“ und „Haltungsjournalismus“, wo eigentlich Differenzierung, Ambivalenzen und Grautöne angesagt wären. Vorverurteilungen: AfD-Sprech, Coronaleugner, Putinversteher, die Schubladen lassen sich leicht bedienen. Das Untersuchungsfeld der Autoren sind vor allem die Printmedien, auch deren Onlineportale. Was dabei zu kurz kommt, sind die öffentlichen-rechtlichen Medien, wobei gerade hier etwa bei der Besetzungscouch der unzähligen Talkrunden Ergiebiges zu holen gewesen wäre. Völlig ausgeblendet die Macht der Bilder (was wird wie gezeigt, was weggelassen), sicherlich eine Fundgrube wenn es um Informationsgehalt geht. Dass das schwindende Vertrauen in Politik und Demokratie auch etwas mit dem Verlust von Qualitätsjournalismus zu tun hat, führt zu der Frage wie der Vertrauensverlust wiederherzustellen wäre. Da reicht es meiner Meinung nicht der Gefahr der „Selbstverzwergung der Leitmedien“ mit einem doch recht diffuses Modell eines inhaltlich und ökonomisch unabhängigen „Aufklärungsjournalismus“  zu begegnen.  Dennoch ein kluges sprachlich flott geschriebenes Buch, das anregt auch das eigene Medienverhalten zu hinterfragen, nicht jedem Hype und Trend zu folgen, den eigenen Erregungspegel zu zügeln, Urteilen nach Fakten., der mainstream ist nicht immer der Goldstandard. Power off – mehr eigener Kopf.  Note: 2 – (ai) >>

 

 

 

<< Die beiden Autoren, omnipräsente mediale Leuchtfiguren, sind beleidigt. Der rote Faden: die Medien und die bundesrepublikanische Öffentlichkeit sind mehrheitlich ihrer Position zum Ukrainekrieg nicht gefolgt. Da kann was nicht stimmen, meinen die zwei Narzisse und machen sich auf die Suche nach dem, was da schiefläuft. Leider gelingt ihnen nur ein populistisches Thesenbuch voller Zerrbilder, das nichtsdestotrotz oder vielleicht auch gerade deshalb zum Bestseller wurde. Ihre Verniedlichung der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte ist eine Zumutung. Eine Frechheit gegenüber den weiblichen Opfern. Das vierte Kapitel „The Unmarked Space“ kann man nicht mal den Hasen geben. Sie bekämen Verdauungsschwierigkeiten.
Positiv die Kritik, dass zuviel über Politiker (Outfit und so fort) anstatt über politische Inhalte geschrieben wird. Oder der sogenannte Meutenjournalismus. Bei den Opfern wird leider Philipp Jenninger vergessen. Klammer auf: die Rede, die zu seinem Rücktritt führte,hat Ignatz Bubis Mitte der 90er Jahren in Hamburg vorgelesen und viel Beifall bekommen. Erst nach dem Applaus sagte Bubis seinen Zuhörern, dass es die wörtliche Rede Jenningers war. Meutenjournalismus. Klammer zu. Positiv auch, die Erweiterung meines Wortschatzes. „Assholery“ war mir nicht bekannt. Harald Welzer hat in seinem Buch „Selbst denken“, das wir vor vielen Jahren besprochen haben, vorausschauend gesagt: „Rechnen Sie mit Rückschlägen, vor allem solchen, die von Ihnen selber ausgehen.“(Seite 293). „Die Vierte Gewalt“ könnte ein solcher sein. Herrn Precht wünsche ich viel Vergnügen beim Anschauen von Servus-TV.  Note: 3 ( ax) <<

