Sechs Koffer – Maxim Biller

Kiepenheuer & Witsch 2018 |  198 Seiten.

>> Lässt sich die eigene Position im Familiengeflecht über die Schuld anderer verorten? Wenn es eine Schuld mit Hinrichtung und langjähriger Haft in den Kerkern eines autoritären Regimes ist, wiegt der Versuch umso schwerer. Schwierig wird es besonders, wenn der Versuch im Kopf eines Jugendlichen stattfindet – beeinflusst von den Einflüssen der Verwandten, verwirbelt von aufkeimenden Begierden eines Pubertierenden und verwischt von der Zerrissenheit einer in alle Herrenländer emigrierten Verwandtschaft. Maxim Biller ist in dem autobiographischen Roman Sechs Koffer erst fünfzehn als er seinen Onkel Dima in Zürich aufsucht. Seine Frage lautet, ob dieser seinen eigenen, Schwarzhandel-treibenden Vater, Billers Großvater Tate, an den sowjetischen Geheimdienst verriet. Ebenso könnte es seine unzufriedene Tante Natalia oder Dimas Bruder Lev gewesen sein. Selbst der in Brasilien lebende Bruder Wladimir hatte handfeste Motive. Und ob Billers Vater Sjoma ohne Verdacht bleiben kann, bleibt ebenso eine offene Frage.

Die bubenhafte Suche nach dem Täter ist jedoch nur der äußere Rahmen des Romans. Im Inneren und im Vordergrund dieses Werks stehen die Eigenarten der Verwandten, ihre Vorlieben, ihre Missverständnisse, ihre entdeckten Geheimnisse, ihre heilvollen und unheiligen Verflechtungen, ihre Prinzipien, ihre Eifersuchten, Chancen und Lebensenttäuschungen. Und entfernt und meist unausgesprochen lässt sich in diesem Geflecht die Positionierung des Autors vermuten. Wie stark der Drang nach Einordnung und Quellbestimmung in diesem Strudel ist, kann der Leser nur erahnen. Vermutlich erheblich, denn Sechs Koffer ist nach Der gebrauchte Jude nicht Billers erster Versuch, seinen jüdisch-russischen Ursprung aufzuarbeiten. Damit folgt er einer Familientradition, da sowohl Mutter Rada Biller wie auch seine Schwester Elena Lappin die Verwandtschaft wiederholt zum Gegenstand literarischer Abhandlungen machten. Für den Autor ist es auch der Kampf gegen das infektiöse Verschweigen im Familienkreis. Dass er dabei nicht derart vernichtend wie in seiner legendären TEMPO Kolumne „Hundert Zeilen Hass“ vorgeht, darf man ihm zugutehalten.

Sechs Koffer sind das Gepäck, welches die Roman-Protagonisten schleppen oder sind symbolhaft die Beteiligten selbst. Sechs Kofferinhalte, sechs Erinnerungsansätze, sechs Sichtweisen einer Gegenwart, die für jeden andersdeutig und wertverschieden ist.

Beim Aufbau des Romangerüstes erlaubt sich Maxim Biller fortlaufend Betrachtungssprünge. Zum einen berichtet er als Ich-Erzähler. Zum anderen gehen Texte fließend in Perspektiven eines übergeordneten Erzählers über und beschreiben Einzelheiten, die der fünfzehnjährige Junge nicht wissen kann. Damit werden subjektive Verfremdung und objektive Faktenlage verwischt. Ölfarben mischen sich in das Aquarell, was durchaus zur Bereicherung des Werkes beiträgt. Fiktion und Tatsachen verschmelzen.

Der Tate war der familiäre Großfürst. Wer wo ihm zur Hand gehen durfte oder musste, war im Verwandtschaftskreis still geregelt. Auch unter seinen vier Söhnen: Billers patenter Vater Sjoma, der finanzgewandte Wladimir, der Chemiker Lev und der tollpatschige Dima. Die offensichtlich einflussreiche jüdische Familie lebt zu dieser Zeit im kommunistischen Russland, später in der gemäßigteren Tschechoslowakei. Handel und Schwarzhandel sind wirtschaftliche Grundlage und Expertise der Billers. Der Großvater hortet die Überschüsse in einer abgelegenen Datscha. Als Wladimir offiziell nach Brasilien und Lev als Wirtschaftsattaché nach Berlin entsandt werden um im Tausch für äthiopischen Kaffee harte Devisen in die verarmte Tschechoslowakei zu schleusen, nutzen sie die Gelegenheit zur Republikflucht.

Zweimal 40.000 Dollar gibt der Tate den flüchtenden Söhnen mit auf den Weg. Die beiden zurückbleibenden Söhne sollen indirekt von dem Kapital profitieren, indem sie teure Westwaren, die ihnen die Brüder schicken, noch teurer in der ausgemergelten Tschechoslowakei absetzen. Der Tate wird entlarvt und nach der zweiten Verhaftung hingerichtet. Wurde er verraten? War es Wladimir oder Lev, um die heimliche Transferverpflichtung in Vergessenheit geraten zu lassen? Die Vermutung keimt erneut auf, als auch ihr Bruder Dima, der von den Wertrückführungen hätte profitieren sollen, beim Fluchtversuch verhaftet wird. Vielleicht war Dima aber selbst an seiner Verhaftung schuld, da halb Prag in seinen Plan eingeweiht war. Fünf Jahre Haft in Pankrác sind die Folge, die zu guter Letzt auch ihn in Verdacht bringen. Denkbar scheint, dass er unter dem Druck der Sicherheitsbehörden seinen Vater verriet und dessen zweite, katastrophale Verhaftung provozierte.

Ein anhaltender Verdacht bleibt an Lev haften, da er jeglichen Kontakt mit allen Familienmitglieder meidet. Hat er eine schwerwiegende Schuld zu verbergen oder ist es die Tatsache, dass ihn sein Bruder Dima in der Aktion „Bruder“ als Republikflüchtling in die DDR locken sollte und wollte, damit sich der Staatssicherheitsdienst seiner bemächtigten konnte. Nur weil ihn ein Sekretär des Innenministeriums warnte, konnte Lev der Verhaftung entgehen. In einer späteren Plauderei erwähnt er dem Beamten und ehemaligen Weggefährten gegenüber beiläufig die illegalen Aktivitäten seines Vaters. Wahrscheinlich trug dies zu dessen Verderben bei. Aber dies wird nie publik.

Billers Vater Smoja hingegen verdächtigt wiederholt seine ehemalige Geliebte und jetzige Schwägerin Natalia, dem Tate den Tod gebracht zu haben. Vielleicht dient die maximale Schuldzuweisung jedoch dazu, ihre unumstößliche Liebe zu ihm nicht beantworten zu müssen. Die attraktive Schwägerin arbeitete sich mit eingeschränkten Fähigkeiten, aber einflussreicher Teilhabe an ihrer Nachtstatt bei politischen Entscheidungsträgern in die Rolle der Chefin der Filmakademie hoch. Filme wollte man von ihr allerdings kaum fördern. Ihre Liebe zu Sjoma bleibt unverwüstlich. Und weil es eine unerfüllte Liebe ist, ätzt sie sich schmerzhaft in den Herzbeutel. Lange Zeit versucht sie sich durch die Heirat mit seinem mittelmäßigen Bruder Dima zu trösten. Am Ende bleibt jedoch nicht mehr als ein pulverisiertes Selbstwertgefühl, dass sie mit einem Sprung vor einen Lastwagen schließlich auslöscht. Ihr Koffer war zu schwer. Aber hatte sie ihn durch Verrat erleichtern wollen?

Als Biller seinen Onkel Dima in Zürich aufsucht, ist sein Täterbild gefestigt. Als er ihn verlässt, hat er einen ewigen Verlierer kennengelernt, der alles im Leben bekam, was er nicht wollte. Der Vater war vermutlich nicht sein Opfer, sein Bruder Lev hätte es aber werden sollen und er selbst war es.

Das Buch ist bemerkenswert, weil es Biller immer wieder gelingt, durch unscheinbare Requisiten der Erinnerung Tore zu großen Entwicklungssträngen zu öffnen. Bemerkenswert auch der Schluss, in dem seine Schwester Jelena Lappin über ein Buchprojekt berichtet – mit dem gleichen verwandtschaftlichen Frachtgut aber in anderen Koffern. (Dieses Buch wurde tatsächlich zwei Jahre vor diesem mit dem Titel In welcher Sprache träume ich? veröffentlicht.)  Note: 1– ( ur) <<

 

Kaffee und Zigaretten- Ferdinand von Schirach

Luchterhand 2019 | 191  Seiten.

>>Warum ist dieses Büchlein so erfolgreich? Diese Frage stand am Anfang und machte neugierig. Schirach ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller dieser Tage. Der SPIEGEL urteilt: „Ferdinand von Schirach ist ein großartiger Erzähler“. Er ist ein gerngesehener Interviewgast, ein Meister der Anekdote, ein Antimacho, mit nachdenklichem, sanftem und abwägendem Auftritt. Inhaltlich allerdings häufig nicht weit weg von Plattitüden. „Es gibt ein einziges Kriterium in der Literatur: Berührt es mich oder nicht“. 
Angeblich zum ersten Mal erzählt von Schirach in Kaffee und Zigaretten von sich selbst. „Man muss wahrhaftig sein, sonst ist das nichts“ begründet er den Schritt zum Autobiographischen. Die erste und die letzte von insgesamt 48 Szenen – Geschichten kann man diese kaum nennen – fungieren quasi als Klammer und beleuchten jeweils eine sehr schwierige Phase in seinem Leben, beides Mal mit Selbstmordgedanken und in erzählerischer „er“ Perspektive. Einmal ganz explizit als 15-jähriger nach dem Tod seines Vaters und dann nochmals sehr viel später, als er einen Oldtimer in Süddeutschland kauft und vorhat, eine lange Reise durch das gerade zerfallende Europa zu machen. Die düsteren Gedanken, die ihn begleiten werden angedeutet durch Literaturzitate wie „Geh nicht gelassen durch die gute Nacht. Im Sterbebett sei doppelt zornentfacht“ oder durch Zeilen wie: „Er ist sich sicher, sein Leben vertan zu haben“ oder „Es gibt keine Pflicht zu leben, jeder scheitert auf seine eigene Weise.“. Nur eine Momentaufnahme von beobachtetem Glück rettet ihn. Diese beiden Szenen sind die besten des Buches. Sein schriftstellerisches Talent, in einfacher Prosa mit etwas distanzierter Beobachtungsgabe einfühlsam und sehr berührend zu schreiben, wird sichtbar.

Der Rest ist leider sehr enttäuschend und zum Teil auch etwas ärgerlich, oder „unangenehm“, um es mit einer Lieblingsvokabel Schirachs zu sagen. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen sagte er, das erste und das letzte Kapitel müsse sein, um die anderen zu verstehen. Für mich erschließt sich das nicht, außer man liest einen etwas depressiven oder morbiden Grundton heraus. Ansonsten sind es kurze Skizzen, Anekdoten, Meldungen, Erinnerungen an Begegnungen, die allzu durchschaubar und häufig nach gleichem Muster gestrickt sind und manchmal allzu frisiert daherkommen. Nach der dritten unverhofften Begegnung mit einem alten Weggefährten nach 30 Jahren weiß man schon was kommt: Nichts Gutes. Note: 4 (ün)<<


>>Ein Strickmuster wird sichtbar. Ausgangspunkt zuweilen eine Zeitungsnotiz oder Nachricht, bevorzugt aber Begegnungen mit Mandanten oder ehemaligen Bekannten. „Ich“ weist auf authentisch, aber Verdacht auf einen Schuss Münchhausen. Thematik von banal bis letzte Fragen der Menschheit Schuld, Tod , warum sind wir wie wir sind. Auch Skurriles. Die Botschaft aller Beobachtungen : „Es ist immer der gleiche Mensch, dieser strahlende, verzweifelte, geschundene Mensch“. Meist eine „Überhöhung“, eine Sentenz, von Epiktet über Marc Aurel bis zum Haiku und Ringelnatz. Der Autor belesen, der Verlag ein guter Vermarkter. Was bleibt, ist der Reiz eines Lesers zur 49. Notiz von „Kaffee und Zigaretten“. Ein Read(y)made, also nach dem Lesen gemacht. Die Auflage ist klein, nur hier: ein-malig.

Neunundvierzig

Seit über 250 Wochen stehen sie da. Jeden Samstag, immer zwischen 11 und 12 Uhr. 8 Stufen hat die Stiftskirchentreppe. Die Kirche neugotisch unter dem Grafen Eberhard im Bart 1470 erbaut. Das Grab Mechthilds von der Pfalz im Chorraum beeindruckend. Eine ortbekannte Buchhandlung ein Gemüsestand, ein Optikergeschäft, in einem der Häuser ging Hermann Hesse zur Lehre,  Publikumsverkehr. Ein schlichtes Transparent, weißes Leintuch, handgeschrieben „Free Raif Badawi“. Männer und Frauen, stumm,  einige mit Plakaten. Ein saudi-arabischer Blogger vor 5 Jahren zu 1000 Peitschenhieben, 1o Jahren Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Sein Vergehen: Er forderte Meinungsfreiheit. Die Frau, erfahre ich, während ich auf Klaus einen alten Studienfreund warte, lebe in Canada, zunächst Asyl, jetzt mit den Kindern als Staatsbürgerin. Ich unterschreibe eine Unterschriftenliste. Was man inzwischen erreicht habe, frage ich. Man spricht davon, man lasse nicht locker, steter Tropfen höhle den Stein, stille Diplomatie,  Politik heiße mache Geschäfte vor Menschenrechten, der Mord an Kashoggi, auch dieses Verbrechen trage einen Namen Kronprinz Mohammed bin Salman.
Der Spaziergang mit Klaus führt hinaus in einen Biergarten in Halbhöhenlage, zwei Pfauenräder empfangen uns, unterhalb ein Erdbeerfeld, die Speisekarte deftig, am Nachbartisch  Disput über den fehlenden Salat. Der Abend wird lang man hat sich Jahre nicht gesehen und zurück zum Hotel ist die  Stiftskirchentreppe eine kleine Partymeile, mediterranes Flair, an der Ecke ein mittelmäßiger Saxophonist. Noch bevor ich im Hotelzimmer wie immer meine Emails lese, ich erwarte dringend nähere Informationen zu meiner nächsten Lesung in München, lässt mich die Vormittagsbegegnung mit dem Begriff Peitschenhieb nicht mehr los und nach Worterklärung und Etymologie bietet mein Handy folgende Seite. „Die besten Peitschen-Apps für iPhone und Android. Mit einer Peitschen-App macht ihr euer iOS- oder Android-Smartphone zu einer waschechten Peitsche – natürlich auch mit dem passenden Sound. Inzwischen gibt es einige der witzigen Apps, die einen Peitschenhieb simulieren. Welche soll man da nehmen? Wir haben uns den Appstore und den Google Play Store einmal genauer angeschaut und stellen euch hier die besten Peitschen-Apps vor.“
Raif Badawi erhielt am 21. Januar 2015 während einer öffentlichen Auspeitschung die ersten 50 Peitschenhiebe. Danach brach er zusammen. 950 Peitschenhiebe warten noch. Iphone und Android waren dabei. Die Handys des umstehenden Publikums hielten die Szene fest.

Schon Schahrasad benötigte tausendundeine Nacht um am Leben zu bleiben und um den König mit ihren Geschichten zu besänftigen.

Note: 4 (ai)<<


>> Achtundvierzig Sentenzen, Episoden, Augenblicke. Menschen am Rande, Momente der Besonderheit, Alben der Widersprüche. Sinnsuche, juristische Ausflüge, Kuriositäten. Temperierte Lektüre für Minuten – einen Kaffee lang. Wieder eine Schirach-Sammlung, wenn auch anders: rauchiger, manchmal anrührend, vermutlich auch Liegengebliebenes. Viele Geschichten folgen einem Muster: die hingestreuten Detailimpressionen, die belesenen Zitatfunken, der geschlossene Mittelteil, und schließlich die Rückkehr zum Anfang mit überraschender Nachdenklichkeit. Seien wir ehrlich: auch wenn es durchschaubar ist, eingängig bleibt es trotz alledem. Etliche Abschnitte haben keinen Ich-Erzähler. Wenn er dann doch auftritt, darf vermutet werden, dass Schirach Autobiografisches verewigt. In diesen Passagen entblättern sich nominierte Nobelpreisträger, Massenmörder, Multimilliardäre und Zeitzeugen aller Zeiten um literarisches Material zu liefern. Frau/man möchte dem Autor dann doch dosiertes Kokettieren mit der Macht und seiner Bedeutsamkeit unterstellen. Nichtsdestotrotz bleibt es lesenswert.

Da sind Anekdoten wie der Kinoabend des „ich“ als Sprachschüler in London. Im Publikum auch Mick Jagger, der lauthals die Wiederholung des Nachtfilms verlangt. Oder ein Hausmeister, der Kunstwerke wie Beuys Fettecke entsorgt. Oder die Kassiererin der Krankenhauskantine, die dem Pantoffel-tragenden Arzt den Rabatt verweigert, weil sie ihn für einen Psychiatriepatienten hält. Oder der Extremkünstler, der in einem Plexiglaskasten drei Wochen lang Hühnereier ausbrütet.

Daneben gibt es Notizen, die Ungleichheiten ausleuchten. Als der Tochter aus mittelloser Familie endlich der Karrieredurchbruch als Opernsängerin glückt, möchte der Vater die Premiere auf einen anderen Wochentag verschieben lassen, weil dann weniger Parkprobleme zu befürchten sind. Manchmal führt das Akzeptieren von Absonderlichkeiten sogar zur Normalität: der Ehemann konnte seine Frau nur begehren, wenn sie Perücken trug. Die ersten fünf Ehejahre waren von 72 Perücken und zwei erfolgreich gezeugten Kindern geprägt.

In anderen Kapiteln werden Charakterdenkmäler freigelegt wie das arrogante Ausatmen des qualmenden Kanzlers Helmut Schmidt, die grenzenlose Eitelkeit eines Donald Trump, der bei Paraden einen Schritt vor Queen Elisabeth laufen will, die kultivierte Greisin, die mit bedingungsloser Hingabe einem  imposanten Boxer verfallen war. Verzeihen konnte sie ihm allerdings nie, dass er an einem banalen Wespenstich beim Picknick starb. Oder der Bankmagnat, der seine nackte Gattin Kirschkerne in einen Bottich spucken lässt. Mit dem ständig wiederholten Beifall „Sehr brav, meine kleine Mrs. Margaret Thatcher“ zelebriert er vermutlich seine erfolgreiche Lobbyarbeit in höchsten Regierungskreisen.

