Der Sommer meiner Mutter – Ulrich Woelk

C.H.Beck 2019 | 189 S.

>>Es ist durchaus positiv gemeint, wenn ich gleich sage, dass das Buch „leicht“ zu lesen war. Auch wenn man schon im ersten Satz erfährt, dass die Mutter des Erzählers im Sommer 1969 Selbstmord beging. Sommer 1969, viele Siebzigjährige erinnern sich da schnell an die erste bemannte Mondlandung, die das Romangeschehen durchgängig begleitet. Zwei recht unterschiedliche Familien lernen sich kennen. Katholiken und Kommunisten werden Nachbarn, interessieren sich für einander, lernen sich schätzen. Don Camillo und Peppone, aber anders. Und zwei Einzelkinder finden zueinander. Der elfjährige (!) Tobias hat das Glück, von der nur zwei Jahre älteren Rosa initiiert zu werden. Mit sicherer Hand weist sie ihn in die Anatomie des weiblichen Körpers ein. Seine Verwirrung ist so groß wie seine Neugierde.

30 Jahre später ist Rosa eine erfolgreiche Autorin. Sexualität spielt in ihren Büchern eine zentrale Rolle. Sie erkennt Tobias nicht. Die Dialoge sind so wie Alltagsgespräche häufig sind. Tendenziell eher banal. Kann ja auch ein Stilmittel sein. Dies gilt nicht für das Mutter-Sohn-Gespräch nach der Trennung der Eltern im Schlussteil des Romans. Am Verhalten der Mutter spürt der Jungen, wie viel Macht er über sie hat. Er will ihr wehtun und weist sie zurück. Dieses Gespräch dürfte der Schlüssel für den Suizid der Mutter sein.

Von einer Inhaltsangabe möchte ich absehen, da diese von meinen drei Lesefreunden sicherlich detailreich und optimal geliefert werden wird.

Unterm Strich: Ganz anders als Tobias hat mich die Mondlandung damals nicht vom Sockel gerissen. Auch 50 Jahre später nicht. Aber beim Lesen habe ich mich nicht gelangweilt. Ob das ein Kriterium für  literarische Wertung ist? Leo Spitzer kann man nicht mehr fragen. Note: 2/3 (ax) <<

 

>> Der Eingangssatz offenbart: Die bürgerlich-spießige Einfamilienhausatmosphäre im Hause Ahrens trügt und mit dem Auftritt der vermeintlich flotten 68er Familie Leinhard gerät so manches aus den Fugen. So wird ein Satz der 13jährigen frühreifen Rosa gegenüber dem 11jährigen Ich-Erzähler Tobi, dass hinter den Fernstern der Nachbarn mehr geschieht als auf dem Mond im Nachhinein zum Schlüsselsatz des Romans. Die wirklichen Entdeckungen liefert der Mikrokosmos und mit ihnen auch die Brüche von Rollenmustern, Weltbildern und Ideologien. Das wird aus der Perspektive des sich seiner Kindheit erinnernden Ich-Erzählers authentisch ohne hohen literarischen Anspruch erzählt. Es sind Momentaufnahmen, die sich zu einem stimmigen Mosaik zusammenfügen und die die Welt des 11jährigen zunehmend verwirren. Die erste Jeans von Tobi ist zugleich der erste noch unterdrückte Emanzipationsversuch der Mutter. Ein zufällig belauschter Streit der Eltern über „jenes Es“ offenbart Abgründe, die Tobi zunächst nur sehr diffus wahrzunehmen vermag. Dass Tobias im Schlafzimmer Rosas wenig später seine erotische Initiation erfährt mit der er wesentlich unbeholfener umzugehen weiß als mit der bevorstehenden Apollomission zeigt einmal mehr, welch Unsicherheiten sich bei der Entdeckung des eigenen Körpers auftun. Geradezu tragisch verhält es sich mit dem coming out Evas und Uschis, dessen Zeuge Tobi gerade in dem Augenblick wird, wo er sich aus Rosas Schlafzimmer davonschleicht, -im Zweifel ob „es“ denn ihr gefallen hat, um doch noch nächtens die Landung auf dem Mond zu verfolgen. Die Apollomission glückt, irdische Beziehungen werden zerrissen. Weder der katholische Vater Walter Ahrens noch der vermeintlich libertinäre „Kommunist“ Wolf Leinhard sind den veränderten Umständen gewachsen. Moralische Verurteilung (sie war „anders“, „als Mutter und Ehefrau versagt“), gesellschaftliche Isolation (es hatte sich herumgesprochen „was für eine“ sie war), Isolation der Mutter (Liebesentzug auch durch Tobias), vom Vater geforderte Scheidung, das ist der eine Weg, er endet für Eva im Suizid. Pseudointellektueller Diskurs der Verletztheit überspielt, Ehemann als Revolutionär betrogen, weil Uschi sich zur Ehe statt zur lesbischen Liebe bekannt hat, Trennung ob vorübergehend oder endgültig bleibt offen, belegt aber durch Wikipediaeintrag Wolf Leinhards Karriere in Oxford , das ist der andere Weg. Woelk erzählt eine tragische Emanzipationsgeschichte und eine berührende Adoleszenzgeschichte und übernimmt dabei überwiegend stimmig die Perspektive des 11jährigen Tobias. Das ist eine Gradwanderung, die mit dem Rosetta Schlußkapitel und einer späten Rosa Begegnung des jetzt 49jährge Erzähler nochmals eine neue auch erzählerische Dimension erhält. Im Roman völlig entbehrlich Geplauder bei Onkel und Tanten samt Kriegsgeschichten und Krocketspielchen. Note: 2/3 (ai)<<