Eine redliche Lüge – Husch Josten

Berlin Verlag  240 Seiten

<<Husch Jostens Roman hätte auch gelingen können. „Dass die Dinge diesen Lauf nehmen würden“  lenkt den Focus der Leserneugier gleich zu Beginn auf einen zu erwartenden „Showdown“.  Allerdings bedarf es eines reichlich aufgeblähten „Panoptikums“ (eine Kategorie der 24jährigen Elise) von abendlichen Salondinners über mehr als 100 Seiten im Hause von Margaux und Philipp Leclerc bevor eine Dame namens Camille de Pape am 26.August 2019 um 2:10 nach einem marokkanischen Picknick den 2.Teil des Doppellebens Philipps (seriöser 62jähriger Geschäftsmann und Vermögensverwalter und Geschäftsführer einer Alibiagentur in Marrakesch) enthüllt. Mit diesem Paukenschlag entwirrt sich zugleich das eigentliche Geheimnis (1.Teil des Doppellebens) , das als roter Faden den Romans durchzieht. Das Romanmanuskript eines 22jährigen Franzosen namens Philipp Leclerc, das 1979 in Paris nach dessen Drogentod in die Hände seines studentischen Mitbewohners Nasire Lakhrif gelangt, ist der Ausgangspunkt, der eigentlich Stoff für eine spannende auch gesellschaftskritische Auseinandersetzung bietet. „Der deutsche Franzose“ ist eine merkwürdige Verklärung des Studentenführers Doron Mayer-Dos. Mich irritiert diese Grundkonstruktion von Husch Josten : Ein 22jähriger schreibt 1979 einen Roman über eine Lichtgestalt aus der 68er Bewegung (Daniel Cohn-Bendit als Vorlage), der 2019 zur Hollywood Verfilmung ansteht und der unserer im Jahr 2019  24jährigen Erzählerin wie „eine Offenbarung“ vorkommt. Jetzt muss nur noch Nasire die Lichtgestalt Doron treffen und vom Fleck weg dessen Nichte Margaux heiraten und das Setting stimmt. So schlicht auch das Arrangement, die Geschichte bekommt nun Tiefgang, weil mit der maghrebinisch-französischen Herkunft Nasires das Identitätsproblem gerade in Frankreich zum zentralen Thema wird. Hier wird Doron zum Akteur der Geschichte, indem er den Identitätswechsel von Nasire Lakhrif zu Philipp Leclerc realisiert. Mit der Heirat Philipps und Margeauxs wird auch das Geheimnis der „redlichen Lüge“ nachvollziehbar. Etwas zu pathetisch allerdings wird mit der falschen Autorenschaft des „deutschen Franzosen“ dem realen Autor „eine große Ehre erwiesen“ und Nasires „Schuld abgetragen“ und obendrein mit den Romaneinnahmen der „Drogenhilfe“ gedacht. Und als wäre es der Überhöhung nicht schon genug, lässt uns die Erzählerin Elise aus dem Perspektive des Jahres 2051 wissen, dem romantischen Kitsch nicht fern : „Die Ausschließlichkeit, die Philippe und sie ineinander gefunden hatten, verdankten sie ihm. Der chancenlose Träumer (gemeint der 22jährige reale Philippe) hatte ihnen von solcher Liebe erzählt.“(228).

Warum Husch Josten die Erzählperspektive ins Jahr 2051 verlegt, in dem die nun 56jährige Erzählerin als Schriftstellerin auf einem einsamen Hausboot im wesentlichen ihren vier monatelangen Aufenthalt bei Margaux und Philipp in der Domain de Tourgéville resümiert (die Adressaten scheinen 3 Literaturstipendiaten zu sein!?), bleibt ein Geheimnis der Autorin. Ist die Faszination gegenüber dem nach außen fast symbiotischen Ehepaares für die 24jährige Studentin Elise,  selbst aus einer schwierigen deutsch-französischen Familie kommend, nachvollziehbar, so bleibt die Idealisierung dieser Beziehung aus der Distanz von 32 Jahren ebenso schwer nachvollziehbar wie der doch recht unvermittelte „Knaller“ eines Internetsuchauftrags nach einem Geschäftsführer in Marrakesch. Die Gendergerechten dürften sich freuen: Es war eine 88jährige Geschäftsführerin. Note: 4 (ai) <<

 

 

>>  Warum laden Menschen andere Menschen ein? Macht es sie glücklich einzuladen oder eingeladen zu werden? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, obwohl es in weiten Teilen des Buches darum geht. Die Schriftstellerin Margaux und ihr Mann Philippe Leclerc bewohnen ein luxuriöses Anwesen am Meer bei Deauville. Beide soziale Aufsteiger, nebenberuflich Gastgeber für aufregende Gäste, die viel reden, am und im Pool feiern, von dort über die Seufzerbrücke nach oben in die Sauna gehen oder auch gleich zur kopulativen Tat schreiten. Da fallen die Parties in der Neckarmetropole nicht nur kulinarisch gewaltig ab, zumindest die, zu denen ich eingeladen werde. Philippe immer eher zurückhaltend, wirkt wie ein Privatier mit „haselnusscremiger Stimme“. Wie sich das wohl angehört hat? Aber auch Margaux ist diskreter, duldsamer als die meisten ihrer Gäste. Die 24jährige Deutschfranzösin Elise arbeitet einen Sommer lang als Hausmädchen bei den beiden, voller Bewunderung für das Paar, das sich exzellent versteht. Sie erzählt die Geschichte, 32 Jahre später. Elise, eine sympathische junge Frau. Offenheit zieht sie Festlegungen vor, die sogenannten festen Standpunkte um jeden Preis, wie sie ihre Eltern hatten, schätzt sie nicht. Auch wenn die Ich-Erzählerin um Geduld bittet für ihre detaillierten Schilderungen von Partysmalltalks, manchmal wird es dann doch anstrengend, platt und man möchte weiterblättern.

