Hast Du uns endlich gefunden- Edgar Selge

Rowohlt 2021 – 302 Seiten

<<Eine im wahrsten Sinne schonungslose Abrechnung von Edgar Selge mit seinem Vater gleichen Namens. Schonungslos auch deshalb, weil Selge auch sich selbst nicht schont. Am Ende bleibt trotz der zwingenden Solidarisierung mit einem durch einen unerbittlichen Vater gepeinigten Jungen bei mir auch nicht mehr so viel Sympathie für den Autor übrig. Seine Seelenlage und die durch ein musikalisches Zwangssystem dominiertes, großbürgerliches Elternhaus erzählt Selge brillant. Genial auch, wie er den Schulweg als Zündschnur zwischen zwei explosiven Ort beschreibt: Der Schule und seinem Elternhaus. In einer Szene traut sich der Junge den schlagenden Vater endlich zu fragen: „Hat dich dein Vater auch geschlagen“? „Nein, hat er nicht“. Die Nachfrage:  “Warum schlägst du dann mich?“ traut sich der junge Edgar dann nicht mehr zu stellen. Er begreift es einfach nicht, warum ihn sein Vater schlägt, der doch so lebendig der ganzen Familie aus den Brüdern Karamasow vorliest und für seine 400 Gefangenen ein fürsorglicher Gefängnisdirektor ist. „Warum! Er! Mich! Schlägt!“. Und den er doch liebt.
Er schreibt seine Geschichte erst auf, als das ganze Land während der Pandemie lahm liegt. Die Welt da draußen fragt ihn: „Mensch Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. Ich will nicht zugeben, von jemand geschlagen zu werden, den ich liebe“. „Ich will auch nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt. Eine Schlüsselstelle (S.131) und ein Dilemma, aus dem er sich nicht lösen kann. Denn er schildert seinen Vater, seine Mutter auch seinen Bruder Andreas mit einer gnadenlosen, zuweilen auch kalten Distanzlosigkeit, dass man seine Liebe nicht mehr erkennen kann. Als er seinem sterbenden Bruder Andreas auch noch einen Schluck Wasser verweigert, ist ihm klar, dass dies grausam ist. Er hält sie aus. Seine Härte.  Note : 1/2 ( ün)>>

 

>> Kein Zweifel. Edgar Selge ist ein glänzender Erzähler. Hier arbeitet ein 73Jähriger ausgehend von prägenden Kindheitserinnerungen eines 12Jährigen eine Familiengeschichte ab, in der sich zugleich typische Züge deutscher Nachkriegsgeschichte widerspiegeln. Was mit der Schlüssellochperspektive des Grundschülers Edgar im Hauskonzertritual des Gefängnisdirektors und Vaters 1960  beginnt, endet im nachgeholten fiktiven Gespräch mit dem verstorbenen Bruder Andreas 2021, ein Epilog der erstmals  Züge von dem trägt, was den vorausgehenden Kapiteln fehlt: Empathie.  Ein Vater „unter dem ich so sehr gelitten habe“ und zugleich jetzt aus dem Abstand „Wellen der Liebe. Die Zeitebenen verändern sich innerhalb der Kapitel. Die frühen Erinnerungen prägt eher die Atmosphäre der Bedrückung. „Mein Gefängnis trage ich immer in mir herum“ (149) ist der therapeutische Schlüsselsatz dieser Familiengeschichte. Schon die Hausmusikinszenierungen vor gediegenen „Akademikerpaaren aus unserer Kleinstadt“ und bildungsfernen jugendlichen Straftätern bilanziert Edgar nüchtern: keine Idylle, keine Freude „Wir kämpfen hier täglich hart um ein Zusammenleben“, ob Mozart oder Schubert-Duo „Musizieren ist Anstrengung, Drill, manchmal auch Erniedrigung“, gar von „Irrenanstalt“ und „Musikanstalt“ ist die Rede. Und in der Tat ist das Setting eingangs freudlos. Der musizierende Gefängnisdirektor im Übungsstress, der angereiste Profigeiger ein wirklicher Tonangeber, die musikalisch und organisatorisch überforderte Mutter und ein großer Teil des Publikums, das weniger an Klaviersonaten als am Wiederkennen des selbst gefertigten Mobilar Interesse zeigt. Dass dem inneren Gefängnis nach dem 1. Fluchtversuch des 8 Jährigen  weitere Fluchtversuche folgen (müssen) erklärt dem 12jährigen  der  reichlich therapiekundige (!)10 Jahre ältere Bruder Werner: „Deine Wirklichkeit ist dein Vater“. Und so wird sowohl Edgars Besessenheit fürs kindliche Kriegsspiel wie auch seine Verwandlungskunst in Dr. Baumanns Dachbodenschule für „Schwererziehbare“ (Wiege der Schauspielkunst!) letztlich zum Ersatz von dem, was neben Steinway,  Klaviersonaten und  sonntäglichen Dostojewski-Leseritualen auf der Strecke bleibt: Kulturgutpflege statt Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, Prügelpädagogik statt Hilfestellung für Schulangst und pubertäres Verhalten. Einzig die beiden älteren Brüder Martin und Werner sind Stützen im Orientierungschaos des 12jährigen. Sie ordnen auch ein, was Edgar nach kurzer Abwesenheit der Eltern mit „Dreckshänden im Flügelzimmer“ (großartig!!) im Bücherschrank entdeckt. Für diese ältere Brüdergeneration ist klar. Diese Widmungsgeneräle sind alles „reisende Henker und Schlächter“. Das Kapitel „Magenstiche“ ist das Glanzstück dieses Buches, weil es zwei Tragödien offenbart: Die kollektive Verdrängung der NS-Geschichte und die individuelle Tragödie der Mutter, die gleichsam psychosomatisch zum Ausdruck bringt, im Leben alles falsch gemacht zu haben, ein bittere Abrechnung mit der ihr von „diesem Mann“ zugewiesenen Frauenrolle : Alltägliche Sisyphusarbeit,  Schwiegermutters zarter Streuselkuchen und Apfelsaftepisode mit „blöden Psychologen“ sind frühe Ausschnitte aus der kleinen Welt. Die entscheidende Dimension jedoch eröffnet erst der Besuch der 83jährigen Mutter 1997 bei der Münchner Ausstellung „Verbrechen der Deutschen Wehrmacht“ späte Belege für Ausblendung der Wirklichkeit und die Unfähigkeit zu trauern. Da wird der Magenstich zum lebensgefährlichen Magendurchbruch. Dass sich noch in der Erinnerung der 52jährige Edgar dafür schämt seine Mutter Monate vor ihrem Tod mit einem Foto von den Kratzspuren an den Wänden in den Gaskammern konfrontiert zu haben, zeigt wie schmal der Grad zwischen notwendiger Aufarbeitung und familiärem Schonraum ist. Jedenfalls bleibt der bittere Abschied von der Mutter „Nimm deine Sachen und hau ab, ich will dich hier nicht mehr sehen“ nur nachvollziehbar, weil noch in der Stunde des Todes jedes gegenseitige Verständnis über die Vergangenheit fehlt.

Der Abschied vom Vater dagegen, wenige Jahre nach seiner Pensionierung, früh aber dafür standesgemäß als Kontrastprogramm. Kein derbes „Hau ab“, die schonungslose Konfrontation mit der Tätergeneration scheint ihm erspart geblieben zu sein (Das Hauskonzert beim Juden Brand hat schon genügt!), deshalb kein Magenstich sondern Herzinfarkt am heißen Strand von Ischia und Rückkehr in die Wohnung des Cellistensohnes Werner. Bildungsbürgerlich musikalisch ist die Kulisse, der 4.Akt der Aida gibt das Motto „Leb- wohl, o Erde, Tal der Tränen“ und Dali zerlaufende Uhren gibt’s noch dazu. Der Fiktion an dieser Stelle etwas zu viel. Friedlich jedenfalls der Abgang eines autoritären Vaters, der Kultur als Schutzraum zelebriert, geschichtsblind, mit viel Sinne für Sekundärtugenden, aber fast ohne  Wärmestrom und Sensibilität.

Das Buch von Edgar Selge ist letztlich eine Traumabewältigung und ein Beleg, dass Kränkungen auch großartige schauspielerische und literarische Schöpfungskräfte freisetzen können .  Note: 1/2 (ai)<<

>> Den Besprechungen der beiden Lesefreunde kann ich nur zustimmen. Alles Wichtige ist gesagt. Ich kann mich kurz fassen. Edgar Selges Spätling, genauer gesagt sein Erstling, an dem er fünf Jahre lang gearbeitet hat, berührt mich mehr als viele andere Bücher. Woran könnte es liegen? Der junge Edgar hat es nicht leicht. Seine Eltern wollen ihn von seinem „Hang zur Unaufrichtigkeit“ befreien. Unentwegt und mit allen Mitteln. „Kommunismus und Kitsch“ bedrohen die Welt des musikalischen und gebildeten Vaters. Seine Übergriffigkeit gegenüber den eigenen Söhnen macht ihn zu einer mehr als problematischen Figur. Die Mutter leidend, voller tragischer Momente.

Die Situation der Eltern wird genial komprimiert zusammengefasst: „Der Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie überstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist übrig geblieben.“ (Seite 18) Ein großes Thema, die Musik. Beethoven zum Beispiel: „Diese Musik ist voller Erlebnis, da geht es um was.“ (Seite 42). Ja um was denn? Gleichzeitig ist Musik ein großer Stress. Die Mutter weint, weil der Profigeiger ihr die geigerischen Grenzen aufzeigt. Zum Kotzen, sorry. Die sogenannte U-Musik existierte schon damals, hat aber Hausverbot bei Selges. Gemeinsames familiäres Singen mit Papa am Piano kommt nicht vor. Es muss Klassik sein. Und es wird gestorben. Auf sehr unterschiedliche und brutale Weise. Das Verhalten der todkranken Mutter gegenüber ihrem Sohn, unfassbar.Wie Edgar verzweifelt um das Leben seines jüngeren Bruders kämpft, das geht unter die Haut.

Bei der Buchvorstellung in Tübingen sagte Selge: “Ich glaube, Kinder haben die Fähigkeit, furchtbare Dinge zu erleben und nicht an ihnen zugrunde zu gehen. Resilienz nennt man das.“(Schwäbisches Tagblatt vom 13. Mai 2022). Edgar Selge muss sich diese Resilienz über die Kindheit hinaus bewahrt haben.

Mein zusätzlicher „Lektüremehrwert“: viel Glück gehabt mit meiner unbeschwerten Kindheit in der Kleinstadt auf der Ostalb, mit Eltern, die wussten, wer sie sind und nicht mehr sein wollten und ihre Kinder selbst-und bedingungslos liebten. Sie erzählten mir von einem Nachbarn, der nach Dachau kam, von Bespitzelungen in Gottesdienst, von einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo. Meinen Eltern, dem Schicksal oder auch Gott, großen Dank. Note : 1/2 ( ax)<<

 

>> Hast du uns endlich gefunden ist der Ausruf, den Edgar Selge in dieser autobiographischen Reflexion im Traum seiner Mutter in den Mund legt. Wie im Traum alles eine Inszenierung des Träumenden ist, so spricht in diesen Worten nicht die Mutter, sondern der Autor. Das Anliegen: eine widerstreitende Sehnsucht des inzwischen 70-jährigen die Eltern endlich „zu finden“. Die familiären Schlachten sind geschlagen. Den erbitterten Kämpfen folgt nach der Erschöpfung der tiefe Wunsch nach Ausgleich. Selge war erschüttert, dass er den liebte, der ihn quälte. Vor allem seinen Vater, diesen disziplinierenden Justizbeamten. Auch wenn das Werk von traurigen, nachdenklich stimmenden und erstaunlichen Daseinswidersprüchen und Alltagskonflikten durchzogen ist, wird vor allem gegen Ende immer deutlicher, dass Selge weiß, dass er zuerst das Bild seines Vaters in sich zerstören muss, bevor er das sie beide Verbindende reanimieren kann.

Selge bedient sich dabei literarisch eines hilfreichen Instruments. Er lässt den Grundschüler Edgar erzählen. Die kindliche Flapsigkeit macht Erschütterendes unterhaltsam ohne den ernsten Inhalt zu verwischen. Naive Ich-Betonung des Buben macht die Disziplinierungsprinzipien der Eltern plausibel. Tragik wird zur Komik und bleibt dennoch tragisch. Die Kunst des Autors liegt vor allem darin, mit dem Sprachgebrauch eines frühreifen Lausbubs eine Tiefensicht zu erlauben und dennoch die literarische Gestalt des Kindes durchgängig zu erhalten. Letztlich wird dadurch auch erreicht, dass das Autoritätsgefälle innerhalb der Familie als übermächtig nachempfunden werden kann. Entsprechend kann der Leser umso eindrücklicher die verbissenen Befreiungsversuche des kleinen Edgar nachvollziehen. Und natürlich hat der anerkannte Schauspieler Selge Sprache. Sprache, die grandios zwischen den Welten beider Generationen Brücken schlägt, die anrührt und betroffen macht, aber immer auch von Witz und Leichtigkeit beflügelt wird. So etwa als Vaters Rohrstock auf ihn niederfährt: „Dann packt er mein Genick und biegt meinen Körper über die Ehebetten … Der heiße Urin rinnt mir ins Hosenbein. Du Schwein!, stößt er aus, hörbar angestrengt. Ja, das ist auch für ihn ein körperlich fordernder Vorgang.“

Selbst die profunden Sachkenntnisse musikalischer Darbietungen will man dem Grundschüler abnehmen. Der Author schafft den fließenden Übergang der Sprachwelten, wenn der Wicht im wohlwollenden Kennerton die väterlichen Intonationen früher Bachfugen als überstürzt und ein wenig atemlos beschreibt. In Edgar steckt Potential. Aber er will es nicht nutzen. Auch musikalisch nicht, obwohl er schon als Schüler von Klassik ergriffen ist.  Edgar braucht die Pflichtverletzung, braucht den Widerspruch. Edgar spürt sich erst in der verbotenen Grenzüberschreitung. Edgar ist ein notorischer Dieb. Edgar streut unhaltbare Versprechen. Edgar schlägt vor den Kopf. Selbst jene, die ihm nahe sind. Wenn er der platonisch geliebten Klassenkameradin einen Viertelliter Pausenkakao in die wunderschönen Haare schüttet, um ihren Blick ernten zu können. Wenn er den übergewichtigen, lieben Nachbarn durch Klingelstreiche durch die Wohnung scheucht. Ja, es hat sogar etwas von eigenwilliger Selbstzerstörung. Ein wiederkehrender Reflex, den Edgar gelegentlich bereut. Ein Reflex, der ihm viel häufiger jedoch unbändige Freude bereitet. Als der Vater während der sonntäglichen Lesestunde Dostojewskis „Brüder Karamasow“ abhandelt, meint der Kleine den Sog der Selbstzerstörung zu erahnen, der nicht nur die Karamasows, sondern auch ihn betört.

Was sich einstellt, ist ein labiles Gleichgewicht, in dem elterliche Willkür, kindliche Renitenz, Schicksalsleiden und seine hartnäckige Resilienz die Wirkkräfte sind. Trotz schmerzlicher Niederlagen steigt der unverwüstliche Edgar immer wieder in den Ring. Sein übermächtiger Gegner ist der Vater. Wer ist das? I. Weltkriegsveteran, degradierter Jugendgefängnisdirektor, Sympathisant inhaftierter Nazigrößen, gebildeter Antisemit und preußischer Ordnungshüter vor allem in Erziehungsfragen. Lateinstunden mit dem Vater tragen das Gesicht von Folterritualen. Bedrohungen gibt es für den Vater vor allem zwei: Kommunismus und Kitsch. Dieser Mann ist auch belesener Bildungsbürger und vor allem Musiker. Besessen von Beethoven und Kollegen verbringt er jede freie Minute Piano übend, um in Konzerten vor die 400 Jugendstraftäter seiner Anstalt und die Honoratioren des Rotary Clubs zu treten. Klassik ist für ihn die Ästhetik rigoroser Ordnung, in der jeder Laut unmissverständlich definiert ist. Passgenau in der Wertewelt der Autoritätsperson Selge senior.

Und dennoch hat der Alte auch eine fürsorgliche Seite, die jugendliche Straftäter vor dem erbarmungslosen Erwachsenenstrafvollzug bewahrt in der Hoffnung, doch noch ein vermurkstes Einzelschicksal zum Besseren wenden zu können. Auch überrascht er als Ehemann, der die verzweifelte Frau auffängt, als sie in der vierten Fahrprüfung in das Schaufenster ihres geschätzten Handarbeitsladens rast. Aufrichtige Tränen vergießt er mit der Mutter seiner fünf Söhne, von denen zwei frühzeitig starben. Einer beim Spielen mit einer Handgranate, der andere als Student auf Grund eines Nierenleidens. Ja, er hat auch Wärme.

Für Edgar sind die beiden deutlich älteren Brüder Säulen der Zuversicht. Junge Männer, die ungestraft am Esstisch Widerspruch leben, liberale Ideen hochhalten, Kriegsschuld benennen und ihm klammheimliche Lebenshilfe gewähren. Ein einziger Trost im Familienkreise. Denn die zarte Mutter ist mit ihrer eigenen Verzweiflung so ausgelastet, dass sie Edgar keinen Ausgleich bieten kann. Ihre Lebensenttäuschung ist allumfassend. Statt der Haushaltsmonotonie, der Gefängnisallgegenwart, der patriarchalischen Ehemann- und Söhnewelt wäre ihre Berufung die einer Lyrikerin gewesen. Stattdessen verzehrt sie sich im Kreise drehend. Letztlich bleibt sie unversöhnlich und wird auch am Sterbebett den immer noch aufsässigen Edgar fortschicken. Trotzdem oder gerade deshalb scheint der Schauspieler Selge sich als Autor seiner Familie anzunähern. Schreiben schafft Frieden. Hast du uns endlich gefunden.

Ein sehr gutes Buch. Ein guter Ton. Auch eine kleine Kultur- und Zeitgeschichte. Ein pädagogisches Panoptikum. Wirklich lesenswert. Note: 1  (ur) <<

Europadämmerung – Ivan Krastev

Edition Suhrkamp SV 2017 – 144 Seiten

>>            Der Autor befasst sich kritisch mit dem Wesen der Europäischen Union. Während die EU noch alle erdenklichen Formen der Integration dekliniert, entwirft Krastev eine Theorie der Desintegration. Er nimmt verschiedene Kräfte wahr, die eine Auflösung der EU befürchten lassen. Europäer gäben als Ziel die Überwindung der ethnischen Nationalismen an bis hin zur Aufgabe der Nationalstaaten. Wohlstand und soziale Gerechtigkeit könnten durch eine prosperierende kollektive Ökonomie erreicht werden. Gleichzeitig würde von einem geradezu infektiösen Transfer liberaler Ideen, Wirtschaftsmodelle und politischer Ideen ausgegangen. Getrieben wurden diese Ideen durch den geopolitischen Ost-West-Konflikt, bei dem die sozialistische Sowjetunion indirekt die treibende Kraft war. Auf die sozialistische Konfrontation antworteten die europäischen Demokratien mit einem wirtschaftlichen und politischen Schulterschluss in Form der EU.

Nach dem Zerfall des Sowjetreiches fehlt jedoch diese konstruktive Bedrohung. Stattdessen entwickelt sich in der EU ein destruktiver Innendruck, wobei streng nationale Loyalitäten revitalisiert werden. Auslöser dieser Entwicklungen sind vor allem internationale Krisen (Finanz, Migration, Corona) an deren Ende der Pessimist Krastev in absehbarer Zeit den EU Zusammenbruch prognostiziert. Der finale Dolchstoß wird die anhaltende Migrationskrise sein. Entscheidend ist dabei der Konflikt zwischen dem Autoritarismus an den Rändern (Polen, Ungarn) und dem dagegen rebellierenden Zentrum (Frankreich, Deutschland). Migration wird zur Revolution der Moderne. Es ist kein Versuch der Systemänderung von Staaten, sondern der Versuch von Millionen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Der Revolutionär ist der Fliehende. Systeme werden unter ihm zusammenbrechen. 

Der europäische Liberalismus wird mit dem zentralen Widerspruch konfrontiert, dass der Geburtstort über das Wohl eines Menschen entscheidet. In vielen Analysen wird ignoriert, dass Rechte etwas kosten. Deshalb hängt die Verwirklichung von Rechten auch vom Wohlstand einer Nation ab. Gespeist vom Diktat des globalen Vergleichs katalysiert durch das globale Internet entsteht ein Sog zu größerem Wohlstand. Das Dasein mit einem vergleichsweise geringeren Wohlstand/größerer Armut wird weltweit für das Individuum unerträglich. Es ist das Trauma einer Welt als globalisiertes Dorf. Migranten werden die Akteure des 21. Jahrhundert sein. Die Erwartung, dass die EU und ihre Bürger sich zunehmend in eine demokratischere, tolerantere, liberalere Gesellschaft entwickeln werden, wird durch die Flüchtlingskrise grundlegend in Frage gestellt. Denn die Flüchtlingskrise ist nicht nur eine Migration von Menschen, sondern auch von Argumenten, Emotionen, politischen Identitäten und Wählerstimmen in den Aufnahmeländern. In der Zeit nach 2015 wird die Flüchtlingskrise zum 11. September der EU. Es ist vor allem die Angst vor dem Zusammenbruch der moralischen Ordnung, die zur treibenden Kraft wird, sich gegen Ausländer zu stellen – weniger die Angst vor Wohlstandsverlust.

