Die Vegetarierin – Han Kan

Aufbau Verlag 2016  |  190 Seiten.

>> Ein  Romaneinstieg mit Sog-und zugleich Schockwirkung. Auf 4 Seiten die Bilanz einer 5 jährigen Ehe aus der  Perspektive des erzählenden Ehemanns: „Abgesehen von der Kleinigkeit“, dass die Ehefrau keinen BH trug, „lief die Ehe gut“. Dabei wurde der Leser gerade Zeuge einer an Desillusion und Pragmatismus kaum noch zu überbietenden Beziehung. Die vermeintliche „Beschaulichkeit“ erweist sich  nach traumatischen Fleischhorrortrips der Ehefrau Yong-Hye als sich beschleunigender psychopathologischer Absturzprozess. Alle Hilfsangebote vergebens, Verweigerung nicht nur von Nahrung (zunächst  tierische Produkteam Ende als Baummetamorphose genügt Wasser), auch zunehmend von Sprache, Selbstisolation, scheinbar unausweichlich der Weg in die Psychiatrie.  Dann – es war schon zu vermuten – liefert die Autorin erste Erklärungsansätze: familiäre Sozialisation, der Schlag des Vaters ins Gesicht der Tochter ( von Lieblosigkeit und Gewalt , Saufgelage etc. erfahren wir erst gegen Romanende )Zunächst muss wieder ein Traum herhalten: Hundesbiss der 9jährigen Yong-Hye, brutale Bestrafung des Hundes durch den Vater  (am Motorrad festgebunden). Wiederum sind Traumdeuter gefragt, Spekulatives, wenig Faktisches. Hinweise auf Mentalitäten, Traditionen, Kontext Südkorea – leider Fehlanzeige. Mit dem „Mongolenfleck“  der Einstieg in die Welt der Begierde. Statt Prüderie, formalisiertem Eheleben, Eintönigkeit  kommt jetzt im wahrsten Sinne Farbe ins  Spiel, nur leider sehr platt und sprachlich Softpornoniveau.  Statt Fleischverzicht etwas Fleischeslust. Da  trifft es sich gut, dass der Schwager ein Künstler ist, zumal ein Videokünstler mit ausgefallenen erotischen Phantasien. Das Objekt der Begierde: Yong-Hye, ihr Mongolenfleck der Schlüsselreiz. Es kommt nun die Stunde der „Pinselführung“ (ist sich der Übersetzer der Plattitüde bewusst?):  Location Atelier , Body-Painting, viel Blumiges, Inszenierungsfirlefanz (zunächst muss J. ran, dann versteckt die ehemalige Geliebte des Schwagers  P. nicht nur dessen Bauchansatz im Blumenmeer) und nachdem sich  Yong-Hye nicht nur sprachlich zunehmend öffnet: „Ich bin ganz feucht….“, kommt es zum vom Filmapparat präzise festgehaltenen finalen Liebesakt, der Yong-Hye und damit dem Leser die Augen öffnet für das, was ihm bisher verborgen geblieben ist. Nicht das Fleisch bedingt die Träume und damit muss auch Fleischverzicht folgenlos bleiben,  es sind die „Gesichter im Bauch“. Für mich mehr Nebel als Selbsterkenntnis. Dass In-Hye Schwester und Schwager in flgranti  beim Ehebruch ertappt und dies die Zwangseinweisung Yong-Hye in die geschlossene Psychiatrie zur Folge hat und auch In-Hyes Ehemann zunächst psychiatrisiert , dann von „Ärzten für zurechnungsfähig“  und wegen Ehebruch „verhaftet“ wird (monatelanger Gerichtsprozess, nach zahlreichen Bittgesuchen Freilassung), ist eines der wenigen Einsichten in rigide südkoreanische Moralvorstellungen (gleichzeitig aber Industrie 4.0).  Das abschließende Geschwisterkapitel – die Männer-Täter haben sich alle auf ihre Weise verabschiedet- hätte psychologisch das Interessanteste  werden können. Einerseits ist In-Hye für die Anstaltsverwahrung letztlich verantwortlich, andererseits setzt erst die Selbstaufgabe der jüngeren Schwester  In-Hye jene Erinnerungen frei, die zur Aufarbeitung der Familientragödie führen. Ja man gewinnt bei aller Zurückweisung und Verweigerung schwesterlicher Hilfe fast den Eindruck, dass Yong-Hyes zunehmendes    Ver-rück-t und Ent-rückt-Sein  bei In-Hye letzten Endes doch Verständnis für die Baummetamorphose der jüngeren Schwester auslöst. Im deutlichen Kontrast zu dieser inneren Handlung steht das äußere Geschehen. Hier dominiert die Kälte medizinischer Notwendigkeit. Die Allgemeinmedizin greift zu  Nasensonde und Zwangsernährung. Die Psychiatrie ist scheinbar am Ende des Lateins . Sterben in Würde unmöglich – stattdessen die letzte Fahrt zur Notaufnahme nach Seoul  – von der Autorin pathetisch überhöht durch  schwarzen Vogelflug und flammenlodernde Baummetaphorik.
Note: 4/5 (ai) <<

>> Die ersten vier Seiten genial. Sie zogen mich rein. Kommt selten vor. Vergleichbares noch nie gelesen. Die nüchterne und lobende Beschreibung einer Beziehung, die im Grunde keine ist. Fünf Jahre geht alles gut. Aber dann wird die Protagonistin Vegetarierin und zur „Fallgrube ohne Boden“ für ihren Mann. Psychiatrie. Mit Schlauch im Hals für die Reissuppe. Mich würgts beim Lesen. Aber es wird ja eh keiner lesen, soll ja keiner lesen. Und sonst? Kann mich an kein Buch erinnern, in dem so oft die Abkürzung BH verwendet wurde. Note: 4/5 (ax)<<

>> Morgens um vier wird Yong-Hye zur Salzsäule erstarrt in der bitterkalten Küche vor dem Gefrierschrank gefunden. Sie hatte einen Traum von der Hässlichkeit des Fleisches. Die auf dem Küchenboden ausgeschütteten tiefgefrorenen Fleischvorräte wird sie vernichten. Drei Jahre später entspricht das Lebendgewicht der hungernden Frau noch dem eines Kindes. Sie hofft vom fleischlichen Mensch zur fleischlosen Pflanze zu mutieren. Sie glaubt ein Baum zu werden. Vermutlich wird sie in der geschlossenen Psychiatrie nicht überleben.

Die Schriftstellerin beschreibt in diesem Szenenverlauf das Krankheitsbild eines Individuums – medizinisch gesehen ein besonders schwerwiegendes Syndrom aus Magersucht und Schizophrenie. Als Leser wird man verleitet, ganz unmittelbar das Patientenbild als bizarres Einzelschicksal zu deuten. Tiefgründiger scheint jedoch die mittelbare Interpretation im Kontext der asiatischen Gesellschaft – eine Gesellschaft mit einem krankhaften Kodex? Zugegeben, der Text enthält keinen direkten Verweis auf gesellschaftliche Normen, keine Anklage familiärer Unterdrückungsprinzipien, keine offenen Wertungen der Geschlechterrollen. Dennoch liefert der Plot zahlreiche Hinweise, die psychotische Metamorphose von Yong Hye als finale Abwendung vom Rollen-Alltag zu verstehen. In dem Sinne entpuppt sich das Konvertieren zur Vegetarierin als Metapher, als verzweifelte Loslösung von der Normalität eines hochgradig regulierten Daseins hin zu einer illusionären botanischen Selbstversunkenheit. Es ist die völlige, selbst bestrafende Entmenschlichung, die Verordnung Baum zu sein, nur von Wasser und Sonnenlicht erhalten zu werden und damit eben nicht mehr Mensch zu sein. Nach der körperlichen wie seelischen Nahrungsverweigerung bleibt nur das selbst verordnete Ableben. Es ist eine ernste und höchst befremdliche Vision – auch deshalb, weil die Konsequenz des Widerspruchs nicht den Widerspruch löst, sondern das Opfer sich selbst opfert. Bemerkenswert ist an dieser Stelle der Kunstgriff der Autorin mit dem harmlosesten aller Dinge, einem Baum, ein so überaus erschütterndes Bild zu malen.

Han Kang lässt einen Ich-Erzähler nur im ersten Kapitel zu: den Ehemann von Yong-Hye. Er skizziert nicht nur seine Wahrnehmung über die Veränderungen seiner Frau, sondern liefert auch einen bemerkenswerten Einblick in das familiäre Normengerüst und sein ungewöhnliches Selbstverständnis. Als absoluter Durchschnittstypus baut er sein Leben gezielt auf völlig farblose Eckpfeiler: sein beliebiger Alltag, seine bewusst anspruchslose Arbeit, die Wahl seiner gesichtslosen Frau. Liebe war nie ein Ziel. Wenn man keine Liebe hat, kann man auch keine verlieren. Ein Funktionieren durch eine perfekte Anpassung an Grau.

Er ist zunächst erbost über die vegetarischen Extravaganzen seiner Gattin, die damit verbundene Normenverletzung im Betriebskreis und die befürchteten Arbeitsplatzsanktionen. Nicht überraschend gibt er bald seinen Widerstand auf. Parallel zum voranschreitenden Verstummen und der Weigerung seiner Gattin, ihn regelkonform zu bedienen, nimmt die Entfremdung der Ehepartner ihren Lauf. Der ritualisierten Trunkenheit mit den Arbeitskollegen folgt im Rauschzustand die Vergewaltigung seiner in sich gekehrten Frau. Ehepflichten. Auf einer Familienfeier entsagt Yong-Hye erneut dem Fleisch. Der autoritäre Vater züchtigt sie vor den Augen der Verwandtschaft und stopft Fleisch in sie hinein. Sie erbricht sich, greift zum Messer und schlitzt sich die Pulsader auf. Ein langer Krankenhausaufenthalt folgt. Die Ehe bricht auseinander. Die alten Eltern quittieren die Ereignisse mit kompromissloser Ablehnung.

Verschlüsselt erscheint in diesem mit „Die Vegetarierin“ betitelten Kapitel eine zweite Ich-Erzählerin. In Form von Traumdarstellungen erfahren wir von Yong-Hyes zunehmend gewalttätigen Fleisch-, Tier und Mordvisionen. Am Ende dieser Sequenz erscheint schließlich die Metapherdeutung: „Ich habe geglaubt, das Fleisch sei daran schuld. Ich dachte, ich bräuchte nur auf Fleisch zu verzichten und hätte diese Träume nicht mehr. Erst jetzt … habe ich verstanden. Diese Gesichter leben in meinem Bauch“ (S. 121). Tatsächlich ist es nicht das Fleisch und der damit vorangegangene gewalttätige Tod. Es sind die Fratzen ihrer Familie und deren Ansprüche, die Gesichter der ehelichen Konventionen und ihre Unterdrückungsselbstverständlichkeiten, die sich in ihrem Magen festgebissen haben. Der Magen ist verschlossen. Der Mensch muss äußerlich und innerlich verhungern. Der letzte verzweifelte Versuch, sich aus der menschlichen in eine Baum-Gesellschaft zu transformieren, muss selbstverständlich scheitern. Wenn das letzte Kapitel dann heißt „Bäume in Flammen“, ist auch diese Welt verbrannt.

Im zweiten Kapitel stellt die Autorin mit dem Schwager und Ehemann von Yong-Hyes Schwester ein zweites Normenopfer/einen zweiten Normentäter in den Mittelpunkt. Beide werden literarisch verflochten, beide scheitern. Er ist erfolgloser Videokünstler, der mit nekrotischen Konzentraten von Weltuntergang, Krieg und menschlicher Niederträchtigkeit wenig Aufmerksamkeit und keinen Unterhalt für die Familie erreicht. Wie Yong-Hye, aber eben anders, entspricht auch er nicht den gesellschaftlichen Erwartungen. Auch er erlebt eine quasi botanische Wandlung, indem er eine künstlerische Obsession entwickelt: auf nackte Körper gemalte Blumenmeere. Mit dem Zurücklassen deprimierender Katastrophenfixierung erfolgt eine Hinwendung zu farbenfroher Körperlichkeit. Ausgangspunkt dieser neuen Faszination ist die Fetischierung einer Anomalie: Mongolenflecke, die auch koreanische Kinder als Hautpigmentierung entwickeln. Erwachsene verlieren typischerweise den Mongolenfleck, Yong-Hye nicht.

Nachdem Yong-Hye sich über mehrere Monate bei ihm und seiner Frau vom Krankenhausaufenthalt erholt hatte, blüht seine Begierde fokussiert auf den Mongolenfleck von Yong-Hye auf. Sie ist inzwischen geschieden. Ihr Körper wird es sein, den er in stundenlagen Videoprotokollen mit Ihrer Zustimmung verziert. Nach der Weigerung eines ebenso bemalten Künstlerkollegen, sich zu einem schlingpflanzenartigen Gewächs mit ihr sexuell zu vereinen, übernimmt er selbst die Rolle. Yong-Hye wirkt zurückgenommen, letztlich jedoch stimuliert, nachdem er pflanzlich verfremdet ist. Die ekstatische Vereinigung wird zur Katastrophe, da Yong-Hyes Schwester zufällig in die pornographische Szene gerät. Mit den detaillierten Videobeweisen wird der Schwager juristisch belangt und Yong-Hye der geschlossenen Psychiatrie übergeben. Diese wird sie nie wieder verlassen. Er wird untertauchen und wie zuvor schon Frau und Kind vernachlässigen.

Im Schlusskapitel richtet Han Kang den Lichtkegel auf die Schwägerin. Sie ist die einzige, die den Kontakt zur Schwester in der Psychiatrie hält, obwohl diese sie mit ihrem Mann betrog. Die Eltern brechen bezeichnenderweise auch mit der betrogenen Tochter, da durch die Tat ihres Gatten auch sie befleckt sei. Die Einsamkeit und der Verrat an ihrer Seele werden zunehmend infektiös und breiten sich rasant in ihr aus. Die wöchentliche Teilhabe am beschleunigten Verfall Yong-Hyes konfrontiert sie zunehmend mit sich selbst. Todesgedanken drängen sich auf, ein Sprung vor die einfahrende U-Bahn wäre so einfach, die blutenden Gebärmutterpolypen kündigen vielleicht vom nahenden Ende, der Lebensrückblick ist niederschmetternd. Die dahinsiechende Yong-Hye wird zu ihrem Spiegelbild.

Schon als Kind war Yong-Hye vom cholerischen Vater gedemütigt worden. Der betrunkene Vater schlug die stille Yong-Hye – nicht die ältere Schwester. Sie entging der Gewalt, weil sie die Versorgung des Vaters anstelle der erschöpften Mutter übernommen hatte. Und was danach kam, war eine lieblose Ehe mit einem egomanischen Videokünstler. Doch so fern der eigene Gatte und ihre Schwester ihr sind, so nahe rücken sie paradoxerweise in das Hier und Jetzt, das vielleicht kein morgen kennt. „Wenn nicht ihr Mann und Yong-Hye die Ersten gewesen wären, die Grenzen überschritten und damit ihre heile Welt zerstört hatten, dann wäre es wahrscheinlich sie selbst gewesen, die sich aufgelöst hätte…“ (S.188). Der Buch Text endet mit einem Fragezeichen. Wird auch sie ihre vermeintlich heile Welt hinter sich lassen?

Ist das Werk auch eine kritische Geschlechterbilanz? Dass die Autorin in der Tat eine Rollenkritik impliziert, kann schon aus der Personalbeschreibung abgeleitet werden. Han Kang lässt alle Männerfiguren des Romans befleckt erscheinen: der inhaltlose Gatte Yong-Hyes, der gewalttätige Vater, der ich-besessene Schwager. Frauen dagegen sind Opfer genau dieser Männer und damit auch der patriarchalischen Gesellschaft: die unterdrückte Yong-Hye, die betrogene Schwester, die ausgelaugte Mutter.

Han Kang schafft es mit einer schlichten Sprachgebung einen beklemmend-fesselnden Plot zu inszenieren. Im Rahmen der Dialoge entsteht jedoch gelegentlich der Eindruck beschädigter Übersetzungen ins Deutsche. Ebenso begegnet man im Verlauf der Geschichte gewissen literarischen Verwerfungen wie bei den erstaunlich prompten Konsequenzen auf das floristische Pornomotiv. Auch wenn die Geschichte in Korea angesiedelt ist, sind viele dargestellte Elemente zwischenmenschlicher Repressionen sicher unabhängig vom Kulturkreis. Note: 2 – (ur)<<

>> „Verstörend“ ist eine Beschreibung, die in den Rezensionen zu diesem Werk der koreanischen Schriftstellerin Han Kann häufig vorkommt. Ich kann mich dem nicht anschließen. Dazu ist eine tiefe, emotionale Berührung unabdingbar, die sich bei mir nicht eingestellt hat. Note 4/5 (ün) <<

Über Grenzen denken – Julian Nida-Rümelin

  edition Körber-Stiftung  2017  | 241 Seiten.

>> Die ersten drei der zehn Kapitel des Buches eignen sich mit ihren allgemeingültigen philosophischen Aussagen ideal für eine Mehrfachnutzung. Anspruchsvolles Nachdenken über ethische Pflichten, Verantwortung und über Kommunitarismus versus Kosmopolitismus. Erst ab Seite 83 nähert sich der Autor dem Thema Migration an. Dabei werden Probleme erwähnt, die in der aktuellen Diskussion immer wieder ausgeblendet werden. So zum Beispiel die negativen Auswirkungen der Migration für die „Zurückbleibenden“, vor allem auch dann, wenn es sich bei den „Migrierenden“ um gut ausgebildete Menschen handelt. In Deutschland wirkt sich die Migration völlig unterschiedlich auf Unter-, Mittel- und Oberschicht aus. Probleme entstehen nur für die Unterschicht (Konkurrenz Wohnraum, Arbeitsplatz), die anderen können eher gewinnen (Beschäftigung von billigen Arbeitskräften).
Seine Kernthese lautet: “Die Aufnahme von Armutsflüchtlingen aus dem globalen Süden in den reichen Ländern des globalen Nordens, also in Nordamerika und Europa, ist kein vernünftiger Beitrag zur Bekämpfung von Weltarmut und Elend.“ (Seite 24). Die Integration von Kriegsflüchtlingen hält Nida-Rümelin nicht für sinnvoll, da die Schutzgewährung nur vorübergehend sei. Das Elend von über zwei Milliarden Menschen sei auch bei großzügigster Willkommenskultur und offenen Grenzen nicht lösbar.

Bei der Frage nach den Ursachen spart der Autor die Mitverantwortung des Westens für das Chaos im Nahen Osten und in Nordafrika nicht aus (Interventionismus, Irakkrieg). Dazu kommt die mangelnde Solidarität gegenüber den Anrainerstaaten und auch gegenüber Italien, Griechenland oder Spanien. Die Lösungsvorschläge sind nicht ganz neu: eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, Armutsbekämpfung vor Ort, keine subventionierten Exporte von Nahrungsmitteln in den Süden, keine Spekulation im globalen Lebensmittelhandel.

