Tauben im Gras-Wolfgang Koeppen

K640_Tauben_im_Gras Bibliothek Suhrkamp 1974 , 238 Seiten .

 

Er saß vor dem Baum. LED Lämpchen streiften seinen Blick. Der kleine Hund war der Jungfrau ganz nahe, wäre da nicht das silbrige Nordmanntannengezweig. FISKALKLIPPE VERHIN- DERT; JAPANS AKWS WIEDER ANS NETZ. Er legte das Tagblatt beiseite und beobachtete die lila Rillen des Tretford, Auslegeware der Firma AR0. Wieder einmal liefen ihm seine Figuren davon, flatterhaft, beziehungslos, sie verblassten, lösten sich auf, Worte nur, sein Manuskript auch an diesem Tag eine einzige Melancholie des Scheiterns. Und dann dieser Abend. Wenigstens das Tiramisu war ihm gelungen, aber was bedeutete das schon angesichts der drohenden Niederlage im Kampf um die Deutungshoheit des Begrifflichen. Drohte erneut Versagen? „Es ist meine Schuld, dass ich nicht eingegriffen habe“. Warum habe ich Günter nicht unterstützt als es darum ging den Mohren zu retten?“ Max wäre der richtige gewesen ans Glas zu klopfen und „Halt“ zu rufen. Zurück zu den Wurzeln, der Kolonialismus ist der Nekrolog auf die Diskursivität. Schon Theodor W. hatte das ausgesprochen, aber wer von denen, die hier aus den riegelepigonalen Gläsern schlürften, hatte den im Augenblick noch auf dem Schirm. Am wenigsten Max, dessen Zunge sich im wohlgeordneten Mundraum schon aufs Ellwanger Stamperle vorbereitete um dann den Applaus abzuholen, der an diesem Abend eigentlich Marianne zugekommen wäre.“ Die Vorspeisen im Arbeitszimmer, Hauptspeise bitte in der Küche.“ Charly griff zum wievielten Male zum Fachinger, die 13,6 % aus Günters Beständen verlangten auch Pausen. Er musste den Eindruck erwecken, als wäre ihm das alles nicht entgangen, was ging es ihn an, wenn dem der Rote schmeckte, hatten doch alle am Tisch das zimtig-johannisbeerhafte Bouquet gerühmt – Burkhard verstieg sich gar zur Bemerkung er spüre auf der Zunge einen Hauch Fuerteventura-Wind. Er dachte an den  schwäbischen Konditormeister, der den Zartbitterschmelz über den steifen Eischnee goss, in der Hoffnung seine Creation suebe werde kulinarische Meilensteine setzen, ja, es gab da noch Unschuld. Das aber war Vergangenheit. Jetzt, da Jutta mit verhalten triumphierender Geste zum argumentativen Finale ansetzte und Günter, der es in mehr als 40 Dienstjahren gerade einmal zu zwei bis drei dunkelhäutigen 5ern oder 6ern gebracht hatte ins schwarze Migrationsabseits geschickt zu werden drohte, wäre eigentlich Rainers Stunde gekommen. Aber er wankte, jetzt die Trumpfkarte Belesenheit ausspielen, flankiert durch die glorreichen Zwei des LQ – oder waren die durch Stewardess Anekdötchen oder postlyrische Insuffizienz schon zu sehr in Beschlag genommen – das brächte den nötigen Auftrieb, der dem schon etwas abflauenden Wortgefecht neuen Schwung verliehen hätte. „Der Neger und amerikanische Bürger Washington Price“ etwa, war er hier eine Hilfe? Edwin, der sich noch in der Stunde bevor Benes, Schorschis, Kares und Sepps Fäuste flogen zugleich als Sokrates und Alkibiades wähnte, nachgoetheanischer Brückenbauer zwischen den Kulturen – ein Hoffnungsschimmer? Susanne, die Odysseus, jetzt nachdem Bahama-Joe im Köfferchen verstummt war, nach dem “ Besuch im Negerclub“  gefickt hatte – er hatte sich nochmals vergewissert nicht er sie – war es erotische Verzweiflung oder dem  erzherzoglichen Bettstümper geschuldet. „Carlas Negerkind“ oder „die schwarze Hand des Negers und die gelblich schmutzigen Hände der Griechen beim Würfelspiel“, nein, die „Tauben im Gras“ waren brüchiges Terrain beim Abbau von Ressentiments zumal gerade jetzt, wo ganz in der Nähe dem Sirenengeheul eines Polizeiwagens, wahrscheinlich ein kleiner Auffahrunfall, nur uniformierte Beamte des mittleren Dienstes mit Landeswappen und keine forschen schwarzen Militärpolizisten –„Die Militärpolizisten waren besonders große, besonders schöngewachsene Neger…Sie sahen wie nubische Legionäre des Cäsar aus“ entstiegen. Rainers von Koeppen alleingelassener hohler Blick fiel auf Meese. Günters schwarz Aluminiumumrahmter, vielleicht könnte der das Blatt wenden, dem Mohren, wenn nicht zum Siegen zu  verhelfen, so ihn doch wenigstens nicht ganz ins Nirwana der Sprachlosigkeit zu verbannen. Meese, nein, er rührte sich nicht, er hing einfach da, als ginge ihn das ganze nichts an.  Er litt nicht am  Mohren, der mit dem eisernen Kreuz  litt an der Kunst, wieder andere an ihm. Kein Badenweiler Marsch forderte jetzt zum Hauptgang auf, aber auch Dr. Behude hätte eine kleine Atempause verordnet, jetzt da sich das Schlachtfeld  aufs Kulinarische verlagert hatte. Die Teller und nicht Obermusikmeister Behrend gaben fortan den Ton an.
Die LED-Lämpchen malten ins Nordmanntannenfirmament noch immer die Begegnung von kleinem Hund und Jungfrau, jetzt aber unbemerkt von einem weggesackt sanft schnarchenden Körper: eine Szenerie friedlich und unbeeindruckt vom Mohren und ganz frei von Schuld, wenn da nicht nur Rainers Manuskript gewesen wäre.  R.S. 30.12.12