Zahlreiche Schriften lassen den Widerhall von weiser, betont banaler oder tragisch verfehlten Verknüpfung erkennen. Auf die törichte Tat des Internatsschüler Schirach, ein junges Reh in einer Eisenfalle schwer verletzt zu fangen, reagiert der Internatspater mit Besonnenheit: ein Mann muss mutig vorangehen, aber auch tapfer das Scheitern ertragen. Bei Erinnerungen an Bilder führt Schirach aus, dass wir nur unsere Erinnerungen sind. Das Vergangene sei nicht tot, es sei nicht einmal vergangen wie William Faulkner schrieb. Oder dies: Epiktets griechische Weisheiten könne man nur leben, wenn gerade nichts passiert. Dazu gehört auch, das zu ändern, was zu ändern ist und das andere schlicht zu akzeptieren. Tiefsinniger sind dann schon die Überlegungen zur Menschwerdung, deren markantes Merkmal, die Ausbildung einer wenn auch labilen Ethik ist. Teil dieser Ethik ist die Anerkennung der menschlichen Würde. Dieser Sieg über die Natur wird jedoch immer wieder herausgefordert. Schirachs eigener Großvater selbst war es, der als Reichsgauleiter die Vernichtung Wiener Juden organisierte. Mit dem Verweis auf die japanische Gedichtform Haiku versucht Schirach die unumstößliche Ambivalenz des Menschen zu beschreiben: er ist wie er ist. Es sei sinnlos danach zu fragen, ob der Mensch gut oder böse ist. Er ist es einfach. Er trägt das Gute wie das Hässliche in sich. Gerade deshalb ist es unverzichtbar, dass er sich eine Ordnung gibt. Ein juristisches System ist die gesellschaftliche Norm dieser Ordnung. Interessant bleibt dann für den Leser die ganz persönliche Frage, warum Schirach lange Jahre die selbst gestellte Aufgabe des Strafverteidigers ganz besonders faszinierte, wenn es doch nicht um das Begreifen der Taten ging.

Wie in früheren Werken, greift Schirach auch in diesem Buch juristische Fälle auf, die eine humanitäre Luft atmen. Alle Menschen haben eine Würde, egal ob Täter oder Opfer. Entsprechend zitiert er einen Schweizer Richter, der prinzipiell die Todesstrafe ablehnt, auch weil Fehlurteile gefällt werden. Einem dieser Fehlurteile konnte ein Häftling durch Flucht im letzten Moment entkommen und am Ende sogar sämtliche Geschworenen um vier Tage überleben. Beklemmend dagegen die Selbstaufgabe der Landespolitikerin, die nach endlosen Anfeindungen zusammenbrach, nur weil sie forderte, auch Kinderschänder eine Chance zur Rehabilitation zu geben. Schirach nimmt hier die Position ein, dass vor dem Gesetz alle gleich sind. Überraschend bleibt allerdings, wenn er in einem Interview die Verteidigung ausgewählter Fälle von Pädophilen ablehnt. Vielleicht wirft seine Zeit im Jesuiteninternat im Schwarzwälder St. Blasien späte Schatten?

Ein sehr persönlicher Bezug darf in mehreren Geschichten vermutet werden, die sich mit der Verbundensein zum Leben bzw. der Bereitschaft zum Tod befassen. Als Jugendlicher stand Schirach selbst dem Suizid nahe. Die Aussage, dass es auch ohne die Begabung glücklich zu sein, die Pflicht gäbe, zu leben, vermittelt in beide Richtungen etwas sehr Trauriges. Auch der Autor dürfte dies in sich tragen. Der KZ-Überlebende Imre Kertész hatte mehrere Tode überlebt. Nicht überlebt hatte seine Liebe zu sich selbst. Halt bietet dann nur noch die Form. Und so deckt er jeden Abend gesittet den Tisch und nimmt in seiner Einsamkeit seit Jahren Platz.  Note: 2– (ur)<<


>>Eine bunte Geschichtenmelange. Mal geht es um Schuld und Moral, mal wird eher locker abgeplaudert.  Aber was heißt da ab, es sollte eher hoch heißen. Hochgeplappert auf Platz 1 Spiegel Besten-Liste.  Nicht immer weiß man, wo  Authentisches endet und  dichterische Ummantelung beginnt.

Um es gleich zu sagen, kalten Kaffee serviert uns Ferdinand von Schirach nur in einigen seiner Stories,  aber Instant ist eine Menge mit dabei. Ein positiver Höhepunkt die autobiographische Nummer eins. Dann geht es auf und ab. Beliebigkeit dominiert.

Der Stil fast durchgängig  lakonisch melancholisch. Tod und Trauer mit Einschränkungen leitmotivisch. Dazu eine gewisse Bildungsbeflissenheit bis hin zur Selbstbeweihräucherung. Manchmal Pseudotiefgang. Der Verdacht, es könne sich bei dem Buch um eine Restverwertung handeln, scheint nicht ganz abwegig.

Das Thema Rauchen taucht relativ oft auf. Noch mehr in seinen Fernsehauftritten. Ich habe Herrn von Schirach gefragt, ob er sich schon mal mit Passivrauchen beschäftigt habe. Falls er wider Erwarten antworten sollte, Aktuelles dazu an dieser Stelle.
Note: 4+(ax)<<

 

 

 

Troll – Michael Hvorecky

Tropen 2018 | 213  Seiten.

>>Trolle verbreiten als virtuelle Medienidentitäten unter vorgetäuschten Profilen Falschmeldungen im Netz, um gezielt öffentliche Stimmungen zu manipulieren. Trolle arbeiten vereinzelt oder organisiert – auch als regimegesteuerte Machtinstrumente. Der Schauplatz des Romans darf in einem diktatorisch geführten Ostblockland verortet werden, in dem Falschnachrichten und Wahrheiten untrennbar miteinander verschmolzen werden. Vielleicht ist es die Zukunft der slowakischen Heimat des Autors. Technisch ist es jedoch die staatenlose Gegenwart. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler, dessen Ambition es ist, die manipulativen Lügenmaschinen des Internets zu entlarven. Das politisch anmutende Ziel trägt auch Vergeltungszüge und wird ebenso aus persönlichen Verlustmotiven der beiden Hauptfiguren gespeist.
Der Erzähler ist Sohn einer wohlhabenden Familie, die zu den wenigen Gewinnern des Regimes nach einem Hybridkrieg in der Post-EU-Phase gehört. Die Eltern entfremden sich. Der Vater flüchtet mit dem älteren Bruder des Ich-Erzählers in den europäischen Westen, worauf Ehefrau und zurückgelassener Sohn in eine anhaltende Krise stürzen. Eine fehlende Masernimpfung lässt den übergewichtigen, hässlichen Jungen schwer erkranken und fünf Jahre in maroden Krankenhäusern dahinvegetieren. Das politische System hat die Gesundheitsversorgung zusammenbrechen lassen. Während dieser Zeit lernt er die drogenabhängige Johanna kennen, der mit Willensstärke ein Selbstentzug gelingt. Beide Schicksalsverlierer schließen sich zusammen und planen, die Lügen des Systems und seine Manipulationsmaschinerie ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Johanna ist die versierte Treiberin. Zutiefst renitent und intelligent entwickelt sie Strategien, verteilt die Rollen und wird zur einzigen Freundin im isolierten Leben des Jungen. Es ist eine Symbiose, in der beide Aussätzige sich gegenseitig Halt in einer haltlosen Situation geben.
Das erste der beiden Buchkapitel zeichnet die Persönlichkeitsbilder der beiden Hauptfiguren in den erbärmlichen Niederungen einer in sich zusammengebrochenen Gesellschaft. Willkür und Gewalt, Armut und Chaos bestimmen das Dasein. Auch der aufgedunsene Junge entwickelt niederträchtige Züge begleitet von einer Fresssucht, zu deren Befriedigung er den anderen Heimgenossen die letzten Krumen stiehlt. Bizarre Sanatoriumsrituale absurder Patientengruppen vermitteln den Eindruck eines bösen Märchens. Es ist ein Milieu, in dem die beiden Protagonisten nur mühsam zu Helden der Moderne reifen.

Das zweite Kapitel beschreibt den Widerstandskampf in der De-Informationszentrale des Internetagitators Valys. Die geläuterte Johanna und der inzwischen 20-jährige Junge haben sich nicht nur intensiv fortgebildet und ausgefeilte IT-Kenntnisse angeeignet, sie beherrschen auch Fremdsprachen und verfügen über umfangreiche Sachkenntnisse, um in gesellschaftlichen Debatten Paroli bieten zu können. Mit diesen Kompetenzen gelingt es ihnen eine Anstellung in Valys berüchtigter Troll-Fabrik  zu erhalten.
Täglich werden Scheinkonflikte definiert wie die vermeintliche gemeinschädliche Ausbeutung des nationalen Gesundheitssystems durch angeblich parasitäre Roma-Horden. Die öffentliche Diskussion beginnt typischerweise mit einer schlichten Sachdebatte, die zunehmend mit tendenziösen Stellungnahmen fortgesetzt wird, um dann in persönliche Angriffe gegen beteiligte Blog-Diskutanten überzuleiten bis schließlich ein von Hass bestimmter Erregungszustand erreicht wird, in dem sich ohne weiteres Zutun die wachsende Zahl der Blog-Follower gegenseitig zerfleischen. Das immer wieder zelebrierte Chaos liefert letztlich Vorschub für den Ruf nach einer autoritär ordnenden Führung. Um den anfänglichen Diskurs unauffällig zu gestalten, werden in der Troll-Fabrik Pro- und Contra-Rollen verschiedenen Mitarbeitern zugeordnet bis schließlich externe Webteilnehmer auf die Kontroverse aufmerksam werden und die Auseinandersetzung selbstständig verschärfen. Die Aktivitäten der Troll-Fabrik wirken umso glaubwürdiger, da die Troll-Diskutanten mit nachvollziehbaren Profilen auftreten. Zu diesem Zweck gibt sich ein Troll-Mitarbeiter je nach Kompetenz ein bis 30 Identitäten von der einsamen Witwe, die in ihrem Leben nach Gewissheit sucht oder dem älteren Herren, der mit versöhnlicher Nonchalance die Welt beurteilt bis hin zum nassforschen BWL-Studenten, gestählt im eigenen Reihenhaus-Fitnesskeller, mit authentischem Fremdenhass und tätowierter Freundin. Alles über Monate im Netz sorgsam vorbereitet und auf öffentlichen Servern mit umfassendem Bildmaterial hinterlegt.

Der Ich-Troll entwickelt sich zum Vorzeigeaggressor, der sich durch eine besonders große Zahl und Vielfalt von Pseudoprofilen eine unumstößliche Spitzenposition in der Fabrik erarbeitet. In der naiven Öffentlichkeit wird er zum Blogger mit den meisten Hates. Die legendären Hasstiraden treiben schließlich aufgebrachte Menschenmassen auf die Straßen. Puppen mit seinem allseits bekannten Erscheinungsbild werden verbrannt. Hysterische Rufe ihn zu lynchen schallen durch die Häuserschluchten. Es gibt die aufgeklärte Öffentlichkeit also doch, auch wenn sie gefährdet ist. Verbunden mit einer Empörungskultur scheint sie für wahre wie für unwahre Nachrichten gleichermaßen empfänglich. Unbeirrt entwickelt er immer einflussreichere Kampagnen, die am Ende noch nicht einmal das offene Auftreten der Agitatoren in der Öffentlichkeit scheuen. Eine legendäre Roadshow soll die Überzeugungsarbeit der Agitatoren vertiefen.

Als verfeindete Gruppen auch die Troll-Fabrik ins Visier nehmen, verdächtigt der Ich-Erzähler Johanna als Urheberin, worauf sie verhaftet wird. Er hingegen wird als unumstößlich loyal gefeiert. Das Geschwür des Trolling hat seinen Organismus überwuchert. Johanna hatte dies als Notwendigkeit vorausgesagt, auch wenn unklar blieb, wie dadurch das Lügensystem entlarvt werden sollte. Die Lawine der Denunzierungen und öffentlichen Anfeindungen lässt schließlich die Troll-Fabrik kollabieren. Die Wirkung ist deshalb so umfassend, weil Johanna in weiser Voraussicht Verleumdungsnachrichten über ihre Person mit einem Fälschungshinweis im Auto-Publishing-Modus selbst ins Netz gestellt hatte. Als die Troll-Beschuldigungen über ihren Verrat erscheinen, ist die Blog-Gemeinde bereits gewarnt. Der öffentliche Zorn kehrt sich um und richtet sich fortan gegen den wahren Troll-Apparat.

Entsetzt von der eigenen Niedertracht und um der schuldbeladenen Vergangenheit zu entkommen, lässt der Ich-Erzähler an sich einen körperlichen Gestaltwandel vollziehen. Chirurgische Eingriffe entstellen ihn bis zur Unkenntlichkeit, verfremden seine Stimme und verfälschen seine Fingerabdrücke. Die konsequente Verstümmelung ist auch ein Schuldbekenntnis. Er kehrt das ursprünglich innere in ein äußeres Monster. Währenddessen kommt es zum Systemumsturz. Zu guter Letzt führt der Autor das Monster und die befreite Johanna wieder zusammen. Ihre neue, selbst gestellte Aufgabe lautet: Valys Desinformationsfabrik in eine Anti-Troll-Einrichtung umzugestalten. Das aufklärerische Happyend mit moralisierender Deklaration samt eingestreutem Vaclav Havel-Zitat wirkt jedoch etwas bemüht.

In jedem Fall erhellend bleiben die Systembeschreibungen der demagogischen Fake News- Produktion, die trotz der literarischen Ausmalung überzeugend realistisch sind. Erhellend auch die Darstellung des Suchtpotentials für die individuellen Trolle, das vom Machterleben suggestiver Meinungsmanipulation ausgeht. Ein mittelprächtiger schriftstellerischer Wurf im Duktus eines gut-gemeinten Gegenwartmärchens.
Note: 2/3 (ur) <<


>>Das Buch beginnt mit dem Ende. Das Tableau – eine Welt ohne Fakten „Echte Anarchy in the UK. In Europa, in den USA“ –Desinformationskrieg in Osteuropa unter der Herrschaft eines „Systems“. Der Protagonist der Geschichte ist nach der vermeintlich heldenhaften Zerschlagung des „Systems“ zur öffentlichen Hinrichtung ausgeschrieben. Alles bleibt diffus aber man vermutet das „System“ hat überlebt. Einzig Rekonstruktionsmedizin und die Künste der Dysphonie scheinen den Maskenmann vor einem grotesken Lynchprozessionszug zu retten. Da fährt der Autor alles auf, was diese Gesellschaft zu bieten hat und was ihm nicht passt: Vereint sind Linke und Rechte, Reichsbürger, Priester in Kutten, Naturheiler, Homöopathen, Veteranen des vergangenen Krieges, natürlich zusammengerufen durch Google und Facebook begleitet von der Melodie eines widerlichen Killerraps gegen den Troll. Es taucht ein Name auf Johanna, nebulös, der Kontext bleibt verborgen. Es folgt bis zum Ende des 1.Teils die Entwicklungsgeschichte der beiden Hauptfiguren und der Nebel  des Beginns lichtet sich zunehmend. Der Ich-Erzähler ohne Namen.. Opfer der elterlichen Verblendung sich der Alternativmedizin zu verschreiben statt der Masernimpfung der Pharmaindustrie zu vertrauen. Die Folge 5jähriger Krankenhausaufenthalt als Fettwanst und Jungfrau unter 3.Weltbedingungen bei gleichzeitig gut funktionierendem Internet. Die 2.Hauptfigur – Johanna, Drogenkarriere aber schon in frühen Jahren belesen in russ. Literatur, Eltern gutbürgerliches Milieu (Drogenkarriere der Tochter scheinbar entgangen) dann Drogenentzug und Klinikaufenthalt, der die beiden Loser zusammenführt um schließlich nach nachgeholtem Schulabschluss, IT Kursen und Studium die durch  den Informationskrieg völlig manipulierte Welt zu retten. Der Kampf gegen die Trolle wird zur Mission, nicht weniger als eine „unsichtbare Heldin“ werden, heißt das bei Johanna, um „ein wenig das wiedergutzumachen, was sie im Leben vermasselt hatte“ (– was hatte sie eigentlich vermasselt??) Nein, der Einstieg der beiden zunächst Gescheiterten nach dem Modell David gg Goliath will wenig überzeugen und ist nicht frei vom Superman-Klischeel. Eine Nachricht im Netz, sie betrifft das, womit man die Massen am besten manipulieren kann – das Flüchtlingsthema „Schock in der Apotheke. An ALLE weiterleiten“ bringt die Wende vom Plan zur Tat. In diesem 2. Teil des Romans wird die Horrorwelt eines Systems beschrieben, geleitet von einer zwielichtigen Figur namens Valys, einst Zögling eines einflussreichen Oligarchen, Geheimdienstler, „Gründer der gefürchteten Prague Trolling Factory“, der über sämtliche perfiden und niederträchtigen Techniken der Kommunikationstechnologien verfügt. Wie es den beiden jungen „Helden“ gelingt, sich in dieses System einzuschleichen, sich seiner Methoden zu bedienen, ja sie sogar zu perfektionieren, bis an die Grenze des Verlust der eigenen Identität, die Konstruktion immer neuer Netzidentitäten, das ist die Stärke des Romans. Hier wird eine Apokalypse vorgeführt, die durch zahlreiche Gegenwartsbezüge deutlich macht, wie nahe wir schon in der Zukunft angekommen sind. Ob es allerdings der Komplexität eines global agierenden Netzwerks von Hate-Posters, Troll-Mafiosis, Digital-Faschisten gerecht wird, von „Chef“, „Büro“, „Abteilungsleiter-Meetings“, „Beförderung“ des Ich-Erzählers zum „Chef des Trolling-Teams“ zu sprechen, kann bezweifelt werden. Das entspricht doch eher den Dimensionen eines hierarchisch geführten Einzelunternehmens. Aber vielleicht erfordert die Konzeption des Romans von zwei guten Helden dann doch den personalisierten Bösewicht Valys als Gegenspieler. Am wenigsten überzeugt der Schluss des Romans. War mit  Romanbeginn eher der Sieg des „Systems“ über seine beiden Widersacher zu vermuten, so liefert das Romanende eine andere Lesart. Valys ist „angeblich im Nachbarland“ mit seinem komplett neu erfundenen System unterwegs, Johanna macht auf Medienerziehung, um „im Land das kritische Denken zu entwickeln“ und unser Ich-Erzähler legt auf einer „alten mechanischen Schreibmaschine Zeugnis ab über die Trolle“. Soviel Romantik nach so viel Internethorror, das muss man erst mal aushalten können. Note: 4 ( ai)<<


>>Der Auftakt furios: Der namenlose, maskierte Ich-Erzähler gerät in einen Mob von tausenden hasserfüllten Menschen, die ihn lnychen wollen. Eine alptraumhafte Szenerie, die an ein Endzeitmovie wie Mad Max erinnert. Er wurde als Troll enttarnt, als gefakter Keanu Reaves und 80 weiterer Profile. Er wurde im Netz daraufhin als „chasarischer Zionist, als Nazijude, Vaterlandsverräter, Faschist, Schande für die Welt, Russenfreund, Amifreund, Israeli, Gutmensch, Fettsack“, usw. beschimpft. Die Mechanismen des Netzes, die er selbst jahrelang mitbetrieben hat, wenden sich nun brutal gegen ihn. Wahrheit oder Logik der Post spielen nicht die geringste Rolle. Höhepunkt: Der Rap der Motorradgang Vaterland vor der grölenden Menge:
„Der Troll geht über Leichen für Petroshekel,
Hau weg den Scheiß, uns packt der Ekel,
nicht liken, sondern blocken, dissen!
Die Homobitch soll sich verpissen“,…

Das ist großartig gemacht und man erfährt nun im Rückblick, wie es dazu kam. Der historische Zeitrahmen bleibt unklar, aber es scheint sich in einer nicht allzunahen Zukunft in einem Land in Osteuropa abzuspielen. Das Land gehörte einst zur Europäischen Union, bis diese zerfiel. Das „Reich“, das einen Informationskrieg und auch einen Hybridkrieg angezettelt hat, ist unschwer als Russland zu identifizieren.
Der Ich-Erzähler lernt in seinem jahrelangen Krankenhausaufenthalt die drogenabhängige Johanna kennen. Auf dem Höhepunkt des Informationskrieges, in dem mit tausenden von fake news  Hass verbreitet wird, entschließt sich Johanna, gegen die Trolle anzukämpfen und er schließt sich Johanna an. Sie lassen sich in eine Trollfabrik einschleusen und werden dort erst einmal Teil der Maschinerie. „Eine Weile werden wir sein wie sie, um zu zeigen, dass wir nicht so sind wie sie“.
Hvorecky gelingt es in diesem dystopischen Roman sehr eindringlich und sehr kenntnisreich, zu zeigen, wie eine moderne Gesellschaft durch Desinformation und Leichtgläubigkeit in seinen Grundfesten erschüttert werden kann. Sehr lesenswert. Note 2 (ün)<<


>>„Trolle trinken Trollinger“ gehört zu den missrateneren Slogans der bayrischen Kalauerakademie Pullach. Trolle trinken Bier wie wir, wenn überhaupt. Was ein Troll so ganz genau ist, ist mir auch nach der Lektüre von „Troll“ nicht hundertprozentig klar geworden.