Die Verteidigung der Schröderschen Agenda ist nicht nachvollziehbar und erklärt sich höchstens aus der Biographie des Autors.Etwas sybillinisch die Schlusssätze:“Urteilskraft hat ihren Preis. Ohne Zivilcourage bleibt sie wirkungslos.“ Lohnende Lektüre.
Note 2/3 (ax) <<

>> Über Grenzen denken ist der doppeldeutige Versuch über nationale Grenzen nach- und hinauszudenken. Im Jahr 2017 geht es – nicht überraschend – um die Migrations- und insbesondere um die Flüchtlingsproblematik. Nida-Rümelin nähert sich diesen Aspekten aus einer politisch-philosophischen Richtung und verbindet abstrakte Überlegungen mit realpolitischen Lösungen. Ausgehend von grundsätzlichen Fragen der Ethik und ausgewiesenen philosophischen Strömungen im ersten Buchabschnitt versucht der Autor in der zweiten Hälfte des Buches sieben Postulate zu begründen, die in Zukunft konkretes Handeln bestimmen sollten. Ist das geglückt?

Nida-Rümelin präsentiert sich als ethischer Realist, dem wenige Verbündete zur Seite stünden. Kohärentistisches Ethikverständnis, Kommunitarismus versus Universalismus, Präskriptivismus und utilitaristische Theorie, kontraktualistische Versuche und Locke´sche Individualrechte lassen die wissenschaftlichen Grundlagen des Philosophen für den ungeübten Leser eher bedrohlich erscheinen. Fairerweise warnt der Autor philosophische Flachschwimmer vor den bevorstehenden stürmischen Gewässern. Beruhigend dann aber die Tatsache, dass in der Buchmitte die intellektuelle See ruhiger wird.

Nida-Rümelin versucht eine kosmopolitische Verantwortung für die Weltbevölkerung als Ganzes mit nationalen Interessen jeder Region organisch zu verbinden. Dazu gehört auch die Notwendigkeit von Grenzen und das Selbstbestimmungs- und Abgrenzungsrecht von Nationen. Andererseits verweist er auf eine globale Verantwortung. Obwohl die weltweite Nahrungsmittelproduktion für die globalen Ernährungsbedürfnisse ausreicht, hungern Millionen von Menschen. Die Ursachen sind vielfältig und beruhen vor allem auf Kriegen und Bürgerkriegen, zynischer Politik lokaler Eliten und globalen Marktprinzipien mit einigen Gewinnern und vielen Verlierern. Armut – gemessen an Bildungszugang, Gesundheitsversorgung, Ernährung, Unterkunft und menschenwürdigem Leben – trifft ein Drittel der Weltbevölkerung.

Eine theoretische Lösung, diese sogenannte „bottom billion“ zu versorgen, könnte in der Migration in wohlhabende Weltregionen liegen. Aus kosmopolitischer Sicht jedoch hält Nida-Rümelin die Armutsmigration für die schlechteste Form der globalen Armutsbekämpfung. Gründe für die Negativbewertung sind die sozialen, kulturellen und psychischen Überforderungen der Aufnahmeregionen sowie der Flüchtlinge selbst, wozu er Studien aus verschiedenen Weltregionen zitiert. Zuletzt würden nicht nur die Sozialsysteme unterminiert. Im Vorfeld würden bereits die politischen Systeme durch populistische Gegenbewegungen (Front National, AfD etc.) kollabieren. Eine Entschärfung der Systemspannungen über die zügige Integration in den Arbeitsmarkt sei ebenfalls unrealistisch, da die hochtechnisierten Wirtschafts- und Produktionssysteme des globalen Nordens die nicht- oder unterqualifizierten zugewanderten Menschen kaum eingliedern können.

Eine Verantwortungsethik stößt zudem auf weitere Probleme. Im Deutschland der letzten zwei Jahre waren zwei Drittel der Geflüchteten Männer – mehrheitlich im Alter zwischen 14 und 34 Jahren. Dieser ausgeprägte Gender-bias suggeriert eine sozioökonomisch motivierte Migration und nicht nur eine Flucht vor Bürgerkriegen. Die Schwächsten jedoch, Frauen, Kinder und Alte, bleiben in den Krisenregionen zurück. Die praktizierte Hilfe erreicht damit die Robustesten (also junge Männer) und nicht die Hilfsbedürftigsten. Gleichzeitig wäre die Verweigerung von Hilfe gegenüber den in Deutschland/der EU gestrandeten Flüchtlingen unethisch, selbst wenn die eingesparten/den hiesigen Flüchtlingen verweigerten Mitteln den Bedürftigsten in den Fluchtländern zukommen würden. Damit ergibt sich ein ethisches Dilemma, da in jedem Falle eine Pflichtverletzung begangen wird. Der Mensch muss akzeptieren, dass er schuldig wird, egal was er Gutes tut.

Der Autor verweist auf die Genfer Flüchtlingskonvention, die eine gestaffelte Antwort vorsieht. Demnach sind Flüchtlinge zunächst ortsnah zum Konfliktherd (im eigenen oder Nachbarland) unterzubringen, wobei die Weltgemeinschaft die Kosten zu tragen habe. Die Unterbringung zielt ausschließlich auf den vorübergehenden Schutz und nicht auf die Integration im Gastland. Das Ziel muss die Rückkehr und der Wiederaufbau des eigenen Landes durch die vertriebenen Menschen sein. Problematisch wird es allerdings, wenn der Konflikt zu lange anhält. (Anmerkung: Das gegenwärtige, deutsche Vorgehen, setzt diesen Gedankengang quasi außer Kraft, in dem es für alle Flüchtlinge Integrationsverpflichtungen vorschreibt und für die Mehrheit von Anfang an die Nicht-Rückkehr als gegeben annimmt.)

Als einen wesentlichen Faktor zur nachhaltigen Überwindung von Armut macht Nida-Rümelin die Wechselbeziehung zwischen Kultur und Wirtschaft aus. Eine prosperierende, umverteilende Wirtschaft ermöglicht Wohlstand. Wohlstand ist nur durch eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens möglich. Denn nur dieses Vertrauen erlaubt langzeitstabile Kooperationsstrukturen als Grundlage einer erfolgreichen Volkswirtschaft. Zwingend ist zudem der sozialstaatliche Ausgleich, um die flächendeckende Bildung einer Mittelschicht zu garantieren.

Der entfesselte wie auch der korrupte Markt führt zu politischer Instabilität. „Die Reformen der Agenda Gerhard Schröders haben zwar auch den deutschen Arbeitsmarkt teilweise dereguliert, aber in Verbindung mit sozialstaatlichen Fördermaßnahmen (Fordern und Fördern) einen bis heute anhaltenden drastischen Rückgang der Arbeitslosigkeit bewirkt und die Voraussetzungen für die (stabile) Erholung der deutschen Volkswirtschaft von den schlecht gemanagten Vereinigungsfolgen ermöglicht.“ (S.131f.) Weiter folgert er, dass es keine grenzenlosen Migrationsbewegungen ohne Grenzen geben darf, will man nicht die hoch entwickelten Sozialsysteme zerstören. Die gewachsenen Solidaritätsstrukturen würden im Migrationsgeschiebe eines ent-grenzten Arbeitsmarktes zusammenbrechen, da es zu einer fatalen Standortkonkurrenz kommen würde (S.133).

Die Attraktivität Deutschlands und der daraus resultierenden Arbeitslosenquote unter Migranten aus nicht-europäischen Ländern von über 50% (im Gegensatz zu ca. 6% bei deutschen Staatsbürgern in 2016) wird entsprechend auf einen Sogeffekt der hiesigen Sozialleistungen zurückgeführt. Falsch ist die Annahme, dass sich die jüngste Immigration nach Deutschland in absehbarer Zeit positiv auf die demographische Problematik auswirkt. Eine zu große Zahl zugewanderter Menschen bleibt auf absehbare Zeit ohne Arbeit oder in jenem Arbeitsmarktsegment, in dem keine wesentlichen Beiträge in die Rentenkassen erfolgen können. Im Gegenteil muss diese Population selbst alimentiert werden und entspannt damit weder den Arbeits- noch den Rentenmarkt. Ferner würde die Migration in den Herkunftsländern ein Ausbluten verursachen, dass auch durch Rückzahlungen der Migranten nicht kompensiert wird.

Von diesen Überlegungen ausgehend formuliert der Philosoph Nida-Rümelin sieben Postulate. 1) Migrationspolitik muss darauf abzielen die Welt gerechter zu machen. 2) Migration muss so gestaltet sein, dass sie in den Gastländern nicht als bedrohlich wahrgenommen wird. Durch Teilhabe aller müsse dabei die republikanische Identifikation mit dem Gastgeberland gefördert werden. 3) Das Selbstbestimmungsrecht der jeweiligen Bürgerschaft muss unberührt bleiben. 4) Migration darf die sozialen Unterschiede im Gastgeberland nicht verschärfen. Erfahrungsgemäß konkurrieren die Migranten mit den unteren Gesellschaftsschichten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und um Sozialleistungen. 5) Nachteile, die sich durch Migration in den Herkunftsländern ergeben wie der brain drain müssen von den Gastgeberländern voll kompensiert werden. 6) Migrationsursachen sollen durch eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung aufgehoben werden. 7) Verlange von der Politik nichts, was Du nicht auch im Privatleben bereit bist umzusetzen.

Verschwommen bleiben die Wege hin zu diesen Zielen. Unbeantwortet lässt Nida-Rümelin grundsätzliche Fragen und Widersprüche. Der Anspruch auf nationale Selbstbestimmung und damit Grenzen und Abgrenzung scheint unvereinbar mit seiner Forderung nach einer globalen Weltsozial- und Innenpolitik. Zu diesem Zweck sollen globale Institutionen eingerichtet werden. (Erfolglose) Vereinbarungen zwischen Nationen würden sich damit erübrigen. Als Negativbeispiel zitiert er das Weltklimaabkommen. Diese Änderungen sollten von einem zweiten Paradigmenwechsel begleitet werden: statt Transferpolitik (Kompensationsleistungen des globalen Nordens an den globalen Süden) soll es eine Ordnungspolitik globaler Gerechtigkeit geben. Der Wandel soll nicht durch Demokratieexporte erfolgen, da der jeweilige regionale Wandel aus den betroffenen Gesellschaften selbst kommen muss. Das Scheitern des arabischen Frühlings habe dies eindrücklich verdeutlicht. Direkter Handel mit kleinen Kooperativen statt mit den Oligarchen der Regionen soll die politische Mobilisierung fördern. Transferpolitik einerseits aufzugeben und andererseits umfangreiche Transferkompensationen für einen brain drain in den Fluchtländern zu fordern (Postulat 5) ist ein weiterer Widerspruch im Gedankengebäude des Philosophen.

Etliche Visionen klingen so ermutigend wie illusionär. Wenn schon ein homogener Kulturkreis wie die EU zu keiner gemeinsamen Migrationspolitik findet, kann dann eine heterogene Weltgemeinschaft erfolgreicher sein? Wohl kaum. Über Grenzen denken liefert Denkanstöße – und übrigens einen informativen, detailreichen Anhang. An einigen grundlegenden Stellen wäre es jedoch nötig gewesen, prinzipielle Grenzen als gegeben anzuerkennen, um der Wirklichkeit näher zu kommen.
Note: 3- (ur)<<

>> Die „Ethik der Migration“ ist gut gemeint, in den ersten drei  Kapiteln mit einem breiten Exkurs in die Philosophiegeschichte sehr theorielastig vorbereitet, bleibt aber als praktische Handlungsanweisung mehr als vage. Gut ist Nida-Rümelins klare Differenzierung von Armutsmigration, politischem Asyl und Kriegsflüchtlingen . Diskutabel ist seine provokante These, dass die Aufnahme von Armutsflüchtlingen ethisch und politisch nicht verantwortbar ist (Lebensgefahr der Migrierenden, kulturelle Verluste der Migrierenden, sozioökonomische Verluste der Elendsregionen, Integrationskosten  und nationalstaatliche Identität), seine Forderung von Kompensationszahlungen des reichen Norden an den Süden könnte angesichts korrupter Eliten braindrain eher befördern als verhindern. Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen nur temporären Schutz zu bieten (Rückkehrpflicht nach Kriegsende) und damit Integrationsangebote zu hinterfragen, bleibt angesichts von Dauerkonflikten (Syrien, Afghanistan, Irak) fragwürdig. Fragwürdig ist aber ebenso, wenn demographische Prozesse  in Industriestaaten (Schrumpfung, Fachkräftemangel) Migration legitimieren (s. Einwanderungsgesetze), das ist das Gegenteil von win-win.

Was Nida Rümeiin „Auf dem Weg zu einer gerechten Gesellschaft“ anbietet (Kap.X) , Ende der Transferpolitik (nebulös  die Kategorie „Ordnungspolitik globaler Gerechtigkeit“, Aufbrechen oligarchischer Strukturen, politische Mobilsierung der unterentwickelten Länder von innen, Aufbau globaler Institutionen, ja gar eine „institutionalisierte Weltinnenpolitik“ erscheint angesichts realpolitischer Machtpolitik utopisch. Hilfreicher wären Antworten auf Fragen gewesen: Wie lassen sich Fluchtursachen bekämpfen? Gibt es beim Grenzschutz auch ethische Grenzen ? Wie kann Integration gelingen?

Wer die Frage nach der Ethik der Migration stellt, muss auch die Frage stellen: Gibt es eine universelle Ethik? Vor allem Imame in den Moscheen sollten sie beantworten.
Note: 3 (ai) <<

>> Nun also noch ein Debattenbeitrag zur Migrationsproblematik von philosophischer Seite. Niada-Rümelin greift tief in die philosophische Begrifflichkeiten von Moral, Ethik, Kommunitarismus, Kosmopolitismus, Partikularismus und Universalismus. Das ist erkennbar dem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet, wie auch die umfangreichen, aber lesenswerte Anmerkungen, die alleine 40 Seiten seines 240 Seiten umfassenden Essays einnehmen, mit dem er politische Fragestellungen mit philosophischen Überlegen verschränken will. Durchaus überraschend ist etwa sein Postulat, dass eine Integration von Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen nicht sinnvoll ist und auch die Aufnahme von Armutsflüchtlingen eine extreme Benachteiligung derjenigen ist, für die die Flucht nach Europa aus den verschiedensten Gründen nicht möglich ist. Nach seiner Ansicht gehört es zu den ureigensten Rechten eines Volkes, darüber zu bestimmen, ob und gegebenenfalls wieviel Migration in sein Land es erlauben will. „ Es gibt keine moralischen Gründe, die sie zwingen könnten, dieses Selbstbestimmungsrecht aufzugeben.“ Damit hat jedes Land natürlich das Recht, seine Grenzen zu kontrollieren. Offene Grenzen lindern das Leid in den Herkunftsländern nicht wesentlich, schwächen diese Ländern aber beträchtlich und können in den aufnehmenden Ländern zu beträchtlichen sozialen Verwerfungen führen. Seine „Wege zu einer gerechteren Welt“ bleiben allerdings doch  etwas banal, so etwas der Vorschlag „ globale Institutionen“ aufzubauen oder vage, wie der von „dem Wechsel von einer Transferpolitik“ zu einer „Ordnungspolitik sozialer Gerechtigkeit“. Auch der Vorschlag, dass Bürgerkriegsflüchtlinge von umliegenden Staaten nach einem fairen Verteilungsschlüssel aufgenommen werden, wirkt angesichts der realen Weltlage etwas blauäugig.
Was völlig fehlt, ist ein ganz praktischer Vorschlag, wie die Grenzen wirksam kontrolliert werden sollen. Alles in allem aber,  ein lesenswertes Buch : Note : 2/3 (ün)

 

Der Lärm der Zeit – Julian Barnes

Kiepenheuer & Witsch 2017    | 245 Seiten.

>>In seinem Roman breitet Julian Barnes vor den stalinistischen Fallgittern der Nachkriegszeit das Seelenleben des renommierten Komponisten Dmitri Schostakowitsch aus. Vier Jahrzehnte nach dessen Tod überlagert der Autor authentische Details des Musikerlebens und der kommunistischen Gewaltherrschaft mit Innenansichten der gespaltenen Psyche des Vorzeigekünstlers. Von der diktatorischen Willkür wechselnd gefeiert oder verdammt, bereichert oder verurteilt der Sozialist Schostakowitsch gleichermaßen die entartete Sowjetherrschaft. Herrschaftssystem und Schostakowitsch wirken wie ungleiche Spiegelbilder, die in einer unsäglichen Symbiose den Eigennutz zu vergrößern trachten. Schostakowitsch sucht die große Bühne, verzehrt sich nach öffentlichem Beifall, pflegt wo nötig die Nähe zur Machtelite. Im gleichen Atemzug ist er angewidert von der Kulturlosigkeit ihrer Vertreter und verurteilt im Stillen ihre Willkür und Gewaltorgien.

Das politische System mit seinem absolutistischen Personenkult um Stalin andererseits ist durchdrungen von der allgegenwärtigen Angst des Machtverlustes. In der Folge wird auch Schostakowitsch, der phasenweise als russischer Beethoven inszeniert wird, wiederholt Opfer administrativer Anfeindungen.  Schaffenskrisen, Todesängste und Freitodsehnsüchte sind seine wiederkehrenden Begleiter. Die Ambivalenz von System und Individuum und ihre wechselseitige Beziehung beleuchtet der übergeordnete Erzähler im Roman bis zum Schluss. Dabei schlüpft er in das Über-Ich des Komponisten, woraus eine polarisierte Sichtweise entspringt. Die Folge ist ein stilles Verständnis für die Fehler des Protagonisten, nicht aber für das politische System und seine Missbräuche.

Schon im ersten Kapitel wird uns Schostakowitsch in einer bizarren Angstsituation vorgestellt. Er verbringt mit gepacktem Koffer die Nächte vor dem Fahrstuhl seines Mietshauses. In der vermeintlichen Gewissheit, dass auch er von der Geheimpolizei abgeholt werden wird, will er seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung ersparen. Zwar wird er wiederholt wegen musikalischer Abweichlertendenzen vorgeladen, doch wird er nie inhaftiert werden. Aber woher soll er das wissen? Zu viele Verwandte und Prominente sind lautlos oder lauthals verschwunden, gebrandmarkt, auf den Zensurindex gesetzt, in die Verbannung geschickt und jämmerlich zugrunde gerichtet worden. Seine Ängste steigern sich ins Unerträgliche.

Barnes zeichnet Schostakowitsch als kränklichen Zeitgenossen, dem alle 12 Jahre eine historische Katastrophe widerfährt. So missfällt Stalin eine zunächst hymnisch gefeierte, russifizierte Neuinterpretation von Shakespeare. Die Oper Lady Macbeth von Mzensk wird als linksabweichlerische Entartung entlarvt, in der es lediglich grunzt, quakt und quiekt. Ämterenthebungen, Auftrittsverbote und Zwangsschulungen sollen fortan Schostakowitsch auf den rechten Hörpfad des Proletariats führen, welches nur reine, klare Musikbilder verstehe. Schostakowitsch gehorcht. Rehabilitiert wird er Jahre später in die USA zu einem Friedenskongress zwangsentsandt. Als sozialistischer Vorzeigekünstler soll er nicht nur das stalinistische Gesellschaftssystem zelebrieren, sondern auch emigrierte Künstlerkollegen diffamieren. Schostakowitsch gehorcht erneut. Der öffentliche Verrat, welchen Presse und Propaganda multiplizieren, endet in einer weiteren Sinnkrise. Eine besonders schmerzhafte Wiederholung dieses Prozesses vollzieht der Komponist unter Chruschtschow 1960. Auf höchst instanzliche Anweisung verleugnet er den überaus geschätzten Literaten Solschenizyn. In ein Schaltjahr fällt auch sein zunächst verweigerter Eintritt in die verhasste Partei. Er gehorcht – und leidet. Barnes spaltet Schostakowitsch in eine Persönlichkeit, die ihren Mut in die Musik und ihre Feigheit in das Leben steckt (S.210).