>> Zwei Dutzend Bürger irren wie Tauben im Gras durch diesen einen Tag im Nachkriegs München, gefangen zwischen den Trümmern der Geschichte und ihres Ichs. Auf der Suche nach Geborgenheit und den Anschluss an den zivilisatorischen Fortschritt anderswo verpfänden sie ihre kleinen Seelen und glänzenden Habseligkeiten. Eingeklemmt in die zeitlosen Verstrickungen schaler Liebe, nackter Habgier und ewiger Eitelkeit rebellieren sie und finden nur Nervenärzte, ausgegrenzte Weggefährten und eine leicht entzündliche Volksseele. Der Augenblick ist voller Scherben. Die Hoffnung ist, dass die Zeit irgendwann mit intaktem Porzellan überraschen wird.
Koeppen malt in seinem Roman ein atemloses Stillleben, das er mit einem Staccato einander hetzender Attribute für einzelne Begriffe literarisch inszeniert. Entsprechend ist dieses Unruheleben umherirrender Menschen in der Darstellungsform gespiegelt. Oft ohne erkennbare Übergänge und nie in Kapitel gruppiert werden die Erzählabschnitte verbunden. Reich, aber auch kräftezehrend zögern Sätze ihr eigenes Ende hinaus und fordern vom Leser eben jene Geduld, die ansonsten dem Inhalieren von Lyrik vorbehalten ist. Anfangs irrt der Leser wie die Protagonisten zwischen den ungeordneten Versatzstücken umher: ein vom Papagei gehasster Phillip, ein sein Hemd schließender Dr. Behude, eine in die Tür tretende Emilia, ein unter zu kühlem Badewasser leidender Edwin … Nach den einleitenden Irrungen in Koeppens Roman nimmt man dann umso dankbarer sich allmählich schließende Kreise wahr.
Phillip entpuppt sich als eigenbrötlerischer Redakteur mit zum Reflex verkommenden Besuchen beim Psychiater Behude. Dr.Behude versucht vergeblich Phillip in einen mentalen Ruhestand und sich selbst mit infantil-erotischen Fantasien über Phillips Frau Emilia in Erregung zu versetzen. Emilia leidet nicht nur darunter, dass die totale Inbesitznahme von Phillip scheitert, sondern auch, dass ihr die kriegsbedingte Mittellosigkeit ein pompöses Leben verwehrt. Gerade dafür müssten die Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Mit dem Erlös verpfändeter Wertstücke ertränkt sie ihre Entbehrungen im Suff. Ein kleines erotisches Glück gewährt ihr lediglich die amerikanische Junglehrerin Kay, die aus ihrer biederen Reisegesellschaft ausgebrochen ist. Gemeinsam erleben sie den öffentlichen Auftritt des amerikanischen Schriftstellers Edwin. Da Kay dem berühmten Denker Edwin nicht nahe kommen kann, wendet sie sich an den anwesenden Phillip, den sie fälschlicherweise für einen deutschen Dichter oder zumindest den Freund von Edwin hält. Edwin entpuppt sich wider Erwarten nicht als Vordenker des Freiheit-stiftenden Amerika. Sein nebulöser Vortrag mit Betonung der abendländischen Kultur ist gänzlich unverständlich. Infektiöse Müdigkeit breitet sich bei den Zuhörern aus, der vor allem Schnakenbach zum Opfer fällt. Schnakenbach hatte sich zu Kriegsbeginn mit Pervitin wochenlang schlaflos gehalten, um durch den körperlichen Verfall der Rekrutierung zu entgehen. Nachdem er seinen Schlaf dem Krieg opferte, fordert jetzt der Frieden den Schlaf zurück und versetzt Schnakenbach in einen chronischen Dämmerzustand, in dem auch ein abendländischer Goethe keine Erweckung mehr vollbringt – symptomatisch für eine Epoche.
Unbemerkt von den Ermüdeten im Inneren vollzieht sich draußen das Hässliche. Dem schwarzen amerikanischen Soldaten Odysseus stiehlt die deutsche Nutte Susanne das Geld. Im folgenden Aufruhr fällt die deutsche Meute über Odysseus her– nicht anders als es in seiner freiheitlichen Heimat Baton Rouge geschehen wäre. Als auf der Flucht der kleine deutsche Nazimitläufer Josef erschlagen wird – von Odysseus oder einem Stein der Meute ? –  ist der Volksseele klar, dass das alliierte Negerpack auch den deutschen Buben Heinz ermordet hat. Tatsächlich versucht Heinz, dem amerikanischen Jungen Eszra Dollarnoten zu entreißen, wobei beide von einer Ruinenmauer stürzen, aber unverletzt bleiben. Als vermeintlichen Mörder macht die entbrannte Masse den schwarzen Baseballspieler Washington aus. Zufällig ist er mit der weißhäutigen Clara im gleichen Club, wo Odysseus bestohlen wird. Hier zerbricht für Washington zweimal ein Versöhnungstraum: der zwischen den Rassen und jener zwischen ihm und Clara. Sehnsüchtig wünscht er das noch ungeborene Kind mit ihr, doch Clara will nur seinen Schokolade-spendenden Wohlstand, nicht aber seine „Brut“. Doch auch diese Wünsche zerrinnen blutig unter der Steinigung des aufgebrachten Pöbels, der Mutter mit Kind zum Opfer fallen.
Als Spiegel des Nachkriegs-Deutschland malt der Roman ein abgedunkeltes Bild mit verfinsterten Charakteren. Selbst die Jugend ist verroht oder wird zu Wesensverformungen gezwungen wie die kleine Hillegondo, die hilflos nach Schuld in sich sucht, nachdem ihre puristische Kinderfrau Emmi ihr den allmächtigen, strafenden Gott vorhält. Andere laden Schuld auf sich oder sind schicksalsverhaftet so gezeichnet, dass man ihnen die ausbleibende Läuterung nachsieht. In diesem Licht wird auch der Literaturbetrieb beleuchtet: gescheiterter Autor Phillip, nichtssagender Schriftsteller Edwin, der von vier Schlägern liquidiert wird, Affekt-haschende, Dichter-suchende Lehrerkolleginnen, oder der symbolträchtige Papagei, der sogar das stupide Nachäffen von Edwins Texten aufgibt. Ein nicht uninteressanter Roman, jedoch in gewöhnungsbedürftigem Duktus, der nicht jedermanns Begeisterung erntet.
Note: 3 (ur)<<

>> Zugegeben, es ist nicht einfach den Überblick über alle handelnden Personen zu behalten. Abrupte, übergangslose Wechsel der Szenarien machen das Lesen wirklich mühsam. Wie die Trümmer, die im Nachkriegsdeutschland des Jahres 1950  noch allerorten herumliegen, wirft uns Koeppen die Splitter menschlicher Existenzen vor die Füße, die sich allerdings nach und nach zu einem großartigen Kaleidoskop dieses einen Tages zusammenfügen, in dem sich alle grundlegenden Fragen des Lebens fokussieren. Note: 2+ (ün)<<

 >>  MRR, der sogenannte Literaturpabst, nennt  Koeppens Roman „herrlich“. Das macht dann schon mal neugierig. Ein Tag in der Nachkriegszeit mit vielen vielen Personen, von denen sich viele in der wahren Bedeutung des Wortes irgendwann über den Weg laufen. Über hundert Sequenzen, die von Zeitungsüberschriften unterbrochen werden. Trotz des vielen Personals  kann man nicht sagen, dass Koeppen ein Panorama der Nachkriegsgesellschaft beschrieben hätte. Er beschränkt sich auf ein, zwei Milieus. Insgesamt viel viel Bewegung. Oft scheint sie ziellos. Leben und Tod verwischen, wenn todbringende Steine durch die Luft fliegen. Es bleibt offen, wer sie geworfen hat. Hat der Autor einen Augenblick lang auch an die Leserin, den Leser gedacht? Sicher, man könnte sagen, ohne Anstrengung kein Genuss, aber dieses Buch fand ich im wesentlichen nur anstrengend. Als auch am Ende immer noch  kein Genuss aufkommen wollte, war ich enttäuscht. Hätte der Verlag nicht eingegriffen, hätte Koeppen den Roman ohne Punkt und Komma geschrieben, im Endlosfluss. Hätten sie ihn doch machen lassen.
Was ich über sein Leben gelesen habe, macht ihn mir sympathisch. Seine Tauben weniger. Dann doch lieber einen bescheidenen Lese-Spatzen in der Hand. Note: 3 (ax)<<

Die Erfindung des Lebens-Hanns-Josef Ortheil

K640_Erfindung des LebensLuchterhand 2009,  591 Seiten.

>>   Hanns, man schreibt ihn mit zwei n
Lehrer nannten ihn blemblem.

Oh, war diese Kindheit schwer
Mutter dominiert ihn sehr
Mutter-Sohn, als Symbiose
eine komplizierte Chose.

Später dann im alten Rom
vor dem schönen Petersdom
wurd es besser, Stück für Stück
‚Freundin Clara plus Klavier,
sorgen konsequent dafür.

Dieses Buch zeigt wie Musik
beiträgt zu der Menschen Glück.
Doch Hand wird krank, ja so ein Mist
plötzlich Schluß mit Pianist.

Hanns-Josef kämpft, gewinnt im Spurt
Happy End in Klagenfurt.
Und der Leser glaubt es kaum,
alles endet wie im Traum.

Note: 3+ (ax) <<

 

