Das Land der Anderen – Leila Slimani

Luchterhand 2021 – 379 S.

>>Das „Land der Anderen“ ist der erste Band einer als Trilogie konzipierten „Familiensaga“.
Die Protagonistin Mathilde verlässt 1946 ihr elsässisches Dorf um ihrem Mann Amine  nach Meknès zu folgen. Amine hatte bei den Saphir-Truppen gekämpft und Karriere gemacht. Mathilde ist eine überdurchschnittlich sinnliche Frau. Ihre präzise geschilderten sexuellen Wünsche bergen das Risiko einer Überforderung männlichen Potenzvermögens.

Voll verliebt zerbricht sie sich nicht  den Kopf, was sie in Marokko erwarten könnte. Als sie das Hofgut erblickt „erstarrt sie zu Eis“. Oft wird sie den Satz „So ist das hier“ hören müssen.

Ein hartes Leben auf dem Land, auch wenn sie von ihrer Schwiegermutter respektvoll und freundlich behandelt wird. Ihrer Schwester schreibt sie Briefe, in denen sie die Realität beschönigt. Gelegentlich schämt sich Amine für seine Frau. Konflikte zwischen den Ehepartnern werden unvermeidlich. Nach und nach ist Amine nicht mehr derselbe, den sie im Krieg kennengelernt hatte. Nach dem Tode ihres Vaters kehrt sie nochmals in die Heimat zurück. Der viel freiere „lifestyle“ gefällt ihr. Und spielt sie mit dem Gedanken, nicht mehr nach Marokko zurückzukehren, obwohl dort Mann und Kinder warten.
Das Buch ist relativ leicht lesbar, da chronologisch geschrieben und in viele Einzelstories, manchmal auch Schmankerl, unterteilt. Das skurrilste dürfte die Weihwasserverdünnung mit weiblichem Urin sein. Hinzu kommt der erfreulich flüssige Erzählstil. Das Private wird auf dem Hintergrund der politischen Entwicklung geschildert. Diese spitzt sich wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen zusehends zu. Der Rassismus der Siedler und der Fanatismus der Unabhängigkeitskämpfer verstärken sich gegenseitig. Offen bleibt, warum so viele Gebete schräg gedruckt im Original zitiert werden. Es soll doch sicherlich niemand bekehrt werden.
Ein „Zitrangenbaum“, (Zitrone/Orange), dessen Früchte ungenießbar sind, wird immer wieder erwähnt. Und Amine denkt, „dass in der Welt der Menschen dasselbe galt wie in der Welt der Botanik. Am Ende würde eine Art dominieren, die Orange würde eines Tages die Zitrone verdrängen oder umgekehrt, und der Baum würde wieder essbare Früchte tragen.“ Meint das Frau Slimani auch? Wäre das nicht zu schlicht gedacht?

Eine der beiden Widmungen, mit denen das Buch beginnt,  regt zu Spekulationen an: “Die Verdammnis dieses Wortes: Rassenmischung, schreiben wir sie riesengroß auf die Seite.“ (Edouard Glissant, L‘intention poétique). Warum verdammt, dürfen Rassen sich nicht mischen? Hätte ein VHS-Kurs „Interkulturelles Lernen“ Mathilde vor Enttäuschungen bewahren können? Kritiker spekulieren, dass Leïla Slimani das Drehbuch für einen TV-Dreiteiler im Kopf hatte. Der Wunsch nach Fortsetzung wird auf den letzten Seiten des Buches geschickt geweckt.
Wie geht es weiter? Wird die Familie überleben?  Note: 2  (ax) <<

>>1944 lernt die 18jährige Mathilde aus einem elsässischen Dorf den 27jährigen in der französischen Armee dienenden Offizier Amine aus Marokko kennen, heiratet ein Jahr später, verlässt im März 1946 Europa um auf dem von Amines verstorbenem Vater ererbten Hof ein neues Leben zu beginnen. Wenig verwunderlich, dass diese Begegnung zweier Kulturen nicht konfliktfrei verläuft, werden doch schon mit Amines Entscheidung vorübergehend im Haus der Mutter in Meknes zu wohnen, die Rahmenbedingungen dieser Beziehung für Mathilde abgesteckt. „So ist das hier“ bestimmt Amine und die Erzählerin fährt fort: „Diesen Satz würde sie noch oft hören. Und genau in dem Moment begriff sie, dass sie eine Fremde war, eine Frau, eine Ehefrau , ein Mensch, der der Gnade des anderen ausgeliefert war. Amine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der die Regeln erklärte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog“ (12) . Lassen wir einmal die Kategorie „begreifen“ zu diesem Zeitpunkt außer Acht, so erweisen sich die Jahre bis zum flammenden Inferno am Ende des Romans für Mathilde doch als ein aufopferungsvoller Kampf um einen Rest Eigenständigkeit, der sich als umso schwieriger darstellt, als Mathilde als Französin mit einem marokkanischen Mann auch im französischen Milieu der Kolonialisten Fremdheit und Alltagsrassismus erlebt. Auch für Amine ist die Rückkehr in seine Heimat nicht frei von Erfahrungen der Fremdheit (Misstrauen franz. Nachbarsiedler, Demütigungen durch koloniale Elite, Omars Vorwurf des Vaterlands u. Religionsverrats). Zudem durchdringt der wachsende Nationalismus immer wieder auch die Sphäre des Privaten, nicht nur in der Figur Omars.  Die Stärke des Romans sind bei aller Voraussehbarkeit des cultural clash die Zwischentöne. Da ist nicht alles Martyrium. Da gibt es die liebevolle Zuwendung der Mutter Mousala, da gibt es  Mutterglück mit Aicha und Selim, da gibt es auch einmal den Weihnachtsbaum und sogar Amine als Nikolaus, da gibt es Anerkennung für Amines erfolgreiche Arbeit, da gibt es die kleinen Fluchten in die Avenues der Ville Nouvelle, da gibt es die fast verschwörerischen Begegnungen mit Amines 16jähriger Schwester Selma, da verwirklicht Mathilde unterstützet von dem ungarischen Arzt Dragon Palosi ihren Plan der ländlichen Bevölkerung medizinisch zu helfen. Aber letztendlich überwiegt in Mathilde doch das Gefühl, „in einer Welt zu leben, wo sie nicht hingehörte“, ein Bekenntnis gegenüber der Schwester Irene, die sie nach dem Tod ihres Vaters im Elsass besucht, ein Schlüsselepisode, die die innere Zerrissenheit Mathildes psychologisch feinfühlig beschreibt.  Dass es bei Momentaufnahmen alternativer Lebensentwürfe bleibt, ist vielleicht nicht zuletzt der Empathielosigkeit der Schwester zu verdanken. Die Rückkehr ins Amines Haus ist mehr als der endgültige Abschied von der eigenen Kindheit im Elsass .Etwas zu pathetisch beschreibt die Autorin Mathilde in den Armen der 7jägrigen Aicha: „Ihre Mutter war ein Soldat, der von der Front heimkehrte, ein siegreicher, ein verwunderter Soldat, der unter seinen Medaillen Geheimnisse verbarg“. Der martialischen Metaphorik entkleidet, offenbart dies die Seelenlage Mathildes, der bewusst ist, dass sie für die Kinder „alles aufgegeben hatte. Glück, Leidenschaft, Freiheit“. Das rigide Korsett gesellschaftliche Zwänge bestimmt auch das Schicksal der zweiten zentralen Frauenfigur Selma, der erst 16jährigen Schwester Amines. Früh rebellisch, von „irritierender Schönheit“, der zehn Jahre ältere Bruder Omar weiß wie ihr Hang zur Auflehnung zu zügeln wäre „Besser, man prügelte sie vorbeugend, sperrte sie ein, ehe sie eine Dummheit beging und es zu spät ist.“ Omar belässt es nicht bei Drohungen.  Die Abwesenheit der Brüder nutzt Selma zur Befreiung und findet anfangs in Mathilde eine Komplizin. Nicht die Gassen der Medina, die Avenues der Ville Nouvelle und ihre Verlockungen wecken Selmas Interesse. Und sie entdeckt, die gutgemeinten Ratschläge Mademoiselles Fabre missachtend, die „Versuchungen unter unseren Schleiern und Röcken“ und in der Gestalt eines jungen französischen Piloten nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Ein harmloses Schaufensterfoto des Pärchens, von Amine zufällig entdeckt, führt zum dramatischen Höhepunkt. Die Schwester entehrt, die Schande öffentlich gemacht, der junge Mann noch gar ein Franzose, dazu die eigene Frau als Mitwisserin, das verlangt in dieser „Un“kultur nach Rache. Blind vor Wut schlägt Amine Mathilde, richtet die Pistole auf die ganze Familie „Ich werde euch alle töten“ und nur der hilflose Ruf „Papa“ des kleinen Selim erinnert die männliche Bestie an einen Rest Menschlichkeit. Während auf den Straßen Marokkos der Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit beginnt, herrscht im Haus der Familien vielfach Finsternis. Für die erst 8jährige Aicha ist der Anblick der blutenden Mutter und Selmas wenig überraschend. Sie „kannte diese Frauen mit den blauen Gesichtern. Sie hatte sie oft gesehen, die Mütter mit den halb zugeschwollenen Augen, den violetten Wangen, die Mütter mit aufgeplatzten Lippen. Damals dachte sie sogar, dafür hätte man Schminke erfunden. Um die Schläge der Männer zu verbergen.“ Die Antwort Mathildes auf diese Erniedrigung ist eine Demütigung Amines auf ganz anderer, sicherlich psychoanalytisch zu deutender Ebene. Mit fast animalischer Begierde (wir erinnern uns an Mathildes Lust und Leidenschaft am Romananfang!), Kategorien wie Scham und Sitte missachtend, gewinnt sie für einen Augenblick Herrschaft über das, was Amine mit der Rückkehr nach Marokko als Maxime vorgab: „Amine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der die Regeln erklärte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog“. Dem Ausbruch folgt, die Realitäten einer rückwärtsgewandten patriarchalischen Gesellschaft anerkennend, die Unterwerfung. Aus Mathilde macht der islamische Rechtsgelehrte in einer an Lächerlichkeit grenzenden Zeremonie „Mariam“. Dass Selmas Vergehen zeitgleich mit der Zwangsverheiratung von Amines homosexuellem Waffenbruder Mourad bestraft wird, stellt nach Außen zwar die Ordnung wieder her, ist aber letztendlich eine Doppelbestrafung. Was folgt, bleibt für den Leser irritierend. Mathilde spricht Selma gegenüber von „innerer Freiheit“, davon, „dass man lernen müsse, sich drein zu schicken“. Das ist zwar Selbstaufgabe, aber Einsicht in die Notwendigkeit eines Systems, das noch einen längeren Weg zur Aufklärung hat. Zum Romanschluss weitet sich das Private nochmals in Politische. Die Unabhängigkeit Marokkos, die Vertreibung der Kolonialisten ist nicht mehr aufzuhalten. Vom eigenen Haus aus verfolgt Amines Familie den Feuerball, der die Ländereien der französischen Siedler zerstört. Dass gerade die 8jährgie Aicha, die entgegen Amines Botanikgesetz vom „Zitrangenbaum“, ja die Frucht zweier Kulturen ist, das Inferno und damit die Vertreibung der einen Kultur mit dem wenig kindlichen Schlachtruf „Sollen sie doch brennen….sollen sie verschwinden. Sollen sie krepieren“ begleitet, bleibt das Geheimnis der Autorin, das selbst in dem angekündigten Folgeband der Familiensage schwerlich zu lüften sein dürfte.  Note: 2 ( ai) <<

Hard Land – Benedict Wells

Diogenes 2021 – 347 Seiten

<< Ein „coming of age“ Roman, d.h. ein Roman übers Erwachsenwerden. Davon gibt es nicht wenige. Wells hat einen berührendes Werk vorgelegt, das schon die Verfilmung in Stil und Figurentableau in sich trägt. Sogar der Soundtrack wird indirekt mitgeliefert. Erzählt wird aus der Perspektive des 16 jährigen Sam Turner, der in Kleinstadt Brady  / Missouri einem drögen Sommer („Ein Berg von Langeweile“) entgegensieht, der sich dann als Sommer seines Lebens erweisen wird. Wells bedient sich des klassischen Settings in Filmen wie „American Graffiti“ oder „Stand by me“, die er als Vorbilder nennt und die auch seine Protagonisten in Brady immer wieder anschauen und zitieren. Was als Text manchmal die Grenze zum Kitsch touchiert oder auch überschreitet, kommt im Film sicher anders rüber und das kann man in Kauf nehmen, wenn man den Roman als Film liest. Wie Sam die Trauer über den Tod seiner Mutter und auch die gestörte Beziehung zu seinem Vater
(„Dad hatte sein Schweigen an eine Verstärkerbox angeschlossen“)  verarbeitet , ist sehr einfühlsam erzählt. Wells findet auch großartige Bilder über die Grenze zwischen Jugend und Erwachsenenzeit. Note : 2+ (ün)<<

 

<< Der Buchdeckel war zugeklappt, aber das Gefühl „Euphancholie“ blieb, stieg vom Bauch in den Kopf. Eine Wortschöpfung der Gefährtin des Romanprotagonisten, die viel über den Inhalt verrät.
Ein berührender Roman übers Erwachsenwerden, neudeutsch „Coming of age“, der sich für die Integration in den Schulunterricht eigne. So wird für das Buch geworben. Vorher sollte aber noch eine Lektürehilfe im Klett-Verlag erscheinen.
Der erste und der letzte Satz des Buches haben es in sich: „Und dann schaute sie mich an und lächelte.“ Zu zweit im engen Ruderboot, draußen auf dem See. Oh, wie schön, was wird da nur passieren. „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb“, der erste Satz, der den Inhalt grosso modo zusammenfasst, eine erste Orientierung für den Leser. Samuel Turner, 16 Jahre, Außenseiter, und Ich-Erzähler kämpft gegen Ängste aller Art. Besserung bringt nicht die Schulpsychologin, sondern die Bekanntschaft mit der etwas älteren Kirstie, und die Aufnahme in die Kino-Clique, zu der Kirstie und zwei ältere Jungs gehören. Die in fünf Teile gegliederte Erzählung gewinnt im dritten Teil an Fahrt und Intensität. Sehr bewegend wird erzählt, wie der Sohn auf den Tod der Mutter, die an einem Hirntumor litt, reagiert. Sam im Wechselbad seiner Gefühle, mutterlos, ergreifend. Das Faible für Friedhöfe teile ich mit ihm. Die Mutterbeziehung war ungleich intensiver als die zum Vater. Eigentlich ein Klassiker. Der Vater wiederum verstand sich besser mit der cleveren Tochter und Schwester Jean. Richtig aufregend wird es, wenn die „Mutproben“ geschildert werden, die Kirstie (ein Sadoluderchen?) von Sam verlangt. Die vielen Querverweise auf Musik, Kino und Literatur sind  für kulturell gut Informierte sicherlich ein Genuß. Für mich eher nicht. Der permanente Zeigefinger: sooviele Bildungslücken, tja.

Benedict Wells finde ich recht sympathisch, nicht nur weil ich seine Liebe zu Barcelona teile. Seine Augen: die personifizierte „Euphancholie“ mit deutlichem Übergewicht zur Cholie. Sprachlich ist er breit aufgestellt. Ganz lyrisch, wenn der Tag sich aus der Nacht schält, aber auch ganz nüchtern, sachlich, ja salopp: „Trauer ist kein Sprint, Trauer ist ein Marathon.“

Dann noch die Ego-Frage, wie war das eigentlich bei mir damals mit dem Erwachsenwerden in der schwäbischen Provinz 1963 . Irgendwie weniger aufregend. Die Großmutter, nicht die Mutter starb 1963. Eine Kirstie? Wenn überhaupt, erst viel später. Prägend der erste Auslandsaufenthalt bei einer französischen Familie. Wange, keine Zunge. Keine Songs, dafür Chansons. Dieser Plot würde höchstens für eine very very short story mit 7 statt 49 Geheimnissen reichen. Aber besser so. Lieber Max als Sam. Dankgebet nach oben.  Note: 2– (ax) >>

 

<< Mit dem noch 15jährigen Sam erleben wir ein Stück Erwachsenwerden, sehr verdichtet, kaum ein Jahr umfassend. Einschneidend wird für den unsicheren Außenseiter und Einzelgänger ein Ferienjob im Kino „Metropolis“, das in jeder Beziehung zum Gegenpol des „verschlafenen Siebzehntausend- Einwohner Kaffs“ Crady in Missouri wird. Nicht nur, dass hier mit den angehenden Collegestudenten Hightower, Cameron und Kirstie die Geschichte einer prägenden Freundschaft entsteht, das Kino und der Film eröffnen Sam neben Musik und Gitarre auch einen Zugang in bisher verschlossene Ausdruckswelten. Mögen auf den ersten Blick die Initiationsrituale der Gruppe  – was macht ein Mann zum Mann – Horrorfilme, Wellensurfen, Klippenspringen, Saufen, Kiffen,  – reichlich abgegriffen erscheinen, so sind sie im Falle von Sam neben dem Standardprogramm pubertärer Entwicklung doch subtiler. Scheint Grady zunächst nur für eines gut: „zum Weglaufen“, so findet Sam in der Beziehung mit den drei Freunden schrittweise aus der Selbstisolation. Das familiäre Umfeld, die Allgegenwart der Todesangst um die liebevolle Mutter, die Fremde und Sprachlosigkeit des arbeitslos gewordenen Vaters, sind Sams seelische Wunden. Wells genügen zwei Sätze um diese Wunden für den Leser spürbar zu machen: „Der Tod saß die ganze Zeit bei uns am Küchentisch“ und „Es gab zwei Sorten von Stille, die neutrale Sorte und dann noch die Stille meines Vaters.“ Erst der Tod von „Mom“ ermöglicht „Dad“ sich Sam gegenüber zu öffnen. Eindrücklich wie die Prägungen der Kindheit fortwirken. Den Grundton des gesamten Romans bringt mit der pfiffigen Figur Kirstie deren intimes Notizbüchlein auf den Begriff, in dem mit der Wortkombination von Euphorie und Melancholie ein Lebensgefühl einer ganzen Jugendgeneration beschrieben wird: „Euphancholie“. Für Sams bildet der Friedhof und die Institution des Larry dafür die äußeren Koordinaten. Den dramatischen Höhepunkt dieser Polarität bildet die zeitliche Koinzidenz seiner ausgelassenen Geburtstagsparty und die Todesstunde der Mutter.

