Wolfgang Herrndorf – Tschick

K640_tschickRowohlt 2010 , 254 Seiten.

>> Ein wunderbarer Roman, der die vermeintlichen Grenzen des Jugendbuchterrains locker überschreitet und zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Selten wurde die Welt eines 15-jährigen Jungen so witzig, kurzweilig und doch tiefgründig und berührend zwischen zwei Buchdeckeln abgebildet. Besondere Herausforderung für den Autor, dass der Junge auch noch als Ich-Erzähler auftritt. Auch diese schwierige Gratwanderung gelingt Herrndorf letztlich doch meisterhaft, da er der Gedankenwelt des 15 jährigen Maik eine authentische Sprache verleiht, die so luftig und komisch daherkommt, dass jegliche Mitleidsnummer mit dem Schicksal  der beiden Protagonisten Maik und Tschick gar nicht erst aufkommt. Note: 1– (ün)<<

>> „Maik Klingenberg, der Held“. Sitzt bei der Polizei, „vollgeschifft und blutig“. Aber noch ist dieser höchst ereignisreiche Abenteuer-Sommer mit seinem Kumpanen Tschick nicht zu Ende.  Nachspielzeit vor dem Jugendgericht. Der Sommer, in dem sie erwachsen werden. Tschick und Maike, so ungleich wie Sancho Panza und Quijote? Moderne Varianten des spanischen Traumpaares? Mit einem geklauten Lada als Rocinante fahren sie durch die deutsche Provinz in Richtung Walachei. Natürlich ohne Karte und Kompass. Der wohlstandsverwahrloste Maike und der alkoholaffine Andrej Tschichatschow aus der Hochhaussiedlung begegnen auf einer Müllkippe dem Mädchen Isa. Die neue Romantik, roh und doch auch zärtlich.
Ein spannendes Jugendbuch für Erwachsene, pointensicher, aber nicht anbiedernd, oft lakonisch  und gleichzeitig unterhaltsam. Note: 1/2 (ax)<<

>>Wenn ein Jugendroman Erwachsene begeistert, ist etwas Grundsätzliches berührt, etwas das nicht nur jugendlich bewegt, sondern wieder verjüngt. So geschehen bei tschick – ts chick: Achtung! Trudelnde Hühner im Tiefflug: amüsant, rührend, bizarr und erfrischend tiefgründig. Alle vermuten im Süden die andere Welt, die bunte Seelenvielfalt. Literarisch angelehnt irgendwo zwischen Huckleberry Finns Abenteuer- und Goethes Italien Reise lässt Herrndorf die beiden Vierzehnjährigen Mike Klingenberg und Tschick ebenso gen Süden aufbrechen, weil dort ein Ziel sei. Doch es geht nicht um das Reiseziel, sondern die Reise selbst, die zum Ziel wird. Eingeklemmt im pubertären Seelengrau, niedergehalten von Platz greifenden Minderwertigkeitskomplexen, übersehen von der Klassengemeinschaft und dann noch Sommerferien, die so leer sind, dass sogar die Schule ausfällt. Das ist das dunkelste Loch, in das Mike fallen kann. Dass die platonisch angebetete Tatjana wieder nicht aus dem Fenster schaut, ist sonnenklar und der Wunsch, sich am Indianerturm den Strick um den Hals zu legen, drängt sich wieder auf. Dass sich in diesem Moment auch die zerstrittenen Eltern in die Entziehungskur (Mutter) und mit der knackfrischen Assistentin in die Sommerglut (Vater) verabschieden, haut der Einsamkeit schließlich den Korken raus. Und dass Mike wieder Mike heißt, sagt eigentlich alles. Wenigsten war Mike eine Zeitlang mit dem Namen Psycho aufgewertet worden, nachdem er ernste Anekdoten aus der „Beautyfarm“, wo seine Mutter regelmäßig den Ent- und erneuten Einzug in den Suff zelebriert, einem Klassenaufsatz anvertraut hatte. Mittlerweile fand der Klassenkapitän jedoch, dass einer so verpennten Schlaftablette dieser aufregende Spitzname nicht gebührt. Was kann schlimmer sein als wieder zu einem Mike deklassiert zu werden?
In diesem dumpfen Sommerloch drängt sich ein ebenso ignorierter Außenseiter mit einem unaussprechbaren russischen Namen auf, kurz Tschick genannt – neu in der Klasse, meist im Vollrausch, aber mit beneidenswertem Selbstwertgefühl. Mike ist nicht begeistert. Als Tschick jedoch erkennt, wie tiefgreifend Mike die Nichtbeachtung von Tatjana zermürbt, drängt er Mike, seine Zuneigung offen zu zeigen. Gemeinsam fahren sie im von Tschick geklauten Lada zu Tatjanas Geburtstagsparty, zu der sie beide als einzige nicht eingeladen wurden. Nach der Übergabe der Handzeichnung von Tatjanas Lieblingsmusikerin Beyoncé, die Mike in wochenlanger Begeisterung malte, tauchen die Jungs in einem spektakulären Schlussauftritt wieder ab. Die Komplizenschaft der Buben ist besiegelt. Es bedarf danach nur noch wenig Überzeugungsarbeit, um Mike zu einer Tour in die Walachei zu überzeugen.
Was nun folgt, ist die Reise nach außen in das Innere, die beginnende Selbstwertfindung eines durchsichtigen Mike, der mit jedem weiteren Abenteuer unter der Katalyse seines neuen Freundes an Konturen gewinnt. Die Suche nach der im Süden vermuteten Walachei scheitert natürlich an der fehlenden Orientierung. Wiederholt endet die Spurensuche im Weizenfeld mit der großen Sehnsucht, von der Welt einmal wahrgenommen zu werden, wenn ihre mit dem Lada in das Weizenfeld gefahrenen Namen vielleicht via Google Earth global bestaunt werden. Dass sie schon nach dem ersten Buchstaben in den meterhohen Ähren den Anschluss verlieren, betrübt sie nicht wirklich. Die Abgrenzung als „Automobilisten“ gegen die muntere Jugendgruppe „Adel auf dem Radel“ im Walderholungsgebiet, die Einladung in die spießige Bioenergetik Familie mit der pfiffigen Kinderschar und dem besten Pudding der Weltgeschichte, die vergeblichen Versuche, durch Aufkleben eines Hitlerbartes aus einem Vierzehnjähren einen Erwachsenen am Steuerrad zu machen, um unauffällig zu bleiben, die Entdeckung durch die Polizei und die Flucht mit dem Polizistenfahrrad befördern Mikes Seelenentwicklung. Als sich jedoch der Tank leert, droht ein unlösbares Problem, denn an der Tanke dürfen sie nicht auftreten. Es bleibt nur der Benzinklau, wozu ein Schlauch her muss, der auf einer Mülldeponie vermutet wird, die allerdings zwei Stunden Wegmarsch entfernt liegt. Als dort die verwahrloste Isa auftaucht, wird nicht nur das Benzinabsaugproblem gelöst, sondern es versiegt auch Mikes Tatjana Traurigkeit. Denn erstens verflüchtigt sich nach einer erzwungenen Naturwäsche im Stausee Isa´s Pestgeruch und zweitens vermittelt das frühreife Mädchen dem schüchternen Mike, wie begehrenswert er ist. Währenddessen outet sich Tschick als einer vom anderen Ufer und dass er eher von seinem Onkel beeindruckt sei, der mit Hinter-freien Lederhosen durch die Lande zieht. Die Gefühle toben durcheinander als Mike Tschick zuliebe schwul werden möchte, aber keine Vorstellung hat, wie. Nach der denkwürdigen Begegnung mit dem wahrlich allerletzten Mohikaner einer verlassenen Bergbausiedlung, in der ihnen der Greis die Autoscheibe zerschießt um daraufhin Limonade anzubieten, überschlägt sich der Lada am Steilhang der Abraumhalde. Trotz aller Bedrohungen ist Mike glücklich überrascht, denn am Ende sind alle Menschen nett zu ihm. So auch hier, als eine übergewichtige Sprachtherapeutin die Jungs ins Krankenhaus begleitet, aus dem Mike und Tschick mit Gipsbein unter falschem Namen flüchten, um sich wieder zum Lada aufzumachen. Die folgende Fahrt währt jedoch nicht lange, denn schon auf dem nächsten Autobahnabschnitt stürzt ein Schweinelaster um, in den die Jungs hineinrasen: Mike´s Wade und zahlreiche Säue nehmen ernsten Schaden.