Bemerkenswert auch die Tatsache, dass die Migrationskrise die politischen Orientierungen umgekehrt hat. Früher vertrauten westliche Bürger ihren nationalen Regierungen mehr als Brüssel. Östliche Staatsbürger dagegen trauten EU-Technokraten mehr als ihren korrupten Regierungen. Heute haben sich diese Orientierungen invertiert. Damit hat die Migrationskrise nicht nur zu einer Priorisierung nationaler Interessen im Osten und einer paneuropäischen Betonung im Westen geführt, sondern auch eine neue Ost-West-Spaltung bewirkt. Selbst humanitäre Grundsäulen geraten ins Wanken. Inzwischen scheint die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 veraltet, war sie doch vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und faschistischer Unterdrückung formuliert worden. Die Konvention war nie gedacht für den Massenexodus zwischen Kontinenten. Pervertiert wird diese Situation durch die Tatsache, dass Vertriebene vielfach erfolgreich als politische Waffe eingesetzt wurden und werden. Dieser Missbrauch ist deshalb möglich, weil man sich ein humanitäres Manifest gegeben hat, das in letzter Instanz globalen Massenmigrationen nicht gewachsen ist.

Neben diesen durch internationale Krisen katalysierten Zersetzungsprozess, gibt es weitere Widersprüche, die Krastev als Paradoxien wahrnimmt.

Das osteuropäische Paradoxon.

            Warum sind die ehemals europafreundlichsten Länder des Ostens die größten Migrationskritiker? Die Fremdenfeindlichkeit osteuropäischer Länder ist historisch gewachsen. Diese multiethnischen Länder gingen erst im 19. Jahrhundert aus dem Zerfall der Großreiche Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland hervor – verbunden mit umfassenden ethnischen Säuberungen. Nachdem etwa aus Polen Juden, Ukrainer und Deutsche vertrieben oder ermordet worden waren, bildete sich die weltweit homogenste Gesellschaft mit 98% ethnischen Polen heraus. Viele westeuropäische Länder dagegen waren und bleiben bis heute nach dem Zerfall ihrer Kolonialreiche und tolerierter Einwanderung gemischte Ethnien. Bemerkenswerterweise gehören osteuropäische Bürger jedoch selbst zu den migrationsfreudigsten in der EU. So haben z.B. mehr als 2 Millionen Bulgaren ihr Land, das nur 7 Millionen Einwohner zählt, verlassen.

Die europäische Integration Osteuropas ist nicht nur ein wirtschaftliches Projekt, sondern soll vor allem die Unumkehrbarkeit des demokratischen Wandels in den postkommunistischen Staaten garantieren. Das Verfahren stützt sich dabei auf das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche. Mit der schnellen Abfolge internationaler Krisen macht sich jedoch inzwischen eine illiberale Wende bemerkbar. Die Migrationskrise entwickelt dabei die größte Dynamik. Populistische Parteien mausern sich zur Stimme bedrohter Mehrheiten. Extrem im Osten, aber explosionsartig auch im Westen. Populismus wird zum europäischen Mainstream.

 

Das westeuropäische Paradoxon.

Warum hat die politische Mobilisierung der jüngeren Generation Westeuropas, die betont EU-freundlich und liberal eingestellt ist, nicht zu einer paneuropäischen Massenbewegung geführt? Vermutlich auch, weil sich die Bewegung selbst in einen unlösbaren Widerspruch verfangen hat. Einerseits favorisiert diese neue kosmopolitische Revolution die Auflösung der Nationalstaaten hin zu einer liberalen, grenzenlosen Europäischen Republik. Gleichzeitig werden aber regulative EU-Institutionen vehement abgelehnt, womit ein abgestimmtes europäisches Miteinander unmöglich wird.

Das Brüsseler Paradoxon.

Warum gibt es so viele Ressentiments der Brüsseler Führung gegenüber, wo sie doch die meritokratische Elite Europas darstellt? Eigentlich sollte eine Meritokratie als System mit den talentiertesten und fähigsten Menschen in Führungspositionen sogar gegenüber einer Demokratie (Herrschaft der Mehrheit) überlegen sein. Tatsächlich entsteht der Eindruck, dass meritokratische Politik Ungleichheit schafft und diese durch Unterschiede in der Leistungsfähigkeit begründet. Die Eliten selbst werden dabei als illoyal wahrgenommen, die aufbauend auf ihre Kompetenzen wie Hochleistungsfußballer beliebig die Vereine wechseln. Entsprechend versprechen im Gegenzug populistische Parteien, Eliten zu nationalisieren. Sie versprechen den Menschen nicht sie zu retten, sondern bei ihnen zu bleiben. Sie versprechen nicht Kompetenz, sondern Intimität. Ähnlich übrigens wie auch vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten Trump praktiziert.

Das Paradoxon von Referenden

Eine Möglichkeit, die Arbeit der EU zu unterlaufen, sind Referenden. Diese werden als direkte Demokratie dem entrückten Brüsseler Diktat entgegengehalten. Manche sehen in Referenden die wirkungsvollste politische Teilhabe innerhalb einer Demokratie. Andere sehen sie als perverseste Möglichkeit zur Manipulation der Massen. Bei gleichzeitig gestellten Fragen: „Wollen Sie Steuerkürzungen?“ und „Wollen Sie die Erhöhung der Sozialausgaben?“ wird die Mehrheit beides bejahen, obwohl es sich widerspricht. EU-Skeptiker haben entsprechend z.B. in Ungarn (Nicht-Aufnahme von Flüchtlingen) und den Niederlanden (Nicht-Assoziation der Ukraine) mittels Referenden EU-Politik untergraben. Fairerweise muss angemerkt werden, dass Referenden wie z. B. während der griechischen Finanzkrise die europäische Fiskalpolitik phasenweise gestärkt haben. Referenden bleiben ein äußerst zweischneidiges Schwert.

Und Russland?

Russische und osteuropäische Eliten sehen in den Zersetzungsprozessen innerhalb der EU Reminiszenzen an den Zerfall der Sowjetunion. Von Russland wird der EU-Zerfall offensichtlich gezielt gefördert, worauf auch die zunächst erstaunliche Nähe zu rechtspopulistischen Parteien wie der AFD in Deutschland und der französischen Front National beruht. Für Russland ist ein sich zersetzendes Europa geopolitisch von Vorteil.

Krastevs Empfehlung.

Bei allem Pessimismus empfiehlt Krastev dennoch, die Kompromissbereitschaft zu erhöhen. Versöhnung zwischen den Kontrahenten sollte höchste Priorität haben. EU-Mitglieder sollten nicht versuchen, den innereuropäischen Gegner zu besiegen, sondern u.U. Teile der gegnerischen Politik zu integrieren. Im Rahmen der Migrationskrise als ernsteste Bedrohung gehören gut geschützte Außengrenzen als eines dieser Entgegenkommen dazu.

Kritik an Krastev.

Trotz vieler interessanter Aspekte malt Krastev ein einseitig negatives Bild der EU. Die EU sei fortlaufend mit Krisenspaltungen konfrontiert, die in absehbarer Zeit den Zusammenbruch bewirken werden. Die Finanzkrise spaltete in Nord und Süd, der Brexit zwischen Kern und Peripherie, die Flüchtlingskrise in Ost und West, die Ukrainekrise 2014 zwischen Falken und Tauben bzgl. des Umgangs mit Russland.

Die vielen, teils bedrohlichen Krisen und ihre Bewältigungen (!) können jedoch ebenso als nicht endende Reihe von Erfolgsgeschichten interpretiert werden. Dies ist umso eindrücklicher, da es sich um völlig unterschiedliche Bedrohungen handelte (Binnenpartizipation an Arbeitsmärkten und den Sozialsystemen, Finanz-, Russland-, Migrations- und Coronakrise). Im Moment vollzieht sich mit dem aktuellen (2022) Russland-Ukraine Krieg ein schwer vorstellbares historisches Ereignis, welches eine ungeahnte Solidarität unter den EU-Mitgliedern befördert. Alle Binnenkonflikte treten weitgehend in den Hintergrund. Die EU ist so vital wie noch nie mit einer gewissen Nachhaltigkeitsgarantie. Da die russische Bedrohung vermutlich langfristig bleiben wird, ist mit dem alten Feind der befriedende Zwang zur Einheit wiederbelebt. Bizarr aber real, die kurative Wirkung eines Völkerrechtsverbrechens.     Note:3+  (ur) <<

 

>>Ivan Krastevs „Europadämmerung“ ist gewiss eine kluge Bestandsaufnahme des Dilemmas der Europäischen Integration. Vor allem sein Blick auf die so unterschiedlichen historischen Voraussetzungen der „mitteleuropäischen Staaten“ (gemeint die osteuropäischen Staaten) führt uns nicht nur in der Migrationsfrage die Krisenanfälligkeit der EU vor Augen. Dennoch erscheint mir sein anfangs geäußertes Untergangsszenario (Sturz des Kontinents in Unordnung, Zusammenbruch liberaler Demokratien an den Rändern Europas, Kollaps mehrerer Mitgliedstaaten, Traum eines freien und geeinten Europas dürfte ausgeträumt sein, s. S.17) nicht zu seiner nachfolgenden differenzierten Analyse zu passen. Krastev benennt zwar die Sprengkräfte: Finanzkrise, Schuldenunion, Migration, Brexit, Wiedererstarken von Nationalismen und Populismus, Institutionen- und Meritokratenbashing, verweist aber zugleich in seinem Schlusskapitel neben den Brüsseler „Kohäsionsbemühungen“ auf die ökonomischen und sicherheitspolitischen Bindungskräfte. Dabei stellt er aus meiner Sicht zu Recht fest, dass nur die Kunst „ständiger Improvisation und Flexibilität“ und die Bereitschaft zum Kompromiss (Interessensausgleich starker und schwacher , westeuropäische und mitteleuropäischer Staaten) das Überleben der EU sichern kann. Das bedeutet sich zu den Widersprüchen der Demokratie, der universellen Menschenrechte und des Liberalismus zu bekennen und das nicht nur bei Krastevs Forderung nach gut geschützten Außengrenzen und seiner Absage an Referenden.

Ob es Europa noch dämmert – die Geschichte wird’s letztlich beantworten.
Note: 2/3 (ai)<<

 

 

>> Im Untertitel „Ein Essay“. Also der Versuch, Fragen in knapper Form zu beantworten. Die Themen: Risiken eines Zerfalls, einer Desintegration der Europäischen Gemeinschaft, Tendenzen zur Renationalisierung. Dem Risikofaktor Flüchtlingskrise (2015) wird dabei ein sehr großer Stellenwert eingeräumt. In West-und Mitteleuropa und vor allem Osteuropa wurde damals darauf sehr unterschiedlich reagiert. Inzwischen gilt das nicht mehr. Insgesamt wurde die Flüchtlingskrise meiner Meinung in den fünf Jahren nach Erscheinen des Essays akzeptabel bewältigt. Auch andere Aussagen sind überholt. Bulgarien, Griechenland und Slowenien würde heute im Fall einer größeren Sicherheitskrise sicher eher im Westen als bei Russland Beistand suchen (Seite 12).

Der Autor hat viel, sehr viel Material verarbeitet. Oft beginnen die Sätze in etwa so: Wie x oder y in seinem Buch x ausgeführt hat…“. Referate. Manchmal verzettelt sich der Autor. Zum Beispiel bei der Schilderung des Flugzeugabsturzes von Smolensk vom 10. April 2010. So verliert man den Faden. Man lernt aber auch manch Neues. Zum Beispiel was einen Meritokraten auszeichnet. Auch José Saramagos Roman„Eine Zeit ohne Tod“ war mir nicht bekannt. Wäre vielleicht mal ein Buch fürs Seniorenquartett?

Der Vergleich der Mauer in Berlin mit den inzwischen in USA und Mitteleuropa gebauten Zäunen scheint mir problematisch. Der „Antifaschistische Schutzwall“ sollte ja nicht die Westdeutschen daran hindern, das Gebiet der DDR zu betreten. Er war für die Bewohner des eigenen Landes gedacht und forderte vermutlich mehr Menschenleben als die neuen Zäune.

Insgesamt ist das Buch eine gute und hilfreiche Zusammenschau einer hochkomplexen Thematik. Wird es zum Zerfall der Europäischen Union kommen? Ich hoffe nicht, nicht nur weil Deutschland von der Integration profitiert. Ich vermute, dass die Europäische Union nicht zerfallen wird, solange Zahlungen in Milliardenhöhe nach Osten fließen.

Die Frage, ob und warum die Demokratien sich in einer Systemkrise befinden, beunruhigt mich stärker. Die Wohlstandszuwächse fallen in autokratischen Ländern höher aus als in Demokratien, zum Beispiel in China. 2021 lebt 45,7 Prozent der Weltbevölkerung in demokratischen Staaten. Ein Jahr zuvor waren es noch 49,4 Prozent. Wird sich der Abwärtstrend der Demokratien fortsetzen? Note: 2– (ax)<<

 

 

<< Krastevs Analyse über den Zustand Europas ist 2017 erschienen, also vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine. Ist sie von der Geschichte überholt worden und vielleicht sogar obsolet? Im Gegenteil!  Zwar sind die Europäer durch den Krieg in der Ukraine zusammengerückt, aber die Bruchlinien, die Krastev beschreibt und die seit der sog. Flüchtlingskrise 2015 offen zu Tage traten, sind immer noch vorhanden. Es ist ein Verdienst Krastevs, dass darauf aufmerksam zu machen, dass die osteuropäischen Mitglieder der EU in vielen Feldern eine ganz andere Sichtweise wie die klassischen westeuropäischen Gründungmitglieder der EU haben. Gerade dies zeigt sich nun auch im Ukraine Krieg, in der Staaten wie Polen oder die Balten viel offensiver agieren.
Die Renationalisierung der EU, die mit der Flüchtlingskrise begann, hat Krastev zufolge zu einer neuen OST-WEST Spaltung der EU geführt.  Diese Spaltung ist durch den Ukraine Krieg nicht etwa aufgehoben, sondern offensichtlicher geworden. Der kosmopolitische Kern der EU ist im Westen der EU akzeptiert, im Osten nicht. Osteuropa war in der Vergangenheit multiethnisch, sie wollen nicht dahin zurück. Polen baut einen Zaun zu Belarus. In Ungarn ist die Regierung immer noch ganz anders unterwegs als sich dies die Zentraleuropäer vorstellen, in Italien steht eine Regierung mit Neofaschisten vor der Türe, in Frankreich siegt Macron nur knapp und EU feindliche Kräfte von links und rechts  waren kurz vor einem Sieg.  Die Gefahr für Europa ist nicht vorbei. Die Dämmerung hält an.   Note: 2 (ün) >>

 

Mein kleines Prachttier – Marieke Lucas Rijneveld

Suhrkamp 2021|  364Seiten.

>>An diesem Werk werden sich die Geister scheiden! Darf man den Missbrauch eines 49-jährigen Tierarztes an einem 14- jährigen  Mädchen komplett aus der Sicht des Täters erzählen? Ja, man darf. Wenn man es so brillant macht wie Marieke Lucas Rijenveld.  Die Kraft und Macht der Literatur wird selten so eindrucksvoll deutlich, wie in diesem atemlosen Monolog über 364 Seiten. Wir können in den Kopf und die Seele eines Täters blicken, der sich seiner Schuld bewusst ist und doch nicht von seiner Obsession loskommt. Angesiedelt im ultra- religiösen Bibelgürtel der Niederland schwingt auch immer das beklemmende Milieu mit, in dem beide, Täter und Opfer aufgewachsen sind. Die Leute halten sich mit Bibelzitaten aufrecht und schauen ansonsten weg. Das androgyne Mädchen träumt davon, ein Junge zu sein, einen Penis zu haben. Ihr Halt sind Rockmusiker wie Kurt Cobain und deren Texte. Insofern gibt es eine austarierte Entsprechung zu den Bibelstellen und Psalmen.  Wir müssen uns das Mädchen auch als eine Border-Linerin vorstellen, deren Phantasiewelt grenzenlos ist.
Seine berufliche Sprache benutzt der Tierarztes immer wieder in stimmigen Metaphern um seine Liebe, seine Obsession und auch seine Leiden zu beschreiben. Die Welt des Mädchens erfahren wir allerdings, wie eigentlich alles in dem Roman, ausschließlich aus der Perspektive des Mannes. Eine echte literarische Erfahrung. Note:  1 (ün) <<

>> Der Roman beginnt mit dem Satz: „Mein Augenstern: ich sag es dir besser gleich:“ „Ich“ ist ein Veterinär in fortgeschrittenem Schwabenalter, „Augenstern“ eine Vierzehnjährige. Kind oder Jugendliche? Mein lieber Leser*, ich sag es dir besser gleich: ich möchte dir vom Lesen des Buches eher abraten. Du wirst zwar manch Neues erfahren über die Penislänge von Blauwal und Elefant, aber interessiert es dich? Oder über Hitler und Mussolini, dass sie „berühmte Nasenwühler“ waren und Rotz die „köstlichste Leckerei“ sei (Seite 223). Hitler und sein Geburtstag geistern durch das Buch, wohl weil die Jungmaid und der Führer geburtstagsidentisch sind. Darf man das Buch „den Hasen geben“, wie ein guter Freund zu sagen pflegt, wenn er etwas entschieden ablehnt? Eher nicht, sie würden vielleicht erschrecken, da wird doch mal ein Karnickelpenis erwähnt.

Sommer 2005. Die mehr als grenzwertige und übergriffige erotische Beziehung zwischen dem verheirateten Viehdoktor und der namenlosen Vierzehnjährigen, die mit Vater und Bruder auf dem elterlichen Hof lebt, wird von der niederländischen Erfolgsautorin in 42 Kapiteln erzählt, von Punkt und Komma weitgehend befreit. Will sie Mannschen Stil imitieren? Das Mädchen lebt in einer intensiven und komplexen Phantasiewelt, die perplex macht. Sie möchte wie ein Junge im Stehen pinkeln. Ich habe mir mühsam das Stehpinkeln abtrainiert. Vermutlich soll der Roman hier die viel diskutierte Trans-Problematik anschneiden. Der Tierarzt selbst war als Jugendlicher Opfer mütterlicher Übergriffe. So hat jeder sein Päckchen plus Folgen zu tragen.

Mehrere Zettelkästen werden versenkt. Viele viele Fetzen aus meist banalen englischen Popsongs, von den Bee Gees, Lou Reed, Leonhard Cohen bis zu den Stones. Erleichtern sie die Kommunikation zwischen den beiden Protagonisten? Sonst wären sie funktionslos, blattfüllend halt, überflüssig. Auch Psalmen und Bibelstellen fehlen nicht. Das Hohe Lied Salomons passt gut. Horaz-Zitate belegen, dass die Autorin höhere Bildung genossen hat.
Ein schöner Regieeinfall: Der Sohn wird, ohne es zu ahnen, zum Konkurrenten seines Vaters, den die Eifersucht zu Schweißausbrüchen treibt. „Du warst das Feuer meiner Lenden“ liest man mehrmals. Ist das nicht Kitsch? Oder die bemühte Geweihmetaphorik. Gehörnt? Das Quartett um Denis Scheck bejubelte das Buch im Südwestrundfunk. Ich habe beim Lesen eher gelitten und war erleichtert, als ich endlich auf Seite 364 angekommen war. Vielleicht ist der Roman im Lauf einer Schreibtherapie entstanden, als Versuch, verschiedene Obsessionen loszuwerden. Dann hätte er einen Sinn. Michel Butor verwendete in „La modification“ (1957), einem  Schlüsselwerk des Nouveau Roman, ein identisches Erzählverfahren. Nur mit „vous“ statt „Du“ (Erster Satz: „Vous avez mis le pied gauche…“.) Das kleine Prachttier, nouveau roman plus.

Note: 5+ ( ax) <<

 

>> 364 Seiten Neuland- Literatur, die verstört und Dimensionen von Abgründen aufzeigt. Es ist die kleine Welt um den niederländischen Bauernhof von De Hulst, Schauplatz eines Tabubruchs, einer obsessiven Liebe eines 49jährigen Tierarztes zu einem 14jährigen Mädchen. Was in jenem Sommer 2005 geschah und warum es geschah, wir erfahren es ausschließlich aus den Erinnerungen des Täters und dessen Erinnerungen haben eigentlich nur einen Adressaten: das Opfer „für dich“  Ich als Leser folge seinem Erklärungsversuch nicht ohne Irritation, einem Kaleidoskop von Realität und Alptraum, einem sezierenden Psychogramm (frühe Traumata), einer Selbstanalyse („Handlanger des Wahnsinns“),  anteilnehmend und erschütternd zugleich: Das Urteil der Magistrate: nicht meines-. Auch sprachlich beeindruckend.

Note :1 (ai)<<

 

>>  Wir lesen einen 364 Seiten-Monolog mit nur gelegentlichen Punkten, gefühlt ein endloser Satz. Er entpuppt sich augenblicklich als atemlose Liebeserklärung in Gestalt eines literarischen Tagebuchs, geschrieben in der Gefängniszelle. Straftatbestand: Sittendelikt. 49-jähriger Tierarzt nötigt sexuell 14-jährige Landwirtstochter. Obwohl Rahmenfakten und Schuld offensichtlich scheinen, bemerkt der Leser schleichend, dass die klassische Missbrauchsanklage schwer fällt. Rijneveld gelingt diese Überraschung durch einen Perspektivwechsel, indem nicht das Opfer, sondern nur der Täter zu Wort kommt. Da es zu diesem Zeitpunkt nicht (mehr) um Wahrheitsfindung und Objektivität geht, spielt es auch keine Rolle, ob der Ich-Erzähler Momente verklärt oder verfälscht. Entscheidend ist der Tenor hinter all dem Gesagten. Dieser Tenor ist Ausdruck einer aufrichtigen Liebe, einer tiefen Zuneigung, die nicht auswechselbar ist. Hintergründig stellt sich sogar die Frage, wie diese Reinheit befreit werden könnte von der auch dieser ungleichen Beziehung innewohnenden Gewalt. Der Ich-Erzähler stellt diese Frage nicht, sondern schließt mit der Sicht, dass er diesen wunderschönen Schmetterling nicht hätte berühren dürfen, um seine Flügel nicht zu verletzen. Dann hätten sie mehr von dem Glück sanfter Zweisamkeit bewahren können.