Zum Glück gibt es auch sehr anregende und kluge Gespräche über Komplementarität von Paaren, Untreue, über Begriffe wie „Lebensabschnittsgefährten“, die Coronazeit in Paris, Populismus, Identität, Rassismus, das Böse für und an sich, oder nicht ganz so überzeugend, über das Ende der NS-Zeit. Margaux‘ geheimnisvoller Erstling „Der deutsche Franzose“, sozusagen das Buch im Buch, soll verfilmt werden. Der deutsche Franzose, der jüngere Bruder von Magaux‘ Mutter Hanna, uns allen wohlbekannt als der „rote Danny“, heißt im Buch Doron Mayer-Dos. Die geplante Verfilmung gelingt nicht, obwohl ein Treff mit wichtigen Akteuren stattfindet. Das Niveau von Dorons Redebeiträgen hebt sich positiv von dem der meisten Partygäste ab. Mir gefallen insbesondere seine Überlegungen über die Notwendigkeit von Gruppen im politischen Streit. Die Spannung wird schlicht, aber effektiv aufrechterhalten. Zum Beispiel mit Sätzen wie „Niemand hätte erwartet, dass die Dinge diesen Verlauf nehmen würden…“. In der Buchmitte wird eine kommende „Tragödie in der Normandie“ erwähnt. Viel Neugier, da kommt noch was, da kommt noch was. Aber vielleicht erwartet man dann einfach zu viel… Am 25. August 1979 platzt eine Bombe. Ein aufregender Tag. In Tübingen feierte zeitgleich Freund Dieter seinen 75. Geburtstag. Das Bömbchen scheint mir etwas konstruiert, artifiziell. Eine Nachbarin entlarvt Philippes berufliches Doppelleben. Ihr Mann war Kunde in dessen Unternehmen „Lügen für alle Fälle des Lebens“. Danach ein Unfall, zwei Tote, Selbstmord?

Die Homepage von Philippes Unternehmen ( Seite 209) , ein literarisches Schmankerl. Die ersten drei Sätze: “Eigene Wünsche erfüllen. Träume verwirklichen. Geheimnisse hüten“. Mehr geht nicht. 32 Jahre später kehrt Elise an den Ort des Geschehens zurück. Vergeblich versucht sie einer Maklerin zu entlocken, was aus Margaux geworden ist. Die Suche im www führt nicht viel weiter. Da hilft nur Fantasie an die Macht. Warten Sie mit dem Kauf des Buches, lieber Leser. Die folgenden drei Besprechungen sehen den Roman wahrscheinlich viel kritischer als ich. Von daher…

Note: 2/3 (ax) >>

 

 

<< Ein Konversationsroman. Dialoge endloser Gesellschaftsabende. Sprecher sind wechselnde Scharen von aufrichtigen Freunden, ehrlichen Angestellten, exzessiven Parasiten und aufgeblasenen Scheinheiligen. Ein Panoptikum menschlicher Existenzen. Die Themen verwirrend vielfältig. Von Literatur über Life Coaching bis Fundamentalliberalismus. Von Träumen über Liebe bis zu Lügen. Vieles was Leben ausmacht und irgendwie identitätsstiftend wirken könnte. Identität, die passiert, die konstruiert wird, die gegeben ist oder vorgetäuscht wird. Und natürlich auch der Weg dorthin: Schicksalswege. Offensichtlich ist „Identität“ der rote Faden des Buches Eine redliche Lüge, das in seiner Mannigfaltigkeit allerdings zerzaust erscheint. Die Dialoge sind durchsetzt von Monologen der Ich-Erzählerin Elise, die ihrerseits Leitplankenbetrachtungen ihres familiären Straßennetzes beiträgt zu Fragen, wie Lebenswege eingeengt sein können und Zielorte verfehlt werden. Gerade diese Erfahrungen machen sie besonders empfänglich für die Offen- und Großherzigkeit, die intellektuelle Tiefe und Weitsicht der Gastgeber der besagten Gesellschaftsabende. Die Gastgeber sind Margaux und Phillipe Leclerc, bei denen sie in der Normandie über vier Monate hinweg als Hausmädchen und stille Beobachterin tätig ist. Zu diesem Zeitpunkt ist Elise 24, wissbegierig, grenzenlos lebensoffen und erfolgreiche Absolventin eines Literaturstudiums. Elise wird sich fragen, warum Margaux und Phillipe Woche für Woche mit größter Sorgfalt die Bühne für den endlosen Reigen bereiten, um diesen Tanz der Eitelkeiten und bizarren Selbstinszenierungen um sich herum zu ermöglichen? Elises Antwort wird 30 Jahre später lauten, dass die Lebensgeschichten anderer auch Referenz und Rechtfertigung für das eigene Leben sind. Vor allem auch für eigene Verfehlungen. Und wenn dieses Sich-Vergewissern so hochfrequent gelebt werden muss, dann dürften die eigenen Verfehlungen erheblich sein. Am Ende des Buches erfährt der Leser, dass dem in der Tat so ist.