>>  Einen Einblick in seine bedrückende Kindheit und Jugend, die der Autor aus dem Abstand von über 50 Jahren und aus der räumlichen Distanz Rom freigibt . Johannes als Fünftgeborener erfährt erstmals als 7jähriger am Tag  fast seiner Einschulung von seinem Vater die Ursache für die Stummheit seiner Mutter. Nach dem  Tod ihrer vier ersten Kinder verliert sie die Sprache, ein Trauma, das auch Johannes nach seinem 3. Lebensjahr einholt. Stummes Kind und stumme Mutter bilden von da an eine symbiotische Schicksalsgemeinschaft. Der „skurrile Autismus“ führt zum Leben eines „Geheimbundes“, das sich „nach festen Regeln und in einer großen Stille“ vollzieht, all dies unter der Obhut eines liebevollen Vaters, dem allein der kleine Schriftverkehr der Mutter (sorgfältig beschriebene Zettlchen) die Alltagswelt von Ehefrau und Kind offenbaren. Dass sich unter diesen Umständen bei Johannes auch ein Vaterbild  als „Frohnatur“ einstellt, irritiert. Die scheinbare Geborgenheit nach innen bedingt den Rückzug aus der Außenwelt. Mitleid aber auch Spott verspürt Johannes und so ist wenig verwunderlich, dass ihm der Glaube „ein Fundament“  der Sicherheit gibt. Ein Klavier des Pfarronkels aus Essen bringt die Wende, nicht behutsam, sondern fortissimo. Die stumme Mutter erweist sich plötzlich als virtuose Pianistin („Ich starrte Vater an und sah, wie entgeistert er war…als habe ihn die Musik geschockt“) und die ersten Berührungen der schwarz-weißen Tasten durch den 6jährigen Johannes markieren „die eine Sekunde, die über mein ganzes, weiteres Lebens entschied“. Das Klavierspiel als „Befreiung und Ende der demütigenden Tage“ und als „Ausweg aus dem Idiotendasein“, wird zum zentralen Thema des Romans. Wir verfolgen einerseits den Aufstieg des stummen Kindes zum musikalischen Genie (Passagen des Romans geraten zum Musiktelekolleg) und dessen tragisches Scheitern, andererseits die „Vereinsamung“ des Kindes und dessen Unfähigkeit zu sozialen Bindungen als Jugendlicher. Letzteres zeigt der vom Vater gewünschte Besuch der Grundschule ebenso wie der  spätere mit Hilfe des Kölner Musikgurus Fornemanns vermittelte Internatsaufenthalt des 12jährigen Johannes. Dagegen gelingt die „Geschichte der Sprachwerdung“ mit Hilfe des Vaters in der  ländlichen Rückzugsidylle der Großeltern(der Vater verordnet Muttertrennung!) jenseits staatlicher Institutionen  . Die Passagen des bildhaften Spracherwerbs von Johannes, eingebettet in die intensive  Naturerfahrungen von Vater und Sohn zählen zu den Stärken des Romans, wenn auch die Geschichte  des „ersten Satzes“ mit einem Pathos zelebriert wird, das angesichts des Ergebnisses „Gebt mal her“ verpufft.  Die Szenerie des Landaufenthalts erfährt mit dem unerwarteten Erscheinen der nackten Mutter an jenem einsamen Waldseechen, das für Johannes im wörtlichen Sinne „frei schwimmen“ bedeutete, eine ödipale Dimension.  Die Verwandlung der stummen Mutter zur singenden Nymphe – ihr Bad trägt Züge einer rituellen Reinigung – angesichts des zwischen „Entbehrung“ und „Begehren“ überwältigten kindlichen Beobachters missglückt allerdings zum Psychokitsch.  Ob autobiographisch verbürgt oder wie so manches im Roman wiederum eher der literarischen Dramaturgie geschuldet, ist die 2. Mutter-Sohn Begegnung am Fluss.  Der Mutsprung Johannes vom Felsplateau   bedeutet nicht nur die lebenslange Überwindung von Angst, sondern angesichts der wie aus dem Nichts auftauchenden Mutter den endgültigen Schritt aus mütterlicher Bevormundung. Sein gegen die Hilfeschreie der Mutter „Spring nicht“ vollzogener Akt der Befreiung befreit die Mutter aus ihrer Stummheit. Das „absolute Schweigegebot“ innerhalb der Familie über das Trauma der Mutter wird erst während der Gymnasialjahre von Johannes während der sog. „Essener Tage“ von Onkel Hubert durchbrochen, jener Pfarronkel, der das Schicksal von Johannes ohne es zu ahnen im wesentlich bestimmt. Leitet dessen Klavier der Marke Sailer die Karriere eines musikalischen Genies ein, so weisen seine Erzählungen über das Theologiestudium in Rom den weiteren Weg, einen Weg, den Johannes bei seiner 1. Ankunft 1972 in Rom als „eine einzige große Befreiung empfindet“. Und in der Tat offenbaren die römischen Notizen hinter dem bildungsbeflissenen Conservatorio-Schüler eine  Johannesfigur, die vor allem in der Clara-Episode eine erotische Dimension erhält, die zeigt, dass   im Kölner Einzelgänger erfreulicherweise mehr als Schumann und Bach lodert . Überhaupt öffnet Rom in vielfältiger Weise das Fenster nach außen: die Musik wird öffentlicher, die Kleidung leichter für den begehrlichen  Sprung ins Abseits, man trifft sich mit Freunden, Hinterhofparlando, neben Kirchenkult und Petersdomfaszination treten Schauplätze wie Bars und Cafes. „Das schöne Lebens zu zweit“, das Johannes „an die Stelle des früheren, innigen Lebens mit seinen Eltern“  setzt  und die Pianistenlaufbahn werden durch die Diagnose „Sehnenscheidenentzündung“ plötzlich beendet. War Rom auch als Abschied von den Eltern gedacht, so führt das Scheitern gerade dorthin zurück und mit demselben Pathos mit dem die Ewige Stadt als Heimat glorifiziert wird, erklärt der 20jährige, kaum dass er das einsam gelegene Elternhaus betritt: „Ich werde mein Elternhaus nie mehr verlassen…ich werde von nun an zusammen mit meinen Eltern leben und mich nie mehr von ihnen entfernen…ich werde studieren noch einen Beruf anstreben, ich werde überhaupt nichts anstreben“. Diese Regression durchbrochen zu haben, verdankt Johannes neben seinem schriftstellerischen Talent vor allem seinem musikalischen Förderer Fornemann, der sich auch als gewiefter Strippenzieher in Sachen literarischer Markt erweist. Und wir verdanken Fornemann und den Klagenfurter Kritikern die Förderung eines Autors, der seiner stummen Kindheit Jahrzehnte später eine eigene Sprache verleihen kann. Dass diese Aufarbeitung der Vergangenheit am Schauplatz Rom geschieht, ist nicht zufällig. Mit der Antonia-Marietta-Handlung, die den Schreibprozess immer wieder unterbricht, erleben wir den inzwischen erfolgreichen Autor als Romenthusiasten. Doch wer glaubt  Antonia erwecke Clara- Stürme sieht sich bitter enttäuscht. Vielmehr scheint der Autor mit der musikalischen Domestikation der 12jährigen Marietta nochmals seine eigenen Pianistenträume verwirklichen zu wollen. Ob imaginiert oder real – selbst der vom Autor inszenierte erste öffentliche Auftritt Mariettas  wird letztendlich zur Apotheose auf den wahren „pianisti“: Liebe Freundinnen und Freunde, sagt das Kind, Giovanni wird jetzt zum Schluss noch selbst etwas spielen. Bitte, Giovanni, nun kommt Dein Auftritt.“   Etwas weniger Eitelkeit, etwas weniger Geniekult, etwas weniger Schumann, etwas mehr wirkliches Leben und weniger Kladden  – „Die Erfindung des Lebens“  hätte mehr berührt. Note: 3 (ai)<<

>> Was für eingroßartiger Stoff! Obwohl Handwerklich sicher gekonnt, führt aber doch manch großspurig angelegter Spannungsbogen enttäuschend ins Leere und die Geschichte zieht sich zunehmend mit ermüdenden Wiederholungen. Das Getue um die Klavierkünste des Protagonisten ist schlicht nervig, am Ende gar peinlich. Note: 3 (ün)<<