Weitaus stärker als Hightower und Cameron beeinflusst Kirstie Sams Erwachsenwerden. Liebevoll zugewandt nicht nur im Umgang mit Sams Trauer um die Mutter, flippig wenn es um Mutproben und Abenteuer geht, belesen (Rimbaud !), trinkfest, sprachlich forsch wenn es im bigotten Grady um Sex vor der Ehe geht, aber kontrolliert zurückhaltend, wenn es um Sams schüchterne Annäherung geht (glänzend: von Sam eher gedacht oder erträumt als vollzogen), mit dem noch kindlichen Kieselsteinchen an Sams Fenster immer da, wenn man sie braucht, später dann abtauchend in den Collegemonaten in NY, aber doch für Sam gerade dann mit der Rückkehr nach Grady sehr gegenwärtig, wenn es mit der Enthüllung von William J. Morris „Hard Land“ Geheimnis  im Schlusskapitel „Nummer 49“ gemeinsam mit Sam im Ruderboot hinaus auf den „Lake Virgin“ geht. Und dann „auf der Mitte des Sees“ erfüllt sich „die Geschichte des Jungen, der die See überquert und als Mann zurückkehrt.“ Soweit eine stimmige Adoleszenz-Geschichte. 2+

Was meine Lesefreude an Benedict Wells Roman entscheidend trübt, ist der zum Teil pathetisch aufgeladene Überbau des Morrisschen Gedichtzyklus, dem ja Wells Roman seinen Titel verdankt. Wir erfahren schon anfangs, dass Sams buchkundige Mom den Gradydichter durchaus in die Tradition von Walt Whitman stellt. Die Qualitätslatte liegt damit sehr hoch, die „49 Geheimnisse“, die der Held des Zyklus in Grady verborgen weiß bringen es aufs Ortsschild und das Thema des Helden, nämlich ein Junge, der den See überquert und als Mann zurückkehrt, wird mit dem Zyklus von Morris  zum literarischen Kanon, den Inspektor Colombo, ein Lehrer der sympathischen Art  im Gegensatz zum Erdkundelehrerekel, alljährlich den Highschoolern vermittelt. Für die zwei männlichen Kumpel Hightower und Cameron scheint der Zyklus weniger prägend als für Kirstie und Sam, ist doch vor allem für letzteren der Schulstoff Teil seiner Biografie und das insbesondere durch den Einfluss von Kirstie und deren vom Inspektor mit der Note 1 geadelter Interpretation von „Hard Land“. Inhaltlich und sprachlich ist allerdings das, was uns Wells als Zyklusfragmente im Roman präsentiert allerdings eher dürftig und dem Kitsch nicht fern. Zwei wunderbaren Zeilen „Kindsein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt“ zeigen, was an literarischer Höhe möglich gewesen wäre. Dass sich hinter den mehrfach angedeuteten 49 Geheimnissen des Gedichtzyklus im Wesentlichen nur eine „versteckte Pointe“ verbirgt und diese – jedem Zauber von Metaphern und Allegorien entraubt – auf Sex und Phallussymbole reduziert ja gar banalisiert wird, bleibt das Geheimnis von Wells. Mir jedenfalls hätte das Schlussbild des Filmromans – ein Ruderboot mit abgelegter Sonnenbrille zum Verständnis des endgültigen Erwachsenseins genügt.  Note: 3 (ai)<<

>> In Wells Roman ist Hard Land das Epos eines Heimatdichters, das Ende des 19. Jahrhunderts den Auszug eines Jugendlichen beschrieb. Dieser entzog sich suchend der empfundenen Enge, um als Mann zurückzukehren. Benedict Wells benutzt das fiktive 90-Strophen Gedicht als Folie, vor der er eine klassische Coming-of-Age Episode vorführt. Klassisch, weil der Handlungsstrang schlichten Routinen folgt. Das Personal sind wie üblich ein angstgestörter 16-Jährige aus einer auseinanderbrechenden Familie und eine ihn aufrichtende kleine Clique, in der jede Figur einen gängigen Literaturtypus (Schwuler, Schwarzer, rote Zora) darstellt. Zeitpunkt und Ort (öde Sommerferien in sterbender Kleinstadt) folgen ebenso dem gängigen Muster. Am Ende steht die Läuterung und der erfolgreiche Moment der Mann-Werdung. Und obwohl der Plot nur eingeschränkte Originalität birgt, durchzieht das Werk eine warme Strömung, von der man sich als Leser bereitwillig forttreiben lässt.

Grady, Missouri, USA, 1985. Sam (15) ist isoliert in dem gesichtslosen Kaff, isoliert in der Schule, isoliert unter den Gleichaltrigen, die den Einzelgänger meiden und mobben. Seine Familie ist gespalten. Die ältere Schwester Jean eigentümlich, aber schon berühmt als alternative Drehbuchautorin in Kalifornien. Der Vater arbeitslos, stumm und ohne Bezug zu Tom. Die Mutter, Inhaberin einer kleinen Buchhandlung, verständnisvoll, aber am Ende ihrer Lebenskräfte, niedergeworfen durch einen Hirntumor. Als die Sommerferien drohen, übernimmt Sam einen Nebenjob im örtlichen Kino, das kurz vor der Schließung steht. Drei Jugendliche teilen die Aufgaben mit ihm. Die Kinotochter Kirstie, der schwarze Baseball King Hightower und Cameron, Spross einer begüterten Familie. Nach anfänglicher Ablehnung wird er ins Team aufgenommen. Als besonders empathisch erweist sich die wilde Kirstie, obwohl ihre betont laute Umgangsform dies nicht vermuten lässt.

Sam spürt das neue Gleichgewicht, spürt das neue Selbstwertgefühl, wenn sie zu viert auf Feten einlaufen, wenn er mit dem Sportler Hightower durch die Wälder joggt, wenn die deutlich ältere Kirstie ein wenig Erotik und viele gute Gespräche spendet, wenn die Gang ihn an Abenteuerritualen teilhaben lässt. Dazu gehört auch das Hügelrodeo, bei dem einer versucht, auf der Ladefläche stehen zu bleiben, während der Pick-up über Bodenwellen rast. Die ultimative Segnung erfolgt in einer privaten Kinonacht. Die schlichte Regel lautet, bei jedem der vielen Toten eines maßlosen Trashfilms einen Whiskey zu kippen. Sam überlebt deutlich gezeichnet, aber gesegnet.

Kirstie, deren literarische Rolle es ist, Sam zu profilieren, fordert und fördert. Sam geht mit, ist angezogen von ihrer Zuwendung und ihrer dosierten erotischen Ausstrahlung. Ihr Geschenk zu seinem 16. Geburtstag ist eine Prüfung, mit der sie Sam auf eine neue innere Sicherheit festlegen will. Zögernd folgt er ihr und besteht alle drei Übungen: stiehlt zum ersten Mal in seinem Leben einen Lippenstift, springt mit ihr von einer Felskante in den Lake Virgin und spielt auf der Gitarre einen Song vor. Ordnungsgemäß macht es in Sam einen Rucker.

Gerade an dieser Stelle kann der Schriftsteller Wells sich eine Kitschklitterung nicht verkneifen. Sams Eltern hatten ihn zu einem Geburtstagsessen eingeladen, zu dem der Sohnemann jedoch nicht erscheint. Während er mit den Kumpels tief ins Glas schaut, stirbt an diesem Abend die Mutter an ihrem Tumor. Sam quälen Selbstvorwürfe. Der Vater wird ihn jedoch später freisprechen, da seine Mutter zunächst traurig, dann aber glücklich gewesen sei, da Sam endlich Freunde gefunden habe. So betrachtet konnte sie erleichtert aus dem Leben scheiden. Trotzdem kommt es noch zu einem dramaturgischen Kulminationspunkt. Sam versteckt sich in einer verfallenden Waldhütte, weil er an der vom Vater fehlgeplanten Beerdigung nicht teilnehmen will. Kirstie findet und tröstet ihn im gemeinsamen Schlafsack, während nächtlicher Gewitterdonner das Gebälk erzittern lässt. Auch seine kalifornische Schwester erscheint am Morgen danach und überzeugt ihn von einem Plan. Sam willigt ein. Wir ahnen: eine neue Prüfung steht bevor. Minuten vor dem Toten-Gottesdienst vertritt Sam sich im Ort noch ein wenig die Füße. Prompt schütten mobbende Zeitgenossen ihren Milkshake über ihn aus, worauf Sam – jetzt schon selbstbewusster – den Jungs entschlossen den Seitenspiegel vom Auto abtritt. Die folgende Schlägerei ruiniert ihm zwar den Traueranzug und die Zähne, doch eilt er unerschrocken zur Kirche, durchschreitet blutverschmiert den Mittelgang durch die wartende Trauergemeinde, um wenig später vor der versammelten Gemeinde zu Ehren seiner Mutter den Punkrock Song Dancing With Myself zu grölen, während seine Schwester mit gewaltiger Orgelbegleitung aus den Höhen der Kirche überrascht. So vielsagend wie der Songtitel ist Sam seinem Selbst nähergekommen. Pünktlich zum Ende der Sommerferien ist Sam so weit erstarkt, dass er den Abschied seiner drei Weggefährten, die ihre Zukunft in der Ferne suchen müssen – wenn auch leidend –  verkraftet. Zurück in der Schule ebnet der Literaturlehrer mit dem Gedichtepos Hard Land Sam die letzte steinige Wegstrecke zu sich selbst. Sams Vater offenbart sich. Auch er war ein Opfer seiner quälenden Familie. Die Aussprache führt die bis dahin sprachlosen Männer zusammen und gibt dem arbeitslosen Vater die Kraft, den verwaisten Buchladen seiner verstorbenen Frau auch ohne Literatur- und Kaufmannskenntnisse wieder zu eröffnen.

Wie das Führungspersonal des Romans so sind auch die Nebenrollen mit schicksalsträchtigen Lebensläufen hinterlegt. Hightower hatte als Schwarzer nur eine Chance, weil er sich diese sportlich erkämpfen konnte. Seine Mutter verließ seinen Vater und heiratete den tiefgläubigen Stiefvater von Hightower. Als seine Mutter überraschend starb, war es der Stiefvater, der dem Stiefsohn mit Glauben und harter Arbeit Halt gab. Cameron dagegen war der ewige Versager im Angesicht seines ungemein geschäftstüchtigen Vaters: schwul, orientierungslos, frei von Ehrgeiz. Zu guter Letzt ist es aber Cameron, der das dahinsiechende Grady rettet, indem er mit dem Geld seines Vaters das ortsbestimmende „Larry´s“ wieder eröffnet, dem kleinen Ort ein neues Kommunikationszentrum gibt und Sam als Mitarbeiter anstellt. Am Ende des Romans werden Gedichtfolie und Handlungsstrang zusammengeführt als Kirstie noch einmal zu Besuch kommt. Sie rudert mit Sam ähnlich der lyrischen Vorlage Hard Land auf den Lake Virgin (!) hinaus, um Sam zu entkorken und den Mann in ihm zu befreien. Damit lüftet und belüftet sie das selten entschlüsselte Geheimnis des Gedichtes, wie der über den See heimkehrende Jugendliche zum Manne reifte: durch Sex (Zitat S.335).   Danke, Kirstie!

Benedict Wells hat nicht den packenden psychologischen Anspruch einer Emma Cline, die in ihrem Coming-of-Age Roman The Girls eine Pubertierende verzweifelt den Halt einer quasi großen Schwester suchen lässt, selbst als diese als Mitglied der Charles Manson Family grausam mordet. Auch wenn der Plot von Hard Land zunächst wie eine creative-writing Übung anmutet, so bringt die Idee eines vom Schüler zu interpretierenden Heimatgedichtes als roter Faden eine interessante zweite Ebene in das Werk, das in gewissem Maße durch eine dritte ergänzt wird: Kinofilme als Fixpunkte einer Persönlichkeitsentwicklung. David Gilmore schrieb zwar schon 2009 den biographischen Roman Unser allerbestes Jahr, in dem eine Vater-Sohn Annäherung und schließlich die innere Wegfindung des gestrandeten 16-Jährigen über unermüdliche Filmabende gelingt. Wenn also nicht neu, so passt dennoch das Konzept von Film und Kino ebenso in Wells Werk.

Durchgängig überzeugend ist die Sprachführung. Wie selbstverständlich teilt man als Leser jeden Atemzug mit dem Ich-Erzähler. Auch wenn Hard Land nicht die umwerfende Wirkung von Tschick des verstorbenen Wolfgang Herrndorf erreicht, scheint Hard Land ebenso auf eine Verfilmung angelegt. Dafür sprechen nicht nur der „Abspann & Credits“ (S.341) und der schon veröffentlichte, 15 Titel umfassende „Soundtrack“ (S.343), sondern vor allem der gradlinige Aufbau mit seinen farbfrohen Effekthöhepunkten. Haben wir gar ein Drehbuch gelesen? Schauen wir mal.

Note: 3 (ur) <<

Der geschenkte Gaul- Hildegard Knef

Lingen Verlag 1970 – 364 Seiten

>>Was für ein außergewöhnliches Buch ! Atemlos, stakkatoartig, Sätze die nicht zu Ende gebracht werden. Berlin, Hollywood, die Schauplätze vermischen sich, auch teilweise die Zeitebenen. Zeitgeschichte, Theater und Filmgeschichte aus der Sicht einer jungen, wachen und unerschrockenen Schauspielerin, die aber auch Mühe hat, im Raubtiergehege der Branche nicht unterzugehen. „Ein stecknadelgroßer Punkt sagte, es war gut, sich von dem Felsen zu stürzen“. Wie sie das oberflächliche Getue auf den Partys der großen Studiobosse beschreibt, gehört zu den ganz großen Passagen in diesem fulminanten Buch, das aber gleichwohl gelegentlich auf der Stelle tritt und dann auch etwas ermüdend wird. Trotzdem : Note 1/2 (ün)<<

<< Hildegard Knef alias Hildegarde Neff (amerik.) alias „Kraut“ (wohlwollend, engl.) –  über die schon so viel gemeint wurde. Jetzt, 20 Jahre nach ihrem Tod noch einmal nachgelesen. Wer glaubte, sich vage an eine skandalumwitterte Schlagersängerin erinnern zu können, irrt. Nicht nur, dass ihr rauchiger Chanson-Rap gefühlt 25 teils tiefsinnige Langspielplatten rechtfertigte, dass ihre unbändige Schaffenskraft über 60 Filme anreicherte, sondern dass sie neben der Musik, Theater und dem Film ebenso die Schriftstellerei mit sieben Werken bereicherte. Die Übersetzung ihrer Autobiographie Der geschenkte Gaul in 17 Sprachen dürfte auch dem literarischen Gehalt ihres Werks geschuldet sein. Man darf wahrlich beeindruckt sein.

Die Berliner Knef, geboren 1925, Tochter eines wenig später an Syphilis gestorbenen Rabauken, großgezogen von Mutter und sorgendem Großvater, Mittelschule, Zeichenlehre für UFA-Trickfilme, Schauspiellehre, Entdeckung als Nachwuchsversprechen. Sie geht mit, fordert, lässt sich führen und verführt vermutlich. Versinkt in Unzeitgemäßem (Krieg, Nachkrieg, Nazis, Alliierte, Armut, Pompöses), wird herausgehoben, gefeiert, umsponnen. Der Krieg steuert 1945 auf den totalen Zusammenbruch zu, Flucht und Erotik mit dem nazihöchsten Filmmanipulator Ewald von Demandowsky, eigene Volkssturmmorde, grausame Irrwege über Panzer-gewalzte Leichenfelder, Hunger. Selbstaufgabe trifft unbändigen Überlebenswillen. Sie überlebt. Der Aufstieg einer hübschen 20-Jährigen. Das mordende Deutschland plötzlich mit einem reizenden Gesicht. Findet Anschluss bei der Unterhaltung amerikanischer und russischer Besatzer. Eine solide Schauspielausbildung durch lebenslang verehrte LehrerINNEN Pommer und Bongers fruchten: der erste Nachkriegsstar Deutschlands wird geboren.

Der jüdisch-amerikanische Offizier Kurt Hirsch stellt ihr nach, betört sie, heiratet sie, leitet sie über London in die USA. Das Life Magazin widmet ihr eine Titelstory. Ein Siebenjahresvertrag wird unterschrieben. Wohlstand, aber große Anpassungsschwierigkeiten. Die Schwiegereltern verurteilen sie als deutsche Kriegsverbrecherin. Sie schreibt: „Ich weiß nicht wie ich mit dem deutschen Schuldgefühl, das ich haben sollte und doch nicht haben kann, fertig werden sollte“.

Die amerikanische Filmindustrie wagt nicht die Kriegsdeutsche, die anders als Marlene Diedrich nicht aus Nazideutschland geflohen war, zu präsentieren. Paradoxerweise erhält sie komfortable Schecks aber keine Filmrollen. 1950 erscheint ihr deutscher Film „Die Sünderin“. Eine Sekundennacktszene, die Liebe einer Prostituierten und der Doppelsuizid am Filmende bewirken einen nie dagewesenen Aufruhr. Während sieben Millionen Neubundesbürger in die Kinos drängen, greift das Bundesverwaltungsgericht ein. Landtagspräsidenten und höchste Kirchenvertreter rufen zum Boykott des Films auf. Die Polizei muss gewaltbereite Pro- und Contra-Demonstranten trennen. Berühmt und geächtet flieht sie zurück in die USA. Doch Hollywood bleibt sich treu: gierig, oberflächlich, ausfallend. Die Parties dienen der Sichtung und machen krank. „Um die Studios hatten sich jene Schwärme niedergelassen, die von den Ängsten der dort Agierenden lebten, allen voran, in sturmfest verankerten Nestern, eine Schar Psychiater.“ Auch Knefs widersprüchliches Gemüt entgleitet. „Ich hasse den Hass. Hasse, dass ich ihn empfinde, ihm unterliege, körnig-kratzig wie Teerpappe, brennesselig, gallig, kurzatmig, als müsse er vom Fleck kommen…Mit der Angst, händchenhaltend mit dem Schuldgefühl vereint“. Durch alles wabert mit penetrantem Gestank auch ihre Angst. Die Angst verlassen zu werden, allein in den Wirren des Lebens Entscheidungen fällen zu müssen, die Angst nicht genügend Kraft für den richtigen Weg aufbringen zu können. Die Angst wird sich durch ihr ganzes Leben ziehen. Vermeidungsangst setzt enorme Kräfte und Produktivität frei, zersetzt aber auch ihre Psyche und Physis. Mehr als 60 Operationen, die kaum ein Organ auslassen. Ihre Krankenakte stellt sich als „Museum des Grauens“ dar. Unzählige Zusammenbrüche, vermutlich zwei Jahrzehnte Morphinabhängigkeit. Der ganze Mist wird ihr Muss. Eine Insel bleibt ihr dennoch: die Bühne, die Studioarbeit, das Eintauchen in fremde Rollen, wenn sie jemand anderes sein darf und dadurch bei sich selbst ist. Und stets heftet sie sich an einen Mann. Drei Ehemänner werden es am Ende, ungezählte Liebhaber zwischendurch. In den USA lässt sie sich zudem von ihrer Mutter kuratieren.

1954 kommt der fulminante Durchbruch: die erste Deutsche, die in einer Hauptrolle in einem Broadway Musical debütiert. Hildegarde Neff in Silver Stockings. Fast 500 Mal tritt sie auf. Präsidenten, kulturelle Weltgrößen, Konkurrentinnen applaudieren. Sie wird vorübergehend zur Gesandten, zum Gesicht eines neuen Deutschland. Während vor Erschöpfung ihr Lebendgewicht auf 44 kg sinkt, schießt der Ruhm ins Astronomische. Nach zwei Jahren bricht sie zusammen und ihren Erfolg ab. Flucht aus Knebelverträgen, Flucht aus den USA.

Zurück in Deutschland beginnt eine Neubesinnung. Chanson und Literarisches rücken in den Vordergrund. Dennoch bleibt sie umstritten, liefert sich Schlammschlachten mit der Regenbogenpresse. Hat eine treue Anhängerschaft und offene Feindschaften. Das Geld wird knapp, ein neuer Vertrag mit einem holprigen Filmstart – nicht gut, weil doch in der öffentlichen Wahrnehmung eine Schauspielerin so gut ist wie ihr letzter Film. Inzwischen ist sie mit Tonio (David Cameron) liiert. 1970 wird er fast Witwer, als Knef ihm mit 45 unter dramatischen Umständen Tochter Tinta (Christina) schenkt. Tinta wird ihr ein neuer Ankerplatz. Damit endet die Biographie 32 Jahre vor ihrem Lebensende.

Auch wenn das Werk deutlich kompakter sein könnte, überzeugt Knef mit sprachlichem Feinsinn verbunden mit einem Tiefenblick, der ihr erlaubt eine Vielzahl von Nuancen bei Begegnungen, Charakteren und Ich-Zuständen zu transportieren. So gelesen, wenn sie z.B. den geschätzten Regisseur Barlog skizziert: „…löste scheinbar spielerisch einen klebrigen Satz, eine nicht zu streichende Szene, beatmete sie, ließ sie leben, diktierte, ohne Diktator zu sein, stichelte stachelte ohne Sadismus. Disziplin im Chaos, unmelodramatische Ernsthaftigkeit zwischen Zynismus, …er schuf die glorreichste Theaterzeit.“ Hierbei schreibt sie mitunter lakonisch, manchmal verletzend, häufig kritisch wie auch selbstkritisch, sicher auch fabulierend. Großartig etwa die verstörende Darstellung US-amerikanischer Alltagsphänomene von Hot Dog bis zu architektonischer Tristesse oder die entblößende Partysymbolik wiederkehrender Hollywood Sonntage oder Schul-Torturen des pädagogischen Nahkampfs oder die Intensität des Kriegsgrauens oder oder…Wahrlich: Hildegard Knef – eine Schriftstellerin.  Note: 2 (ur) <<

 

<< Im „Geschenkten Gaul“ ist viel Interessantes über den Zweiten Weltkrieg, sein apokalyptisches Ende und drei Jahrzehnte Nachkriegsgeschichte zu erfahren. Interkontinental. Eine so aufregende Karriere wie die von Hildegard Knef findet man selten. Von der verkleideten Soldatin, zur Filmschauspielerin, zur Sängerin und Schriftstellerin. Beindruckende Polyvalenz. Eine Ulmerin halt. Dort war der Protest gegen die sündige Schauspielerin nach dem berühmten Film besonders virulent. Aber inzwischen gibt es an der Donau einen Hildegard-Knef-Platz. Ende gut, alles gut.