Der Roman kommt erst nach einer langwierigen Eröffnungsphase mit grusligen Einblick in einen eher fiktiven Klinikalltag zum Thema Troll. Der Ich-Erzähler und seine Freundin sind beide beeindruckende Loser, wenn auch auf unterschiedliche Art. Beide steigen sie in eine „Troll-Agentur“ ein, die mit einschlägigen Methoden im Auftrag des „Reiches“, womit wohl Russland gemeint sein dürfte, einen Informationskrieg führt, Menschen diffamiert, pusht und mobbt. Johanna versucht die Agentur von innen heraus lahmzulegen. Am Ende „sprengen“ die beiden das Troll-Institut, werden aber dadurch das Ziel von Lynchattacken.
Der Roman  wirft Zeitebenen durcheinander, Realität und Sciencefiction  wechseln sich ab oder vermischen sich, insgesamt eine Herausforderung für den Leser. Schrille Farbigkeit dominiert. Ist die Situation in Osteuropa auf uns übertragbar? Wir bräuchten eigentlich keine Troll-Agenturen.

Zu Beginn des Jahres beschäftigten Hackerangriffe auf 994 Politiker/innen und Prominente die bundesrepublikanische Öffentlichkeit. Steinmeiers private Handynummer, ja so was. Man mutmaßte über Spuren nach Moskau oder gar Peking. Dann stellte sich aber heraus, dass die Attacke aus dem Kinderzimmer von Johannes S. (Alsfeld) kamen.
Die russischen Twitter-Agitatoren spielen in einer anderen Liga. Die ZEIT  vom 16. Mai 2019 beschreibt die Aktivitäten einer Troll-Fabrik in St. Petersburg.Von daher ist der Roman wohl doch näher an der Realität als uns lieb sein kann.

Der Roman des erfolgreichsten slowakischen Schriftstellers endet optimistisch. Johanna unterrichtet Medienerziehung an Gymnasien. Darum, Ende gut, alles gut. Note: 2/3 (ax)<<

Was dann nachher so schön fliegt – Hilmar Klute

Galiani Berlin 2018 |  365 Seiten

>> Ich stelle mir vor, Hilmar Klute zu Gast bei der Gruppe 47. Er liest ein Kapitel seines Romans. Keiner raucht, keiner trinkt Pils. Bevor H.W. Richter die Kritik freigibt, ergreift Rühmkorf das Wort:  Klutes Roman ist deshalb  so gut gelungen, weil Volker Winterberg lyrisch gescheitert ist. Ein 20jähriger zwischen Einmal-Einlagen, dem bundesrepublika-nischen Literaturbetrieb und einer Beziehung gleichermaßen zerrieben, findet am Ende seinen Anfang. Alles gesagt. Sprachlich grandios!
Note: 1 ( ai) <<


>>  „Und was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden.“ Worte werden ewig gewendet, ihre verströmende Wärme geprüft, ihr inneres Pochen abgehorcht, bis Prosa oder Lyrik ausschlüpfen darf. Das hat Peter Rühmkorf unwissentlich Klutes Protagonisten Volker ins Pflichtenheft geschrieben – zumindest meint dies Volker, der wie sein großes Leitbild ebenso ein Schwerstarbeiter der Literatur werden will. Doch noch ist Volker nur ein zwanzigjähriger Ersatzdienstleistender, der in den Tiefen des Ruhrpotts desorientierten Alten den Hintern pflegt.

Der Alltag im Altenheim ist erschöpfend, die Senioren in einem Kokon der Sprachlosigkeit gefangen und für Lyrik nicht empfänglich. Die Kollegen halten Abstand zum Nachwuchsdichter, während Volker auf dem Pfad bis zur ersten eigenen Gedenktafel irrt, begleitet von vorgetäuschten Entrückungen – imaginierten Begegnungen mit zeitgenössischen Führungskräften: Günther Grass, Heinrich Böll, Marcel Reich-Ranicki, Erich Fried, Walter Jens. Alle sind sie da. In seinen Fantasien organisiert Volker ein Treffen der Gruppe 47 mal im gesichtslosen Ruhrpott, mal auf der Dachterrasse des Berliner Karstadtgebäudes. Herrlich ausschweifende Ideen eines jungen Menschen. Dazwischen flimmert eine verschwommene Liebe mit einer Berliner Katja. Vielleicht hätte es auch eine Bremer Katrin sein können. Ein bisschen Gefühl, vor allem aber eine austauschbare Spiegelfläche für das ambitionierte Literaten-Ego. Eben wie im richtigen Dichterdasein. Mit dieser Romanarchitektur schafft Klute eine Projektionsfläche des deutschen Literaturbetriebs. Keine schlechte Idee.

Klute baut auf eine durchgängig erfrischende Respektlosigkeit. Er legt einem pubertierenden Tagträumer beißende Wahrheiten über anerkannte Literatur-zeitgenossen in den Mund. Ein Schriftsteller Klute, der flächendeckend über seine Berufskollegen herfällt – das ist mutig. Für die positive Rezeption seines Romanhintergrunds bedient sich Klute deshalb einer weiteren beschwichtigenden Konstruktion. Schon im ersten Moment persifliert er Volker, indem er ihn genauso sein lässt wie die von ihm verrissenen Großpäpste der dichtenden Kunst. Volker ist kenntnisreich und überheblich, belesen und lehrmeisterhaft, intuitiv und abrechnend, manchmal mit dem nuancenarmen Schwarz-Weiß jugendlicher Gedankenwelten verhaftet, oft aber auch frühreif elaboriert in seinen Monologen über die Psychologie der kleinbürgerlichen Fussballseele oder den schwulen Aidsalltag Berliner Gegenwelten. Also ein talentierter Nachwuchskandidat für die deutsche Kulturarena.

Klute gelingen dabei amüsante Sequenzen wie etwa Volkers Vorstellung von Uwe Johnson. So ersinnt Volker für Johnson die Einschätzung: „Mein Schreiben ist derart imprägniert und versiegelt, dass es spontane Kritik nicht mehr zu erreichen … vermag. Ich halte mich weiterhin an das beredte Schweigen“ (S. 232). Also würde Johnson nichts sagen, worauf Volker sich Johnson stramm und stumm wie einen Stock bei einer Literatentagung in den USA vorstellt. Volker würde ihm dennoch hoch anrechnen, dass er den weiten Weg aus Europa auf sich genommen habe, um auch einmal in Übersee zu schweigen. Eine bissige Wertschätzung.

So wie Volker in seinen Vorstellungen in der Gruppe 47 hinterhältige Scharmützel von Richter und Reich-Ranicki ausmacht, so sind auch in seiner Gegenwartswelt bei einem Berliner Wettbewerb von Nachwuchslyrikern Opfer zu beklagen. Mit Blick auf seine Mitbewerber schwankt Volker zwischen mentaler Gewaltanwendung und empathischer Fürsorge. Seelen zerbrechen, verkannte und überstrapazierte JungdichterInnen brechen in hysterische Schreikrämpfe aus, nachdem sie von der Jury vernichtend beurteilt wurden. Jahrgangskonkurrenten sind zum Äußersten bereit. Volkers Altenheimkollege Dirk, dem kein rechter intellektueller Wurf wie Volker gelingen will, lässt erst einen Senior an einem zu trockenen Brötchen ersticken und versucht sich dann selbst das Leben zu nehmen – erklärtermaßen nur, weil er es seinem Idol Volker nicht gleichtun kann. So nachhaltig kann literarischer Nahkampf sein.

Klute gelingt es durch eine Vielzahl anekdotischer Einschübe amüsante Querschläger zu platzieren – dies umso mehr als er dabei einen quirligen Sprachduktus pflegt.
Note: 2 (ur)<<


>> Was der  Nachwuchsschriftsteller Volker Winterberg zwischen Zivildienst im Altersheim im Ruhrgebiet, auf diversen Lyrikwettbewerben im aufregenden  Berlin der 80 er Jahre und Ruhrgebiet ( „Lyrik-im-Pott-Preis“) sowie getrampten Fluchten nach Paris erlebt,  ist ein glänzend geschriebener Roman des „Süddeutschen“ Redakteurs Hilmar Klute (Streiflicht), der in Winterbergs Tagträumen den ganzen Literaturbetrieb mit derartiger Raffinesse auf die Schippe nimmt, dass man manchmal wirklich lauthals loslachen muss. Aber auch einfühlsame Beobachtungen, wie schwierig und zerbrechlich Annäherungen an das andere Geschlecht sich in jungen Jahren gelegentlich entwickeln, gelingen ihm mühelos und mit großer Sprachschöpfungskraft.
Note: 1 (ün)<<


>> Hätte Hilmar Klute nicht Ersatzdienst statt Wehrdienst geleistet, hätte er vermutlich über Siechtum und Sterben im Seniorenheim nicht so eindrücklich schreiben können. So  hat alles sein Gutes. Dieser erste Teil des Romans hat mich am nachhaltigsten beeindruckt. Der Junglyriker Volker Winterberg fantasiert sich in eine Begegnung mit der verflossenen Gruppe 47 hinein. Dabei kommt es zu seltsamen Dialogen. Zu Günther Eich sagt er:“Ich bin nicht genial genug für so etwas.“ (Seite 45) Was für eine Antwort erhofft sich Volker W.?  Vermutlich nicht: „Ganz genau.“ Geht’s noch schräger? Insgesamt weiß der  Autor beeindruckend viel über die Literatur der Nachkriegszeit. Die Namen dropen. Man merkt, dass Hilmar Klute Streiflichter in der Süddeutschen schreibt. Deren  ironischer Grundton wird fast konsequent durchgehalten. Jochen Overbeck fragt in seiner Rezension (Spiegel online), was der schönste Satz in diesem Buch sei und meint dann, dass es schwer sei, dies zu sagen. So schwer ist das doch gar nicht. Es ist eindeutig der Satz: „Schmeißen Sie alles weg“ auf Seite 104. Wer will, kann sich während der Lektüre über einen hemmungslos romantischen und weltfremden Jungidealisten anhaltend  und köstlich amüsieren. Etiam si omnes, ego non.
Preisfrage: Wie viele Zigaretten (selbstgedrehte und andere) werden in diesem Roman geraucht? Jede richtige Einsendung wird mit einem Büchergutschein in Höhe von 20 € (für Nichtleser/innen auch Zigarren) belohnt!
Note: 2+ (ax)<<

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß – Robert Musil

Manesse Bibliothek 2013, Zürich. 317 Seiten.

>>Robert Musil hat seinem Roman drei Sätze von Maurice Maeterlinck vorangestellt: „Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam (…).“

Wenn dem so ist, wäre es dann nicht besser, ich würde meine Gedanken über den Roman für mich behalten? Mit zehn Jahren wurde ich fast auch ein Zögling. Sicherlich nicht so vornehm wie in Mährisch-Weißkirchen, halt „nur“ in Rottenburg/Neckar. Es war nicht die Idee meiner Eltern, sondern die eines priesterlichen Onkels. Meine Eltern ließen mich entscheiden. Ich wollte lieber im warmen und vertrauten Dreigenerationenhaushalt im Jagsttal bleiben. War es schon damals die Angst vor dem Unbekannten? Nachträglich vermutlich die richtige Entscheidung.

Im Fall von Törleß war das Internat sicher die bessere Lösung. So wie er in Wien lebte, geschwisterlos, ohne Freunde, mit speziellen Eltern? Auch wenn Musils erfolgreichster Roman den Weg in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher gefunden hat, mir blieben Sprache, Ausdrucksweise und Verhalten der vier Protagonisten insgesamt fremd. Am ehesten konnte ich mich noch auf den Beobachtermodus von Törleß einlassen.

So suchte ich Rat und Trost in allen drei Lektürehilfen, die in der Stadtbücherei Tübingen zu finden waren. Die im renommierten Klett-Verlag erschienene Interpretationshilfe von Dr. Hanns-Peter Reisner ist sicherlich die klügste und hilfreichste. Reisner zitiert Walter Jens, der den jungen Törleß als ein „janusgesichtiges, von verwegenen Erfahrungen und tollkühnen Gedankenaufschwüngen gezeichnetes Ich“ bezeichnet. Für den Rhetoriker, der es ja wissen muß, ist er „der erste moderne Mensch in der deutschen Literatur: dem Hofmannsthalschen Lord Chandos oder dem Rilkeschen Malte Laurids Brigge oder Thomas Manns Hanno Buddenbrook um ein halbes Jahrhundert voraus.“

Reisner verweist abschließend  richtigerweise auf die Zeitlosigkeit sadistischer Übergriffe und resümiert: “Wenn die aus dem Törleß zu gewinnenden Einsichten wenigstens ansatzweise dazu dienen können, mit geschärfter Aufmerksamkeit und strukturiertem Blick solche Ereignisse aufzunehmen und zu verarbeiten, haben sich die Mühen der Romanlektüre gelohnt.“

So gesehen bereue ich nichts.  Note:  3+  (ax) >>

>> Was uns ein 26jähriger Autor in seinem 1906 erschienen Roman über das Internatsleben 16-18jähriger Zöglinge  berichtet, gibt sowohl einen Einblick in die Entwicklung zum Erwachsenwerden wie in die Elitenrekrutierung der Zeit. In dem Konvikte zu W. wurden die „Söhne der besten Familien des Landes“ für den späteren Militär- und Staatsdienst vorbereitet. Abgeschiedenheit, so lässt uns der Erzähler wissen, schien die Gewähr dafür zu bieten, „die aufwachsende Jugend vor den verderblichen Gefahren einer Großstadt zu bewahren“. Dass die Gefährdungen auf ganz anderer Ebene lauern, ist das Thema von Musils Roman. Stehen zunächst der Prozess des behutsamen Abschieds von den Eltern, die Erfahrung von Einsamkeit und Selbstzweifel,  Törless  Zuwendung zu Reiting und Beineberg und deren Gedankenwelt, etwa die erotischen Phantasien in der Bozena Episode im Vordergrund, so wird der Gelddiebstahl des Schülers Bansini  zum Wendepunkt der Geschichte. Zum Skandalon gegenüber Kameradschaftsideologie und Moralrigorismus  überhöhlt, erkennt der Schüler Reiting, vom Erzählers schon früh als Typus des „unnachsichtigen Tyrannen“ charakterisiert, die Chance, aus Bansinis „Gemeinheit“ ein „Vergnügen“ werden zu lassen und so nimmt das Verhängnis mit Bansinis unterwürfigem Bekenntnis zum „Sklavendienst“ seinen Lauf. In der Gegenwelt zum Lehrsaal unten, in der Dachstuhlkammer oben  offenbaren sich die Abgründe der Psyche in drei verschiedenen Typologien. Zum einen kühl kalkulierend , zynisch  sadomasochistisch  Reiting, der Basini am Ende gar der Lynchjustiz der Klasse ausliefert, ein strategisch perfider Plan, um die eigentlichen drei Täter in einer glänzend inszenierten „wohlverabredeten Komödie“ straffrei davon kommen zu lassen. Zum zweiten Beineberg, Sohn eines Reiteroffiziers,  der von einer kruden  buddhistisch, mystisch esoterischen Zauberwelt inspiriert, glaubt an Bansini gar ein Menschenexperiment durchführen zu können. Als diese lächerliche Hypnose der Seelenreinigung (Befreiung der Seele aus den Naturgesetzen) scheitert, kommt die Peitsche und der Revolver zum Einsatz, letzterer noch nicht in seiner späteren Realität . Und schließlich die Hauptfigur Törless.  Im Gegensatz zu seinen Mitschülern sensibel und verschlossen und von deren Andersartigkeit merkwürdig angezogen, reagiert er zunächst pragmatisch. Bansini müsse beim Direktor angezeigt und vom Institute entfernt werden. Zugleich spürt er, was die Entscheidung Reitings letzten Endes auch für ihn bedeutet. Dies ist eine Schlüsselstelle des Romans: „Alles, was sich in ihm regte, lag noch im Dunkeln, aber doch schon spürte er eine Lust in die Gefilde dieser Finsternis einzudringen“. Zunächst noch beobachtend, befremdet, Bedenken äußernd, ob der sich zunehmend steigernden Bestrafungsrituale wird schließlich auch Törless zum Mittäter. Im Zusammenprall zweier Welten, der Vernunft und der Irrationalität, siegt bei Törless die „mörderische Sinnlichkeit“. Doch während sich bei Reiting und Beineberg der Missbrauch ohne jede Irritation vollzieht, Basini zum Objekt verdinglicht wird, unterzieht Törless sein Handeln einer fortwährenden Selbstreflexion. Die Innenperspektive, sein seelischer Zwiespalt , Ich-Brüche stehen im Vordergrund und die wechselnden Empfindungen von Lust, Begierde, Zärtllichkeit, Erniedrigung Scham und Ekel offenbaren ihm zunehmend die Abgründe auf der Suche nach sich selbst. Dass ihm die finale Gewaltorgie, die Bansini durch Reiting und Beineberg erfährt, „als eine gedankenlose, öde, ekelhafte Quälerei“! erscheint, ist der Beginn einer Selbstbefreiung. Erst mit der späteren Lektüre seiner Erinnerungen erkennt er ohne Schuldbewusstsein, warum ihm jede „ethische Widerstandskraft“ damals fehlte. Wie wenig die Institution des Internats den Verwirrungen ihrer Zöglinge gewachsen war, belegt vor allem die Schlussszene des Romans, eine Bankrotterklärung pädagogischer Arbeit: Basini strafweise entlassen, Törless vom Direktor zur „sorgsamen Überwachung seiner geistigen Nahrung“ einer Privaterziehung anempfohlen, Beineberg und Reiting straffrei – „ in der Schule ging alles einen gewohnten Gang“.