>>Wer seine Sprache zweimal verliert, wird zum Schriftsteller. Sprache, Mitteilung, dem inneren Druck von Kommunikation, die gelebt werden muss, nachgehen und nachgeben, das ist eine Lehre, die das Leben von Ortheil prägt. Sprache drängt aus dem Menschen heraus, gibt ihm Gleichgewicht und wiegt so schwer im Miteinander. Sprache – das ist für Ortheil nicht nur das Wort sondern auch Klang, der sich in seinem Leben zu gelebter Musik verdichtet. Der Anlass, ein herausragender Pianist zu werden, war bezeichnender Weise der Verlust des Sprechens. Klavierspiel war fortan in seinem Leben das Therapeutikum, um die isolierende Stummheit zu überwinden. Als tragischer Weise schließlich das Klavierspielen unmöglich wurde, und der Pianist in ihm starb, wurde der Schriftsteller geboren, den wir heute kennen. Der autobiographische Roman ist ein eindrucksvolles Manifest einer schicksalhaften Ich-Werdung mit, gegen und durch die Sprache.
Der kleine Johannes (Ortheil) wächst in der stillen Kölner Mietwohnung seiner Eltern ohne Geschwister auf, nachdem seine Mutter durch Kriegsangriffe und Fehlgeburten ihre ersten vier Söhne und bedingt durch die traumatischen Erfahrungen auch die Sprache verloren hatte. Nach zunächst normaler Sprachentwicklung versinkt der dreijährige Johannes in symbiotischem Schweigen. Er teilt die Stille mit der Mutter, die ihn auf Engste an sich bindet. Die Mutter-Kind-Einheit wird vom als Landvermesser arbeitenden Vater geduldig umsorgt mit einer Verständigung mittels Zetteln, die täglich in großer Zahl von der Ehefrau geschrieben werden. Die umschwiegenen Ohren des Jungen machen seinen Augen Platz, die umso aufmerksamer die Welt aufsaugen. Als das Schulalter über die Kleinfamilie hereinbricht, sind weder Mutter noch Johannes den Veränderungen gewachsen: die Symbiose droht zu zerbrechen, der ewig schweigende Junge wird als geistig behindert in der Schule ausgegrenzt und das anfängliche Bemühen des Lehrers verkehrt sich ins Gegenteil. Trost spendet nur ein Klavier, auf dem Johannes ungewöhnlich ausdauernd übt. Die ungezählten täglichen Stunden machen es zu seinem musikalischen Freund, den einzigen, den er lange Zeit haben wird.
Als der Schulalltag eskaliert, vollführt der besorgte Vater einen radikalen Schnitt, löst sich von seiner Arbeit, trennt Mutter und Sohn und wechselt mit Johannes für viele Monate in sein Heimatdorf im Westerwald. Hier werden sie wie selbstverständlich in den großen Gastwirtschaftsbetrieb seines Bruders aufgenommen und in das emsige Schaffen eingebunden. Vater und Sohn machen täglich lange Wanderungen. Im angestammten Terrain des Landvermessers lehrt der Vater das Betrachten und malerische Wiedergeben der Natur. Der Sohn folgt beeindruckt bis eines Tages das angestrebte Wunder vollbracht wird. Durch die Verbindung von zeichnerischem Erfassen und Schreiben dazugehöriger Worte („Das ist eine Eiche“) öffnet Johannes ein kognitives Tor, das ihm annährend grenzenlos eine einfache Syntax ermöglicht. Intuitiv gelingt dem Vater eine didaktische Methode zu finden, die dem Sohn den Zugang zur Sprache ebnet.
Die Mutter ringt während dessen mit ihrem eigenen Schicksal und vertieft sich ihrerseits in das Klavier spielen bis der Vater ihrem Besuch auf dem Lande zustimmt, der einen weiteren Damm brechen lässt. Als sie ihren Sohn zusammen mit anderen Kindern von einem Felsen in den Fluss springen sieht, schreit sie ihre Todesangst dem Sohn entgegen. Der Verlust der Söhne raubte ihr die Sprache, die Angst den letzten Verbliebenen zu verlieren, gibt ihr die Sprache zurück. Fortan wird sie wie in früheren Jahren als eine eloquente, feinsinnige Erzählerin in angeregten Unterhaltungen beeindrucken. Für Johannes wird die Begegnung am Fluss zu einem willensstarken Akt der Emanzipation: er will sich nicht mehr dem Diktat der Angst unterwerfen und behauptet bis heute, daraufhin nie wieder im Leben – egal in welchem Kontext – Angst gehabt zu haben. Entsprechend darf vermutet werden, dass aus der schicksalhaften Enge seines Kinderlebens kompensatorisch ein unbändiger Durchhaltewille gepaart mit einem enormen Ehrgeiz entsprungen ist. An einem der Folgeabende treten Mutter und Sohn konkurrierend gegeneinander auf. Die Mutter fasziniert die versammelte Belegschaft mit ausuferndem Klavierspiel bis Johannes sich erhebt um zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sprechen. Als die völlig überraschten Gäste verstummen, holt Johannes zu einer langen Litanei kurzer Hauptsätze aus wie er sie in Verbindung mit seinen Zeichnungen gelernt hat: „ Das ist eine Eiche …“.
Nach längerer Zeit kehren sie nach Köln zurück, wo Johannes eine andere Schule besuchen und vor allem durch talentiertes Klavierspielen auffallen wird. Um seine musikalische Begabung zu fördern, wird er fortan von einem berühmten Pianisten unterrichtet und schließlich in ein bayrisches Elite–Musik-Internat überwechseln. Die ständige, ungewohnte Nähe zu Schulkameraden lassen diesen Ausbildungsschritt jedoch scheitern.
Nach dem späteren Schulabschluss erleben wir Johannes in einer neuen Welt. Angeregt durch viele Wanderungen und Reisen mit dem Vater bricht er nach Rom auf, das ihn augenblicklich verzaubern wird. Das Licht, das Blau, die Menschen, der Gesang der Sprache, das völlige Eintauchen in die Musik und vor allem die erste Liebe werden die folgenden zwei Jahre zu den schönsten seines Lebens machen. Mit Clara wird er völlig verschmelzen, die Liebe der Seelen und der Körper wird sie fesseln – unterbrochen nur von den zügigen Piano Fortschritten am Konservatorium. Freunde scharen sich um die beiden. Eine Berühmtheit entwickelt sich um den reifenden Pianisten. Das Leben ist unumwunden herrlich. Der rapide Abbruch kommt mit einer nicht therapierbaren Sehnenschädigung der Pianistenhände. Die Schmerzen machen das Musizieren unmöglich. Der monotone Blick auf das eigene Schicksal mit dem Verlust einer sicher geglaubten Karriere lastet auch unverhältnismäßig auf der Beziehung, die wenig später zerbricht. Hier holt Johannes die ausladende Ich-Bezogenheit, die ihm in früheren Jahren zu überleben half, ein und zerstört seine Aufmerksamkeit für Clara.
Nach Hause zurückgekehrt, wird er fortan ein zurückgezogenes, von den Eltern jedoch verständnisvoll unterstütztes Leben in der idyllischen Enklave im Westerwald führen. Zu diesem Zeitpunkt begleiten ihn vor allem tausende von Tage- und Notizbüchern, die er das ganze Leben lang verfasste. Eine schicksalhafte Begegnung mit seinem ehemaligen Klaviermeister weist ihm den Weg: er möge das aufgreifen, was ihm immer begleitete: seine geschriebenen Worte. Der Meister überzeugt ihn, die Tagebücher mit der so ungewöhnlichen Lebensgeschichte zusammenzufassen und zu veröffentlichen. Tatsächlich gelingt das Experiment. Auf Anhieb findet sich ein Wettbewerb, wird ein Sieg errungen und ein Verlag überzeugt: der Schriftsteller, der er eigentlich schon immer war, ist nun auch realiter geboren. In Verbindung mit dieser Entwicklung beschreiben eingestreute Kapitel eine zweite Romreise, die Johannes als längst Erwachsener unternimmt, um seine Lebensgeschichte zu überarbeiten. Der römische Alltag spiegelt frühe Ereignisse: der Tochter seiner Nachbarin wird eine Klavierkarriere vorbereitet, Johannes schlüpft in die Rolle des Klavierlehrers, er selbst gibt nach Jahrzehnten wieder ein öffentliches Konzert, welches begeistert aufgenommen wird. Erotische Schwingungen verbinden ihn mit der Mutter seiner Klavierschülerin. Das Leben kann so schön sein.
Eine beeindruckende Lebensgeschichte, die nicht nur auf Grund ihrer vermutlich weitgehenden Authentizität berührt. Dies vor allem in der Beschreibung der Kinderjahre, in denen der kleine schutzbedürftige Junge seiner vom Schicksal zutiefst verfolgten Mutter selbst Schutz gewährt und damit seine eigene Entwicklung blockiert. Beeindruckend der Vater, dem man als Zahlen-gebärenden Beamten nicht die pädagogische Intuition zutraut, ein tragisches Familienschicksal aufzufangen. Er macht eine schon fast verlorene Seele nicht nur alltagstauglich, sondern verhilft ihr zu Stationen des Glücks. Und darüber hinaus verwöhnt uns das Werk mit poetischen Szenen römischer Erotik. Leider überrascht die Romanlandschaft stellenweise aber auch mit sprachlichen Flachgebieten, begleitet von einer mitunter ermüdenden Selbstverklärung, wenn es um die Genialität des Pianisten geht. Entsprechend hätte der Roman von einer deutlichen Kürzung des Umfangs profitieren können. Eine Geschichte, die als Kinofilm noch gewinnen könnte.
Note: 2– (ur)<<

In Zeiten des abnehmenden Lichts – Eugen Ruge

K640_ruge Rowohlt 2011 , 426 Seiten.