>> Dem ersten Satz eines Romans gehört immer die besondere Aufmerksamkeit des Autors und auch des Lesers. Ulrich Woelk zieht in diesem Roman offensichtlich das Herz Ass aus der Anleitung zum Creativ Writing: Er kündigt im ersten Satz nichts weniger als den Selbstmord der Mutter des Ich-Erzählers an.  Das erzeugt Spannung, die bis zum Ende anhalten soll. Eigentlich nichts Verwerfliches, wenn die literarische Qualität des Romans mit diesem Aufschlags-Ass mithalten könnte. Inhaltlich geht es (wieder einmal) um das coming of age eines 11-jährigen Ich Erzählers, Tobias, der durch die neu in die Nachbarschaft gezogene 12-jährige, sehr frühreife Rosa, eine kundige Einführung in die Sexualität erfährt. All dies auf dem Hintergrund der Apollo Mission 1969 und den gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich an der Familie des Jungen einerseits und an der Familie von Rosa widerspiegeln sollen.

Im ersten Kapitel gelingt es Woelk noch ganz gut, die zarten Emanzipationsversuche von Tobis Mutter in einem Jeansladen zu schildern. Aber schon im zweiten Kapitel passiert, das, was sich leider durch den Rest des Romans zieht:  Sehr schlechte, unglaubwürdige Dialoge, die sich dazuhin noch viel zu oft durch kursiv Schreibungen aufladen müssen. Was Rosa da teilweise zum Besten gibt, ist auch für eine frühreife 12-jährige Ende der 60 er Jahre vollkommen daneben. („Ich möchte nicht, dass du den Mond verlierst, den Mond in dir, nicht den da draußen“). („Du findest es lustig, aber es ist die bittere Wahrheit, die Küche ist für Frauen ein Gefängnis“).  Auch die Dialoge des 11-jährigen sind oft kaum erträglich. (Zitate erspare ich mir). Die im Fernsehen verfolgte Mondlandung erscheint als platte Metapher („Fly me to the moon“) für die erfolgreiche Landung von Tobias auf dem für ihn neuen Planeten der Sexualität und dann- Überraschung – auch noch für die Mutter von Tobias, die er zufällig mit der Mutter von Rosa in einer erotischen Punktlandung erwischt. Dies letztendlich auch der Grund für deren Selbstmord, da der Junge ihr dies kurzfristig nicht verzeihen mag und zu seinem Vater ziehen möchte, der seine Mutter auch verlassen hat. Das schwappt dann doch allzu oft über die Kitschgrenze.  Als der Vater von Rosa seine Frau nach dem Seitensprung ebenfalls verlässt mit der Begründung, sie habe ihn als Revolutionär enttäuscht, schlicht eine Lachnummer. Dass das Ganze noch sehr stereotyp und etwas penetrant mit den Accesoires der Sechziger Jahre ausgestattet wird, wie 2 CV, Gitanes, Volvo, Nordmende Fernseher, Bloch, Adorno, Janis Joplin, The Doors, ..wirkt auf Dauer zu gewollt und letztlich auch ermüdend. Note. 5+ (ün)<<