Das vorliegende Buch, ein Bestseller, wurde in 17 Sprachen übersetzt. Die Übersetzer/innen beneide ich nicht. Soviel (zuviel?) wörtliche Rede in der Berliner Umgangssprache gab es noch nie. Wirkt zwar authentisch und lokalkoloristisch, aber schwer zu übersetzen. Was wäre, wenn ein Hesse oder gar ein Schwabe sich dergleichen erlauben würde? Die 16 Kapitel sind von unterschiedlicher literarischer Qualität. Die Schilderungen der Großeltern, die Nähe zum jähzornigen Großvater Karl beeindrucken und überzeugen. Oder die dramatischen Szenen vom Kampf um Berlin. Die junge Frau verkleidet sich als Soldat, weil sie nicht vergewaltigt werden will. Auch die datierten Tagebucheintragungen wirken authentisch, knapp, präzise. Oder die eingefügten datierten Briefe.

Weniger gilt dies für die vielen Seiten mit wörtlicher Rede von sag mir wer die Namen sind, vielen Menschen. Kann ein Mensch ein derart gutes Gedächtnis haben? Die Struktur des Buches wirkt patchworkig, der Stil durch die Zusammenballung von Substantiven oder Adjektiven immer wieder manieristisch. Manchmal aber auch ganz woke: „…überfraute mich.“

Schon in jungen Jahren weiß Hildegard genau was ihr gefällt und was nicht. Über eine Seite lang zählt sie Negtives auf (S.78). „Ich hasse, ich haßte, ich hasse“. Dagegen: „Ich schmeckte, ahnte, wollte Schönheit“ (S.79). Klare Ansage, klares Weltbild.

Mit ihrem ersten Mann Kurt Hirsch reist sie in die USA. Dessen jüdische Eltern lehnen die Deutsche ab. Hirsch bricht deshalb mit ihnen. Bewegend. Ich verfluche dich“, schreit der Vater seinen Sohn an. Das tut weh.

Über die Route 66 nach Hollywood. Erniedrigende Einstellungsrituale der Produzenten. Lange vor Harvey Weinstein. Und eigentlich fast so wie sich der Provinzler Hollywood vorstellt: klatschig, hedonistisch, egotripig. Die Gespräche oft ein Sammelsurium von Belanglosigkeiten. Die Arbeitsbedingungen in der Filmstadt bewegen sich zwischen Frühkapitalismus und Sklavenhaltergesellchaft. Die unendlichen Mühen, bis ein Musical („Silk Stockings“) aufführungsreif ist, werden ausführlichst dargestellt. Da fließen Blut&Tränen und Hilde verliert 10 Pfund. Der restaurative Zeitgeist der Fünfziger Jahre verschont die Autorin nicht und immer wieder wird sie in Zeitungen verleumdet. Das Buch endet mit der Geburt der Tochter. Irmgard Knef, die vom Böblinger Ulrich Michael Heissig geschaffene Zwillingsschwester, zeichnet ein etwas anderes Bild ihrer Schwester. Aber das wäre ein neues Fass.

Wir belassen es bei eins und eins das macht zwei und ….Note : 2–(ax)<<

>> Missglückt ist in Hildegard Knefs Buch allein der Titel. Der Salinger-Verweis macht ihn nicht besser. Was uns die Autorin hier von den 20er Jahren bis ins Jahr 1970 – die Chronologie immer wieder durchbrechend, berichtet, geht weit über die Autobiographie eines Weltstars hinaus. Es ist ein Dokument deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, aber vor allem der schonungslose Einblick in die Film- und Kinogeschichte Hollywoods. Da besucht ein 17jähriges Mädchen mit grauenhaftem Berliner S und viel zu tief liegender Stimme die staatliche Filmschule in Babelsberg, wird von der Ufa entdeckt, Else Bongerts  fördernd beschützende Hand begleitet die Knef lebenslang, verlässt 1948 mit ihrem ersten Ehemann Martin Hirsch, einem tschechischen Juden, Deutschland. Der Makel einer „war bride“, die gehypte Erwartung einer „neuen Greta Garbo“, auf der Route 66 geht’s zum Ziel, das Hildegard Knef entwaffnend ehrlich und naiv beschreibt: „Ich muss es schaffen. Was, weiß ich nicht genau, außer berühmt werden, anerkannt, beliebt.“  Im Ostküsteneldorado wartet zunächst etwas ganz anderes, wobei allein die Englischstunden bei Miss Cunninghum als notwendiger Berufseinstieg verbucht werden können. Ist der misslungene Versuch Hildegard Knef eine wahlweise österreichische oder Naziopfer-Identität zu geben noch historisch nachvollziehbar , so tritt mit  dem Hollywood Produzenten und Starregisseur Mr. Selznick eine Figur auf, die eine der Schattenseiten von Hollywood bis heute zu Weinstein zeigt. Ist diese 1. Begegnung nur peinlich-primitiv, so entzaubert die Autorin auch sprachlich brilliant, was sich hinter den Fassaden und Kulissen abspielt. Poolparties als Jobbörse, Männerklüngel, Klatsch, Missgunst, Anbiederung, Ausbeutung in jeder Form. Die Schauspieler dem „Studiodespotismus“ schutzlos ausgeliefert und mit kargen Wochenschecks abgespeist. Nicht verwunderlich, dass sich um dieses Milieu eine Schar Psychiater, Sekten, Magier und Astrologen tummelt, deren sympathischster noch Marlene Dietrichs Hausastrologe Carroll Righter ist, der auch für die Autorin zu einem entscheidenden Ratgeber wird. Überhaupt ist Marlene Dietrichs geradezu mütterliche Zuwendung gegenüber Hildegard Knef, bei aller Spleenigkeit und Tablettensucht, in diesem Moloch rührend und sicherlich entscheidend, dass die Knef in dieser frühen Phase ihrer Karriere nicht daran zerbricht. Auch die späteren erfolgreichsten und zugleich kräftezehrendsten Musicaljahre als Ninotschka in Cole Porters  Broadwayshow „Silk Stocking“ sind  zumindest ohne Marlene Dietrichs Kochkünste und Medikamentenschrank nicht zu schaffen. Allein Herb Greens unkonventioneller Gesangsunterricht für die Knef („Ich kann nicht singen“) ergibt Momente von Heiterkeit. Ansonsten Fremd- und Selbstausbeutung: 44 kg,,  5 Uhr Frühproben, 6 Tage die Woche täglich 2 Aufführungen jeweils mehr als 3 Stunden, auch wenn „die Kraut die Masern“ hat, zwei Jahre ausverkauft, Welterfolg, die Kasse klingelt, bei der Autorin bleibt, in Geldgeschäften völlig unerfahren, wenig hängen („viel bleibt nicht übrig“), außer Ruhm und ein ruinöser Gesundheitszustand, der spätestens 1968 mit der schwierigen Geburt ihrer Tochter Christina aktenkundig wird. Nachdem die Knef – von Amerika enttäuscht-  schon einmal 1950 zu Dreharbeiten von Willi Forsts äußerst  erfolgreichen und skandalumwitterten Film „Die Sünderin“  nach Deutschland zurückkehrt, verlässt sie 1956 endgültig als Weltstar die New Yorker Szene, ohne in Deutschland trotz grandiosem Empfang und  Vertrag bei der neugegründeten – aber von Knef als reichlich unprofessionell beurteilten-   Ufa im deutschen Film erneut zu reüssieren. In den 60er Jahren erfolgreicher ist die Autorin in französischen, italienischen und englischen Filmen, wobei die Begegnung mit dem englischen Schauspieler David Anthony Palastanga, Knefs 2. Mann und Vater der Tochter, biografisch entscheidend ist. Die Episoden an der Seite von „Tonio“, ob während einer Theatertournee durch Deutschland in, der Form genügend, getrennten Hotelzimmern, ob die Fahrt an die Amalfiküste nach Positano mit Felsklippenassoziation, das Haus am Starnberger See, eine abenteuerliche Autofahrt nach Rom oder die Tage im Schweizer St. Moritz, all diese Szenen durchzieht ein Wärmestrom, ein persönlicherer Ton, der –Marlene Dietrich und Else Bongers  Passagen ausgenommen – den eher nüchtern beschreibenden Passagen des autobiographischen Romans ansonsten fehlt. In jeder Beziehung ungeschminkt ist dieses Buch, nichts ist allürenhaft. Bodenständigkeit dominiert, auch in der innigen Beziehung zur Mutter. Das who is who der amerikanischen und deutschen Film, Theater- und Kulturszene ist eher eine Randnotiz, kein Glamour.John Steinbeck oder Otto Hahn als Musicalgast am Broadway oder Henry Millers Besuch in Ulm – alles  fast nebenbei. Schlüssellochperspektive, Erotisches – für Voyeure enttäuschend. Was die 45jährige Hildegard Knef da auf ihrer Schreibmaschine mit Blick auf das Furtwängler Haus in St, Moritz schreibt, ist sicherlich im wesentlichen eine authentische Bestandsaufnahme einer außergewöhnlichen Schauspieler-Karriere. Ja, sie hat es geschafft, fragt sich nur um welchen Preis. Wie sie schreibt, ist über weite Strecken des Buches literarisch gekonnt. Mögen die Wechsel der Zeitebenen und die tagebuchartigen Einschübe zuweilen  auch irritieren und den Lesefluß stören, das Leben, zumal wer szenisch denkt, ist gespickt mit Vor- und Rückgriffen. Die Klammer von Hildegard Knefs autobiographischem Roman bilden zwei Generationen, eine vergangene und eine zukünftige: Der Romananfang gehört der anrührenden Liebeserklärung an einen Großvater „Sein Jähzorn war das Schönste an ihm“ , das Romanende – sicherlich nicht zufällig- der ersten Enttäuschungserfahrung der 2 jährigen Tochter Christina.  Dazwischen liegen 45 bewegte Jahre, eigentlich viel viel zu früh für ein Vermächtnis.  Note: 1/2 (ai)<<

Ein Wochenende – Charlotte Wood

Kein & Aber 2020 | 284 Seiten.

<< Vier Freundinnen, Adele, Jude, Sylvie, Wendy,vierzig Jahre Freundschaft, inzwischen siebzig plus mit den dazugehörigen Altersmalaisen.
Durch Sylvies Tod vor elf Monaten ist aus dem Quartett ein Trio geworden. Symmetrie futsch. Am Weihnachtswochenende im australischen Sommer räumen die Überlebenden Sylvies Sommerhaus am Meer. Es soll verkauft werden. Dabei ist auch Hund Finn, den Sylvie vor elf Jahren Wendy geschenkt hat, als deren Mann Lance gestorben war und sie sich in einer tiefen Krise befand. Jude und Adele hassen den altersschwachen Sabber-Bello, der seinem imperativen Harn- und Kackdrang nicht mehr gewachsen ist. Ein omnipräsentes Memento Mori, dessen Einschläferung permanent gefordert wird. Die vier Frauen sind charakterlich recht verschieden und haben sehr unterschiedlich gelebt. Was sie solange zusammengehalten hat, bleibt für mich offen. Sylvie scheint die integrative Kraft, der Kitt der „Viererbande“ gewesen zu sein. Jetzt zeigen sich immer mehr zentrifugale Tendenzen, das „Gummiband“ weitet sich. Jude, Gastronomin und geborenes Alphatier, konnte alle Dinge, die man liebte, durch ihre Berührung „in Scheiße“ verwandeln. Adele, eine extrem körperbetonte Schauspielerin, inzwischen ohne Aufträge aber in Geldnöten. Ihre auffallenden Brüste werden so oft erwähnt, dass ich sie (pssst…) gern live gesehen hätte. Wendy mit Uni-und Publikationskarriere, war mit der Betreuung ihrer beiden Kinder wenig erfolgreich. Das bekommt sie jetzt zu spüren. Manches Mal schrammt der Roman am Kitsch vorbei. Beispielsweise beim Besuch der Christmette. Der Roman regt an, über das Warum von Freundschaften nachzudenken. Wie sind sie entstanden,warum haben sie (aus)gehalten oder auch nicht? Bei der Suche nach belastbaren Antworten bin ich
schneller als gedacht an Grenzen gestoßen. Der Roman endet mit einem gemeinsamen Bad im Meer. Die Kraft des Wassers. „La mer m‘a donné une carte de visite“ von George Moustaki fiel mir ein. Stilbrüche lassen vermuten, dass eine Schreibwerkstatt am Werk gewesen sein könnte. „Dieses Buch hat viele Unterstützer“ beginnt Charlotte Wood ihre umfängliche Danksagung. Note : 2/3 ( ax) <<

 

>> Eine 40jährige Freundschaft von vier Frauen, inzwischen alle über 70, die sich nach dem Tod von Sylvie für drei Tage an Weihnachten in deren Strandhaus treffen. „Nehmt euch, was ihr wollt, betrachtet es als Ferien“, so die Bitte der inzwischen nach Dublin zurückgekehrten Lebenspartnerin Gail. Sylvies Haus soll verkauft werden, es gilt alles auszuräumen. Die aus wechselnder Erzählperspektive beschriebene Anreise- je ein Kapitel – von Wendy, Jude und Adele sind der beste Teil des Romans. Er macht klar, dass es vor allem zwischen diesen Frauen einiges auf- und auszuräumen gibt, erfahren wir doch, welch unterschiedliche Charaktere da zusammenreffen. Die Gastronomin mit hohem Entsorgungstalent, die deutlich vom Alter gezeichnete Buchautorin – über 282 Seiten treu begleitet von ihrem dementen und tauben Hund Finn, die ehemals erfolgreiche Schauspielerin, immer noch einen Hauch flippig, wenn auch finanziell klamm, aber wie mehrfach betont, mit nach wie vor ansehnlichen Brüsten. Mir scheint wichtig, dass uns die Erzählerin schon früh mitteilt, nicht nur die Fahrten in Sylvies Haus waren „Tradition“, auch Jude lädt jährlich am Wochenende vor den Weihnachtstagen die Frauengruppe zu Tisch. Dabei gilt auch hier ein wichtiges Ritual: Judes Pavlova mit den getränkten Pflaumen. Sie sollten uns bedeutungsschwanger später noch begegnen. Bedeutungstrivial dagegen die Assoziation mit den geviertelten Feigen, die Jude im zurückliegenden Jahr auf der Pavlova servierte. Eine Woche zuvor nämlich hatte die damals 71jährige Adele ihre neue Liebhaberin Liz zum erstenmal geküsst. „Und dann hatten die Feigen, die so schamlos und offen dort lagen, ein neues Kribbeln in ihr ausgelöst, als sie sich eine in den Mund steckte. Zuerst war da die trockene äußere Haut auf ihrer Zunge, danach das weiche, süße Innere“(63) So viel Genauigkeit hätte ich mir bei der Klärung der Beziehungen dieser vier Frauen in der Vergangenheit gewünscht um die reale Entfremdung nach Sylvie Tod zu verstehen. Warum „hatte Sylvies Tod merkwürdige Schluchten der Distanz zwischen sie getrieben“? Zu viert „waren sie symmetrisch“- „jetzt passten sie nicht mehr zusammen“, Sylvie und Wendy hatten doch bis zuletzt eine Beziehung, Gail als Dritte im Bunde eingeschlossen, Jude und Adeles Beziehung wird beschränkt sich auf Andeutungen (S.87). So bleibt von 40jähriger Freundschaft und Nähe nur noch das „ausgeleierte Gummiband“. Die Begrüßungsatmosphäre im Räumungsdomizil bestimmt den Ton: „gequälte Freundlichkeit“. Es dominiert Doppelbödigkeit, es wird anders gedacht als gesagt, es konkurrieren Altersflecken und Verfall mit Streckübungen am Strand, Ordnungssinn und Müllentsorgung mit Anzeichen der Verwahrlosung, die Designercouch und die Dauerprojektionsfläche einer Hundekreatur. Man schnüffelt in Kulturbeuteln, spricht aber nicht offen über Schwächen. Empathie in diesem Hause dreier Freundinnen(?)  – Fehlanzeige. Stattdessen Eitelkeiten, Missgunst, Verstellungen, gar Kränkungen. “Oft und das war bei weitem das Schlimmste an Wendy, konnte man sogar das Fehlen der einen Brust sehen“. Es ist der rasch wechselnden Erzählperspektive geschuldet (hoppla, wer ist jetzt eigentlich „sie“), dass in diesem Roman fast nicht miteinander sondern übereinander gesprochen wird. Lebensperspektiven, Einsamkeit, Alter, Krankheit zentrale Themen vergeigt, stattdessen Schweigen bzw. Verschweigen von Wesentlichem. Die 37jährige Beziehung der Feministin Jude zum verheirateten ehemaligen Westpac-Vorstand Daniel Schwarz wird tabuisiert, das Geheimnis um Sylvies Doppelrolle wird von Adele als dramaturgischer Höhepunkt erst sehr spät gelüftet. Donner und Blitzeinschlag kündigen ihn melodramatisch an. Wendys Geliebte Sylvie hatte auch eine jahrzehntelange Beziehung mit Wendys verstorbenem Freund Lance. Was in diesem Zusammenhang das „Ding vom Strand“ (die widerliche Masse begegnet uns mehrfach) zu bedeuten hat, kann uns wahrscheinlich nur die australische Schreibwerkstatt erläutern. Unter Beachtung einer intensiven Hund-Mensch Beziehung ist dagegen nachvollziehbar, dass sich nach Adeles Enthüllung Ersatzlance Finn (er ist nach dem Tod von Lance eine Geschenk Sylvies an Wendy) auf Judes Designercouch vom Hühnerfleisch entleert.

 Eine Episode, die als großartiges Schauspiel beginnt, sollte an dieser Stelle hier nicht unerwähnt bleiben, weil sie auch literarisch furios gestaltet ist. Das zufällige Zusammentreffen der beiden Bühnenrivalinnen Adele und Sonia Dreifus hat – ich greife zu Reich Ranickis Überhöhung – Shakespearesches Niveau (Streit der Königinnen Maria Stuart/Elisabeth). Das ist unterhaltsames Theater vom feinsten. Was jedoch daraus im letzten Akt folgt, ist bestenfalls Schmonzette (G.H.), eher saurer Kitsch. Die Dynamik nimmt ungewöhnlich Fahrt auf. Der schwule in Schaffenskrise befindliche Joe Gillespie und seine alternde verheiratete Gespielin Sonia , die abendliche Essenseinladung mit dem Abtritt Sonjas und dem Auftritt Adeles bei Plattenmusik und „ungehinderten Blicken Gillespies“ auf ihre „sommersprossigen Brüste“ (die kennen wir ja schon!), der Blitzeinschlag, der peitschende Wind, die weihnachtliche Vereinigung von „Nasser-Hund-Geruch“ und „Weihrauch“ in einer kleinen Kapelle nach Wendys geglückter Hundesuche, schon das ist zu viel des Schlechten. Als dann auch noch Jude den Verlust des geliebten Daniel verarbeiten muss, trifft es sich gut, dass Adele bei der nächtlichen Suche nach Wendy und Finn ihre Badeanzüge „ins Auto geworfen hatte“. So ist möglich, dass sich erstmals im frischen und kalten Ozean wellenumtost diese drei Freundinnen nicht nur berühren sondern „umklammern…als ginge es um ihr Leben“. Ja, so können lange Freundschaften enden oder ist eher gemeint neu beginnen? Selten war ich so froh, dass jetzt Schluss war.  Note: 4 – ( ai) <<

 

>>Die drei Freundinnen Jude, Adele und Wendy verbringen ein Wochenende im Landhaus ihrer verstorbenen Freundin Sylvie, die wohl so etwas wie die Klammer dieser Freundschaft gewesen sein muss. Nach ihrem Tod treten die Unterschiede in den Charakteren hervor. Nervende Eigenheiten werden nicht mehr übersehen. Ebenso Runzeln und Flecken auf der altgewordenen Haut der anderen. Das Alter fordert Tribut. Neidvoll wird beobachtet, wie man sich ohne Mühen noch aus dem Sitzen erheben kann oder eben auch nicht. „Haare wie Adeles sah man in Werbungen für Seniorenresidenzen, die suggerierten, Älterwerden können etwas anderes als abstoßend sein.“

Als Menetekel für die Vergänglichkeit ist der  hinfällige, teildemente Hund von Wendy dauerpräsent. Sein bemitleidenswerter Zustand wird von Wood sehr fein beschrieben. Der Hund war  einst ein Geschenk von Sylvie an Wendy , um sie über den Tod ihres Mannes Lance hinwegzutrösten. Etwas Spannung wird aufgebaut, als angedeutet wird, dass es noch einem anderen Grund gegeben habe. Wie dies dann aufgelöst wird, enttäuscht in seiner vorhersehbaren Banalität. Noch schlimmer gerät der Schluss, der die Kitschgrenze deutlich überschreitet.  Note: 4 (ün) <<

Code kaputt – Anna Wiener

Droemer 2020 | 311 Seiten.