 

>>   In Zeiten des abnehmenden Lichts: „Roman einer Familie für euch“. Für uns also. Mehrmals taucht der Liedtext  von Jorge Negrete auf:„México lindo y querido, si muero lejos de ti, que digan que estoy dormido, y que me traigan aquí.“ Leitmotivisch klingt hier schon am Anfang der Tod und die Sehnsucht nach Rückkehr an. Es geht um den Tod einer Ideologie und um das langsame Verschwinden einer Familie über mehrere Generationen. Eugen Ruge hat viel in seinen Roman gepackt. Den realen Sozialismus und seine bürokratischen Erstarrungen, Historisches, psycho-logische Verhaltensmuster, innerfamiliäre Verkehrs-formen und eine ganze Menge Komik. Manchmal schimmert ein bisschen Grass durch (Weihnachtsessen).  Dem Autor wurde vorgeworfen, der Roman sei konventionell erzählt. Ich war froh darüber. Ein Vergleich mit „Der Turm“ (Uwe Tellkamp) und „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (Barbara Honigmann) könnte interessant werden. Insgesamt eine überaus lohnende und interessante Lektüre. Note: 1/2 (ax) <<

>> Welch symbolische Botschaft: als am Ende von Wilhelms 90. Geburtstag am 1. Oktober 89 der mit den Resten des Büffet beladene Ausziehtisch zusammenbricht, geht neben einem Stück Familiengeschichte der Powileits auch die politische Geschichte der DDR zu Ende. Der Sargnagel des Systems, Inkompetenz und Verblendung,  er findet seine groteske Parallele im Nagelmurks, mit dem Wilhelm dem Ausziehtisch letzten Halt zu geben versucht. Wilhelms Geburtstag, in 6 Kapiteln aus der Perspektive von 6 Familienmitgliedern erzählt, bildet den Kern des Romans, Episoden der Romanfiguren  aus der Zeit von 1952 bis 2001 unterbrechen die Geburtstagsschilderung. Eine Viergenerationenfamilie, der es im DDR-Mikrokosmos Neuendorf vor allem an einem fehlt, an Offenheit und Empathie. Das Geburtstagsfest ist nur noch Fassade, die Familie längst in Auflösung begriffen. Wilhelm , ein zum Wohnbezirkssekretär miniaturisierter Stalinist, immer noch ordensdekoriert, ewiggestrig und senil, sieht die eigene Kinder- und Enkelgeneration mit Ausnahme von Irina (Russenbonus) als „Defätistenfamilie“, das Gulagschicksal seines Stiefsohnes Kurt wird verhöhnt („soll froh sein, dass er im Lager war und nicht im Krieg“), Charlotte Powileit, jetzt 86 und 62 Jahre Parteimitglied bilanziert die Ehe mit Wilhelm als Martyrium, die Aminophillin-Tröpfchen eine angedeutete letzte Rache. Kurts Ehe  nach 10 Jahren Lagerhaft und 5 Jahren Verbannung 1956 mit seiner russischen Ehefrau Irina ins familiale Neuendorf zurückgekehrt – 1989 ein Scherbenhaufen: Irina, in der DDR nie wirklich angekommen, alkoholkrank (sie erscheint gar nicht beim Geburtstagsfest), die weihnachtliche Klostergans (glänzend!)als letztes verbliebenes Ritual zelebrierend, die Dauerbaustelle des Hauses ein Spiegelbild ihrer Seele. Alexander, der gemeinsame Sohn, schon früh den Eltern wie dem System entfremdet , flieht  am Tag des Geburtstags in den Westen (Melittas Warnung an Markus gegenüber Oma u. Opa: „Nichts über Ungarn“). Kurt selbst ist an Wilhelms Geburtstag beim Anblick Melittas stärker mit „der Opposition in seiner Hose“ als mit den Lobpreisungen des heldenhaften Kampfes Wilhelms im Berliner Rotfrontkämpferbundes beschäftigt. Für den Vertreter der 4. Generation, Markus, den Sohn aus der Beziehung Alexanders mit Melittas, ist Wilhelms Geburtstag eine „Saurierparty“. Auch die Geschichte Iwanowas, Irinas 1976 aus Rußland nach Neuendorf übersiedelte Mutter, von Charlotte als „letzten Dreck“ behandelt, ein bizarres Migrationsschicksal in Selbstisolation, scheint mit Wilhelms Geburtstag einen Abschluss zu finden. Ein letztes Mal das immer wiederkehrende Gurkenglasgeschenk bevor der Erzähler die Rückkehr in die Heimatstadt Slawa andeutet.
Neben Wilhelm übernimmt Alexander als Vertreter der 3. Generation eine zentrale Rolle in Ruge Roman. Eine Krebsdiagnose 2001 bildet den Ausgangspunkt zur Flucht nach Mexiko, wo er -Kindheitserinnerungen an das mexikan. Exil seiner Großeltern folgend -, auf Spurensuche geht. Das einleitende Romankapitel mit dem letzten Besuch beim demenzkranken pflegebedürftigen Vater Kurt in Neuendorf und der auch symbolisch zu deutenden Verbrennung persönlicher Erinnerungsstücke des Vaters (allein ein „Schachbrett der Großeltern mit Persönlichem“ begleitet) bereitet Mexiko vor, vier weitere Kapitel (sie sind nicht die stärksten des Romans) , in denen wir Alexander vor allem auf der Suche nach sich selbst sehen, einer Suche, die eigentlich schon früh mit der Abkehr des Rebellierenden gegen den „Scheißsozialismus“ in der DDR begann. Protest gegen NVA-Dienst, Abbruch des Studiums, Hausbesetzung in Ostberlin, Bruch mit dem Vater, Beziehungschaos (Christina, Melitta,Catrin,Marion), Bruch mit dem eigenen Sohn Markus, kurz vor der Wende Flucht nach Gießen, Theaterarbeit in Moers, Krebsdiagnose. Im Futur lässt uns der Erzähler ahnen, dass Alexanders Schachpartie mit der Zufallsbekanntschaft des Motorradrockers Xaver an der mexikanischen Küste seine letzte sein wird.
Eine beeindruckendes Dokument des Zerfalls einer Familien- wie politischen Geschichte. Muffigkeit, Kleinbürgerlichkeit, aber auch Kontinuitäten des Terrors (das Schweinsgesicht des Genossen Ernst im Schauprozess Moskau 1941 wie 1966 beim Prozess gegen einen Genossen namens Rohde), Seilschaften, Männerbündisches, der Verlust zwischenmenschlicher Beziehungen, Entfremdung, Lügen. Besser als jedes Geschichtsbuch, dieser Einblick in den real existierenden Sozialismus und seine Opfer. Ein glänzender Erzähler, dessen Figuren auch sprachlich authentisch wirken.
Note: 1– (ai)<<

>> Raffiniert angelegte und höchst amüsant erzählte deutsch-deutsche Geschichte.
Note 1/2 (ün)<<