Das Prinzip Feigheit versus Aufrichtigkeit wird letztlich als endogener Zug im Wesen dieses Komponisten dargestellt. Schon die drei sich anbahnenden Ehen werden anfänglich der strengen Mutter und später der Öffentlichkeit gegenüber verheimlicht. Welche Bedeutung weibliche Stärke andererseits für den schwachen Mann spielt, lässt sich an den Schmerzen erahnen, die dem Musiker nach dem Tod der Mutter und seiner ersten krebskranken Ehefrau Nikita zugeschrieben werden. Selbst die gleichzeitige Liebe der lebenshungrigen Gattin zu einem renommierten Physiker kann diese Anhänglichkeit nicht schmälern. In den ersten Lebensjahrzehnten regiert betäubendes Getöse um Schostakowitsch, während er sich in seine Musik flüchtet. Eine Musik, die er für sich und auch als Auftragsarbeit zur Lobpreisung des Systems komponiert. Zum Lebensende hin macht der Lärm der Zeit ihn taub – nach innen und nach außen.

In gewisser Weise zeichnet Barnes Schostakowitsch weich, indem er ihn schuldig werden lässt und gleichzeitig freispricht, weil er bereut und schuldbewusst leidet. Erstaunlich, dass dieser wertende Eindruck erhalten bleibt, obwohl der Musiker als notorischer Täter bis zu seinem Lebensende dem Verrat treu bleibt – dem Autor folgend ohne Schuld mit Sühne.

Eingestreut führt Barnes in zahlreichen Szenen die Absurditäten des diktatorischen Alltags vor. Gelungen die Darstellung als Schostakowitsch nach der misslungenen Operninszenierung in kafkaesker Willkür wiederholt vorgeladen wird, bis schließlich sein Aufpasser selbst Opfer des Systems wird. Begierig frisst das Regime seine treuesten Protagonisten. Bizarre Absurditäten werden ins Unendliche perpetuiert. Theolinguisten bereinigen unermüdlich die Sprache: Begriffe, Namen, Interpretationen werden ausradiert und wenig später mit göttlichem Wahrheitsanspruch wieder eingeführt. Glänzend wiedergegeben auch die Wirkkraft der verwendeten Mittel, sei es Gewalt, Druck durch ritualisierte Drohgebärden oder durchdringend freundliche und penetrante Sachgespräche, mit denen Schostakowitsch schließlich zum Parteimitglied gedungen wird. Sehr nachvollziehbar.

Zusammenfassend ist Barnes ein gutes Stück Arbeit zu einem Themenkomplex gelungen, von dem man meinen könnte, dass der Komplex auf Grund seiner Popularität bereits erschöpfend abgehandelt sei. Lesenswert. Note: 2 (ur)  <<

 

>> Ein Mann wartet nachts auf seine Verhaftung. Mit gepacktem Koffer steht er vor seiner Wohnungstür. Er möchte vermeiden, dass Frau und Tochter durch die Geheimpolizisten des NKWD aufgeschreckt werden. Eine fürchterliche Vorstellung. Für den russischen Komponisten Schostakowitsch war sie real. Warum? Seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ gefiel Musikfreund Stalin nicht. Die Blechbläser zu laut. Deswegen verließ er mit den Obergenossen die Regierungsloge. Frau Merkel besuchte am 4. August des Jahres selbige Oper bei den Salzburger Festspielen. Ihr scheint das Werk gefallen zu haben. Und wenn nicht, hätte sie keinen Verriss („Chaos statt Musik“) geschrieben. Mit diesem Prawda-Artikel begann im Januar 1936 die erste stalinistische Kultursäuberung.

„Der Lärm der Zeit“ ist der Titel des Romans. „Lohn der Angst: Fall und Aufstieg des Komponisten S.“ wäre vielleicht zu lang, könnte aber ganz gut passen. Schostakowitsch passt sich widerwillig an, unterschreibt Briefe gegen Sacharow und Solzenyschin. So kommt  er in den Genuss von Privilegien, die Diktaturen loyalen Künstlern bieten (hier: Datscha, Auto, Reisen und so fort). Er tut dies ohne Begeisterung, mehr oder weniger gezwungen. Eine Reise nach New York wird ihm förmlich aufgedrängt. An vielen Stellen wird die zerrissene Seele des Komponisten spür- und sichtbar. Der Staat möchte einen „optimistischen Schostakowitsch“, aber dazu ist er zu introvertiert. Seine Liebe für extrovertierte Frauen macht ihn sympathisch.

Außerordentlich gut gelungen finde ich die Dialogszenen. So beim Verhör durch die Geheimpolizei und beim „Dialog“ in dessen Verlauf der widerstrebende Künstler zum Parteieintritt „überredet“ wird. Seine Picasso-Kritik („Feigling und Schweinehund“) überrascht auf den ersten, weniger auf den zweiten Blick („Wie leicht es  war, Kommunist zu sein, wenn man nicht im Kommunismus lebte!“ Seite 176).

Auch die  „westlichen Humanitätsapostel“ (André Malraux, Shaw, Feuchtwanger usw.), die die Sowjetunion für ein Paradies hielten, bekommen ihr Fett ab. Manche Sätze wollen mehrmals gelesen werden: „Wer wusste schon, was die Zukunft glauben würde? Wir erwarten zu viel von der Zukunft – in der Hoffnung, sie werde sich mit der Gegenwart streiten“. (Seite 67)

Diese beiden Sätze verstehe ich trotz der aufopfernden exegetischen Bemühungen meiner drei genialen Lesefreunde immer noch nicht so ganz. Der Autor hat eine beeindruckende Recherchearbeit geleistet. Ist es zu viel des Guten, wenn dabei auch die Zigarettenmarken und Autotypen der damals führenden sowjetischen Komponisten aufgelistet werden? Der Roman beginnt und endet mit eine Szene auf einem Bahnhof in der russischen Steppe. Schostakowitsch und sein Begleiter stoßen mit einem Bettler an. Diese Klammer wirkt auf mich etwas konstruiert. Note: 2/3 (ax) <<

 

>> Dieser Roman erzählt die Geschichte eines musikalischen Genies unter den Bedingungen stalinistischer und nachstalinistischer Kulturpolitik. Dort, wo der Künstler zum „Ingenieur der menschlichen Seele“ reduziert wird, die Kunst vermeintlich dem Volk zu dienen hat, in Wahrheit der Parteiideologie, dort, wo das Stalinverdikt aus Schostakowitschs  Macbeth-Oper in einem Prawda-Leitartikelverriss „Chaos statt Musik“ macht, dort wird die Luft kreativer Entfaltung von Kunst dünn. Als Schostakowitsch gar der Teilnahme an einem Mordkomplotts von Generälen  gegen „die Macht“ verdächtigt wird, scheint sein Schicksal besiegelt – in der bedrückenden Fahrstuhlepisode wird die Tragik des Musikers verdichtet.  Möglichem Lageraufenthalt oder gar der Hinrichtung entkommen, beginnt Schostakowitschs eigentliches Martyrium, das ihn lebenslang begleitet. Anders als etwa Prokofjew oder Strawinsky, die das Exil  als Zuflucht (und  Karriere) wählen, bleibt Schostakowitsch vor allem der Familie wegen in der Heimat. Hin- und hergerissen zwischen Aufführungsverbot, notwendiger Anpassung, propagandistischer Vereinnahmung (Redediktat in New York), subtilen Widerstandsformen der Ironie und des Sarkasmus (Stalin Telefonat, Stalin-Brief) vertraut Schostakowitsch der „Geheimsprache der Musik“, wie sie glänzend in einem knappen Dialog zwischen dem Instrument „Der Macht“ und „Bürger zweite Oboe“  zum Ausdruck kommt. Ob diese Botschaft der Musik allerdings die Ohren des Publikums erreichte oder diese Sklavensprache taubstumm blieb, mögen Musikexperten beurteilen. Überzeugender ist der Kampf gegen die Macht (Stalin, Chruschtschow etc.) wie er etwa im Schutz- und Possenspiel mit dem Genossen Trochin zum Ausdruck kommt. Ein Musterbeispiel, wie staatlich verordnete Umerziehung scheitern muss. Diskutabel  bleibt in diesem Künstlerroman, ob denn der Weg der „moralischen Korruption“ oder des „Prinzips Feigheit“ (Das Prinzip der Feigheit war das Einzige, dem er ein Leben lang treu geblieben ist) in einem repressiven Staat alternativlos war, zumal für einen besessenen Künstler, der von der Aufführung seiner Werke lebt . Die Unterschrift unter den Solschenizyn -und Sacharow-Brief jedenfalls war ein Tiefpunkt. Der private Solschenizyn gewinnt vor allem in den Frauenbeziehungen (wunderbar Tanja in Anapa, liebevoll –tragisch Nina, ich hätte die Beziehung mit A. nicht ausgehalten!!,  die 27järige Irina, da gab‘s neben Häuslichkeit und Musik sicherlich noch was), aber auch in dem allzu Menschlichen: Schostakowitsch als Fußballfan, Schostakowitschs Sehnsucht nach einem Mercedes, der Volleyball-Schiedsrichter und sein stiller Triumph über die Macht in Gestalt des KGB-Chefs Serow.

Ich jedenfalls habe in diesem Roman viel erfahren über die Sprache der  Musik, über eine musikalische Künstlerexistenz und die Mechanismen totalitärer Macht, von einem unaufgeregten Erzähler, der dem Leser den Spielraum lässt, der notwendig ist, um aus der heutigen Beschaulichkeit das Leben im „Lärm der Zeit“ zu beurteilen. Note:1– (ai) <<

>> Als Dimitri Schostakowitsch am 26.01. 1936 den „Befehl“ erhielt,  einer Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ beizuwohnen, bei der auch die obersten Führer des Landes bis hin zu Stalin persönlich zugegen waren, war er schon 10 Jahre lang ein berühmter Komponist in der Sowjetunion. Zwei Tage später liest er in der Prawda eine vernichtende Kritik der Aufführung mit der Überschrift „ Chaos statt Musik“, in dem von „Gequake, Geknurre und Gekreische“ die Rede ist. Die ganze Oper sei „linksabweichlerisch“ und eine Abkehr von der wahren Kunst. Es ging das Gerücht, Stalin höchstselbst habe die Kritik geschrieben, wofür auch die zahlreichen, nicht korrigierten Rechtschreibfehler in dem Artikel als Beleg herangezogen wurden, da man Stalin selbstverständlich nicht korrigieren dürfe. Schostakowitsch rechnet nun jeden Tag mit seiner Verhaftung und wartet, um seiner Familie den fürchterlichen Augenblick der Verhaftung zu ersparen, mit gepacktem Koffer schon am Aufzug auf die Schergen Stalins. Eine der bewegendsten Szenen in einem klugen und erhellenden Roman über die schrecklichen Bedingungen für Künstler und Intellektuelle in einem totalitären System, das nichts weniger als den neuen , besseren Sowjetmenschen schaffen will und sich dabei der grausamsten Methoden und massenhafter Schauprozesse und Massenhinrichtungen bedient. Ein Buch über Anpassung, Feigheit und Überlebenswillen in einem unmenschlichen System.

Zu Recht wird auch die Frage gestellt, warum so manch berühmte Künstler im Westen, wie etwa Picasso, der die Schrecken des Regimes niemals am eigenen Leib habe erdulden müssen, zeitlebens der Sowjetunion zugejubelt habe. Ein Gedicht von Jewtuschenko über Gewissen und Standhaftigkeit spendet ihm Trost und stellt ihn gleichzeitig in Frage:

Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit
Wusste wie Galileo Bescheid:
Die Erde dreht sich, ganz bestimmt.
Jedoch er hatte Weib und Kind.

Note: 1/2 (ün) <<

 

Kraft – Jonas Lüscher

C.H. Beck Verlag 2017 |  235 Seiten.

>> Nach „Frühling der Barbaren “ erneut ein brillanter Lüscher. Sein „Kraft“ ist Nachfolger von Walter Jens in Tübingen („hausbackene Akademikergesellschaft“) auf dem einzigen Rhetorik Lehrstuhl in Deutschland. Er weilt in Stanford/Silicon Valley am „Hoover Institut on war, revolution and peace“ , um an einem von einem Internetmilliardär ausgelobten 1 Million Dollar Wettbewerb teilzunehmen, bei es um die originellste Antwort auf die Frage: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ geht.  Schon diese Versuchsanordnung macht richtig Lust, sich auf das einzulassen was folgt: Eine wundervoll geistreiche Abrechnung mit dem übercanditelten Wissenschaftsbetrieb diesseits und jenseits des Atlantiks, mit den technikgläubigen, ewig optimistischen Start-ups aus dem silicon valley, und vor allem mit dem Neoliberalismus und seinen freidemokratischen Protagonisten der 80 er Jahre um den Grafen Lambsdorf und deren ungekrönten Queen Maggi Thatcher, als deren Bewunderer Lüscher seinen Kraft starten lässt, womit ihm natürlich während seines Studiums an der FU Berlin ein durchaus kalkuliertes Alleinstellungsmerkmal  zukommt.
Lüscher erweist sich ein weiteres Mal als genialer und witziger Beobachter der Zeitläufe, der seine subtile Kritik am Kapitalismus hintergründig immer wieder in die Überlegungen seines Protagonisten Kraft zu seinem Wettbewerbsvortrag einfließen lässt. So etwa wenn Kraft sich vorstellt, wie er „ mit den Kanthölzern der neoklassischen Theorie und des Marktliberalismus auf sein Zuhörer einzudreschen“ gedenkt. Richtig dankbar sein muss man Lüscher für eine hellsichtige und hellseherische Analyse der Weltlage, die er Krafts Mitwettbewerber Bertrand Ducavalier in einem einzigen, zugegeben langen Satz auf S. 226 in den Mund legt: Vom drohenden Zerfall der EU bis zur Freihandelspolitik, die Millionen des Südens in den Norden treibt. Kurz vorher hatte Ducavalier auch noch die französische Linke scharf attackiert, die sich nie bemüht habe, das „elitistische und neofeudale Ausbildungssystem in Frankreich “ zu reformieren.

Eine überaus politisches Buch also, das auf höchstem sprachlichem und intellektuellem Niveau auch noch überaus witzig ist. Einzig der Schluss bleibt rätselhaft. Note : 1 – (ün)

>>Schon der Einstieg in den Plot gibt die Richtung vor. Hier geht es vor allem um Entlarvung eines pseudowissenschaftlichen Popanz, der sich hinter so manchem modernen Wissenschaftsbetrieb verbirgt. Die große philosophische Frage von G.W. Leibniz aus dem 18. Jahrhundert nach der Notwendigkeit des Übels „in der besten aller Welten“ verkommt zum 307 (!!!) Jahrestag des Universalgelehrten zum Preisspiel : wer wird Millionär.  Ein steinreicher amerikanischer Unternehmer und Gründer eines „Amazing Future Fund“ (!!!) namens Erkner lockt weltweit Wissenschaftler um in einem 18 minütigen  Vortrag an der angesehenen Stanford  University die Frage zu beantworten „Why whatever is right and why we still can improve it?“.  Statt kritischer Aufklärung bedingungs- loser Fortschrittsoptimismus in time (18Minuten). Statt philosophischer Essay „schnelle Abfolge von Vorträgen…mit Präsentationssoftware“, statt Leibnizscher Gelehrtendisputation Übertragung per Livestream. Da verwundert es nicht, dass unser in verschiedensten Disziplinen promovierter und blitzgescheiter  Protagonist Kraft weit weniger an der Fragestellung als an der Kohle interessiert ist, bietet sich ihm doch mit Erkners Preisgeld die Chance wenigstens ökonomisch seine 2. Ehe mit Heike zu retten. So macht sich Rhetorikprofessor Kraft mit Hilfe seines alten ungarischen Studienfreundes Istvan Pancel, er wird durch eine großartig groteske Fluchtgeschichte eingeführt, die ihn vom Schachtrikotwäscher über eine Phase militanter Neoliberalität , Kalter Krieger durch sein „Alleinstellungsmerkmal Ungarnflüchtling“ zum Professor in Sachen Abschreckungstheorie  in Stanford katapultiert. Was dann „unseren“ Kraft, bei Lüscher dominiert das Erzähler-Wir, in dem von Heike auf 14 Tagen genehmigten „Forschungsaufenthalt“ im Tochterzimmer bei  Ivan logierend  in allen Licht- und Schattenseiten charakterisiert, ist ein buntes Potpourri von biographischen Rückblicken aus bewegten Berliner Studienzeiten, Frauenbeziehungen und reichlich schrägen Begegnungen Im Dunstkreis  des reichlich diffusen amerikanischen Wissenschaftsverständnisses, dominiert von den“ seltsamen  Kultstätten“ vom naheliegenden Silikon Valley. Während uns die Rückblicke neben reichlich grotesken Episoden (Ruths Gerbera Attentat-, Professor Ackerknechts Hodensack, Hefe-Johannas-asexuelle Fortpflanzungsfaszination etc.) – vor allem eine großartige zeitgeschichtliche Analyse des Jahres 1982 liefert – treffender kann man die Bundestagsdebatte um das konstruktive Misstrauens nicht beschreiben, vor allem Krafts entgegen seiner eigentlichen ideologischen Ausrichtung sicheres Gespür, dass mit dem Auftritt  Kohls „nur noch deftig Mastiges auf den Tisch kommen werde“ (S.91), dominiert in den aktuellen  San Franzisko Erlebnissen Bizarres, das neben der völlig schrägen Figur Ragnar Danneskkjöld und dessen „Sea Stadies“ und „nessy politics“  in der Begegnung mit zwei Start-Up Fuzzis im „Artbuckle Dining Pavilion“ (auf dem Campus vom Nike-Gründer mit mehreren 100 Millionen bedacht) seines Höhepunkt findet. Am Beispiel  einer neu zu entwickelnden App für ein krudes Nahrungsmittelsubstituts namens Soylent ,  einer grau-beigen Schlurze, und eines Reichweiten-Akzelerators für Live-Video-Stream mit Hilfe einer durch künstliche Intelligenz optimierten Bilderkennungssoftware  namens Famethrower werden wir Zeuge einer Entwicklung, die aufgeblasen durch hippe Phraseologie wissenschaftlichen Fortschritt ausschließlich nach Kriterien von Vermarktung und Quantifizierung bemisst. Sinn verkehrt sich für Kraft und den Leser in der Aura der “Hoover Institution on War, Revolution and  Peace „ zunehmend in Big-Data- Schwachsinn und so verwundert nicht, dass von Krafts reichlich gefülltem abendländischem Bildungsballast (hier lieferte der Zettelkasten bzw. die Datenbank des gescheiterten Doktoranden Lüscher in Sachen Philosophie, Literatur, Ökonomie, Theologie reichlich Futter) angesichts  der auf 18 Minuten zu legitimierenden Optimierung der Weltordnung im Erknerschen Sinne wenig übrigbleibt. Krafts Konzept für die Beantwortung der Millionenfrage zerbröselt daher zunehmend vergleichbar seinen Beziehungen zu Frauen und gemeinsamen Kindern.  Seine Sinnkrise ist nach 14tägigem Stanford- Aufenthalt nachvollziehbar, das Experiment Ehe ist auch ökonomisch endgültig gescheitert, das Abendland steuert auf Untergang. Dass unser Kraft allerdings seinen Abgang als Live-Stream Event inszeniert, bleibt mir ein Rätsel. Die Realsatire „Technodizee“ allerdings wird durch Lüschers Roman zur Kenntlichkeit entstellt.   Note:  2+ (ai) <<

 

 

>> Die Hauptperson des Romans Richard Kraft ist nicht wirklich kraftvoll. Vieles, was aus diesem Geist entfleucht, bleibt windig. Leichtgewichtiges vermengt sich mit Aufgeblähtem, Blasen treiben im intellektuellen Halbdunkel. Vakuum-verdichtete Leere wird von Kraft als üppige Reichhaltigkeit vorgetäuscht. Der Rhetorikwissenschaftler beherrscht vor allem den kraftvollen Schaumschlag. Kraft ist also mehr Geräusch als Klang. Er ist der intelligente Typus im besten Midlife-Crisis-Alter mit zwei gescheiterten Ehen samt ähnlich quacksalberndem Nachwuchs. Dabei ist Kraft auch verletzlich, in den Tiefen reflektierend und letztlich sogar selbstkritisch. Züge, die lange Zeit seinem Geltungsdrang zum Opfer fallen. Kraft möchte was werden, was sein. Kraft ist etwas geworden: Nachfolger des legendären Rhetorikprofessors Walter Jens an der Universität Tübingen. Und jetzt mit Beginn des Buches holt Kraft zum ganz großen Kraftakt aus.