>> In ihrer sehr persönlich gehaltenen, autobiographischen Reportage weiht die junge New Yorkerin ihre Leserschaft in den real-virtuellen Intimbereich der Hightech-Physiognomie des Silicon Valley ein. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften und ersten darbenden Berufserfahrungen im alternativen Milieu kleiner Ostküstenverlage folgt Anna Wiener dem Sog kalifornischer Versprechen. Mit selbstgestrickten IT-Grundkenntnissen findet sie Anschluss im kleinsten Start-up und schließlich Software Mega-Einhorn, dessen Milliardenveräußerung auch ihr ein ordentliches Vermögen beschert. Über mehrere Jahre kostet sie am toxischen Nektar dieser Früchte, berauscht sich an ihren Wirkungen und leidet unter den Nebenwirkungen. Am Ende mutet sie sich den Entzug zu, um sich schriftstellerisch verwirklichen zu können. Und dennoch weiß sie schon mit 33 Jahren, dass dieses Kalifornien die wertvollste Zeit ihres Lebens beschreiben wird. Vielleicht, weil es verstörend erhellend war und fortan ihre publizistische Kritikfähigkeit schärfte. Vielleicht auch, weil es Resonanzübereinstimmungen mit ihrem Ego gab, welches nach Anerkennung, Wissensbefriedigung und Wohlstand strebt. Etwas, was sie mit vielen teilt.

Durch die junge Gründerszene in der Bay Area wabert unentwegt eine Goldgräberstimmung. Abenteuerlust, der Traum von überschäumendem Wohlstand und Ruhestand mit 36 Jahren, Subversivität und Mediensuchtbefriedigung. Unbestritten geniale Produktideen treffen auf Risikokapitalgeber, deren gigantisches Finanzpolster unbeschadet 90% Verluste verkraftet. Das Gros der Hunderttausende ist keine 30. Spektakuläre Erfolgsgeschichten haben Minderjährige eingeleitet, so dass auch ein 28-jähriger Neumilliardär niemanden überrascht. Es sind die Millennials, Schulabbrecher genauso wie frühreife Eliteuniversitätsabsolventen, die sich „down to the cause“ 70/80 Stunden die Woche mit Begeisterung oder in brutaler Fremdbestimmung in den ihnen gestellten Aufgaben verlieren. Sie mobilisieren in einem Ausmaß Kräfte, wie es vermutlich nur in dieser Lebensphase möglich ist.

Die Arbeit, die sie leisten, zielt vor allem auf Finanzmittel und auf Macht. Die Lenkung des Einzelnen durch raffinierte Durchleuchtung der Massen. Es geht nicht um Kultur, Ethik, Gesellschaft oder Politik. Das von Anna Wiener beschriebene Segment instrumentalisiert Informationstechnologie: Codes und Algorithmen, die verwertbare Weisheit aus gigantischen Datavolumina von Konsumenten ziehen. Stets erfolgt die Meta-Einordnung der Arbeit kontextfrei. Der einfachste Weg, um sich aller Verantwortungen zu entziehen. Man arbeitet nur für den Auftraggeber. Ob er das Produkt missbraucht, liegt nicht in ihrem Ermessen. Als just in dem Moment Snowden als Whistleblower zum Staatsfeind erklärt wird, weil er Geheimdienstdaten veröffentlichte, antwortet die Analytics-Gemeinde mit eisernem Schweigen. Anna Wiener schreibt später: „Wir haben´s vergeigt“, und meint damit die kritische Reflexion.

Viele Start-ups zielen auf existente Märkte. Ziel ist, Reviere zu erobern, Platzhirsche zu verdrängen und gewinnbringende Abhängigkeiten zu schaffen. Das Schlüsselkonzept der Epoche heißt „Disruption“. Online-Händler verdrängen den Einzelhandel, Online-Couching bedroht die Reisebranche, Online-Fahrdienste gefährden das Transportwesen. Selten führt eine disrupted Ruine zu gemeinnützigen, nachhaltigen Innovationen wie Wikipedia. Meist mündet es im Hightech-Überlaufbecken, der Werbeindustrie. Hinter jedem dieser Ansätze steht eine Code Idee. Anna Wiener findet: die Balance zwischen Nutzen und Missbrauch ist schon lange gekippt. Code kaputt.

Zunächst betörend ist für sie das Milieu. Die Begeisterung in den kleinen Start-ups ist infektiös, Umgangsformen sind total entspannt, Selbstverwirklichung eines jeden ist garantiert. Mit dem Skateboard durch´s Büro, Drogendepot im Oval Office, Rave Parties auf dem Lande, Ski-Coming–outs in den Mountains, World Travelling ohne Grenzen. Selbst der Arbeitsplatz darf gerne permanent das Vacation Office sein. Ausgesprochene Bedingung ist jedoch der Hochleistungseinsatz, der weniger am Tun als vielmehr am Erfolg gemessen wird. Ohne diesen mutieren die jugendlichen CEOs zu Kettensägen. Bäume stürzen in die Lichtung. Mittlere Führungskräfte treten erhebliche Gehaltsanteile an Psychotherapeuten ab, um ihrer Angstträume Herr zu werden. Männer bleiben Männer, Arroganz und seelische Gewalt sind so selbstverständlich wie auch außerhalb des Ökosystems. Eine unfreiwillige Trennung von einem Start-up muss Anna Wiener verarbeiten, zwei weitere vollzieht sie in vier Jahren selbst.

Als Alternative bietet sich ihr eine expandierende Open-Source Firma. Gegenstand sind Codes, die unverschlüsselt allen zugänglich sind. Ein Solidarprodukt, das kollektiv optimiert und vielseitig applizierbar ist. Die Anhängerschaft wird als subversiv, gegenkulturell und tech-utopisch charakterisiert. Aber dann die Erkenntnis, dass die Algorithmen ebenso zu Suizid- und Bombenanleitungen missbraucht werden und dass auch dieser wie alle Ansätze der Widersprüchlichkeit des menschlichen Daseins verhaftet bleibt. Am Ende schluckt Microsoft für sieben Milliarden dieses konkurrierende Unternehmen, nachdem ein Prozesskrieg gegen die Open-Source Divisionen keine Landgewinne zeitigte. Und dann die Wahl von Trump, der die ausländischen Fachkräfte aussperrt. „CEOs und Risikokapitalgeber und Verzweiflungspatrioten mit treuhänderischen Verpflichtungen reichten den gewählten Amtsträgern Ölzweige … Hoaxing, Desinformation und Memes, lange Zeit die Insignien der Forenkultur, verlagerten sich in die bürgerlichen Sphären. Trollen wurde zu einer neuen politischen Währung.“

Silicon Valley – ein Epochen-Biotop. So klein wie ein kartoffelgroßes Schwarzes Loch aber mit einem Wirkungsradius bis in die Außenbezirke des Sonnensystems. Was dieses Buch so lesenswert macht, ist die gelungene Symbiose von Ich-Offenbarung, vom Sezieren der IT-Kultureingeweide, von Branchen-inherenten Philosophien und der soziologischen Dekonstruktion der unglaublich produktiven Youngsterbewegung. Beeindruckend auch Wieners literarische Inszenierung dank ausgewogener Subjektivität, die nicht mit Tränenbeuteln um sich wirft. Lesenswert. Note: 2+ (ur) <<

>>Die 25jährige Anna Wiener taucht nach einem „unsicheren aber angenehmen Leben“ in der wenig zukunftsfähigen Verlagsbranche in New York ein in die high-tech Welt von Big Data von Silicon Valley, in der hippe, smarte hochqualifizierte Mitzwanziger Start-ups gründen um in kürzester Zeit beim Big Money zu landen: „Ein nicht unerheblicher Anteil meiner ehemaligen Kollegen wurde zu Milliardären“ -es muss nicht gegendert werden!-  lässt uns die Autorin im Schlusskapitel wissen. Es ist eine Welt, die fasziniert und zugleich verstört und gerade diese Ambivalenz aufzudecken, ist die Stärke von Anna Wieners Reportage. Das Buch gibt Einblicke in ein Business, dessen Strukturen letzten Ende verborgen bleiben. Entscheidend, ist das zu vermarktende Produkt, hier Software, erdnah oder in der Cloud. Vielleicht ist das der Frust, der mich bei der Lektüre zuweilen beschleicht und mich nach frischer Luft schnappen lässt, dass mir die Code-Welt, die Tools, die Datenbank- strukturen und der diversen Metriken, deren Ergebnisse ich täglich nutze, reichlich fremd und zuweilen unheimlich sind. Anna Wiener, die im Kundensupportbereich für Softwareentwickler arbeitet, bewegt sich durch dieses Milieu zwischen Identifikation und Distanz und gerade dadurch gelingt ihr eine überzeugende Innensicht der Branche, die einerseits Raum für technikaffine Individualisten mit z.T. ausgeprägten Spleens und Skurrilitäten bietet, sich aber anderseits einem klaren Ziel verpflichtet weiß :“Das höchste Ziel war für alle das Gleiche, und zwar Wachstum um jeden Preis, Skalierung über alles. Disrupten  und herrschen“(155)  DFTC – „mit Leib und Seele dabei“ das ist das Mantra nicht nur der CEOs und so werden fast alle menschlichen Beziehungen über Arbeitsbeziehungen definiert, Übergänge von Arbeit und Freizeit fließend, Lunchmeetings, Teambuildingevents, Videokonferenzen vom Poolliegestuhl aus, die Kategorie „Party“ sinnentleert, selbst der Kuscheltherapeut beim Rave im Sacramento-Delta erweist sich für die Bay Area als Optimierer. Überhaupt scheint diese Szene, die ja zuweilen auch noch einen schwachen Hauch von alternativer Lebensform atmet (barfuß, Gitarre,, Gras) dem Fetisch der Optimierungskultur verfallen. Als Begrüßungsgeschenk beim Open-Source-Start-up ein Schrittzähler-Armband signalisiert nur die simpelste Form der Selbstentmündigung. Die von der Autorin genannten „Produktivitäts-Hacks“ und das sog. „Biohacking“ sind die Spitze der Fremdsteuerung. Es scheint schlüssig, dass sich unsere Autorin nach 5 Jahren dieser Welt entzieht, ökonomisch einigermaßen abgesichert, keineswegs verbittert, sondern erfahrungsreich und selbstbewusst, um einen neuen kreativen Blick als Schriftstellerin von außen auf „das Gerüst, das System, das da am Werke war“ zu richten. Dass für die Autorin dieser Schritt „ein Weg aus dem Unglücklichsein“ ist, zeigt, dass die mitunter flott beschriebene Innensicht der Techwelt, doch Spuren in der Seele hinterlassen hat. Gut, dass da Jan nicht nur ein Robotik-Nerd ist. Die Danksagung verrät mehr als das Buch.  Note : 2+ (ai) <<

 

>>Nach Leif Randts Allegro Pastell nun schon wieder ein Exkurs in eine Parallelgesellschaft: Die der Start- up-Szene und der Tech Branche im silicon valley, dem „unheimlichen Tal“, wie der autobiographische Roman Anna Wieners im amerikanischen Original heißt. Die Ich- Erzählerin Anna, ohne Zweifel die Autorin, lebt 2012, als facebook an die Börsen ging für über 100 Milliarden Dollar, noch mit einem Mitbewohner, den sie kaum kennt, am Rande von Brooklyn. Sie ist 25 Jahre alt, Soziologin, und in ihrem Job als Assistentin in einer Literaturagentur festgefahren, ohne Perspektive und Aufstiegschancen, eine „Privilegierte mit guten sozialen Abstiegschancen“. Ihr soziales Umfeld ist größtenteils analog unterwegs wie sie selbst. Das „Onlinekaufhaus“, wie Amazon im Buch nur genannt wird, hatte sich inzwischen allerdings schon zu einer Krake entwickelt, ohne die das Internet „praktisch nicht mehr nutzbar war“ und die die Verlagsbranche im Würgegriff hatte. Als Anna von einem E-Reader Start-up in New York liest, ist sie fasziniert von der Aufbruchstimmung, die die Gründer ausstrahlen, und bewirbt sich erfolgreich. Das Start-up war mit Millionen finanziert worden, hat aber nur 5 Mitarbeiter und die App ist noch gar nicht auf dem Markt. Der Nutzen der App, das wird Anna schnell klar, besteht weniger im Lesen, als vielmehr darin, sich selbst als jemand darzustellen, der liest. Die Zauberformel der Tech-Branche – ask forgiveness, not permission – also lieber um Verzeihung bitte, als um Erlaubnis, ist Anna noch völlig fremd. Sie muss bald wieder gehen. Die Gründer des start-up raten ihr, nach San Franciso zu gehen und geben ihr auch eine Empfehlung mit. Sie ist 25. Einige ihrer College Kollegen waren dort hingezogen, in ein SF der Hippies, Lesben und Schwule, Künstler und Aktivisten, der Entrechteten und Nichtangepassten. Inzwischen waren aber alle wieder weg. Denn bay area hatte sich in ein „spätkapitalistisches Schreckensszenario“ verwandelt. Die Mieten schossen in die Höhe, Galerien und Konzerthallen machten zu, Datingseiten wurden von milchgesichtigen Strebern überflutet. Anna bewirbt sich in SF um eine Kundensupport-Stelle in einem Datenanalyse -Start-up, gegründet von College Abbrechern, mit 12 Millionen Risiko Kapital ausgestattet und 17 Mitarbeitern. Die beiden Gründer sind 24 und 25. Das Start-up ging aus einem „Inkubator“ hervor, eine Art Kaderschmiede für Start-ups, die diesen gegen eine 7% – Beteiligung beim Start behilflich ist. Das Einstellungsgespräch erweist sich eher als Strafe, als eine Art schikanierendes Initiationsritual. Am Ende wird ihr aber noch überraschenderweise der Einstellungstest für ein Jura Studium vorgelegt, den sie mit Bravour besteht. Sie wird eingestellt. Sie verdient 65.000 Dollar. Ihre Freunde aus der Gegenkulturszene in New York stehen der Tech Branche sehr skeptisch gegenüber. In dieser Phase gibt es widersprüchliche Tendenzen bei Anna. Sie redet sich ein, nur einen Brotjob anzutreten, der ihr ermöglichen würde, weiterhin kreativ zu sein, andererseits ist sie neugierig auf ihr neues Leben, will dass ihr Leben endlich Fahrt aufnimmt. Es war eine Zeit, in der sich die Unternehmen bei den jungen Informatik Absolventen anbiederten, ihnen 100.000 Dollar Gehälter versprachen. „Den Programmieren folgten eine Flut nicht-technischer Goldgräber, ehemalige Doktoranden und Mitteschullehrer, Pflichtverteidiger und Kammersänger.“ Anna versucht sich in die technische Dokumentation der Analyse-Software einzuarbeiten und verfällt in Panik: „Ich hatte keine Ahnung, wie um alles in der Welt ich Entwicklern technischen Support leisten sollte“. Ihr Analyse Start-up verschaffte anderen Unternehmen durch ihr „tool“ maßgeschneiderte Daten über das gesamte Verhalten ihrer Kunden, ihr „engagement“ und das noch dazu in farbenfrohen, dynamischen „Dashboards“. Es verdrängt etablierte Big Data Unternehmen. Bei den Mitarbeitern herrscht eine sehr entspannte, unkonventionelle Atmosphäre und Anna erhält viel Unterstützung. Die Mitarbeiter im Kundensupport erhielten vollen Zugriff auf sämtliche Datenbanken der Kunden, den „God-Mode“. Auf diese Weise erhält Anna tiefe Einblicke in die Geschäfte der Szene. Das Start-Up vertraut naiverweise darauf, dass die Mitarbeiter dies nicht ausnützen würden. Es ist die Zeit, in der ein 13 Personen Foto-Sharing Start-Up- offensichtlich ist Instagram gemeint – von facebook- „ das soziale Netzwerk, das alle hassten“ für 1 Milliarde Dollar aufgekauft wird. Auch das Analyse start-up ist auf dem besten Weg ein „Einhorn“ , d.h. ein Unternehmen mit einer Milliarde Dollar Bewertung zu werden.
Anna zieht in ein winziges Apartement, für 1800$ pro Monat, in einer Gegend, die noch vom Geist der 60 er Hippijahre zehrte. Sie datet verschiedene Männer, obwohl sie sich mit Noah, der ihr als eine Art Mentor an die Seite gestellt wird, sehr gut versteht. Bei einem Softwarentwickler spürt sie nach einigen Treffen: Sie würde nicht in dessen „akribisch inszeniertes Leben“ passen. Schon die Vorstellung, ein öffentliches Bild oder eine individuelle Ästhetik von sich selbst zu kultivieren, wie es zunehmend viele Leute ihres Alters tun, findet sie anstrengend. Es ist die Zeit, als durch Edward Snowden bekannt wird, dass die NSA Menschen in unvorstellbarem Maße ausforscht. Inzwischen wächst das Analyse-Startup und Anna darf inzwischen selbst Einstellungsgespräche führen. Sie verliebt sich schließlich in Ian, den Mitbewohner von Noah. Ian arbeitet in einer Robotic Firma, die von Google aufgekauft wurde. Als Noah, einer der besten im Analyse Startup, ultimativ mehr Gehalt und Aktienoption verlangt, wird der prompt gefeuert. Auch Anna wird eines Tages völlig überraschend vom CEO nahegelegt zu kündigen. Sie will aber bleiben und wird sogar noch befördert. Als Customer-Success Managerin verdient sie jetzt mit ihren 26 Jahren 90 000 Dollar im Jahr.

Über eine Freundin erhält sie schließlich das Angebot eine start-up, das ein open-source Tool für Softwareentwickler herstellt und das mit 100 Millionen Risikokapital ausgestattet ist. Das Unternehmen ist nach dem Community Modell aufgebaut und folgte deren „subversivem, gegen-kulturellem und hochgradig tech-utopischen Ethos“. Anna fühlt sich wohl in dem Team und hat ein vernünftiges Gehalt mit sehr guten ´Zusatzleistungen. Schon bald erfährt sie jedoch von Skandalen um sexuelle Belästigung im Unternehmen und die Stimmung wird schlechter. Auch Trolle, Fake accounts und Hasskampagnen in den sozialen Medien machen dem start-up zu schaffen. Anna lässt sich vom Optimierungswahn der Mitarbeiter anstecken und versucht es mit Gehirndopingmitteln.
Als die Präsidentschaftswahlen anstehen, engagieren sich Anna und viele ihr Kolleginnen aus dem Startup im Wahlkampf gegen Trump. („This Pussy grabs back“). Nach dem Sieg Trumps macht sich Depression breit: “ Es sind keine Erwachsenen mehr im Weißen Haus“. Auch Anna fühlt sich ausgebrannt und verlässt Anfang 2018 das open source Unternehmen.  Nur kurz später wird es von Microsoft aufgekauft. Dadurch werden etliche frühere Mitarbeiter von Anna zu Milliardären. Ihre eigenen Aktienoptionen sind 200.000 Dollar wert. Für sie sehr viel Geld.
Anna will schreiben, eine kreative Arbeit machen. Sie kann sich nicht mehr vorstellen, „noch einmal so gefällig zu sein und mich derart aufzehren zu lassen“.