Ein für die Jahrhundertwende sicherlich außergewöhnlicher Blick in die Irrungen der Adoleszenz, die sich heute bei 16 bis 18 Jährigen sicherlich weniger bildungsbefrachtet, aber vielleicht in anderer Weise gewaltaffin zeigen würden.

Note: 2 ( ai) >>

>> Mit dem Internatsschüler Törleß behandelt Musil vermutlich eigene Verwirrungen: Sinnsuche, Wahrheitsverbundenheit, Ethos und Logik, Instrumente der Reifung einschließlich Gewalt, Homosexualität, Erotik, Lebenszweifel, kollektive Grenzerfahrung, Verrat, Schuld und Flucht. Eine eher düstere Thematik – und darüber hinaus eine, die überwiegend in Überlegungen verläuft. Wenig Bewegung, meist nur tastendes Fortbewegen in aschfahlen Gedankengewölben. Obwohl thematisch zeitlos, leidet die Rezeption des Romans zudem an seinem hundertjährigen Sprachduktus, der die heutige Wahrnehmung zumindest herausfordert. Man quält sich durch die Seiten und leidet auf inhaltlicher und formaler Ebene.

            Törleß drängt seine wohlhabenden Eltern, ihm einen Internatsaufenthalt zu ermöglichen. Die Trennung fällt dennoch auch dem Sohn schwer. Im Internat gefangen, quält den Jungen Heimweh, vergeistigt im stillen Abseits einer Gemeinschaft von Jungen aus meist standesbewussten Elternhäusern. Seine drei ungleichen Weggefährten sind umstrittene Burschen mit zwielichtigen Ambitionen. Basini kämpft gegen das Unterschichtdasein seiner mittellosen Herkunft, bestiehlt andere um materiell anerkannt zu werden und verstrickt sich in Lügen und Abbitten. Seine kleinen Untaten erlauben den anderen ihn zum gemeinsamen Opferobjekt zu profilieren. Reiting schult seine körperliche Widerstandsfähigkeit mit ausdauernden Schlagübungen gegen Zimmerwände und kennt kein größeres Vergnügen als Menschen gegeneinander aufzuwiegeln. Er ist der berufene Nachwuchstyrann. Auch Beineberg entpuppt sich als der Praktikant des Bösen, der Nachschlüssel für alle ungenutzten Verschläge und Dachkammern des weitläufigen Schulgebäudes besitzt, geladene Revolver hinterlegt und mit Strenge Gewaltanwendung einfordert. Törleß hingegen besitzt in all diesen Dingen kein Geschick, ist jedoch der geistig Beweglichste. Entsprechend avanciert er still zur theoretischen Autorität des Trios.

Törleß verharrt als Grenzgänger. Grenzgänger zwischen den Geschlechtern, Grenzgänger zwischen den erotischen Zielen, Grenzgänger zwischen den Logikwelten in der verzweifelten Suche nach Wahrheiten, verunsichert durch un-eindeutige Signale seiner Seele und seiner Erzieher. Als Kind war es im unbegreiflich, warum er kein Mädchen sein durfte. Bei grausamen Gewaltritualen seiner Kameraden überrascht ihn beim Anblick des blutüberströmten, nackten Basini eine Erektion. Die verschwommenen Antworten seines Lehrers auf Fragen mathematischer Logik enttäuschen ihn zutiefst. Das Verständnis seiner Eltern für Basinis Verfehlungen stellen seine Wertvorstellungen in Frage. Und auch die Wahl der Mittel für den Erkenntnisgewinn bleiben unbeholfen.

Als ein verlängertes Wochenende ihn und Basini allein im Internat zurücklässt, gibt er sich einem erotischen Impuls hin. Schon in nächsten Moment wird die homosexuelle Annäherung von Gewaltpraktiken durchdrungen, die sich kaum von denen seiner Weggefährten Beineberg und Reiting unterscheiden. Musil färbt die Szene ein und gibt ihr den Farbton einer Sinnsuche: „Ja, ich quäle dich. Aber nicht darum ist es mir; ich will nur eines wissen: Wenn ich all das wie ein Messer in dich hineinstoße, was ist in dir? Was vollzieht sich in dir?“ Basini als Medium und sexualisierte Gewalt als Methode um eine universelle Lebenserkenntnis zu erwirken? Musil bleibt vage, worum es eigentlich geht: Moral? Körperlichkeit? Identität? Genuss der Ohnmacht? Mathematik? Als Leser möchte man sich so wie der später vergeblich nach Erklärungen suchende Direktor von dieser Verschwommenheit trennen. Törleß wird vom Internat verwiesen. Zuvor hatte Törleß Basini schützend empfohlen, den Fall und damit auch sich selbst bei der Direktion anzuzeigen. Die Tortur findet ein Ende – Musil lässt Basini kurzentschlossen im Off verschwinden.

Schlüssiger erscheint dagegen der perverse Gewaltcharakter der anderen Protagonisten. In immer perfideren Verfahren hatten sie ihre brutalen Orgien verfeinert, bis Basini in einem Prozess der Selbstaufgabe Schmerz und Angst verloren hatte. Damit verflüchtigte sich jedoch der orgastische Reiz der Quälerei, weshalb Reiting und Beineberg schließlich Basini der gierigen Klassengemeinschaft auslieferten. Ihre Darstellung, dass sie sich vergeblich aufgeopfert hätten, ihn durch mühevolle Zucht auf den rechten Pfad zu führen, wird allseits wertgeschätzt – die Gewalttäter werden zu Wohltätern stilisiert. Dieser Teil des Romanplots ist eindrücklich und beschämend zugleich. Auch Exorzismus versteht sich als religiöse Läuterung.

Musil lässt Törleß später zu einem feinsinnigen Erwachsenden werden. Hat die harte Schule somit doch ihre Sinnhaftigkeit nachweisen können? Oder ist es am Ende die aufwertende Selbstdarstellung des Autors, der in der Tat trotz einer problematischen Schulprägung zum empathischen Seelenschriftsteller wurde? Womit will uns Musil entlassen?  Note: 3/4  (ur) <<

>> Als der junge Törleß einmal eine Reclamausgabe von Schriften KANTs in die Hände bekam, verstand er kein Wort und es war ihm „als drehe eine alte, knocherne Hand ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopf“. Das Buch hat er bei seinem Mathematiklehrer liegen sehen, der ihm mit Kant die Erkenntnis vermitteln will, dass es sowohl in der Mathematik wie auch in der Philosophie Denknotwendigkeiten, Axiome sind, die am Anfang stehen und deren Bedeutung und Sinnhaftigkeit man erst dann verstehen kann, wenn man sich intensiver mit der Materie beschäftigt hat. Törleß will zu den Grundlagen der Erkenntnisfähigkeit vordringen, ein für heutige 17-jährige schwer nachvollziehbarer Drang und sicher auch für die Verhältnisse vor hundert Jahren, sagen wir mal, außergewöhnlich. Er ist auch die Triebfeder dafür, dass er sich in das unheilvolle Spiel seiner Mitschüler Beineberg und Reiting  hineinziehen lässt, die den Außenseiter Basini in ein immer qualvolleres, psychisches Abhängigkeitsverhältnis treiben. Törleß beobachtet mit Neugier und mit dem nüchternen Blick des Forschers, was seine Beteilung an den Quälereien Basinis in seinem Inneren bewirkt. Seine erwachende Sinnlichkeit analysiert er ebenso kühl als Kampf zwischen Verstand und Trieb. Der psychologische Blick, der Wechsel der Perspektive, das Zusammendenken von Qual und Lust, von Ekel und Anziehung gehört zweifelsohne zu den starken Passagen des Buches. Später wird Törleß seine Erlebnisse und Grenzerfahrungen als Bereicherung seiner persönlichen Entwicklung sehen.

Die sadistischen Exzesse, die empathielose Haltung der restlichen Klassenkameraden, das Versagen des Lehrerkollegiums als Vorboten des 1. Weltkrieges und des Faschismus zu deuten, ist nicht abwegig. Ob die Qualen des Erwachsenwerdens, in der Sprache Musils erzählt, für heutige Abiturienten, die den Törleß lesen müssen, noch nachvollziehbar ist, darf allerdings bezweifelt werden.  Note: 2 (ün) >>

 

Hochdeutschland – Alexander Schimmelbusch

Tropen, 2018 | 214 Seiten.

>> Was da im Frühjahr 2017 im Glashaus in Falkenstein beginnt, klingt zunächst nach einer bitter-ironischen Abrechnung mit der Blasenwelt der  Finanzjongleure. Dass sich ihr Protagonist Victor als Akteur und Profiteur dieses Metiers allerdings nicht als glaubhafter Zeitzeuge eignet, ist die Tragik der Konstruktion, die daher 15 Jahre später in ebendemselben Falkensteiner Glashaus mit der nach wie vor millionenschweren Romanleiche enden muss. Gewiss einiges hat sich in Victor geändert in diesen 15 Jahren: Er ist nicht mehr der Chefstratege der Birken-Bank sondern seit 12 Jahren der „strategische Schamane“ der weltgrößten  German Investment Authority. Victor hat mit seinen fulminanten „politischen strategischen Optionen“ seinen Studienkumpel, den „Deutsch-Muselmanen“ Ali Osman mit dessen DAG gleichsam im Handstreich zum Bundeskanzler gemacht. Verändert hat sich auch Victors Musikgeschmack. Während sich die „PAF“-Gazelle nähert, begleitet nicht mehr „Rammstein“ sondern die 4. Symphonie Beethovens die Glashaus- Szene.  Bis zum finalen Schuss ist allerdings sein erlesener Geschmack für Wohnaccessoires und Weine geblieben, allerdings jetzt nur noch ein „Forellentatar…mit Wasabiwurzel“ und eine “Flasche Brauneberger Juffer Sonnenuhr“ und nicht mehr die vom Roomservice seines Berliner Hotels  servierte „Peking-Ente“ und Flasche Richebourg für 2400 €, die ihm wohl etwas zu sehr benebelt die Finger lockerte für ein flammendes Plädoyer gegen die Skrupellosigkeiten des Neoliberalismus, mal ein bisschen Marx, mal ein bisschen AfD, mal Ernsthaftes (Vermögensobergrenze und GINA), mal Slapstick (Umschuldung des Maschinenbauschlossers zum urzeitlichen Aalfischer). So verpackt entschärft Schimmelbusch die dringend notwendige Auseinandersetzung mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Widersprüchen. Es ist eine Nullnummer , wenn ein millionenschwerer Investmentfuzzi über den Leistungsgedanken räsoniert (Krankenschwester gegen Immobilienhai), eine weitere Nullnummer, wenn derjenige, der zuvor an die Kataris  Thyssen-Krupp U-Boote verscherbelt sich zum Mahner „skrupelloser finsterer Wüstendiktatoren“ aufschwingt. Vielleicht aber, und dann hätte ich Schimmelbusch gänzlich falsch verstanden, geht das Entlarvungsspiel und der Zynismus der Finanzweltjongleure a la Victor so weit, dass sie noch aus den von ihnen verursachten Widersprüchen Kapital (im wortwörtlichen Sinne) schlagen und in Rotweinlaune einen neuen manipulativen „Pitch“ auflegen: Wie schaffen wir ein einkommensgerechtes zukunftsfähiges Deutschland? So gesehen wären dann Victor und die Seinen doppelte Rattenfänger. Jedenfalls mag  das Bild vom Banker, der  – seines Erfolgs überdrüssig und des „Megatrends Ungleichheit“ einsichtig – jetzt mal die ganze Schickimicki- und Investment- Szene vorführen möchte und auf die verbalradikale Pauke haut („Warum ölte niemand die Guillotine?“), nicht richtig zu verfangen. Doppelbödigkeit allenthalben: Seine Heimatstadt Frankfurt ist zur „Schmerzensgeld-Shoppingmall degeneriert“, die Skyline-Bohrtürme – welche „Pitchis“  und „M&As“ von Seinesgleichen haben dazu geführt? Die süffisante Abrechnung Victors mit dem Vapiano-Clan und dessen Stellengesuche in Bild.de sind sie nicht harmlos im Vergleich zur Personalrekrutierung der von Victor geführten Vorstellungsgespräche der Birken-Bank („Straflager“, “Rekruten, die bis an die Grenze ihrer physischen Kapazitäten getestet werden“). Da versagt selbst der Versuch der  Entlarvung des Taunuswohlstandsbürgertums im Kleinen. Da höhnt man über donnernde „Biturbo-Familienkombis“ von Mercedes auf der B455 , in denen Frauenfüße in „Design-Hainen aus Edelkastanien“ Titan-Gaspedale niederdrücken (52), während unser Victor mit der S-Version seines Share-Khans sich Seiten später mit dem Gedanken trägt, mit der „Zuckung seines Gaspedals“  den zynisch imaginierten „Sachbearbeiter in dessen Versagerwagen an den Brückenpfeiler zu treiben“ . Beim Thema Frauen bleibt Schimmelbusch kein Klischee schuldig: Nachdem Victor die „Persona“(!!) Antonia, die Mutter der gemeinsamen Tochter Victoria abgelegt hat, tritt die junge Nachbarin Maia auf (geschmacklose Assoziation „schöne Dissidentin nach einem Monat Hungerstreik“), deren Ehemann natürlich vom Typus Kotzbrocken sein muss: Deutschbanker alter Schule, Victors sofortige Assoziation: Deutsche Bank Dreck am Stecken wegen Ausschwitz und dann hat dieser Ehemann und Freizeitjäger noch als Gipfel nen Meese in der Küche hängenden der kunstsinnige Victor entlarvt, „als hätte ein debiler Gestapo-Offizier“ das gemalt. Maia übernimmt übrigens in Victors Glashaus und in der heimischen Küche ebenso wie die polnische Masseurin im Spa-Adlon real das, was virtuell osteuropäischen Webpornoseiten für den Inhalt von Victors „Zegna-Hose“ (S.52) ersetzen. Weniger schlüssig für die Bedürfnisstruktur Victors will mir der Romanschreibversuch erscheinen, mit dem Victor „sein inneres Leben festzuhalten“(57) versucht. Folgerichtig will die Geschichte vom U-Bootkommandanten und einer seelisch erloschenen Prostituierten auch nicht die Lektorin zu überzeugen, eine grandiose Szene, die ich inhaltlich wie sprachlich mit 1 bewerte, Vielleicht allerdings hätte die Lektorin ihr Urteil korrigiert, wenn sie die letzten vier Romanseiten Schimmelbuschs gelesen hätte. Da erschließt sich nämlich, was dem irritierten Leser bisher verborgen geblieben ist: Maia Stahl bisher nur als Victors Sexualobjekt wahrgenommen, ist inzwischen zur Kommandantin eines interkontinentalgestützten U-959-Bootes aufgestiegen und setzt um, was sie aus „Victors-Bibel“  (wahrscheinlich einer Mischung aus Romanfragment und politischem Strategiepapier) als „letzten finsteren Liebesdienst“ ableitet. Die Rache an Victors Hinrichtung erledigt die „Antipersonenwaffe in Form und Größe einer Kinder-Überraschung“, die in einem Nachtclub von Damaskus jener Attentäterin gilt, die ein paar Monate zuvor im „schwarzen Jumpsuit von Jil Sander“ der „PAF“ alle Ehre gemacht hatte. Da sage noch einer, diese Amerikanisierung deutscher Vergeltungsstrategie sei nicht schlüssig konstruiert.

Solche Romane muss man mögen, ich gehöre nicht dazu und bin dankbar vor allem auch für den unveröffentlichten Beststeller „Polarsonne“.  Note : 5 (ai) <<

>> Sprachlich ein totaler Gegensatz zum vorherigen „Trafikant“. Keine „leichte“ Sprache. Was Schimmelbusch mit der deutschen Sprache anstellen kann, macht schwindelig und manche Sätze muss man zweimal lesen- manchmal um sie zu verstehen, aber ganz oft , um die Raffinesse und die Kreativität  voll zu genießen.
Zum ersten Mal ein Buch, bei dem ich keine einzige Zeile aufgeschrieben habe, da seine Sprache einen Sog entwickelt und ich eigentlich jede zweite Zeile hätte festhalten wollen.
Schimmelbusch zündet ein fast rauschhaftes, sprachliches Feuerwerk und analysiert schonungslos die groteske, absurde Welt der Investmentbanker und die gesellschaftliche Lage der Bundesrepublik Deutschland.

„Schimmelbusch hat einen wahnsinnig lustigen, bösen, politisch klugen Untergangs-und Aufbruchsroman geschrieben“ (Volker Weidermann, Literaturspiegel).

Besser hätte ich es nicht formulieren können.