Wir bewegen uns irgendwo durch die holländischen Niederungen, wo der geschätzte Tierarzt die Tiere der Massentierzüchter täglich in ihrem Geschäft medizinisch betreut. Die heranwachsende Tochter eines Kunden wird er später einmal mein kleines Prachttier titulieren und meint damit meine himmlisch Auserkorene. Mit der zunehmenden Reife wächst auch ihre erotische Ausstrahlung. In Anspielung an die kunsthistorischen Pädophilieverherrlichungen nennt er sie fortan mein Putto entsprechend den pausbäckigen, nackten Engelchen, die zweideutig Kirchengewölbe zieren.

Putto sei in einem Zwischenzustand. Intellektuell und hormonell sei sie der Zeit voraus und dennoch drängle sich noch eine Herde von Kuscheltieren in ihrem Bett. Im Schwimmbad knutsche sie mit den Boys, zuhause lege sie sich mit seinem Sohn ins Bett: Küsse, Fummeln, geniertes Reiben. Ein Leben erklärt in Popsongzitaten. Dazwischen sehnsüchtige Bibelzitate und eine merkwürdige Literaturtiefenkenntnis. Ihr Sein weiche von der Norm ab, stehe sie doch im steten Dialog mit S. Freud und A. Hitler (Sexualität und Machtgewalt). Dass sie nicht stabil geerdet sei, spiegele sich auch in den uneinheitlichen Transformationen wider, die sie häufig zitiere. Mal Frosch wie einer der ersten Kuschelboys; mal Otter, das Tier mit dem eindrucksvollen Penisknochen; mal Vogel oder Flugzeug. Gerade die Flugzeugsymbolik trägt etwas Pathologisches. Gelegentlich stünde sie unter der Dusche, um erschüttert von der eigenen Gewalttätigkeit Blut und Trümmerreste von ihren Flügeln abzuwaschen, nachdem sie in den zweiten Turm des World Trade Centers geflogen sei. Eine empfundene Schuld, die sie immer wieder einhole. Metamorphosen durchlebe sie auch bezüglich ihrer eigenen Geschlechtlichkeit, neige sie doch (wie Rijneveld selbst) dazu, sich non-binär zu empfinden. Will Frau werden und auch Mann sein. Die Suche nach Identität. Einen kleinen Jungen habe sie gedrängt, sich den Penis abzuschneiden, um sich diesen mit UHU später selbst anzukleben. Nur wegen der stumpfen Schere sei der Versuch gescheitert. Selbst das männliche Pinkeln im Stehen wäre ihr zur Wunschvorstellung geworden. Später habe sie einmal den Urinstrahl des Ich-Erzählers lustvoll dirigiert.

Diese Daseins-und Sinnsuche kulminiere wiederholt in einer Todessehnsucht. Sie lege sich in einem Jutesack auf die Fahrbahn, sei vom Futtersilo gesprungen, schlitze sich mit dem Skalpell den Schenkel auf oder dränge den Tierarzt sie zu sezieren. Vielleicht Fortführungen tragischer Verlusttraumata der frühen Kindheit, als ihr zweiter Bruder überfahren worden wäre und in der Folge ihre Mutter in aller Verzweiflung die Familie verlassen hätte ohne je zurückzukehren. Neben seiner grenzenlosen Liebe sähe der Ich-Erzähler sich berufen, dem beängstigend herumirrenden Geschöpf Halt und Richtung zu geben.

Er versuche geradezu süchtig in ihr Leben zu kriechen, ihre Luft zu atmen, sich ihre Weltsichten anzueignen. Beglückt ließe er sich fortan Kurt nach dem verstorbenen Sänger Kurt Cobain nennen. Kurt & Putto. Einen Sommer lang habe die Annäherung gebraucht, in kleinen Schritten, in vielen Gesprächen, erst die Hand auf ihrem Schenkel im Kino, sein ärztlicher Trost unter der Decke im Krankenlager in ihrem Kinderzimmer, Fahrradtouren, Streichelabende auf der Matratze in seinem Fiat, dann der gemeinsam geplante Geschlechtsakt, sein brutaler Fellatiozwang als sie fast bewusstlos im Krankenhaus gelegen sei, die Vergewaltigung als sie sich von ihm trennen wollte. Diese Taten seien Verbrechen – im Kontext des Buches machen sie jedoch nur eine Oberschwingung im vielschichtigen Klanggebilde aus. Trotz des Wissens um die Schuld würde er im Zuchthaus vor Sehnsucht schreien. Ein verhaltener Erklärungsversuch unternimmt er mit dem Verweis, dass er nach sexuellen Übergriffen seiner verhassten Mutter, nie erwachsen werden wollte und noch heute die quasi gleichaltrige Jugend suche.

Bezeichnend die lange Zeit zurückhaltender Reaktionen von Nachbarschaft, Kirche und Justiz. Selbst die entsetzte Ehefrau vermied die öffentliche Anklage. Verdrängung aus Angst vor Gesichtsverlust oder Toleranz oder Gleichgültigkeit der Institutionen? Die Verurteilung zu zwei Jahren Haft erfolgte erst Jahre später, nachdem Putto schon als Sängerin international gefeiert wurde. Für den Ich-Erzähler sei das Eingesperrtsein die letzte Möglichkeit, dieses verzweifelte, poetische Manifest seiner ewigen Verbundenheit zu verfassen.

Es fällt schwer in der erstickenden Monotonie der Thematik, dem anhaltenden Sperrfeuer assoziativer Ablenkungen und der erschöpfenden Endlosigkeit des formalen Aufbaus, die Poesie der Autorin zu würdigen. Aber ja, es gibt sie in großer Zahl – die feinfühligen Metaphern, die leisen und lauten Seitenblicke in versteckte Lebensnischen, die anrührenden Momente einer Dichtung. Schade nur, dass sie von der Flut literarischer Innovation überflutet werden als ob die Niederlande zwingend unter dem Meeresspiegel liegen müssten.  Note: 4  (ur) <<

Das Land der Anderen – Leila Slimani

Luchterhand 2021 – 379 S.

>>Das „Land der Anderen“ ist der erste Band einer als Trilogie konzipierten „Familiensaga“.
Die Protagonistin Mathilde verlässt 1946 ihr elsässisches Dorf um ihrem Mann Amine  nach Meknès zu folgen. Amine hatte bei den Saphir-Truppen gekämpft und Karriere gemacht. Mathilde ist eine überdurchschnittlich sinnliche Frau. Ihre präzise geschilderten sexuellen Wünsche bergen das Risiko einer Überforderung männlichen Potenzvermögens.

Voll verliebt zerbricht sie sich nicht  den Kopf, was sie in Marokko erwarten könnte. Als sie das Hofgut erblickt „erstarrt sie zu Eis“. Oft wird sie den Satz „So ist das hier“ hören müssen.

Ein hartes Leben auf dem Land, auch wenn sie von ihrer Schwiegermutter respektvoll und freundlich behandelt wird. Ihrer Schwester schreibt sie Briefe, in denen sie die Realität beschönigt. Gelegentlich schämt sich Amine für seine Frau. Konflikte zwischen den Ehepartnern werden unvermeidlich. Nach und nach ist Amine nicht mehr derselbe, den sie im Krieg kennengelernt hatte. Nach dem Tode ihres Vaters kehrt sie nochmals in die Heimat zurück. Der viel freiere „lifestyle“ gefällt ihr. Und spielt sie mit dem Gedanken, nicht mehr nach Marokko zurückzukehren, obwohl dort Mann und Kinder warten.
Das Buch ist relativ leicht lesbar, da chronologisch geschrieben und in viele Einzelstories, manchmal auch Schmankerl, unterteilt. Das skurrilste dürfte die Weihwasserverdünnung mit weiblichem Urin sein. Hinzu kommt der erfreulich flüssige Erzählstil. Das Private wird auf dem Hintergrund der politischen Entwicklung geschildert. Diese spitzt sich wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen zusehends zu. Der Rassismus der Siedler und der Fanatismus der Unabhängigkeitskämpfer verstärken sich gegenseitig. Offen bleibt, warum so viele Gebete schräg gedruckt im Original zitiert werden. Es soll doch sicherlich niemand bekehrt werden.
Ein „Zitrangenbaum“, (Zitrone/Orange), dessen Früchte ungenießbar sind, wird immer wieder erwähnt. Und Amine denkt, „dass in der Welt der Menschen dasselbe galt wie in der Welt der Botanik. Am Ende würde eine Art dominieren, die Orange würde eines Tages die Zitrone verdrängen oder umgekehrt, und der Baum würde wieder essbare Früchte tragen.“ Meint das Frau Slimani auch? Wäre das nicht zu schlicht gedacht?

Eine der beiden Widmungen, mit denen das Buch beginnt,  regt zu Spekulationen an: “Die Verdammnis dieses Wortes: Rassenmischung, schreiben wir sie riesengroß auf die Seite.“ (Edouard Glissant, L‘intention poétique). Warum verdammt, dürfen Rassen sich nicht mischen? Hätte ein VHS-Kurs „Interkulturelles Lernen“ Mathilde vor Enttäuschungen bewahren können? Kritiker spekulieren, dass Leïla Slimani das Drehbuch für einen TV-Dreiteiler im Kopf hatte. Der Wunsch nach Fortsetzung wird auf den letzten Seiten des Buches geschickt geweckt.
Wie geht es weiter? Wird die Familie überleben?  Note: 2  (ax) <<

>>1944 lernt die 18jährige Mathilde aus einem elsässischen Dorf den 27jährigen in der französischen Armee dienenden Offizier Amine aus Marokko kennen, heiratet ein Jahr später, verlässt im März 1946 Europa um auf dem von Amines verstorbenem Vater ererbten Hof ein neues Leben zu beginnen. Wenig verwunderlich, dass diese Begegnung zweier Kulturen nicht konfliktfrei verläuft, werden doch schon mit Amines Entscheidung vorübergehend im Haus der Mutter in Meknes zu wohnen, die Rahmenbedingungen dieser Beziehung für Mathilde abgesteckt. „So ist das hier“ bestimmt Amine und die Erzählerin fährt fort: „Diesen Satz würde sie noch oft hören. Und genau in dem Moment begriff sie, dass sie eine Fremde war, eine Frau, eine Ehefrau , ein Mensch, der der Gnade des anderen ausgeliefert war. Amine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der die Regeln erklärte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog“ (12) . Lassen wir einmal die Kategorie „begreifen“ zu diesem Zeitpunkt außer Acht, so erweisen sich die Jahre bis zum flammenden Inferno am Ende des Romans für Mathilde doch als ein aufopferungsvoller Kampf um einen Rest Eigenständigkeit, der sich als umso schwieriger darstellt, als Mathilde als Französin mit einem marokkanischen Mann auch im französischen Milieu der Kolonialisten Fremdheit und Alltagsrassismus erlebt. Auch für Amine ist die Rückkehr in seine Heimat nicht frei von Erfahrungen der Fremdheit (Misstrauen franz. Nachbarsiedler, Demütigungen durch koloniale Elite, Omars Vorwurf des Vaterlands u. Religionsverrats). Zudem durchdringt der wachsende Nationalismus immer wieder auch die Sphäre des Privaten, nicht nur in der Figur Omars.  Die Stärke des Romans sind bei aller Voraussehbarkeit des cultural clash die Zwischentöne. Da ist nicht alles Martyrium. Da gibt es die liebevolle Zuwendung der Mutter Mousala, da gibt es  Mutterglück mit Aicha und Selim, da gibt es auch einmal den Weihnachtsbaum und sogar Amine als Nikolaus, da gibt es Anerkennung für Amines erfolgreiche Arbeit, da gibt es die kleinen Fluchten in die Avenues der Ville Nouvelle, da gibt es die fast verschwörerischen Begegnungen mit Amines 16jähriger Schwester Selma, da verwirklicht Mathilde unterstützet von dem ungarischen Arzt Dragon Palosi ihren Plan der ländlichen Bevölkerung medizinisch zu helfen. Aber letztendlich überwiegt in Mathilde doch das Gefühl, „in einer Welt zu leben, wo sie nicht hingehörte“, ein Bekenntnis gegenüber der Schwester Irene, die sie nach dem Tod ihres Vaters im Elsass besucht, ein Schlüsselepisode, die die innere Zerrissenheit Mathildes psychologisch feinfühlig beschreibt.  Dass es bei Momentaufnahmen alternativer Lebensentwürfe bleibt, ist vielleicht nicht zuletzt der Empathielosigkeit der Schwester zu verdanken. Die Rückkehr ins Amines Haus ist mehr als der endgültige Abschied von der eigenen Kindheit im Elsass .Etwas zu pathetisch beschreibt die Autorin Mathilde in den Armen der 7jägrigen Aicha: „Ihre Mutter war ein Soldat, der von der Front heimkehrte, ein siegreicher, ein verwunderter Soldat, der unter seinen Medaillen Geheimnisse verbarg“. Der martialischen Metaphorik entkleidet, offenbart dies die Seelenlage Mathildes, der bewusst ist, dass sie für die Kinder „alles aufgegeben hatte. Glück, Leidenschaft, Freiheit“. Das rigide Korsett gesellschaftliche Zwänge bestimmt auch das Schicksal der zweiten zentralen Frauenfigur Selma, der erst 16jährigen Schwester Amines. Früh rebellisch, von „irritierender Schönheit“, der zehn Jahre ältere Bruder Omar weiß wie ihr Hang zur Auflehnung zu zügeln wäre „Besser, man prügelte sie vorbeugend, sperrte sie ein, ehe sie eine Dummheit beging und es zu spät ist.“ Omar belässt es nicht bei Drohungen.  Die Abwesenheit der Brüder nutzt Selma zur Befreiung und findet anfangs in Mathilde eine Komplizin. Nicht die Gassen der Medina, die Avenues der Ville Nouvelle und ihre Verlockungen wecken Selmas Interesse. Und sie entdeckt, die gutgemeinten Ratschläge Mademoiselles Fabre missachtend, die „Versuchungen unter unseren Schleiern und Röcken“ und in der Gestalt eines jungen französischen Piloten nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Ein harmloses Schaufensterfoto des Pärchens, von Amine zufällig entdeckt, führt zum dramatischen Höhepunkt. Die Schwester entehrt, die Schande öffentlich gemacht, der junge Mann noch gar ein Franzose, dazu die eigene Frau als Mitwisserin, das verlangt in dieser „Un“kultur nach Rache. Blind vor Wut schlägt Amine Mathilde, richtet die Pistole auf die ganze Familie „Ich werde euch alle töten“ und nur der hilflose Ruf „Papa“ des kleinen Selim erinnert die männliche Bestie an einen Rest Menschlichkeit. Während auf den Straßen Marokkos der Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit beginnt, herrscht im Haus der Familien vielfach Finsternis. Für die erst 8jährige Aicha ist der Anblick der blutenden Mutter und Selmas wenig überraschend. Sie „kannte diese Frauen mit den blauen Gesichtern. Sie hatte sie oft gesehen, die Mütter mit den halb zugeschwollenen Augen, den violetten Wangen, die Mütter mit aufgeplatzten Lippen. Damals dachte sie sogar, dafür hätte man Schminke erfunden. Um die Schläge der Männer zu verbergen.“ Die Antwort Mathildes auf diese Erniedrigung ist eine Demütigung Amines auf ganz anderer, sicherlich psychoanalytisch zu deutender Ebene. Mit fast animalischer Begierde (wir erinnern uns an Mathildes Lust und Leidenschaft am Romananfang!), Kategorien wie Scham und Sitte missachtend, gewinnt sie für einen Augenblick Herrschaft über das, was Amine mit der Rückkehr nach Marokko als Maxime vorgab: „Amine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der die Regeln erklärte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog“. Dem Ausbruch folgt, die Realitäten einer rückwärtsgewandten patriarchalischen Gesellschaft anerkennend, die Unterwerfung. Aus Mathilde macht der islamische Rechtsgelehrte in einer an Lächerlichkeit grenzenden Zeremonie „Mariam“. Dass Selmas Vergehen zeitgleich mit der Zwangsverheiratung von Amines homosexuellem Waffenbruder Mourad bestraft wird, stellt nach Außen zwar die Ordnung wieder her, ist aber letztendlich eine Doppelbestrafung. Was folgt, bleibt für den Leser irritierend. Mathilde spricht Selma gegenüber von „innerer Freiheit“, davon, „dass man lernen müsse, sich drein zu schicken“. Das ist zwar Selbstaufgabe, aber Einsicht in die Notwendigkeit eines Systems, das noch einen längeren Weg zur Aufklärung hat. Zum Romanschluss weitet sich das Private nochmals in Politische. Die Unabhängigkeit Marokkos, die Vertreibung der Kolonialisten ist nicht mehr aufzuhalten. Vom eigenen Haus aus verfolgt Amines Familie den Feuerball, der die Ländereien der französischen Siedler zerstört. Dass gerade die 8jährgie Aicha, die entgegen Amines Botanikgesetz vom „Zitrangenbaum“, ja die Frucht zweier Kulturen ist, das Inferno und damit die Vertreibung der einen Kultur mit dem wenig kindlichen Schlachtruf „Sollen sie doch brennen….sollen sie verschwinden. Sollen sie krepieren“ begleitet, bleibt das Geheimnis der Autorin, das selbst in dem angekündigten Folgeband der Familiensage schwerlich zu lüften sein dürfte.  Note: 2 ( ai) <<

 

>> Das Land der Anderen ist nicht nur ein geographischer Ort. Tatsächlich sind es Territorien verschiedener Modalitäten. Seelische Zustände, Kulturräume, Wertesysteme, politische Überzeugungen, Ethnien, Nationen und Nationalitäten, Hautfarben. Slimani gruppiert diese Daseinsflächen um ihre Protagonistin Mathilde. Mathilde: zunächst in wilder Aufbruchstimmung beginnend in den letzten Kriegstagen im Elsass, dann der Liebe folgend nach Marokko auswandernd, zweifelnd. Zurückkehren wollen und dann doch nicht können. Begleitet von Auseinandersetzungen akzeptiert sie schließlich die bleibenden Widersprüche und findet dadurch ihre Bestimmung. Doch es geht nicht nur um ihr Irren in fremden Gefilden. In ihrem Umfeld suchen, straucheln und verzweifeln ebenso ihr marokkanischer Ehemann, ihre Kinder, Verwandte, Bekannte und werden zu Tätern und Opfern zwischen den Welten.

Die zwanzigjährige Mathilde aus der französischen Provinz sehnt sich nach Liebe. Die Kriegsängste lernt sie mit sexueller Obsession zu besänftigen. Dann ziehen Soldaten durch das Dorf. Unter ihnen der schöne Amine aus Marokko. Er gewinnt sofort ihr Herz und das Versprechen, ihm nach Marokko zu folgen. Der Muslim heiratet die Christin. Mathilde träumt von Freiheit, vom Ausbrechen aus den heimatlichen Kerkern, von den Farben Afrikas. Doch schon bei der Ankunft in Rabat 1947, erscheint Amine wie verwandelt, die Welt wirkt fremd, die Regeln abweisend. Nach Monaten der Notunterkunft bei der Schwiegermutter, ziehen sie in die dürre Einöde, wo Amine ein Stück Land vom Vater geerbt hat. Die Wohnbedingungen sind primitiv, das Dasein einsam und niederdrückend. Mit unbändigem Eifer versucht Amine dem verwaisten Stück Erde Erträge abzuringen. Der Ackerbau scheitert an der dünnen Krume, die wenigen Rinder werden ihm gestohlen. Erst mit Hilfe eines emigrierten ungarischen Arztes gelingt ihm nach vielen Jahren der Anbau von Datteln und Orangen. Doch dann droht der Bürgerkrieg.

Währenddessen werden Tochter Aïscha und Sohn Selim geboren. Die verschlossene Aïscha erweist sich als hochbegabt, überspringt Klassen und wird von älteren Klassenkameradinnen gemobbt, worauf auch die Nonnen des Tagesinternats kaum Einfluss haben. Mathilde besteht auf dem kostspieligen Bildungsweg, während Amine die Entscheidung immer wieder in Zweifel zieht. Als Vater tritt er ebenso wenig in Erscheinung wie als liebender Ehegatte, ist er doch ganz der Entwicklung seiner Landwirtschaft verpflichtet. Von Kindern und Ehegattin fordert er stattdessen Härte, Gehorsam, Unterordnung und Leidensbereitschaft. Mathilde verzweifelt, droht an der Einsamkeit und der strengen Bindung an Hof und Herd zu zerbrechen. Trotz des Unmuts ihres Gatten richtet sie schließlich eine – wenn auch ärmliche – medizinische Beratung ein, die von der kranken Landbevölkerung dankend angenommen wird und ihr eine Sinnbestimmung in der ewigen Wiederkehr häuslicher Routinen gibt.

Als ihr Vater stirbt, bricht sie allein nach Frankreich auf. Die Entfremdung vom nordafrikanischen Eheleben lassen den Entschluss reifen, die Familie zu verraten und nicht nach Marokko zurückzukehren. Als sie jedoch im Moment größter Zweifel sich ihrer Schwester Irène offenbart, lebt der alte Hass der Schwestern erneut auf. Irène zeigt nicht das geringste Interesse, auf die Schwester einzugehen. Über Jahre hatte auch Mathilde in Briefen Irène belogen und von den paradiesischen Zuständen im Ausland fabuliert, um ihren Neid zu entfachen. Mathilde akzeptiert schließlich, dass sie ihrem gewählten Lebensweg ausgeliefert ist. Mit dem festen Willen, die Schicksalsumstände anzunehmen, kehrt sie gefasst nach Marokko zurück. Angekommen, nimmt sie zusätzlich zu ihren kräftezehrenden Aufgaben auch Amines senile Mutter Mouilala auf. Sie war standesgemäß als muslimische Ehefrau stets eingesperrt. Ihre einzige Begegnung mit dem städtischen Leben waren gelegentlich verbotene Blicke durch die Ritzen der verschlossenen Fensterläden.

Währenddessen spitzt sich die nationale Kolonialfrage zu. Bewaffnete Aufstände fordern zunehmend die französischen Besatzer heraus. Brandschatzungen, Hinterhalte, Terrorakte und brutale Vergeltung prägen den Alltag. Amines Bruder Omar, der sich dem bewaffneten Untergrund angeschlossen hat, verurteilt Amine als verräterischen Kollaborateur der Franzosen, hat dieser doch im zweiten Weltkrieg mit Auszeichnung in der französischen Armee gegen Nazideutschland gedient, das drauf und dran war, das koloniale Frankreich niederzustrecken. Omar prophezeit, dass die Nationalbewegung auch Amine abstrafen wird.