Selten hat man so einen klug geschriebenen, sehr persönlichen Einblick in die fremdartige, zuweilen verstörende Welt der Techbranche erhalten. Note: 1/ 2 ( ün)<<

 

>> Von der Ost- an die Westküste und nach fünf Jahren retour. Zwei sehr unterschiedliche Welten. Anna Wiener lernt sie beide kennen. In New York als Assistentin in einer Literaturagentur, im Silicon Valley von San Francisco in der Kundenbetreuung, neudeutsch Support, von zwei IT-Firmen. Diese Tätigkeit füllt sie über die Jahre immer weniger aus. Der Leser*** erfährt viel über die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur von IT-Firmen, über die Denke der dort Beschäftigten, die so ganz anders ticken als als die Lebenszeitbeamten deutscher Bundesländer.  Beeindruckend ist bei aller vordergründigen Lässigkeit die Forderung nach „Down for the cause“ (DFTC), die Hingabe für die Firma. Selbstoptimierung in all ihren Spielarten wird groß geschrieben. Breiten Raum nehmen die Kleidung, Essen und Trinken, Freizeitgewohnheiten der überwiegend jungen Männer ein. Mich interessiert das in dieser Fülle nur bedingt, vor allem, wenn ich dann noch nachschauen muss, was mit manchen Kleidungsstücken eigentlich gemeint ist. Die detaillierte Beschreibung männlicher Körper langweilt. Umgekehrt entstünde Sexismusverdacht. Corporate Identity entsteht und wird gepusht durch zahlreiche außerbetriebliche Freizeitveranstaltungen. Alles sehr cool, flache Hierarchien, aber die „Wärme im Team“ ist nur bedingt echt, wenn ein Mitarbeitergespräch damit endet, dass die Autorin zum Heulen aufs Klo rennt. Personeller Wechsel ist gang und gäbe, anders als in beamteten Arbeitsverhältnissen. Bundesverdienstkreuze für 50-jährige Betriebszugehörigkeit sind nicht vorgesehen. Anna Wiener gelingen viele ironische und gleichzeitig schöne Sätze, wenn sie etwa auf einer Tagung ein „Meer von Männern im Zaumzeug laminierter Tagestickets“ entdeckt oder von sich sagt: „Mein Hirn war zu einem Müllstrudel geworden.“ Man ahnt, was sich hinter dem Netzwerk verbirgt, „das alle hassten“.

Ein Glossar der überreich verwendeten Fachbegriffe und weniger Wiederholungen hätten die Lektüre erleichtert. Die Übersetzung des Originaltitels „Uncanny Valley“ mit „Code kaputt“ erschließt sich mir nicht.
„Pures Lesevergnügen“ lese ich im Netz. Na ja. Lohnend auf jeden Fall.
Note: 2/3 (ax)<<

Hamster im hinteren Stromgebiet- Joachim Meyerhoff

Kiepenheuer&Witsch | 2020 , 307 Seiten.

>> Kein Zweifel, Joachim Meyerhoff kann unterhaltsam schreiben, witzig, kurzweilig, massentauglich. Ein Dauer-Feuerwerk an Metaphern erwartet den Leser. Der literarische Kniff, mit der Erinnerung an mehr oder weniger lustige Geschichten aus seinem Leben sein beschädigtes „hinteres Stromgebiet“ im Gehirn zu beschäftigen, damit es wieder zu Kräften kommt oder zumindest nicht verkümmert, ist originell. Die erinnerten Episoden tragen allerdings wenig bei zu einem etwas tiefgründigeren Bild des Protagonisten, der ja zweifellos der Autor ist. Trotz ansatzweisen anrührenden Passagen wie die plötzliche Umkehr des Verantwortungsverhältnisses zwischen Vater und Tochter fragt man sich, warum einem dieser Joachim nicht so recht sympathisch werden will. Die Antwort kam aus kompetentem Kreis des Quartetts: Joachim macht seine Witze immer auf Kosten von Mitpatienten und Besuchern der Klinik. Witzig zwar, aber nicht die feine Art. Note : 3 ( ün) <<

 

>> Harter Einstieg. Einen Schlaganfall, schwäbisch „Schlägle“, hatte ich mir sanfter vorgestellt. Aus Angst vor einem zweiten nächtlichen „Kleinhirninsult“ versucht der Autor abends wach zu bleiben. Die Suche nach Erinnerungen soll ihm dabei helfen. So entsteht das Buch. Was ist an den Erinnerungen real, was fiktional? Der Leser (generisches Maskulinum) darf raten. „Schlimme Gedanken waren schon immer zu mir gekommen“, schreibt der Geschlagene, „aber jetzt wird es schlimmer.“ Erbarmungslos schildert er seine Ängste. Die Gespräche der Mitpatienten nehmen breiten Raum ein. Meist in wörtlicher Rede wegen der Authentizität. Das wirkt manchmal grenzwertig, so als wolle er Dialektsprecher nachäffen. Weniger wäre da wohl mehr gewesen. Aber Weghören geht nicht. Das kann jeder bestätigen, der schon mal in einem Krankenhausmehrbettzimmer gelegen ist. Einen gewissen Tiefpunkt des Romans ist seine Aussage zum Vornamen Maximilian: „Na klar heißt der Maximilian (…), das ist genau einer dieser Namen, die von Anfang an den Unterschied markieren sollen, die von Anfang an Druck machen.“ Joachim kennt vermutlich keinen einzigen leibhaftigen Maximilian. Der Autor ist untauglich für Reisen nach Mallorca oder in den Senegal. Über beide Reiseziele liegen mir völlig anderslautende Schilderungen vor. Meyerhoff beschreibt seine Umwelt oft recht gnadenlos. Dies wird erträglich, weil er sich selbst auch nicht schont, wenn er beispielsweise vom „schleswig-holsteinischen Lulatsch“ oder ergreifend von seiner eigenen Hilflosigkeit schreibt.
Komik, Ironie, vielleicht auch Zynismus sollen ihm helfen, seiner eigenen Hilflosigkeit zu
entkommen. Sozusagen das Lachen aus Angst im dunklen Keller. Er pflegt guten Umgang mit der Muttersprache. Die Lektüre wird fast nie langweilig. Ganz im Gegenteil. Das ist doch schon mal viel wert. Menschen vom Fach, die vom geschriebenen Wort mehr als ich verstehen, sagten mir, dass es sich bei dem Buch nicht um große Literatur handele. Vielleicht hat es mir auch deshalb so gut gefallen.  Note: 1/2 (ax) <<

>> Der Hamster ist der Unhold im Untergrund. Nicht nur im Wandelareal des Klinikgeländes. Sondern sinnbildlich auch entlang der arteriellen Zuflüsse unter der Schädeldecke. Das hintere Stromgebiet ist eine von Schlaganfällen häufig befallende Hirnregion. Im autobiographischen Bekenntnis von Meyerhoff untergräbt ein Nager seine Hirnfunktion. Neun Tage verfolgt das literarische Tagebuch seinen Schlaganfall, der den Fünfzigjährigen mitten im Leben paralysiert. Durchsetzt ist das Werk von Assoziationen, Erinnerungen und einer blumigen Wahrnehmung bedrohlicher Zustände, die den therapeutischen Wert des Werks steigern.

Meyerhoff ist im Kreise der Familie zusammengebrochen. Motorische Entmündigung greift um sich. Die Gravitation zerrt an der unbeaufsichtigten linken Körperhälfte. Er droht vom Stuhl zu stürzen. Gliedmaßen prahlen mit Befehlsverweigerung oder schießen unerwartet aus der Lähmung hervor. Während die rechte Körperhälfte gut mittut, tritt die linke in den unberechenbaren Streik. Krankentransportirrwege durch Wien, Stroke Unit, Intensivüberwachung, Gruppenerfahrung unter benachbarten Akutpatienten, Todesängste, Wirklichkeitsverzerrungen. Eine aggressive Lysetherapie löst den verstopfenden Blutpfropf. Die tägliche Rehabilitation zeitigt deutliche Erfolge. Der Schauspieler und Schriftsteller erobert Sprache und Theater-Leistungssport zurück.

Auf dem Weg dorthin überrascht Meyerhoff mit erstaunlichen Metaphern voller Überzeugungskraft. Er muss weiterdenken, um weiter atmen zu können. Er empfindet seine ewig abschweifenden Gedanken als schmerzend scharfkantig. Aber könnte er etwas Runderes denken? Es fühlt sich an, als ob ein großes Dunkel falsch in eine zu kleine Schachtel gepresst wird. Natürlich wird Meyerhoff augenblicklich von Angst geflutet. Eine Angst, die vor allem eine Angst vor der Wiederholung ist – folgt auf den ersten doch häufig der zweite Schlaganfall. Der Schlaf, der native Zustand des Kontrollverlusts, scheint ihm die größte Bedrohung. Das Dasein ist zusammengeschrumpft auf ein Nadelöhr. Und er wird sich hindurchzwängen müssen. Vielleicht immer wieder. Es ist grausam.

Er gräbt Stollen in sein eingestürztes Bergwerk, sucht nach Beweisen, Verschüttetes unter den Hirn-Halden wiederbeleben zu können. Die Mallorca-Reise – der Inbegriff eines Katastrophenurlaubs. Alles schien gegen ihn verbündet. Am Ende die Einsicht, vor allem selbst Miesepeter und Unruhestifter gewesen zu sein. Die Senegal Reise: gewalttätige Unwetter, diebische Bevölkerung, gefühlte Hitzetode, apokalyptische Ungezieferinvasionen. Nach der Rückkehr verblasste seine friesische Heimat zur Leblosigkeit verglichen mit dem großartigen senegalesischen Konzert der Farben.

Morgens erscheint dann die von der Weihnachtsfeier ramponierte Ärzteschaft zur Visite. Sie begutachten die Halbtoten und säuseln von der befreienden Amnesie ihres ritualisierten Filmrisses am Vorabend. Meyerhoff nennt es ein Wandeln im komatösen Promilleparadies als lustvolle Nahtod-Erfahrung. Also auch eine Endzeitübung. Aber lässt sich das therapeutisch verwerten?

Der Autor selbst entwickelte in seiner Jugend einen provokanten Hang zum Nekrophilen ohne jedoch von der Nähe zum Tod profitieren zu können. Überfahrene Frösche, Wiener Würstchen und Kuhaugen konservierte er in Kunstharz, um die Vollendung des Todes durch den blockierten Verwesungsprozess auszubremsen.

Ein paar Tage später, als das Gleichgewicht wieder sein Eigentum wird, schleicht der Autor in das Treppenhaus um im Nachthemd ein Ballett zu exerzieren. Es gilt dem Tod unangemessen zu begegnen. Er soll dadurch seiner Ernsthaftigkeit beraubt werden. Die Angst verliert zwar das Hinterhältige, dennoch bleibt sie kraftvoll, will aber nicht mehr fordern als ihr zusteht. Man arrangiert sich im Laufe der Zeit.

Und dann ist da das Lebenselixier seiner Familie. Drei Kinder im Abstand von jeweils sieben Jahren sind ihm zuverlässige Lieferanten von Gegenwart. Jedes mit eigener Symbolik: Dino, Deo, Drogen. Die Liebe zwischen ihnen ist übermäßig. Die Älteste managt seinen Krankentransport, staucht die Rotkreuzfahrer zusammen und organisiert die Notfalleinweisung. Betonter Ausdruck von Verbundenheit auch in den Anreden: liebste Mutter, liebster Bruder, liebste Sophie. Fast ein wenig zu demonstrativ. Und doch fehlt Meyerhoff die Fähigkeit, seinen sozialen Umgang konfliktfrei zu lenken. Peinliche Erinnerungen werden offengelegt: in einem Nachbarschaftsstreit wurde er zwei älteren Damen gegenüber handgreiflich, um einen Kinderwagenabstellplatz zu verteidigen. Sein Jähzorn ähnelt jenem seiner Tochter, die sich bei jeder Unzufriedenheit brüllend hinwarf, selbst wenn sie sich dabei den Schädel aufschlug. Nun hat das Schicksal seinen eigenen Schädel lädiert.

Ungeniert beschreibt sich Meyerhoff als der, der er auch ist: ein preisgekrönter Schauspieler des Wiener Burgtheaters. Gewohnt, auf Bühnen Rollen zu interpretieren. Welten in Kokons, deren Verbindung zum Aussen in der Regel auf den Schlussapplaus beschränkt bleibt. So überrascht es vielleicht nicht, dass Meyerhoff auf 300 Seiten kein einziges Wort mit seinen Mitpatienten wechselt. Er nimmt lediglich eine abstoßende Geräuschkulisse von Röcheln, Stöhnen und Furzen wahr. Vielleicht sind diese Patienten zu sehr Symbole seines gefürchteten Endzustandes. Erst gegen Schluss beginnt er erhellende Bilder von behinderten Patienten beim Essen wahrzunehmen, wie sie vergeblich versuchen, Mensaschnitzel zu zerteilen oder Suppenlöffel in die Gesichtsmitte zu manövrieren. Momente der Läuterung flammen auf und als Leser hofft man, dass der Autor auch von dieser anderen Krankheit, der nicht ausbalancierten Ich-Bezogenheit, geheilt werden möge.

Die Katastrophe scheint in ihm einen Wandel in Gang zu setzen: Relativierung des eigenen Unglücks. Verschiebung der Prioritäten: Terminabsagen, Lücken als Genuss. Schuldsituationen werden reflektiert. Neue Lösungen werden gedacht. Wie bei dem gefangenen Vogel im Dachfirst, der in Panik stets nach oben flog und im geschlossenen Raum gefangen blieb, obwohl weiter unten die Tür offen stand. Die Todesnähe bekommt etwas konstruktiv Erweiterndes. Und letztlich die Einsicht, dass er bisher aus allem Geschichten machen konnte, aber aus fast nichts Normalität. Auch mal ganz normal sein, hätte in seinem Leben schon was Bereicherndes. Meyerhoff erkennt: sogar Desorientierung vermittelt ein nicht gekanntes Glücksgefühl.

Ein gutes Werk, das ehrlich und offen auch beruhigt und vor allem durch seine Sprache und Metaphern besticht.  Note: 2 (ur)<<

 

>> Dass das Erzählen von Geschichten der Angstbewältigung dient und Komik heilen kann, das beweist die Schlaganfallgeschichte sicherlich für den Hauptdarsteller in diesem Roman. Er ist ein glänzender Erzähler, als bekannter Burgschauspieler beherrscht er noch in seinem vielleicht letzten Akt die Inszenierung, das Krankenhaus als Bühne. Ob Senegal, Mallorca, Norwegen, U-Bahnstationen, Hundeafter, Filmriß oder BUNTE-Klatschgeschichten aus dem Hause Gottschalk, der Schlagerlkopf des Erzählers ist immer noch ein nicht enden wollendes Füllhorn von Episoden, immer auf den dramaturgischen Höhepunkt und die Pointe hin konstruiert, nicht ein einziges Mal blieb mir das Lachen im Halse stecken. Die „dramatis personae“ des neuntägigen Klinikaufenthalt sind das medizinisch-therapeutische Personal, Mitpatienten im 6-Bettzimmer, am Rande eher geriatrische Schlaganfallpatienten, Patchworkfamilienbesuch. Während wir von letzteren viel Zugewandtes und Liebevolles erfahren (lassen wir den sauren Kitsch über die wunderschöne Sophie und die duftenden Töchterhaare mal außer Acht), so versagt Meyerhoff gegenüber den „mitspielenden“ Patienten, die ja auch noch auf der Bühne sind und meist viel härter getroffen sind als der Hauptdarsteller. Völlig empathielos ist da die Rede vom „Nosferatu-Mädchen“, von der „ungarischen Bowlingkugel“, vom „Wiener Altstrizzi“, die Hilflosigkeit der Lodenmanteleltern beim Besuch des stotternden Sohnes Max müsste sich jeder Komik eigentlich entziehen. Während Meyerhoff die Blase drückt, kämpfen andere ums Überleben. Die Entschuldigung des Autors „Dass sich meine Empathie für das Leid der Mitpatienten in Grenzen hielt, wunderte, ja schmerzte mich“ (S.96), wirkt angesichts späterer Einlassungen wenig glaubhaft. Da geraten spätere Beobachtungen beim MRT von Geriatriepatienten zum Zynismus: „war, wer hier wartete, bereits für den ultimativen Abflug eingescheckt“ (222) oder wenn der Rehapatientenparcour den doch sehr selbstgefälligen Einzelzimmergänger zu der Einsicht bringt: „Wäre ich Geier, würde ich hier kreisen“(252) . Dass es inmitten von Leid auch Raum für Slapstick geben muss (s. Mittagessen mit 300 Schlaganfallpatienten), das ist nicht meine Kritik, es ist sicher sogar überlebenswichtig. Aber Meyerhoffs Roman fehlt das Gespür für die Welt hinter Buster Keaton. Schicksale, Auseinandersetzung mit Leid, Schmerz, Tod, Tiefendimensionen – es gibt viel zu wenige Ansätze in diesem Roman, aber vor allem Verdrängen oder eben Sprachbilder, die sich eigentlich verbieten, wenn aus dem Krankenzimmer ein Bett „hinausgeschoben“ wird: „Gab es hier irgendwo eine Transitzone für letzte Atemzüge“ (193). Gegenüber Erzählungen anderer Mitspieler im Bühnenstück „Schlaganfall“ ist Meyerhoff übrigens deutlich kritischer als gegenüber seinen eigenen. So zensiert der Burgschauspieler die Lebensgeschichte der „Dame aus Braunschweig“ (auch das gesamte Klinikpersonal übrigens namenslos, selbst die leicht erotische aufgeladene Neurologin), während der Physiotherapiestunde süffisant: „Ich war beeindruckt, wie monoton sie Katastrophen und Banalitäten aneinanderreihte ohne jeglichen Wechsel der Intonation.“

Ich jedenfalls hätte mir von einem so sprachgewandten Erzähler mehr Wechsel in der Intonation gewünscht. Die Tonhöhe Komik wir umfassend bedient, jedliche Tontiefe wird vergeigt.  Note : 4  (ai) <<

Allegro Pastell – Leif Randt

Kiepenheuer&Witsch | 2020 , 280 Seiten.

>> Eine „gute Zeit haben“, omnipräsentes Leitmotiv. Hatte ich eine „gute Zeit“ beim Lesen des Buches? Ja und nein. Schmunzeln und freudige Überraschung über Neuentdecktes, aber auch Zähneknirschen. Allerdings schon beim Lesen, nicht nachts wie beim Protagonisten Jerome Daimler. Vielleicht hätte ich auch vor der Lektüre immer ein bisschen Ketamin oder sonstige in dieser Szene verwendete Aufheller einwerfen sollen. Aber leider war von all dem nix in meiner Hausapotheke. Jerome und seine Freundin Tanja Arnheim gingen mir ziemlich schnell auf den Geist. Soviel Achtsamkeit und Awareness, Hedonismus, Narzissmus, die Bedeutung der Distinktion, der Versuch sich um jeden Preis von anderen abzusetzen, diese Blasiertheit kombiniert mit Ignoranz und systematischem Ausblenden aller Probleme unseres Planeten, die Selbstbezogenheit, diese neurotische Konzentration auf das eigene Ich, Ich, Ich , die Bedeutung von Markenartikeln und Accessoires, diese permanente Selbstinszenierung gepaart mit sprachlicher Verwahrlosung, der Meditationskitsch, die Dummheit, das Leben zwischen 35 und 75 als die „verlorenen Jahre“ zu bezeichnen, die Lifestylerei, die durchsichtige, vordergründige Ästhetisierung des Alltags, all das war schwer zu ertragen und machte die Lektüre emotional anstrengend, aber natürlich auch aufregend.

Die beiden Hauptdarsteller können noch nichts wissen von den Risiken der Selbstfindung, der gefährlichen Reise nach Innen, von der sich manche bis ans Ende ihrer Tage nicht mehr erholen. Von der Politik wissen sie immerhin, dass links mit Wehmut und rechts mit Nostalgie konnotiert ist. Ein Jahr Zivildienst in einer sozialen Einrichtung hätte Jerome vermutlich immens gut getan. Tanja, eine in jungen Jahren schon erfolgreiche Schriftstellerin schreibt über derart abgelegene Themen, dass man vermuten darf, dass der Autor eine gelungene Persiflage auf den aufgeregten Literaturbetrieb angestrebt hat. Auf der letzten Seite mailt sie dann gereift wie ein Herbstapfel, aber ich nehms ihr nicht ab.

Der Unterschied zur von Florian Illies beschriebenen Ego-Gesellschaft „Generation Golf“ (Jahrgänge 1965 – 1975) scheint mir nicht sehr groß zu sein. Zwischendurch bläst auch ein bisschen „Nordwind“ ( Daniel Glattauer).