>>Eingebettet in den Durchbruch der Berliner Mauer, den Umbruch beider deutschen Länder und den Aufbruch verwandtschaftlicher Beziehungen schafft Ruge eine zeitgenössische Buddenbrock Saga. Vier Generationen einer deutschen Sippe mit den Wurzeln im ausklingenden Kaiserreich polarisieren sich in der Weimarer Republik, integrieren sich in den real existierenden Sozialismus der deutschen demokratischen Republik und flüchten sich letztendlich in die konsumverwirrte Bundesrepublik. Interessant verschachtelt folgen die Kapitel drei Hauptachsen. In einer chronologischen Folge fällt das Schlaglicht auf die kommunistischen Großeltern Wilhelm und Charlotte, die Regime-angepassten Eltern Kurt und Irina, den zweifelnden Sohn Alexander (Sascha) sowie das rotzbubige Enkel-Ekel Markus. Eine zweite Kapitelreihe sammelt über wenige Tage hinweg die letzten Eindrücke des auf den Spuren der Großmutter irrenden, todkranken Alexander in Mexiko. In der dritten Erzähllinie lassen eingestreute Kapitel die Geburtstagsfeier des 90jährigen Opa Wilhelm sechsmal aus der wechselnden Sicht der verschiedenen Generationen aufleuchten. Ein gelungenes Stück Literatur mit deutsch-deutschen Aspekten als tiefschürfendes wie auch situationskomisches Familienepos.
Charlotte und Wilhelm werden für viele Jahre von der DDR zur Auslandsagitation nach Mexiko entsandt, um dort eine Kampagnenzeitung herauszugeben. Trotz jahrelanger Bitten wird den beiden die Rückkehr verwehrt. Stattdessen entmachtet sich die kleine Redaktion durch große Grabenkämpfe selbst. Schließlich kommt doch der Marschbefehl, die Heimreise anzutreten um die Leitung eines Ausbildungsinstitutes für Diplomaten zu übernehmen. Was bleibt, sind Charlottes Führungsansprüche. Was nicht bleibt, sind Wilhelms Beiträge. Lange Zeit kann er den Anschein erwecken, alles bewegen zu können und jeder nimmt ihm irrigerweise ab Fidel Castro zu kennen, nur weil er Havanna Zigarren pafft. Doch dieser trübe Nebel lichtet sich, Wilhelm wird als Nichtsnutz entblößt und provoziert seine Entlassung. Letztendlich schließt sich der Kreis wieder: Charlotte bleibt in Grabenkämpfe verstrickt und Wilhelm belebt seine Umwelt mit Anekdoten.
In der nächsten Generation tritt Kurt in die Fußstapfen seiner ambitionierten Mutter. Er wird nach politischen Zwischenbestrafungen mit 10 Jahren Arbeitslager wegen Kritik an Stalin letztlich doch als DDR Historiker rehabilitiert, der bei der peniblen Ausarbeitung seines epochalen Gesamtwerks die Familie terrorisiert. Trotz seiner Systemtreue wird Kurt von Wilhelm verachtet, da er „nur“ im Arbeitslager war statt dem sozialistischen Vaterland im Krieg gedient zu haben wie seine beschämend schöne Gattin Irina. Im DDR Alltag verschlingt Irinas zielsicherer Sinn für das Edle ein Vermögen. Dieser Sinn vermag jedoch nicht das Hässliche ihres Charakters zu verbergen. Unausstehlich lässt sie sich gehen, erniedrigt quälend ihre alte Mutter und begegnet Kurt voller Unmut, wie dieser überangepasst seiner Mutter folgt.
Kurts Sohn Alexander ist der Charakter der inneren und äußeren Immigration. Er macht mit der Wende in den Westen rüber und kehrt nach 12 Jahren zurück, hat Jobs verloren und Schulden zurückgezahlt, Filmprojekte angeregt und Theaterstücke geschrieben, ist Bindungen eingegangen und einsam geworden. Hat eine klassisch ideale Bindung an seine Oma, die heimlich mit ihm nicht nur marmeladenveredelte Schnurpsbrote teilt. Die Oma, ein durch und durch Wert tragender Mensch in seinem kleinen Dasein. Als er viel später an Blutkrebs erkrankt und nicht nur die Gesundheit sondern auch seine Bezugspunkte verliert, sind es die Spuren der Oma in Mexiko die ihm eine vage Richtung geben. Er irrt umher, wird ausgeraubt und hintergangen wie ein unwissendes bockiges Kind in einer beängstigenden Erwachsenenwelt und flüchtet schließlich in den Halbschatten einer Hazienda von Alt-Achtundsechzigern, wo die Welt wieder klein und überschaubar scheint. Er ist derjenige, der immer unbestimmte Zweifel in sich trägt, meist ungerichtet, manchmal auf der Suche nach Integrität. So bricht er als junger Mann sein Geschichtsstudium ab um nicht mehr lügen zu müssen. Willkürlich empfundene historische Umdeutungen werden für ihn gerade in den wechselvollen Zeiten deutscher Taten und Untaten unerträglich.
Der letzte in dem Kreis ist der größer werdende kleine Markus, Sohn aus erster Ehe von Sascha. Kiffer, Wichser, no-bock-Penner, Nörgler, Angeödeter vom Gesabber der Friedensbewegten, kleiner Neonazi mit alles voll die Kotze und zugedröhnt mit Ecstasy, wenn es sich ergibt. Orientierungslos geworden – vielleicht durch den Vaterverlust, vielleicht auch durch den Vaterlandsverlust, den er nicht erkennt, dessen Ausmaße aber das deutsch-demokratische Volk erfasst, welches im politischen Tsunami der Ostüberflutung durch den Westen mitunter zu ertrinken droht.
So oder so bleiben die Zeiten, durch die sich die vier Generationen bewegen, denkwürdig. Am Anfang die streng geordneten politischen Bahnen mit dem Preis der Selbstaufgabe und institutionalisierter Fremdbestimmung, fehlerhafter politischer Freiheit und kleinkariertem Kontrollverlust. Am Ende die Umkehrung mit Freiheit im Äußeren, Einbuße von Werten und Ich-Aufgabe. Und dennoch ist nicht alles Schwarz-Weiß. Ruge zeigt es uns: auch Geburtstagsrituale können umso amüsanter sein, je öfter ihre Absurdität zelebriert wird. Ein intelligentes Gegenwartswerk in einem neuen Erzählrahmen.
Note: 2+ (ur)<<

Der Reaktor-Elisabeth Filhol

K640_Der_ReaktorNautilus 2011,  122 Seiten.

>>Filhols Ich-Erzähler Yann gibt uns gleichermaßen einen Einblick ins Innere eines AKWs wie in die innere Befindlichkeit von Leiharbeitern in französischen AKWs. Arbeiten und Leben unter dem Diktat des Dosimeters, das „geringe Kapital an Millisievert“, das sind die Rahmenbedingungen. „Wie in der ersten Reihe am Schützengraben, wer fällt, wird sofort ersetzt.“  Der DSEA-Arbeiter  (jährliche Strahlenexposition 20 Millisievert „aufgebraucht“) ist bis zur „nächsten Saison aus dem Spiel.“ Nüchtern bilanzierend werden Menschen auf „Neutronenfutter“ und „Remfleich“ reduziert und es will sich wenig einstellen von der Faszination der Technik, von der Bläue des Tscherenkow-Effekts, von dem Gefahrenkitzel, der sich neben der Lohntüte als Motivationsquelle dieser modernen Nuklearnomaden. Dem Wartungstakt der Meiler an der Loire oder der Gironde folgend ersetzen sie vielfach vor allem bei gefährlichsten Reparaturarbeiten  die  „Sesshaften“, die Festangestellten oder leisten die „Drecksarbeit“ beim Entkalken der Kühltürme. Männerbündisches (ohne jedes Heldengebaren) ersetzt die Familie, der Wohnwagen wird Lebensraum, Intimität Fehlanzeige. Freundschaften erweisen sich als Zweckgemeinschaften, unter Hochrisikobedingungen gilt punktgenaues Funktionieren und Verlässlichkeit. Wer aus welchen Gründen die nächste Leitersprosse hinab in „das klaffende Loch eines Betonsarkophags“ verweigert, wer kneift, der ist out, noch bevor er den Campingplatz erreicht, wissen alle Bescheid. Der Selbstmord von Yanns Freund Luc zeigt am deutlichsten, welch psychischen Druck diese Arbeitsbedingungen erzeugen können. Verlässt einer im Dreierteam „mitten im Einsatz das Boot“, dann wird „die kollektive Dosis“ nicht mehr „gerecht“ verteilt, Luc scheint an diesem seinem „Versagen“ zerbrochen zu sein. Es hätte nicht der Tschernobyl-Kapitel bedurft, um zu zeigen, dass die Atomtechnologie verantwortungslos ist.
Filhols Stärke ist, dass sie keine Anti-AKW-Kampfschrift verfasst hat, sondern eine sensible Bestandsaufnahme der Psyche von Leiharbeitern. Dass ihr Ich-Erzähler Yann nach diesem Roman den Dienst nicht quittiert, bleibt unverständlich. Note: 2 (ai)<<

>> Sachlich, nüchtern, lapidar schildert Ich-Erzähler Yann seine Arbeit als Leiharbeiter in verschiedenen französischen Atomkraftwerken. Man nimmt es Yann ab, dass unter den „Nuklearnomaden“ , wenn auch zaghaft, doch  so etwas wie Freundschaft und Solidarität entstehen kann. Auch vor allem die Ängste und Sorgen um die Gesundheit einerseits und den Arbeitsplatz andererseits werden eindringlich dargestellt. Alle Passagen jedoch, die die Faszination der Technik bis in alle atomphysikalischen Einzelheiten darstellen, wirken bei Yann irgendwie deplatziert und künstlich arrangiert. Insofern halte ich die Konstruktion des Buches für misslungen. Aller Ehren wert ist jedoch das Anliegen einer französischen Autorin, in ihrem erschreckend atomunkritischen Land den Versuch einer literarischen Annäherung an diese Thematik zu unternehmen. Note: 2/3 (ün)<<