Die Schriftstellerin erhebt ein literarisches Schriftstück zum alles in Bewegung setzenden Schicksalsgegenstand. Phillipe wurde als Nasire Lakhrif in Marokko geboren. In den unruhigen 68er Jahren fällt ihm als Student in Paris das literarische Manuskript seines drogenabhängigen, sterbenden Mitkommunarden in die Hände. Der Titel: Der deutsche Franzose. In Anspielung an Daniel Cohn-Bendit steht der französische Studentenführer Doron Mayer-Dos im Mittelpunkt des Werks. Realität und verherrlichende Fiktion des Romans gehen so überzeugend ineinander über, dass Nasire sich um die Mitarbeit bei Doron bemüht. Doron versucht den talentierten jungen Studenten Nasire zu protegieren. Als alle Bewerbungen auf Grund seiner marokkanischen Wurzeln scheitern, beschließen sie, das Gesellschaftssystem vorzuführen und Nasire zu europäisieren. Nasire nimmt den Namen des verstorbenen Mitkommunarden Phillipe Leclerc an, worauf prompt eine atemberaubende Karriere beginnt. Eine redliche Lüge.

Später wird der neue Phillipe die Nichte (Margaux) von Doron heiraten, woraus eine überaus glückliche Ehe zweier zutiefst zugewandter Menschen hervorgeht. Am Ende des Buches platzt die Bombe, als ruchbar wird, dass der so vertrauenswürdig wirkende Phillipe in einem Doppelleben das Prinzip Lüge gewinnbringend kommerzialisiert. In seiner alten Heimat betreibt er eine Verschleierungsfirma, die untreuen Ehegatten Alibis verschafft, Steuerbetrügern gefälschte Finanztransaktionen ermöglicht und Kriminellen neue Identitäten garantiert. Nichts bleibt unmöglich. Als die schockierte Margaux davon erfährt, entzieht sich Phillipe. Der tödliche Autounfall in derselben Nacht ist vielleicht ein Suizid. Nach Nervenzusammenbruch und Psychiatrieaufenthalt flieht Margaux vor dem öffentlichen Shitstorm nach Kanada. Jahrzehnte später wird die Öffentlichkeit erfahren, dass sie Geschäftsführerin der Verschleierungsfirma geworden ist. Eine redliche Lüge um aus Liebe das Werk des toten Gatten fortzuführen? Merkwürdig. Grenzwertig. Schmalzig. Diese wie etliche andere Details des Romans befremden den Leser. Warum muss die Literatin Josten die Protagonistin Elise eine Literatin sein lassen, die ein Buch über die Literatin Margaux schreibt, nachdem sie im ehemaligen Domizil der Leclercs Literaturstipendiaten ihre wiederbelebten Erinnerungen als Einstieg in ihr geplantes Literaturwerk dargelegt hatte? Musste Margaux ausgerechnet mit dem unter ihrem Namen veröffentlichten Plagiat Der deutsche Franzose so berühmt werden, so dass sogar ein Oskarpreisträger in der Verfilmung die Hauptrolle übernimmt? Mussten Salongespräche über gefühlt hunderte Themenkomplexe zwingend Zweidrittel des Werkes ausmachen und wie stützt dieser Potpourri die Intention des Buches? Ja, was ist die Intention? Ist es am Ende Elise als ewig und vergeblich Suchende? Elise ist es, die ein Leben lang an dem Narrativ der edlen Leclercs festhält. Gleichzeitig bleibt Elise diejenige, die sich der Integration, der Verbindlichkeit und jeder Bindung verweigert. Sie reduziert das Sozialleben auf wechselnde Bekanntschaften und verweigert auch symbolisch den festen Wohnsitz. Nicht zufällig ist ihr Zuhause ein Schiff, das jederzeit ablegen kann, wie sie sagt. Auch in dieser Hinsicht nähert Josten ihren Plot an das Werk Kein Ort. Nirgends von Christa Wolf an. In der Luchterhand Ausgabe von 1986 zeigt das historische Titelbild ein zum Ablegen bereites Wohnschiff. Der Roman beschreibt einen Gesellschaftsnachmittag mit weitläufigen Salongesprächen zahlreicher Gäste. Für die beiden (authentischen) Hauptprotagonisten Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode bleibt kein Ort. Nirgends. Sie ringen vergeblich um ihre Identität in der Gesellschaft. Beide haben sich im wahren Leben das Leben genommen.