Leif Randt ist ein starkes Buch gelungen. Ein vorzüglicher Beobachter und Stilist, der generös den ausgestreckten Zeigefinger mir überlassen hat. Ich hoffe, dass das von ihm beschriebene Segment minoritär ist und bleibt. Ich hoffe das im Interesse unseres Landes, das, je älter ich werde, desto mehr schätze.  Note: 2 (ax) <<

 

>> „Allegro Pastell“ fasziniert und irritiert auf verschiedenen Ebenen. Schon die Kapiteleinteilung „Phase Eins“ „Phase Zwei“ „Phase Neu“ signalisiert Neuland-Literatur (s. PanoptikumNeu).  Phase 1+2 spiegeln die Befindlichkeiten, wechselnde Nähe und Distanz, des 36jährigen Webdesigners Jerome und der 30jährigen Erfolgsschriftstellerin Tanja. „Phase Neu“ beginnt mit dem Auftritt der 35jährigen Unternehmensberaterin und Grundschulfreundin Marlene Seidl und mündet in eine durch Powerpoint-Präsentation abgesicherte Entscheidung Jeromes und Marlenes zum gemeinsamen Kind. Das Schlusswort gehört wiederum Tanja mit einer von ihr eigentlich nicht zu erwartenden anrührenden Mail. „ABSENDER: Tanja Arnheim BETREFF:us 04.08.2019, 23:21 Uhr“. Nur ein Screenshot dieser Mail könnte diese Form der Kommunikation noch toppen. Wie nahe Randts Erzähler seinen Figuren steht, zeigt sich schon auf der 1. Seite. Nicht die Handlung sondern die Reflektion der Handlung steht im Vordergrund. Wie spiegelt sich mein Verhalten im Gegenüber, welche Erwartungen werden geweckt bzw. enttäuscht. Sprachcode und Dresscode spielen in diesem Lifestylemilieu ein zentrale Rolle und da muss sich Leif Randt ganz glänzend auskennen. Berliner und Maintal Location, das Personal hip, ökonomisch saturiert, mindestens in Medien, Design, Kunst unterwegs, hedonistisch, in der Clubszene stets kontrolliert auf Droge, nicht ikeaspießig sondern declathonaffin, sexuell offen, aber letztlich doch bindungsbedürftig. Für Pfrondorf, WHO, Derendingen und den Österberg ist in dieser Welt kein Platz, auch wenn wir jetzt als Pensionäre die Zeit hätten uns unter die 400 Gäste im Technoclub „Griessmühle“ zu gesellen um am frühen Sonntagnachmittag nach 45min. Wartezeit und 15€ Eintritt an der „Cocktail d’Amore Party“ teilzunehmen. Ob wir allerdings nach der „Einnahme am Tresen“ wie Tanja von 14.14 bis Montagmorgen 2.15 ausharren könnten, ist zweifelhaft. Das wär bei der Party „Lecken“ im „Unter Tage“ sicherlich eher machbar. Ambivalent bleibt in diesem Roman bis zum Schluss die Frage, welche Lesart des Romans zu welchem Urteil führt. Minutiöse Beobachtung in Inhalt und Form eines Stücks gesellschaftlicher Wirklichkeit, die mir letztendlich doch fremd bleibt,  weil sie sich ausschließich mit Innensichten und Selbstwahrnehmung befasst. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist nicht nur in der Gestalt von Bernie Sanders auf den Hund gekommen. Bei der 2. Lesart dominiert Augenzwinkern Leif Randts. Hier wird vorgeführt und entlarvt. Tanjas PanoptikumNeu -nach Randt eine „Romanminiatur“ zeigt wie im Literatur- und Kulturbetrieb gehipt wird. „Sinnstiftende Virtual Reality“ ein „Missverständnis“, dem nicht nur Figuren wie Markus Lanz erliegen. Kultbuch, „ein Ikone für schwule Akademiker zwischen 20 und 45“, Lesungen in Kapstadt und Wien, vermarktet zu einer vierteiligen Miniwebserie, gedreht mit Samsung S7 und was erfahren wir vom Inhalt? Eine Figur namens Liam und seine 4 schwulen Freunde wollen in einem „Landschulheim“ (VR riecht nach Cyber space, der Schauplatz aber nach Stockbett) ihre Sucht nach sexueller Befriedigung „in den Griff kriegen“ (großartig! Besser kann man die Sache nicht auf den Begriff bringen). Wenn das kein Stoff ist der nach Goethe-Institut ruft!  Vergleichbar schlicht gestrickt sind Tanjas weitere Projekte. Jeromes Frage nach dem „thematischen Zentrum“ ihrer 2. Romans beantwortet Tanja: “Ich glaube man sollte sein Thema nicht zu genau definieren…es geht mehr um Religion als um Psyche“ und ihr letztes Romanprojekt führt uns aus der Perspektive einer jungen Pflegerin in ein „leicht futuristische Senior*innenstift. Ein Besuch bei der verstorbenen Großmutter in einer solchen „Residenz“ (Altersheim geht in diesem Milieu gar nicht) dient als Hintergrundrecherche. Nicht nur Tanjas vermeintliche literarische Fortüne erzeugt Schmunzeln, auch dort, wo der Blick mal über das eigene Selbst nach Außen gelenkt wird, kommt Irritation auf: Jeromes „fatalistischer Blick aufs moderne Wirtschaften“ mündet in einer Teilzeitlandschaftsgärtnerutopie („idealerweise Dienstag“) möglichst mit „vier Tage Wochenende“, die Tanja noch toppt: „Eigentlich will ich gar nicht arbeiten“. Das ist entwaffnend naiv, aber eben auch Teil des Randtschen Mikrokosmos, einer letztendlich doch verlorenen Teilgeneration zwischen Tiefsinn und Oberflächlichkeit. Diese Generation ist einerseits ganz ganz dicht bei sich selbst, lebt das Hier und Jetzt und ist andererseits ganz weit weg von dem, was eigentlich auch von dieser Generation zu erwarten wäre. Diese Bestandsaufnahme ist Leif Randt hervorragend gelungen.

Dass „Allegro Pastell“ verschiedene Lesarten ermöglicht, ist ein Teil der Faszination. Schade, dass Tanja in den nächsten Monaten in der Gruppe „Allegro Kalenji  beim TSV GuthsMuths 1861 in Tiergarten pausieren muss, wie überhaupt Randts Personal mit der Berliner Quarantäne seine Schwierigkeiten haben dürfte. Aber vielleicht nutzt Tanja ja die Zeit für ein neues Panoptikum. Note: 1/2 (ai) <<

 

>> Eine Lovestory. Tanja auf dem Frankfurter Hauptbahnhof Gleis 9, Jerome findet es charmanter stehen zu bleiben. Später haben sie leicht pathetischen Sex auf seiner Couch in Maintal. Tanja zurück in Berlin Hasenheide. Tanja und Jerome haben keine Policies der Informationsvergabe vereinbart. Sie kommunizieren meist in langen iMessages. Sie tanzt 9 Stunden auf der Cocktail-d´Amore Party. Es ist das Jahrzehnt, in dem öffentlich ausgetragene Blowjobs den Sprung in den Mainstream schaffen. Jerome will simultan in Offenbach Ecstasy einwerfen, während sie in Berlin plant 155mg mdma zu konsumieren. Theorie vom europäischen Energiefeld der Love Interests. Jedem Protagonisten fällt eine Rolle zu. Jeromes Aufgabe: Paarbeziehungen retten, indem er sich als schlechtere Seitensprungwahl entlarvt. Jerome mit Sparticket in Berlin. Der erste Sex in Tanjas Wohnung hat etwas Formelles. Im Szechuan Lokal lobt Tanja das Interieur. Am Abend betrinken sie sich. Zwischen den Getränken schnupfen sie vom Briefkastenschlüssel Ketamin. Tanja lobt das Highfidelity-Gefühl. Tanjas 30. Geburtstag. Jerome geht ihr unvermittelt auf die Nerven. Trennung. Sie ist fasziniert von ihrem Kontrollverlust als Janis, der Freund ihrer Freundin, auf ihrer Bettkante sitzt. Jerome bemüht sich zu feiern. Nach dem Kauf eines Marihuana Vaporizers vapt er verschiedene Hybridsorten mit Blick auf das Naturschutzgebiet. Als die Schulfreundin Marlene und Jerome ein Fünfer-Bembel Apfelwein geleert haben, spricht er: „Zwischen Samstag und Dienstag haben wir jetzt Cross-Partnerlook gemacht“. Dass sie zwischenzeitlich Calvados bestellen, ist ein gutes Zeichen. Marlenes alte Beziehung war im dritten Jahr bei sprachloser Lähmung aber noch großartigem Sex zu Ende gegangen. Marlene: Dort hatte ich meinen ersten Mushroom-Trip. Jerome: Psychedelics sind die Leerstellen in meinem Konsumportfolio. Marlene zieht ein rotes Kondom aus ihrer Tasche. Er weiß jetzt, dass er mit Marlene okayen bis sehr guten Sex haben würde.

Janis pocht bei Tanja erneut auf seine gut funktionierende Affäre mit dem Dresdener Dennis. Tanja bleibt mit ihrem Rest Eiscreme sitzen. Tanja mit Alex im Tattersall. Er weiß Rat. Gruppensex im Unter Tage. Bei den Parties „Lecken“ sind auch Heteros, das entspannt. Tanja und Jerome nach fünf Monaten erneut bei einer Hochzeitsparty. Sie nehmen eine schwarze Levi´s vom saferparty.ch Versand. Jerome spürt eine Erektion. Tanja will in Berlin mehr Langeweile wagen. Jerome feiert seinen sechsunddreißigsten Geburtstag bei Mutter. Er isst mit Marlene, sie Steak, er Dorade. Sie probieren gegenseitig und bestätigen ihren jeweiligen positiven Eindruck. Sie knutschen kurz. Die nächste Knutschphase dauert etwas länger. Jerome will wissen, ob er es gut ertragen kann, sie zu lecken. Die Einsicht ist, dass er es gerne tut. Jerome und Marlene in Como. Sie schlafen sechsmal miteinander, an zwei Tagen gar nicht, dafür am Ankunftstag dreimal. Am vierten Tag nehmen sie psychedelische Pilze. Der Rausch nimmt sich überraschend freundlich aus. Marlene wird schwanger. Jerome arbeitet die Familienzukunft in einer PowerPoint Präsentation auf. Marlene ist die gesündeste Liebe seines Lebens. Sie würde immer Geld verdienen. Tanja bewahrt sich ihre Liebe für Jerome. Finito.

So gelesen hätte diese Love Story nicht geschrieben werden müssen, ist sie doch so fade wie der allegropastelle Einband der Originalausgabe. Zugegeben, da ist noch etwas mehr. Ein Mehr, dass ähnlich wie die Inspektion der „Generation Golf“ von F. Illies (2000) bedingt analytisch wie auch selbstironisch die Generation Y (Abkömmlinge der 80er Jahre) erhellt.

Virtuelle Welten. Die Protagonisten dieses Romans sind nicht unwesentlich affin für virtuelle Lebensgestaltung. Hierfür setzt Randt alte und neue Welten außerhalb des Wahren unmittelbar nebeneinander und lässt sie ineinanderfließen. Tanja ist Jungautorin mit dem Fokus einer sinnstiftenden Virtual Reality. Literatur war immer schon irreal-real und scheint es hier sogar in zweifacher Hinsicht. Die IT-Welt des Webdesigners Jerome bewegt sich zwischen Medien-fokussierter Selbstinszenierung seiner Kundschaft in Form von Webpages und entrückten Lavalampen-Pitches, in denen verquirlte Geräusch- und Farbverläufe seelische Erhellungen provozieren sollen. Virtuell-reale Zustände. Ähnlich farbenfroh wirkt schließlich die Welt biologischer und synthetischer Rauschmittel, die wie die Literatur Elemente der Realität in Formen des Irrealen transformiert und verfremdet. So betrachtet, ist die virtuell fixierte Generation Y von der durch Literaturklassiker geprägten Elterngeneration nicht prinzipiell verschieden.

Literaturbetrieb. Tanja versucht sich als Schriftstellerin. Das erste und einzige Werk liegt schon dreieinhalb Jahre zurück, ist dünn und führt zu Missverständnissen. Ihre Einladung zum Fernsehmoderator Lanz weist ihr eine Rolle zu, der sie sich nicht gewachsen fühlt. Die Urteile über ihre Person schwanken zwischen hochnäsig und erfrischend inkompetent. Ihre Protagonisten sind schwul, worauf homosexuelle Akademiker sie zur Ikone stilisieren, während FeministInnen ihr vorwerfen, dass sie sich überhaupt mit Männern beschäftigt. Während der Schauplatz ihres „zukunftsweisenden“ Miniaturromans ein altes Landschulheim ist, soll ihr zukünftiger Roman aus Seniorenstiften gespeist werden. Die staunende Rückblicks-Melancholie am Lebensende. Ihre Freundin empfiehlt dagegen das Thema Wechseljahre, das sicher niemand besser in Szene setzen könne als Tanja. Tanja selbst: Nehmt mich nicht ernst. Vielleicht ist es dieser Aspekt von Allegro Pastell, mit dem der Jungschriftsteller Randt auch sich und den Literaturbetrieb ironisch inzeniert. Vom Sprachduktus der Y-ers ganz zu schweigen.

Die Charaktere. Die Repräsentaten der urbanen Generation: Gut-Dreißigjährige, akademisch vorbereitet, berufliche Individualisten, angedeutete Hedonisten, aufgeklärt, konsumselektiv, rauschoffen, depressiv (Schwester), triebbereit, bindungsbegrenzt (Tanja), ritualbeengt (Jerome), mobilbetont, tolerant. Summa summarum: ein moderner Sapiens Subtyp. Kann man leben lassen. Auch hier darf dem Autor Randt ein ambivalentes Augenzwinkern zugetraut werden.

Gelegentliche Originalität ist eingefügt. Mit Wohlwollen sogar Sinnhaftigkeit. Ein bisschen Popkultur, ein wenig Generationenstudie unter einer großzügig aufgetragenen Deckschicht Pomade. Das Buch kann man lesen, will es aber nicht unbedingt müssen.

Note: 3 (ur) <<

 

>> Verschiedene Leser haben gefragt: „Ist das alles ernst gemeint? Die Figuren gehen mir ganz schön auf die Nerven“. Die richtige Frage und ein richtiger Befund. Trotzdem oder gerade deswegen ein sehr gutes Buch, das dem Leser die Parallelwelt einer Generation der um die 30-jährigen offenbart, in deren Alltag sich einerseits viel um Äußerlichkeiten und Distinktion durch Markennamen, hippen Restaurants, Essen und Kommunikationscodes dreht, andererseits aber unendlich viel auch um Selbstreflexion und Befindlichkeiten dreht.  Ein typischer Satz: „Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich von außen in der U4 sehen“. Das ist äußerst klug von Leif Randt beobachtet und mit psychologischer Tiefenbohrung beleuchtet. Das Leben einer extrem selbstbezogenen Generation in Berlin – Tanja – und Frankfurt- Jerome-  bilden den Rahmen. In Berlin geht es darum „möglichst publikumswirksam eine gute Zeit zu haben“.
Drogen gehören selbstverständlich dazu. Die Unentschlossenheit, die Ambivalenz, These und Antithese in ein und demselben Gedanken und das Fehlen eines festen Standpunkts durchdringen Allegro Pastell porentief. „Sie diskutierten darüber, ob Marlenes Kontaktaufnahme nun steril und abgeschmackt oder das genaue Gegenteil davon gewesen war“. Everything is possible. In der auffällig häufig verwendeten Vokabel „ erstaunlich“ drückt sich schon der halbe Rückzug von jeglicher  Festlegung aus. Sex mit Mitte 30 war „auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal“.

Dass man Leif Randts Roman deshalb als Parodie, Ironie, Satire, Persiflage lesen muss, um einen veritablen Lesegenuss zu haben, liegt auf der Hand. Das geschilderte Milieu wird zu Kenntlichkeit decouvriert. Schon das in der Belletristik verpönte , von Randt aber in Tanjas und Jeromes Gedankenwelt selbstverständlich verwendete Gendersternchen (Autor*innen) spricht für sich.
Herrlich der Literaturbetrieb, der Tanja mit ihrer „Romanminiatur“ PanoptikumNeu für „ schwule Akademiker zwischen 20 und 45 zu einer Art Ikone“  macht.  „Von Tanja wusste Jerome, dass sie Peter Handke ebenfalls mochte, er hatte in Erinnerung, dass er ihr liebster Autor aus der Schweiz war“. Das ist auf den Punkt gebracht. Besser kann man den literarischen Kosmos von Jerome oder von Tanja oder von beiden nicht beschreiben. Spätestens wenn Jerome , als er erfährt, dass er Vater wird, schnell eine Power Point Präsentation Pro und Contra Kind entwirft  und meint,  ihr Kind könnte „eine sinnvolle Religion“ erlernen, muss klar sein, in welchem literarischen Sujet sich Randt meisterhaft bewegt.  Note: 1 – (ün) <<

Hundert Jahre Einsamkeit – Gabriel García Márquez

Kiepenheuer&Witsch, Neuübersetzung, 3. Auflage 2020 | 519 Seiten.  ISBN 978-3-462-05021-9

>>Die Lektüre – gewiss ein Kraftakt, aber er lohnt sich. Im Mikrokosmos von Macondo und der „Sippe Buendias“ entfaltet sich das Leben in allen Facetten bis zum bitteren Ende. Ein erzählerisches Feuerwerk, das auch möglichen Bedenken aktueller political correctness Diskurse widersteht. Auch wenn es eine Geschichte des Untergangs ist, so ist es doch letztlich eine Liebeserklärung an die Bedeutung der Literatur: „Die Welt wird an dem Tag endgültig im Arsch sein, wenn die Menschen erster Klasse reisen und die Literatur im Güterwagen“ . Note: 1 (ai) <<

>> Dieses gewaltige literarische Naturereignis ist schlichtweg eine Zumutung und überfordert anfangs wahrscheinlich jeden Leser. Mir hat die schiere, fast biblische Eruption von Ereignissen und Personen, die über Generationen vielfach gleiche Namen tragen, jedenfalls eine gehörige Anstrengung abverlangt. Zumal die Zeitebenen sich leicht mäandernd immer wieder leicht verschieben. („Auch die Zeit stolpert“) Ohne Personenregister und Stammbaum aus dem Internet wäre ich wahrscheinlich nicht weit gekommen.
Trotzdem bin ich etwas stolz und auch froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben.
Wenn man begriffen hat, dass die zeitliche Verortung der unzähligen Aurelianos oder José Arcadio Buendiás wohl von untergeordneter Bedeutung ist, kann man sich voll und ganz an der ungeheuren Fülle von sprachgewaltig erzählten Ereignissen rund um die schillernde Familie Buendias, das Dorf Macondo und ihrer Bewohner  im karibischen Teil Kolumbiens erfreuen. Hintergrund bildet auch noch die historische Entwicklung Kolumbiens mit endlosen Bürgerkriegen, das Eindringen und Verschwinden eines ausbeuterischen Plantagen-Systems. Hierbei exzellent und hellsichtig geschildert, die raffinierte Tilgung („durch die Zauberer des Rechts“)  eines fürchterlichen Massakers an den Arbeitern der Plantage aus dem Gedächtnis des ganzen Landes.