              Kraft will eine Million Dollar Preisgeld für einen intellektuellen Gesamtwurf heimbringen. Die Preisfrage lautet: Warum ist alles gut und wie können wir es noch besser machen? Der vom amerikanischen Unternehmer Erkner ausgeschriebene Wettbewerb an der berühmten Stanford University fordert, die Sonne Kaliforniens in eine intellektuelle Weltschau zu bannen. Konkreter Optimismus, historisch begründen, philosophisch vergleichen, rhetorisch garnieren, innovativ präsentieren, fulminant überrollen. So muss es gehen. Schluss mit Katastrophenvisionen, Schluss mit Desasterfixierung. Wenn schon Klima und Krieg, dann sind wir wenigstens dankbar für die dadurch entstehenden Gestaltungsmöglichkeiten. Es geht vordergründig um Herrn Kraft in diesem Buch, hintergründig um Daseinswahrnehmung und Werte.

              Zu diesem Zweck führt uns Lüscher in die Niederungen eines akademischen Biotops, in dem Jungakademiker munter mendeln und mutieren, miteinander konkurrieren, sich fortpflanzen in Geist und Leib und sich erotische Kommilitoninnen streitig machen. Noch in Deutschland gehört Kraft in den Baumkronen zu den Gewinnern. Doch im Wurzelwerk häufen sich Einbußen. Früh erkennt er, dass zur Profilierung Profil gehört. Entsprechend vertritt er während seines Studiums an der aufgewühlten Freien Universität Berlin den Thatcherismus. Die unzeitgemäße Außenseiterposition provoziert nicht nur Gegenwind, sondern garantiert eben auch ein Alleinstellungsmerkmal. Man wird auf ihn aufmerksam. Professoren suchen Assistenten, die Karriere ist eingeleitet, Fakultätsstellen werden angeboten und Kongresse kommen ohne den eloquenten Akademiker kaum noch aus. Seine Grundhaltung ist konservativ neoliberal: der Markt wird es richten. Vor allem, wenn das Böse im Sowjetreich domestiziert wird.

              Krafts Begleiter wird István/Ivan. Ivan hat angeblich als ungarischer Dissident und Schachchampion rüber gemacht und wird entsprechend als endemische Rarität gefeiert. Ähnlich wie Kraft ist Ivan dem großen Wort verpflichtet, das er lautstark vorträgt. Ewig verschweigen wird er jedoch, dass er am Abreisetag einer ungarischen Schachmannschaft im Berliner Hotel schlicht vergessen wurde. Da ihm Schach wenig lag, war er als allabendlicher Hemdenwäscher am Hotelwaschbecken eingeteilt, um die Ausdünstungen der Spielerhemden aus transpirationsfeindlichen, sozialistischen Kunsttextilien niederzukämpfen. Fortan bejubeln Ivan und Kraft gemeinsam den amerikanischen Präsidenten Reagan im geteilten Berlin. Sie agitieren auf studentischen Vollversammlungen und suchen die Gegen-gegen-Konfrontation auf Gegendemonstrationen.

              Auf einem dieser Höhepunkte wird eine Gerbera zur Schicksalsblume. Als Ivan auf einer Frauendemo die Parole „Sonne statt Reagan“ mit Verbalattacken quittiert, schlägt ihm die bis dahin unbekannte Ruth Lambsdorff das besagte Floristenrequisit ins Gesicht. Leider trifft der eingearbeitete Blumendraht den Glaskörper. Zusammen mit dem folgenden Pfusch eines Augenklinikers, bleibt das Augenlicht chancenlos. Ivan erblindet einseitig. Kraft begleitet zunächst die erschütterte Ruth an Ivans Krankenbett, kann aber schon bald Ruths Anteilnahme zur Teilnahme an eigenen Sofa-Sitzungen umleiten. Das Ergebnis ist eine prompte Schwangerschaft, aus der ein Sohn hervorgeht, den Ruth Kraft gegenüber allerdings sechs Jahre lang verschweigen wird. Erst Jahre später kann Kraft Ruth bei der Wiedervereinigungsfeier auf der Berliner Mauer von einer weiteren Schwangerschaft überzeugen. Die Folge ist ein mittellanges Familienleben und eine langjährige Entfremdung von seinem Freund Ivan, der selbst auf die Nähe zu Ruth gehofft hatte.

              Bevor Kraft Ivan in Kalifornien wiederbegegnet, wird er Frauen verschiedenen Geschmacks kosten. Der mütterlichen Ruth mit der großvolumigen Oberweite wird die bubenhafte, gefühlsbeschränkte Biologin Johanna folgen, deren Nähe zu Hefen und anderen Forschungsobjekten ausgeprägter ist als zu Kraft. Am Ende wird die zweite, aber ebenso vergebliche Ehe mit Heike stehen, die als zielorientierte Unternehmensberaterin schon Universitätsgremien aufmischte. Kraft hofft auf Erlösung aus dieser Familie mit Zwillingskindern, die ihm nach 14 Jahren genauso fremd geblieben sind wie ihre Mutter. Schon für die Versorgung beider Familien würde das Millionenpreisgeld Erlösung bedeuten. Und so fliegt er also nach Amerika und wringt sein Hirn aus.

              Angekommen quält quält er sich tagelang, erstaunt über den Umstand, dass das routinierte Jonglieren mit politisch-soziologisch-philosophisch-literarischen Versatzstücken zu keiner Einheit führen will. Auch die Begegnung mit dem Sponsor Erkner bringt ihn nur vorübergehend auf die Spur. Erkners Wettbewerbsbegründung entlarvt er zwar als intellektuellen Unsinn, macht sie sich aber dennoch zu eigen und vertieft sie weiter. So ergäbe sich in der chain-of-being der Zusammenhalt der menschlichen Kettenglieder in einer Gesellschaft schon deshalb, weil Kettenglieder sich gegenseitig stabilisieren würden – still ignorierend, dass eine Kette nur so stabil ist wie ihr schwächstes Glied. Mit schlichter Formelarithmetik Technik = Kapitalismus + Glauben wird eine neue Dimension an Präzision suggeriert und gleich noch religiöse Grundfesten mit eingearbeitet. Wenn das Theodizee-Prinzip bedeutet, dass trotz Unrecht in der Welt göttliche Gerechtigkeit herrsche, dann müsse auch der Oikodizee-Ansatz gelten, dass der Kapitalismus voll unumstößlicher Gerechtigkeit sei. Am Ende würde alles Seiende auf das Primat des Ingenieurs zulaufen, wenn der Mensch vollkommen in der Technik aufgeht – also ein Zustand von Singularität, also ein bisschen Homo Faber von damals und viel Cyber von morgen. Sodann wird die kalifornische Sonne nicht mehr untergehen. Erkners Halbgargekochtes wird auch sein Menü, obwohl es wie Leberwurst-Milch-Shake schmeckt. Und genau das wird ihn still vergiften.

              Wiederholt werden seine inneren Gedankenschlachten beim Aufbau des geforderten 18-Minuten-Vortrags von Zweifeln und schließlich Todessehnsüchten durchsetzt. Er leiht sich ein Ruderboot, ignoriert Gezeiten-Warnungen und wird fast Opfer der Naturgewalten. Den Sicherheitsverboten vor einem todbringenden Täter auf dem berühmten Universitätscampus widersetzt er sich mit der Vision, so vielleicht in einem renommierten Ambiente aus dem Leben scheiden zu können. Zur Erlösung von den Qualen des Scheiterns – vielleicht auch von der Absurdität der Aufgabe an sich – tagträumt er ein vernichtendes Erdbebens herbei, das aber leider auf sich warten lässt. Am Ende hängt der Autor ähnlich der bizarr-grotesken Situationskomik wie in „Frühling der Barbaren“ seinen Protagonisten in der ihm eigenen Nüchternheit an den Glockenturm. Kraft wird versuchen, seinen Suizid im Lifestream weltweit zu übertragen wie es für seinen Wettbewerbsvortrag geplant war. Leider guckt kaum einer.

              So verflüchtigt sich der Versuch eines ganz großen Wurfs, einer Weltdeutung, einer Wertevision unbeachtet im Äther. Zuviel Affekthascherei, als dass ein denkender Geist das aushalten könnte. Gelesen werden kann dies als Kritik an der Vordergründigkeit, an Verpackungen, denen der sinngebende Inhalt fehlt, an einer schwafelnden Sprachlosigkeit unserer Zeit, aber auch als Wissenschaftskritik bezogen auf Fakultäten, die eine Worthülsenkultur pflegen.

              Lüscher überzeugt erneut mit genialen Passagen etwa bei der Beschreibung der Politikerpersönlichkeiten während des konstruktiven Misstrauensvotums im Bundestag (S. 77ff.), der selbst gezimmerten Hodenprothese von Prof. Ackerknecht (S. 170) oder dem Nervenkrieg mit dem eigenen Nachwuchs (S. 30ff., 218ff.). Was jedoch nicht gefällt, ist, dass Lüscher nicht nur Kraft erfindet und entsprechend im Sprachduktus inszeniert, sondern selbst zu Kraft wird. So leidet das Werk erheblich unter mühsam konstruierten Satzverschachtelungen, deren Länge auch gerne einmal einen ganzen Absatz ausmachen darf. Es bleibt der Eindruck, dass Lüscher auch Lüscher zelebrieren möchte. Das Ergebnis trübt den Lesegenuss erheblich, so dass man gelegentlich kraftlos das Buch zuklappt. Dennoch Note: 3 (ur)<<

 

 

>>Der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft möchte in Stanford bei einem wissenschaftlichen Wettbewerb das gewaltige Preisgeld von einer Million Dollar  gewinnen. Dafür muss er die Leibniz’sche Theodizee-Frage in einem 18-minütigen Vortrag beantworten, die  amerikanisch optimistisch so lautet: „Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ Ausgelobt hat die Summe der „Amazing Future Fund“. Nomen est Omen.
Mit dem Geld will sich Kraft familiär freikaufen: „ … ich werde sie zuscheißen mit meinem Geld, alle drei, Heike und die Mädchen“ (Seite 16). Soweit wird es nicht kommen.

Jonas Lüscher, ist wie sein Protagonist Kraft ein „Vielversprechender“ ja vielleicht sogar der Vielversprechendste unter den vielversprechenden Literaten im deutschsprachigen Raum. Soviel (zuviel?) Belesenheit, soviel Wissen, von der Nukleinsäure Friedrich Mieschers über Soylent zum Periscope, Early Adapter und der Dissertation von Frau Hamm-Brücher findet man selten in einem Roman. Vielleicht sollten die ganzen Zettelkästen, die sich bei der Stoffsammlung für seine geplante Dissertation gebildet hatten, erlöst werden.
Da gibt es Seiten, da müßte -zumindest-zumindest-ich- jeden zweiten Begriff googeln, um sicher zu sein, was Sache ist. Das war mir zuviel. Allerdings wird dank der außergewöhnlichen Formulierungskunst des Autors das Buch nie langweilig.

Er verknüpft nämlich geschickt Zeitgeschichtliches (Reagan-Besuch 1987, Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag 1982, Mauerfall usw.) mit dem Leben Krafts und seines Freundes István/Ivan , die mit ihrem neoliberalen Denken letztlich scheitern. Vermutlich haben sie ihre neoliberalsten Ideen als Studenten nur so missionarisch vertreten um aufzufallen. Die Karikatur der digitalen „Elite“ von Silicon Valley ist großartig gelungen. Schwimmende Inseln im Pazifik wollen sie bauen, exterritorial. Subtil und luzide werden professorale Phrasendrescherei und Namedroping bloßgestellt. Wissenschaftssatiren scheinen derzeit en vogue zu sein. Stoff für Diskussionen liefert die apokalyptische Weltschau, die der Franzose Bertrand Ducavalier gegen Ende des Buches auf anderthalb Seiten ausbreitet.

„Jetzt, jetzt weiß Kraft, was er zu tun hat“, lesen wir auf der drittletzten Seite. Ob es Jonas Lüscher auch weiß? Vielleicht fragt ihn jemand danach, am Sonntag, den 28.Mai 2017 um 15 Uhr im Museum (Tübingen). Kein Vorverkauf.  Note: 2+ (ax)<<

 

Briefe aus Amerika – Joachim Zelter

 

Klöpfer & Meyer 2016 |   189 Seiten

>> Wieder mal ein Tübinger Autor. Joachim Zelter hat seine Briefe aus Amerika schon 1998 im Ithaka Verlag veröffentlicht und jetzt als „überarbeite“ Fassung nochmals bei Klöpfer Meyer herausgebracht. Darf man das? Eine Mogelpackung? Verlagstechnisch nachvollziehbar, der Zeitpunkt der Herausgabe mit der anstehenden Trumpwahl natürlich kalkuliert. Nun denn.
Der Protagonist Zelter erhält nach der Promotion eine Stelle an der ehrwürdigen Universität von Yale. Schon seine Kommunikation vorab mit der Unileitung steckt voller Mißverständnisse und kafkaesker Wendungen. Zelters Neigung zur Groteske entfaltet sich dann schon bei der Schilderung des Hinfluges, den der Ich Erzähler Zelter letztendlich komplett auf der Toilette verbringt, da es für ihn sonst keinen Sitzplatz gibt. Man ist als Leser also gewarnt. Mit der Realität hat das wenig gemein. Die Schilderungen es Unibetriebes sind stellenweise sehr amüsant, mit sehr gutem Blick für die Absonderlichkeiten der amerikanischen Psyche. Der völlig andere Zugang zur Didaktik wird etwa im Kapitel MODLAW höchste kreativ und amüsant beschrieben. Der unerschütterliche Glaube der Amerikaner an Rankings jeder Art ebenso, als er sehr witzig schildert, wie ihm seine Studenten nach und nach zu einer Konkurrenz Veranstaltung abhandenkommen. Wenn es Zelter nur nicht auch zunehmend deutlicher vorhersehbar mit seinen Überdehnungen ins Groteske übertreiben würde. Das wird dann schlicht zu viel. Am Ende wird die ganze Uni Yale  belagert und es entwickelt sich in der Stadt New Haven und letztlich auch in Yale eine Art Endzeitszenario, ein anomischer Zustand, der vielleicht auch ein Abbild von Zelters innerem Zustand und seinem Scheitern darstellen soll.
Note: 3 (ün)<<

>> Nein, die nach 5 Jahren entstandene Doktorarbeit unseres  Autor-Erzählers gerät nun nicht gerade zur „Laufbahnarbeit“. Vom Doktorvater zum Stipendium nach Yale geschickt , weggelobt oder entsorgt, beginnt die Leidensgeschichte des in geschliffenen Oxford-Englisch brillierenden Protagonisten. Trägt schon die einleitende deutsche Universitätsepisode Züge eine Realsatire, so wird der Sprung über den großen Teich zum irrwitzigen Labyrinth. Dass sich der promovierte Anglist, nicht uneitel immer wieder die Güte seiner Arbeit betonend, schon bei der reichlich grotesken Korrespondenz mit der Yale-Administration durch Naivität auszeichnet:  „Wie ich anreisen sollte?“   Wo denn Yale liege“ und  zur Beantwortung der Frage in Zeiten des Internets auch noch Landkarte und Reiseführer zu Rate zieht , lässt für den Doktor in great Amerika nichts Gutes ahnen. So bleibt auch unausweichlich, dass sich nach der Vorhölle von New Haven, dem ersten Sprachdesaster unseres Oxfordianers und seinem „Wohnungs-Loch“  der vermeintliche Zauber einer weltberühmten Universität als Biotop von Absonderlichkeiten und Absurditäten erweist. Erfreulich dass unser Autor wenigstens kurzfristig Lichtblicke ganz anderer bei  der deutschen Nachbarin findet, denn was liegt näher, als dass die frustrierte Ehefrau eines Yale-Wissenschaftlers, der ganztätig über das Verhalten der Fische arbeitet, gleich bei der ersten Begegnung „die Bluse öffnet“. Da hätte es des Weckers nicht bedurft. Ob mit der „five dollar“ Episode Vollzug gemeldet werden kann oder dem Herrn Doktor die sexuelle Vorstellung durchgebrannt ist, bleibt offen. Auf dem Campus gehts gar wenig akademisch ernsthaft zu. Eine Groteske jagt die nächste kulminierend im finalen Bild einer nach außen abgeriegelten Universität – aus der Luft versorgt durch Mc Donald Container. Ein literarisches Schmankerl  und ein literarischer Tiefpunkt finden sich in den Briefen. Nicht der Figur des omnipräsenten deutschen „Grammatologen“ und Fingerphilosophen Schwartz gilt meine Bewunderung sondern Professor Spivack, der mit seiner Sprachdidaktik in „Modlaw“ – the „Most difficult Language oft he Word“ eine geniale Satire auf simplifizierende Sprachdidaktik und tumbe Willfährigkeit von Sprachstudenten liefert. Mit dem Kapitel „Ein Bollwerk der Ruhe“ und der Hervorhebung der Vorleserin-Episode im abschließenden Kapitel  „Eine letzte Mail“ entgleitet dem Autor der Roman. Eingebettet in den Kontext einer amerikanischen Universitäts- und Gesellschaftssatire wird Auschwitz missbraucht,  wirkt die Schwermut und das Pathos der Szenerie bemüht konstruiert und völlig deplatziert Note: 4 (ai) <<

>>            Wenn ein deutscher Nachwuchsliterat in die amerikanische Fremde gerät. Wenn die Fremde Vorurteile als Untertreibung verblassen lässt. Wenn Nachbarn stundenlang Wecker klingeln lassen, um auf ihre Bedürftigkeit aufmerksam zu machen. Wenn Gelegenheitsprostituierte ihren Gebrauchswert auf 5 Dollar taxieren – nicht mehr und nicht weniger. Wenn auf dem Dach der Universitätssporthalle der Gebirgs-Wanderpfad angelegt ist. Wenn die Eliteuniversität zur umkämpften Trutzburg bei sozialen Aufständen wird. Wenn die gesichtslosen Massen die Nachbarschaft abfackeln. Wenn die schöne Studentin im berühmtesten Universitätsgarten bei jeder Wetterlage Namen rezitiert. Wenn das Buch, aus dem sie vorliest, doch kein Telefonbuch sondern eine Ausschwitzliste ist. Wenn die schöne Studentin in polizeiliche Obhut genommen wird. Wenn die Studierenden über den Deutschdozenten und Nachwuchsliteraten mit den Füßen abstimmen. Was macht dann ein Nachwuchsliterat vor leeren Hörsaalbänken? Und wer ist das überhaupt?