Währenddessen mausert sich Amines deutlich jüngere Schwester Selma zur begehrenswerten Persönlichkeit. Prompt von einem französischen Piloten schwanger geworden, droht Amine mit Mord nicht nur an Selma, sondern auch an Mathilde, die er als Kupplerin verdächtigt. Nach zweitägigem Rückzug in die Wildnis, kommt er zu einem milderen Urteil: Mathilde wird gezwungen, die französischen Wurzeln endgültig zu kappen und zum Islam zu konvertieren. Selma wird mit dem kriegsgeschädigten, gewalttätigen Mourad zwangsverheiratet. Mourad war Weggefährte von Amine, dem er in homosexuellem Verlangen bis auf dessen Hof gefolgt war. Bemerkenswerterweise bewahrt diese an sich verurteilte, sexuelle Andersartigkeit Selma vor Übergriffen durch Mourad.

Slimani rückt das Schicksal der europäischen Mathilde in der nordafrikanischen Fremde in den Vordergrund. Erwartungsgemäß kollidieren auf dieser Lebensbühne Kultur-, Moral- und Religionswidersprüche. Verbunden damit werden auch Wunden geschlagen, die das unterschiedliche Rollenverständnis in Ehe und Familie bluten lassen. Das Bühnenbild des Romans ist jedoch vielfältiger. So wie Mathilde unter der unerträglichen Enge ihres marokkanischen Daseins leidet, beklagen beim Heimatbesuch auch ihre ehemaligen Freundinnen, in welcher Eintönigkeit sie in ihren elsässischen Familien leben und kaum das Dorf verlassen können. Weitere Szenen in diesem Schauspiel sind die konkurrierenden Welten der marokkanischen Brüder ebenso wie die der französischen Schwestern, wenn auch mit ganz anderen Inhalten. Nicht verschont von der Zerrissenheit bleibt Amine als zweiter Hauptprotagonist. Er fühlt sich einerseits dem Wertekanon seiner Heimat verpflichtet, andererseits versucht er europäische Fortschrittlichkeit zu leben. Den Franzosen zwar ergeben, wird er von diesen als dunkelhäutiger Afrikaner deklassiert, entsprechend einem lupenreinen Rassismus in kolonialer Tradition. Von den Landsleuten wird er als Handlager der Kolonialherren und Verräter arabischer Sitten verurteilt, der die Ausbruchsversuche seiner Gattin toleriert. Amine ist Vertriebener in allen Lagern: der Nation, der Kultur, der Ehe.
Ein kolonialgeschichtlicher Roman, dessen individuelle Aspekte zeitlos gültige Konflikte problematisieren. Nur schade, dass offensichtlich die Übersetzung von Fehlgriffen durchsetzt ist. Oder muss den Lesern das französische Original verwundern? Sonst bleibt der Roman sprachlich unauffällig. In jedem Falle interessant die Ausgestaltung des Plots.  Note: 2 – (ur) <<

Hard Land – Benedict Wells

Diogenes 2021 – 347 Seiten

<< Ein „coming of age“ Roman, d.h. ein Roman übers Erwachsenwerden. Davon gibt es nicht wenige. Wells hat einen berührendes Werk vorgelegt, das schon die Verfilmung in Stil und Figurentableau in sich trägt. Sogar der Soundtrack wird indirekt mitgeliefert. Erzählt wird aus der Perspektive des 16 jährigen Sam Turner, der in Kleinstadt Brady  / Missouri einem drögen Sommer („Ein Berg von Langeweile“) entgegensieht, der sich dann als Sommer seines Lebens erweisen wird. Wells bedient sich des klassischen Settings in Filmen wie „American Graffiti“ oder „Stand by me“, die er als Vorbilder nennt und die auch seine Protagonisten in Brady immer wieder anschauen und zitieren. Was als Text manchmal die Grenze zum Kitsch touchiert oder auch überschreitet, kommt im Film sicher anders rüber und das kann man in Kauf nehmen, wenn man den Roman als Film liest. Wie Sam die Trauer über den Tod seiner Mutter und auch die gestörte Beziehung zu seinem Vater
(„Dad hatte sein Schweigen an eine Verstärkerbox angeschlossen“)  verarbeitet , ist sehr einfühlsam erzählt. Wells findet auch großartige Bilder über die Grenze zwischen Jugend und Erwachsenenzeit. Note : 2+ (ün)<<

 

<< Der Buchdeckel war zugeklappt, aber das Gefühl „Euphancholie“ blieb, stieg vom Bauch in den Kopf. Eine Wortschöpfung der Gefährtin des Romanprotagonisten, die viel über den Inhalt verrät.
Ein berührender Roman übers Erwachsenwerden, neudeutsch „Coming of age“, der sich für die Integration in den Schulunterricht eigne. So wird für das Buch geworben. Vorher sollte aber noch eine Lektürehilfe im Klett-Verlag erscheinen.
Der erste und der letzte Satz des Buches haben es in sich: „Und dann schaute sie mich an und lächelte.“ Zu zweit im engen Ruderboot, draußen auf dem See. Oh, wie schön, was wird da nur passieren. „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb“, der erste Satz, der den Inhalt grosso modo zusammenfasst, eine erste Orientierung für den Leser. Samuel Turner, 16 Jahre, Außenseiter, und Ich-Erzähler kämpft gegen Ängste aller Art. Besserung bringt nicht die Schulpsychologin, sondern die Bekanntschaft mit der etwas älteren Kirstie, und die Aufnahme in die Kino-Clique, zu der Kirstie und zwei ältere Jungs gehören. Die in fünf Teile gegliederte Erzählung gewinnt im dritten Teil an Fahrt und Intensität. Sehr bewegend wird erzählt, wie der Sohn auf den Tod der Mutter, die an einem Hirntumor litt, reagiert. Sam im Wechselbad seiner Gefühle, mutterlos, ergreifend. Das Faible für Friedhöfe teile ich mit ihm. Die Mutterbeziehung war ungleich intensiver als die zum Vater. Eigentlich ein Klassiker. Der Vater wiederum verstand sich besser mit der cleveren Tochter und Schwester Jean. Richtig aufregend wird es, wenn die „Mutproben“ geschildert werden, die Kirstie (ein Sadoluderchen?) von Sam verlangt. Die vielen Querverweise auf Musik, Kino und Literatur sind  für kulturell gut Informierte sicherlich ein Genuß. Für mich eher nicht. Der permanente Zeigefinger: sooviele Bildungslücken, tja.

Benedict Wells finde ich recht sympathisch, nicht nur weil ich seine Liebe zu Barcelona teile. Seine Augen: die personifizierte „Euphancholie“ mit deutlichem Übergewicht zur Cholie. Sprachlich ist er breit aufgestellt. Ganz lyrisch, wenn der Tag sich aus der Nacht schält, aber auch ganz nüchtern, sachlich, ja salopp: „Trauer ist kein Sprint, Trauer ist ein Marathon.“

Dann noch die Ego-Frage, wie war das eigentlich bei mir damals mit dem Erwachsenwerden in der schwäbischen Provinz 1963 . Irgendwie weniger aufregend. Die Großmutter, nicht die Mutter starb 1963. Eine Kirstie? Wenn überhaupt, erst viel später. Prägend der erste Auslandsaufenthalt bei einer französischen Familie. Wange, keine Zunge. Keine Songs, dafür Chansons. Dieser Plot würde höchstens für eine very very short story mit 7 statt 49 Geheimnissen reichen. Aber besser so. Lieber Max als Sam. Dankgebet nach oben.  Note: 2– (ax) >>

 

<< Mit dem noch 15jährigen Sam erleben wir ein Stück Erwachsenwerden, sehr verdichtet, kaum ein Jahr umfassend. Einschneidend wird für den unsicheren Außenseiter und Einzelgänger ein Ferienjob im Kino „Metropolis“, das in jeder Beziehung zum Gegenpol des „verschlafenen Siebzehntausend- Einwohner Kaffs“ Crady in Missouri wird. Nicht nur, dass hier mit den angehenden Collegestudenten Hightower, Cameron und Kirstie die Geschichte einer prägenden Freundschaft entsteht, das Kino und der Film eröffnen Sam neben Musik und Gitarre auch einen Zugang in bisher verschlossene Ausdruckswelten. Mögen auf den ersten Blick die Initiationsrituale der Gruppe  – was macht ein Mann zum Mann – Horrorfilme, Wellensurfen, Klippenspringen, Saufen, Kiffen,  – reichlich abgegriffen erscheinen, so sind sie im Falle von Sam neben dem Standardprogramm pubertärer Entwicklung doch subtiler. Scheint Grady zunächst nur für eines gut: „zum Weglaufen“, so findet Sam in der Beziehung mit den drei Freunden schrittweise aus der Selbstisolation. Das familiäre Umfeld, die Allgegenwart der Todesangst um die liebevolle Mutter, die Fremde und Sprachlosigkeit des arbeitslos gewordenen Vaters, sind Sams seelische Wunden. Wells genügen zwei Sätze um diese Wunden für den Leser spürbar zu machen: „Der Tod saß die ganze Zeit bei uns am Küchentisch“ und „Es gab zwei Sorten von Stille, die neutrale Sorte und dann noch die Stille meines Vaters.“ Erst der Tod von „Mom“ ermöglicht „Dad“ sich Sam gegenüber zu öffnen. Eindrücklich wie die Prägungen der Kindheit fortwirken. Den Grundton des gesamten Romans bringt mit der pfiffigen Figur Kirstie deren intimes Notizbüchlein auf den Begriff, in dem mit der Wortkombination von Euphorie und Melancholie ein Lebensgefühl einer ganzen Jugendgeneration beschrieben wird: „Euphancholie“. Für Sams bildet der Friedhof und die Institution des Larry dafür die äußeren Koordinaten. Den dramatischen Höhepunkt dieser Polarität bildet die zeitliche Koinzidenz seiner ausgelassenen Geburtstagsparty und die Todesstunde der Mutter.

Weitaus stärker als Hightower und Cameron beeinflusst Kirstie Sams Erwachsenwerden. Liebevoll zugewandt nicht nur im Umgang mit Sams Trauer um die Mutter, flippig wenn es um Mutproben und Abenteuer geht, belesen (Rimbaud !), trinkfest, sprachlich forsch wenn es im bigotten Grady um Sex vor der Ehe geht, aber kontrolliert zurückhaltend, wenn es um Sams schüchterne Annäherung geht (glänzend: von Sam eher gedacht oder erträumt als vollzogen), mit dem noch kindlichen Kieselsteinchen an Sams Fenster immer da, wenn man sie braucht, später dann abtauchend in den Collegemonaten in NY, aber doch für Sam gerade dann mit der Rückkehr nach Grady sehr gegenwärtig, wenn es mit der Enthüllung von William J. Morris „Hard Land“ Geheimnis  im Schlusskapitel „Nummer 49“ gemeinsam mit Sam im Ruderboot hinaus auf den „Lake Virgin“ geht. Und dann „auf der Mitte des Sees“ erfüllt sich „die Geschichte des Jungen, der die See überquert und als Mann zurückkehrt.“ Soweit eine stimmige Adoleszenz-Geschichte. 2+

Was meine Lesefreude an Benedict Wells Roman entscheidend trübt, ist der zum Teil pathetisch aufgeladene Überbau des Morrisschen Gedichtzyklus, dem ja Wells Roman seinen Titel verdankt. Wir erfahren schon anfangs, dass Sams buchkundige Mom den Gradydichter durchaus in die Tradition von Walt Whitman stellt. Die Qualitätslatte liegt damit sehr hoch, die „49 Geheimnisse“, die der Held des Zyklus in Grady verborgen weiß bringen es aufs Ortsschild und das Thema des Helden, nämlich ein Junge, der den See überquert und als Mann zurückkehrt, wird mit dem Zyklus von Morris  zum literarischen Kanon, den Inspektor Colombo, ein Lehrer der sympathischen Art  im Gegensatz zum Erdkundelehrerekel, alljährlich den Highschoolern vermittelt. Für die zwei männlichen Kumpel Hightower und Cameron scheint der Zyklus weniger prägend als für Kirstie und Sam, ist doch vor allem für letzteren der Schulstoff Teil seiner Biografie und das insbesondere durch den Einfluss von Kirstie und deren vom Inspektor mit der Note 1 geadelter Interpretation von „Hard Land“. Inhaltlich und sprachlich ist allerdings das, was uns Wells als Zyklusfragmente im Roman präsentiert allerdings eher dürftig und dem Kitsch nicht fern. Zwei wunderbaren Zeilen „Kindsein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt“ zeigen, was an literarischer Höhe möglich gewesen wäre. Dass sich hinter den mehrfach angedeuteten 49 Geheimnissen des Gedichtzyklus im Wesentlichen nur eine „versteckte Pointe“ verbirgt und diese – jedem Zauber von Metaphern und Allegorien entraubt – auf Sex und Phallussymbole reduziert ja gar banalisiert wird, bleibt das Geheimnis von Wells. Mir jedenfalls hätte das Schlussbild des Filmromans – ein Ruderboot mit abgelegter Sonnenbrille zum Verständnis des endgültigen Erwachsenseins genügt.  Note: 3 (ai)<<

>> In Wells Roman ist Hard Land das Epos eines Heimatdichters, das Ende des 19. Jahrhunderts den Auszug eines Jugendlichen beschrieb. Dieser entzog sich suchend der empfundenen Enge, um als Mann zurückzukehren. Benedict Wells benutzt das fiktive 90-Strophen Gedicht als Folie, vor der er eine klassische Coming-of-Age Episode vorführt. Klassisch, weil der Handlungsstrang schlichten Routinen folgt. Das Personal sind wie üblich ein angstgestörter 16-Jährige aus einer auseinanderbrechenden Familie und eine ihn aufrichtende kleine Clique, in der jede Figur einen gängigen Literaturtypus (Schwuler, Schwarzer, rote Zora) darstellt. Zeitpunkt und Ort (öde Sommerferien in sterbender Kleinstadt) folgen ebenso dem gängigen Muster. Am Ende steht die Läuterung und der erfolgreiche Moment der Mann-Werdung. Und obwohl der Plot nur eingeschränkte Originalität birgt, durchzieht das Werk eine warme Strömung, von der man sich als Leser bereitwillig forttreiben lässt.

Grady, Missouri, USA, 1985. Sam (15) ist isoliert in dem gesichtslosen Kaff, isoliert in der Schule, isoliert unter den Gleichaltrigen, die den Einzelgänger meiden und mobben. Seine Familie ist gespalten. Die ältere Schwester Jean eigentümlich, aber schon berühmt als alternative Drehbuchautorin in Kalifornien. Der Vater arbeitslos, stumm und ohne Bezug zu Tom. Die Mutter, Inhaberin einer kleinen Buchhandlung, verständnisvoll, aber am Ende ihrer Lebenskräfte, niedergeworfen durch einen Hirntumor. Als die Sommerferien drohen, übernimmt Sam einen Nebenjob im örtlichen Kino, das kurz vor der Schließung steht. Drei Jugendliche teilen die Aufgaben mit ihm. Die Kinotochter Kirstie, der schwarze Baseball King Hightower und Cameron, Spross einer begüterten Familie. Nach anfänglicher Ablehnung wird er ins Team aufgenommen. Als besonders empathisch erweist sich die wilde Kirstie, obwohl ihre betont laute Umgangsform dies nicht vermuten lässt.

Sam spürt das neue Gleichgewicht, spürt das neue Selbstwertgefühl, wenn sie zu viert auf Feten einlaufen, wenn er mit dem Sportler Hightower durch die Wälder joggt, wenn die deutlich ältere Kirstie ein wenig Erotik und viele gute Gespräche spendet, wenn die Gang ihn an Abenteuerritualen teilhaben lässt. Dazu gehört auch das Hügelrodeo, bei dem einer versucht, auf der Ladefläche stehen zu bleiben, während der Pick-up über Bodenwellen rast. Die ultimative Segnung erfolgt in einer privaten Kinonacht. Die schlichte Regel lautet, bei jedem der vielen Toten eines maßlosen Trashfilms einen Whiskey zu kippen. Sam überlebt deutlich gezeichnet, aber gesegnet.

Kirstie, deren literarische Rolle es ist, Sam zu profilieren, fordert und fördert. Sam geht mit, ist angezogen von ihrer Zuwendung und ihrer dosierten erotischen Ausstrahlung. Ihr Geschenk zu seinem 16. Geburtstag ist eine Prüfung, mit der sie Sam auf eine neue innere Sicherheit festlegen will. Zögernd folgt er ihr und besteht alle drei Übungen: stiehlt zum ersten Mal in seinem Leben einen Lippenstift, springt mit ihr von einer Felskante in den Lake Virgin und spielt auf der Gitarre einen Song vor. Ordnungsgemäß macht es in Sam einen Rucker.

Gerade an dieser Stelle kann der Schriftsteller Wells sich eine Kitschklitterung nicht verkneifen. Sams Eltern hatten ihn zu einem Geburtstagsessen eingeladen, zu dem der Sohnemann jedoch nicht erscheint. Während er mit den Kumpels tief ins Glas schaut, stirbt an diesem Abend die Mutter an ihrem Tumor. Sam quälen Selbstvorwürfe. Der Vater wird ihn jedoch später freisprechen, da seine Mutter zunächst traurig, dann aber glücklich gewesen sei, da Sam endlich Freunde gefunden habe. So betrachtet konnte sie erleichtert aus dem Leben scheiden. Trotzdem kommt es noch zu einem dramaturgischen Kulminationspunkt. Sam versteckt sich in einer verfallenden Waldhütte, weil er an der vom Vater fehlgeplanten Beerdigung nicht teilnehmen will. Kirstie findet und tröstet ihn im gemeinsamen Schlafsack, während nächtlicher Gewitterdonner das Gebälk erzittern lässt. Auch seine kalifornische Schwester erscheint am Morgen danach und überzeugt ihn von einem Plan. Sam willigt ein. Wir ahnen: eine neue Prüfung steht bevor. Minuten vor dem Toten-Gottesdienst vertritt Sam sich im Ort noch ein wenig die Füße. Prompt schütten mobbende Zeitgenossen ihren Milkshake über ihn aus, worauf Sam – jetzt schon selbstbewusster – den Jungs entschlossen den Seitenspiegel vom Auto abtritt. Die folgende Schlägerei ruiniert ihm zwar den Traueranzug und die Zähne, doch eilt er unerschrocken zur Kirche, durchschreitet blutverschmiert den Mittelgang durch die wartende Trauergemeinde, um wenig später vor der versammelten Gemeinde zu Ehren seiner Mutter den Punkrock Song Dancing With Myself zu grölen, während seine Schwester mit gewaltiger Orgelbegleitung aus den Höhen der Kirche überrascht. So vielsagend wie der Songtitel ist Sam seinem Selbst nähergekommen. Pünktlich zum Ende der Sommerferien ist Sam so weit erstarkt, dass er den Abschied seiner drei Weggefährten, die ihre Zukunft in der Ferne suchen müssen – wenn auch leidend –  verkraftet. Zurück in der Schule ebnet der Literaturlehrer mit dem Gedichtepos Hard Land Sam die letzte steinige Wegstrecke zu sich selbst. Sams Vater offenbart sich. Auch er war ein Opfer seiner quälenden Familie. Die Aussprache führt die bis dahin sprachlosen Männer zusammen und gibt dem arbeitslosen Vater die Kraft, den verwaisten Buchladen seiner verstorbenen Frau auch ohne Literatur- und Kaufmannskenntnisse wieder zu eröffnen.

Wie das Führungspersonal des Romans so sind auch die Nebenrollen mit schicksalsträchtigen Lebensläufen hinterlegt. Hightower hatte als Schwarzer nur eine Chance, weil er sich diese sportlich erkämpfen konnte. Seine Mutter verließ seinen Vater und heiratete den tiefgläubigen Stiefvater von Hightower. Als seine Mutter überraschend starb, war es der Stiefvater, der dem Stiefsohn mit Glauben und harter Arbeit Halt gab. Cameron dagegen war der ewige Versager im Angesicht seines ungemein geschäftstüchtigen Vaters: schwul, orientierungslos, frei von Ehrgeiz. Zu guter Letzt ist es aber Cameron, der das dahinsiechende Grady rettet, indem er mit dem Geld seines Vaters das ortsbestimmende „Larry´s“ wieder eröffnet, dem kleinen Ort ein neues Kommunikationszentrum gibt und Sam als Mitarbeiter anstellt. Am Ende des Romans werden Gedichtfolie und Handlungsstrang zusammengeführt als Kirstie noch einmal zu Besuch kommt. Sie rudert mit Sam ähnlich der lyrischen Vorlage Hard Land auf den Lake Virgin (!) hinaus, um Sam zu entkorken und den Mann in ihm zu befreien. Damit lüftet und belüftet sie das selten entschlüsselte Geheimnis des Gedichtes, wie der über den See heimkehrende Jugendliche zum Manne reifte: durch Sex (Zitat S.335).   Danke, Kirstie!

Benedict Wells hat nicht den packenden psychologischen Anspruch einer Emma Cline, die in ihrem Coming-of-Age Roman The Girls eine Pubertierende verzweifelt den Halt einer quasi großen Schwester suchen lässt, selbst als diese als Mitglied der Charles Manson Family grausam mordet. Auch wenn der Plot von Hard Land zunächst wie eine creative-writing Übung anmutet, so bringt die Idee eines vom Schüler zu interpretierenden Heimatgedichtes als roter Faden eine interessante zweite Ebene in das Werk, das in gewissem Maße durch eine dritte ergänzt wird: Kinofilme als Fixpunkte einer Persönlichkeitsentwicklung. David Gilmore schrieb zwar schon 2009 den biographischen Roman Unser allerbestes Jahr, in dem eine Vater-Sohn Annäherung und schließlich die innere Wegfindung des gestrandeten 16-Jährigen über unermüdliche Filmabende gelingt. Wenn also nicht neu, so passt dennoch das Konzept von Film und Kino ebenso in Wells Werk.