Die Wiederkehr der gleichen Namen über Generationen hinweg könnte auch ein Hinweis auf eine der vielen Deutungsebene des grandiosen Werkes sein: Die an griechische Tragödien erinnernde Gefangenheit der  Akteure in einem von der Zentralfigur des „Zigeuners“  Melchiades prophezeiten  Schicksals, das sich in einer geheimen Schrift offenbart. Die ewige Wiederkehr von F. Nietzsche:  Kummer, Elend, Hunger – wie würde man damit fertig werden können, wenn man wüsste, dass man dies auf ewig wieder erleben müsste? Nietzsche formuliert dafür einen neuen Imperativ: Du sollst die Augenblicke so leben, dass sie dir immer wiederkehren können, und zwar ohne Grauen!“
Das gelingt bei Marques nur wenigen Figuren, vielleicht Amaranta Ursula. „Sie waren wieder glücklich in der Gewissheit sich auch als Wiedergänger weiterzulieben, auch dann noch, wenn dereinst künftige Tierarten den Insekten das Elendsparadies abringen würden, das diese jetzt ein für alle Mal den Menschen abrangen.“ (S. 506)

Aureliano Segundos Saufkumpane legen ihm einen Kranz auf den Sarg, auf dem steht: „Weg da, ihr Kühe, das Leben ist kurz!“  Note : 1/2 (ün) <<

 

>>            Erst nachdem José Arcadio Buenda dem Nachbarn erwartungsgemäß die Lanze durch den Hals getrieben hatte, offenbarte Ursula ihm ihren Unterleib. Der Nachbar hatte Arcadio als impotent beleidigt. Tatsächlich hatte Ursula ihrem Gatten José Arcadio den Beischlaf von Anfang an verweigert, weil sie wegen des Inzestverhältnisses Nachkommen mit Schweineschwänzen befürchtete. Ihrem Leib entsprangen darauf nach und nach drei Sprösslinge jedoch ohne Schwänze hinten, aber teils mit legendärem Gemächt vorne. Mit gerade diesem, aber auch allem anderen was Geist und Körper aufboten, belasteten sie wie der Vater die Sippengeschichte so nachhaltig, dass sie nach sieben Generationen ausgelöscht waren.

            Der Roman mag verstanden werden als südamerikanisch interpretierte Menschheitsgeschichte mit offensichtlichen Anleihen bei biblischen Episoden. Oder als Allegorie vier historischer Phasen Südamerikas. Oder als Verdammnis des Individuums, das sich ewig selbstzerstörerisch im Wege steht. Hundert Jahre Einsamkeit ist eine überaus turbulente Erzählung, die im kolumbianischen Norden spielt – der Heimat des Autors. Sehr eigenwillig im Duktus des Magischen Realismus wie auch von zahlreichen anderen lateinamerikanischen Autoren gepflegt. Mit Blick auf wiederkehrende Traumata vielleicht ein zeitloser Roman, auch wenn er heute der überempfindlichen political correctness nicht gerecht wird.

Am Anfang stand die auf Schuld gegründete Genesis und Vertreibung. Adam und Eva mussten aus dem Garten Eden weichen. So wie Eva aus Adams Rippe geschnitten quasi hermaphroditisch genetisch verwandt mit Adam blieb, so sind auch José Arcadio und Ursula inzestuös verbunden. Vor der wiederkehrenden Seele des ermordeten Nachbarn flüchtend, fanden sie erst nach einer qualvollen zweijährigen Odyssee den Platz, auf dem fortan der Ort Macondo wuchs. Biblische Gestalten, Episoden und Verläufe prägten das Gesicht dieser in sich geschlossenen Entität. Menschen mit großer Reinheit wurden geboren wie Remedios die Schöne, die in Anlehnung an Mariä Himmelfahrt beim Wäscheaufhängen eines Tages einfach in den Himmel auffuhr. Zwar mit Ehrfurcht betrachtet, blieb am Ende jedoch ärgerlich, dass damit auch ein Bettlaken verschwand. Die klimatischen Umstände der Arche Noah spiegelten sich in Macondo in einer vierjährigen katastrophalen, aber reinigenden Regenzeit. In Macondo trat als weissagender Messias alljährlich der Zigeuner Melquíades auf, verbreitete innovative Erkenntnisse und verfasste ein verschlüsseltes Werk, welches tatsächlich die Zukunft in allen Details vorwegnahm. Er starb und kehrte wieder, weil er die Einsamkeit des Jenseits nicht ertrug, und hinterließ eine Zeit disziplinierende Aura, welche Staub und Rost Einhalt gebot. Macondo entwickelte sich und verdarb über sieben Generationen vielleicht in Anlehnung an die Johannesoffenbarung, in der sieben Engel sieben Schalen des Zorns über die Erde gießen, bevor es zum Harmagedon kommt. Die endzeitliche Apokalypse ist bei Márquez der Sieg der Natur mit ihrer vielgliedrigen Gewalt in Gestalt vernichtender Stürme, Myriaden nagender Ameisen und einer erbarmungslosen Flora. In der Schlussszene entzifferte der letzte Aureliano Buendas die Weissagungen des Melquíades bis zu dem Moment seines eigenen vorausgesagten Todes. Ein alles vernichtender Orkan löschte schließlich Macondo aus. Während die Bibel im günstigen Fall den Aufstieg in den Himmel und ein Himmelreich auf Erden (wenn auch auf tausend Jahre beschränkt) anbietet, heißt es bei Márquez, dass „die zu hundert Jahre Einsamkeit verdammten Sippen keine zweite Chance auf Erden bekamen.“ Das wäre es dann gewesen. Der Sozialist Márquez scheint sich hier aus dem bunten Szenenkatalog der Bibel zu bedienen, um die Originale – mit Trivialkolorit verfremdet – zu persiflieren.

Eine andere Sichtebene des Plots ist nach Strausfeld historisch-politisch angelegt. In Phase I des Romans (Kolonialzeit) gründeten Pioniere wie José Arcadio Buenda und Ursula gesellschaftliche Keimzellen ähnlich den Einzelkämpfern, die Südamerika durchdrangen. In Phase II (Republik) hatte sich eine polarisierte Gesellschaft entwickelt und suchte vergeblich das Gefälle von Arm und Reich durch einen 20-jährigen Bürgerkrieg zu überwinden. Mehrere Sippenmitglieder der Buendas nahmen an den Auseinandersetzungen teil, wurden zu erfolglosen Revolutionären mit 32 verlorenen Schlachten, bereicherten sich als diktatorische Statthalter oder versuchten sich das Leben zu nehmen, weil sie die proklamierten Ideale nicht erzwingen konnten. In Phase III (Imperialismus) schlichen sich US-amerikanische Agrarkonzerne in das Land. Ökonomische Abhängigkeit, kulturelle Wandlung, Widerstand und Ruf nach Gerechtigkeit hallten durch Macondo. Bananenplantagen wurden verwüstet. Die Fremdherrscher antworteten mit einem umfassenden Massaker an der Bevölkerung, das später nicht nur von den Tätern sondern auch von den Überlebenden geleugnet wurde. In Phase IV (Neoimperialismus) folgte die desaströse Individualisierung mit einer Rückbesinnung auf umstrittene Werte. Religiöse Hinwendung versprach Ordnung, sie und Moral an sich wurden jedoch verraten. So verließ der nach Rom entsandte José Arcadio schon kurz nach der Ankunft das Priesterseminar um letztlich als pädophiler Nichtsnutz heimzukehren. Später wurde er von seinen dekadenten Liebesburschen ertränkt. Amaranta Buenda aus der fünften Generation hinterging ihren belgischen Ehemann, um mit ihrem Neffen den letzten Nachfahren in erotischer Einsamkeit zu zeugen. Dieser Nachkomme starb als Neugeborener den grauenhaftesten Tod als ihn am lebendigen Leib Ameisen zerfraßen. Mit dieser Metapher zeichnete der Autor ein überaus düsteres Bild seiner kolumbianischen Heimat. Ein Bild, das Hoffnung keinen Raum gibt.

Am gravierendsten scheint die dritte Interpretationsrichtung: das scheiternde Individuum. Keine von Márquez´ zentralen Literaturgestalten stellt ein Ideal, ja noch nicht einmal einen farblosen Durchschnittsprotagonisten dar. Alle zeichnet ein Makel, ein isolierender Charakterzug, eine Grausamkeit, eine Manie aus. Die Protagonisten sind innerlich vereinsamt, finden nicht zu anhaltender Gemeinsamkeit. Jetzt nicht und auch nicht in einhundert Jahren. Nie. Als Ausnahme könnte man vielleicht die matriarchale Urmutter des Romans Ursula lesen. Sie folgte unbeirrt mit herben Einsatz ihren ordnenden Prinzipien und war sogar gewillt, ihre schuldigen Söhne zu verstoßen. Am Ende des Romans, im vermuteten Alter von 120 Jahren, erblindete sie und wurde sehend. Und was sie zu sehen meinte, ernüchtert. Dass z.B. ihr 20 Jahre im Freiheitskampf verharrender Sohn und Revolutionsoberst nie einen Menschen liebte, nie ein politisches Ziel wirklich ernst nahm, sondern lediglich seiner Selbstsucht folgte.

Auch wenn der Plot im Grunde Hoffnungslosigkeit inszeniert, ist seine Form von teils atemberaubender Sprachgewalt. Grandiose Metaphern, üppige Fantasiebilder und bizarre Handlungsfolgen verbinden übergangslos Mögliches und Unmögliches. All das kann jedoch nicht verdecken, dass dem Leser auch Längen und Ermüdung zugemutet werden. Für mitteleuropäische Lesegewohnheiten bleibt der Magische Realismus Lateinamerikas gelegentlich eine Herausforderung.  Note: 2– (ur)<<

 

>>Einer der größten literarischen Erfolge der Weltgeschichte. Unendliche Auflagen, übersetzt in alle Sprachen, die es gibt und gab. Ein Opus Magnum dessen, der mit GGM abgekürzt wird. Obwohl mich Magie eher anzieht, hat mich der magische Realismus des etwas zu breit geratenen Romans eher irritiert als gefesselt. Die Geschichte Kolumbiens, griechische Mythen und Biblisches, existentielle Befindlichkeiten der menschlichen Gattung, es fehlt wenig. Die von Netflix geplante Verfilmung (die Söhne haben die Rechte verkauft, der Vater war immer scharf dagegen) kann eigentlich nur in die Unterhose gehen. Dem Autor gelingen großartige Beschreibungen wie zum Beispiel der Streik, das anschließende Massaker und vor allem der subtil geschilderte Versuch, reale Ereignisse aus den Gedächtnissen zu verdrängen. Oder wie es Aureliano Segundo schafft, zwischen zwei extrem konträren Frauen auskömmlich zu leben. Einige Sätze weisen über den Tag hinaus: “Du bist jetzt ein Mann“, sagt Amaranta zu Aureliano José. Oder: “Die Liebe ist eine Pest“. (José Arcadio Buendía)

Trotzdem kann ich das Buch nur „starken“ Leser/innen empfehlen. Ich war etwas verloren:

Manchmal ward es eine Qual
die Magie schien ir.real
Voll betäubt von der Magie
Schwebt der Leser im NiWi
Realismo mágico
war zu schwer für Máximo.

Note: 2/3 (ax) <<

Am Tag davor – Sorj Chalandon

dtv  2017/ 2019 | 316 Seiten.

ISBN 978-3-423-28169-0

>> Dass sich in diesem Buch eine reale Bergwerkskatastrophe und eine persönliche Tragödie zugleich ereignen, enthüllt uns der Autor erst schrittweise gegen Ende des Romans. Nicht nur das ist dramaturgisch perfekt konstruiert.  Faszinierend wie sich aus der Perspektive des 16 jährigen Michel Flavent das Geschehen des 26. Dezembers und des Grubenunglücks am 27. Dezember überlagern. Und damit stellt sich auf zwei Ebenen die Frage von Schuld und Sühne. Was sich im Schacht 3b von Liévin  ereignet, ist Folge eines Grubengasunglücks, Profitgier sticht Sicherheit, so ist das Leben 710 m unter Tage. Das ist ein Stück brilliant recherchierten Bergmannslebens und der Kohleindustrie: Maloche, Kumpelsolidarität neben Vorarbeiterkontrolle, lebenslanger Bedrohung auch nach der Zeche, fast jede Familie hat ein Opfer aber auch dem Stolz eines Berufs, dem die Industrienationen ihren Wohlstand zu verdanken hatten. Was sich aber im Kopf des „Pochjungen“, abspielt (auch eine Form von unter Tage), der „am Tag davor“ in der Figur des Rennidols Michel Delanet seinen geliebten Bruder Jojo durch einen Mopedunfall verliert, das ist die geniale Geschichte eines Psychogramms, die im Detail Psychoanalytiker zu enträtseln vermögen. Mit der literarischen Figur des Gefängnispsychiaters Adrien Croizet wird uns im Gegensatz zu den anderen psychologischen Fehlbesetzungen ein würdiger Vertreter des Faches vorgestellt.  Erst der Prozess nach dem Mordversuch an Lucien Dravelle befreit Michel Flavent aus seinem inneren Gefängnis, das ihm die Bürde seines Vatersbriefs bisher lebenslang auferlegt hat. Überhaupt erweist sich der Prozess gegen den inzwischen 57jährigen Michel Flavent auch als Katharsis für den zunächst nur als „Dreckskerl“ wahrgenommenen  Dravelle, der sich der Verantwortung für die Katastrophe vom 27.Dezember stellt.

Mich hat in dem Roman vieles gefesselt und berührt, vielleicht mit am stärksten die Geschichte Michel Flavents und einer Frau Cécile, die in der den Roman abschließenden Traumgeschichte einen Abschluss findet, der auch sprachlich ganz ganz große Literatur ist und der uns als Leser einen versteckten Wink gibt, dass Cécile vielleicht doch die wahre Geschichte ihres Michel gekannt hat.

Das „ich weiß“ bleibt offen und das ist gut so, weil alles, was wir in diesem Roman erfahren, die Erfahrung des Ich-Erzählers Michel Flavent alias Michel Delanet ist.

Note : 1+ (ai) <<

 

>> Der Tag davor ist der 26. Dezember 1974, ein Tag vor dem größten Grubenunglück in der Geschichte Frankreichs. Der Tag davor ist auch der letzte Tag einer ungewöhnlich intensiven Bruderliebe. Im Am Tag davor verknüpft Chalandon das Bergwerksdrama mit dem Lebensdrama zweier Brüder. Während der größere Bruder Jojo sein Leben verliert, verschüttet sein Tod das Dasein des Jüngeren, Michel. 40 Jahre wird er davon verfolgt werden, bis er mit einem Befreiungsmordversuch ansetzt auch sein eigenes Dasein abzuschließen. Erzählt aus dem Munde des Jüngeren, erscheint diese Entwicklung lange Zeit als Vergeltung an den Verantwortlichen des Bergwerksunglücks und bekommt damit eine sozialpolitische Dimension. In einer literarisch raffinierten Konstruktion überrascht der Autor jedoch den Leser mit einer ganz anderen Wahrheit. Die politische Ebene changiert augenblicklich in eine psychologische, an deren Ende das tragische Wechselspiel von Schuld und Sühne regiert.

            Sorj Chalandon lässt Michel über 200 Seiten die von ihm verklärte Lebensgeschichte darlegen, deren offensichtliche Tragik keinen Zweifel erlaubt. Anfang der Siebzigerjahre lebt die vierköpfige Familie vom dürftigen Ertrag ihrer zukunftslosen Landwirtschaft. Jojo lässt sich gegen den erbitterten Widerstand des Vaters als Bergarbeiter rekrutieren. Der vierzehn Jahre jüngere Bruder Michel verfolgt bewundernd den großen Bruder, der rührend den Kleinen umgarnt. Michel teilt die unbändige Lebensfreude wie auch die kämpferische Kritik an den täglichen Bergbauquälereien. Dann kommt Weihnachten ´74. Die Profitsucht der Werksleitung provoziert ein Grubenunglück. 42 Bergleute sterben sofort, Jojo wird laut Michel schwer verletzt, seine Eltern werden erniedrigend abgefertigt. Jojo erliegt schließlich seinen Brandverletzungen im Krankenhaus. Unter der Hand wird ihm vorgeworfen, bevorzugt in einem weiß-bezogenen Krankenhausbett gestorben zu sein, während Kumpel unter Tage verbrannten. Von anderen Ehefrauen wird Jojos Gattin gedemütigt, die versuche, mit Heulen eine Witwenrente zu ergaunern. Mit größter Verbitterung muss Michel wahrhaben, dass der Name seines Bruders nicht auf den Gedenksteinen der Opfer aufgeführt wird, weil er zu spät gestorben war. Als schließlich aus Verzweiflung auch der Vater sich das Leben nimmt, hinterlässt er Michel das Vermächtnis, sich im Namen der Familie an der Zeche zu rächen.

            Michels Vertiefung in das Unglück gipfelt in der Errichtung eines Mausoleums. In einer über Jahrzehnte angemieteten Garage wird er alle verfügbaren Zeitungsartikel, Requisiten und Erinnerungsstücke sammeln. Es ist der Ort, an dem seine Trauer gebündelt und seine grenzenlose Traurigkeit beständig neu belebt wird. Es ist eine Dunkelheit, die später seine Frau als zerstörerisches Lebensmotiv entlarven wird. Es wird schließlich eine Finsternis, in der eine ganz andere Alptraumwirklichkeit Gestalt annimmt.

            Michel ist kein Gewalttäter – im Gegenteil. Der Autor zeichnet ihn als feinfühligen Charakter mit unendlicher Geduld und grenzenloser Liebe, als er seine Frau Cécile in den Krebstod begleitet. Sie gab ihm die Kraft das Jugendtrauma gerade noch zu ertragen. Als sie stirbt, ist für Michel der letzte Lebensanker losgerissen. Für ihn bleibt nur noch die Schlussrechnung zu begleichen. Chalandon zeichnet dem schauenden Leser ein groteskes Mordgemälde, in dem ein nackter, Kohle verschmierter Täter auf dem Opfer liegt. In Dravelle hatte Michel Jojos Vorarbeiter gefunden, der die tödliche Schlagwetterexplosion mit zu verantworten hatte. Dravelle wird zum Vollzug von Michels Vermächtnis. Michel mietet eine billige Absteige im Revier, verkehrt monatelang in altgedienten Bergwerksgaststätten bis er schließlich auf den invaliden Dravelle stößt. Nach mehrmaligen Besuchen zieht er dem lungenkranken Steiger die erstickende Tüte über den Kopf. Mit seiner folgenden Selbstanzeige scheinen Vergeltung und Selbstbestrafung vollzogen.

            Chalandon durchbricht an dieser Stelle den gradlinigen Handlungsstrang um einen weiteren Spannungsbogen aufzubauen. Dravelle kann wiederbelebt werden. Was folgt, ist eine überaus interessante Prozessdarstellung, weil die Tataufarbeitung einen unerwarteten Verlauf nimmt. Justiz und Presseöffentlichkeit reagieren mit angedeutetem Verständnis, sind Tod von Bruder und Vater doch ursächlich verbunden mit kapitalistischer Ausbeutung. Der Mordversuch erscheint damit als erklärbare Verzweiflungstat eines hochgradig traumatisierten Jugendlichen, der aus einer 40jährigen inneren Inhaftierung ausbricht. Darüberhinaus bedient die Plausibilität politische und publizistische Grundströmungen der seit dem Bergwerksunglück empörten Öffentlichkeit.

So berechtigt die Verurteilung der mörderischen Ausbeutung unter Tage ist, so entpuppt sich der Schlagwettertod als Lüge. Michels lebenslanges Passwort ist gefälscht. Tatsächlich trägt Michel selbst die Verantwortung als er Jojo im Laufe eines Mopedunfalls am Tag davor in den Tod lenkt. Als sein Vater ein Jahr darauf Selbstmord begeht, hinterlässt er Michel anders als von ihm berichtet eine Nachricht, die jedoch kein Vermächtnis ist, sondern eine belastende Erklärung: „Ich hatte zwei Söhne. Einer tötete den anderen. Dann wollte ich nicht mehr leben“. Michel flüchtet in einen psychischen Ausnahmezustand, der Wahrheit und Fiktion verwischt. Eine psychische Abspaltung, deren genaue Ausformung der Autor jedoch nicht darlegt. Hat Michel tatsächlich die Realität vollständig gelöscht? Offensichtlich nicht.

Sein Versuch vierzig Jahre später den inzwischen alten invaliden Dravelle zu töten, erscheint vordergründig als Vergeltung – tatsächlich zielt er jedoch auf die eigene Verurteilung durch die Justiz. Der Mordanschlag auf Dravelle fungiert dabei als Medium. Den Grund seiner Tat wird er vor Gericht nie nennen, Entschuldigungen wird er nicht vorbringen, um stattdessen mit konsequentem Schweigen seine uneingeschränkte Bestrafung zu erreichen. Formal wird es die Verurteilung für den Mordversuch, intendiert ist die Sühne für die Familienopfer. Seine Anwältin, der er ebenso die Verteidigung seiner Tat untersagt, macht ihm schließlich deutlich, dass die seelische Bewältigung nur mit einer Aussprache gelingen wird. So schließt das letzte Kapitel mit einem Traum, in dem Michel sich seiner über alles geliebten Frau Cécile offenbart ohne ihre Liebe zu verlieren. Er hatte sie mit der unwahren Geschichte stets im Ungewissen gelassen. Chalandon ist vor dem Hintergrund moralischer Verantwortung nicht nur ein bemerkenswerter Plot gelungen. Im Duktus bleibt der Autor überzeugend bei der detailreichen Ausleuchtung des Bergbaus und Gerichtsalltags oder den Charakterdarstellungen von Michel, der Cécile-ähnlichen Anwältin, den Gerichtspsychologen bis hin zum argumentationsstarken Staatsanwalt. Auch wenn einige Momente plötzlich schwülstig aufleuchten wie der sühnelastige Vergebungsmodus von Dravelle, so bleibt das Werk dennoch sehr lesenswert.