Note: 1 – (ün) <<

>> Mit Hochdeutschland hat der ehemalige Investmentbanker Schimmelbusch gesellschaftspolitische Klamauk-Literatur mit einem überraschend bedenkenswerten Kern geschaffen. Für alle, die seinen Werkstil schätzen, ist ein überschäumender Unterhaltungswert garantiert. Aber nicht jeder wird es mögen. Der geneigte Leser wird von rauschenden Kaskaden gurgelnder Sprachsprudel fortgerissen, während ein humorloser Flachschwimmer verunsichert nach Luft schnappen wird. Nicht zuletzt taucht uns der Autor in turbulente Fluten von Finanz-, Wirtschafts-, Eros- und Psycho-Untiefen. An deren Ende verbindet die neue Bundesrepublik als Deutschland AG Raubtier-Kapitalismus mit grünsozialer Nachhaltigkeit. Ein neues Gesellschaftssystem wird geboren – nach innen warm, aber kalt nach außen. Von Ludwig Erhard über Joschka Fischer bis zu Donald Trump – vereint ergibt sich ein erstaunlicher, aber denkbarer Staatscharakter.
Der Protagonist Victor streift als Investmentbanker mit 39 Jahren bereits die Rentner-Randzone. Er ist äußerst erfolgreich, Multi-Megamillionär, Co-Inhaber der Birken Bank mit Blick vom 32. Stockwerk der liquidierten Dresdner Bank auf die Niederungen der Frankfurter Metropole, Eigentümer eines historisierten Glaspalastes in Taunus-Halbhöhenlage, geschiedener Ehemann mit rustikaler Libido und einer Offenheit für alternative Lebenszustände. Eine seiner 102 Wohnungen in Berlin nutzt er von Zeit zu Zeit, um inkognito auf einer Bodenmatratze meditativer Bescheidenheit nachzuhängen oder einem gediegenen Engelhardt Bier am Säufereck zu frönen. Victor hat zwei Profile. Beide vereint er zu einem zügig formulierten Manifest, das die Republik verändert.

Wir schreiben das Jahr 2017. Angela ist immer noch bundesrepublikanische Mutti. Doch die Regierungsfamilie schwächelt. Das Volk ist müde angesichts der politischen Tristesse. Wahlen machen die Weißen zur dominierenden Partei. Ali Osman, ehemals Vorzeige-Deutschtürke mit einnehmendem Charisma bei den Grünen, ist abtrünniger Parteigründer der Weißen und nun Alternativkanzler. Das Parteiprogramm jedoch basiert auf dem Manifest seines Freundes Victor. Victor wird Ayatollah, Vor- und Überdenker der Partei, Doppelminister für Bildung und Finanzen und vor allem Vorsitzender der GINA. Das Parteiprogramm schäumt vor Vitalität und Innovation. Finanzmarktprinzipien und globale Kampfstrategien bilden das Fundament. Die Konkurrenten werden außerhalb der Nation verortet. Nach innen wird die Solidarität umso größer geschrieben. Die Reichen müssen mit einer bitteren Obergrenze von 25 Millionen Euro ihr Leben fristen. Alles Darüberliegende wird kompromisslos mittels dem staatseigenen und inzwischen weltgrößten Kapitalfond GINA umverteilt: soziale Marktwirtschaft in Kristallkultur. Eine ausdauernde Werteerziehung aus Victors Bildungsministerium festigt Teilhabe, Toleranz und ökologische Lebenshaltung in den deutschen Köpfen. Die Deutschland AG avanciert zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht. Im Anblick der dritten Legislaturperiode wird Victor jedoch vom konservativen Mittelbau tödlich niedergestreckt, weil nicht alle überzeugt werden können.
Wer war Victor? Victor hatte der Regierung empfohlen, die Pumpspeicher-Kraftwerke ins amerikanische Ausland zu verkaufen. Wie beim Staubecken verdiente er seine großzügige Marge mit dem Abfluss. Während die deutsche Energieversorgung im freien Fall dahinrauschte, lief sein Banknoten-Dynamo schon mal heiß. Beim Anblick des nächtlichen Hochpumpens kam ihm jedoch, dass er – anders als beim üblichen Energieprinzip – auch beim Rückfluss seinen Gewinn mehren könnte. Also überzeugte er die Politik wenig später, die staatstragende Technik aus den Händen unberechenbarer Finanzjongleure zurückzukaufen. So ließ sich rauf wie runter verdienen. Die Hauptarbeit machte dabei stets das namenlose Heer seiner Mitarbeiter, die gnadenlos verschlissen wurden. Er wollte ausdrücklich keinen empathischen Kuschelzoo.
Die völlig andere Seite des Investment-Serienmörders lebte er daheim, wenn seine sechsjährige Tochter Victoria zu Besuch kam. Victor verausgabte sich unermüdlich, fürsorglich, vorausschauend, liebevoll und grenzenlos. Obwohl Geld keine Rolle spielte, verkniff er sich aus pädagogischen Gründen die gröbsten Übertreibungen.

Victors Visionen schlugen sich nicht nur in politischen Manifesten und beruflichen Vortrags-Pitches nieder, sondern auch in schriftstellerischen Bemühungen. Leider missfielen diese seiner Lektorin: der beachtliche Stilwille solle wohl die eklatante Plotarmut seines Werkes verschleiern. Das kann auch als ironische Selbstkritik des Autors Schimmelbusch gelesen werden. In dieser Passage konstruiert der Autor einen Roman im Roman, indem Victor Dinge intuitiv vorwegnimmt, die schließlich Teil seines Lebens/Ablebens werden. Hierzu gehören Episoden seiner Nachbarin, die als U-Boot-Kommandantin seinen Mord an der in Damaskus untergetauchten Attentäterin rächt.

Letztlich erfahren wir also, was aus Victor wurde. Wir erfahren nicht, was aus der Deutschland AG (DAG) wurde – nur wie sie wurde, was sie ist. „Mit ihrer Rhetorik der radikalen Chancengerechtigkeit hatte die DAG dem linken Spektrum keine Luft zum Atmen gelassen, zumal Ali trotz seines fremdländischen Erscheinungsbildes dazu in der Lage gewesen war, durch das punktuelle Verbreiten einer provinziellen Biertrinker-Romantik der kulturellen Entwertungserfahrung der desillusionierten Arbeiterklasse entgegenzutreten. Mit ihrem Fetisch für Leistung und dem Theaterdonner bei der Migration hatte die DAG zudem die Liberalen und die Playmobil-Nazis auf ihre jeweilige Kernklientel heruntergeprügelt. … was sich in beiden Fällen auf kaum mehr als drei Prozent der Wahlberechtigten summiert hatte. Aber auch im Gehege der Union hatte die DAG gewildert und darin Wähler gewonnen, die den Gedanken einer dominanten Bundesrepublik attraktiv fanden.“ (S. 208f.)

Man darf gespannt sein, ob Schimmelbusch ein visionärer Blick  in die deutsche Zukunft gelungen ist.  Note: 2 (ur)<<

 

 

Victor Multimillionär
fällt das Leben ziemlich schwer
Zweifel hie und Zweifel dort
Mainhättan sein Wirkungsort.

 

Victor scheffelt in Mainhättan
Kohle wie wir sie gern hätten
Trotzdem wird er nicht recht froh
Macht Geld glücklich? Nirgendwo.

 

Freude findet er im SPA
wenn die Hand von Valezska
gut geölt Entspannung schafft
das schenkt Victor neue Kraft.

 

Doch sein Pop-Parteiprogramm
kommt gut bei den Wählern an
Spezl Ali Deutschlandboß
alles staunt, wie schafft er’s bloß.

 

Schimmelbeck schrieb den Roman
wo man lachen&weinen kann
„Hochdeutschland“ nennt er die Story
bis zur letzten Seiten worry
Und am Ende in Damaskus
platzt die Bombe, aus und SCHLUSS.

 

Note: 2 ( ax)<<

 

 

 

 

 

 

Der Trafikant – Robert Seethaler

Kein & Aber AG Zürich, 2012 | 250 Seiten.

>>Ein glänzend gewählter Schauplatz dieser Wiener Trafik. Dem Invalidenentschädigungsgesetz hat es der im  1.  WK beinamputierte Otto Trsnjek zu verdanken, dass er zum Umschlagpunkt  von Nachrichten und Rauchwaren aus der kleinen und großen Welt wird. Die Palette so breit gestreut wie die Kundschaft, ein Wiener Mikrokosmos: Reichpost, Bauernbübler, „Zärtliche Magazine“, das Wiener Journal. In diesen Hotspot der Kommunikation wird der 17jährige Franz Huchel aus Nußdorf am Attersee nach dem tragikkomischen Blitztod des Liebhabers seiner Mutter von einem Tag auf den anderen hineingeworfen. Damit beginnt für ihn, dem das ‚Weltgeschehen damals noch durch die Hände und unterm Hintern hinwegglitt‘ (trefflicher kann man den Abstand zur Kultur des Zeitungslesens nicht beschreiben), das wirkliche Leben vom „Burschi“ zum Franz.  Zum einen die ersten sexuellen Irrungen und Wirrrungen in Form der Anezka-Episoden zum anderen und wesentlich bedeutender in Form der schleichenden politisch-gesellschaftlichen Veränderungen in Österreich zwischen 1937 und 1938 : Im Trafik ändert sich das Kundenverhalten, die Journale zunehmend gleichgeschaltet, Schaufensterschmierereien, Anschläge des Fleischhauers Roßhuber und schließlich die Verhaftung Trsnjeks unter dem Vorwand der Pornografie. Die Posttasche des Briefträgers Heribert Pfründner „hat einen großen Teil des Gewichts verloren“, das reicht, um zu wissen, was unter der Postzentrale vor sich geht. In „der Grotte“ bestimmt eines Tages statt Heinzi ein käsig junger Mann mit Dolchkettchen und Totenköpfchen. In der Berggasse 19 wird der jüdische „Deppendoktor“ ins Exil nach England gezwungen. All diese verstörenden Entwicklungen werden ohne Pathos beschrieben, fast im Stil nüchternen Registrierens und man gewinnt den Eindruck, als beuge sich Franz Huchel den veränderten Umständen. Als dann aber eines Tages das „behördliche Packerl“ mit Otto Trsnjeks Hinterlassenschaften eintrifft, ist zunächst der Roßhuber und dann die Gestapozentrale im Metropol an der Reihe. Wie letzterer Akt des Widerstands mit Hilfe von Trsnjeks Zeigefingerhose am mittleren Fahnenmast in einem in direkter Rede wiedergegebenen Einkaufsgespräch einer ungenannten Wiener Kundin beschreiben wird (S.237-243), das ist großartig. Über weite Passagen misslungen dagegen die Franz Huchel Sigmund Freud Geschichte, die ich sogar über weite Strecken für entbehrlich halte. Die Geschichte könnte eigentlich nur gelingen als Demontage der Psychoanalyse, wozu die köstliche Mrs. Buccleton Therapie („Essen Sie weniger Torten“) oder die naiven Empfehlung Freuds zu Franz Liebeskummer („Vergiss sie“, „Mit Frauen ist es wie mit Zigarren…..) sogar Ansätze gibt. Danach lieferte Franz mit seiner Unbekümmertheit einen Beitrag zur Entzauberung des großen Wiener Gelehrten. Wahrscheinlicher ist aber, dass Seethaler Franz und S.Freud auf Augenhöhe ansetzt und das geht schief: sprachlich und inhaltlich. Da will Franz, kaum dass er den „Deppendoktor“ erstmals angesprochen hat, seine Bücher kaufen, da hinterfragt er die Methode Couch, da irritiert er den Professor was die Wissenschaftlichkeit seiner Therapie betrifft, da erklärt der ihm, was „Libido“ bedeutet, gibt 0815-Ratschläge die Liebe betreffend, da geht’s weiter zur Bedeutung des Traums und seiner Deutung und schon formuliert Franz eigene kleine Traumplakate, „aufgeklebte Absonderlichkeit“, die nicht nur die Kundschaft sondern auch mich als Leser irritieren – nein, das ist in einem so klug angelegten Buch zu viel.  Note: 2/3 (ai)<<

 

>>Liebe Mutter,                                                                                  Datum unleserlich

ich war gar nicht begeistert, als ich jetzt entdeckt hab, dass der Herr Seethaler unsere Korrespondenz einfach so veröffentlicht hat. Wie kommt er dazu?

Das war doch alles nur für Dich und mich bestimmt! Wahrscheinlich hätte ich manches auch ganz anders geschrieben, wenn ich das geahnt hätte. Es waren schlimme Zeiten, ja, das hat er richtig beschrieben. Was zwischen mir und dem Professor ablief, hat er allerdings nicht begriffen. Er war ja auch nicht dabei.

Kürzlich habe ich zufällig das Buch „Mit brennender Geduld“ entdeckt. Der Tipp kam von einer Lesegruppe aus Tübingen, die das Buch hoch-, besser  gesagt höchstschätzen. Ein Chilene namens Antonio Skármeta beschreibt darin, wie der Dichter Pablo Neruda seinem Briefträger Mario hilft, das Herz seiner geliebten Beatriz zu erobern. Mario hatte ähnliche Probleme mit den Frauen wie ich. Aber wahrscheinlich war Neruda ein besserer Ratgeber als mein Professor. „Denk nicht über die Liebe nach!“ hat er mir damals gesagt. So ein Stuss.
Leider kam Mario genauso unter die Räder einer Diktatur wie ich.

Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass Herr Seethaler dieses Buch kannte und sich davon etwas inspirieren ließ. Der Briefträger wurde verfilmt, mich haben sie auf die Bühne gebracht. Schau dir das Stück ruhig mal an, ich verrate nichts.

Weißt Du, manchmal träume ich von Anezka, aber vielleicht war es doch besser so.

Alle Gute Dir.

Liebe Grüße

Dein Franz                                                                                        Note: 3  (ax) <<

<< Wien 1938. Die Kriegsversehrten des ersten Weltkriegs wurden gegebenenfalls mit einer Arbeitsbeschäftigung entschädigt. Otto Trsnjek (Snjäck) opferte ein Bein für das Vaterland und erhielt einen Kiosk, eine Trafik. Das sollte ihm den Lebensunterhalt ermöglichen. Jetzt ist er tot, weil die einfallenden Nationalsozialisten eine abschließende Meinung von dem Juden hatten. Sein Lehrling Franz wird der Nachfolgetrafikant. Da Franz eine Meinung von den Rechten hatte, wird auch er weggerissen. Sieben Jahre später entdeckt die kleine Hure Anezka an der verwahrlosten Trafik einen Zettel von Franz. Es ist der letzte seiner Träume der letzten seiner Nächte. Auf Anraten seines greisen Bekannten Sigmund Freud notierte Franz seine Traumbilder. Dazwischen lesen wir eine anrührende Geschichte des aufrichtigen Landjungen Franz in einer historischen Gewaltepoche – eingebettet zwischen tröstlicher Mutterbeziehung, penetrierendem Antisemitismus, Liebeseruptionen und psychoanalytischem Slapstick. Es ist die Geschichte des Trafikanten.

Die vielleicht literarisch eindrücklichsten Seiten erwarten den Leser schon in den Anfangsepisoden. Die Mutter am Attersee im Salzkammergut. Das Wetter war wechselhafter als der schlichte Alltag. Doch über dem einfachen Leben der Witwe mit ihrem 17-jährigen Sohn schwebten behütend die Alimentenzahlungen des Sägewerk-Eigners Alois Preiniger. Er fuhr einen Austro-Daimler, auf dessen Rücksitz die Mutter wiederholt Platz fand. Es war eine gute Zeit, bis er vom Blitz erschlagen wurde und die Zahlungen ausblieben. Darauf schickte die Mutter den Buben in die Metropole, damit er ein Auskommen fände. Sie diente ihn Otto Trsnjek an, der zwar keine Alimentenschulden aber noch eine Schuld zu begleichen hatte. Otto Trsnjek stimmte sofort zu.

Franz lernt schnell. Die Produkte der Trafik sind Symbole von Wissen und Genuss: Zeitungen und Zigarren. Aufgabe ist es, das Wesen jedes Kunden zu ergründen, um ihn an das einzige für ihn angemessene Blatt heranzuführen. Franz überwindet hohe Hürden, beschränkte sich seine Begegnung mit dem Weltgeschehen bisher nur auf jene Zeitungsfetzen, die daheim der Hygiene nach der Notdurft gewidmet waren.

In Franz erwachen nicht nur Geschäftsinteressen. Auch Hormone bahnen sich ihren Weg und finden Anezka. Anezka ist wild und begierig. Sie atmet Männer wie frische Luft. Auch Franz ist nicht mehr als ein Atemzug. Natürlich verläuft sich Franz im Labyrinth ihrer Lungenbläschen und bleibt für Anezka nur eine ungewichtige Schrankenlosigkeit. Die erste Sturmflut wirkt wie eine emotionale Naturgewalt, die tiefe Einschnitte in seine Seelendämme reißt. Trost – wenn auch ohne praktischen Nutzen – spendet in dieser Situation ein täglicher Kunde der Trafik. Es ist Sigmund Freud. Eine gleiche ungleiche Bekanntschaft reift. Für Freud entpuppt sich die schlichte Welt des jungen Mannes als viel näherliegend als jene seiner arrivierten Kollegen.

Neben den Schmerzen der Liebe ist Franz mit politischer Gewalt konfrontiert. Anschläge mit zunehmender Heftigkeit prasseln auf die jüdische Trafik nieder bis Trsnjek schließlich verhaftet und ermordet wird. Sigmund Freud muss nach England fliehen. Anezkas Kabarettkollege wird interniert. Der rote Egon stürzt sich vor den Verfolgern vom Dach. Franz gerät aus dem Gleichgewicht, schwankt und verschont dennoch die Mutter in den wöchentlichen Postkartengrüßen mit den bitteren Wahrheiten. Schließlich tritt er unvernünftig mutig den Nazischergen entgegen und verkämpft sich für Trsnjek und Anzeka. Am Ende ist gerade dies sein Ende.

Sitzen wir mit Seethalers Trafikant einer Plagiatsidee auf? Ist das Konzept des Romankontrastes basierend auf der Begegnung eines ungebildeten Landjungen mit einem weltberühmten Gelehrten nicht schon verbraucht worden in Skármetas „Mit brennender Geduld“? Skármeta inszenierte eine überraschende Männerfreundschaft zwischen dem Weltliteraten Pablo Neruda und einem Postboten, der ihm täglich Briefe nach Isla Negra brachte. Parallelen zum Trafikanten sind offensichtlich. Ist nicht auch die literarische Originalität von Sigmund Freud in Yaloms „Und Nietzsche weinte“ mit der fiktiven Begegnung des Philosophen mit dem Begründer der Psychoanalyse ausgeschöpft?  Nein. Denn Seethaler wagt anders als seine Schriftstellerkollegen etwas erfrischend Respektloses: Er entweiht das Denkmal. Hinter der großen Etikette skizziert er fast beiläufig und ausschließlich das Kleinteilige, das Banale im Leben von Sigmund Freud. Der Mann ist alt und müde, sitzt am liebsten am unbeobachteten Kopfende seiner ruhenden Klienten. Er verlangt Stundenhonorare, mit denen man ebenso einen halben Schrebergarten kaufen könnte. Er beneidet in heller Erregung Insekten an der Zimmerdecke, die anders als er, ein unbehelligtes Leben führen können. Im graut vor der Einsicht, der eigenen Versteinerung entgegen zu trippeln. Er verweigert Antworten, weil unbeantwortete Fragen allein schon das Ziel seien. Und wenn er sich dennoch einmal zu einer psychoanalytischen Erwiderung durchringt, droht man auf ihrer glatten Oberfläche auszurutschen. Die seelischen Leiden einer allzu adipösen Amerikanerin quittiert er mit der tiefschürfenden Therapieempfehlung, sie solle aufhören, Torten zu essen. Dabei verfällt Seethaler nicht einmal in einen trivialen Tonfall, sondern komponiert eine leise klingende Dissonanz, die so zurückhaltend ist, dass man sie fast überhören könnte.