Durchgängig überzeugend ist die Sprachführung. Wie selbstverständlich teilt man als Leser jeden Atemzug mit dem Ich-Erzähler. Auch wenn Hard Land nicht die umwerfende Wirkung von Tschick des verstorbenen Wolfgang Herrndorf erreicht, scheint Hard Land ebenso auf eine Verfilmung angelegt. Dafür sprechen nicht nur der „Abspann & Credits“ (S.341) und der schon veröffentlichte, 15 Titel umfassende „Soundtrack“ (S.343), sondern vor allem der gradlinige Aufbau mit seinen farbfrohen Effekthöhepunkten. Haben wir gar ein Drehbuch gelesen? Schauen wir mal.

Note: 3 (ur) <<

Der geschenkte Gaul- Hildegard Knef

Lingen Verlag 1970 – 364 Seiten

>>Was für ein außergewöhnliches Buch ! Atemlos, stakkatoartig, Sätze die nicht zu Ende gebracht werden. Berlin, Hollywood, die Schauplätze vermischen sich, auch teilweise die Zeitebenen. Zeitgeschichte, Theater und Filmgeschichte aus der Sicht einer jungen, wachen und unerschrockenen Schauspielerin, die aber auch Mühe hat, im Raubtiergehege der Branche nicht unterzugehen. „Ein stecknadelgroßer Punkt sagte, es war gut, sich von dem Felsen zu stürzen“. Wie sie das oberflächliche Getue auf den Partys der großen Studiobosse beschreibt, gehört zu den ganz großen Passagen in diesem fulminanten Buch, das aber gleichwohl gelegentlich auf der Stelle tritt und dann auch etwas ermüdend wird. Trotzdem : Note 1/2 (ün)<<

<< Hildegard Knef alias Hildegarde Neff (amerik.) alias „Kraut“ (wohlwollend, engl.) –  über die schon so viel gemeint wurde. Jetzt, 20 Jahre nach ihrem Tod noch einmal nachgelesen. Wer glaubte, sich vage an eine skandalumwitterte Schlagersängerin erinnern zu können, irrt. Nicht nur, dass ihr rauchiger Chanson-Rap gefühlt 25 teils tiefsinnige Langspielplatten rechtfertigte, dass ihre unbändige Schaffenskraft über 60 Filme anreicherte, sondern dass sie neben der Musik, Theater und dem Film ebenso die Schriftstellerei mit sieben Werken bereicherte. Die Übersetzung ihrer Autobiographie Der geschenkte Gaul in 17 Sprachen dürfte auch dem literarischen Gehalt ihres Werks geschuldet sein. Man darf wahrlich beeindruckt sein.

Die Berliner Knef, geboren 1925, Tochter eines wenig später an Syphilis gestorbenen Rabauken, großgezogen von Mutter und sorgendem Großvater, Mittelschule, Zeichenlehre für UFA-Trickfilme, Schauspiellehre, Entdeckung als Nachwuchsversprechen. Sie geht mit, fordert, lässt sich führen und verführt vermutlich. Versinkt in Unzeitgemäßem (Krieg, Nachkrieg, Nazis, Alliierte, Armut, Pompöses), wird herausgehoben, gefeiert, umsponnen. Der Krieg steuert 1945 auf den totalen Zusammenbruch zu, Flucht und Erotik mit dem nazihöchsten Filmmanipulator Ewald von Demandowsky, eigene Volkssturmmorde, grausame Irrwege über Panzer-gewalzte Leichenfelder, Hunger. Selbstaufgabe trifft unbändigen Überlebenswillen. Sie überlebt. Der Aufstieg einer hübschen 20-Jährigen. Das mordende Deutschland plötzlich mit einem reizenden Gesicht. Findet Anschluss bei der Unterhaltung amerikanischer und russischer Besatzer. Eine solide Schauspielausbildung durch lebenslang verehrte LehrerINNEN Pommer und Bongers fruchten: der erste Nachkriegsstar Deutschlands wird geboren.

Der jüdisch-amerikanische Offizier Kurt Hirsch stellt ihr nach, betört sie, heiratet sie, leitet sie über London in die USA. Das Life Magazin widmet ihr eine Titelstory. Ein Siebenjahresvertrag wird unterschrieben. Wohlstand, aber große Anpassungsschwierigkeiten. Die Schwiegereltern verurteilen sie als deutsche Kriegsverbrecherin. Sie schreibt: „Ich weiß nicht wie ich mit dem deutschen Schuldgefühl, das ich haben sollte und doch nicht haben kann, fertig werden sollte“.

Die amerikanische Filmindustrie wagt nicht die Kriegsdeutsche, die anders als Marlene Diedrich nicht aus Nazideutschland geflohen war, zu präsentieren. Paradoxerweise erhält sie komfortable Schecks aber keine Filmrollen. 1950 erscheint ihr deutscher Film „Die Sünderin“. Eine Sekundennacktszene, die Liebe einer Prostituierten und der Doppelsuizid am Filmende bewirken einen nie dagewesenen Aufruhr. Während sieben Millionen Neubundesbürger in die Kinos drängen, greift das Bundesverwaltungsgericht ein. Landtagspräsidenten und höchste Kirchenvertreter rufen zum Boykott des Films auf. Die Polizei muss gewaltbereite Pro- und Contra-Demonstranten trennen. Berühmt und geächtet flieht sie zurück in die USA. Doch Hollywood bleibt sich treu: gierig, oberflächlich, ausfallend. Die Parties dienen der Sichtung und machen krank. „Um die Studios hatten sich jene Schwärme niedergelassen, die von den Ängsten der dort Agierenden lebten, allen voran, in sturmfest verankerten Nestern, eine Schar Psychiater.“ Auch Knefs widersprüchliches Gemüt entgleitet. „Ich hasse den Hass. Hasse, dass ich ihn empfinde, ihm unterliege, körnig-kratzig wie Teerpappe, brennesselig, gallig, kurzatmig, als müsse er vom Fleck kommen…Mit der Angst, händchenhaltend mit dem Schuldgefühl vereint“. Durch alles wabert mit penetrantem Gestank auch ihre Angst. Die Angst verlassen zu werden, allein in den Wirren des Lebens Entscheidungen fällen zu müssen, die Angst nicht genügend Kraft für den richtigen Weg aufbringen zu können. Die Angst wird sich durch ihr ganzes Leben ziehen. Vermeidungsangst setzt enorme Kräfte und Produktivität frei, zersetzt aber auch ihre Psyche und Physis. Mehr als 60 Operationen, die kaum ein Organ auslassen. Ihre Krankenakte stellt sich als „Museum des Grauens“ dar. Unzählige Zusammenbrüche, vermutlich zwei Jahrzehnte Morphinabhängigkeit. Der ganze Mist wird ihr Muss. Eine Insel bleibt ihr dennoch: die Bühne, die Studioarbeit, das Eintauchen in fremde Rollen, wenn sie jemand anderes sein darf und dadurch bei sich selbst ist. Und stets heftet sie sich an einen Mann. Drei Ehemänner werden es am Ende, ungezählte Liebhaber zwischendurch. In den USA lässt sie sich zudem von ihrer Mutter kuratieren.

1954 kommt der fulminante Durchbruch: die erste Deutsche, die in einer Hauptrolle in einem Broadway Musical debütiert. Hildegarde Neff in Silver Stockings. Fast 500 Mal tritt sie auf. Präsidenten, kulturelle Weltgrößen, Konkurrentinnen applaudieren. Sie wird vorübergehend zur Gesandten, zum Gesicht eines neuen Deutschland. Während vor Erschöpfung ihr Lebendgewicht auf 44 kg sinkt, schießt der Ruhm ins Astronomische. Nach zwei Jahren bricht sie zusammen und ihren Erfolg ab. Flucht aus Knebelverträgen, Flucht aus den USA.

Zurück in Deutschland beginnt eine Neubesinnung. Chanson und Literarisches rücken in den Vordergrund. Dennoch bleibt sie umstritten, liefert sich Schlammschlachten mit der Regenbogenpresse. Hat eine treue Anhängerschaft und offene Feindschaften. Das Geld wird knapp, ein neuer Vertrag mit einem holprigen Filmstart – nicht gut, weil doch in der öffentlichen Wahrnehmung eine Schauspielerin so gut ist wie ihr letzter Film. Inzwischen ist sie mit Tonio (David Cameron) liiert. 1970 wird er fast Witwer, als Knef ihm mit 45 unter dramatischen Umständen Tochter Tinta (Christina) schenkt. Tinta wird ihr ein neuer Ankerplatz. Damit endet die Biographie 32 Jahre vor ihrem Lebensende.

Auch wenn das Werk deutlich kompakter sein könnte, überzeugt Knef mit sprachlichem Feinsinn verbunden mit einem Tiefenblick, der ihr erlaubt eine Vielzahl von Nuancen bei Begegnungen, Charakteren und Ich-Zuständen zu transportieren. So gelesen, wenn sie z.B. den geschätzten Regisseur Barlog skizziert: „…löste scheinbar spielerisch einen klebrigen Satz, eine nicht zu streichende Szene, beatmete sie, ließ sie leben, diktierte, ohne Diktator zu sein, stichelte stachelte ohne Sadismus. Disziplin im Chaos, unmelodramatische Ernsthaftigkeit zwischen Zynismus, …er schuf die glorreichste Theaterzeit.“ Hierbei schreibt sie mitunter lakonisch, manchmal verletzend, häufig kritisch wie auch selbstkritisch, sicher auch fabulierend. Großartig etwa die verstörende Darstellung US-amerikanischer Alltagsphänomene von Hot Dog bis zu architektonischer Tristesse oder die entblößende Partysymbolik wiederkehrender Hollywood Sonntage oder Schul-Torturen des pädagogischen Nahkampfs oder die Intensität des Kriegsgrauens oder oder…Wahrlich: Hildegard Knef – eine Schriftstellerin.  Note: 2 (ur) <<

 

<< Im „Geschenkten Gaul“ ist viel Interessantes über den Zweiten Weltkrieg, sein apokalyptisches Ende und drei Jahrzehnte Nachkriegsgeschichte zu erfahren. Interkontinental. Eine so aufregende Karriere wie die von Hildegard Knef findet man selten. Von der verkleideten Soldatin, zur Filmschauspielerin, zur Sängerin und Schriftstellerin. Beindruckende Polyvalenz. Eine Ulmerin halt. Dort war der Protest gegen die sündige Schauspielerin nach dem berühmten Film besonders virulent. Aber inzwischen gibt es an der Donau einen Hildegard-Knef-Platz. Ende gut, alles gut.

Das vorliegende Buch, ein Bestseller, wurde in 17 Sprachen übersetzt. Die Übersetzer/innen beneide ich nicht. Soviel (zuviel?) wörtliche Rede in der Berliner Umgangssprache gab es noch nie. Wirkt zwar authentisch und lokalkoloristisch, aber schwer zu übersetzen. Was wäre, wenn ein Hesse oder gar ein Schwabe sich dergleichen erlauben würde? Die 16 Kapitel sind von unterschiedlicher literarischer Qualität. Die Schilderungen der Großeltern, die Nähe zum jähzornigen Großvater Karl beeindrucken und überzeugen. Oder die dramatischen Szenen vom Kampf um Berlin. Die junge Frau verkleidet sich als Soldat, weil sie nicht vergewaltigt werden will. Auch die datierten Tagebucheintragungen wirken authentisch, knapp, präzise. Oder die eingefügten datierten Briefe.

Weniger gilt dies für die vielen Seiten mit wörtlicher Rede von sag mir wer die Namen sind, vielen Menschen. Kann ein Mensch ein derart gutes Gedächtnis haben? Die Struktur des Buches wirkt patchworkig, der Stil durch die Zusammenballung von Substantiven oder Adjektiven immer wieder manieristisch. Manchmal aber auch ganz woke: „…überfraute mich.“

Schon in jungen Jahren weiß Hildegard genau was ihr gefällt und was nicht. Über eine Seite lang zählt sie Negtives auf (S.78). „Ich hasse, ich haßte, ich hasse“. Dagegen: „Ich schmeckte, ahnte, wollte Schönheit“ (S.79). Klare Ansage, klares Weltbild.

Mit ihrem ersten Mann Kurt Hirsch reist sie in die USA. Dessen jüdische Eltern lehnen die Deutsche ab. Hirsch bricht deshalb mit ihnen. Bewegend. Ich verfluche dich“, schreit der Vater seinen Sohn an. Das tut weh.

Über die Route 66 nach Hollywood. Erniedrigende Einstellungsrituale der Produzenten. Lange vor Harvey Weinstein. Und eigentlich fast so wie sich der Provinzler Hollywood vorstellt: klatschig, hedonistisch, egotripig. Die Gespräche oft ein Sammelsurium von Belanglosigkeiten. Die Arbeitsbedingungen in der Filmstadt bewegen sich zwischen Frühkapitalismus und Sklavenhaltergesellchaft. Die unendlichen Mühen, bis ein Musical („Silk Stockings“) aufführungsreif ist, werden ausführlichst dargestellt. Da fließen Blut&Tränen und Hilde verliert 10 Pfund. Der restaurative Zeitgeist der Fünfziger Jahre verschont die Autorin nicht und immer wieder wird sie in Zeitungen verleumdet. Das Buch endet mit der Geburt der Tochter. Irmgard Knef, die vom Böblinger Ulrich Michael Heissig geschaffene Zwillingsschwester, zeichnet ein etwas anderes Bild ihrer Schwester. Aber das wäre ein neues Fass.

Wir belassen es bei eins und eins das macht zwei und ….Note : 2–(ax)<<

>> Missglückt ist in Hildegard Knefs Buch allein der Titel. Der Salinger-Verweis macht ihn nicht besser. Was uns die Autorin hier von den 20er Jahren bis ins Jahr 1970 – die Chronologie immer wieder durchbrechend, berichtet, geht weit über die Autobiographie eines Weltstars hinaus. Es ist ein Dokument deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, aber vor allem der schonungslose Einblick in die Film- und Kinogeschichte Hollywoods. Da besucht ein 17jähriges Mädchen mit grauenhaftem Berliner S und viel zu tief liegender Stimme die staatliche Filmschule in Babelsberg, wird von der Ufa entdeckt, Else Bongerts  fördernd beschützende Hand begleitet die Knef lebenslang, verlässt 1948 mit ihrem ersten Ehemann Martin Hirsch, einem tschechischen Juden, Deutschland. Der Makel einer „war bride“, die gehypte Erwartung einer „neuen Greta Garbo“, auf der Route 66 geht’s zum Ziel, das Hildegard Knef entwaffnend ehrlich und naiv beschreibt: „Ich muss es schaffen. Was, weiß ich nicht genau, außer berühmt werden, anerkannt, beliebt.“  Im Ostküsteneldorado wartet zunächst etwas ganz anderes, wobei allein die Englischstunden bei Miss Cunninghum als notwendiger Berufseinstieg verbucht werden können. Ist der misslungene Versuch Hildegard Knef eine wahlweise österreichische oder Naziopfer-Identität zu geben noch historisch nachvollziehbar , so tritt mit  dem Hollywood Produzenten und Starregisseur Mr. Selznick eine Figur auf, die eine der Schattenseiten von Hollywood bis heute zu Weinstein zeigt. Ist diese 1. Begegnung nur peinlich-primitiv, so entzaubert die Autorin auch sprachlich brilliant, was sich hinter den Fassaden und Kulissen abspielt. Poolparties als Jobbörse, Männerklüngel, Klatsch, Missgunst, Anbiederung, Ausbeutung in jeder Form. Die Schauspieler dem „Studiodespotismus“ schutzlos ausgeliefert und mit kargen Wochenschecks abgespeist. Nicht verwunderlich, dass sich um dieses Milieu eine Schar Psychiater, Sekten, Magier und Astrologen tummelt, deren sympathischster noch Marlene Dietrichs Hausastrologe Carroll Righter ist, der auch für die Autorin zu einem entscheidenden Ratgeber wird. Überhaupt ist Marlene Dietrichs geradezu mütterliche Zuwendung gegenüber Hildegard Knef, bei aller Spleenigkeit und Tablettensucht, in diesem Moloch rührend und sicherlich entscheidend, dass die Knef in dieser frühen Phase ihrer Karriere nicht daran zerbricht. Auch die späteren erfolgreichsten und zugleich kräftezehrendsten Musicaljahre als Ninotschka in Cole Porters  Broadwayshow „Silk Stocking“ sind  zumindest ohne Marlene Dietrichs Kochkünste und Medikamentenschrank nicht zu schaffen. Allein Herb Greens unkonventioneller Gesangsunterricht für die Knef („Ich kann nicht singen“) ergibt Momente von Heiterkeit. Ansonsten Fremd- und Selbstausbeutung: 44 kg,,  5 Uhr Frühproben, 6 Tage die Woche täglich 2 Aufführungen jeweils mehr als 3 Stunden, auch wenn „die Kraut die Masern“ hat, zwei Jahre ausverkauft, Welterfolg, die Kasse klingelt, bei der Autorin bleibt, in Geldgeschäften völlig unerfahren, wenig hängen („viel bleibt nicht übrig“), außer Ruhm und ein ruinöser Gesundheitszustand, der spätestens 1968 mit der schwierigen Geburt ihrer Tochter Christina aktenkundig wird. Nachdem die Knef – von Amerika enttäuscht-  schon einmal 1950 zu Dreharbeiten von Willi Forsts äußerst  erfolgreichen und skandalumwitterten Film „Die Sünderin“  nach Deutschland zurückkehrt, verlässt sie 1956 endgültig als Weltstar die New Yorker Szene, ohne in Deutschland trotz grandiosem Empfang und  Vertrag bei der neugegründeten – aber von Knef als reichlich unprofessionell beurteilten-   Ufa im deutschen Film erneut zu reüssieren. In den 60er Jahren erfolgreicher ist die Autorin in französischen, italienischen und englischen Filmen, wobei die Begegnung mit dem englischen Schauspieler David Anthony Palastanga, Knefs 2. Mann und Vater der Tochter, biografisch entscheidend ist. Die Episoden an der Seite von „Tonio“, ob während einer Theatertournee durch Deutschland in, der Form genügend, getrennten Hotelzimmern, ob die Fahrt an die Amalfiküste nach Positano mit Felsklippenassoziation, das Haus am Starnberger See, eine abenteuerliche Autofahrt nach Rom oder die Tage im Schweizer St. Moritz, all diese Szenen durchzieht ein Wärmestrom, ein persönlicherer Ton, der –Marlene Dietrich und Else Bongers  Passagen ausgenommen – den eher nüchtern beschreibenden Passagen des autobiographischen Romans ansonsten fehlt. In jeder Beziehung ungeschminkt ist dieses Buch, nichts ist allürenhaft. Bodenständigkeit dominiert, auch in der innigen Beziehung zur Mutter. Das who is who der amerikanischen und deutschen Film, Theater- und Kulturszene ist eher eine Randnotiz, kein Glamour.John Steinbeck oder Otto Hahn als Musicalgast am Broadway oder Henry Millers Besuch in Ulm – alles  fast nebenbei. Schlüssellochperspektive, Erotisches – für Voyeure enttäuschend. Was die 45jährige Hildegard Knef da auf ihrer Schreibmaschine mit Blick auf das Furtwängler Haus in St, Moritz schreibt, ist sicherlich im wesentlichen eine authentische Bestandsaufnahme einer außergewöhnlichen Schauspieler-Karriere. Ja, sie hat es geschafft, fragt sich nur um welchen Preis. Wie sie schreibt, ist über weite Strecken des Buches literarisch gekonnt. Mögen die Wechsel der Zeitebenen und die tagebuchartigen Einschübe zuweilen  auch irritieren und den Lesefluß stören, das Leben, zumal wer szenisch denkt, ist gespickt mit Vor- und Rückgriffen. Die Klammer von Hildegard Knefs autobiographischem Roman bilden zwei Generationen, eine vergangene und eine zukünftige: Der Romananfang gehört der anrührenden Liebeserklärung an einen Großvater „Sein Jähzorn war das Schönste an ihm“ , das Romanende – sicherlich nicht zufällig- der ersten Enttäuschungserfahrung der 2 jährigen Tochter Christina.  Dazwischen liegen 45 bewegte Jahre, eigentlich viel viel zu früh für ein Vermächtnis.  Note: 1/2 (ai)<<

Ein Wochenende – Charlotte Wood

Kein & Aber 2020 | 284 Seiten.