>>Der Sommer 1969 ist einer jener Zeitpunkte, der auch dort nach Veränderung drängt, wo die Zeit noch nicht reif ist. Und weil sie noch nicht reif ist, ebnen Katastrophen sich ihren Weg. Ulrich Woelks Ich-Erzähler Tobias ist zu diesem Zeitpunkt unbefangene elf Jahre alt. Für ihn bewegt sich die Welt in geordneten Bahnen. Auf einer dieser Ellipsen kreist der Erdtrabant – für die Menschheit, die ihn jetzt betreten will. Auch Tobias schaut gebannt auf den Mond. Ein Orientierungspunkt, den er schon am Ende dieses Sommers verlieren wird.
Eine Vorausmission umfliegt den Mond, soll jedoch nicht landen. Erst Apollo 11 wird Neil Armstrong bringen. Tobias wird belehrt, dass im Leben ebenso manche Dinge, denen man schon nahe ist, unberührt bleiben müssen. Wenig später wird seiner Mutter vorgeworfen, diese Regel missachtet zu haben. Sie bestraft sich darauf mit dem Tode. Ein Tod, den alle nähren, weil sie an den hergebrachten Gesetzmäßigkeiten haften wie an astronomischen Grundsätzen.
Wir blicken durch die Augen des Jungen auf ein geordnetes Mittelstandsmilieu, in dem die wohlgelittene Rollenverteilung Mutter Eva Küche und Kind zuweist, während Vater Walter als Ingenieur das Einkommen herbeischafft. Mit seiner geschätzten Mutter erlebt Tobias die Welt, sein bewunderter Vater erklärt ihm wie sie funktioniert. Erst als neue Nachbarn neue Weltsichten in ihren Kosmos tragen, werden unumstößlich geglaubte Gravitationsfelder umgepolt.
Die Nachbarn sind sympathisch, offen und überzeugte Kommunisten. Er (Wolf Leinhard) Hochschuldozent im Geiste Adornos, Philosoph und Grenzgänger zwischen Marxismus und Psychoanalyse. Sie (Uschi) Übersetzerin amerikanischer Kriminalromane. Die frühreife Tochter (Rosa, 12) benannt nach Rosa Luxemburg. Trotz gegensätzlicher Anschauungen finden die Nachbarn Gefallen aneinander. Bei Gartenfesten bilden sich ungezwungen gemischte Paare, deren untergründige Erotik die Tochter beunruhigen, wohingegen Tobias in kindlicher Schlichtheit lediglich die zugewandten Nettigkeiten der Erwachsenen wahrnimmt.
Uschi überzeugt Eva, die Urmutter, der Selbstverwirklichung Raum zu geben und ebenso mit Romanübersetzungen etwas für das eigene Selbstwertgefühl zu tun. Ihr Gatte Walter reagiert mit Unverständnis und befürchtet Nachlässigkeiten im Haushalt. Dennoch hält seine Ablehnung sie nicht auf. Evas Wandlung spiegelt bereits die Entfremdung der Eheleute. Als die Nacht der Mondlandung auch mit der Annäherung der beiden Mütter überrascht, kollabieren die Umlaufbahnen der Familien. Tobias gerät zufällig in das erotische Spiel der beiden angetrunkenen Frauen. Unter der Schwerkraft seiner einstürzenden Wertewelt verliert er den Halt. Als die Affäre der Mütter publik wird, kündigen beide Ehemänner das Familienleben auf. Die Begründungen des bürgerlich-katholischen und des revolutionär-marxistischen Ehegatten fallen unterschiedlich aus, der emotionale Ausgangspunkt scheint der gleiche.