Ein kleiner Schönheitsfleck bleibt dennoch. Nicht immer gelingt es Seethaler, die Rollenverteilung dialogisch durchzuhalten. So wird der siebzehnjährige Landjunge schon mal zum psychologischen Gelehrten, wenn es um Feinheiten in der Auseinandersetzung mit Freud oder seiner Mutter geht.

Note: 2 – (ur)<<

>>Wieder mal so ein kleines Schmuckstück, das vielfach „gerne gelesen“ und weiterempfohlen wird.  Allerdings:  Wenn Christine Westermann (WDR) es „großartig“ nennt, müsste man schon skeptisch an die Sache rangehen. Der Plot ist vielversprechend und der Anfang auch literarisch sehr gelungen. Franz, junger Mann aus dem Salzkammergut wird von der Mutter 1937 aus der Not heraus zu einem Bekannten, dem kriegsversehrten Otto nach Wien geschickt, der dort ein „Trafik“ betreibt.  Dort erlebt er sein „ coming of age“, wie es neuerdings neudeutsch heißt, lernt viel und schnell über das Leben, erfährt seine erste Liebe, und das Aufkommen des Nationalsozialismus. Zentral, das wird bei keiner Besprechung ausgelassen, dann die Begegnung, ja sogar eine Freundschaft mit der Ikone der Psychoanalyse Sigmund Freud, dem „Deppendoktor“. Und da, aber nicht nur da, wird es problematisch.  Die Schilderung der Beziehung zu Freud ist literarisch dermaßen misslungen, dass man sich fragt, was Seethaler damit bezwecken wollte. Kaum etwa hat der schüchterne 17- jährige Junge vom Land den „weltberühmten“ Freud kennengelernt, da gibt er ihm schon altkluge Ratschläge, wie „Mit seiner Gesundheit spielt man nicht!“  und antwortet ihm „streng“. (S.76); absolut unglaubwürdig. Die Ratschläge Freuds für den unglücklich verliebten Franz sind banal („Hör auf über die Liebe nachzudenken“) und nichts mehr als Kalenderweisheiten. Man könnte einwenden, dass Seehthaler Freud deskonstruieren, die ganze Psychoanalyse als Scharalanterie entlarven wollte. („Warum darf ich, der weltberühmte Begründer der Psychoanalyse nicht bleiben?“ lässt Seethaler Freud auf S. 224 tatsächlich sagen!) Aber von Entlarvung oder vom „Sockel holen“ ist in Besprechung nichts zu lesen und auch in Interviews stützt Seethaler diese These nicht. Ich fürchte, er hat es ernst gemeint. Gesützt wird meine These durch folgendes Musterbeispiel für Verkündigungsprosa: Der 17jährige Junge aus der Provinz entschlüsselt nach kurzer Bekanntschaft mit Freud desssen Methode. „Kann es viellicht sein, dass Ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von Ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen abzudrängeln, um sie auf einen völlig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich mühselig ihren Weg suchen müssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er überhaupt zu irgendeinem Ziel führt?“ (S.141). Freud – wenn wundert es – muss zustimmen.

Insgesamt wirken die Dialoge über weite Strecken hölzern, dem sozialen Status der Protagonisten nicht adäquat und pulverisieren damit zunehmend das eigentlich interessante historische Gerüst der Geschichte. Auch die Postkarten an die Mutter und deren Zeilen zurück, sind nahe an der Kitschgrenze oder darüber und von plakativen, wenig glaubhaften Lebensweisheiten durchzogen. Der 17jährige (!) Franz an seine Mutter: „Aber vielleicht ist es ja so mit dem ganzen Leben: Man entfernt sich von Geburt an und mit jedem einzelnen Tag ein bisschen weiter von sich selbst, bis man sich irgendwann gar nicht mehr auskennt“ (S.66). Was soll das? Das erinnert unangenehm an die pseudophilosophische Penetranz vielen amerikanischen Filme. Oder – noch schlimmer: Die Mutter schreibt in einem Brief an den 17jährigen Sohn im Jahre 1937 : „Ich hab‘ schon graue Haare, aber wenigstens ist der Hintern noch einigermaßen fest.“ (S.171).

Es gibt kaum eine Besprechung, in der nicht die „Leichtigkeit“ der Sprache Seethalers lobend erwähnt wird. Nun, ich würde die Sprache Seethalers in diesem Roman nicht „leicht“ nennen. Das erinnert zu sehr an die „leichte Sprache“, mit der z.B. Behörden neuerdings versuchen, komplexe Sachverhalt in eine „einfache Sprache“ zu übersetzen, die ein leichteres Lesen ermöglichen soll.  Nun, leicht zu lesen war der Trafikant in der Tat. Aber die Sprache ist zuweilen doch recht dürftig und die massenhafte Verwendung schlichter Adverbien („sagte xy streng“, „zerknirscht“, „erschrocken“, usw.)  enttäuscht.

Note: 4+ (ün)<<

Rückkehr nach Reims – Didier Eribon

edition suhrkamp 2016 | 238 Seiten.

>> Der Soziologe Eribon kehrt in dem autobiographischen Werk in seine Heimat Reims im Nordosten Frankreichs zurück. Die Rückkehr zu seiner Jahrzehnte gemiedenen Familie ist auch die erneute Begegnung mit ihrem Arbeitermilieu, welches vom kommunistischen zum rechtspopulistischen Phänotyp mutierte. Dem Leser erlaubt der Autor dabei nicht nur Einblicke in bedrückende gesellschaftliche Randzonen der französischen Republik, sondern auch in das untrennbare Geflecht seines eigenen Seelenlebens, seiner schwulen Disposition und politischen Positionierung. Gleichzeitig verortet Eribon die verantwortlichen Kräfte für das Sein und den Wandel allein im System, in der Gesellschaft. Das Individuum der Unterschicht ist nicht handlungsfreies Subjekt, sondern bleibt auch nach der Jahrtausendwende ausgeliefertes Objekt. Psychologische Erklärungsversuche z.B. für seinen gewalttätigen Vater sind wertlos. Damit bleibt das Private politisch. Die Verantwortung liegt nicht beim Individuum. Auch der Rechtsruck seiner Verwandtschaft wird allein durch gesellschaftliche Missstände erklärt.

Weitgehend chronologisch führt uns Eribon durch seine Vita und ihre Ursprünge. Die Großmutter entzog sich durch erotische Ausschweifungen ihrer familiären Verantwortung und entsorgte ihre Tochter, Eribons Mutter, in eine Pflegefamilie. Seine Mutter war von sexuellen Übergriffen ihrer Dienstherren bedroht, versuchte durch Fortbildung ihrem hoffnungslosen Lebenslauf zu entrinnen, scheiterte jedoch am aufflammenden Weltkrieg. Als Ausweg blieb nur die Heirat mit einem Mann ihrer Klasse: Trinker, Schläger, Hilfsarbeiter. Quasi eine soziale Endogamie. Das war sein Vater, mit dem Eribon nie ein Gespräch führen würde. Eingepfercht in deprimierende Wohnverhältnisse wächst er mit seinen drei ungeliebten Brüdern auf. Eribons beeindruckender intellektueller Ausnahmezustand (genetisch oder gesellschaftlich bedingt?) verbunden mit der aufkeimenden Homosexualität entfremden den Pubertierenden rapide von seiner Familie. Die Brüder ignorant, der Vater streng homophob, die Mutter verzweifelt und ähnlich aggressiv. Irgendwie entkommt er den vernichtenden familiären Einflüssen, für die keiner persönlich verantwortlich gemacht wird.

Zum Motor von Eribons Transformation wird die sexuelle Andersartigkeit, da er als Schwuler unter den familiären Bedingungen zu verenden droht. Er muss raus, getrieben von einem unbändigen Willen. Eribon entwirft bereits als Gymnasiast ein neues Persönlichkeitsbild von sich selbst. Er weiß genau was er nicht und was er stattdessen sein will. Er will nicht der maskuline, körperzentrierte Typus seiner Brüder und Mitschüler sein. Er will der kopfbetonte, intellektuelle Feindenker werden, dem klassische Musik und philosophische Abhandlungen Identität geben. Er will nicht Praktikant des Heterosexismus werden. Er will Männer lieben. Er will nicht im gesellschaftlichen Schmutz seiner Verwandtschaft verwahrlosen. Er will mit Intellektualität zu den politisch bewussten Führungseliten aufschließen. Bereits als Schüler wird er Trotzkist. Und er ist erfolgreich: Professor, internationaler Preisträger, Fernsehredner, nationaler Vordenker als undogmatischer Linker, sendungsbewusster Schwuler, robuster Kämpfer mit Anspruch auf Meinungshoheit.

Mit einer verstörenden Selbstwahrnehmung baut Eribon seine Denkmäler. Schon als Student justiert er seinen Mehrwert. Zitat: „Meine Professoren hingegen? Talentfreie Repetitoren… Mein intellektueller Horizont unterschied sich gewaltig von dem meiner Professoren“ (S.178/79). Auch im vorliegenden Werk strapaziert er die Leselust mit ermüdendem name dropping um seine Intellektualität zu untermauern. Mit diesem Bewusstsein kehrt er jetzt in seine Heimat zurück. 30 Jahre hat er die verachtete Familie konsequent gemieden, das Sterben von Vater und Bruder ignoriert, auch die anderen beiden Brüder will er nie wieder sehen. Nur mit der Mutter geht er jetzt den Pappkarton voller Erinnerungsfotos noch einmal durch – als Grundlage des geplanten Buchprojektes. Auch wenn es um den politischen Gesinnungswandel der ehemals glorifizierten Arbeiterklasse geht, drängt sich die selbst gestellte Frage auf: Ist nicht nur die Homosexualität sondern auch der soziologische Leidensdruck Triebfeder seiner Entwicklung gewesen? Desozialisation als Befreiung, als Möglichkeit der individuellen Verwirklichung? Gibt Eribon eigentlich in seinem Werk eine ursächliche Antwort? Oder beschreibt er nur rein phänomenologisch das Wahrgenommene? Verstehen wir jetzt den Mechanismus seines Wandels und des Seitenwechsels seiner Familie?

Im Vergleich seiner Entwicklung und der seiner Verwandtschaft, gibt es eine grundlegende Übereinstimmung. Beide wechseln die Seiten. Die Verwandtschaft wechselt horizontal von links nach rechts, von der kommunistischen Partei zum Front National. Damit wechselt auch ihr politischer Gegner vom kapitalistischen Klassenfeind zum ethnischen Fremden. Eribon andererseits wechselt vertikal von unten nach oben, vom Arbeitermilieu in die Intelligenzija. Ein postmoderner Klassenwechsel. Beide tun dies offensichtlich mit einem vollständigen Bruch. Bemerkenswerterweise behält der inzwischen etablierte Professor das antikapitalistische Wertesystem bei, auch wenn er selbst sein angestammtes Arbeitermilieu verabscheut.

Warum wechselt die Familie die politischen Fronten? Der Autor skizziert kurz drei Gründe: die wirtschaftliche Situation, die soziale Beziehung und der politische Diskurs. Beim letzten Punkt seien die Parteien im besonderen Maße gefordert, die „negativen Leidenschaften …der populären Klassen auszumerzen … oder zumindest zu neutralisieren“ (S. 146). Eribons Mutter beantwortet die Frage mit dem Alltag. Nach dem Ende des Algerienkrieges strömen Araber nach Frankreich und siedeln am unteren Gesellschaftsende. Also ihrem gefühlten Territorium. Sie fürchtet sich vor den arabischen Jugendbanden, die das Viertel terrorisieren. Sie kann die Todesschreie des geschächteten Schafes in der maghrebinischen Nachbarwohnung nicht länger ertragen. Sie ekelt der Fäkaliengeruch der Nachbarkinder im Treppenhaus, die dort ihre Hinterlassenschaft breittreten. Deshalb flüchtet sie mit ihrem Mann in einen anderen Stadtteil. Und wählt fortan rechts außen. Als Denkzettel gegen die etablierten Entscheidungsträger, die den Wandel initiiert haben, und als Frontalangriff gegen die dunkelhäutigen »crouilles« (feigen Säcke).

Diese Autobiographie ist das, was eine Autobiographie ist: ein Mensch rückt sich selbst in den Mittelpunkt, weil er sein Sein für mitteilungswürdig hält. In der Tat macht uns Eribon mit überraschenden und erhellenden Details seines Lebens, seiner wechselnden Milieus und des französischen Unterschichtsdasein vertraut. Hier wird viel Exemplarisches und damit Grundsätzliches vereint. Die Selbstdarstellung an die Adresse einer anonymen Öffentlichkeit hat aber auch etwas Exhibitionistisches. Grenzen werden verletzt, Erniedrigungen werden begangen, etwa wenn es um sehr private Einzeleinheiten aus dem Leben seiner Großeltern, Eltern und Brüder geht. Muss das sein?

Ermutigend bleibt jedoch Eribons Lebensmotto, ein Zitat von Jean-Paul Sartre: „Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat“, was vielleicht auch zur Symbiose von Gesellschaft und Individuum beitragen könnte.  Note: 3 (ur) <<

 

 

>>Eine schonungslos ehrliche Autobiographie und zugleich eine vernichtende Analyse des französischen Gesellschaftssystems und seiner Elitenrekrutierung. Der Prozess der Identitätsfindung Eribons aus dem Beziehungschaos elterlichen Arbeitermilieus ist geprägt durch soziale und sexuelle Scham. Zugleich sind aber auch Klassenzugehörigkeit und Homosexualität die Faktoren die die Metamorphose des Erzählers zum Bürgerlichen prägen. Der Bruch mit dem Elternhaus, den Brüdern, der Herkunft, der Provinz, ist unausweichlich. Eine vorübergehende  „Rückkehr“ nach Reims ist nur aus dem Abstand von mehr als 30 Jahren aus Recherchegründen möglich, ein wesentlicher Teil der Autobiographie speist sich aus Gesprächen mit der dort lebenden  Mutter über Kindheit und Jugend. Die Schilderungen des Herkunftsmilieus der Eltern und Großeltern (Zigeunerfabel/Episode der Geschorenen) , der Ehewahnsinn vor den Augen der Kinder, der Anpassungsprozess des Erzählers durch ein von bürgerlichem Habitus und ständischen Privilegien geprägtes Bildungs- und Universitätssystem, das Bekenntnis zur sexuellen Identität und die damit verbundenen Irritationen nicht nur im kleinbürgerlich-provinziellen Raum, all dies ist eindrucksvoll und überzeugend. Diskutabel ist,  dass der Focus der Selbstinterpretation der Erzählerbiographie – angereichert durch einen mich überfordernden Sartre-Foucault-Bourdieu Parforceritt, ausschließlich auf dem soziologischen Erklärungsmodell liegt und psychologische Verhaltensmuster  fast gänzlich ausschließt. Diskutabel ist auch, dass die Analyse der Veränderung der kommunistischen Partei und ihrer Wählerschaft hinsichtlich der Bedeutung der Front National am Beispiel der Elterngeneration (Klassenantagonismus wird durch nationale und ethische Komponente ersetzt, Alltagsrassismus, Aufkündigung der Solidarität, Migrationspolitik schon als Folge des Algerienkriegs etc.)  zu kurz greift.

Mich fasziniert an diesem Buch, dass ein inzwischen wichtiger französischer Intellektueller beispielhaft zeigt, wie bedrückend Lebensentwürfe jenseits von Normalität und Normativität gerade in der französischen Ègalité- Gesellschaft verlaufen können.  Professor Eribon schlussendlich aber doch ein „Gelinger“, sein Schlusssatz gegenüber der Mutter allerdings misslungen.   Note:  2+ (ai) <<

 

>> Didier Eribon stellt sich in Rückkehr nach  Reims einer dreifacher Herausforderung. Einmal eine schonungslose Analyse seiner schwierigen Kindheit in einem Arbeitermilieu, verstärkt durch seine Homosexualität, die er natürlich dort nicht ausleben kann und seine Versuche durch Bildung in bessere Kreise aufzusteigen. Dann eine mit unzähligen Verweisen auf Baldwin, Foucault, Bourdieu, Wideman, Sarte, u.a. allzu wissenschaftlich aufgeladene , aber sehr kluge soziologische Abhandlung über Sein und Bewusstsein und schwuler Identität in der  französischen Gesellschaft und nicht zuletzt noch der Versuch, der politisch äußerst aktuellen Frage nachzugehen, warum sich die französische linke Wählerschaft der KP und den Sozialisten  ab- und dem Front National zugewandt hat.

Sein Vater, vom Klassenbewusstsein her Kommunist, ist ihm völlig fremd: „Mein ganzes Leben lang hatte ich kein einziges Gespräch mit ihm geführt“. Er schämt sich seiner Herkunft, erschütternd die Schilderung einer zufälligen Begegnung mit seiner Großmutter in Paris. Sein Dilemma: Er hat die gesellschaftliche Hierarchie verinnerlicht, die er politisch zu bekämpfen vorgibt. Er steht an der Seite des Volkes, aber nicht an der Seite seiner eigenen Familie, die eben aus diesem Volke kommt. Seine Mutter heiratet 1950, arbeitet als Putzfrau und ist überzeugt, dass sie eine gebildete Frau hätte werden können, wenn sie nur den richtigen Mann geheiratet hätte. Aber die Gesetze der „sozialen Endogamie“ sind starr.  Als 13 Jähriger verliebt er sich in einen Mitschüler aus der Oberschicht und hat damit zum ersten Mal Kontakt mit einer für ihn fremden Welt, die ihm aber sehr imponiert. Seine Jugend ist im Großen und Ganzen aber geprägt von Beleidigungen als Schwuler. („Ich bin ein Produkt von Beschimpfungen“). Seine Selbsterschaffung als Intellektueller schafft die Distanz zum Herkunftsmilieu. Um sich „distinguieren“ zu können, verwendet Eribon als Heranwachsender zunehmend ein feines Vokabular und raffinierte grammatische Wendungen. Als 17 Jähriger wird er Teil der schwulen Welt und erhält seine informelle, kulturelle Prägung. Er bekennt sich zu seiner sexuellen Identität und reißt sich endgültig aus seiner sozialen Herkunft. Sein Bruder wurde Metzger, er studiert Philosophie. „Indem er mir ein Gegenbeispiel lieferte, wurde mein Bruder mein Maßstab“.
Eindringlich auch seine Bestandsaufnahme des französischen Bildungssystems, in dem sich die Eliten fast ausschließlich aus sich selbst rekrutieren. Er merkt erst viel zu spät, dass er mit seinem Uniabschluss letztlich nicht viel anfangen kann und dass der Wert von der sozialen Position abhängt.