<< Vier Freundinnen, Adele, Jude, Sylvie, Wendy,vierzig Jahre Freundschaft, inzwischen siebzig plus mit den dazugehörigen Altersmalaisen.
Durch Sylvies Tod vor elf Monaten ist aus dem Quartett ein Trio geworden. Symmetrie futsch. Am Weihnachtswochenende im australischen Sommer räumen die Überlebenden Sylvies Sommerhaus am Meer. Es soll verkauft werden. Dabei ist auch Hund Finn, den Sylvie vor elf Jahren Wendy geschenkt hat, als deren Mann Lance gestorben war und sie sich in einer tiefen Krise befand. Jude und Adele hassen den altersschwachen Sabber-Bello, der seinem imperativen Harn- und Kackdrang nicht mehr gewachsen ist. Ein omnipräsentes Memento Mori, dessen Einschläferung permanent gefordert wird. Die vier Frauen sind charakterlich recht verschieden und haben sehr unterschiedlich gelebt. Was sie solange zusammengehalten hat, bleibt für mich offen. Sylvie scheint die integrative Kraft, der Kitt der „Viererbande“ gewesen zu sein. Jetzt zeigen sich immer mehr zentrifugale Tendenzen, das „Gummiband“ weitet sich. Jude, Gastronomin und geborenes Alphatier, konnte alle Dinge, die man liebte, durch ihre Berührung „in Scheiße“ verwandeln. Adele, eine extrem körperbetonte Schauspielerin, inzwischen ohne Aufträge aber in Geldnöten. Ihre auffallenden Brüste werden so oft erwähnt, dass ich sie (pssst…) gern live gesehen hätte. Wendy mit Uni-und Publikationskarriere, war mit der Betreuung ihrer beiden Kinder wenig erfolgreich. Das bekommt sie jetzt zu spüren. Manches Mal schrammt der Roman am Kitsch vorbei. Beispielsweise beim Besuch der Christmette. Der Roman regt an, über das Warum von Freundschaften nachzudenken. Wie sind sie entstanden,warum haben sie (aus)gehalten oder auch nicht? Bei der Suche nach belastbaren Antworten bin ich
schneller als gedacht an Grenzen gestoßen. Der Roman endet mit einem gemeinsamen Bad im Meer. Die Kraft des Wassers. „La mer m‘a donné une carte de visite“ von George Moustaki fiel mir ein. Stilbrüche lassen vermuten, dass eine Schreibwerkstatt am Werk gewesen sein könnte. „Dieses Buch hat viele Unterstützer“ beginnt Charlotte Wood ihre umfängliche Danksagung. Note : 2/3 ( ax) <<

 

>> Eine 40jährige Freundschaft von vier Frauen, inzwischen alle über 70, die sich nach dem Tod von Sylvie für drei Tage an Weihnachten in deren Strandhaus treffen. „Nehmt euch, was ihr wollt, betrachtet es als Ferien“, so die Bitte der inzwischen nach Dublin zurückgekehrten Lebenspartnerin Gail. Sylvies Haus soll verkauft werden, es gilt alles auszuräumen. Die aus wechselnder Erzählperspektive beschriebene Anreise- je ein Kapitel – von Wendy, Jude und Adele sind der beste Teil des Romans. Er macht klar, dass es vor allem zwischen diesen Frauen einiges auf- und auszuräumen gibt, erfahren wir doch, welch unterschiedliche Charaktere da zusammenreffen. Die Gastronomin mit hohem Entsorgungstalent, die deutlich vom Alter gezeichnete Buchautorin – über 282 Seiten treu begleitet von ihrem dementen und tauben Hund Finn, die ehemals erfolgreiche Schauspielerin, immer noch einen Hauch flippig, wenn auch finanziell klamm, aber wie mehrfach betont, mit nach wie vor ansehnlichen Brüsten. Mir scheint wichtig, dass uns die Erzählerin schon früh mitteilt, nicht nur die Fahrten in Sylvies Haus waren „Tradition“, auch Jude lädt jährlich am Wochenende vor den Weihnachtstagen die Frauengruppe zu Tisch. Dabei gilt auch hier ein wichtiges Ritual: Judes Pavlova mit den getränkten Pflaumen. Sie sollten uns bedeutungsschwanger später noch begegnen. Bedeutungstrivial dagegen die Assoziation mit den geviertelten Feigen, die Jude im zurückliegenden Jahr auf der Pavlova servierte. Eine Woche zuvor nämlich hatte die damals 71jährige Adele ihre neue Liebhaberin Liz zum erstenmal geküsst. „Und dann hatten die Feigen, die so schamlos und offen dort lagen, ein neues Kribbeln in ihr ausgelöst, als sie sich eine in den Mund steckte. Zuerst war da die trockene äußere Haut auf ihrer Zunge, danach das weiche, süße Innere“(63) So viel Genauigkeit hätte ich mir bei der Klärung der Beziehungen dieser vier Frauen in der Vergangenheit gewünscht um die reale Entfremdung nach Sylvie Tod zu verstehen. Warum „hatte Sylvies Tod merkwürdige Schluchten der Distanz zwischen sie getrieben“? Zu viert „waren sie symmetrisch“- „jetzt passten sie nicht mehr zusammen“, Sylvie und Wendy hatten doch bis zuletzt eine Beziehung, Gail als Dritte im Bunde eingeschlossen, Jude und Adeles Beziehung wird beschränkt sich auf Andeutungen (S.87). So bleibt von 40jähriger Freundschaft und Nähe nur noch das „ausgeleierte Gummiband“. Die Begrüßungsatmosphäre im Räumungsdomizil bestimmt den Ton: „gequälte Freundlichkeit“. Es dominiert Doppelbödigkeit, es wird anders gedacht als gesagt, es konkurrieren Altersflecken und Verfall mit Streckübungen am Strand, Ordnungssinn und Müllentsorgung mit Anzeichen der Verwahrlosung, die Designercouch und die Dauerprojektionsfläche einer Hundekreatur. Man schnüffelt in Kulturbeuteln, spricht aber nicht offen über Schwächen. Empathie in diesem Hause dreier Freundinnen(?)  – Fehlanzeige. Stattdessen Eitelkeiten, Missgunst, Verstellungen, gar Kränkungen. “Oft und das war bei weitem das Schlimmste an Wendy, konnte man sogar das Fehlen der einen Brust sehen“. Es ist der rasch wechselnden Erzählperspektive geschuldet (hoppla, wer ist jetzt eigentlich „sie“), dass in diesem Roman fast nicht miteinander sondern übereinander gesprochen wird. Lebensperspektiven, Einsamkeit, Alter, Krankheit zentrale Themen vergeigt, stattdessen Schweigen bzw. Verschweigen von Wesentlichem. Die 37jährige Beziehung der Feministin Jude zum verheirateten ehemaligen Westpac-Vorstand Daniel Schwarz wird tabuisiert, das Geheimnis um Sylvies Doppelrolle wird von Adele als dramaturgischer Höhepunkt erst sehr spät gelüftet. Donner und Blitzeinschlag kündigen ihn melodramatisch an. Wendys Geliebte Sylvie hatte auch eine jahrzehntelange Beziehung mit Wendys verstorbenem Freund Lance. Was in diesem Zusammenhang das „Ding vom Strand“ (die widerliche Masse begegnet uns mehrfach) zu bedeuten hat, kann uns wahrscheinlich nur die australische Schreibwerkstatt erläutern. Unter Beachtung einer intensiven Hund-Mensch Beziehung ist dagegen nachvollziehbar, dass sich nach Adeles Enthüllung Ersatzlance Finn (er ist nach dem Tod von Lance eine Geschenk Sylvies an Wendy) auf Judes Designercouch vom Hühnerfleisch entleert.

 Eine Episode, die als großartiges Schauspiel beginnt, sollte an dieser Stelle hier nicht unerwähnt bleiben, weil sie auch literarisch furios gestaltet ist. Das zufällige Zusammentreffen der beiden Bühnenrivalinnen Adele und Sonia Dreifus hat – ich greife zu Reich Ranickis Überhöhung – Shakespearesches Niveau (Streit der Königinnen Maria Stuart/Elisabeth). Das ist unterhaltsames Theater vom feinsten. Was jedoch daraus im letzten Akt folgt, ist bestenfalls Schmonzette (G.H.), eher saurer Kitsch. Die Dynamik nimmt ungewöhnlich Fahrt auf. Der schwule in Schaffenskrise befindliche Joe Gillespie und seine alternde verheiratete Gespielin Sonia , die abendliche Essenseinladung mit dem Abtritt Sonjas und dem Auftritt Adeles bei Plattenmusik und „ungehinderten Blicken Gillespies“ auf ihre „sommersprossigen Brüste“ (die kennen wir ja schon!), der Blitzeinschlag, der peitschende Wind, die weihnachtliche Vereinigung von „Nasser-Hund-Geruch“ und „Weihrauch“ in einer kleinen Kapelle nach Wendys geglückter Hundesuche, schon das ist zu viel des Schlechten. Als dann auch noch Jude den Verlust des geliebten Daniel verarbeiten muss, trifft es sich gut, dass Adele bei der nächtlichen Suche nach Wendy und Finn ihre Badeanzüge „ins Auto geworfen hatte“. So ist möglich, dass sich erstmals im frischen und kalten Ozean wellenumtost diese drei Freundinnen nicht nur berühren sondern „umklammern…als ginge es um ihr Leben“. Ja, so können lange Freundschaften enden oder ist eher gemeint neu beginnen? Selten war ich so froh, dass jetzt Schluss war.  Note: 4 – ( ai) <<

 

>>Die drei Freundinnen Jude, Adele und Wendy verbringen ein Wochenende im Landhaus ihrer verstorbenen Freundin Sylvie, die wohl so etwas wie die Klammer dieser Freundschaft gewesen sein muss. Nach ihrem Tod treten die Unterschiede in den Charakteren hervor. Nervende Eigenheiten werden nicht mehr übersehen. Ebenso Runzeln und Flecken auf der altgewordenen Haut der anderen. Das Alter fordert Tribut. Neidvoll wird beobachtet, wie man sich ohne Mühen noch aus dem Sitzen erheben kann oder eben auch nicht. „Haare wie Adeles sah man in Werbungen für Seniorenresidenzen, die suggerierten, Älterwerden können etwas anderes als abstoßend sein.“

Als Menetekel für die Vergänglichkeit ist der  hinfällige, teildemente Hund von Wendy dauerpräsent. Sein bemitleidenswerter Zustand wird von Wood sehr fein beschrieben. Der Hund war  einst ein Geschenk von Sylvie an Wendy , um sie über den Tod ihres Mannes Lance hinwegzutrösten. Etwas Spannung wird aufgebaut, als angedeutet wird, dass es noch einem anderen Grund gegeben habe. Wie dies dann aufgelöst wird, enttäuscht in seiner vorhersehbaren Banalität. Noch schlimmer gerät der Schluss, der die Kitschgrenze deutlich überschreitet.  Note: 4 (ün) <<

Code kaputt – Anna Wiener

Droemer 2020 | 311 Seiten.

>> In ihrer sehr persönlich gehaltenen, autobiographischen Reportage weiht die junge New Yorkerin ihre Leserschaft in den real-virtuellen Intimbereich der Hightech-Physiognomie des Silicon Valley ein. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften und ersten darbenden Berufserfahrungen im alternativen Milieu kleiner Ostküstenverlage folgt Anna Wiener dem Sog kalifornischer Versprechen. Mit selbstgestrickten IT-Grundkenntnissen findet sie Anschluss im kleinsten Start-up und schließlich Software Mega-Einhorn, dessen Milliardenveräußerung auch ihr ein ordentliches Vermögen beschert. Über mehrere Jahre kostet sie am toxischen Nektar dieser Früchte, berauscht sich an ihren Wirkungen und leidet unter den Nebenwirkungen. Am Ende mutet sie sich den Entzug zu, um sich schriftstellerisch verwirklichen zu können. Und dennoch weiß sie schon mit 33 Jahren, dass dieses Kalifornien die wertvollste Zeit ihres Lebens beschreiben wird. Vielleicht, weil es verstörend erhellend war und fortan ihre publizistische Kritikfähigkeit schärfte. Vielleicht auch, weil es Resonanzübereinstimmungen mit ihrem Ego gab, welches nach Anerkennung, Wissensbefriedigung und Wohlstand strebt. Etwas, was sie mit vielen teilt.

Durch die junge Gründerszene in der Bay Area wabert unentwegt eine Goldgräberstimmung. Abenteuerlust, der Traum von überschäumendem Wohlstand und Ruhestand mit 36 Jahren, Subversivität und Mediensuchtbefriedigung. Unbestritten geniale Produktideen treffen auf Risikokapitalgeber, deren gigantisches Finanzpolster unbeschadet 90% Verluste verkraftet. Das Gros der Hunderttausende ist keine 30. Spektakuläre Erfolgsgeschichten haben Minderjährige eingeleitet, so dass auch ein 28-jähriger Neumilliardär niemanden überrascht. Es sind die Millennials, Schulabbrecher genauso wie frühreife Eliteuniversitätsabsolventen, die sich „down to the cause“ 70/80 Stunden die Woche mit Begeisterung oder in brutaler Fremdbestimmung in den ihnen gestellten Aufgaben verlieren. Sie mobilisieren in einem Ausmaß Kräfte, wie es vermutlich nur in dieser Lebensphase möglich ist.

Die Arbeit, die sie leisten, zielt vor allem auf Finanzmittel und auf Macht. Die Lenkung des Einzelnen durch raffinierte Durchleuchtung der Massen. Es geht nicht um Kultur, Ethik, Gesellschaft oder Politik. Das von Anna Wiener beschriebene Segment instrumentalisiert Informationstechnologie: Codes und Algorithmen, die verwertbare Weisheit aus gigantischen Datavolumina von Konsumenten ziehen. Stets erfolgt die Meta-Einordnung der Arbeit kontextfrei. Der einfachste Weg, um sich aller Verantwortungen zu entziehen. Man arbeitet nur für den Auftraggeber. Ob er das Produkt missbraucht, liegt nicht in ihrem Ermessen. Als just in dem Moment Snowden als Whistleblower zum Staatsfeind erklärt wird, weil er Geheimdienstdaten veröffentlichte, antwortet die Analytics-Gemeinde mit eisernem Schweigen. Anna Wiener schreibt später: „Wir haben´s vergeigt“, und meint damit die kritische Reflexion.

Viele Start-ups zielen auf existente Märkte. Ziel ist, Reviere zu erobern, Platzhirsche zu verdrängen und gewinnbringende Abhängigkeiten zu schaffen. Das Schlüsselkonzept der Epoche heißt „Disruption“. Online-Händler verdrängen den Einzelhandel, Online-Couching bedroht die Reisebranche, Online-Fahrdienste gefährden das Transportwesen. Selten führt eine disrupted Ruine zu gemeinnützigen, nachhaltigen Innovationen wie Wikipedia. Meist mündet es im Hightech-Überlaufbecken, der Werbeindustrie. Hinter jedem dieser Ansätze steht eine Code Idee. Anna Wiener findet: die Balance zwischen Nutzen und Missbrauch ist schon lange gekippt. Code kaputt.

Zunächst betörend ist für sie das Milieu. Die Begeisterung in den kleinen Start-ups ist infektiös, Umgangsformen sind total entspannt, Selbstverwirklichung eines jeden ist garantiert. Mit dem Skateboard durch´s Büro, Drogendepot im Oval Office, Rave Parties auf dem Lande, Ski-Coming–outs in den Mountains, World Travelling ohne Grenzen. Selbst der Arbeitsplatz darf gerne permanent das Vacation Office sein. Ausgesprochene Bedingung ist jedoch der Hochleistungseinsatz, der weniger am Tun als vielmehr am Erfolg gemessen wird. Ohne diesen mutieren die jugendlichen CEOs zu Kettensägen. Bäume stürzen in die Lichtung. Mittlere Führungskräfte treten erhebliche Gehaltsanteile an Psychotherapeuten ab, um ihrer Angstträume Herr zu werden. Männer bleiben Männer, Arroganz und seelische Gewalt sind so selbstverständlich wie auch außerhalb des Ökosystems. Eine unfreiwillige Trennung von einem Start-up muss Anna Wiener verarbeiten, zwei weitere vollzieht sie in vier Jahren selbst.

Als Alternative bietet sich ihr eine expandierende Open-Source Firma. Gegenstand sind Codes, die unverschlüsselt allen zugänglich sind. Ein Solidarprodukt, das kollektiv optimiert und vielseitig applizierbar ist. Die Anhängerschaft wird als subversiv, gegenkulturell und tech-utopisch charakterisiert. Aber dann die Erkenntnis, dass die Algorithmen ebenso zu Suizid- und Bombenanleitungen missbraucht werden und dass auch dieser wie alle Ansätze der Widersprüchlichkeit des menschlichen Daseins verhaftet bleibt. Am Ende schluckt Microsoft für sieben Milliarden dieses konkurrierende Unternehmen, nachdem ein Prozesskrieg gegen die Open-Source Divisionen keine Landgewinne zeitigte. Und dann die Wahl von Trump, der die ausländischen Fachkräfte aussperrt. „CEOs und Risikokapitalgeber und Verzweiflungspatrioten mit treuhänderischen Verpflichtungen reichten den gewählten Amtsträgern Ölzweige … Hoaxing, Desinformation und Memes, lange Zeit die Insignien der Forenkultur, verlagerten sich in die bürgerlichen Sphären. Trollen wurde zu einer neuen politischen Währung.“

Silicon Valley – ein Epochen-Biotop. So klein wie ein kartoffelgroßes Schwarzes Loch aber mit einem Wirkungsradius bis in die Außenbezirke des Sonnensystems. Was dieses Buch so lesenswert macht, ist die gelungene Symbiose von Ich-Offenbarung, vom Sezieren der IT-Kultureingeweide, von Branchen-inherenten Philosophien und der soziologischen Dekonstruktion der unglaublich produktiven Youngsterbewegung. Beeindruckend auch Wieners literarische Inszenierung dank ausgewogener Subjektivität, die nicht mit Tränenbeuteln um sich wirft. Lesenswert. Note: 2+ (ur) <<

>>Die 25jährige Anna Wiener taucht nach einem „unsicheren aber angenehmen Leben“ in der wenig zukunftsfähigen Verlagsbranche in New York ein in die high-tech Welt von Big Data von Silicon Valley, in der hippe, smarte hochqualifizierte Mitzwanziger Start-ups gründen um in kürzester Zeit beim Big Money zu landen: „Ein nicht unerheblicher Anteil meiner ehemaligen Kollegen wurde zu Milliardären“ -es muss nicht gegendert werden!-  lässt uns die Autorin im Schlusskapitel wissen. Es ist eine Welt, die fasziniert und zugleich verstört und gerade diese Ambivalenz aufzudecken, ist die Stärke von Anna Wieners Reportage. Das Buch gibt Einblicke in ein Business, dessen Strukturen letzten Ende verborgen bleiben. Entscheidend, ist das zu vermarktende Produkt, hier Software, erdnah oder in der Cloud. Vielleicht ist das der Frust, der mich bei der Lektüre zuweilen beschleicht und mich nach frischer Luft schnappen lässt, dass mir die Code-Welt, die Tools, die Datenbank- strukturen und der diversen Metriken, deren Ergebnisse ich täglich nutze, reichlich fremd und zuweilen unheimlich sind. Anna Wiener, die im Kundensupportbereich für Softwareentwickler arbeitet, bewegt sich durch dieses Milieu zwischen Identifikation und Distanz und gerade dadurch gelingt ihr eine überzeugende Innensicht der Branche, die einerseits Raum für technikaffine Individualisten mit z.T. ausgeprägten Spleens und Skurrilitäten bietet, sich aber anderseits einem klaren Ziel verpflichtet weiß :“Das höchste Ziel war für alle das Gleiche, und zwar Wachstum um jeden Preis, Skalierung über alles. Disrupten  und herrschen“(155)  DFTC – „mit Leib und Seele dabei“ das ist das Mantra nicht nur der CEOs und so werden fast alle menschlichen Beziehungen über Arbeitsbeziehungen definiert, Übergänge von Arbeit und Freizeit fließend, Lunchmeetings, Teambuildingevents, Videokonferenzen vom Poolliegestuhl aus, die Kategorie „Party“ sinnentleert, selbst der Kuscheltherapeut beim Rave im Sacramento-Delta erweist sich für die Bay Area als Optimierer. Überhaupt scheint diese Szene, die ja zuweilen auch noch einen schwachen Hauch von alternativer Lebensform atmet (barfuß, Gitarre,, Gras) dem Fetisch der Optimierungskultur verfallen. Als Begrüßungsgeschenk beim Open-Source-Start-up ein Schrittzähler-Armband signalisiert nur die simpelste Form der Selbstentmündigung. Die von der Autorin genannten „Produktivitäts-Hacks“ und das sog. „Biohacking“ sind die Spitze der Fremdsteuerung. Es scheint schlüssig, dass sich unsere Autorin nach 5 Jahren dieser Welt entzieht, ökonomisch einigermaßen abgesichert, keineswegs verbittert, sondern erfahrungsreich und selbstbewusst, um einen neuen kreativen Blick als Schriftstellerin von außen auf „das Gerüst, das System, das da am Werke war“ zu richten. Dass für die Autorin dieser Schritt „ein Weg aus dem Unglücklichsein“ ist, zeigt, dass die mitunter flott beschriebene Innensicht der Techwelt, doch Spuren in der Seele hinterlassen hat. Gut, dass da Jan nicht nur ein Robotik-Nerd ist. Die Danksagung verrät mehr als das Buch.  Note : 2+ (ai) <<

 