„Ich war an Josephs Tod verwelkt. Meine Jugend war alt geworden.“

Note: 2+ (ur)

 

<< Dieses Meisterwerk habe ich nicht verschlungen, es hat mich verschlungen!  Man will es nicht aus der Hand legen. Die Unter – und Oberwelt der Bergleute im nordfranzösischen Kohlerevier wird so eindringlich geschildert, dass einem die Atmosphäre unter Tage buchstäblich unter die Haut kriecht. Ein großes Bergwerkunglück, bei dem 1974 tatsächlich 42 Bergleute ums Leben kamen, steht zwar im Zentrum des Romans, aber noch stärker ist die psychologisch äußerst spannende und von Chalandon sehr klug erzählte Frage um Schuld und Verdrängung und Abspaltung eines Traumas.

Note: 1+ (ün) >>

 

<< Tage danach, immer noch unschlüssig, hin-und hergerissen. Zweifellos ein beeindruckendes Buch: die dramatische Schilderung der üblen Arbeitsbedingungen unter Tage, das Leben und die Rituale im Gefängnis, die durchkomponierte und spannende Gerichtsverhandlung.
Der ergreifende Tod Céciles im Morgengrauen. Das misslungene Volkstribunal der aus Paris angereisten maoistischen Studenten. Großartig geschildert. Aber wie wird das alles zusammengehalten? Nur mit Mühe und wenig überzeugend.

Da gibt es einen (gefälschten?) väterlichen Brief an den jüngeren Sohn, sich an der Grube für den Tod des älteren Sohnes zu rächen:“Räche uns an der Zeche!“. (S.78) Derartiges übersteigt mehrfach auch eine gut entwickelte Vorstellungskraft.. Ein Vater erteilt einen, sagen wir mal, alttestamentarischen Racheauftrag. Entfernt Vergleichbares kenne ich nur von sogenannten Ehrenmorden, wo der jüngste Sohn den väterlichen Mordbefehl ausführt. Schlimmer noch und unwahrscheinlicher , der väterliche Brief mit der Schuldzuweisung für den Tod des älteren Bruders:“Ich hatte zwei Söhne. Einer hat den anderen getötet. Dann wollte ich nicht mehr leben.“ (S.289) Und die dringende Bitte der Mutter an den Sohn:“Zeuge nie ein Kind, Michel! Das tut einfach zu weh.“ Was sind das für Elternwünsche? Was für eine Familie. Vielleicht hätte eine Familienaufstellung helfen können.

Michel Flavent vor Gericht. Meistens schweigt er, obwohl hier ja eine Tribüne für die berechtigte Kritik am Ausbeutersystem wäre. Verdrängung geht immer. Aber kann man einen Mopedunfall mit Todesfolge völlig vergessen, verdrängen? Der zweite große Block, die Verhöre, die Gerichtsverhandlung, ist wird von zahlreichen Wiederholungen geprägt. Ein Angeklagter, der seine Verteidigerin darin hindert, für ihn zu plädieren?  Die Krönung: Michel Flavent, ein Borderliner, der Lucien Dravelle töten will um für den Mopedunfall mit Todesfolge bestraft zu werden. Krimi?
Psycho total: der halb totgeschlagene Lucien Dravelle, den das an ihm verübte Verbrechen erlöst hat, weil er weiß, dass seine Nachlässigkeit die Grubenkatastrophe verursacht hat.

Ein anspruchsvoller Plot, an dem sich der Autor, schwäbisch gesagt, verlupft. Dabei ist Chalandon zweifellos ein herausragender Journalist und Rechercheur. Aber seine literarischen Qualitäten sehe ich etwas kritischer als viele lobende Literaturexperten von Paris bis Tübingen. Auch das Literarische ZDF-Quartett applaudierte mit 4:0 Stimmen.

Ein Buch, das 42 verunglückten Bergleuten ein Denkmal setzt, ist im Grunde unangreifbar. Und zweifellos war und ist dieser Roman ein Trost für die leidgeprüften Familien der Toten. Und so gesehen ist er verdienstvoll.  Note. 3+ ( ax) <<

Die Pest – Albert Camus

rororo 92. Auflage 2020| 350 Seiten.

>> Wahrscheinlich hätte unser Quartett, das nicht so sehr auf Oldies steht,  dieses Buch nie gelesen, ja wenn nicht…

Aus den bekannten Gründen erlebt der Roman derzeit eine Renaissance. Und es finden sich überraschend viele Parallelen zur aktuellen Pandemie. Ignorieren und Verdrängen, Solidarität, aber auch Egoismus, es scheint Kontinuitäten zu geben. Das gilt auch für Medien und Behörden. Ebenso für die Feste hinterher, die hierzulande vielleicht schon zu früh beginnen. Staatliche Konjunkturprogramme erwähnt der Autor nicht. Eindrucksvoll schildert Camus das Wüten der Pest, das Sterben der Menschen, ihre Verzweiflung. Der Arzt Bernard Rieux kämpft und kämpft gegen die Seuche, wird zum Helden und bleibt dabei trotzdem menschlich.

Gottesmann Paneloux stellt in seiner ersten Predigt selbstsicher die Epidemie als berechtigte göttliche Strafe für die Sünden der Menschen dar. Später erlebt er die Agonie eines Kindes. „Mein Gott, rette dieses Kind“ betet er und bleibt unerhört. Seine Hilflosigkeit kleidet er in den Satz “Aber vielleicht müssen wir lieben, was wir nicht verstehen.“ Rieux antwortet ihm, dass er eine andere Vorstellung von der Liebe habe und er sich weigere „eine Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert“ würden. Später schließt sich der Priester einer Helfergruppe an, die Rieux in seinem Kampf unterstützt.

Diese Gruppe wird von Tarrou ins Leben gerufen. Er und Rieux werden Freunde. Ihre Gespräche, eher Monologe mit philosophischem Tiefstgang, erinnern manchmal, sorry, an den kleinen Prinzen, wenn er mit dem Fuchs spricht. Der städtische Angestellte Grand von beispielhafter Pflichterfüllung, bleibt etwas rätselhaft mit seinem Romanprojekt, dessen ersten Satz er immer wieder korrigiert, verbessert. Seine Schreibblockade wird manchmal fast zum running gag.

Die Bekehrung des in Oran gestrandeten Journalisten Rambert vom Egoisten zum Altruisten überraschte mich. Die Deutung des Romans als eine Allegorie auf die deutsche Besatzung  oder das Böse an sich scheint mir nicht zwingend zu sein. Warum Camus sich für eine relativ komplizierte Erzählstruktur entschieden hat (Rieux als Erzähler, Tarrous Tagebuch als zusätzliche Quelle) bleibt für mich unklar.

Ist „Die Pest“ ein Männerbuch? Frauen existieren nur als Mütter und Geliebte.

Mit „La Peste“ ist Albert Camus ein zeitloses Werk gelungen. Als ich im Frühjahr 1971 an seinem bescheidenen Grab in Lourmarin stand, wollte ich den Roman lesen. Leider hat es nun doch fast 50 Jahre gedauert.  Note: 1/2 (ax) <<

 

>> Meine Taschenbuchausgabe stammt aus den späten 60er Jahren und die spärlichen Randnotizen zeigen, mein April 2020 hat die Lektüre von Camus „Die Pest“ völlig verändert. Die Dimension der Apokalypse,  sie ist unvergleichlich und doch zeigt das in die 40er Jahre verlegte Geschehen im nordafrikanische Oran Muster und Abläufe, die erstaunlich gegenwärtig sind. Ist es nur einfaches Fieber oder doch schon mehr, gar die Pest, wie lange kann man verharmlosen, gar verleugnen und vertuschen bis es zum radikalen „Lockdown“, der Schließung der Stadttore kommt? Die Stunde der Präfektur und Verwaltung unterstützt durch ärztliche Expertise, Serum und Impfung wirkungslos, Spitäler im Krisenmodus, Quarantäne, Pestkurven, Statistiken (zunächst täglich, dann wöchentlich!), Expertenstreit, die erbarmungslose „Diktatur der Realität“, von der Einzelbestattung ohne Trauergemeinde zum Massengrab, Todeskämpfe, Besuchsverbote in Krankenhäusern, fehlendes Material und Personal, Sanitätshilfstruppen, ein Stadion als Absonderungslager, Isolation, Vereinsamung, Wirksamkeit von Gazemasken über Mund- und Nase, ökonomische Kollateralschäden, Zusammenbruch des Handels  (ersetzt durch „Schleichhandel“), Ende des Fremdenverkehrs, steigende Arbeitslosigkeit – ein Rest von Begegnung bleibt: Cafes und Restaurants geöffnet, keine Abstandregel. Dann Abflauen der Pest, fallende Statistiken, Lockerungen in  Zweiwochenfristen bei gleichzeitiger Warnung vor Aufflammen,  Öffnung der Tore, fahrende Züge, geöffnete Bahnhöfe, Neubeginn, Wiedersehen aber auch Verlusterfahrung. Was wird sich ändern, folgt der Zeit des Leidens die Zeit des Vergessens, was bleibt im kollektiven Gedächtnis (auch heute?), wie lange halten Lustbarkeiten und Fröhlichkeit?

Was in Oran „dieser frohen Menge unbekannt war“ dessen ist sich Dr. Rieux, der sich am Romanende nicht nur als Chronist sondern auch als belesen belehrender Mahner zu erkennen gibt, gewiss: Die Pest kommt wieder. Trotz dieser bedrückenden Botschaft bleibt der Erzähler nicht ohne Zuversicht: „Was man in den Heimsuchungen lernen kann“ bilanziert er zum Schluss „nämlich daß an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten ist“. Nicht nur die zentralen Figuren des Romans, Dr.Bernard Rieux, Jean Tarrou, Raymond Rambert, Josef Grand, Herr Gottard stehen für dieses Menschenbild Camus. Am liebevollsten findet diese Bewunderung Ausdruck in der Person des nur auf den ersten Blick etwas verschrobenen kleinen Angestellten Josef Grand. Allein seine Geschichte: glänzend!

„Die Pest“ trägt im Gegensatz zu den Schergen des Faschismus und seinen Nachfolgern kein Gesicht, Allegorien können auch vernebeln. Note: 1 ( ai) <<

 

 

>> Im Jahr Corona globalis liest sich Camus´ Roman von 1947 als visionäres Werk, das den pandemischen Ausnahmezustand des Jahres 2020 in zahlreichen Einzelheiten vorwegzunehmen scheint. Abgesehen davon, dass vermutlich schon vor Camus´ Zeiten Formen des gesellschaftlichen wie des persönlichen Krisenmanagements ähnlich den heutigen etabliert waren, darf auch spekuliert werden, ob Camus´ Pestbazillus nicht vor allem eine Allegorie für das infektiös Böse im Menschen darstellt. Camus platziert das Geschehen in die gesichtslose, algerische Küstenstadt Oran, im Jahr 194… Das Drama beginnt mit einem bizarren, massenhaften Rattensterben, dem bald erste Menschen folgen. Nach anfänglichem Ignorieren, verkünden schließlich die Behörden eine Pestepidemie, mit weitreichenden Einschränkungen. Über Monate darf niemand die militärisch abgeriegelte Stadt verlassen. Erkrankte versterben meist innerhalb weniger Tage. Kontaktpersonen werden in Quarantänestationen zwangseingewiesen. Haustiere werden exekutiert, Lebensmittel und Strom rationiert. Versorgungs- und Dienstleistungen brechen zusammen. Weil die Infektionszahlen stetig in die Höhe schnellen, werden fortlaufend neue Auffanglager, leistungsfähigere Leichentransporte, Friedhofserweiterungen und Beerdigungsbeschleunigungen eingeführt.

In diesem Zustand des Grauens, verdrängt das Entsetzen die Zeiten. Erst weicht der Blick für die Zukunft, die nie mehr zurückkehren wird. Das Wissen und Erwarten, wofür gelebt wurde, versiegt in der Hoffnungslosigkeit. Dann verblassen die Erinnerungen – die Vergangenheit entgleitet. Die nackte Gegenwart wird schließlich zunehmend gegenstandslos. Eine kurze Evolution der Gefühle macht sich breit. Ungläubigkeit, dann Ärger, Widerstand, Furcht und Verzweiflung und letztlich Lethargie. Die individuellen Schicksale zerrinnen im kollektiven Niedergang. Camus stellt diesen Reaktionen der Stadtgesellschaft eine kleine Gruppe von Männern gegenüber, die sich mit unterschiedlichen Mitteln und Überzeugungen der Epidemie entgegenstellen. Die zentrale Figur ist Dr. Rieux, der als Arzt und Agnostiker bis zur Erschöpfung Hilfe leistet – selbst im Wissen der Ausweglosigkeit. Ihm gegenüber steht Pater Paneloux, der die Pest für eine gerechte Strafe Gottes hält, der man nicht mit medizinischen Mitteln sondern religiöser Inbrust begegnen sollte. Der zum Freund reifende Partner im täglichen Sanitätskampf wird Tarrou. Tarrou ist Moralist und Chronist von Belanglosigkeiten, nachdem er von den großen Gesellschaftsentwürfen zutiefst enttäuscht wurde. Unterstützt werden sie durch Rambert, der als Journalist unglücklicherweise in der Stadt hängen geblieben ist. Auch der blassgrau wirkende Amtsassistent Grand unterstützt sie durch beflissene Schreibtischarbeiten. Interessiert, aber ohne erkennbaren Einsatz werden sie zudem begleitet von dem Rentner Cottard. Er wird von der Seuche vorübergehend profitieren, da die Polizei lange keine Zeit findet, ihn – den Straftäter – dingfest zu machen. Warum diese Figuren? Dass sie im allegorischen Szenenbild des Bösen die Guten, die Mitläufer, die Verblendeten, die Träumer und die Aufrichtigen verkörpern, darf vermutet werden. Bemerkenswert bleibt, dass Frauen in diesem Plot keine größere Rolle zufällt. Am Ende des Romans wird der Leser erfahren, dass das Gelesene die Aufzeichnungen Rieuxs sind, der sich lange Zeit nicht zu erkennen gibt, um den Anschein der Objektivität zu wahren. Eine kleine erzähltechnische Raffinesse, zumal suggeriert wird, dass über dem Protokollanten doch noch ein allwissender Über-Erzähler steht.

Die Seuchenbakterien wüten erbarmungslos und in atemberaubendem Tempo. Von Flöhen und Mitmenschen übertragen, befallen sie Organe und verursachen steinharte Schwellungen der Lymphknoten, die als schwarze Beulen auf der Haut erscheinen, verbunden mit unerträglichen Schmerzen. Wenn die Lunge befallen wird, tritt der stinkende Tod häufig schon nach zwei Tagen ein. Therapiebemühungen bleiben erfolglos. Dr. Rieux kann nur den Niedergang verwalten, muss mit Polizeigewalt Infizierte einweisen, die ihn als Richter und die Einweisung als Todesurteil empfinden.

Ein zentraler Begriff, den Camus schon früh in das Pest-Szenario einführt, ist der des „Exils“. Ein Zustand des Überlebens, der von innerer Heimatlosigkeit geprägt wird. Eine Heimatlosigkeit, die sich im Romankontext nicht als geographischer, sondern als emotionaler Verlust darstellt. Ein Verlust, dem sein größter Schmerz durch das Getrenntsein von vertrauten Menschen eingebrannt ist – „zusammen mit der Angst das schlimmste Leid dieser langen Zeit des Exils“ (S. 77). Eine beißende Leere, die für die gerade zu Ende gegangenen Weltkriegsjahre des Autors prägend war. Am Ende des Romans ist es gerade die Auflösung des Exils, das Wiedererlangen der sozialen Verbundenheit, das reale und psychische Umarmen der lange Getrennten, welches eine überwältigende Lebensfreude entfacht. „Sie wussten jetzt, dass es, wenn überhaupt, etwas gibt, was man immer ersehnen und manchmal bekommen kann, nämlich menschliche Zärtlichkeit“ (S. 341). Als tragischen Held dieser Gefühle gestaltet Camus den verschroben wirkenden Grand. Während sich ringsherum die Toten häufen bastelt er mit grotesk wirkender Eifrigkeit in Sisyphos-artiger Endlosigkeit am ersten Satz eines literarischen Epos zu Ehren seiner Angebeteten, die ihn nicht erhören will.

Eine Einordnung des Romans in einen Erkenntnis- und Moralkontext erlaubt vor allem der Gedankenaustausch zwischen Tarrou und Rieux. Während Rieux einem altruistischen Reflex folgt – ihm ist nur Gutes möglich, selbst wenn es nicht gewürdigt wird – ist Tarrous Einsatz das Ergebnis eines schmerzlichen Entwicklungsprozesses. In einem Richterhaushalt groß geworden, schockiert ihn die Anmaßung, dass über Leben und Tod geurteilt wird. Orientierung suchend vagabundiert er anfänglich durch das Leben, um sich in der Folge militanten Befreiungsbewegungen anzuschließen. Getragen wird seine Unruhe von der Hoffnung, nicht nur Ideale auszumachen, sondern deren nachhaltige Gültigkeit zu erzwingen. Der Umstand, dass programmatische Gewalt auch hier zur Durchsetzung zwingend scheint, erschüttert seine Zuversicht. Das Böse tun, um das Gute zu wollen, bleibt ein inakzeptables Paradoxon. In einem Punkt nähert sich hier die pragmatische Einsicht des Atheisten der des Klerus an. Sowohl Tarrou wie auch Pater Paneloux bewerten die Pest als Zäsur des menschlichen Daseins, die in ihrer erbarmungslosen Grausamkeit den Menschen zum Einhalt und zur Einsicht zwingt. Und damit zur Umkehr zu einem gefälligeren, humanistischen Leben. In diesem Zusammenhang entpuppt sich die Pest in der Tat als Allegorie des Bösen: das vielleicht prinzipiell Böse im Menschen, vielleicht das politisch Böse in Form des Totalitarismus wie der gerade überwundene Faschismus. Die literarische Pest ist vom Autor mit einem dialektischen Doppelcharakter angelegt: sie ist das Subjekt, das den Niedergang bewirkt. Sie könnte aber auch der reinigende Prozess werden, der das Diabolische überwinden hilft – wenn denn der Mensch die Zeichen annimmt. Ob die Allegorie und der offensichtliche Doppelcharakter glücklich gewählt sind, darf diskutiert werden.

Vermutlich spiegeln Tarrou und Rieux widerstreitende Züge Camus´. Hoffnungslos, aber dennoch  nach Erkenntnis strebend in der Person von Tarrou, und demütig akzeptierend und empathisch bei Rieux. Verbindend wohnt beiden der humanistische Glaube an den Menschen inne, auch wenn der Mensch ewig vom moralischen Abgrund fasziniert bleibt, und der Pestbazillus nie sterben wird.  Note: 2 – ( ur) >>

 

<< In Zeiten von Corona liest sich die Pest von A. Camus als frühe Vision, wie sich das Leben in einer Pandemie anfühlen kann. Da ist die Rede von Schlangen vor den Geschäften, von Massengräbern, von Fahndungstrupps, von Lagern im Fußballstadion, von Isolation, auch davon, ob man nicht „eine Lockerung ins Auge fassen“ könne. Natürlich bildet sich nicht alles 1:1 ab, aber die Parallelen sind doch frappierend. Im Zentrum steht aber natürlich die Frage, wie sich Menschen in einer solchen Ausnahmesituation verhalten und wie sich das ethische Koordinatensystem verschieben kann. „Er war nicht da um Leben zu retten, er war da, um Isolation anzuordnen“.
Ein wiederentdeckter, sehr lesenswerter Klassiker.  Note: 1/2 ( ün) <<