Der Roman von Josten trägt kaum deprimierende Züge. Dazu fehlt ihm schon die Geradlinigkeit und der Fokus. Man bleibt eher verloren zurück im lauten Geräusch der Salongespräche. Was dennoch beeindruckt, sind stilistische Sprachelemente und die Überzeugung, das Werk einer gebildeten Autorin gelesen zu haben.  Note: 3 – (ur) >>

 

 

Hast Du uns endlich gefunden- Edgar Selge

Rowohlt 2021 – 302 Seiten

<<Eine im wahrsten Sinne schonungslose Abrechnung von Edgar Selge mit seinem Vater gleichen Namens. Schonungslos auch deshalb, weil Selge auch sich selbst nicht schont. Am Ende bleibt trotz der zwingenden Solidarisierung mit einem durch einen unerbittlichen Vater gepeinigten Jungen bei mir auch nicht mehr so viel Sympathie für den Autor übrig. Seine Seelenlage und die durch ein musikalisches Zwangssystem dominiertes, großbürgerliches Elternhaus erzählt Selge brillant. Genial auch, wie er den Schulweg als Zündschnur zwischen zwei explosiven Ort beschreibt: Der Schule und seinem Elternhaus. In einer Szene traut sich der Junge den schlagenden Vater endlich zu fragen: „Hat dich dein Vater auch geschlagen“? „Nein, hat er nicht“. Die Nachfrage:  “Warum schlägst du dann mich?“ traut sich der junge Edgar dann nicht mehr zu stellen. Er begreift es einfach nicht, warum ihn sein Vater schlägt, der doch so lebendig der ganzen Familie aus den Brüdern Karamasow vorliest und für seine 400 Gefangenen ein fürsorglicher Gefängnisdirektor ist. „Warum! Er! Mich! Schlägt!“. Und den er doch liebt.
Er schreibt seine Geschichte erst auf, als das ganze Land während der Pandemie lahm liegt. Die Welt da draußen fragt ihn: „Mensch Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. Ich will nicht zugeben, von jemand geschlagen zu werden, den ich liebe“. „Ich will auch nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt. Eine Schlüsselstelle (S.131) und ein Dilemma, aus dem er sich nicht lösen kann. Denn er schildert seinen Vater, seine Mutter auch seinen Bruder Andreas mit einer gnadenlosen, zuweilen auch kalten Distanzlosigkeit, dass man seine Liebe nicht mehr erkennen kann. Als er seinem sterbenden Bruder Andreas auch noch einen Schluck Wasser verweigert, ist ihm klar, dass dies grausam ist. Er hält sie aus. Seine Härte.  Note : 1/2 ( ün)>>

 