>>Das atomare Frankreich ist überspannt von dünnen Netzen sozialer Geflechte. Es sind die vagen Beziehungsfäden der nuklearen Wanderarbeiter untereinander, die als Leiharbeiter von Kraftwerk zu Kraftwerk ziehen. Im Rhythmus der Revisionszyklen dringen sie in die intimsten Eingeweide der Primärkreisläufe ein, verrichten dort im Minutentakt ihre schlichten Reinigungsarbeiten und kämpfen gegen die Radioaktivität-zählenden Dosimeter auf ihrer Brust. 20 Millirem Strahlenbelastung ist das Kapital jedes Einzelnen im Laufe eines Jahres. Wird dieser Wert überschritten, folgt unwiderruflich die Freisetzung, das zwölfmonatige Einsatzverbot, der Einkommensverlust und die noch bedrohlichere Leere. Es ist eine Gemeinde selbstversunkener Männer, eine Glaubensgemeinschaft, die sich der schwankenden Gnade der Atommeiler ergeben hat. Diese Männer sind nicht nur Nomaden des Arbeitsmarktes, sondern auch des Ichs. Und trotzdem leben sie angesichts des die Unversehrtheit bedrohenden Alltags miteinander eine unspektakuläre Wahrhaftigkeit. Yann, die Hauptperson des Romans, ist einer von ihnen, der mal mit Jean-Yerves, mal mit Luc, mal mit anderen wochenlang ein Wohnwagenquartier teilt, bis die Cowboys des Industriezeitalters sich wieder verlieren.
Der Roman kleidet sich in das Gewand einer literarischen Sozialstudie; mitunter feinsinnig, unaufdringlich, gelegentlich poetisch. Bemerkenswert ist, dass es der Autorin gelingt, über diese Seelenansichten den kritischen Zugang zur Nuklearmaschinerie zu vollziehen, ohne dafür Anklagen oder faktenverliebte Technologiebetrachtungen bemühen zu müssen. Untergründig wirkt der Roman suggestiv politisch, obwohl oder gerade weil (?) er die Kernkraft als Naturgesetzmäßigkeit erscheinen lässt.
Im Imposanten der kraftvollen Verdampfer, Kreislaufröhren und Kühlturmbauten verbirgt sich das prinzipiell Bedrohliche. Das paradiesische Kühlwasser-Blau ist betörend und doch letal. Ebenso widersprüchlich die Wahrnehmung amtlicher Direktiven: die Halbierung der zulässigen Grenzwerte dient dem Arbeitsschutz und ist gleichzeitig eine Bedrohung des Arbeitsplatzes. Letztlich ist die seelische Anspannung zwischen den Reißzähnen des nuklearen Monsters so erdrückend, dass mehrere Männer wie auch Yanns Freund  sich das Leben nehmen. Spätestens hier wird der Leser emotional von der zurückhaltenden Sachlichkeit des Buches erfasst. Spätestens hier beginnt die hintergründige Technologiekritik zu wirken. Ein Erstlingswerk, das noch mehr erwarten lässt. Lesenswert, wenn auch noch nicht fluoreszierend. Note: 2– (ur)<<

>>Die sogenannte zivile Nutzung der Kernenergie hat erst in jüngster Zeit Eingang in die Belletristik gefunden, wenn man einmal von Gudrun Pausewang absieht. Die epochale Publikation des Klett-Verlags zu Tschernobyl gehört eher in den Bereich der Sachliteratur. Der erste erfolgreiche Roman zu dieser Thematik erschien erstaunlicherweise in Frankreich. Der Originaltitel „La Centrale“ kann in seiner Mehrdeutigkeit nicht mit Zentrale übersetzt werden. „Der Reaktor“ klingt viel technischer, eindimensionaler. Im Mittelpunkt des Romans stehen die Arbeitsbedingungen des Atom-Prekariats, die detailliert und überraschend lakonisch geschildert werden. Ausschließlich Männer, junge Männer in Zeitarbeit, warten die Reaktoren im Schichtdienst und bestücken sie mit neuem Brennstoff. Die EDF (Electricité de France) hat diese Tätigkeit „outgesourct“ und hält sich fein raus. Die Wanderarbeiter, moderne Nomaden, leben in Wohnwagen auf Campingplätzen. Selbstironisch bezeichnen sie sich selbst als „Neutronenfutter“. Ihre Arbeitsbedingungen sind mehr als stressig. In den letzten fünfzehn Jahren wurde die Dauer der Revision halbiert… Ihr größtes Problem: unter keinen Umständen die maximal erlaubte Strahlendosis von zwanzig Millisievert im Zeitraum von zwölf Monaten überschreiten. Yann, der Hauptfigur des Romans, ist dies nicht gelungen, weil er ein Metallscheibchen berührt hat. Nun ist er „freigesetzt“, ohne Entschädigungszahlung. Das Dosimeter, das ihn schützen soll, ist sein „Feind“ geworden. Trotz ihrer Arbeitsbedingungen sind die jungen Männer von der Atomtechnologie fasziniert.  Das leuchtende Blau des Abklingbeckens wird lyrisch beschrieben, fast als blaue Blume der Kernenergie. Alle wissen sie um die Risiken der Atomenergie, aber für ein Leben ohne sie scheint ihre Vorstellungskraft nicht auszureichen.
Der Erfolg des Romans überrascht. (ax)<<

 

Empört Euch! – Stéphan Hessel

Stéphane Hessel- Empört Euch!Ullstein 2011,  32 Seiten.

>> „Empört…Euch!“ gibt sich als wenig emotionale Streitschrift für Euch, die Ihr vergessen wollt, welche Freiheiten die französische Republik erkämpft hat. Unter dem Faschismus in das britische Exil getrieben, formuliert Hessel zusammen mit anderen unter Generale de Gaulle die Rechte des neuen Frankreich: die Pressefreiheit, das Verbot der Diskriminierung, ein Recht auf Erziehung, ein System der sozialen Gerechtigkeit. Rechte, die heute auch in vielen wohlhabenden Staaten durchlöchert sind. Gründe für Empörung gibt es also viele. Und jeder soll sich empören, soll – wie Sartre es lehrte – Verantwortung nicht delegieren, sondern für sich und damit für die geforderte Gerechtigkeit tragen. Grundgedanken der Résistance gehen später unter der Mitwirkung von Hessel in die Erklärung der UNO Menschenrechte ein, womit es zum ersten Mal gelingt, die Unantastbarkeit nationaler Interessen einzuschränken und unter das Diktat der Menschlichkeit zu stellen.
Hessels aktuelle Empörung gilt vor allem der Unterdrückung Palästinas – fast scheint es – mit einem gewissen Verständnis für terroristische Vergeltung. Aber sei Gewalt nicht auch eine Kapitulation vor der Gewalt oder eher das einzige Mittel um Gewalt zu beenden? Am Ende folgt der Aufruf zum Aufstand in Friedfertigkeit, der nur mit einer Abwehr von der puren materialistischen Orientierung zu schaffen sei.
Alle Gedanken scheinen wahr und richtig und schon so oft vorgebracht. Wir können zu allem Ja sagen, allerdings ohne durch Argumente bestärkt zu werden, weil sich die kurze Schrift auf sprunghafte Assoziationen und Oberflächlichkeit beschränkt. Der argumentative Faden ist nicht wirklich erkennbar. Ein engagierter Autor von 94 Jahren, Überlebender deutscher KZ Folter und Veteran der Résistance und Koautor der UNO Menschenrechte. Schon deshalb meint man, allem zustimmen zu müssen. Das gleiche Werk eines namenlosen Mitvierziger würde man wegen der fehlenden Tiefe allerdings nur mit flüchtigem Ausatmen quittieren. Ein Zeitdokument, welches dank seiner unglaublichen Resonanz in 40 Sprachen übersetzt mehr über die Befindlichkeit der Gegenwart und ihrer Menschen aussagt als über den Autor und politische Ideen. Vermutlich gibt es eine große Sehnsucht nach Integrität und Persönlichkeiten, die einen Weg weisen. Und während die Streitschrift verblasst, obsiegt der Respekt vor ihrer Wirkung. Note: 3 (ur)<<