Was bleibt, ist der große Sprung nach vorne. Mike ist ein Neuer. Einer, der mit Stolz die Polizisten empfängt als sie ihn bei Schuljahresbeginn aus dem Unterricht holen. Einer, der von Tatjana und Isa gegrüßt wird, einer, der seinen Freund vor Gericht nicht verrät, obwohl sein Vater dies in ihn reinprügeln will. Einer, der mit seiner Mutter samt Couchgarnitur in den Swimmingpool springt, weil die Schwerelosigkeit des Wassers auch seine innere ist.

Es war noch nie ein so schöner Sommer. Note: 1 (ur)<<

>> Aus der Perspektive des 14jährigen Maik verfolgen wir den Ausbruch dreier Jugendlicher aus der normierten Erwachsenenwelt. Ein Sommerferien -Lada-Trip zweier Jungs  mit Ziel Walachei, komisch und orientierungslos zugleich, wird zur Geschichte einer großen Freundschaft, die die Demütigungen und Ausgrenzungen, die Maik und Tschik im pubertierenden Umfeld vor allem der Mitschüler erleben, vergessen machen. Der Auftritt Isas unterwegs nach Prag, die nicht nur in Sachen „kommunale Röhren“ den Jungs weit voraus ist, erweitert das Duo zu einer kurzen Schicksalsgemeinschaft (der Anselm Weil Brief vom Hohen Berg verspricht mehr). Highlight in der Beschreibung der Hoffnungen und Enttäuschungen einer jugendlichen Seele sind die Hochsprungepisode und die damit verbundene Tatjana Cosic Handlung. Die Welt der Erwachsenen, ob in Gestalt der Lehrerfiguren, ob in der Gestalt der wohlstandsverwahrlosten Klingenberg-Vaters, ob in der traumatisierten Fricke Figur, ob in der Sprachtherapeuten-Karikatur (herrlich allerdings die „Flußpferd“ Assoziation), ob im Ärzte-Bild (Ausnahme Pflegeschwester Hanna!), ob als leicht schräge Großfamilienmutti oder in Gestalt der deprimierenden Rentner in „beige“  – sie ist  die Gegenwelt zum  Roadmovie. Als Leser jedenfalls wünscht man sich für Maik und seine Mutter nach der Versenkung der Bürgerlichkeit im heimischen Pool wieder trockene Tücher.

Es gab übrigens in dem Buch auch einen, der „schien ziemlich vernünftig … Und der hieß Burgsmüller, falls das jemand interessiert“. Note: 2 (ai) (nachgebessert)<<