Zelter spricht über sich selbst. Verpackt in vermeintliche Briefe, die keinen Adressaten kennen, vielleicht nie geschrieben wurden mit Inhalten, die Fantasien des in der Fremde getrübten Auges sein könnten. So betrachtet, wären die äußeren Begebenheiten Spiegelungen der inneren Befindlichkeit des Autors. Vermutlich ist es so. In Briefe aus Amerika malt der Ich-Erzähler sein Spiegelbild als promovierter Anglist in der hässlichen Ostküstenstadt mit ihrer berühmten akademischen Perle Yale.

Zelter spricht über sich selbst, war er doch tatsächlich Dozent an der renommierten Yale Universität. Er beginnt die Briefsammlung in bunter Klarheit mit einer besonderen Weltsicht. Danach gliedert sich das akademische Universum in zwei Sphären: den sublunarischen Verlierer- und den translunarischen Gewinnerkosmos. Zelter sitzt im sublunarischen Dunkel auf einem viel zu kleinen Nebenmond, von dem sein Schreibtisch rutscht. Die Ehrfurcht ist so groß wie der Selbstzweifel. Die Unsinnigkeit aller Bemühungen wird Gegenstand von Beichten in der kopfschüttelnden Verwandtschaft. Und dennoch fühlt sich der Jungakademiker von den Lobgesängen seines Doktorvaters geschmeichelt und kokettiert mit den Verlockungen des politisch Abträglichen, mit dem Amerika, das man nicht mögen mag. Das Amerika, welches die elaborierte Intonation eines britischen Oxford-Englisch lächerlich macht. Also folgt Zelter dem Ruf in die Fremde. Zu süßlich klingen doch die Verzückungen seiner Yale-Gesprächspartner, als sie vergegenwärtigen, dass dieser junge Zelter ein ferner Spross des alten Zelter ist, der schon Goethe zur Seite stand.

Zelter gelangt auf der Klobrille im überbuchten Flugzeug in die Neue Welt, kämpft sich auf dem Kennedy Airport durch die Fangarme von Immigrationsbeamten und Taschendieben, lässt sich von der Trostlosigkeit der Überlandfahrt deprimieren, verweigert Pennern am Zielort die Rolle als Leibwächter, um schließlich im höchsten Haus in der längsten Straße das häßlichste Loch als Unterkunft zu beziehen.

Sein neuer Arbeitsplatz liegt auf dem neogotischen Campus in der gefährdeten Stadtmitte. Zur fortbildenden Einführung muss er sich in Yale zunächst einer didaktischen Erkenntniskur unterziehen, damit er fortan in der Lage sei, Studenten in 100 Tagen Deutsch beizubringen. Die Beispielsprache wird Modlaw genannt, hat fünfminütige Wortlängen und unter 300 Buchstaben fast nur Konsonanten. Neben dem Dativ bereichern Dekorativ und neben Neutrum auch Necrophilum die grammatikalische Vielfalt. Er verzweifelt. Ihm entgeht, dass das didaktische Ziel der Veranstaltung gerade nicht diese Sprachzumutung sondern Wissenschaftskritik ist. Warum wagt der Deutsche nicht den Unsinn zu hinterfragen – wird er am Ende gefragt werden. Wenige Briefstellen stellen den Blickwinkel selbst in Frage. Diese ist eine davon. Und zudem eine amüsante.

Er unterrichtet. Seine Zustimmungskurven fallen, Studenten versammeln sich bei dem Konkurrenten, bis er im akademischen Nahkampf mit der Waffengattung Leichte Konversation über deutsche Mülltrennung Boden gutmachen kann. Über allem schwebt bedrohlich der legendäre Imperator Schwartz von Studenten geliebt, von der Verwaltung hymnisch besungen, von Kollegen gefürchtet. Sein schwerstes Geschütz ist kurz, banal und schwer auffindbar: die eigene Doktorarbeit über den Finger in der Philosophie. Es fingere vor allem unter den Tischen der Philosophie. Von Diogenes sei bekannt: „Seht her, wie dieser weise Mann es sich mit den Fingern gutgehen ließ“. Und auch an der Unterwäsche von Hegel und Kant sei rumgefingert worden. Zelter macht Schwartz zur Metapher akademischer Abwegigkeit. Auf diesem Wege wird es auch zum hintergründigen Versuch des Autors, die empfundene Minderwertigkeit zu relativieren.

Am Ende liegt die schöne Studentin aus dem Universitätsgarten schlafend im Flur des vom Bürgerkrieg bedrohten Lehrgebäudes – der Engel des Todes, so als ob in diesem Kosmos nur das Nekrophile Ruhe finden könnte.

Ja, so empfand Zelter. Dennoch haben sich bei aller Tristesse einige aufhellende Leichtigkeiten behaupten können.

Nein, Zelter kann auch Sprachwitz. Und dennoch lesen sich die Briefe aus Amerika so als ob sie noch nicht versandfertig wären.

Note: 3   (ur) <<

>>Alexander Kluy hatte am 11. Dezember 2016 in der Wiener Zeitung „Standard“ versprochen, dass man beim Lesen der „Briefe aus Amerika“ vom Fauteuil falle und sich mehr als den Musikantenknochen schädigen könne.
Das machte ich mich neugierig und deswegen schlug ich das Buch vor. Ich setzte mich aufs Sofa und las und las und wurde sitzengelassen. Eine herbe Enttäuschung. Enttäuschte Erwartungen sind keine gute Basis für die angemessene Besprechung eines Buches. Deshalb möchte ich es heute damit bewenden lassen. Dabei schätze ich den Autor in seiner etwas spröden Art, in der ich ihn vor vielen Jahren in Brunos Keller erleben durfte.

P.S.: Die didaktisch ausgereifte Einweisung in die deutsche Mülltrennung, die der deutsche Lektor in Yale seinen Studenten/innen bietet, hätte einen Platz in einer der zahlreich erschienenen Integrationsbroschüren verdient.
Note: 3 (ax) >>

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – Milan Kundera

Buchtitel Carl Hanser Verlag, 1984  |    301 Seiten

>>Ja,  Kunderas Roman  „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ hat seinen Zauber verloren, den er bei meiner ersten Begegnung in den 80ern noch ausgeübt hat. Vielleicht war es dem Zeitgeist geschuldet:  Prager Frühling, russische Okkupation, Liebe und freie Sexualität unter politischen Wirren, Widerstand und Unterwerfung, dazu eine bedeutungsschwangere Metaebene philosophischer, psychologischer, sprachkritischer Reflexionen, ein postmoderner Autor -der Buchmarkt euphorisch.  Heute liest es sich schlichter: ein Prager Chirurg und Erotomane  von der Serviererin Teresa (Kurzkarriere als Starfotografin in Sachen russ. Okkupation) trotz Dauerseitensprünge bedingungslos geliebt, ein  durch „20 Jahre verdummende Monogamie“ geschädigter Genfer Professor, der sich zunächst durch die Künstlerin Sabrina, später durch die Studentin mit großer Brille von seinem Mutterkomplex abarbeitet.  Das Vierer-Beziehungsgefüge ist selbstverständlich eingebettet ins Politische. Eine Leserbriefkritik an der russ. Besetzung besiegelt Tomas Absturz vom Chefarzttraum zum Fensterputzer , libidinös etwas entschädigt durch fast 200 weibliche Kunden (die Kernseife immer im Handgepäck). Franz politisches Engagement zielt eher auf die Befreiung der Völker der Welt und findet in einem Friedensmarsch von berühmten Wissenschaftlern und Künstlern nach Kambodscha bei Kundera einen doppelten realsatirischen Höhepunkt. Wird der Demonstrationszug selbst schon zur Posse über alle großen Märsche, endet der Frieden für Franz vor einem Bangkoker Hotel ernüchternd. Niedergestreckt durch „etwas Schweres“ (s. Parmenides ‚das Leichte und das Schwere‘) stirbt Franz in einem Genfer Krankenhaus. Die Grenzen des Kitsches, dem Kundera manch vermeintlich Tiefsinniges widmet, deutlich sprengend, verabschieden sich die beiden Männerfiguren aus dem Roman  mit ihrem fast gleichzeitigen Tod  mit  der Botschaft zweier  pathetischer Grabinschriften, deren eine „Er wollte das Reich Gottes auf Erden“ weder Tomas, noch deren andere „Rückkehr nach langem Irrweg“ Franz gerecht wird. Sind es hier eher religiöse Überhöhungen so wartet Kundera mit ganz anderen Höhenflügen von Beginn an auf.  . Nichts bleibt dem Leser  ob der Wissensmacht des Autors Kundera erspart. Der „Mythos der ewigen Wiederkehr“, Parmenides Gegensatz-Lehre, der Ödipus-Komplex, Dualität von Körfper und Seele, Beethovens “es muss sein“, Platons Gastmahl, Sophokles Tragödien,  Nietzsche und Descartes, Pseudopsychologisches und dubiose Kategorienlehren (der epische und der lyrische Frauenheld), Genesis- Exegese fast alles aus der abendländischen Geistesgeschichte wird bemüht um der Handlung Tiefgang zu geben, ja selbst der Hund Teresas tuts nicht unter „Karenin“ , das dressierte Schwein des Genossenschaftsvorsitzenden nicht unter „Mephisto“.
Was mich als heutigen Leser aber vor allem stört, ist Kunderas wiederkehrender Vereinnahmungsduktus: „Für uns besteht die Größe des Menschen darin..“- „Wir würden sagen…“ „Wir alle wissen…“ etc.
Nein – bitte lass mich als Leser aus dem Spiel, denken will ich selbst.
Note: 4 (ai) <<

>>„Über eine Million Exemplare“, das macht schon mal neugierig. Plus Verfilmung. Plus ein Titel mit  bedeutungsschweren Begriffen wie „Leichtigkeit“ und „Sein“. Ein Roman in sieben Teilen. Der erste und auch der fünfte Teil lauten: „Das Leichte und das Schwere“.
Die verschlungene Liebesgeschichte zwischen Tomas und Teresa wird bei Wikipedia ordentlich nacherzählt. Da kann ich es mir leichtmachen.
Der sowjetische Einmarsch in die Tschechoslowakei liegt lange zurück, aber bei der Lektüre werden die bewegenden Bilder von damals wieder wach. Tschechen, die auf sowjetische Panzer gestiegen sind, der Protest in den Straßen Prags.
Im letzten Teil („Das Lächeln Karenins“) beschreibt Kundera das Sterben des Hundes Karenin. Sehr berührend. Weniger berührten mich die zahlreichen Schilderungen erotischer und sexueller Begegnungen, da sie oft etwas bemüht wirken. Die Freude am Lesen wird auch durch die Überfrachtung mit philosophischen Einschüben (ich sag nur Nietzsche) getrübt. Nun ja, ich weiß jetzt wenigstens wer Parmenides ist.
Manche der Sätze kann man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen und versteht sie dann immer noch nicht. Zum Beispiel: „Die Quelle des Kitsches ist das kategorische Einverständnis mit dem Sein.“ (Seite 245). Die Phrasendreschmaschine wurde doch erst nach 1984 erfunden. Auch die Parodie auf den Aktionismus naiver Linker bei einem Protestmarsch in Kambodscha („Der Große Marsch“) kann nicht überzeugen. Der Zeitredakteur Thomas E.Schmidt las das Buch nach 28 Jahren wieder und konnte sich nicht mehr erklären, warum das Buch damals so erfolgreich war  (DIE ZEIT vom 9.August 2012). Es muss 1984 die Leser/innen-Erwartungen in einer Weise erfüllt haben, die heute nicht mehr nachvollziehbar ist.

2017 wirkt es eher wie die „Seichtigkeit des unerträglichen Seins“ (Zitat eines reputierten lokalen Literaturkritikers, der anonym bleiben möchte).
Note: 3/4 (ax)<<

>> Kunderas Roman vereint beliebtes Treibgut zeitgenössicher Strömungen: genitaler Freiraum und unumstößliche Liebe, ungebändigte Eifersucht, Ich-Findung und –Verlust, gesellschaftliche Utopie und politische Unterdrückung, Prager Frühling und sowjetischer Herbst, Exil und Heimatlosigkeit, urbane Bohème und ländliche Monotonie. Für den Zeitgeist der Achtzigerjahre wird eine respektable Vielfalt geboten. Dies gilt insbesondere, da nicht nur die Vorwärtsentwicklungen in der sexuellen und sozialistischen Befreiung aufgegriffen werden, sondern auch Rückwärtswellen durch das Romanbild fluten, wenn allzu menschliche Abgründe hehre Absichten zu Fall bringen. Leichtigkeit und Schwere des Seins und Nicht-Seins verdichten sich zur Unerträglichkeit.

            Über große Strecken des Romanweges folgt das Scheinwerferlicht dem talentierten Chirurgen Tomas und seiner Lebensgefährtin Teresa. Teresa tritt unvermittelt in Tomas´ sexuell ambitioniertes Leben. Der erklärte Junggeselle fühlt sich magisch an die schlichte Teresa gebunden, deren aufrichtige Zuwendung schwersten Angriffen ihrer eigenen Eifersucht ausgesetzt ist. Gründe für Eifersucht liefert der hypersexuelle Chirurg Nacht für Nacht, wenn er auf Teresas Kopfkissen den Schoß-Duft einer anderen verbreitet. Verzweifelt versucht sie ihre Eifersucht zu bändigen. Nicht-enden wollende Todesvisionen als Strafen ihrer vermeintlichen Unbelehrbarkeit sind die Folge. Wenn sie in Albträumen nicht die Kraft aufbringt sich erschießen zu lassen, erstickt sie in Selbstvorwürfen, weil sie Tomas gegenüber versagt habe. Es folgt ein qualvolles Tag- und Nachtleben. Obwohl Tomas der libidinösen Sucht verfallen bleibt, belastet ihn Teresas Leid zutiefst. Aus Rührung ehelicht er sie und versucht mit dem Geschenk des Hundes Karenin ein emotionales Ersatzobjekt zu schaffen.

            Die Unterdrückungen, die der Prager Frühling nach sich zieht, treibt beide schon bald ins Schweizer Exil. Weil auch dort die emotionale Folter anhält, kehrt Teresa unvermittelt in die Heimat zurück. Tomas folgt ihr, wohlwissend, dass er politischer Verfolgung ausgesetzt sein wird. Er verliert seine Klinikanstellung, wird mit Berufsverbot belegt und verdient fortan seinen Lebensunterhalt als Fensterputzer. Der Eintritt in fremde Haushalte beschert ihm vor allem bedürftige Hausfrauen, die er mit hochfrequenter Emsigkeit befriedigt. 200 dürften es sein. Währenddessen flieht Teresa in sexuelle Gegen-Übungen mit einem anonymen Ingenieur. Der therapeutische Erfolg bleibt aus. Ruhe vor dem sexuellen Notstand und politischer Verfolgung kehrt für beide erst in der selbstgewählten ländlichen Verbannung ein. Kundera suggeriert, dass Teresa letztlich die sexuelle Domestizierung von Tomas gelingt.

            Bis zu ihrem gemeinsamen Verkehrstod im Kolchose-Laster verdingen sich Teresa und Tomas als bäuerliche Hilfsarbeiter. Wie auch bei anderen Protagonisten des Romans bleibt das reale Sterben eine Nebensächlichkeit und droht literarisch fast übersehen zu werden. Einzig dem durchdachten Gnadentod des krebskranken Hundes Karenin wird ein humanes Gewicht gegeben. Das tatsächliche Ableben der Hauptdarsteller dagegen ist dem Zufall geschuldet, folgt also keinem Konzept und trägt nicht zum Sein-Verständnis bei.

            Im Beziehungskosmos entwirft Kundera eine weitere Galaxie mit zwei Fixsternen: Franz und Sabina. Als komentenschweifartige Verbindung zum Zentralgestirn des Romans wählt der Autor eine pulsierende Liaison zwischen Sabina und Tomas. Sabina stellt den Gegenentwurf zu Teresa dar. Während Teresa der geordneten Monogamie anhängt, lebt Sabina die Unruhe ihres Künstlerdaseins auch in Betten aus. Auf ihrem Laken wird neben Tomas auch der Universitätsdozent Franz liegen, der seinerseits als Kontrapunkt angelegt ist. Im Gegensatz zu Tomas verkörpert er den beziehungsfesten, geradezu romantisierenden Partner, der sich von seiner aus Verlegenheit geheirateten Frau nur deshalb trennt, um sich ganz Sabina verschreiben zu können. Dass genau diese Stetigkeit ein absolutes No-go im Lebensverständnis von Sabina ist, bleibt ihm fatalerweise verborgen, bis sie sich ihm wortlos entzieht. Sie wird ein Leben lang unerfüllt durch Exilstationen irren. Exilstationen, die nicht nur geographischer, sondern auch seelischer Natur sind.

            Kundera begeht wiederholt Tabubrüche, indem er die Rolle des übergeordneten Erzählers verlässt und detaillierte Interpretationen einzelner Romanmomente einstreut. Auch wenn diesen Unterbrechungen lehrmeisterhafte Überheblichkeit innewohnt, so überrascht es andererseits, dass dem Leser dennoch Assoziationsspielraum bleibt, ohne den der Roman zum Sachbuch mutieren würde.

            Gelungen ist die blasphemische Kambodscha-Episode mit filmreifer Inszenierung politischer Eitelkeiten, als französische und amerikanische Aktivisten um die Erstautorenschaft einer Friedenskampagne keifen, und ein deutscher Liedermacher mit verhaltenem Stolz die Friedensfahne schwingt, nachdem sie durch Blutspritzer eines von Minen zerfetzten Reporters enorm an Authentizität gewonnen hat. Franz schließt sich mit großer Geste dem Marsch im Kriegsgebiet an, der jedoch ohne jede Bedeutung bleibt. Kundera persifliert gekonnt die Tragweite des Geschehens. Franz stirbt wenig später einen belanglosen Tod – nicht als engagierter Aktivist am Rande des Vietnamkriegs, sondern schlicht durch die Gemeinheit zweier Straßenräuber. So banal kann das Ende eines Lebens im Angesicht großer Weltpolitik sein.

            Gelungen sind auch die Innenansichten in das real-sozialistische System, in dem Denunziation, Machtmissbrauch und Destruktion sich gegenseitig befeuern. Bemüht wirken dagegen Kunderas Ausflüge auf philosophisches Terrain wie die Abschweifungen über Nietzsches Prinzip der ewigen Wiederkehr. Fast unvorbereitet wird man vom Schluss getroffen, der inhaltlich irgendwo im Laufe der Geschichte angesiedelt ist. Entsprechend verunsichert verlässt der geneigte Leser das literarische Sein auf der Suche nach Leichtigkeit.

Note: 3   (ur)<<

>> Es ist immer spannend, ein Werk im Abstand von 30 Jahren wieder zu lesen. Wie wird sich der Zuwachs an Erfahrung und Weltverständnis auf die Rezeption des Werkes auswirken? Tut sich ein neues Kosmos auf, der beim ersten Lesen noch verborgen war oder kann man sich nur noch wundern über die vormalige Begeisterung? Das überschwängliche Lob bei der Kritik, die Kundera mit der „ unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ 1984 erfuhr, lässt sich aus dem Abstand von über 30 Jahren nur schwerlich nachvollziehen. Der kommerzielle Erfolg schon eher. Zu sehr passte die Figur des erotomanen Arztes Thomas in den Zeitgeist der 80-er Jahre. Er unterhält ein ausgeklügeltes System der freien Liebe (Stichwort „ 3 er Regel“) mit hunderten von Frauen, lebt aber in einer von wiederholten schmerzlichen Trennungen geprägten Beziehung mit der Krankenschwester Theresa, die er mal als Klotz am Bein, mal als emotionale Stütze empfindet. Und dann wird er auch noch zum stillen Helden, als er sich den Zumutungen des stalinistischen Systems seines Heimatlandes entzieht, und lieber als Fensterputzer in der Provinz arbeitet, als einen politischen Aufruf zu wiederrufen. Und die tapferen Tschechen hatten seit der Niederschlagung des Prager Frühlings sowieso einen satten Bonus unter den Intellektuellen des Westens.