>> Kein Zweifel. Edgar Selge ist ein glänzender Erzähler. Hier arbeitet ein 73Jähriger ausgehend von prägenden Kindheitserinnerungen eines 12Jährigen eine Familiengeschichte ab, in der sich zugleich typische Züge deutscher Nachkriegsgeschichte widerspiegeln. Was mit der Schlüssellochperspektive des Grundschülers Edgar im Hauskonzertritual des Gefängnisdirektors und Vaters 1960  beginnt, endet im nachgeholten fiktiven Gespräch mit dem verstorbenen Bruder Andreas 2021, ein Epilog der erstmals  Züge von dem trägt, was den vorausgehenden Kapiteln fehlt: Empathie.  Ein Vater „unter dem ich so sehr gelitten habe“ und zugleich jetzt aus dem Abstand „Wellen der Liebe. Die Zeitebenen verändern sich innerhalb der Kapitel. Die frühen Erinnerungen prägt eher die Atmosphäre der Bedrückung. „Mein Gefängnis trage ich immer in mir herum“ (149) ist der therapeutische Schlüsselsatz dieser Familiengeschichte. Schon die Hausmusikinszenierungen vor gediegenen „Akademikerpaaren aus unserer Kleinstadt“ und bildungsfernen jugendlichen Straftätern bilanziert Edgar nüchtern: keine Idylle, keine Freude „Wir kämpfen hier täglich hart um ein Zusammenleben“, ob Mozart oder Schubert-Duo „Musizieren ist Anstrengung, Drill, manchmal auch Erniedrigung“, gar von „Irrenanstalt“ und „Musikanstalt“ ist die Rede. Und in der Tat ist das Setting eingangs freudlos. Der musizierende Gefängnisdirektor im Übungsstress, der angereiste Profigeiger ein wirklicher Tonangeber, die musikalisch und organisatorisch überforderte Mutter und ein großer Teil des Publikums, das weniger an Klaviersonaten als am Wiederkennen des selbst gefertigten Mobilar Interesse zeigt. Dass dem inneren Gefängnis nach dem 1. Fluchtversuch des 8 Jährigen  weitere Fluchtversuche folgen (müssen) erklärt dem 12jährigen  der  reichlich therapiekundige (!)10 Jahre ältere Bruder Werner: „Deine Wirklichkeit ist dein Vater“. Und so wird sowohl Edgars Besessenheit fürs kindliche Kriegsspiel wie auch seine Verwandlungskunst in Dr. Baumanns Dachbodenschule für „Schwererziehbare“ (Wiege der Schauspielkunst!) letztlich zum Ersatz von dem, was neben Steinway,  Klaviersonaten und  sonntäglichen Dostojewski-Leseritualen auf der Strecke bleibt: Kulturgutpflege statt Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, Prügelpädagogik statt Hilfestellung für Schulangst und pubertäres Verhalten. Einzig die beiden älteren Brüder Martin und Werner sind Stützen im Orientierungschaos des 12jährigen. Sie ordnen auch ein, was Edgar nach kurzer Abwesenheit der Eltern mit „Dreckshänden im Flügelzimmer“ (großartig!!) im Bücherschrank entdeckt. Für diese ältere Brüdergeneration ist klar. Diese Widmungsgeneräle sind alles „reisende Henker und Schlächter“. Das Kapitel „Magenstiche“ ist das Glanzstück dieses Buches, weil es zwei Tragödien offenbart: Die kollektive Verdrängung der NS-Geschichte und die individuelle Tragödie der Mutter, die gleichsam psychosomatisch zum Ausdruck bringt, im Leben alles falsch gemacht zu haben, ein bittere Abrechnung mit der ihr von „diesem Mann“ zugewiesenen Frauenrolle : Alltägliche Sisyphusarbeit,  Schwiegermutters zarter Streuselkuchen und Apfelsaftepisode mit „blöden Psychologen“ sind frühe Ausschnitte aus der kleinen Welt. Die entscheidende Dimension jedoch eröffnet erst der Besuch der 83jährigen Mutter 1997 bei der Münchner Ausstellung „Verbrechen der Deutschen Wehrmacht“ späte Belege für Ausblendung der Wirklichkeit und die Unfähigkeit zu trauern. Da wird der Magenstich zum lebensgefährlichen Magendurchbruch. Dass sich noch in der Erinnerung der 52jährige Edgar dafür schämt seine Mutter Monate vor ihrem Tod mit einem Foto von den Kratzspuren an den Wänden in den Gaskammern konfrontiert zu haben, zeigt wie schmal der Grad zwischen notwendiger Aufarbeitung und familiärem Schonraum ist. Jedenfalls bleibt der bittere Abschied von der Mutter „Nimm deine Sachen und hau ab, ich will dich hier nicht mehr sehen“ nur nachvollziehbar, weil noch in der Stunde des Todes jedes gegenseitige Verständnis über die Vergangenheit fehlt.

Der Abschied vom Vater dagegen, wenige Jahre nach seiner Pensionierung, früh aber dafür standesgemäß als Kontrastprogramm. Kein derbes „Hau ab“, die schonungslose Konfrontation mit der Tätergeneration scheint ihm erspart geblieben zu sein (Das Hauskonzert beim Juden Brand hat schon genügt!), deshalb kein Magenstich sondern Herzinfarkt am heißen Strand von Ischia und Rückkehr in die Wohnung des Cellistensohnes Werner. Bildungsbürgerlich musikalisch ist die Kulisse, der 4.Akt der Aida gibt das Motto „Leb- wohl, o Erde, Tal der Tränen“ und Dali zerlaufende Uhren gibt’s noch dazu. Der Fiktion an dieser Stelle etwas zu viel. Friedlich jedenfalls der Abgang eines autoritären Vaters, der Kultur als Schutzraum zelebriert, geschichtsblind, mit viel Sinne für Sekundärtugenden, aber fast ohne  Wärmestrom und Sensibilität.

Das Buch von Edgar Selge ist letztlich eine Traumabewältigung und ein Beleg, dass Kränkungen auch großartige schauspielerische und literarische Schöpfungskräfte freisetzen können .  Note: 1/2 (ai)<<

>> Den Besprechungen der beiden Lesefreunde kann ich nur zustimmen. Alles Wichtige ist gesagt. Ich kann mich kurz fassen. Edgar Selges Spätling, genauer gesagt sein Erstling, an dem er fünf Jahre lang gearbeitet hat, berührt mich mehr als viele andere Bücher. Woran könnte es liegen? Der junge Edgar hat es nicht leicht. Seine Eltern wollen ihn von seinem „Hang zur Unaufrichtigkeit“ befreien. Unentwegt und mit allen Mitteln. „Kommunismus und Kitsch“ bedrohen die Welt des musikalischen und gebildeten Vaters. Seine Übergriffigkeit gegenüber den eigenen Söhnen macht ihn zu einer mehr als problematischen Figur. Die Mutter leidend, voller tragischer Momente.

