Die Diplomatin – Lucy Fricke

Ullstein Taschenbuch, 2023 | 254 Seiten

<< „Die Diplomatin“  ist die Ich-Erzählerin Friederike Andermann, genannt Fred. Sie ist Botschafterin im Montevideo und schiebt dort eine ruhige Kugel, bis die Entführung und Ermordeung einer deutschen Touristin, Tochter einer mächtigen Verlegerin, alles  durcheinander wirbelt. Sie wird in die „Zentrale“ zurückbeordert. Zwei Jahre später kommt sie als Konsulin nach Istanbul, wo die diplomtischen Geschäfte heikler und schwieriger sind. Die Inhaftierung von mißliebigen Journalisten und Regimegegnern mit Verbindungen nach Deutschland binden alle Kräfte, auch die des Botschfaters Philip, einem alten Freund von Fred. Die willkürlichen Verhaftungen und Prozesse sind nicht wirklich was Neues für den Leser, die  diplomatischen Fäden und Überlegungen im Hintergrund schon. Die Autorin hat Insiderwissen und gut recherchiert. Wird der Diplomatenalltag  im ersten Teil „Montevideo“ noch sehr witzig, unterhaltsam und sprachlich gekonnt geschildert, verflüchtigt sich das im zweiten Teil „Istanbul“ zusehends und wird deutlich flacher. Vieles ist vorhersehbar.
Schließlich entschließt sich Fred gegen den ausdrücklichen Rat von Botschafter und Freund Philip, drei  von der Polizei gesuchte oder zumidest mit Ausreiseverbot belegten Dissidenten im selbstgesteuerten Auto zur Südküsten zu fahren und zur Flucht nach Griechenland zu verhelfen. Unzweifelfhaft das Ende ihrer Karierre, was allerdings offenbleibt. Im letzten Kapitel“ Hamburg“  besucht sie ihre Mutter im Krankenhaus  , die kurz zuvor aus einer brennden Küche gerettet werden musste. Die von der Feuerwehr aufgebrochene Wohnung weckt Erinnerungen von Fred an ihr früheste Kindheit im Osten, als sie die Wohnung und das Land auch pötzlich verlassen mussten. Ihre Mutter weiß auch nicht mehr viel, was der Grund war. „Geheimdienst, oder so“.
Das Ende wirkt reichlich konstruiert. Note : 3 ( ün) <<

 

>> Ja, die ersten Kapitel sind vielversprechend. Was uns die Ich-Erzählerin Friederike Andermann als neue Botschafterin in Montevideo mitteilt, führt in die kleine große Welt der Diplomatie. Zwischen Bratwürstchen-Einheitsfest, Krisenmanagement und Bettkante bewegt sich die inzwischen 50-jährige Protagonistin. Das jugendliche Latzhosenmädchen, Tochter einer alleinerziehenden Kellnerin, aufgewachsen im Hamburger Arbeiterviertel, Jurastudium, einen „Fast-Ehemann“, zwei Fehlgeburten, jetzt eine selbstbewusste Frau, die „auf den Wunsch nach Ehe und Familie keine Antwort wusste“, eine Karriere auch durch späten Quotenvorteil, Heimatbezug durch Mutters Holsteiner Schinken, die Alltagserfahrung eines Lebens zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Stationenhopping im diplomatischen Dienst, Bagdad, Montevideo, Zentrale, Istanbul, all das wäre Stoff für eine großartige Geschichte gewesen. Und gerade Freds Sozialisation ermöglicht auch großartige Einblicke in diplomatische Verkehrsformen: Repräsentationsrituale, Sprachregelungen (CYA), Verhaltensmuster zwischen der Zentrale und den Außenstellen, brillante Charakterisierungen von Partnerbeziehungen im diplomatischen Dienst (köstlich nicht nur der MAP), Aufstieg einerseits, Verkümmerung anderseits, Altersruhesitz Südfrankreich oder Uckermark, ein Schmankerl die Leopardenfell-Prüfung oder in Ankara die „Honigdiplomatie“! Stattdessen rücken zunehmend Spannungspotentiale ins Zentrum. Die Stärke der Montevideo-Episode liegt im exemplarischen Detail: Ein Polizeipräsident-Macho wie Hector, Vertraulichkeit zwischen Alkohol und Mate-Tee, Gastgeschenk Solartaschenlampe, die Nazienklave und das kärgliche Eventmanagement einer deutschen Botschaft zum Jahreshighlight deutscher Wiedervereinigung, all das atmosphärisch dicht und sprachlich gekonnt. Doch dann tischt die Autorin auf, was das Unterhaltungsgenre fordert: Drogendealer entführt Tochter einer einflussreichen deutschen Zeitungsverlegerin, will Kontakt zu seinem in Deutschland lebenden Kind erpressen, dreht durch, ermordet Tamara Büsche. Die logische Folge Aktionismus im Krisenstab der Zentrale, natürlich auch das BKA involviert, da der Druck der Zeitungszarin groß. Am Ende steht zwar nicht die von ihr geforderte Schließung der Botschaft, aber die Versetzung Freds in die Zentrale. Dass Montevideo dann auch noch auf Anweisung „der Büscher“ das kurzfristige Aus für einen Journalisten und „Partyschreck aus Uruguay“ (85) bedeutet (zurück in die Lokalredaktion), ermöglicht jene Istanbuler Fred-Daniel-Beziehungsgeschichte, die zum schwächsten Teil des Romans führt. Zentral dagegen die politische Botschaft der nachfolgenden Handlung, die die aktuelle Situation der Presse in der Türkei beleuchtet. Willkürverhaftungen, Informationskanäle des türkischen Geheimdienstes (MIT), Investigativ-Journalismus unter Lebensgefahr, die Strukturen eines korrupten Justizapparats am Beispiel der Meral-Baris Geschichte. Aber eigentlich für die informierten Zeitungsleser auch nichts Neues. Hier werden Fred als Konsulin in Istanbul und Philipp als Deutscher Botschafter in Ankara, zu empathischen Akteuren, die gar die Grenzen der Diplomatie sprengen. Für mich mit dem happy-end einer doch recht platten Fluchthelfergeschichte etwas zu viel des Guten. Doch damit nicht genug: Die Schlusskapitel mit dem Schauplatz Hamburg präsentieren ein privates Wiedervereinigungspathos (Mutter, Tochter, Daniel), bei dem zu wünschen gewesen wäre, dass die Fernbedienung bei der Übertragung des Tags des Deutschen Einheit versagt hätte. Dann hätten wir auch nicht erfahren müssen, dass Schwarzrotgold jetzt nur noch schlapp weht statt knattert.

Die Entschlüsselung des doch recht kryptischen Stasi-Geheimdienstbezugs gelingt vielleicht einem mir bekannten Leser durch die ihm vertraute Kontaktaufnahme mit der Autorin. Note : 3 – ( ai) (schade, der „Roman“ hätte Potential)<<