Dass sein Vater sich als Kommunist dem Front National zuwendet, sieht er als eine Art Notwehr der unteren Schichten, die versuchen ihre kollektive Identität zu verteidigen. Der Wandel begann schon 1981, als sich nach dem Sieg Mitterands Enttäuschung und Ernüchterung breit machten. Der Wesenskern der Linken wurde entleert. Nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand war nun die Rede, sondern von „notwenigen Reformen“. Statt von Klassen war nun von Individuen die Rede. Große Teile der Unterprivilegierten wenden sich nun einer Partei zu, die sich um sie zu kümmern schienen. Wenn die, denen man sein Vertrauen einmal gegeben hat, dieses nicht mehr verdienen, überträgt man es an andere. Die Stimme für den FN ist Ausdruck einer gewissen negativen Selbstaffirmation. Die Wähler nehmen hin, dass ihre Stimme instrumentalisiert wird, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Ob Sarah Wagenknecht dieses Buch gelesen hat, ist nicht bekannt. Erkenntnisse lassen sich aber daraus durchaus auch für die europäische Linke ableiten.
Note: 2+ (ün) <<

 

Wer die Nachtigall stört – Harper Lee

Wer die Nachtigall stört

Rowohlt 2016 (1960, 1962, 2015) | 446 Seiten.

>> Mag sein, dass der Mikrokosmos im Örtchen Maycomb (Alabama) genau das Amerika widerspiegelt, das in den 30er Jahre hinter der Fassade (klein)bürgerlicher, scheinbar vertrauter Nachbarschaft den alltäglichen Rassismus offenbart. Mag sein, dass der Menschenrechtsanwalt und pädagogische Übervater Atticus Finch das literarische Hoffnungsmodell ist, nachdem sich diese Gesellschaft sehnt.. Auf mich wirkt die Geschichte, die auf den ersten 250 Seiten im Wesentlichen um sich wiederholende Alltagsabenteuer der beiden Geschwister Jem und seiner Schwester Jean Louise kreist, langatmig und vor allem unter dem Aspekt erzieherischer Erbauung von 9 – 13 Jährigen bieder. Selbst das Rätsel um Bob Radley tritt auf der Stelle. Dynamik gewinnt die Handlung mit Tom Robinsons Gerichtsverhandlung und dem rhetorischen Gefecht des Geschworenengerichts. Dass der für Robinsons Aburteilung letztlich verantwortliche Bösewicht Bob Ewell nach einer Mordattacke auf Atticus Kinder durch den plötzlich als deus ex machina erscheinenden  Bob Radley gerichtet wird, folgt der  Verwandlung einer Outcast-Figur zur Heldenfigur, die ich im amerikanischen Kino schon öfters ertragen musste. Vom Zauber und der Poesie, der vom symbolträchtigen Titel des Romans ausgeht, hat sich mir leider wenig erschlossen.  Note: 4 ( ai) <<

 

>> In ihrem ersten (und für die folgenden 30 Jahre zunächst einzigen) Roman aus dem Jahre 1960 inszeniert die Amerikanerin Harper Lee ein anti-/rassistisches Moraldrama. In dem kleinen Ort Maycomb, Alabama spiegelt sie das von einem starken Machtgefälle geprägte, kleinstbürgerliche Milieu der Südsaaten der 1930er Jahre wider. Unumstößliche Vorurteile der weißen Nachbarschaft und die eiserne, kollektive Überzeugung von der Minderwertigkeit Schwarzer prägen diesen Mikrokosmos. Lee platziert in diesem Umfeld einen Justizskandal, in dessen Verlauf eine Weiße eine Vergewaltigung vortäuscht, ein Schwarzer als schuldig Gesprochener zu Tode kommt und zu guter Letzt ein Weißer als Initiator des Skandals vermutlich von einem anderen Weißen ermordet wird. Das widersprüchliche Bindeglied dieser Pole ist die Justiz als Grundsäule des vermeintlich Gerechtigkeit garantierenden demokratischen Gesellschaftssystems. Lee konstruiert die Justiz selbst als polarisiert: auf die eine Seite stellt sie einen aufgeklärten, allein der objektiven Gerechtigkeit verpflichteten Rechtsanwalt. Auf der anderen Seite steht die rassistische Gruppe weißer Geschworener. Im Gerichtssaal treffen diese Pole aufeinander. Es ist dem historischen Zeitpunkt geschuldet, dass die vernichtende Bewertung der Geschworenen dem Unrecht des geltenden Wertesystems Vorschub leistet. Die offensichtliche Intention der Autorin ist es, die darin gelebte Grausamkeit lesbar zu machen.

Dem Guten wie dem Bösen gibt Lee Namen und zeichnet dabei ein schlichtes Kontrastbild. Der Rechtswalt Atticus Finch tritt – für seine Epoche unzeitgemäß – als Inbegriff des Guten auf, indem er dem schwarzen Angeklagten Tom gegenüber stets unvoreingenommen bleibt. Auch im Privaten profiliert die Schriftstellerin Atticus Finch als neuzeitlich emanzipierten Vorzeigevater: alleinerziehend, rundum fürsorglich, unbegrenzt respektvoll und seinen beiden Kindern auf Augenhöhe begegnend.

Für das Böse in Reinform wählt die Autorin den weißen Vater des angeblichen Vergewaltigungsopfers. Er, Vater Ewell, zeichnet verantwortlich für die Lügengeschichte, nachdem seine postpubertäre Tochter Mayella den zurückhaltenden Tom vergeblich in ein erotisches Abenteuer zu locken versuchte. Der Vater schlägt darauf die Tochter nieder. Gewaltanwendung, Verletzungen der Tochter und angeblich vollzogene Vergewaltigung werden später Tom angelastet. Im Gerichtsverfahren problematisiert Finch diesen Sachverhalt und löst Empörung bei den Weißen und stille Anerkennung bei den Schwarzen aus.

Die Tochter wird literarisch teilentlastet, da sie selbst im Kraftfeld zweier Vektoren gefangen ist, die sie in die gleiche rassistische Richtung zwingen: zum einen die Gewalt des Vaters, zum anderen die Macht des herrschenden Wertekanons. Die gesellschaftlich unverzeihliche Tat, sich als Weiße mit einem Nigger einlassen zu wollen, wird ausgelagert und auf das Objekt der Begierde selbst übertragen. Der Schwarze als Objekt wird ganz einfach zum Subjekt der Schuld gemacht. Entsprechend löscht sein völliges Verschwinden, sein Tod, quasi das gesellschaftliche Vergehen. In diesem Sinne basteln Vater und Tochter konsequent an ihrem Lügengebäude.

Harper Lee bemüht für die intendierte Moralvermittlung ein probates Stilmittel. Um die pädagogische Wirkung ihres Romans effektvoller zu gestalten, legt sie die gesamte Darstellung in den Mund eines schuldfreien Kindes, nämlich der neunjährigen Rechtsanwaltstochter Scout. Als Ich-Erzählerin zeichnet diese nicht nur den Handlungsstrang nach, sondern etikettiert einzelne Szenen mit Bewertungen. Vor allem diese Wertungen sollen sich zu einem moralischen Gesamtpanorama der Autorin verdichten.

Hier liegt bereits eine der großen Schwächen dieses Romans. Harper Lee gelingt es nicht, die Rollenverteilung stimmig zu gestalten. Vielfach lässt sie das kleine Mädchen Scout eine Lebensweisheit verbreiten, die kaum einem Erwachsenen zuzutrauen ist. Dialoge und Gedanken werden verklärt und bekommen etwas Absurdes. Das moralisch Richtige wird literarisch degradiert: „Ich verstehe nicht, warum christliche Richter und Rechtsanwälte nicht wiedergutmachen können, was heidnische Geschworene getan haben. Wenn ich erst erwachsen bin…“ (S.343) … oder der Dialog, in dem Scout nahegelegt wird, den zurückgezogenen Nachbarn zu schützen. Dieser hatte offensichtlich Mr. Ewell erstochen. Scout fasst ihre Zustimmung mit der Metapher zusammen, denn sonst „wäre es doch ungefähr so, als würde man eine Nachtigall stören, nicht wahr?“ (S. 438). So sprach das Kind – wohl wissend, dass die Leiche mit dem Messer im Bauch noch vor der Tür lag.

Für die Rezeption interessant ist die moralische Extraschleife, die sich Harper Lee an dieser Stelle gönnt. Mr. Ewell ist das Böse. Als solches gehört es bestraft. Wenn nicht auf juristischem Weg, dann eben unkonventionell und final. Dies sei umso dringender geboten, da Mr. Ewell Scout und ihren Bruder aus Rache dem Vater gegenüber zuvor angriff, vielleicht sogar umbringen wollte. Der Mörder von Mr. Ewell mutiert entsprechend zum Gutmenschen. In diesem Sinne lässt Harper Lee den Sheriff Tate sagen: „In meinen Augen, Mr. Finch, ist es eine Sünde, wenn man den menschenscheuen Mann (i.e. den mordenden Nachbarn), der ihnen und der Stadt einen großen Dienst erwiesen hat, ins Rampenlicht zerrt.“ (S. 438). Man soll ihn laufen lassen. Atticus Finch nickt und gibt im Angesicht dieser moralischen Beweislage seine Gerechtigkeitsprinzipien auf. Fortan erstrahlt die Aura des gesinnungsethischen Atticus Finch durch ein verantwortungsethisches Flämmchen noch heller.

            Eine weitere Schwäche des Romans ist die anhaltende Langatmigkeit. Frühere Kurzgeschichten der Autorin wurden offensichtlich in der ersten Hälfte des Romans recycelt. Entsprechend wird in dieser Hälfte der zentrale Justizfall mit keinem Wort berührt. Dieser Teil wäre für die Entwicklung des Plots verzichtbar, da die vielen Kindheitsepisoden den späteren Handlungsstrang nicht vorbereiten. Einzig Momentaufnahmen des Dorflebens und seiner teils bizarren Charaktere bereiten einen eigenständigen Lesegenuss. Ein Höhepunkt des Buches bleibt die sich über mehrere Kapitel erstreckende Gerichtsverhandlung.

Die Einordnung des Romans muss natürlich den historischen Kontext würdigen. Entsprechend darf die Veröffentlichung in Zeiten anhaltender Rassenkonfrontationen in den USA als literaturpolitischer Meilenstein aufgefasst werden. Romantechnisch ist es kein überzeugender Wurf. Bezogen auf den Sprachduktus und den inflationären Gebrauch direkter Rede erwartet den Leser eher ein gymnasiales Niveau, was vielleicht auch zur unverstandenen Verbreitung des Buches im Schulbereich verschiedener Nationen beigetragen haben mag.

            Summa summarum ein Werk von weitgehender political correctness, dessen Halbwertszeit im Schul-Lesekanon jedoch nicht nur wegen seiner Überlänge abgelaufen ist. Note: 3 – ( ur) <<

>> Wer die Spottdrossel killt wird zu Wer die Nachtigall stört, eine Erklärung für die seltsame Titelübersetzung konnte ich nirgends finden. Im ersten Teil des Romans wird die überwiegend sorglos-glückliche Kindheit von Jean Louise, genannt Scout und ihrem Bruder Jem in der fiktiven Stadt Maycomb (Alabama) in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben. Dieser sehr lang geratene Teil erinnert streckenweise an einen Heimatroman, fast wähnt man sich in Heidi-Land. Das einzige Problem ist ein rätselhafter Nachbar, der nie sein Haus verlässt. Mit der für Kinder typischen Angstlust betreten sie immer mal wieder sein Grundstück.

Der frühe Tod der Mutter hat Atticus Fink zum vorbildlichen Alleinerzieher gemacht. Alles ändert sich, als er die Pflichtverteidigung des schwarzen Arbeiters Tom Robinson übernimmt. Jetzt werden seine Kinder mit Intoleranz, Rassismus und brutaler Gewalt konfrontiert. Alle Indizien sprechen gegen die Schuld des Angeklagten. Trotzdem wird er verurteilt; er stirbt bei einem Fluchtversuch.

Das Buch erschien in den fünfziger Jahren und provozierte damals das konservative Amerika. Heute wirkt es streckenweise etwas plakativ. Scouts profunde Reflexionen passen schwerlich zu einer Neunjährigen.

2019 wird der Roman Abiturthema in Hessen. Vom Raabe-Verlag gibt es bereits eine Unterrichtshilfe, die den Roman mit folgendem Satz schmackhaft macht: “Klatsch und Tratsch, Diskriminierung und Zivilcourage, Erwachsenwerden und Kindsein – die Inhalte des Roman-Klassikers „To kill a Mockingbird“ sind zeitlos“. Das ist doch schön gesagt. An diesem Satz wird deutlich, dass die Verfasser von Unterrichtshilfen die wahren Literaten unserer Zeit sind.

Obwohl noch viel zu sagen wäre, mache ich jetzt Schluß, damit den jungen Abiturienten/innen im kommenden Jahr noch genügend Raum für eigene Interpretationen bleibt.  Note: 3 ( ax) <<

 

>> Der Inhalt ist bekannt: Alabama in den 30 er Jahren, geschildert aus der Sicht der anfangs 6 jährigen, später 9 jährigen Scout, Tochter des Anwalts Atticus. Höhepunkt : der Prozess gegen den Schwarzen Tom Robinson, der zu Unrecht der Vergewaltigung einer Weißen beschuldigt und zum Tode verurteilt wird, verteidigt von Anwalt Atticus.

Es stimmt:  Ich Erzählerin Scout spricht in wörtlicher Rede nicht wie ein Kind, auch die geschildeten Reflexionen können nicht die eines Kindes sein. Aber gerade diese Brüche haben auch einen gewissen Reiz. So ist der alleinerziehende Vater Atticus in den Augen der Kinder natürlich ein Ideal, der ihnen Richtschnur ist, sich aber sonst weitgehend raushält. Die Kinder wachsen in einer Huckelberry Finn ähnlichen Idylle auf, die sich spätestens dann als trügerisch erweist, als der „Nigger“ Tom Robinson der Vergewaltigung einer Weißen beschuldigt und von Atticus verteidigt wird, der sich deshalb ebenso wie seine Kinder gegen erhebliche Anfeindungen wehren muss.  Die Anklage steht auf grotesk dünnen Beinen und selbst das ganze Dorf weiß im Grunde, dass Robinson unschuldig ist. Selbst der Richter, der mit Bedacht Atticus zum Pflichtverteidiger bestimmt hat, glaubt wohl kaum an seine Schuld. Die ausführlich geschilderte Gerichtsverhandlung stellt den dramaturgischen Höhepunkt des Buches dar. Dass die Geschworenen den „Nigger“ trotzdem schuldig sprechen, ist ein bewegendes literarisches Dokument des Rassismus in den USA der 30-iger Jahre, der bis heute nachhallt. Trotz einiger Längen, einem heute etwas zu pädagogisch anmutenden Ansatz und erzählerischen Sackgassen ein berührendes Buch. Note 2/3. (ün) <<

 

Die Hauptstadt – Robert Menasse

Suhrkamp Verlag, Berlin 2017 | 459 Seiten.

>>Ein herrenloses Hausschwein irrt durch die Metropole. In der Hauptstadt Brüssel verbindet die Unverhältnismäßigkeit das Zufällige. Das Schwein verbindet Menschen: Mörder, EU-Funktionäre, Akademiker, Senioren. Im Prolog streifen wir mit dem Schwein Menasses Protagonisten: den jüdischen Pensionär David de Vriend, die ambitionierte EU-Aufsteigerin Fenia und ihren hochdotierten Bettkollegen Frigge, den Killeragenten Matek, den kleinen EU-Advokaten Martin Susman und den tiefschürfenden Gutachter Prof. Erhart. Was haben sie gemeinsam außer der folgenlosen Begegnung mit einem desorientierten Schwein?

Das Schwein als Metapher für die EU? Im Prolog geistert es durch eine ihm fremd bleibende Gegenwart. Und dennoch tut es dies mit großer Entschlossenheit, so dass man intuitiv vor ihm zurückweicht. Es ist überall und dennoch mysteriös unsichtbar. Die Medien multiplizieren es vielfach. Es ist so ambivalent wie Saukerl und Glücksschwein und so schicksalhaft wie Schwein gehabt. Im Epilog verschwindet es spurlos. Als die Öffentlichkeit seine Ernsthaftigkeit untergräbt und dem Schwein ausgerechnet den provokanten Namen Mohamed gibt, geben auch die Medien auf. Das Schicksal der EU?

Vielleicht schon, denn es geht um die Sinnkrise der EU, im Besonderen der allmächtigen Kommission. Das Image ist konturlos, die verblassten Farben tendieren zum volltransparenten Grauschwarz. Ihre Vertreter werden als blutsaugende Insekten am europäischen Volkskörper wahrgenommen. Europa droht dem Juckreiz überdrüssig zu werden. Das macht die Zentrale nervös. Sie dringt darauf, das politische Erscheinungsbild zu beleben, wobei sich der EU-Apparat natürlich selbst im Wege steht.

In herrlich nüchternen Grotesken untergraben die konkurrierenden Generaldirektionen die Fundamente der Nachbarn. Initiativen anderer werden erfolgreich sabotiert, indem man durch Zustimmung Vertrauen schafft um dann im unbedachten Moment des Vertrautseins die Zusammenarbeit mit einem bösen Dritten nahezulegen. Dieser vollführt darauf den finalen Dolchstoß. Die Schuld liegt dann immer bei dem Anderen. Wirklich chancenreich sind Initiativen, denen mit Desinteresse begegnet wird. Nur dann bleibt die Realisierung unbehelligt.

Primäres Interesse jeder Einheit ist zunächst einmal das Eigenleben. Manche dieser Einheiten werden belächelt wie etwa das Kulturreferat, auch Arche Noah genannt. Arche Noah: ziellos dahintreibend und das retten, was an Bord ist. Mitglied dieser Einheit zu sein erfordert allerdings die robuste Fähigkeit, mit Erniedrigungen zu leben. Während Sitzungen für Toilettengänge der Agrardirektion selbstverständlich unterbrochen werden, würde man für die Verdauungsbedürftigkeiten der Kulturreferenten eine Unterbrechung nie dulden. WC-Wartezeiten als Statussymbol.