Die Situation der Eltern wird genial komprimiert zusammengefasst: „Der Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie überstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist übrig geblieben.“ (Seite 18) Ein großes Thema, die Musik. Beethoven zum Beispiel: „Diese Musik ist voller Erlebnis, da geht es um was.“ (Seite 42). Ja um was denn? Gleichzeitig ist Musik ein großer Stress. Die Mutter weint, weil der Profigeiger ihr die geigerischen Grenzen aufzeigt. Zum Kotzen, sorry. Die sogenannte U-Musik existierte schon damals, hat aber Hausverbot bei Selges. Gemeinsames familiäres Singen mit Papa am Piano kommt nicht vor. Es muss Klassik sein. Und es wird gestorben. Auf sehr unterschiedliche und brutale Weise. Das Verhalten der todkranken Mutter gegenüber ihrem Sohn, unfassbar.Wie Edgar verzweifelt um das Leben seines jüngeren Bruders kämpft, das geht unter die Haut.

Bei der Buchvorstellung in Tübingen sagte Selge: “Ich glaube, Kinder haben die Fähigkeit, furchtbare Dinge zu erleben und nicht an ihnen zugrunde zu gehen. Resilienz nennt man das.“(Schwäbisches Tagblatt vom 13. Mai 2022). Edgar Selge muss sich diese Resilienz über die Kindheit hinaus bewahrt haben.

Mein zusätzlicher „Lektüremehrwert“: viel Glück gehabt mit meiner unbeschwerten Kindheit in der Kleinstadt auf der Ostalb, mit Eltern, die wussten, wer sie sind und nicht mehr sein wollten und ihre Kinder selbst-und bedingungslos liebten. Sie erzählten mir von einem Nachbarn, der nach Dachau kam, von Bespitzelungen in Gottesdienst, von einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo. Meinen Eltern, dem Schicksal oder auch Gott, großen Dank. Note : 1/2 ( ax)<<

 

>> Hast du uns endlich gefunden ist der Ausruf, den Edgar Selge in dieser autobiographischen Reflexion im Traum seiner Mutter in den Mund legt. Wie im Traum alles eine Inszenierung des Träumenden ist, so spricht in diesen Worten nicht die Mutter, sondern der Autor. Das Anliegen: eine widerstreitende Sehnsucht des inzwischen 70-jährigen die Eltern endlich „zu finden“. Die familiären Schlachten sind geschlagen. Den erbitterten Kämpfen folgt nach der Erschöpfung der tiefe Wunsch nach Ausgleich. Selge war erschüttert, dass er den liebte, der ihn quälte. Vor allem seinen Vater, diesen disziplinierenden Justizbeamten. Auch wenn das Werk von traurigen, nachdenklich stimmenden und erstaunlichen Daseinswidersprüchen und Alltagskonflikten durchzogen ist, wird vor allem gegen Ende immer deutlicher, dass Selge weiß, dass er zuerst das Bild seines Vaters in sich zerstören muss, bevor er das sie beide Verbindende reanimieren kann.

Selge bedient sich dabei literarisch eines hilfreichen Instruments. Er lässt den Grundschüler Edgar erzählen. Die kindliche Flapsigkeit macht Erschütterendes unterhaltsam ohne den ernsten Inhalt zu verwischen. Naive Ich-Betonung des Buben macht die Disziplinierungsprinzipien der Eltern plausibel. Tragik wird zur Komik und bleibt dennoch tragisch. Die Kunst des Autors liegt vor allem darin, mit dem Sprachgebrauch eines frühreifen Lausbubs eine Tiefensicht zu erlauben und dennoch die literarische Gestalt des Kindes durchgängig zu erhalten. Letztlich wird dadurch auch erreicht, dass das Autoritätsgefälle innerhalb der Familie als übermächtig nachempfunden werden kann. Entsprechend kann der Leser umso eindrücklicher die verbissenen Befreiungsversuche des kleinen Edgar nachvollziehen. Und natürlich hat der anerkannte Schauspieler Selge Sprache. Sprache, die grandios zwischen den Welten beider Generationen Brücken schlägt, die anrührt und betroffen macht, aber immer auch von Witz und Leichtigkeit beflügelt wird. So etwa als Vaters Rohrstock auf ihn niederfährt: „Dann packt er mein Genick und biegt meinen Körper über die Ehebetten … Der heiße Urin rinnt mir ins Hosenbein. Du Schwein!, stößt er aus, hörbar angestrengt. Ja, das ist auch für ihn ein körperlich fordernder Vorgang.“