>>Nach Leif Randts Allegro Pastell nun schon wieder ein Exkurs in eine Parallelgesellschaft: Die der Start- up-Szene und der Tech Branche im silicon valley, dem „unheimlichen Tal“, wie der autobiographische Roman Anna Wieners im amerikanischen Original heißt. Die Ich- Erzählerin Anna, ohne Zweifel die Autorin, lebt 2012, als facebook an die Börsen ging für über 100 Milliarden Dollar, noch mit einem Mitbewohner, den sie kaum kennt, am Rande von Brooklyn. Sie ist 25 Jahre alt, Soziologin, und in ihrem Job als Assistentin in einer Literaturagentur festgefahren, ohne Perspektive und Aufstiegschancen, eine „Privilegierte mit guten sozialen Abstiegschancen“. Ihr soziales Umfeld ist größtenteils analog unterwegs wie sie selbst. Das „Onlinekaufhaus“, wie Amazon im Buch nur genannt wird, hatte sich inzwischen allerdings schon zu einer Krake entwickelt, ohne die das Internet „praktisch nicht mehr nutzbar war“ und die die Verlagsbranche im Würgegriff hatte. Als Anna von einem E-Reader Start-up in New York liest, ist sie fasziniert von der Aufbruchstimmung, die die Gründer ausstrahlen, und bewirbt sich erfolgreich. Das Start-up war mit Millionen finanziert worden, hat aber nur 5 Mitarbeiter und die App ist noch gar nicht auf dem Markt. Der Nutzen der App, das wird Anna schnell klar, besteht weniger im Lesen, als vielmehr darin, sich selbst als jemand darzustellen, der liest. Die Zauberformel der Tech-Branche – ask forgiveness, not permission – also lieber um Verzeihung bitte, als um Erlaubnis, ist Anna noch völlig fremd. Sie muss bald wieder gehen. Die Gründer des start-up raten ihr, nach San Franciso zu gehen und geben ihr auch eine Empfehlung mit. Sie ist 25. Einige ihrer College Kollegen waren dort hingezogen, in ein SF der Hippies, Lesben und Schwule, Künstler und Aktivisten, der Entrechteten und Nichtangepassten. Inzwischen waren aber alle wieder weg. Denn bay area hatte sich in ein „spätkapitalistisches Schreckensszenario“ verwandelt. Die Mieten schossen in die Höhe, Galerien und Konzerthallen machten zu, Datingseiten wurden von milchgesichtigen Strebern überflutet. Anna bewirbt sich in SF um eine Kundensupport-Stelle in einem Datenanalyse -Start-up, gegründet von College Abbrechern, mit 12 Millionen Risiko Kapital ausgestattet und 17 Mitarbeitern. Die beiden Gründer sind 24 und 25. Das Start-up ging aus einem „Inkubator“ hervor, eine Art Kaderschmiede für Start-ups, die diesen gegen eine 7% – Beteiligung beim Start behilflich ist. Das Einstellungsgespräch erweist sich eher als Strafe, als eine Art schikanierendes Initiationsritual. Am Ende wird ihr aber noch überraschenderweise der Einstellungstest für ein Jura Studium vorgelegt, den sie mit Bravour besteht. Sie wird eingestellt. Sie verdient 65.000 Dollar. Ihre Freunde aus der Gegenkulturszene in New York stehen der Tech Branche sehr skeptisch gegenüber. In dieser Phase gibt es widersprüchliche Tendenzen bei Anna. Sie redet sich ein, nur einen Brotjob anzutreten, der ihr ermöglichen würde, weiterhin kreativ zu sein, andererseits ist sie neugierig auf ihr neues Leben, will dass ihr Leben endlich Fahrt aufnimmt. Es war eine Zeit, in der sich die Unternehmen bei den jungen Informatik Absolventen anbiederten, ihnen 100.000 Dollar Gehälter versprachen. „Den Programmieren folgten eine Flut nicht-technischer Goldgräber, ehemalige Doktoranden und Mitteschullehrer, Pflichtverteidiger und Kammersänger.“ Anna versucht sich in die technische Dokumentation der Analyse-Software einzuarbeiten und verfällt in Panik: „Ich hatte keine Ahnung, wie um alles in der Welt ich Entwicklern technischen Support leisten sollte“. Ihr Analyse Start-up verschaffte anderen Unternehmen durch ihr „tool“ maßgeschneiderte Daten über das gesamte Verhalten ihrer Kunden, ihr „engagement“ und das noch dazu in farbenfrohen, dynamischen „Dashboards“. Es verdrängt etablierte Big Data Unternehmen. Bei den Mitarbeitern herrscht eine sehr entspannte, unkonventionelle Atmosphäre und Anna erhält viel Unterstützung. Die Mitarbeiter im Kundensupport erhielten vollen Zugriff auf sämtliche Datenbanken der Kunden, den „God-Mode“. Auf diese Weise erhält Anna tiefe Einblicke in die Geschäfte der Szene. Das Start-Up vertraut naiverweise darauf, dass die Mitarbeiter dies nicht ausnützen würden. Es ist die Zeit, in der ein 13 Personen Foto-Sharing Start-Up- offensichtlich ist Instagram gemeint – von facebook- „ das soziale Netzwerk, das alle hassten“ für 1 Milliarde Dollar aufgekauft wird. Auch das Analyse start-up ist auf dem besten Weg ein „Einhorn“ , d.h. ein Unternehmen mit einer Milliarde Dollar Bewertung zu werden.
Anna zieht in ein winziges Apartement, für 1800$ pro Monat, in einer Gegend, die noch vom Geist der 60 er Hippijahre zehrte. Sie datet verschiedene Männer, obwohl sie sich mit Noah, der ihr als eine Art Mentor an die Seite gestellt wird, sehr gut versteht. Bei einem Softwarentwickler spürt sie nach einigen Treffen: Sie würde nicht in dessen „akribisch inszeniertes Leben“ passen. Schon die Vorstellung, ein öffentliches Bild oder eine individuelle Ästhetik von sich selbst zu kultivieren, wie es zunehmend viele Leute ihres Alters tun, findet sie anstrengend. Es ist die Zeit, als durch Edward Snowden bekannt wird, dass die NSA Menschen in unvorstellbarem Maße ausforscht. Inzwischen wächst das Analyse-Startup und Anna darf inzwischen selbst Einstellungsgespräche führen. Sie verliebt sich schließlich in Ian, den Mitbewohner von Noah. Ian arbeitet in einer Robotic Firma, die von Google aufgekauft wurde. Als Noah, einer der besten im Analyse Startup, ultimativ mehr Gehalt und Aktienoption verlangt, wird der prompt gefeuert. Auch Anna wird eines Tages völlig überraschend vom CEO nahegelegt zu kündigen. Sie will aber bleiben und wird sogar noch befördert. Als Customer-Success Managerin verdient sie jetzt mit ihren 26 Jahren 90 000 Dollar im Jahr.

Über eine Freundin erhält sie schließlich das Angebot eine start-up, das ein open-source Tool für Softwareentwickler herstellt und das mit 100 Millionen Risikokapital ausgestattet ist. Das Unternehmen ist nach dem Community Modell aufgebaut und folgte deren „subversivem, gegen-kulturellem und hochgradig tech-utopischen Ethos“. Anna fühlt sich wohl in dem Team und hat ein vernünftiges Gehalt mit sehr guten ´Zusatzleistungen. Schon bald erfährt sie jedoch von Skandalen um sexuelle Belästigung im Unternehmen und die Stimmung wird schlechter. Auch Trolle, Fake accounts und Hasskampagnen in den sozialen Medien machen dem start-up zu schaffen. Anna lässt sich vom Optimierungswahn der Mitarbeiter anstecken und versucht es mit Gehirndopingmitteln.
Als die Präsidentschaftswahlen anstehen, engagieren sich Anna und viele ihr Kolleginnen aus dem Startup im Wahlkampf gegen Trump. („This Pussy grabs back“). Nach dem Sieg Trumps macht sich Depression breit: “ Es sind keine Erwachsenen mehr im Weißen Haus“. Auch Anna fühlt sich ausgebrannt und verlässt Anfang 2018 das open source Unternehmen.  Nur kurz später wird es von Microsoft aufgekauft. Dadurch werden etliche frühere Mitarbeiter von Anna zu Milliardären. Ihre eigenen Aktienoptionen sind 200.000 Dollar wert. Für sie sehr viel Geld.
Anna will schreiben, eine kreative Arbeit machen. Sie kann sich nicht mehr vorstellen, „noch einmal so gefällig zu sein und mich derart aufzehren zu lassen“.

Selten hat man so einen klug geschriebenen, sehr persönlichen Einblick in die fremdartige, zuweilen verstörende Welt der Techbranche erhalten. Note: 1/ 2 ( ün)<<

 

>> Von der Ost- an die Westküste und nach fünf Jahren retour. Zwei sehr unterschiedliche Welten. Anna Wiener lernt sie beide kennen. In New York als Assistentin in einer Literaturagentur, im Silicon Valley von San Francisco in der Kundenbetreuung, neudeutsch Support, von zwei IT-Firmen. Diese Tätigkeit füllt sie über die Jahre immer weniger aus. Der Leser*** erfährt viel über die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur von IT-Firmen, über die Denke der dort Beschäftigten, die so ganz anders ticken als als die Lebenszeitbeamten deutscher Bundesländer.  Beeindruckend ist bei aller vordergründigen Lässigkeit die Forderung nach „Down for the cause“ (DFTC), die Hingabe für die Firma. Selbstoptimierung in all ihren Spielarten wird groß geschrieben. Breiten Raum nehmen die Kleidung, Essen und Trinken, Freizeitgewohnheiten der überwiegend jungen Männer ein. Mich interessiert das in dieser Fülle nur bedingt, vor allem, wenn ich dann noch nachschauen muss, was mit manchen Kleidungsstücken eigentlich gemeint ist. Die detaillierte Beschreibung männlicher Körper langweilt. Umgekehrt entstünde Sexismusverdacht. Corporate Identity entsteht und wird gepusht durch zahlreiche außerbetriebliche Freizeitveranstaltungen. Alles sehr cool, flache Hierarchien, aber die „Wärme im Team“ ist nur bedingt echt, wenn ein Mitarbeitergespräch damit endet, dass die Autorin zum Heulen aufs Klo rennt. Personeller Wechsel ist gang und gäbe, anders als in beamteten Arbeitsverhältnissen. Bundesverdienstkreuze für 50-jährige Betriebszugehörigkeit sind nicht vorgesehen. Anna Wiener gelingen viele ironische und gleichzeitig schöne Sätze, wenn sie etwa auf einer Tagung ein „Meer von Männern im Zaumzeug laminierter Tagestickets“ entdeckt oder von sich sagt: „Mein Hirn war zu einem Müllstrudel geworden.“ Man ahnt, was sich hinter dem Netzwerk verbirgt, „das alle hassten“.

Ein Glossar der überreich verwendeten Fachbegriffe und weniger Wiederholungen hätten die Lektüre erleichtert. Die Übersetzung des Originaltitels „Uncanny Valley“ mit „Code kaputt“ erschließt sich mir nicht.
„Pures Lesevergnügen“ lese ich im Netz. Na ja. Lohnend auf jeden Fall.
Note: 2/3 (ax)<<

Hamster im hinteren Stromgebiet- Joachim Meyerhoff

Kiepenheuer&Witsch | 2020 , 307 Seiten.

>> Kein Zweifel, Joachim Meyerhoff kann unterhaltsam schreiben, witzig, kurzweilig, massentauglich. Ein Dauer-Feuerwerk an Metaphern erwartet den Leser. Der literarische Kniff, mit der Erinnerung an mehr oder weniger lustige Geschichten aus seinem Leben sein beschädigtes „hinteres Stromgebiet“ im Gehirn zu beschäftigen, damit es wieder zu Kräften kommt oder zumindest nicht verkümmert, ist originell. Die erinnerten Episoden tragen allerdings wenig bei zu einem etwas tiefgründigeren Bild des Protagonisten, der ja zweifellos der Autor ist. Trotz ansatzweisen anrührenden Passagen wie die plötzliche Umkehr des Verantwortungsverhältnisses zwischen Vater und Tochter fragt man sich, warum einem dieser Joachim nicht so recht sympathisch werden will. Die Antwort kam aus kompetentem Kreis des Quartetts: Joachim macht seine Witze immer auf Kosten von Mitpatienten und Besuchern der Klinik. Witzig zwar, aber nicht die feine Art. Note : 3 ( ün) <<

 

>> Harter Einstieg. Einen Schlaganfall, schwäbisch „Schlägle“, hatte ich mir sanfter vorgestellt. Aus Angst vor einem zweiten nächtlichen „Kleinhirninsult“ versucht der Autor abends wach zu bleiben. Die Suche nach Erinnerungen soll ihm dabei helfen. So entsteht das Buch. Was ist an den Erinnerungen real, was fiktional? Der Leser (generisches Maskulinum) darf raten. „Schlimme Gedanken waren schon immer zu mir gekommen“, schreibt der Geschlagene, „aber jetzt wird es schlimmer.“ Erbarmungslos schildert er seine Ängste. Die Gespräche der Mitpatienten nehmen breiten Raum ein. Meist in wörtlicher Rede wegen der Authentizität. Das wirkt manchmal grenzwertig, so als wolle er Dialektsprecher nachäffen. Weniger wäre da wohl mehr gewesen. Aber Weghören geht nicht. Das kann jeder bestätigen, der schon mal in einem Krankenhausmehrbettzimmer gelegen ist. Einen gewissen Tiefpunkt des Romans ist seine Aussage zum Vornamen Maximilian: „Na klar heißt der Maximilian (…), das ist genau einer dieser Namen, die von Anfang an den Unterschied markieren sollen, die von Anfang an Druck machen.“ Joachim kennt vermutlich keinen einzigen leibhaftigen Maximilian. Der Autor ist untauglich für Reisen nach Mallorca oder in den Senegal. Über beide Reiseziele liegen mir völlig anderslautende Schilderungen vor. Meyerhoff beschreibt seine Umwelt oft recht gnadenlos. Dies wird erträglich, weil er sich selbst auch nicht schont, wenn er beispielsweise vom „schleswig-holsteinischen Lulatsch“ oder ergreifend von seiner eigenen Hilflosigkeit schreibt.
Komik, Ironie, vielleicht auch Zynismus sollen ihm helfen, seiner eigenen Hilflosigkeit zu
entkommen. Sozusagen das Lachen aus Angst im dunklen Keller. Er pflegt guten Umgang mit der Muttersprache. Die Lektüre wird fast nie langweilig. Ganz im Gegenteil. Das ist doch schon mal viel wert. Menschen vom Fach, die vom geschriebenen Wort mehr als ich verstehen, sagten mir, dass es sich bei dem Buch nicht um große Literatur handele. Vielleicht hat es mir auch deshalb so gut gefallen.  Note: 1/2 (ax) <<

>> Der Hamster ist der Unhold im Untergrund. Nicht nur im Wandelareal des Klinikgeländes. Sondern sinnbildlich auch entlang der arteriellen Zuflüsse unter der Schädeldecke. Das hintere Stromgebiet ist eine von Schlaganfällen häufig befallende Hirnregion. Im autobiographischen Bekenntnis von Meyerhoff untergräbt ein Nager seine Hirnfunktion. Neun Tage verfolgt das literarische Tagebuch seinen Schlaganfall, der den Fünfzigjährigen mitten im Leben paralysiert. Durchsetzt ist das Werk von Assoziationen, Erinnerungen und einer blumigen Wahrnehmung bedrohlicher Zustände, die den therapeutischen Wert des Werks steigern.

Meyerhoff ist im Kreise der Familie zusammengebrochen. Motorische Entmündigung greift um sich. Die Gravitation zerrt an der unbeaufsichtigten linken Körperhälfte. Er droht vom Stuhl zu stürzen. Gliedmaßen prahlen mit Befehlsverweigerung oder schießen unerwartet aus der Lähmung hervor. Während die rechte Körperhälfte gut mittut, tritt die linke in den unberechenbaren Streik. Krankentransportirrwege durch Wien, Stroke Unit, Intensivüberwachung, Gruppenerfahrung unter benachbarten Akutpatienten, Todesängste, Wirklichkeitsverzerrungen. Eine aggressive Lysetherapie löst den verstopfenden Blutpfropf. Die tägliche Rehabilitation zeitigt deutliche Erfolge. Der Schauspieler und Schriftsteller erobert Sprache und Theater-Leistungssport zurück.

Auf dem Weg dorthin überrascht Meyerhoff mit erstaunlichen Metaphern voller Überzeugungskraft. Er muss weiterdenken, um weiter atmen zu können. Er empfindet seine ewig abschweifenden Gedanken als schmerzend scharfkantig. Aber könnte er etwas Runderes denken? Es fühlt sich an, als ob ein großes Dunkel falsch in eine zu kleine Schachtel gepresst wird. Natürlich wird Meyerhoff augenblicklich von Angst geflutet. Eine Angst, die vor allem eine Angst vor der Wiederholung ist – folgt auf den ersten doch häufig der zweite Schlaganfall. Der Schlaf, der native Zustand des Kontrollverlusts, scheint ihm die größte Bedrohung. Das Dasein ist zusammengeschrumpft auf ein Nadelöhr. Und er wird sich hindurchzwängen müssen. Vielleicht immer wieder. Es ist grausam.

Er gräbt Stollen in sein eingestürztes Bergwerk, sucht nach Beweisen, Verschüttetes unter den Hirn-Halden wiederbeleben zu können. Die Mallorca-Reise – der Inbegriff eines Katastrophenurlaubs. Alles schien gegen ihn verbündet. Am Ende die Einsicht, vor allem selbst Miesepeter und Unruhestifter gewesen zu sein. Die Senegal Reise: gewalttätige Unwetter, diebische Bevölkerung, gefühlte Hitzetode, apokalyptische Ungezieferinvasionen. Nach der Rückkehr verblasste seine friesische Heimat zur Leblosigkeit verglichen mit dem großartigen senegalesischen Konzert der Farben.

Morgens erscheint dann die von der Weihnachtsfeier ramponierte Ärzteschaft zur Visite. Sie begutachten die Halbtoten und säuseln von der befreienden Amnesie ihres ritualisierten Filmrisses am Vorabend. Meyerhoff nennt es ein Wandeln im komatösen Promilleparadies als lustvolle Nahtod-Erfahrung. Also auch eine Endzeitübung. Aber lässt sich das therapeutisch verwerten?

Der Autor selbst entwickelte in seiner Jugend einen provokanten Hang zum Nekrophilen ohne jedoch von der Nähe zum Tod profitieren zu können. Überfahrene Frösche, Wiener Würstchen und Kuhaugen konservierte er in Kunstharz, um die Vollendung des Todes durch den blockierten Verwesungsprozess auszubremsen.

Ein paar Tage später, als das Gleichgewicht wieder sein Eigentum wird, schleicht der Autor in das Treppenhaus um im Nachthemd ein Ballett zu exerzieren. Es gilt dem Tod unangemessen zu begegnen. Er soll dadurch seiner Ernsthaftigkeit beraubt werden. Die Angst verliert zwar das Hinterhältige, dennoch bleibt sie kraftvoll, will aber nicht mehr fordern als ihr zusteht. Man arrangiert sich im Laufe der Zeit.

Und dann ist da das Lebenselixier seiner Familie. Drei Kinder im Abstand von jeweils sieben Jahren sind ihm zuverlässige Lieferanten von Gegenwart. Jedes mit eigener Symbolik: Dino, Deo, Drogen. Die Liebe zwischen ihnen ist übermäßig. Die Älteste managt seinen Krankentransport, staucht die Rotkreuzfahrer zusammen und organisiert die Notfalleinweisung. Betonter Ausdruck von Verbundenheit auch in den Anreden: liebste Mutter, liebster Bruder, liebste Sophie. Fast ein wenig zu demonstrativ. Und doch fehlt Meyerhoff die Fähigkeit, seinen sozialen Umgang konfliktfrei zu lenken. Peinliche Erinnerungen werden offengelegt: in einem Nachbarschaftsstreit wurde er zwei älteren Damen gegenüber handgreiflich, um einen Kinderwagenabstellplatz zu verteidigen. Sein Jähzorn ähnelt jenem seiner Tochter, die sich bei jeder Unzufriedenheit brüllend hinwarf, selbst wenn sie sich dabei den Schädel aufschlug. Nun hat das Schicksal seinen eigenen Schädel lädiert.

Ungeniert beschreibt sich Meyerhoff als der, der er auch ist: ein preisgekrönter Schauspieler des Wiener Burgtheaters. Gewohnt, auf Bühnen Rollen zu interpretieren. Welten in Kokons, deren Verbindung zum Aussen in der Regel auf den Schlussapplaus beschränkt bleibt. So überrascht es vielleicht nicht, dass Meyerhoff auf 300 Seiten kein einziges Wort mit seinen Mitpatienten wechselt. Er nimmt lediglich eine abstoßende Geräuschkulisse von Röcheln, Stöhnen und Furzen wahr. Vielleicht sind diese Patienten zu sehr Symbole seines gefürchteten Endzustandes. Erst gegen Schluss beginnt er erhellende Bilder von behinderten Patienten beim Essen wahrzunehmen, wie sie vergeblich versuchen, Mensaschnitzel zu zerteilen oder Suppenlöffel in die Gesichtsmitte zu manövrieren. Momente der Läuterung flammen auf und als Leser hofft man, dass der Autor auch von dieser anderen Krankheit, der nicht ausbalancierten Ich-Bezogenheit, geheilt werden möge.

Die Katastrophe scheint in ihm einen Wandel in Gang zu setzen: Relativierung des eigenen Unglücks. Verschiebung der Prioritäten: Terminabsagen, Lücken als Genuss. Schuldsituationen werden reflektiert. Neue Lösungen werden gedacht. Wie bei dem gefangenen Vogel im Dachfirst, der in Panik stets nach oben flog und im geschlossenen Raum gefangen blieb, obwohl weiter unten die Tür offen stand. Die Todesnähe bekommt etwas konstruktiv Erweiterndes. Und letztlich die Einsicht, dass er bisher aus allem Geschichten machen konnte, aber aus fast nichts Normalität. Auch mal ganz normal sein, hätte in seinem Leben schon was Bereicherndes. Meyerhoff erkennt: sogar Desorientierung vermittelt ein nicht gekanntes Glücksgefühl.