Auf mich wirkt das jedoch heute reichlich eitel erzählt, aufdringlich und oberlehrerhaft. Die pseudophilosophischen Abhandlungen sind plump und verallgemeinernd. („Glück ist der Wunsch nach Wiederholung“) Der Vergleich mit dem Oberschwurbler Coelho kam mir manchmal in den Sinn, ist aber dann vielleicht doch zu hart. Dabei schreckt Kundera auch vor Banalitäten nicht zurück. Kostprobe: „Wer in der Fremde lebt, schreitet in einem leeren Raum hoch über dem Boden, ohne das Rettungsnetz, das einem das eigene Land bietet…“ Wer hätte das gedacht. Sein Schluss von Nietzsches „Ewiger Wiederkehr“, die jener als „Schwerstes Gewicht“ bezeichnet hat,  auf die herrliche Leichtigkeit des Lebens ist schlicht nicht nachvollziehbar.

Erzähltechnisch reizvoll sind die verschobenen Zeitachsen. Schon nach einem Drittel des Romans sterben die beiden Hauptfiguren Thomas und Theresa zum ersten Mal, und doch geht Ihre Geschichte in zahlreichen Rückblenden munter weiter. Auch die Passagen rund um regimekritische Leserbriefe, Auf- und Widerrufe und die raffinerten Versuche des Regimes, den Widerstand zu unterdrücken, sind gut gelungen.

Note: 3/4 (ün)

 

Fallensteller – Saša Stanišic´

k1024_fallenstellerLuchterhand  | 281 Seiten

>>  Im Sammelband „Fallensteller“ vereint Stanišić 12 voneinander unabhängige Geschichten, die nicht nur sprachlich überraschen. Es sind Geschichten von Fallenstellern in Bohème-Nischen, von Menschen, die sich selbst Fallen stellen, von Täuschungen am Rand der Magie, aber auch Erzählungen, denen der Bezug zum Titel fehlt. Über eine große erzählerische Bandbreite hinweg schöpft der Autor aus sehr unterschiedlichen Milieus. Feinfühliges aus dem Ende eines Betriebslebens. Kenntnisreiche Psychologie einer Billardpartie. Laute Ich-Bezogenheit eines Profilneurotikers. Gedanken- und Daseinsfluchten eines deutschen Bürokraten im brasilianischen Urwald. Traurigkeit eines Pubertierenden beim Wandertag und Kontraste im verwandelten Leben eines Start-up-Company-Gründers.

Die umfangreichste Geschichte gibt dem Buch die Aufschrift. „Fallensteller“ ist die bemerkenswerte Landschaftsstudie der Uckermark, wo die Menschen so verweht scheinen wie ihr Landstrich. Ausgedünnt versammeln sich die Verbliebenen in durstiger Besonnenheit in Garagen, um dem Glucksen des Bierhahnes zu lauschen, soweit sie dazu noch in der Lage sind. Kacken dem Nachbarn schon mal in den Garten oder springen nackt aus dem Fenster, um ein randalierendes Wildschwein in die Flucht zu schlagen. Stanišić intoniert all diese überraschenden Details mit wunderbar deplatzierter Sachlichkeit. Als das heimliche Bild des verdauenden Nachbars im Immobilienschaufenster hängen bleibt, notiert Stanišić, dass dies vor allem das geringe örtliche Interesse an Immobilien deutlich machen würde

Veränderungen bringt die literarische Infektion des an sich schlicht gestrickten Bäckersohns Lada. Nachdem ein verweichlichter „Jugo“-Schriftsteller (der Autor selbst) den kleinen Ort Fürstenfeld öffentlich als vermeintliche Prosahochburg angepriesen und Lada zum Selbstversuch ein Schreibheft geschenkt hatte, wird nicht nur Ladas überhitztes Gemüt befriedet, sondern auch der Literat in Lada geweckt. Stanišić macht ihn zum Dorfschreiber, dessen Geschichte wir lesen. Die zentrale Figur in Ladas Aufzeichnungen ist der Fallensteller – ein verschlossener, in Ledermantel gehüllter Unbekannter, der französische Tageszeitungen liest, in Reimen quacksalbert und schon mal das Selbstwertgefühl der Schwerkraft beleidigt, wenn er in der Gartenschaukel am höchsten Punkt verharrt. Seine Mission bleibt so dunkel wie die Tönung seines Umhangs. Die Ergebnisse seines Wirkens jedoch finden weitgehende Anerkennung. In der Umtrunk-Garage endet die Rattenseuche mit der Konvertierung des Getiers, als es sich spontan in einer Spielzeugkirche evakuieren lässt. Die Fliege auf dem Knie der Bäckersfrau begibt sich ungeniert in eine geöffnete Streichholzschachtel und stört fortan nicht mehr. Auch eine Wildschweinrotte nimmt bereitwillig das Angebot an, auf einer LKW-Ladefläche ins Ungefähre jenseits von Fürstenfeld umgesiedelt zu werden. Man ist verblüfft.

Doch der Fallensteller wäre nur unterhaltende Magie, wenn er nicht auch die Moral eines Rattenfängers von Hameln in die ostdeutsche Provinz tragen würde. Gerechtigkeit ist nicht verhandelbar, Verfehlungen werden streng geahndet und im Übrigen sind Tiere unantastbar. Mit einer blutigen Nase meldet sich ein Vater nach durchzechter Nacht – angeblich von drei Asylanten niedergestreckt. Tatsächlich sprach der Fallensteller zu ihm, er möge seinen Sohn fortan wie einen Sohn behandeln. Der Vater hatte den Sohn öffentlich gedemütigt, nur weil sein lächerlicher Hamster abhandengekommen war. Der Fallensteller entpuppt sich als Rächer für die verweigerte Würde von Kind und Tier. Der Hamster Hugo taucht prompt wieder auf – oder vielleicht ist es auch ein anderer. Die Höchststrafe wird schließlich fällig, als dem Fallensteller der zugebilligte Obolus verweigert wird, nachdem er die störenden Wildschweine außer Landes gebracht hatte. Auch wenn nie ein rächendes Wort geäußert wird, sind allen die Zusammenhänge einleuchtend. Der schuldige Forstrat wird frierend und gefesselt auf dem Truppenübungsplatz gefunden. Sich verweigernde Mitbürger finden ihre Gärten von Wildschweinen vernichtet. Parkende PKWs einschlägiger Besitzer sind durch Rattenfraß bis in alle Ewigkeit unbrauchbar geworden. Und was ist mit Fürstenfeld? Irgendwie ist man auch stolz auf eine Entführung, die dem übersehenen Ort endlich etwas Arabisch-Großstädtisches verleiht.

Voller Klamauk sind die drei Episoden des Macho-Kosovaren Mo, der das Bild einer syrischen Exilmalerin in Stockholm stiehlt. Leider gefällt seinem Vater das Motiv der in Kinderkleidung gehüllten Marschflugkörpern aus Aleppo so wenig, dass er nicht bereit ist, seinem Sohn dafür Tausende von Euro zu zahlen. Mo will in aller Ausführlichkeit erkannt werden, vor allem von Frauen, in deren Leben er sich nicht nur durch ein zeitgenössisches Wischen auf dem Smartphone verankern will.

Die tiefschürfendste Episode verbirgt sich im Schlusskapitel des Start-up-Gründers der Firma memstore. Entgegen dem erfolgreichen Konzept seiner brain-computer-interface Idee, aus Bruchstücken der Erinnerung Geschichten zu konstruieren, lebt er eine pure Gegenwart. Im Yuppie-Ambiente Frankfurts negiert er seine tragische jugoslawische Vergangenheit. Er verweigert sich der zurückgebliebenen Familie und den eigenen Schicksalsfragmenten. Anrührend ist die Kindheit beschrieben. Der Vater ertränkt sich. Die Mutter geht dem Sohn verloren, weil sie fortan im Verlustschmerz ertrinkt. Der Großvater gibt ihm Zuversicht und lässt ihn auf seinem Hemd schwimmend ein Fluss-Gefühl der Zuversicht erleben. Als die Militärschergen schließlich mit Erschießungen beginnen, erschließt der Großvater dem Enkel über genau diesen Fluss die Zukunft. In Deutschland angekommen, wird er den Großvater jedoch nie wieder sehen, weil er es ablehnt, in das Land des Hasses zurückzukehren. Selbst zum Sterben des Großvaters wird er diesem lediglich ein Hemd nähen und schicken lassen. In diesem Hemd wird der Großvater sich dem Totenfluss Styx anvertrauen wie auch der Enkel sich dem Lebensfluss im Hemd des Großvaters anvertraute.

Stanišić setzt die olympiareife Wortakrobatik sehr unterschiedlich dosiert ein: fein nuanciert in den ernsten Passagen über Alter, Lebensende und Niedergeschlagenheit; markant gekonnt in den Situationskapiteln des Billardspiels, des albanischen EU Betrugs und der brasilianischen Kontraste von Seelenleben und Chaos. Leider überzeichnet er den Sprachwitz in den Kapiteln um den Aufschneider Mo so sehr, dass man als Leser seine Not hat, die überzogene Form als Rechtfertigung des Inhalts durchgehen zu lassen. Es bleibt dennoch das erstaunliche Werk des Enddreißigers Stanišić, dessen Muttersprache noch nicht einmal das Deutsche ist, und der diesem Sprachraum erst seit seinem 14ten Lebensjahr angehört. Vermutlich die magische Meisterleistung eines Fallenstellers. Man darf beeindruckt sein. Note: 2 (ur) <<

 

>>Viel Bizarres, dünner Quark
Sascha schreibt zur Uckermark.

Wo bald wilde Wölfe hausen
saufen jetzt schon die Banausen.

Jugo macht darüber Witze,
manchmal zäh und manchmal Spitze.

Für ne Ratte stellt er Falle
und wir tappen rein, wie alle.

Pitschpatsch schnappt die Falle zu
Ratte hat jetzt endlich Ruh.

Jetzt kriegt Sascha viele Preise
ach, ich find das wirklich toll.

Gebastelt von der „Persona non krater“ (Wortspiel siehe Seite 211)

Note: 3 – (ax)  <<

 

>>Das sind alles außergewöhnliche Geschichten und außergewöhnliche Figuren und über weite Strecken außergewöhnlich wortgewandt  erzählt. Ob tragikkomisch wie der Modernisierungsverlierer Klingenreiter als einsamer Illusionist , ob gut gemeint aber reichlich hilflos christliche Menschenrechtsaktivisten, ob realistisch-absurd ein EU-Sprudelprojekt und Hirten im Osten Bosniens, ob die Doppelbödigkeit einer syrischen Surrealistengalerie in Stockholm (“Rayans Erzählung von Safi und Saida aber ist echt“ – wirklich????), ob die Irrfahrt des Vogelbräu Justiziars Georg Horvath in Brasilien (großartig die  „Inflight-Riesling“ Episode), er begegnet uns wiederholt in Bukarest oder in einer reichlich kafkaesken Selbstsuche, ob in der umfangreichsten und zugleich schrägsten Figur des Fallenstellers im uckermarkschen Fürstenfelde, ob die  vielleicht tiefsinnigste Episode eines Ich-Erzählers, die aus einer heiter-erotisierenden Provence-Paris Fahrt durch einen Anruf („Bin bei Opa…“) plötzlich in eine Aufarbeitungs- und Erinnerungsgeschichte kippt . Mag sein, dass es da auch schwächere Erzählungen gibt (‚Billard Kasatschok‘ oder ‚Im Ferienlager im Wald‘), aber Staniscic beherrscht das Wechselspiel von Realität und Fiktion, zeigt im vordergründig Komischen wie etwa in der Figur des Fallenstellers Hintergründiges   nicht nur auf die Provinz Nordwestuckermark  Begrenztes auf. Ein „verweichlichter Jugo-Schriftsteller“ (Stanisic und sein Roman ‚Vor dem Fest‘ lässt grüßen)  macht Fürstenfelde literaturfähig, dessen  Nach-Erzählerfigur Lada stellt Fürstenfelde die Fallen.  Was folgt ist ein Feuerwerk von Gaukelspiel und Ernsthaftigkeit:  Der Umgang mit dem Fremden, Verkleidung und Entlarvung, Garagenbierseligkeit, Miefigkeit im Haus erkalteter Beziehung  von Günter und Angela Zieschke, Rattenbedrohung und Hamsterrettung,  die „Causa Wolf“ und die Genese einer skurrilen Protestkultur und als Höhepunkt, völlig unvermittelt  nach Wildschwein und Treibjagd gesetzt der Auftritt der Apothekerin Helms . Eine berührende Geschichte einer Traumatisierung, die ihre Wurzeln in den späten DDR-Jahren hat und ein Fallensteller, C.G. Jung hätte seine Freude daran, der Frau Helms Versagensängste gegenüber dem Vater behutsam therapiert. Zwei Seiten nur, aber wie der größte Teil des Erzählbandes brilliant. Note: 1 (ai)<<

>>Der Sound dieser wunderbaren Sammlung von Erzählungen geht einem sofort unter die Haut, wenn man die nur eine Seite lange, grandiose  Einleitung der titelgebenden Geschichte auf Seite 169 liest, an dessen Ende ein Wildschwein einen Menschen so einfach duzt.
Der etwas aus der Zeit gefallene Fallensteller kommt nach Fürstenfelde in der Uckermark und befreit eine ganze Reihe der kauzigen Bewohner von Ratten-, Mäuse-, Hamster-, Wildschwein- und sonstigen Problemen auf magische Weise. Die Gegend wurde schon Literaturtouristen heimgesucht, seit ein Schriftsteller- „der Jugo“ – ein Buch über die Bewohner geschrieben hatte. Teilweise nennen sich die Bewohner nicht mehr mit ihrem richtigen Namen, sondern so wie sie im Buch heißen. Sehr skuril. Als sich dann auch noch der Wolf in der Umgebung anmeldet, gerät die scheinbare Ordnung vollends außer Kontrolle.
Eine literarische Entdeckung ersten Ranges wird der Erzählband aber hauptsächlich durch einen spielerischen, lustvollen, überaus kreativen und auch sehr lustigen Umgang mit der deutschen Sprache. Dass der Autor erst seit 1992 mit 14 Jahren nach Deutschland kam und damit auch in den Kontakt mit der Sprache, die er wie kaum ein anderer beherrscht, verblüfft völlig. Note: 1– (ün)<<

Der lange Marsch – Rafael Chirbes

K1024_Der lange Marsch

Verlag Antje Kunstmann 1998  | 320 Seiten.

>> Ein langer Marsch von zwei Generationen durch die Nachkriegszeit (in Spanien beginnt sie im April 1939) bis in die siebziger Jahre, als der antifranquistische Widerstand insbesondere an den Universitäten intensiver wird.
Sechs über die iberische Halbinsel zerstreute Familien aus unterschiedlichen sozialen Schichten werden in kleinen Kapiteln vorgestellt. Meist kämpfen sie ums Überleben als Tagelöhner, Straßenhändler oder Schuhputzer,  aber auch eine Großgrundbesitzerin aus der Estremadura   „marschiert“ mit. Der Roman könnte auch „Sieger und Besiegte“ oder „Vater und Söhne“ heißen, wenn die Titel nicht schon, Sie wissen ja was. Chirbes schildert keine großen Heldentaten, er beschreibt Gefühle, Abschiede, Erfahrungen auf dem Hintergrund von Familiengeschichten. Die Protagonisten standen mehrheitlich auf Seiten der Republik und haben sich jetzt auf unterschiedliche Weise arrangiert.
Die vielen Fäden aus dem ersten Teil des Romans vernetzen sich nach und nach in den 1960/70er Jahren in Madrid, wo die die Kinder am Aufbruch der europäischen Jugend teilnehmen. Dabei werden Gräben zwischen den Generationen sichtbar. Die jüngere Generation riskiert mehr und einige landen in den Folterkellern der Geheimpolizei an der Puerta del Sol.
Der Roman hatte, Reich-Ranicki sei’s gedankt, in Deutschland mehr Erfolg als in Spanien. Vielleicht hängt dies aber auch damit zusammen, dass die Bereitschaft sich mit der Franco-Diktatur auseinanderzusetzen in Spanien -ähnlich wie in Chile- nicht sehr ausgeprägt war und ist. Note:1/2 ( ax) <<

>> In kurzen Kapiteln nebeneinander gesetzt großartig erzählte Geschichten von Familien unterschiedlichster Milieus während des Francoregimes. Verwerfungen infolge des Bürgerkriegs, Gewinner und Verlierer, die lauernde Allgegenwart der Guardia Civil. In wenigen Bildern werden Landschaften lebendig, ein galizisches Dorf, die Estramadura, beide eher Heimat und Geborgenheit im Gegensatz zu Salamanca oder Madrid, Schauplätze eher des Unbehausten, des Fremden, aber auch des Aufbegehrens einer jungen Generation. Nicht die wenigen Erfolgsgeschichten des Großbürgertums, durch Anpassung ermöglicht (Sesena und Beleta Clan) sind erwähnenswert, sondern die menschlichen Tragödien. Der „zivile Tod“ des einst brillanten Chirurgen Don Vicente Tabarca, das Schicksal Pedro del Morals mit seinen so unterschiedlichen Söhnen, die Familie José Pulidos, deren Überleben einzig die „Bäcker-Lösung“ sichert – drei Beispiele nur, die berühren und zeigen, dass dieser Autor ganz sensibel einen Einblick in Seelenzustände zu geben vermag, die fesseln. Mit der Generation der Kinder werden die zunächst eher disparaten Geschichten im zweiten Teil des Romans zusammengefügt. Dass dabei außer der proletarischen Variante Gregorio die Kinder aller sozialen Milieus sich in der „Alternativa Comunista“ unter dem Banner Intellektualität und Rebellentum zusammenfinden, wirkt doch sehr konstruiert. Überzeugender als der politische Aktionismus der jungen Generation, es fällt zuweilen schwer das zunehmende Figurenarsenal zuzuordnen, ist die Empathie mit der der Erzähler etwa die Entwicklung José Luis beschreibt: die Vaterbindung, das Internat als Ausweg und tiefste Erniedrigung zugleich, die Bedeutung von Männerfreundschaft, erotische Zerrissenheit, Eifersucht, Politisierung, existentialistischer Lebensentwurf und daneben die Bruder Angelgeschichte als gescheitertes tragisches Gegenmodell.  Überzeugend auch die Entwicklung der Vater-Tochter Beziehung Don Vicentes zu Helena. Der überlebende Rebell, seine Ängste um die Gefährdung der aufbegehrenden Tochter, die Bücherverbrennung als Verzweiflungsakt. Auch er kann den langen Marsch, der in den Gefängnissen des Franco-Regimes endet, nicht aufhalten.