Selbst die profunden Sachkenntnisse musikalischer Darbietungen will man dem Grundschüler abnehmen. Der Author schafft den fließenden Übergang der Sprachwelten, wenn der Wicht im wohlwollenden Kennerton die väterlichen Intonationen früher Bachfugen als überstürzt und ein wenig atemlos beschreibt. In Edgar steckt Potential. Aber er will es nicht nutzen. Auch musikalisch nicht, obwohl er schon als Schüler von Klassik ergriffen ist.  Edgar braucht die Pflichtverletzung, braucht den Widerspruch. Edgar spürt sich erst in der verbotenen Grenzüberschreitung. Edgar ist ein notorischer Dieb. Edgar streut unhaltbare Versprechen. Edgar schlägt vor den Kopf. Selbst jene, die ihm nahe sind. Wenn er der platonisch geliebten Klassenkameradin einen Viertelliter Pausenkakao in die wunderschönen Haare schüttet, um ihren Blick ernten zu können. Wenn er den übergewichtigen, lieben Nachbarn durch Klingelstreiche durch die Wohnung scheucht. Ja, es hat sogar etwas von eigenwilliger Selbstzerstörung. Ein wiederkehrender Reflex, den Edgar gelegentlich bereut. Ein Reflex, der ihm viel häufiger jedoch unbändige Freude bereitet. Als der Vater während der sonntäglichen Lesestunde Dostojewskis „Brüder Karamasow“ abhandelt, meint der Kleine den Sog der Selbstzerstörung zu erahnen, der nicht nur die Karamasows, sondern auch ihn betört.

Was sich einstellt, ist ein labiles Gleichgewicht, in dem elterliche Willkür, kindliche Renitenz, Schicksalsleiden und seine hartnäckige Resilienz die Wirkkräfte sind. Trotz schmerzlicher Niederlagen steigt der unverwüstliche Edgar immer wieder in den Ring. Sein übermächtiger Gegner ist der Vater. Wer ist das? I. Weltkriegsveteran, degradierter Jugendgefängnisdirektor, Sympathisant inhaftierter Nazigrößen, gebildeter Antisemit und preußischer Ordnungshüter vor allem in Erziehungsfragen. Lateinstunden mit dem Vater tragen das Gesicht von Folterritualen. Bedrohungen gibt es für den Vater vor allem zwei: Kommunismus und Kitsch. Dieser Mann ist auch belesener Bildungsbürger und vor allem Musiker. Besessen von Beethoven und Kollegen verbringt er jede freie Minute Piano übend, um in Konzerten vor die 400 Jugendstraftäter seiner Anstalt und die Honoratioren des Rotary Clubs zu treten. Klassik ist für ihn die Ästhetik rigoroser Ordnung, in der jeder Laut unmissverständlich definiert ist. Passgenau in der Wertewelt der Autoritätsperson Selge senior.

Und dennoch hat der Alte auch eine fürsorgliche Seite, die jugendliche Straftäter vor dem erbarmungslosen Erwachsenenstrafvollzug bewahrt in der Hoffnung, doch noch ein vermurkstes Einzelschicksal zum Besseren wenden zu können. Auch überrascht er als Ehemann, der die verzweifelte Frau auffängt, als sie in der vierten Fahrprüfung in das Schaufenster ihres geschätzten Handarbeitsladens rast. Aufrichtige Tränen vergießt er mit der Mutter seiner fünf Söhne, von denen zwei frühzeitig starben. Einer beim Spielen mit einer Handgranate, der andere als Student auf Grund eines Nierenleidens. Ja, er hat auch Wärme.

Für Edgar sind die beiden deutlich älteren Brüder Säulen der Zuversicht. Junge Männer, die ungestraft am Esstisch Widerspruch leben, liberale Ideen hochhalten, Kriegsschuld benennen und ihm klammheimliche Lebenshilfe gewähren. Ein einziger Trost im Familienkreise. Denn die zarte Mutter ist mit ihrer eigenen Verzweiflung so ausgelastet, dass sie Edgar keinen Ausgleich bieten kann. Ihre Lebensenttäuschung ist allumfassend. Statt der Haushaltsmonotonie, der Gefängnisallgegenwart, der patriarchalischen Ehemann- und Söhnewelt wäre ihre Berufung die einer Lyrikerin gewesen. Stattdessen verzehrt sie sich im Kreise drehend. Letztlich bleibt sie unversöhnlich und wird auch am Sterbebett den immer noch aufsässigen Edgar fortschicken. Trotzdem oder gerade deshalb scheint der Schauspieler Selge sich als Autor seiner Familie anzunähern. Schreiben schafft Frieden. Hast du uns endlich gefunden.

Ein sehr gutes Buch. Ein guter Ton. Auch eine kleine Kultur- und Zeitgeschichte. Ein pädagogisches Panoptikum. Wirklich lesenswert. Note: 1  (ur) <<