Ein gutes Werk, das ehrlich und offen auch beruhigt und vor allem durch seine Sprache und Metaphern besticht.  Note: 2 (ur)<<

 

>> Dass das Erzählen von Geschichten der Angstbewältigung dient und Komik heilen kann, das beweist die Schlaganfallgeschichte sicherlich für den Hauptdarsteller in diesem Roman. Er ist ein glänzender Erzähler, als bekannter Burgschauspieler beherrscht er noch in seinem vielleicht letzten Akt die Inszenierung, das Krankenhaus als Bühne. Ob Senegal, Mallorca, Norwegen, U-Bahnstationen, Hundeafter, Filmriß oder BUNTE-Klatschgeschichten aus dem Hause Gottschalk, der Schlagerlkopf des Erzählers ist immer noch ein nicht enden wollendes Füllhorn von Episoden, immer auf den dramaturgischen Höhepunkt und die Pointe hin konstruiert, nicht ein einziges Mal blieb mir das Lachen im Halse stecken. Die „dramatis personae“ des neuntägigen Klinikaufenthalt sind das medizinisch-therapeutische Personal, Mitpatienten im 6-Bettzimmer, am Rande eher geriatrische Schlaganfallpatienten, Patchworkfamilienbesuch. Während wir von letzteren viel Zugewandtes und Liebevolles erfahren (lassen wir den sauren Kitsch über die wunderschöne Sophie und die duftenden Töchterhaare mal außer Acht), so versagt Meyerhoff gegenüber den „mitspielenden“ Patienten, die ja auch noch auf der Bühne sind und meist viel härter getroffen sind als der Hauptdarsteller. Völlig empathielos ist da die Rede vom „Nosferatu-Mädchen“, von der „ungarischen Bowlingkugel“, vom „Wiener Altstrizzi“, die Hilflosigkeit der Lodenmanteleltern beim Besuch des stotternden Sohnes Max müsste sich jeder Komik eigentlich entziehen. Während Meyerhoff die Blase drückt, kämpfen andere ums Überleben. Die Entschuldigung des Autors „Dass sich meine Empathie für das Leid der Mitpatienten in Grenzen hielt, wunderte, ja schmerzte mich“ (S.96), wirkt angesichts späterer Einlassungen wenig glaubhaft. Da geraten spätere Beobachtungen beim MRT von Geriatriepatienten zum Zynismus: „war, wer hier wartete, bereits für den ultimativen Abflug eingescheckt“ (222) oder wenn der Rehapatientenparcour den doch sehr selbstgefälligen Einzelzimmergänger zu der Einsicht bringt: „Wäre ich Geier, würde ich hier kreisen“(252) . Dass es inmitten von Leid auch Raum für Slapstick geben muss (s. Mittagessen mit 300 Schlaganfallpatienten), das ist nicht meine Kritik, es ist sicher sogar überlebenswichtig. Aber Meyerhoffs Roman fehlt das Gespür für die Welt hinter Buster Keaton. Schicksale, Auseinandersetzung mit Leid, Schmerz, Tod, Tiefendimensionen – es gibt viel zu wenige Ansätze in diesem Roman, aber vor allem Verdrängen oder eben Sprachbilder, die sich eigentlich verbieten, wenn aus dem Krankenzimmer ein Bett „hinausgeschoben“ wird: „Gab es hier irgendwo eine Transitzone für letzte Atemzüge“ (193). Gegenüber Erzählungen anderer Mitspieler im Bühnenstück „Schlaganfall“ ist Meyerhoff übrigens deutlich kritischer als gegenüber seinen eigenen. So zensiert der Burgschauspieler die Lebensgeschichte der „Dame aus Braunschweig“ (auch das gesamte Klinikpersonal übrigens namenslos, selbst die leicht erotische aufgeladene Neurologin), während der Physiotherapiestunde süffisant: „Ich war beeindruckt, wie monoton sie Katastrophen und Banalitäten aneinanderreihte ohne jeglichen Wechsel der Intonation.“

Ich jedenfalls hätte mir von einem so sprachgewandten Erzähler mehr Wechsel in der Intonation gewünscht. Die Tonhöhe Komik wir umfassend bedient, jedliche Tontiefe wird vergeigt.  Note : 4  (ai) <<

Allegro Pastell – Leif Randt

Kiepenheuer&Witsch | 2020 , 280 Seiten.

>> Eine „gute Zeit haben“, omnipräsentes Leitmotiv. Hatte ich eine „gute Zeit“ beim Lesen des Buches? Ja und nein. Schmunzeln und freudige Überraschung über Neuentdecktes, aber auch Zähneknirschen. Allerdings schon beim Lesen, nicht nachts wie beim Protagonisten Jerome Daimler. Vielleicht hätte ich auch vor der Lektüre immer ein bisschen Ketamin oder sonstige in dieser Szene verwendete Aufheller einwerfen sollen. Aber leider war von all dem nix in meiner Hausapotheke. Jerome und seine Freundin Tanja Arnheim gingen mir ziemlich schnell auf den Geist. Soviel Achtsamkeit und Awareness, Hedonismus, Narzissmus, die Bedeutung der Distinktion, der Versuch sich um jeden Preis von anderen abzusetzen, diese Blasiertheit kombiniert mit Ignoranz und systematischem Ausblenden aller Probleme unseres Planeten, die Selbstbezogenheit, diese neurotische Konzentration auf das eigene Ich, Ich, Ich , die Bedeutung von Markenartikeln und Accessoires, diese permanente Selbstinszenierung gepaart mit sprachlicher Verwahrlosung, der Meditationskitsch, die Dummheit, das Leben zwischen 35 und 75 als die „verlorenen Jahre“ zu bezeichnen, die Lifestylerei, die durchsichtige, vordergründige Ästhetisierung des Alltags, all das war schwer zu ertragen und machte die Lektüre emotional anstrengend, aber natürlich auch aufregend.

Die beiden Hauptdarsteller können noch nichts wissen von den Risiken der Selbstfindung, der gefährlichen Reise nach Innen, von der sich manche bis ans Ende ihrer Tage nicht mehr erholen. Von der Politik wissen sie immerhin, dass links mit Wehmut und rechts mit Nostalgie konnotiert ist. Ein Jahr Zivildienst in einer sozialen Einrichtung hätte Jerome vermutlich immens gut getan. Tanja, eine in jungen Jahren schon erfolgreiche Schriftstellerin schreibt über derart abgelegene Themen, dass man vermuten darf, dass der Autor eine gelungene Persiflage auf den aufgeregten Literaturbetrieb angestrebt hat. Auf der letzten Seite mailt sie dann gereift wie ein Herbstapfel, aber ich nehms ihr nicht ab.

Der Unterschied zur von Florian Illies beschriebenen Ego-Gesellschaft „Generation Golf“ (Jahrgänge 1965 – 1975) scheint mir nicht sehr groß zu sein. Zwischendurch bläst auch ein bisschen „Nordwind“ ( Daniel Glattauer).

Leif Randt ist ein starkes Buch gelungen. Ein vorzüglicher Beobachter und Stilist, der generös den ausgestreckten Zeigefinger mir überlassen hat. Ich hoffe, dass das von ihm beschriebene Segment minoritär ist und bleibt. Ich hoffe das im Interesse unseres Landes, das, je älter ich werde, desto mehr schätze.  Note: 2 (ax) <<

 

>> „Allegro Pastell“ fasziniert und irritiert auf verschiedenen Ebenen. Schon die Kapiteleinteilung „Phase Eins“ „Phase Zwei“ „Phase Neu“ signalisiert Neuland-Literatur (s. PanoptikumNeu).  Phase 1+2 spiegeln die Befindlichkeiten, wechselnde Nähe und Distanz, des 36jährigen Webdesigners Jerome und der 30jährigen Erfolgsschriftstellerin Tanja. „Phase Neu“ beginnt mit dem Auftritt der 35jährigen Unternehmensberaterin und Grundschulfreundin Marlene Seidl und mündet in eine durch Powerpoint-Präsentation abgesicherte Entscheidung Jeromes und Marlenes zum gemeinsamen Kind. Das Schlusswort gehört wiederum Tanja mit einer von ihr eigentlich nicht zu erwartenden anrührenden Mail. „ABSENDER: Tanja Arnheim BETREFF:us 04.08.2019, 23:21 Uhr“. Nur ein Screenshot dieser Mail könnte diese Form der Kommunikation noch toppen. Wie nahe Randts Erzähler seinen Figuren steht, zeigt sich schon auf der 1. Seite. Nicht die Handlung sondern die Reflektion der Handlung steht im Vordergrund. Wie spiegelt sich mein Verhalten im Gegenüber, welche Erwartungen werden geweckt bzw. enttäuscht. Sprachcode und Dresscode spielen in diesem Lifestylemilieu ein zentrale Rolle und da muss sich Leif Randt ganz glänzend auskennen. Berliner und Maintal Location, das Personal hip, ökonomisch saturiert, mindestens in Medien, Design, Kunst unterwegs, hedonistisch, in der Clubszene stets kontrolliert auf Droge, nicht ikeaspießig sondern declathonaffin, sexuell offen, aber letztlich doch bindungsbedürftig. Für Pfrondorf, WHO, Derendingen und den Österberg ist in dieser Welt kein Platz, auch wenn wir jetzt als Pensionäre die Zeit hätten uns unter die 400 Gäste im Technoclub „Griessmühle“ zu gesellen um am frühen Sonntagnachmittag nach 45min. Wartezeit und 15€ Eintritt an der „Cocktail d’Amore Party“ teilzunehmen. Ob wir allerdings nach der „Einnahme am Tresen“ wie Tanja von 14.14 bis Montagmorgen 2.15 ausharren könnten, ist zweifelhaft. Das wär bei der Party „Lecken“ im „Unter Tage“ sicherlich eher machbar. Ambivalent bleibt in diesem Roman bis zum Schluss die Frage, welche Lesart des Romans zu welchem Urteil führt. Minutiöse Beobachtung in Inhalt und Form eines Stücks gesellschaftlicher Wirklichkeit, die mir letztendlich doch fremd bleibt,  weil sie sich ausschließich mit Innensichten und Selbstwahrnehmung befasst. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist nicht nur in der Gestalt von Bernie Sanders auf den Hund gekommen. Bei der 2. Lesart dominiert Augenzwinkern Leif Randts. Hier wird vorgeführt und entlarvt. Tanjas PanoptikumNeu -nach Randt eine „Romanminiatur“ zeigt wie im Literatur- und Kulturbetrieb gehipt wird. „Sinnstiftende Virtual Reality“ ein „Missverständnis“, dem nicht nur Figuren wie Markus Lanz erliegen. Kultbuch, „ein Ikone für schwule Akademiker zwischen 20 und 45“, Lesungen in Kapstadt und Wien, vermarktet zu einer vierteiligen Miniwebserie, gedreht mit Samsung S7 und was erfahren wir vom Inhalt? Eine Figur namens Liam und seine 4 schwulen Freunde wollen in einem „Landschulheim“ (VR riecht nach Cyber space, der Schauplatz aber nach Stockbett) ihre Sucht nach sexueller Befriedigung „in den Griff kriegen“ (großartig! Besser kann man die Sache nicht auf den Begriff bringen). Wenn das kein Stoff ist der nach Goethe-Institut ruft!  Vergleichbar schlicht gestrickt sind Tanjas weitere Projekte. Jeromes Frage nach dem „thematischen Zentrum“ ihrer 2. Romans beantwortet Tanja: “Ich glaube man sollte sein Thema nicht zu genau definieren…es geht mehr um Religion als um Psyche“ und ihr letztes Romanprojekt führt uns aus der Perspektive einer jungen Pflegerin in ein „leicht futuristische Senior*innenstift. Ein Besuch bei der verstorbenen Großmutter in einer solchen „Residenz“ (Altersheim geht in diesem Milieu gar nicht) dient als Hintergrundrecherche. Nicht nur Tanjas vermeintliche literarische Fortüne erzeugt Schmunzeln, auch dort, wo der Blick mal über das eigene Selbst nach Außen gelenkt wird, kommt Irritation auf: Jeromes „fatalistischer Blick aufs moderne Wirtschaften“ mündet in einer Teilzeitlandschaftsgärtnerutopie („idealerweise Dienstag“) möglichst mit „vier Tage Wochenende“, die Tanja noch toppt: „Eigentlich will ich gar nicht arbeiten“. Das ist entwaffnend naiv, aber eben auch Teil des Randtschen Mikrokosmos, einer letztendlich doch verlorenen Teilgeneration zwischen Tiefsinn und Oberflächlichkeit. Diese Generation ist einerseits ganz ganz dicht bei sich selbst, lebt das Hier und Jetzt und ist andererseits ganz weit weg von dem, was eigentlich auch von dieser Generation zu erwarten wäre. Diese Bestandsaufnahme ist Leif Randt hervorragend gelungen.

Dass „Allegro Pastell“ verschiedene Lesarten ermöglicht, ist ein Teil der Faszination. Schade, dass Tanja in den nächsten Monaten in der Gruppe „Allegro Kalenji  beim TSV GuthsMuths 1861 in Tiergarten pausieren muss, wie überhaupt Randts Personal mit der Berliner Quarantäne seine Schwierigkeiten haben dürfte. Aber vielleicht nutzt Tanja ja die Zeit für ein neues Panoptikum. Note: 1/2 (ai) <<

 

>> Eine Lovestory. Tanja auf dem Frankfurter Hauptbahnhof Gleis 9, Jerome findet es charmanter stehen zu bleiben. Später haben sie leicht pathetischen Sex auf seiner Couch in Maintal. Tanja zurück in Berlin Hasenheide. Tanja und Jerome haben keine Policies der Informationsvergabe vereinbart. Sie kommunizieren meist in langen iMessages. Sie tanzt 9 Stunden auf der Cocktail-d´Amore Party. Es ist das Jahrzehnt, in dem öffentlich ausgetragene Blowjobs den Sprung in den Mainstream schaffen. Jerome will simultan in Offenbach Ecstasy einwerfen, während sie in Berlin plant 155mg mdma zu konsumieren. Theorie vom europäischen Energiefeld der Love Interests. Jedem Protagonisten fällt eine Rolle zu. Jeromes Aufgabe: Paarbeziehungen retten, indem er sich als schlechtere Seitensprungwahl entlarvt. Jerome mit Sparticket in Berlin. Der erste Sex in Tanjas Wohnung hat etwas Formelles. Im Szechuan Lokal lobt Tanja das Interieur. Am Abend betrinken sie sich. Zwischen den Getränken schnupfen sie vom Briefkastenschlüssel Ketamin. Tanja lobt das Highfidelity-Gefühl. Tanjas 30. Geburtstag. Jerome geht ihr unvermittelt auf die Nerven. Trennung. Sie ist fasziniert von ihrem Kontrollverlust als Janis, der Freund ihrer Freundin, auf ihrer Bettkante sitzt. Jerome bemüht sich zu feiern. Nach dem Kauf eines Marihuana Vaporizers vapt er verschiedene Hybridsorten mit Blick auf das Naturschutzgebiet. Als die Schulfreundin Marlene und Jerome ein Fünfer-Bembel Apfelwein geleert haben, spricht er: „Zwischen Samstag und Dienstag haben wir jetzt Cross-Partnerlook gemacht“. Dass sie zwischenzeitlich Calvados bestellen, ist ein gutes Zeichen. Marlenes alte Beziehung war im dritten Jahr bei sprachloser Lähmung aber noch großartigem Sex zu Ende gegangen. Marlene: Dort hatte ich meinen ersten Mushroom-Trip. Jerome: Psychedelics sind die Leerstellen in meinem Konsumportfolio. Marlene zieht ein rotes Kondom aus ihrer Tasche. Er weiß jetzt, dass er mit Marlene okayen bis sehr guten Sex haben würde.

Janis pocht bei Tanja erneut auf seine gut funktionierende Affäre mit dem Dresdener Dennis. Tanja bleibt mit ihrem Rest Eiscreme sitzen. Tanja mit Alex im Tattersall. Er weiß Rat. Gruppensex im Unter Tage. Bei den Parties „Lecken“ sind auch Heteros, das entspannt. Tanja und Jerome nach fünf Monaten erneut bei einer Hochzeitsparty. Sie nehmen eine schwarze Levi´s vom saferparty.ch Versand. Jerome spürt eine Erektion. Tanja will in Berlin mehr Langeweile wagen. Jerome feiert seinen sechsunddreißigsten Geburtstag bei Mutter. Er isst mit Marlene, sie Steak, er Dorade. Sie probieren gegenseitig und bestätigen ihren jeweiligen positiven Eindruck. Sie knutschen kurz. Die nächste Knutschphase dauert etwas länger. Jerome will wissen, ob er es gut ertragen kann, sie zu lecken. Die Einsicht ist, dass er es gerne tut. Jerome und Marlene in Como. Sie schlafen sechsmal miteinander, an zwei Tagen gar nicht, dafür am Ankunftstag dreimal. Am vierten Tag nehmen sie psychedelische Pilze. Der Rausch nimmt sich überraschend freundlich aus. Marlene wird schwanger. Jerome arbeitet die Familienzukunft in einer PowerPoint Präsentation auf. Marlene ist die gesündeste Liebe seines Lebens. Sie würde immer Geld verdienen. Tanja bewahrt sich ihre Liebe für Jerome. Finito.

So gelesen hätte diese Love Story nicht geschrieben werden müssen, ist sie doch so fade wie der allegropastelle Einband der Originalausgabe. Zugegeben, da ist noch etwas mehr. Ein Mehr, dass ähnlich wie die Inspektion der „Generation Golf“ von F. Illies (2000) bedingt analytisch wie auch selbstironisch die Generation Y (Abkömmlinge der 80er Jahre) erhellt.

Virtuelle Welten. Die Protagonisten dieses Romans sind nicht unwesentlich affin für virtuelle Lebensgestaltung. Hierfür setzt Randt alte und neue Welten außerhalb des Wahren unmittelbar nebeneinander und lässt sie ineinanderfließen. Tanja ist Jungautorin mit dem Fokus einer sinnstiftenden Virtual Reality. Literatur war immer schon irreal-real und scheint es hier sogar in zweifacher Hinsicht. Die IT-Welt des Webdesigners Jerome bewegt sich zwischen Medien-fokussierter Selbstinszenierung seiner Kundschaft in Form von Webpages und entrückten Lavalampen-Pitches, in denen verquirlte Geräusch- und Farbverläufe seelische Erhellungen provozieren sollen. Virtuell-reale Zustände. Ähnlich farbenfroh wirkt schließlich die Welt biologischer und synthetischer Rauschmittel, die wie die Literatur Elemente der Realität in Formen des Irrealen transformiert und verfremdet. So betrachtet, ist die virtuell fixierte Generation Y von der durch Literaturklassiker geprägten Elterngeneration nicht prinzipiell verschieden.

Literaturbetrieb. Tanja versucht sich als Schriftstellerin. Das erste und einzige Werk liegt schon dreieinhalb Jahre zurück, ist dünn und führt zu Missverständnissen. Ihre Einladung zum Fernsehmoderator Lanz weist ihr eine Rolle zu, der sie sich nicht gewachsen fühlt. Die Urteile über ihre Person schwanken zwischen hochnäsig und erfrischend inkompetent. Ihre Protagonisten sind schwul, worauf homosexuelle Akademiker sie zur Ikone stilisieren, während FeministInnen ihr vorwerfen, dass sie sich überhaupt mit Männern beschäftigt. Während der Schauplatz ihres „zukunftsweisenden“ Miniaturromans ein altes Landschulheim ist, soll ihr zukünftiger Roman aus Seniorenstiften gespeist werden. Die staunende Rückblicks-Melancholie am Lebensende. Ihre Freundin empfiehlt dagegen das Thema Wechseljahre, das sicher niemand besser in Szene setzen könne als Tanja. Tanja selbst: Nehmt mich nicht ernst. Vielleicht ist es dieser Aspekt von Allegro Pastell, mit dem der Jungschriftsteller Randt auch sich und den Literaturbetrieb ironisch inzeniert. Vom Sprachduktus der Y-ers ganz zu schweigen.

Die Charaktere. Die Repräsentaten der urbanen Generation: Gut-Dreißigjährige, akademisch vorbereitet, berufliche Individualisten, angedeutete Hedonisten, aufgeklärt, konsumselektiv, rauschoffen, depressiv (Schwester), triebbereit, bindungsbegrenzt (Tanja), ritualbeengt (Jerome), mobilbetont, tolerant. Summa summarum: ein moderner Sapiens Subtyp. Kann man leben lassen. Auch hier darf dem Autor Randt ein ambivalentes Augenzwinkern zugetraut werden.

Gelegentliche Originalität ist eingefügt. Mit Wohlwollen sogar Sinnhaftigkeit. Ein bisschen Popkultur, ein wenig Generationenstudie unter einer großzügig aufgetragenen Deckschicht Pomade. Das Buch kann man lesen, will es aber nicht unbedingt müssen.

Note: 3 (ur) <<

 

>> Verschiedene Leser haben gefragt: „Ist das alles ernst gemeint? Die Figuren gehen mir ganz schön auf die Nerven“. Die richtige Frage und ein richtiger Befund. Trotzdem oder gerade deswegen ein sehr gutes Buch, das dem Leser die Parallelwelt einer Generation der um die 30-jährigen offenbart, in deren Alltag sich einerseits viel um Äußerlichkeiten und Distinktion durch Markennamen, hippen Restaurants, Essen und Kommunikationscodes dreht, andererseits aber unendlich viel auch um Selbstreflexion und Befindlichkeiten dreht.  Ein typischer Satz: „Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich von außen in der U4 sehen“. Das ist äußerst klug von Leif Randt beobachtet und mit psychologischer Tiefenbohrung beleuchtet. Das Leben einer extrem selbstbezogenen Generation in Berlin – Tanja – und Frankfurt- Jerome-  bilden den Rahmen. In Berlin geht es darum „möglichst publikumswirksam eine gute Zeit zu haben“.
Drogen gehören selbstverständlich dazu. Die Unentschlossenheit, die Ambivalenz, These und Antithese in ein und demselben Gedanken und das Fehlen eines festen Standpunkts durchdringen Allegro Pastell porentief. „Sie diskutierten darüber, ob Marlenes Kontaktaufnahme nun steril und abgeschmackt oder das genaue Gegenteil davon gewesen war“. Everything is possible. In der auffällig häufig verwendeten Vokabel „ erstaunlich“ drückt sich schon der halbe Rückzug von jeglicher  Festlegung aus. Sex mit Mitte 30 war „auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal“.

Dass man Leif Randts Roman deshalb als Parodie, Ironie, Satire, Persiflage lesen muss, um einen veritablen Lesegenuss zu haben, liegt auf der Hand. Das geschilderte Milieu wird zu Kenntlichkeit decouvriert. Schon das in der Belletristik verpönte , von Randt aber in Tanjas und Jeromes Gedankenwelt selbstverständlich verwendete Gendersternchen (Autor*innen) spricht für sich.
Herrlich der Literaturbetrieb, der Tanja mit ihrer „Romanminiatur“ PanoptikumNeu für „ schwule Akademiker zwischen 20 und 45 zu einer Art Ikone“  macht.  „Von Tanja wusste Jerome, dass sie Peter Handke ebenfalls mochte, er hatte in Erinnerung, dass er ihr liebster Autor aus der Schweiz war“. Das ist auf den Punkt gebracht. Besser kann man den literarischen Kosmos von Jerome oder von Tanja oder von beiden nicht beschreiben. Spätestens wenn Jerome , als er erfährt, dass er Vater wird, schnell eine Power Point Präsentation Pro und Contra Kind entwirft  und meint,  ihr Kind könnte „eine sinnvolle Religion“ erlernen, muss klar sein, in welchem literarischen Sujet sich Randt meisterhaft bewegt.  Note: 1 – (ün) <<