Evas Versuche, sich in der einsetzenden Isolierung zu behaupten, scheitern durchweg an den sie ablehnenden Reaktionen ihrer Umgebung. Der Gatte zieht augenblicklich aus. Die angedrohte Scheidung soll ihr das Sorgerecht entziehen. Die Verwandtschaft ächtet sie. Der erbetene Arbeitsplatz zur Selbstversorgung wird ihr aus moralischen Gründen verweigert. Die Leinhards und damit auch Uschi verlassen den Ort. Als letztlich ihr Sohn sich von ihr abwendet, greift sie zu E605, das so zuverlässig Schädlinge abtötet. Begleitet vom sich anbahnenden Coming-out der Mutter erlebt auch Tobias seine Initiation. Die äußerst aufgeweckte Rosa definiert beim Anblick seines amerikanischen Raketenmodells nicht nur die politische Schuld im Vietnamkrieg, sondern entwirft auf ihrem feuchten Körper auch Bundstiftwelten für den verwunderten Buben. Tastexpeditionen entlang erogener Zonen vermitteln Tobias eine bisher unbekannte Gefühlstopographie. Mit geschlossenen Augen lässt er sich leiten, wobei Rosas entschlossene Behutsamkeit Tobias´ pubertäre Schuldempfindung verdrängt. Während sich hier also die zunächst als unangemessen empfundene Sexualität ihren Weg bahnt, kann Tobias die erotischen Neigungen seiner Mutter weder einordnen noch verkraften. Als er sie in kindlicher Einfachheit verurteilt, treibt die einsame Verzweiflung Eva in den Suizid. Eine offensichtliche Kausalität, die Tobias fortan verfolgen wird.

Der Sommer meiner Mutter ist beides: der sich verdunkelnde, eingangs helle Seelensommer des elfjährigen Tobias und vor allem das psychosoziale Drama seiner Mutter, der dieser das Leben kostet. Uschis Ehegatte hatte zuvor philosophiert: Finde dich selbst und trage die Folgen. Nicht das Glücklich- sein ist das Ziel, sondern wahrhaftig zu sein.

Am Ende des Romans lässt Woelk den erwachsenen Tobias Rosa als inzwischen avancierte Schriftstellerin begegnen. In ihren Romanen verirren sich die Protagonisten auf der hoffnungslosen Suche nach emotionalem und erotischem Halt – und dies, obwohl die gesellschaftliche Entwicklung erkennbar vorangeschritten ist. Vielleicht ein Ausdruck der eigenen widerstreitenden Sozialisation. Für Tobias schließt sich ein anderer Kreis. Als Wissenschaftler des europäischen Raumfahrtprogramms ist es auch sein Verdienst, dass 2016 die Raumsonde Rosetta nach zehn Jahren Flug erfolgreich auf den Kometen Tschuri trifft. Dass die Landung letztlich missglückt, bleibt fast nebensächlich, denn der Weg dorthin war bereits erkenntnisreich.
Woelks Werk ist feinfühlig und gradlinig in der Darstellung, Sprach- und Gedankenwelten des Jungen sind überzeugend getroffen, die Unbedarftheiten und treibenden Gefühle am Anfang seiner Pubertät glänzend eingefangen wie etwa in seiner Beobachtung von Rosas orgastischer Erregung: „Irgendetwas war geschehen – möglicherweise das Richtige“. Die literarische Kunst der glasklaren Unschärfe. Der kindliche Blickwinkel auf einen widersprüchlichen Gesellschaftsmoment, in dem moralische Tradition und emanzipatorische Zukunft kollidieren, fügt sich in das Bühnenbild eines technologischen Zukunftssprungs. Note: 2 (ur)<<