Bedürfte es eines Beweises, dass Chirbes ein großer Erzähler ist, ich wählte eine nur drei Seiten lange Episode, die einzigartig ist: Die Geschichte des angefahrenen Hundes. Note: 2 (ai)<<

>> Im ersten Kapitel „Das Ebro-Heer“ stellt Rafael Chirbes in 25 wunderbaren, kleinen Geschichten seine Protagonisten vor. Menschen aus der Provinz, der Extremadura oder aus Galizien. Raul Vidal etwa, den Lokführer aus Bovia, der mit fast 50 noch unerwartet einen Sohn bekommt und seine beiden Söhne schließlich allein großziehen muss, das seine Frau bei der Geburt des letzten Sohnes stirbt. Raul Vidal war wie sein Bruder Antonio bei den Republikanern und beide saßen nach dem Krieg deshalb im Gefängnis. Antonio sehr viel länger als sein Bruder, der ihn in dieser Zeit im Gefängnis unterstützt und über Wasser hält. Nach der Haftentlassung schlägt sich Antonio sehr rasch auf die andere Seite zu den Falangisten, was zur Entfremdung mit seinem Bruder Raul führt. Antonio heiratet sogar in eine einflussreiche, stramm francistische Familie hinein und stellt so ein Musterbeispiel eines opportunistischen  Emporkömmlings dar, während Raul Vidal seiner Gesinnung treu bliebt und so in seinem kargen Leben verharren muss.
Oder die großartige Geschichte des Schuhputzers Pedro del Moral aus Salamanca mit seinen beiden ungleichen Söhnen Angel und Joe Louis,  der an die Kraft der Namen glaubt. Pedro kehrt nach dem Krieg als Sieger zurück mit Empfehlungsschreiben und dem Versprechen seiner Vorgesetzten, eine wundervolle Nachkriegszeit zu erleben. Voller Hoffnung zieht er mit seiner Familie auf der Suche nach einem besseren Leben aus Fuentes de Esteban nach Salamanca und muss dort ernüchtert feststellen, dass er nur einer unter vielen ist, die mit den gleichen oder besseren Beziehungen das gleiche wollen. Die Bürde seiner bäuerlichen Herkunft wird ihm schmerzlich bewusst und so träumt er sich in eine glänzende Zukunft für seinen Sohn Angel als Boxer. Sehr berührend auch das Schicksal seines empfindsamen Bruder Joe Louis, der im Internat unmenschlich gedemütigt wird und sich später im Studium in Madrid in seinen Kommilitonen Raul verliebt.

Die Fülle der Namen in den Geschichten erschwert den Zugang etwas, zumal die Söhne oft die gleichen Namen tragen wie die Väter. Nach und nach verschränken sich die Geschichten um im zweiten Kapitel „ Die junge Garde“ schließlich zusammenzulaufen.

Chirbes ist ein großartiges Gemälde der spanischen Nachkriegsgesellschaft mit vielen kleinen Pinselstrichen gelungen, das von Enttäuschungen, Verrat, Liebe und Hoffnungen erzählt und die vielen Wunden und die Spaltung offenlegt, die der spanische Bürgerkrieg verursacht hat und dessen Folgen bis heute wenig aufgearbeitet sind. Note: 1/2 (ün) <<

 

 >> Chirbes schickt ein Ebro-Heer vielgestaltiger Unbekannter aus allen Teilen des ländlichen Spaniens auf einen langen literarischen Marsch, dessen Ende der Leser mit der Jungen Garde eine Generation später in der Metropole Madrid erlebt. Sternförming konvergieren Schicksale, Lebensanschauungen, Überzeugungen von Eltern und münden im politisch aufgeheizten studentischem Milieu der Söhne und Töchter. Allen gemeinsam sind Verlust von Gut und Gegenwart. Unvollendete Identitätsfindungen überschatten das grelle Licht der rissigen Sierra. Es ist der lange Marsch auf der Suche nach den besseren Standpunkten – für sich selbst und die gespaltene Gesellschaft. Am Ende jedoch lässt Chirbes das verzweifelte Stampfen der Füsse in den Folterkellern des um sich schlagenden Franco-Regimes verhallen: „Drinnen herrschte die Ewigkeit, die nach dem Augenblick kam, der vergangen war.“

Der Autor verzichtet darauf die Entwicklung des Landes unmittelbar zu beschreiben. Stattdessen bedient er sich der verwirrenden Unübersichtlichkeit von 30 Charakteren, die nicht nur ihre Geschichten leben, sondern kollektiv Geschichte schreiben. In einer langen Kette reiht der Autor tragische, tragikomische und triviale Lebensmomente aneinander, die aus gesellschaftlichen und ganz persönlichen Quellen der Protagonisten gespeist werden.

Bedrückend die tiefgründige Qual des Don Vicente Tabarca. Einst angesehener Mediziner, als Linksintellektueller von Falangisten entmündigt, zum Tode verurteilt, begnadigt und in die Namenlosigkeit entlassen. Jeder Autoscheinwerfer erweckt die Grauen der Erinnerung. Gerüche mahnen an den Gestank von in Viehwaggons eingepferchten Menschen, die öffentlich ihre Notdurft verrichten müssen. Es wäre für ihn würdevoller, zerfetzt hinter Barrikaden zu verbluten als seines Ichs beraubt zu sein. Nichts erscheint ihm schmerzvoller als in der Würdelosigkeit zu versinken.
Eine ganz andere Erniedrigung erlebt José Pulido, dessen nächtlicher Esskastanien-Schmuggel nicht ausreicht, die Familie zu ernähren. In der quälenden Not muss er in den Abendstunden die kleinen Söhne fortschicken, damit ihre Mutter sich der Geilheit des Bäckers unbemerkt opfern kann. Ihre offenen Brotrechnungen, die sie weder lesen noch bezahlen können, werden angeblich immer höher. Erst Jahre später offenbaren sich dem Sohn Gregorio die bitteren Hintergründe, warum ihm ewig der Bäckerling anhing.            Der Schuhputzer Pedro del Moral, ein Bekenner zu Hygiene und Glanz, lebt eine ausgeprägte Arbeitsethik. Selbst der Kindsbetttod seiner Frau kann den Strom seiner Hoffnung nicht trüben, mit der er fortan den zarten Sohn José Luis umsorgt. Seine Selbstachtung wird erst brüchig, als er willenlos den Anordnungen des Sergeanten folgt, eine Greisin und ihre Enkelin kahl zu scheren, um sie als angebliche Huren zu brandmarken. Weil er die Fäuste nicht erhebt, werden die Schläge, die sein ältester Sohn Angel als Amateurboxer austeilt, auch seine. Doch der Sohn will mit dem Vater nicht teilen. So ist es kein Zufall, dass der Vater sich beim ersten großen Sieg seines Sohnes allein betrinkt und erst wieder erwacht, nachdem ihm im Suff ein Zug die Beine abgefahren hat.
Die Kinder dieser Eltern folgen dem verheißungsvollen Ruf der Zeit ins Zentrum aller Dinge nach Madrid: Lehrling, Student, Agitationsführer, Liebhaber, Schwindler, Verwandlungskünstler, Schwuler, Wohngemeinschaftsanwärter, Freundschafts-verräter, Geheimbündler, Weltverbesserer, Enttäuschter und grenzenlose Optimisten. Die Trampelpfade und Prachtalleen vieler Schicksalswege kreuzen und verlieren sich. Die Junge Garde formiert sich mit neuen Lebensentwürfen. Ein Teil versteht sich im politischen Zusammenhang, sympathisiert mit sozialistischen Idealen, organisiert sich im Verborgenen oder agitiert offen vor Fabriktoren. Doch die Schergen der Franco-Diktatur bringen sie ausnahmslos zum Schweigen. Letztlich zeichnet Chirbes das hoffnungslose Bild eines Landes, welches in Willkür und Lethargie erstarrt.
Dennoch pulst in dem Werk der nährende Blutstrom eines vitalen Organismus, reihen sich poetische Passagen an hässliche Wahrheiten, überraschen Wendungen, nachdem ein Kapitel bereits abgeschlossen schien. Eindrückliche Beispiele reiht Chirbes‘ feinsinnige Fantasie in literarischer Großzügigkeit aneinander. Im Kapitel über das traumatische Internatsleben beschreibt er die unsäglichen Qualen, die den zarten José Luis zerfransen. Auf dem Höhepunkt lässt der Leiter José Luis seinen abgefangenen Verzweiflungsbrief an den Vater über Mikrofon allen Schülern vorlesen – nicht ohne die Sätze brüllend zu unterbrechen und ihn der Lüge zu bezichtigen. Auch hier schafft Chirbes die verblüffende Umkehr, als er am Ende des Kapitels den unerwarteten Ursprung der Tyrannei in einem einzigen Satz formuliert: „ …warum willst du mich nie um Verzeihung bitten?“, wimmert der Direktor, während er den Kopf des Jungen an seinen Hals drückt. Auch er ein Verlorener, ein krankhaft Verarmter, dem nicht nur die menschliche Nähe fehlt, sondern dem auch die Werkzeuge abhanden gekommen sind, um sich aus dem Kokon der Einsamkeit zu befreien.
Der Autor wirft den erfahrenen Blick in die Abgründe und Lichtungen menschlicher Beziehungen, leuchtet die Verästelungen der Seele aus und kontrastiert die bedeutungslose Wichtigkeit für den einen und die wichtige Bedeutungslosigkeit derselben Sache für den anderen. Großartig ist auch, Chirbes zu erleben, wie er den Mikrokosmos des Banalen mit dem Makrokosmos der gesellschaftlichen Epoche verwebt. Unverstanden bleibt allerdings, warum das Werk durch einen überladenen Facettenreichtum verarmen musste. Hier wäre deutlich weniger erheblich mehr gewesen. Für den Neubeginn beim Lesen wird deshalb in jedem Fall Bleistift, Papier und ein erhellendes Organigramm empfohlen. Note: 2 (ur)<<

Unterwerfung – Michel Houellebecq

K1024_UnterwerfungDumont 2015 |  272 Seiten.

>> Ein aufregendes Szenario. 2022 nach Christi Geburt zieht im Nachbarland Frankreich, oft auch die  „älteste Tochter der Kirche“ genannt, ein muslimischer Präsident in den Elysée-Palast ein. Ein Bündnis zwischen der Bruderschaft der Muslime und der Linken machte es möglich. Nur so konnte die Kandidatin des Front National verhindert werden. Utopie? Der neue Bürgermeister von London und die Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg sind beide korangläubig. Warum auch nicht. Es läuft alles erst mal ganz passabel in Gallien, wenn man von den  Ausgaben für Bildung absieht. Die Kriminalität in den Vorstädten sinkt und die Arbeitslosigkeit auch. Letztere, weil die Frauen den Arbeitsmarkt zugunsten der Küche entlasten. François, zynische und desillusionierte Hauptfigur des Romans, bekommt nach der Konversion zum Islam drei Frauen zugewiesen. Für ihn ein Glücksfall. Und er kann als Literaturprofessor an der islamischen Sorbonne weiter lehren. Die Eliten des Landes sind erschöpft, apathisch; kein Mumm, um die Werte der französischen Revolution zu verteidigen. Die Angst, Islamkritik könnte als Rassismus verstanden werden, lähmt. Dann lieber mentale Kollaboration. Besser unter- als überwerfen. Hätte es Autor Michel Houellebecq doch bei diesem Plot belassen. Leider zieht sich durch den ganzen Roman das Drama des  Joris-Karl Huysmans, der als Naturalist begann, Nihilist wurde und schließlich zum Katholiken konvertierte. Teilweise spiegelt sich darin der Weg François` vom Atheisten zum Muslim wieder. Der Roman enthält satirische und komödiantische Momente. Ersteres zum Beispiel, wenn der Professor das Frauenwahlrecht als einen historischen Irrtum darstellt. Letzteres in der Schilderung des Wissenschaftsbetriebes. Trefflich gelungen in der Schilderung des karrieregeilen Unirektors Rediger, der die Meinung vertritt, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung bestehe. Die breit ausgetretenen professoralen Abenteuer mit Studentinnen wirken eher überflüssig. „Unterwerfung“ erschien am Tag des Überfalls auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Zwölf Menschen wurden ermordet, darunter ein Freund Houellebecqs. Ironie des Schicksals? Seine Feststellung, der Islam sei die dümmste aller Religionen, nahm der Schriftsteller wieder zurück, nachdem er von verschiedenen Islamverbänden angezeigt worden war. Inzwischen wurde der Roman auf die Bühne gebracht (Deutsches Theater Berlin und Hamburger Schauspielhaus). Die Leistung des beeindruckenden Schauspielers Edgar Selge (Hamburg) lassen den SPIEGEL vom „Bühnenereignis der Saison“ und einem „Triumph der Angstlust“ sprechen (12. März 2016). Vielleicht ist das Theaterstück besser als der Roman? Eine Verfilmung halte ich nicht für zwingend. Note: 3 (ax)

>> Ja, das hätte ein interessanter Roman werden können. Im Vordergrund der schleichende Verfall der 44-jährigen Hauptfigur Francois, eines anerkannten Huysmannkenners und Professors an der literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paris III Sorbonne, im Hintergrund der selbstverschuldete Untergang des europäischen Abendlandes, der im Jahre 2022 in Frankreich mit der Regierung der nationalen Einheit  unter dem 1. Islamischen Präsidenten Mohammed Ben Abbas seinen Höhepunkt findet. Um Le Pen zu verhindern, gehen Sozialisten und Muslim-bruderschaft eine Koalition ein, deren vor allem strategische innenpoltische Ausrichtung mit der Konzentration  auf muslimische Erziehungs- und Bildungsdoktrin einen das Fürchten lehren müsste. Dass sowohl die Bewegung der Identitären, vor allem aber die Rolle der FN in diesem Prozess aus dem Focus gerät, bleibt unverständlich.  Während uns Houllebecq im 1. Teil seines Romans vor allem einen  Einblick in die Niederungen der literaturwisssenschaftlichen Universität Sorbonne liefert (Selbstrekrutierung vermeintlicher Eliten, abseitige Forschungsgebiete als Qualitätsmerkmal, Intrigen, pädagogische Inkompetenz, vor allem aber Muschilecken der Präsidentin als Karriere-sprung, Eintagewoche von Prof. Francois am Mittwoch mit ausgiebigem Zeitbudget für immer nur willige Studentinnen (Francois Kollegen sind auch munter mit dabei) etc. bestimmt den gelungeneren 2. Teil stärker der subtile Unterwanderungsprozess des Hochschulrats durch muslimische Bruderschaften und Salafisten unter bereitwilliger Mitwirkung willfähriger Konvertiten wie dem späteren Präsidenten Rediger bis hin zur „saudiarabischen Machtergreifung“ und Neueröffnung der islamischen Universität Sorbonne. Das ist der stärkste Teil des Romans. Ermüdend ist für den nichtfrankophilen Leser Francois‘ immer wieder bemühter Rückgriff auf sein Alter Ego, den Dekadenzschriftsteller Huysmann. Zitate ohne Kontext aus in Deutschland meist unbekannten Romanen – was solls?  Auch der Unterhaltungswert von Francois‘ Sexualleben (S.86/87 Verhältnis des stets präsenten Organs „Schwanz“ zum zunehmend abnehmenden „Geistesleben“!) ist gering, das Frauenbild Francois‘ „Dirne oder Kochtopffrau“ unterirdisch, „Schlampe Babeth“, die tunesische Muslima Nadia und ihre „gangbangs“ Verlockungen, die Escortdienste – etwas des Schlechten zu viel um Francois als das zu zeichnen, was er ist: ein einsamer Elfenbeinintellektueller, Huysmannbücherwurm, Alk, bindungsunfähig –Myriam eine kleine vergebliche Hoffnung-, unpolitisch und diskursunfähig, dem ausgemachten geschichts-philosophischen Stuss, den Rediger bei seinem Besuch zum Besten gibt, weiß er nichts entgegenzusetzen (auch nicht der Realsatire „Zehn Fragen zum Islam“)  und so verwundert nichts, dass er dort endet, wo andere wie sein Gesprächsgegenüber – allerdings nach Phasen des radikalen Humanismus, des Katholizismus, der identitären Bewegung – enden, in der Ideologie des Islam mit der Gewissheit von gesicherter Bedienung durch Dirne und Kochtopf.

Nein, auf diese Literaturwissenschafter ist im Kampf gegen den vermeintlichen Untergang des Abendlands kein Verlass. Note: 3/4 (ai) <<

>> Die identitäre Bewegung marschiert in Österreich, in der Hauptstadt Großbritanniens wurde ein Muslim Stadtoberhaupt, in den Niederlanden hat sich erstmals eine muslimische Partei gegründet, in Frankreich ist der Front National die stärkste politische Kraft, das politische Europa zerlegt sich zur Zeit selbst. Nein, man kann Michel Houellebecq wahrlich nicht vorwerfen, dass die Parameter seiner politisch wie literarisch äußerst reizvollen Versuchsanordnung völlig unrealistisch seien: Im Frankreich des Jahres 2022 koalieren die Sozialisten mit der Partei der Muslimbrüder, um einen Präsidenten des Front National zu verhindern. Der „gemäßigte“ Muslim Ben Abbes wird Präsident. Ganz behutsam verändert sich die französische Gesellschaft. Banden und Dealer aber auch Miniröcke verschwinden nach und nach aus dem Stadtbild. Auch an der Universität Sorbonne, an der Houellebecqs Protagonist Francois lehrt verändert sich einiges. Studentinnen in Burka treten selbstbewusster auf als bisher, Israel wird boykottiert, eine Zweigstelle in Dubai wird gegründet, die ganze Uni schließlich , nachdem sich Katar die Uni in Oxford unter den Nagel gerissen hat, von den Saudis übernommen und mit üppigen finanziellen Mitteln ausgestattet.

An der Uni herrscht ein seltsames Desinteresse an den Veränderungen. Die meisten Hochschullehrer fühlen sich unantastbar. Bald schon stellt sich aber heraus, dass Professoren, die ideologisch nicht mehr genehm sind, mit vollem Gehalt in Pension geschickt werden, die anderen 3-faches Salär und weitere Annehmlichkeiten erhalten. Und hier sind wir beim Kern des Romans: Es ist meines Erachtens nach völlig falsch, den Roman in erster Linie als gegen den Islam gerichtet zu sehen. Vielmehr geht es um das Versagen der sogenannten geistigen und politischen Eliten in Frankreich, ihre Korrumpierbarkeit und ihre bereitwillige Kollaboration mit rückwärtsgerichteten Kräften. Es sind schließlich die Sozialisten, die den Muslimbrüdern große Zugeständnisse machen. Diese verzichten auf viele Ministerien, um Zugriff auf das Bildungs-ministeriums zu bekommen, für sie folgerichtig der Schlüssel zu allen Veränderungen. Die Erziehung wird islamisch ausgerichtet und am Koran orientiert. Das Pendant halt zur christlichen Erziehung und einem christlich geprägten Menschenbild. Wer das nicht will, wird auf Privatschulen verwiesen. Die Bildungsausgaben sinken dramatisch, da die Schulpflicht mit 12 Jahren endet, ebenso sinken die Sozialausgaben, da die Familien gestärkt werden und viele sozialen Aufgaben übernehmen sollen. Ben Abbes schwebt ein Europa der Mittelmeerländer vor, in dem das Kraftzentrum nach Süden verlagert wird und Algerien, Tunesien und Marokko Mitglied der EU sind. Angesichts der Fliehkräfte, die Europa zurzeit heimsuchen, ein zumindest ein interessanter Gedanke. Houellebecq ist Europaskeptiker, das ist bekannt. Das christliche Europa, das es einmal gab, ist seinem Befund nach verschwunden.