Ethiker diskutieren derartige Symptomatiken im Krankheitskontext von „institutional pathologies“.Szenisch herrlich inszenierte Hintergründigkeiten präsentiert Menasse aus dem Innenleben der europäischen Zentrale. Wir lernen die Feuerfestigkeitsverordnung kennen, die eine chemische Imprägnierung für Bio-Natur-Kaninchenfell-Unterwäsche vorschreibt. Immerhin bleibt jetzt nach einem nächtlichen Zigaretten-Schlaf die Unterbekleidung von Brandopfern erhalten. Programmstrategien folgen gerne dem Repackaging Muster. Man verteilt Geld, das man an sich nicht hat, indem bestehende Hilfsprogramme umtituliert, neue Bedingungen formuliert und damit neue Statistiken garantiert werden. Die fortgeschrittene Variante baut auf ein stufenweises Vorgehen, womit zudem eine ansteigende Dynamik erreicht wird. Das kommt immer gut.

Kompetenzstreitigkeiten bleiben naturgemäß das Lebenselixier der EU – wie es am Beispiel „das Schwein als Querschnittsmaterie“ deutlich wird. Das Schwein im Stall ist Gegenstand der Direktion AGRI. Nach der Schlachtung wechselt die Mettwurst in den Entscheidungsbereich der Direktion GROW und erst wenn die Wurst verschifft wird, kommt die Direktion TRADE ins Spiel. Da kann man nur dankbar sein, wenn einer Direktion das Schwein mal Wurst ist.

Doch zurück zum Kernproblem der Vereinigung: die Imagekrise, das fehlende sinnstiftende Motiv oder neudeutsch: das europäische Narrativ. Wenn sein Sein oder Fehlen schon im Vagen bleiben muss, dann sollte es wenigstens Feuerwerkszauber zur Ablenkung geben. Mit Blick auf den Kalender ist die Lösung schnell gefunden. Die Kommission wird 50. Da drängt sich natürlich ein europäisches Geburtstagsfest auf – das Big Jubelee Project wird geboren. Und hier beginnen fünf Erzählstränge der vom Brüsseler Hausschwein gestreiften Protagonisten.

Die ehrgeizige Fenia bemächtigt sich des Jubelee Projects, um sich mit einem Leuchtturm-Event für einen Wechsel aus der verlachten DG CULTURE in die prestigeträchtige DG TRADE zu profilieren. Ihr bemühter Mitarbeiter Susman soll es ausbaden – und in der Tat wird nicht nur er nass. Auf der Jahresfeier zum Andenken an Auschwitz entwirft er den Gedanken, die aus dem Gräuel des Genozids erwachsene moralische Erneuerung zum Kern des Jubelee Projects zu machen. An diesem Ort sei der versöhnende, europäische Gedanke geboren worden. An diesem Ort müsste die zentrale Jubiläumsfeier inszeniert werden. Wir seien eine europäische Familie, bedrohliche Nationalismen würden überwunden. Katalysator der friedensstiftenden Vision sei allein die EU-Kommission – und nicht etwa der EU Rat. Endlich naht das Ende der Weinerlichkeit.

Susman ist durchaus ernsthaft dabei und geht noch einen Schritt weiter. Ziel müsste die vollständige Überwindung nationaler Grenzen und Abgrenzung sein. Auch Fenia übersieht die damit provozierte offene Flanke im Unterleib der DG CULTURE. Prompt stoßen die anderen Ratsmitglieder ihre Dolche in das naive Bauchfleisch. Die baltischen Staaten antworten prompt: die Aufgabe nationaler Souveränität sei weltfremd, Auschwitz als Einstieg in den Ausstieg völlig indiskutabel. Polen bietet an, dass Deutschland Ausschwitz abbauen und als Museumslandschaft im eigenen Land rekultivieren könnte. Schließlich handele es sich um eine deutsche Schuld. Deutschland selbst lehnt das Jubilee Project ebenso ab, da die Betonung des Jüdischen die aktuelle Bedeutung des Islam vernachlässige. Am Ende stirbt nicht nur die Jubelfeier, sondern es sterben auch in einem konvergierenden Zufall zahlreiche ihrer Befürworter.

Unter den Befürwortern ist auch Prof. Erhart. Er versucht vergeblich als externer Gutachter in einem EU-Think tank einen ernsthaften Brain wash. Auch hier wird über Image-Putzarbeiten nachgedacht. Doch während die EU-Beamten schlicht mehr vom Gleichen wollen, fordert Erhart einen grundlegenden Konzeptwandel. Auch er favorisiert die Überwindung der Nationen hin zu einer nachnationalen Demokratie und die Gründung einer europäischen Gesamthauptstadt – auch er favorisiert Auschwitz als symbolträchtigen Ort. Auch er scheitert.

Und während in den Amtsstuben administrativ aufgerüstet wird, werden im Halbdunkel bereits die Waffen gezückt. Matek erschießt im Hotelzimmer den Falschen. Fortan wird er seine Energie darauf verwenden herauszufinden, ob sein Arbeitgeber (die NATO?) ihn bewusst auf eine falsche Fährte setzte. Diese Spur führt im Nachbarhaus an David de Vriend und im Flugzeug nach Krakau / Auschwitz an Martin Susman vorbei, ohne dass diese sich begegnen. Um Aufklärung des Falls bemüht sich währenddessen Kommissar Brunfaut. Da seine Untersuchungen von höchster Stelle unterbunden werden, bleibt auch ihm der Kontakt zu den anderen Protagonisten verwehrt.

Ähnlich isoliert sind die Bemühungen von Prof. Erhart, der nie Kontakt zu einem anderen Darsteller dieses Literaturplots haben wird. David de Vriend ergeht es ebenso. Auf ihn werden lediglich Susman und Fenia bei den Jubilee Project-Recherchen aufmerksam. Als einer der letzten KZ-Überlebenden scheint ihnen De Vriend ein idealer Festtagsrepräsentant zu sein. All diese Figuren werden nur aufeinander zulaufen ohne sich zu erreichen. De Vriend, Erhart, Susmann und Fenia fallen vermutlich dem gleichen U-Bahn-Bombenattentat zum Opfer. Auch Matek stirbt bei einem Notstopp auf den Gleisen als sich ein ehemaliger KZ-Flüchtling in Selbstmordabsichten vor seinen Zug wirft. Die Spur des Kommissars Brunfaut verläuft wie seine Detektivarbeit im Sande. Und das Schwein ist ebenso tot gesagt. Die Spuren der EU enden im Nirwana.

Als Rezensent bleibt man unschlüssig, ob dieses Konzept der berührungslosen Parallelstränge gelungen ist. Gelungen sind in jedem Fall die facettenreichen Euro-Mosaike. Besonders gelungen sind die Lebensrückblicke der Protagonisten, ihre Jugendqualen und Momentfreuden, ihre Familiendramen und Schicksalswendungen, ihre Persönlichkeitsentwicklungen und Erkenntnisoffenbarungen, ihre Widersprüche und Entschlossenheit. Vor allen in diesen Passagen kommt der große Schriftsteller Menasse zur Geltung. Wenn doch nur alles stimmiger eingebettet wäre.

In gewisser Weise unverstanden bleiben auch das dichterische Anliegen und seine Ausgestaltung zum Thema: das Ende der historischen Scham. Ist der literarisch breit angelegte Versuch, Auschwitz zum Ausgangspunkt einer EU-Vereinigungsidee zu machen, eine geniale staatspolitische Idee oder doch eher inflationärer Missbrauch? Ist es eine weitere EU Bizarrheit a la Seligmanns „Der Musterjude“ oder eine Revitalisierung verantwortlicher Erinnerungskultur? Mir scheint es eine Wanderung auf vereistem Grat direkt an der Fallkante. Dennoch:  Note: 2 – (ur) <<

>>Zweifellos, Robert Menasse schreibt über weite Teile großartig, deckt mit sympathisch ironischer Art das gigantische Beziehungsgeflecht der Europäischen Institutionen, hier der Kommission, auf, zeigt Typologien des EU-Eliten-Beamtenapparats, Idealisten, Karrieristen („Salamander“), Intriganten, Taktiker, Strozzis, die mit Raffinesse nicht nur das verbale Florett führen, legt die interessensgeleitete Sichtweise der  jeweiligen EU-Staaten  und deren Winkelzüge offen,  veranschaulicht die Irrungen und Wirrungen von Entscheidungsprozessen und zeigt die Stolpersteine des „EU-Sprech“ z.B. Rettungsschirm.  All dies veranschaulicht er am Big Jubilee Projekt, mit dem das reichlich ramponierte Image der Kommission aufgebessert  werden soll. Dieser Teil ist akribisch recherchiert,  das Personentableau vor allem die Schlüsselfiguren Fenia Xenopoulou und Dr. Martin Susman  überzeugend, die Einblicke des Lesers ins ferne EU-Brüssel  köstlich erhellend, ohne dass  dies in einem billigen EU-Bashing  endet. Die Handlungsstränge um  diesen Romankern herum  , lösen dagegen eher Irritation als Klarheit aus. So versanden teilweise die Spuren, die das brillante Eingangskapitel ums Schwein legt. Der Atlas-Mord und die Oswiecki-Figur  entwickeln sich zu einer eigenständigen Krimi-Geschichte, polnischer Geheimdient und Vatikan lassen grüßen, die Kommissar Brunfaut Episode versackt im NATO-Nebel. Hotelgast  Professor Erhard bleibt in einer Mischung von Visionär und Karikatur in einem reichlich skurrilen Think-Tank eher an der Peripherie der EU-Machtzentrale,  Gouda Mustafa, jene doch reichlich kalauernde Mischung aus Hollandkäse und Migration, wird gänzlich vergessen (dabei hätte doch diese Figur einen wunderbaren Einstieg ins Migrationsmilieu geboten). Das Eingangsschwein wird in den Epilog verbannt und verschwindet gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung, nachdem das Ergebnis  der Kampagne „Brüssel sucht einen Namen für sein Schwein“, bei  -witzig witzig- „Mohamed“  landet. Einzig David de Vriend, der altersbedingt nach 60 Jahren seine Wohnung „besenrein“  verlassen muss um im Altersheim die letzten Jahre zuzubringen – für mich die gelungenste Figur des gesamten Romans-  bildet ,wie sich allmählich im Verlaufe der Romanhandlung zeigt als letzter Zeitzeuge, einen Bezug zum zentralen Big Jubilee Projekt. Mit dem Thema „Auschwitz“ begibt sich Menasse allerdings  auf ein Terrain, bei dem der Leser von Beginn an nicht immer eindeutig zu unterscheiden vermag, wo und wann die Tonlage zwischen ironisch und tragisch kippt. Alles nimmt seinen Ausgangspunkt mit der alljährlichen Einladung zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz. Diese ritualisierte „Dienstreise“ (!!!!) trifft dieses Mal Dr. Martin Susmann von der Abteilung Kultur, in der die karrierefrustrierte  Fenia  Xenopolou mit der Gestaltung des Big Jubilee Projekts  betraut ist.  Susmanns Einladungsschreiben ist der fürsorgliche Rat beigefügt sich „warme Unterwäsche“ zu besorgen um in dieser Jahreszeit in „Ausschwitz-Birkenau“ nicht   „krank zu werden“. Alles, was Susmann später seinem Nebenzimmerbeamten Bohumil berichtet, ist nicht frei von Bizarrem und Grotesken. Das beginnt schon  damit, dass die „Salamander“ Auschwitz in der Ukraine verorten, führt über den „vom Hals baumeln lassen“den  „Guest of Honour in Auschwitz“-Badge über die „No-Smoking in Auschwitz“-Aufforderung bis zum Heißgetränke-Automaten „Enjoy“ an der Lagerstraße. Gleichwohl führt Susmanns Auschwitz-Begegnung zu seiner Idee – historisch reichlich emotional  aufgeladen – Auschwitz als Geburtsstunde der europäischen  Kommission mit der geplanten Jubelfeier zu verknüpfen. Es bleibt letzten Endes offen, wie ernsthaft und überzeugend dieser Gedanke von Susmann wirklich gemeint ist, die unmittelbare Vermarktungsstragie, Überlebende als Zeitzeugen auftreten zu lassen, Fenia  Xenopolou spricht ganz nüchtern davon „Vielleicht genügt einer. Im Grunde brauchen wir nur eine Symbolfigur“ nährt eher den Verdacht der  Instrumentalisierung. Nach kurzfristiger Euphorie und geschäftiger Recherche von Deportationslisten dämmert das Projekt langsam dahin , ein Zeichen für den durch nationalstaatliche Egoismen und Vorurteile bestimmten Entscheidungsprozess innerhalb des EU-Apparats. (polnische Bedenkenträger, der Ungar Hurtigurti ‚Sport statt Juden, geheuchelte Islamrücksichtnahme Deutschlands). Der absurde Höhepunkt  der „Moralkeule“  Auschwitz findet allerdings an einem anderen Ort Brüssels statt. In seinem finalen Auftritt entwickelt Prof. Erhards vor dem schon genannten Think Tank seine sicherlich ernstgemeinte  Vision eines Europas durch die Überwindung von Nationalstaaten und Nationalökonomie. Sein Abgang mit der Forderung  Auschwitz zu dessen Hauptstadt zu machen, entlässt mich als Leser mit Kopfschütteln.

So gelungen Menassesr Romaneinstieg, so wenig überzeugt der Schluss seines Romans. In der Metrostation Maelbeek – ein völlig unvermittelter Satz „Da detonierte die Bombe“- , ereilt David de Vriend, Prof. Erhard, Dr. Martin Susmann und Fenia Xenopoulou ihr gemeinsames Schicksal . Damit werden, reichlich konstruiert, die meist parallel laufenden Handlungsstränge doch noch zusammengeführt.  Hier scheint dem Autor recht überraschend der reale Terroranschlag in Brüssel am 22. März 2016 die Feder geführt zu haben und dies, ohne dass es  im  ganzen  Roman über die Hauptstadt auch nur eine einzige Andeutung über das gibt, was im Molenbeek Brüssels ein Jahr zuvor schon seinen Ausgang nahm.  Note : 2 – ( ai) <<

>> Um welche Hauptstadt geht es? Erst relativ spät wird dem Leser klar, dass nicht Brüssel, sondern Auschwitz gemeint ist, wenn Professor Alois Erhart fordert, die Europäische Union müsse ihre Hauptstadt in Auschwitz bauen „als Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann.“

Auschwitz, das Schlüsselwort des Romans.  Die Generaldirektion Kultur bereitet ein „Jubilee Project“ vor, in dessen Mittelpunkt Auschwitz stehen soll.  Auschwitz als Begründung für die europäische Einigung? Vor allem aber soll das Image der Kommission aufpoliert werden. Doch in den Interessenkonflikten zwischen der Mitgliedsstaaten und den Institutionen der EU wird das Projekt subtil zerrieben. Intrigen und Empfindlichkeiten im Beamtenapparat werden ironisch und gleichzeitig gut nachvollziehbar erzählt.

Der Roman beginnt mit einem Schwein (oder sind es mehrere), das à la Rennschwein Rudi Rüssel durch Brüssel rennt. Ein running gag im wörtlichen Sinne, der von sechs Protagonisten beobachtet wird (David de Vriend, KZ-Überlebender, Fenia Xanopoulou, ehrgeizige Leiterin der Generaldirektion für Kultur, Kai-Uwe Frigge, Büroleiter für Handel, Mateusz Oswiecki, polnischer Attentäter und die Brüder Martin und Florian Susmann, ersterer der Ideenspender für das Jubiläumprojekt, Florian Lobbyist für die europäischen Schweineproduzenten). Nur Moustafa Gouda, der sich durch das unreine Tier beschmutzt fühlt und in den Dreck fällt, verschwindet kurioserweise vollständig vom Tableau. Die meisten Kapitelüberschriften geben Rätsel auf. Zum Beispiel: „Kann man ein Comeback der Zukunft planen?“  Oder eine Kapitelüberschrift in polnischer Sprache.

„Das war alles“ sagt Monsieur Hugo auf der letzten Seite des Buches.

PS: Ach nein, da war doch noch was. Die Aktentasche von Professor Erhart, seine Schultasche, von der sich nicht trennen will und kann. Das macht ihn mir so unendlich sympathisch.  Note : 2 (ax) <<

 

>> In einem furiosen Prolog galoppiert ein herrenloses Schwein durch Brüssel und die wesentlichen Protagonisten des Romans, zumeist EU Bürokraten, sind irgendwie involviert und werden so schon mal auf die Bühne gestellt. Dazu noch gleich zu Beginn ein Mord in einem Hotel. Ein Auftakt, der enormen Drive hat und richtig Lust aufs Lesen macht.

Die Mechanismen der EU Maschine werden mit vielen Detailkenntnissen offengelegt. Das ist aufschlussreich und zuweilen amüsant zugleich. Zu einem anstehenden EU Jubiläum (Big Jubilee) werden Ideen gesucht. Dr. Martin Susman, Kind österreichischer Bauern, besucht dienstlich Auschwitz und hat dabei die Idee, Auschwitz als“ Hauptstadt“ der EU in den Mittelpunkt der Feiern zu stellen. Er stellt diese Idee seiner Vorgesetzten Femia Xenopoulou vor, die er nicht ausstehen kann. In der Folge entfaltet die Idee eine ungeheure Eigendynamik, bei der Kompetenzgerangel und Karriereambitionen im Mittelpunkt stehen. Im Protokoll steht: „Allgemeine Zustimmung“. Dann kommen einzelne Bedenken, bis nichts mehr übrig ist. Seltsamer Einfall Menasses: Deutschland meint, dass „Muslime nicht ausgeschlossen sein sollten“ und findet ausgerechnet Zustimmung bei Ungarn. Großartig dagegen, wie der Vorgesetzte von Femia, der mit allen Wassern gewaschene Strozzi, dieser eine Lektion in Sachen Macht und Ohnmacht erteilt.

Leider kann sich Menasse nicht richtig entscheiden, ob er nun die Absurdität des Vorschlages (Auschwitz Keule) thematisieren möchte oder die Idee doch durch den Kern des EU Gründungsmythos – Nie wieder Auschwitz – quasi adeln möchte. Auch gerät der Schluss dann doch etwas klischeehaft und mit zu viel Bedeutung angereichert. (Selbstmord eine Holocaust Überlebenden und Unfall mit Flüchtlingstreck)

Dass ein Roman über die Hauptstadt der EU ohne jeglichen Bezug zum Problemviertel Molenbeek auskommt, außer dass am Ende an der U Bahnstation Maelbeek eine Bombe hochgeht, und sich die Wege einiger Protagonisten dort schicksalhaft just in dem Augenblick der Detonation kreuzen, mutet seltsam an. Auch werden manche Fäden nicht wieder aufgenommen, wie etwa die Figur des Muslim „Gouda Mustafa“.

Fazit: Furioser Auftakt, Sehr gelungene Innensicht der EU, Schluss unbefriedigend.
Note: 2/3 (ün) <<