Auch Francois erliegt nach anfänglichem Rauswurf aus der Uni und folgenden schweren depressiven Phasen, schließlich einem persönlichen Rückruf des Unipräsidenten Rediger, einem Konvertiten, der in seinen Anfangsjahren mit der Identitären Bewegung sympathisiert hat. Er wohnt ausgerechnet in dem Haus, in dem die „Geschichte der O.“  geschrieben wurde, in dem es um die Unterwerfung der Frau unter den Mann geht. Für Rediger eine Parabel für die ebenso lustvolle Unterwerfung des Menschen unter den Islam. Rediger würde Francois bei seinem Status durchaus gleich 3 Ehefrauen zugestehen und regt die Einschaltung von Heiratsvermittlerinnen an. Francois, der sich bisher mit Escort-Sex und viel Alkohol durchgeschlagen hat, beginnt diesen Gedanken etwas abzugewinnen. Er meint, dass sich seine akademische Laufbahn vollendet hat und es „ noch was anderes gibt“.

Houellebecq ist mit seinem reizvollen Gedankenexperiment ein kluges und überaus spannendes Buch gelungen, das den Finger in viele Wunden legt. Note  2+ (ün) <<

>> Mit der Unterwerfung nagelt Houellebecq provokante Thesen an die zeitgenössischen Kirchentore: „Der grandiose Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht.“ Insbesondere als „Verbindung zwischen der unbedingten Unterwerfung der Frau unter den Mann … und der Unterwerfung unter Gott, wie sie der Islam anstrebt“. So gepredigt von Houellebecqs Rektor der Pariser Elite Universität Sorbonne. Wörtlich genommen nichts anderes als die direkte Übersetzung von Islam: Unterwerfung.

Bei der französischen Präsidentschaftswahl kommt es zum gesellschaftspolitischen Showdown der etablierten Volksparteien mit ihren verfeindeten Herausforderern. Im Bemühen den Rechtsruck durch den Front National zu verhindern, dient sich die politische Mitte der erstarkten Muslimbruderschaft als Juniorpartner an. Die Folgen sind gravierend, vor allem im Bildungssektor, den die neue Machtelite als zentralen Hebel für einen gesellschaftlichen Wandel identifiziert. Die Hauptfigur des Romans François wird als Hochschullehrer mit anrüchigem Literaturschwerpunkt augenblicklich Opfer der Umwälzungen.François begegnet uns als dekadenter Vertreter der verwöhnten Zivilgesellschaft. Das Selbstverständnis lautet: Genuss, Geschlechtsverkehr und Gaumenfreuden. Nach einer einmaligen Leistung im Rahmen seiner schon fast vergessenen Doktorarbeit bemüht sich François die literaturwissenschaftlichen Lehrverpflichtungen seiner schlecht besuchten Vorlesungen an einem einzigen Wochentag abzuhandeln. Wohlwissend, dass die Anstrengungen seiner Studenten mühsamer sind als seine Herausforderungen, welche sich inzwischen darauf beschränken, in Restaurants die richtige Wahl treffen. Das Jetzt-Sein ist Selbstzweck und verlangt nach zweckfreien Endlosschleifen. Der Grund für seine sofortige Suspension ist Huysmans, dem er sein Forschungsengagement gewidmet hatte. Auch wenn Huysmans Literatur und Leben zweihundert Jahre zurückliegen, so erscheint dessen Bohème-Dasein nicht zufällig als intellektuelle Blaupause für François´ Lebensskript. Warme Weiber, frühes Betten in Beamtenkissen und Sinnkrisen. François spiegelt vielfältig sein Literatursujet.
In eingefahrenen Semesterrhythmen wechselt François die Studentinnen. Gelegentlich verweilen sie wie Myriam etwas länger und knittern nicht nur die Laken, sondern auch sein Herz. Die genitale Spannkraft bleibt die einzige unbehelligte Körperfunktion, während er sich als Mitvierziger bereits am ganzen Leib leidend fühlt. Gelangweilt durch den Tod seiner Mutter, vereinsamt da ohne Freunde und dennoch mit einer gewissen kritischen Distanz zu sich selbst, sucht er gelegentlich Sinnfragen, ohne allerdings fündig zu werden. François ist kein Sympathieträger. Houellebecq lässt ihn für den Zustand einer Gesellschaft stehen, die die Orientierung verloren hat.
Während gestern die Rechten noch mordend die Nation umpflügten, tritt unter der neuen muslimischen Führung augenblicklich Ruhe ein. Junkies und Damenwaden sind aus dem öffentlichen Bild verschwunden, Gesichter verschleiert, die Arbeitslosenzahlen befinden sich im freien Fall, die Frauen kehren an den steuerlich vergoldeten Herd zurück und überlassen den Arbeitsmarkt den Männern. Das staatliche Schulsystem wird zusammengeschmolzen, während aus dem arabischen Ausland subventionierte Koranschulen aufblühen wie die Sorbonne unter saudi-arabischer Hoheit.            François flüchtet zunächst ziellos in die Provinz, mäandert vier Wochen haltlos durch Klöster und Kirchen ohne jedoch seinen Wendepunkt zu finden wie Huysmans, der am Lebensende als entleerter Atheist zum Katholizismus konvertierte. François bleibt der Verräter vor sich selbst, der nur dem oberflächlichen Eigennutz ohne Gesinnung folgen wird. Das letzte Kapitel des Buches suggeriert seine Unterwerfung, die Konversion zum Islam um seine alte Stelle mit weniger Inhalten antreten zu können. Sein aufgestocktes Gehalt sollte mindestens zwei Ehefrauen ermöglichen und damit seiner monumentalen Libido Genüge tun. Als Vermittler dieser Entwicklung tritt der neue Universitätsrektor Rediger auf, der Not hat, vakant gewordene Lehrstellen zu besetzen. Er kehrte enttäuscht der christlichen Zivilisation den Rücken, nachdem er deren Verfehlungen während der Weltkriege erleben musste. Zum Islam konvertiert, opponiert er gegen islamkritische Strömungen, agiert gegen Israel-Kooperationen im Forschungsbereich und beeindruckt die Öffentlichkeit mit einer auflagenstarken Zehn-Punkte Handreichung für den unsündigen Halāl Alltag.
Das neue Wertesystem mit veränderten Kennzahlen folgt jedoch der gleichen Arithmetik wie das alte. Bereicherung, Intrige, Neid, Egoismus, Intoleranz, Ungleichheit, Dekadenz bleiben unverrückbare Naturkonstanten. Houellebecq versteht es vor allem beim Thema Sexualität die fließenden Übergänge der Systeme vorzuführen. Man meint noch den herben Sperma-Vaginalgeschmack zu schmecken, als François aus seiner Tür tritt und sich die Pforte zu Redigers Wohnung auftut. Eine Fünfzehnjährige, die zweite Ehefrau des Uni-Präsidenten, huscht vorbei. Einmal ist es individuelle Zügellosigkeit, das andere Mal religiös legitimierte Hochkultur. Die Verpackung ist zwischen den Anschauungen verändert, der Inhalt kaum zu unterscheiden.            Houellebecq widmet die ersten drei Kapitel vor allem den äußeren, politischen Umwälzungen, während die letzten beiden Kapitel das Augenmerk auf den inneren Persönlichkeitswandel richten. In diesen Zusammenhängen entwickelt der Autor ein Wechselspiel zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Wertesystemen. Es sind Ebenen, die nicht nur einander spiegeln, sondern auch einander gestaltend verändern. Leider verliert Houellebecq sich unterwegs in ermüdenden Literaturergüssen, strapaziert die erogenen Zonen, vernachlässigt begonnene Handlungsstränge wie den aufkeimenden Bürgerkrieg der Rechten und schafft nicht wirklich den Spannungsbogen des ersten Teils in den zweiten zu retten. So bliebe in diesem intelligenten und realrelevanten Plot nicht nur gesellschaftlich sondern auch literarisch noch einiges zu tun. Note: 2/3  (ur) <<

Auerhaus – Bov Bjerg

K1024_AuerhausBlumenbar 2015 |  236 Seiten .

>>Ein wunderbares Buch über das Erwachsen-werden von sechs Jugendlichen in einer Land-WG der achtziger Jahre. Wann lacht man schon mal laut auf beim Lesen: Beim Auerhaus geht es fast jedem so. Großartiger sprachlicher Witz ist gepaart mit melancholischen Passagen, in denen die seelischen Abgründe des suizidgefährdeten Frieder nur kurz und unaufdringlich angedeutet werden. Schule, Abi, Musterung, Gewissensprüfung, verwegene Gestalten bei wilden Partys mit billigem griechischem Tankstellenwein: der anarchische Sound der achtziger Jahre begleitet den Leser bei der Betrachtung einer tiefen Freundschaft zwischen dem Ich – Erzähler und Frieder, mit dem er nächtelang buchstäblich um dessen Leben redet. Im überaus gelungenen Schlusskapitel meldet sich die längst in die USA abgewanderte Cäcilia wieder und es wird deutlich, wie bedeutsam die Zeit im Auerhaus für alle war.
Vom Plot her erinnert manches an Sven Regeners 2004 erschienenen WG- Roman „Neue Vahr Süd“, einen Vorläufer seines großen Erfolgs „Herr Lehmann“. Das tut dem Lesevergnügen aber keinerlei Abbruch. Note: 1– (ün)<<

>> Im „Auerhaus“ wohnt eine Schüler-WG, die versucht, einen zweiten Suizidversuch ihres Mitschülers Frieder zu verhindern. Das ist in etwa der rote Auerhaus-Faden. Die Sorgen und Nöte der heterogenen Sechsergruppe wirken anrührend und nachvollziehbar. Manchmal liegen die Nerven offen, Grenzsituationen. Es ist die Zeit der Netzhemden, die Zeit des Übergangs von der dezentralen zur zentralen Autoverriegelung. Vom Dorf aus sieht man auf Schwäbische Alb, die blaue Mauer, wie Bov Bjerg frei nach Mörike schreibt. Das Lebensgefühl von Jugendlichen zu schildern, denen alles offen, unendlich und fast alles möglich erscheint, gelingt dem Autor so gut, dass beim reiferen Leser nostalgische Gefühle geweckt werden. Die Schulszenen geraten manchmal zu Karikaturen, überraschen dann aber wieder durch Realitätsnähe („Kommt das dran?“). Warum so viel geklaut wird („umsonst bekommen“ im Friederdeutsch) bleibt etwas im Dunkeln. Eine großangelegte Hausdurchsuchung, satirisch erzählt, beschleunigt das Ende der WG. Am Ende wohnen wir Frieders Beerdigung bei. Frieder, der antiheldische Bär, tot.

Die Sprache erinnert oft an ein Drehbuch (Er sagte Doppelpunkt, ich sagte Doppelpunkt). Eine Verfilmung ist gut vorstellbar. Schlichte Sätze wie „Draußen regnet es wie Sau“ wechseln mit lyrischen Perlen:“ Es wuchs und streckte sich, dann duckte es sich wieder.“ Die Einteilung in kurze Kapitel machen das Buch gut lesbar. Und es ist auch viel viel besser als der seichig klingende Song „Our house“ der Gruppe „Madness“, der dem Buch indirekt den Namen gab. Note: 1– (ax).<<

>> Ein wunderbares Buch über Freundschaft, das die Balance zwischen Heiterkeit und Traurigkeit an keiner Stelle verliert. Was sich um das Zentrum  des Ich-Erzählers Höppner und Frieder Wittlinger in der Schüler-WG „Auerhaus“ ereignet, vergnügt und berührt zugleich. Die Erzählchronologie z.T. raffiniert durchbrochen, für das Verständnis der Frieder-Figur Entscheidendes wie etwa die Axt oder das Zimmer ohne Fenster nur angedeutet, prosaisch schlicht den Lebenslauf „Birth, school, work, death“ in Frage gestellt: „Hätte man sie vor einer Klausur gefragt:“Wozu lebst du eigentlich?“ hätten sie geantwortet: „Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen“, großartige Nebenfiguren wie den Zentralverriegelungsaxel oder die Musterungssatire – all das für mich ein Beleg für sehr gute Literatur, vor allem auch weil das Ende der Geschichte nicht zu verhindern war. Note: 1 (ai)<<

 

>> In einer modernen Ausgestaltung belebt Bjerg in Auerhaus die Bremer Stadtmusikanten wieder. Der Roman inszeniert das Märchen als anrührige Episode auf einer persönlichkeits- und sozialpsychologischen Bühne. Bei den Grimmschen Brüdern waren es abgehalfterte Senioren in Gestalt von Vierbeinern und einem dem Kochtoch geweihten Hahn. Sie waren an Leib und Leben bedroht. Zufällig trafen sie aufeinander, zufällig fanden sie ein gemeinsames Projekt. Das Haus im Wald – durch List von moralisch Gesichtslosen erkämpft – wurde zu ihrem neuen Lebensinhalt. Bjerg folgt dem Grundmuster mit ganz eigenen Nuancen.

Bjergs Senioren sind Junioren: angeschlagene Abiturienten, Auszubildende, und Entgleiste. Mit von der Partie sind die Schüler Höppner Hühnerknecht, Vera, Cäcilia und Frieder, der Elektrolehrling Harry, sowie die Psychopathin Pauline. Bjerg verhüllt seine jugendlichen Protagonisten mit unterschiedlichen Grauschleiern. Der sanfte Ich-Erzähler Höppner leidet unter F2M2, dem „Fiesen Freund Meiner Mutter“, der in sein Kinderzimmer einzieht und sein Privatleben nicht nur durch das Tieferhängen der Zimmerdecken einengt. Sein hochintelligenter Freund Frieder unternimmt erfolglose und schließlich einen erfolgreichen Selbstmordversuch. Die Mädels Vera und Cäcilia fühlen sich bei der Ich-Werdung im familiären Gravitationsfeld erdrückt. Die wunderschöne Pauline wechselt am Ende von der Psychiatrie in die Haft, nachdem ihre wiederholte Brandstiftung Menschenleben kostet. Harry wird von Prügeln gezeichnet nicht nur wegen seines homosexuellen Coming-out, sondern auch wegen misslungener Drogengeschäfte. Sechs statt vier Leidende, die bedingt zufällig in einem Haus mit einem gedeckten Tisch das Leben neu entdecken.

Der Zündfunke für das gemeinsame Feuer ist der erste, unverstandene Selbstmordversuch von Frieder. Mit Betroffenheit und in stiller Kameradschaft gruppieren sich die Freunde um den Lebensmüden. Auch er kann seinen Suizidwunsch nicht wirklich begründen. Weil das heruntergekommene Haus seines verstorbenen Großvaters leer steht, und weil eine therapeutische Wohngemeinschaft ein Ausweg aus Frieders belastendem Familienalltag sein könnte, ziehen die Schüler gemeinsam um und ein. Das Haus, für das es weder real noch symbolisch einen Schlüssel gibt, wird der Rahmen für die schönste Zeit im kurzen Leben von Frieder sein. Durch die offene Tür wird ein Sturmwind symphatischer Empathie und vitalisierender Ideen vom Hier und Heute wehen.

            Die Nachbarn reagieren überrascht. Missverständnisse wirken identitätsstiftend. Der Bauer von nebenan wiederholt den im Kassettenrecorder gurgelnden Song Our House: Auerhaus wie Auerochse, womit das Projekt seinen Namen erhält. Auerhaus wird zum Symbol. Höppners Mutter überrascht immer wieder mit Paletten von Lebensmitteln, deren Haltbarkeit unwesentlich überschritten ist. Lehrer gewähren den Therapiebedürftigen nicht gekannte Freiräume. Der Dorfpolizist erteilt Frieder wegen Diebstahls Hausverbot im ortseigenen Supermarkt, sieht aber von einer Anzeige ab. Silvester scheint sich die halbe Welt im Auerhaus einzufinden. Transvestiten tanzen mit den Ehefrauen der Nachbarschaft auf der Straße, Junkies rasen mit den Kindern über den Kirchplatz.

            Das Leben ist stark, auch wenn es immer wieder schwach macht. Zum Beispiel in der Liebe. Höppner versucht Lebensweisheiten zu verinnerlichen als sich seine Vera mit der Jumbopackung Kondome und dem schwulen Harry in intimer Zweisamkeit einschließt. Zur Beruhigung seiner Eifersucht proklamiert sie: Liebe ist kein Kuchen, der kleiner wird, wenn man ihn teilt. Doch das Herz fällt über den Kopf her. Höppner ist bereit für den Kältetod und zieht sich mit einer Flasche Wodka in den Winterwald zurück. Diesmal ist es Frieder, der den Freund rettet und in die beheizte Küche zurückführt. Auerhaus ist Ourlife und stiftet Leben. Mal hin und mal zurück.

            Überhaupt durchdringt Frieder das Auerhaus-Dasein mit starkem Leben. Mit unglaublicher Lebensfreude sägt er den dörflichen Weihnachtsbaum ab, was ihm von den städtischen Mitarbeitern bis über seinen Tod hinaus nicht verziehen wird. Mit kühner Gelassenheit perfektioniert er das Stehlen als günstigere Variante des Einkaufens. Seine amüsanten Küchen-Lehrstunden machen die Mitkommunarden zu Gelehrten der Kostenlosigkeit. Frieder wird zum Thomas Gottschalk der Silvestershow. Frieder kennt jeden, Frieder ist für jeden da.

            Doch die Höhenflüge entziehen ihm auch den Boden unter den Füßen. Als sie nachts mit dem Wagen unterwegs sind, hält er Polizisten unvermittelt eine Pistolenattrappe ins Gesicht. Fast wären sie erschossen worden. Plötzlich hängt auch Höppner Hühnerknecht ganz unvermittelt am Leben und fällt über den Leben gefährdenden Freund her. Frieder bleibt von einer unbändigen Todessehnsucht durchdrungen. Doch auch als er Monate später tot in seinem Lehrlingszimmer gefunden wird, bleibt das Geheimnis seines Antriebs unverstanden.

            Es überrascht, wie der Autor trotz des fast durchgängigen Scheiterns seiner Protagonisten ein ebenso heiteres wie ergreifendes Leseerlebnis schafft. Großartig die Abiturerörterung: Höppners Geschwafel, dass ein Flugsimulator für Goethes Werther durchaus eine angstfreie Möglichkeit darstellen könne, den Selbstmord aus Liebeskummer erst einmal unverbindlich zu simulieren. Grandios die Polizeirazzia im Auerhaus. Neben versteckten Drogen wird ihr Küchenposter zum Anstoß des gesetzlichen Regelwerkes. Es war einmal das offizielle Amtsplakat aus dem Rathaus. Die Terroristenfotos sind inzwischen überklebt mit dem durchgestrichenen Konterfei toter Politiker und Wohngemeinschaftsfotos von denen, die den Abwasch vernachlässigen. Der anwesende Staatsanwalt addiert knochentrocken die vermeintlichen Straftaten: Diebstahl nach §242, §90a Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole, §267 Urkundenfälschung, §189 Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, §129a Werbung für eine terroristische Vereinigung. Später wird das höchstrichterliche Strafmaß auf tagelanges Kartoffelschälen im Keller des ortsansässigen Altenheims festgesetzt. Rührend auch der spektakuläre Diebstahl von Höppners Musterungsakte durch Frieder, um ihm den verhassten Wehrdienst zu ersparen. Leider wird die Akte in ihrem Tiefkühlfach bei der Razzia gefunden. Es sollte ein Beitrag sein, den Kalten Krieg zu entschärfen.

Auch wenn am Ende des Romans das Scheitern die Oberhand behält, ist der empfundene Lesezustand märchenhaft. Untergründig meint man, es mit dem guten Hier und Heute der Bremer Stadtmusikanten zu tun zu haben.  Note: 2+ (ur)<<