>>Gut gemeint reicht nicht mehr aus. Was angesichts der 1,7 Millionen Auflage von Stephane Hessels „Empört Euch“  (in 22 Sprachen übersetzt) verwundert, ist die Aufmerksamkeit dieses Textes nicht nur in Frankreich. Sie gilt aber wohl eher dem Respekt gegenüber einer Person, die mit über 90 Jahren seit den Erfahrungen der Resistance nicht müde wird, uns Nachgeborene zu ermahnen, dem Unrecht zu widerstehen. Monsieur Hessel -wir habens verstanden, wir stimmen zu. Konkreteres  – Fehlanzeige. In der Tat, es gibt genügend Gründe sich zu empören. Wird Empörung zur Aktion, wird aus der geballten Faust in der Tasche Widerstand gegen die Staatsgewalt, dann verlassen wir den intellektuellen Diskurs (Schreibtisch, Hörsaal, LQ) und die Schauplätze tragen Namen wie „Platz des Himmlischen Friedens“ (welch Euphemismus) 1989 oder „Tahrirplatz“ 2011 mit Tragödien aber auch Hoffnungen.  Hessels zweiter Aufruf „Engagez-Vous“ (ein reines Interview!) bleibt ebenso wie „Empört Euch“  eine differenziertere  Analyse von gesellschaftlichen Widersprüchen  und  Lösungsmöglichkeiten schuldig – vielleicht ist gerade deshalb beides so glänzend zu vermarkten. Note: enttäuschend (ai)<<

>>Wer diesen beeindruckenden, fast 95 -jährigen Mann mit unglaublicher Vita heute reden hört und sieht, mit seiner glasklaren Präsenz und seinem Charme, dem verbietet sich eigentlich kleinliche Kritik an einem als „Streitschrift“ publizierten schmalen Bändchen. Der Befund quer durch alle Bereiche ( Finanzkrise , Klima, Palästina, Arm und Reich,…) ist hinlänglich bekannt. Sollte sein Aufruf, sich darüber zu empören, tatsächlich „die Welt bewegen“ , wie der Verlag meint, könnte man darüber nur glücklich sein. Bleibt die Frage, ob dem tatsächlich so ist und ob die von ihm geforderten „friedlichen Mittel“ ausreichen werden, die Welt auch zu verändern. Dass Empörung nicht reicht, ist wohl auch Hessel klar. Folgerichtig erscheint schon die nächste Schrift,  “ Engagiert Euch“. Die Dialektik fordert einen dritten Schritt. Nur welchen? Note: keine (ün)<<

Herz der Finsternis- Joseph Conrad

Joseph Conrad - Herz der FinsternisManesse 1977,   158 Seiten.

>> Kann die Begegnung mit dem Fremden, dem ganz Fremden, verrückt machen? Wenn zu viel fremd ist, zu viel verrückt erscheint, kann es soweit kommen. Kapitän Marlow könnte dafür ein Beispiel sein. Bei seiner Fahrt auf dem schwarzen Fluss ins Herz des afrikanischen Kontinents verrücken alle Maßstäbe. Marlow soll den zum Tyrann gewordenen Handelsagenten Kurtz finden und wegbringen. Seine Begegnung mit Kurtz wird zum Albtraum.
Vieles mehr in und an diesem Buch ist albtraumhaft. Ich hatte es nicht leicht mit ihm. Nach der Lektüre habe ich den Afrikaurlaub 2013 abgesagt. Das ist sicher keine Lösung, ich rufe auch nicht dazu auf, ganz im Gegenteil. Fahren Sie ruhig nach Afrika, Sie sind sicher noch jünger und wagnisbereiter. Joseph Conrad, das spürt man beim Lesen, war kein Optimist. Optimisten sind die, die es angeblich leichter haben im Leben, das Leben, für das dieser Schriftsteller in den letzten Sätzen seines Buches folgende Metapher findet:  „Es ist ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: „Ich bin gerettet!“
Ich werde noch vorsichtiger sein müssen mit dem Rufen im Walde. Note: 2– (ax) <<

>>Charles Marlow schippert mit seinen Freunden auf der Segelyacht „Nellie“  vor London. „Auch London war mal Finsternis“ raunt Marlow seinen Freunden zu und erzählt in einem eindringlichen Rückblick seine Erlebnisse auf einem Dampf-schiff, mit dem er einst den Kongo bereist hat. Er ist im Auftrag seiner Gesellschaft auf der Suche nach dem legendären Elfenbeinhändler  Kurtz, einem Statthalter des Kolonialismus. Er dringt auf dieser Reise immer weiter  „ins Herz der Finsternis“ , in vorzivilisatorische Regionen vor, in denen Menschen jenseits der Fesseln der Kultur in einem anomischen Zustand der Wildheit leben. Marlow ist abgestoßen und fasziniert zugleich. Er reist durch eine Urzeit der Menschheit, die kaum eine Spur und keinerlei Erinnerung hinterlassen hat. Er erschauert vor der Tatsache, mit einem Zipfel seines Wesens mit diesem tobenden Aufruhr verwandt zu sein. Je mehr er in die Tiefen des Urwaldes vordringt, desto mehr dringt er in die Abgründe der menschlichen Seele vor.
Der sagenhaft, todkranke Kurtz  wurde nach Marlows fester Überzeugung in die Wildnis gezogen, weil  sie verschollene, unmenschliche Begierden in ihm weckte, deren Befriedigung  ihn dann umso fester an diese Wildnis kettete.  Kurtz, von den „Wilden“ gottgleich verehrt, konnte hier über die Grenzen des Erlaubten hinausgehen, einer werden, der „keinerlei Schranken mehr kannte“. Mit sich selbst alleine, hatte Kurtz  in der Wildnis in sein Innerstes geschaut. Und dies hat ihn zerstört. Seine letzten Worte : „ Grauenvoll, Grauenvoll!“ Die Finsternis hatte Kurtz letztendlich  besiegt.
Conrad unternimmt mit Marlow eine Reise ins Freudsche „Es“ , hinab zu den Urinstinkten, ins Animalische , zum Ungezähmten, Rohen  und zeigt, wie hauchdünn und verletzlich die zivilisatorische Errungenschaft einer Trennlinie zwischen dem noch akzeptablen und dem  unmenschlichen ist.„Der Mensch ist ein bösartiges Tier“ (J.Conrad). Note: 2 (ün)<<

 >>In seinem 1902 veröffentlichten Roman schildert Conrad eine Reise in die Tiefen Afrikas, die auch und vor allem eine Reise in die Abgründe der Seele ist. Das Herz der Finsternis sind die geschwürartig sich ausbreitenden Gräuel der Kolonialherrschaft, Gräuel die immer auch aus der Finsternis einzelner hervorgehen. Eine moralische Finsternis, die zudem eine magische Anziehungskraft ausübt und ihre Potentaten mit einer blendenden Aura umgibt.
In einem langen Monolog erzählt Kapitän Marlow von seiner denkwürdigen Reise als Kapitän eines Binnenschiffs, welches sich über den riesigen Strom in die Kolonialgebiete durchkämpft. Marlow erlebt die von der europäischen Herrschaft zu Grunde gerichteten Schwarzen in den Todesstreifen entlang des Kongo Flusses. Marlow entgeht auch nicht die Niederträchtigkeit, die die Weißen untereinander in Intrigen, Machtkämpfen und Geltungsdrang offenbaren.
Seine Aufgabe ist es, Außenstationen zu versorgen, den Abtransport des Elfenbeins zu bestellen und den Informationsfluss zu erhalten, um die Macht der Zentrale zu gewährleisten. Ein ausnehmend erfolgreicher Außenposten wird von dem ehrgeizigen, visionären Beamten Kurtz geleitet. Kurtz ist unter den Kollegen gefürchtet, weil er ihre Karrieren gefährdet. Kurtz ist zunächst mit humanistischen Konzepten bei der Zivilisierung der Eingeborenen hervorgetreten. Später wird er trotz fehlender personeller Unterstützung zum mit Abstand erfolgreichsten Lieferanten von Elfenbein. Das Rezept seines Erfolgs ist ein Wandel hin zum selbst inszenierten Halbgott unter benachbarten Urwaldstämmen, die ihn in bedingloser Hingebung huldigen. Die Zaunpfähle seiner Umfriedung sind mit Totenköpfen geziert. Die Möglichkeit unbeschränkter Machtausübung hat ihn zum Tyrannen mutieren lassen, zum Tier animalisiert, das keine Grenzen kennt in der Erniedrigung anderer und Überhöhung des eigenen Ichs.
Marlows beschwerliche Reise verläuft langsam, ebenso langsam aber nachhaltig verdichten sich die Gerüchte um die Person Kurtz, die in unerklärlicher Weise eine Faszination auf ihn ausübt. Wie ein infektiöser Virus, der die inneren Abwehrlinien durchbricht und Grundlegendes im Menschen ins Gegenteil verkehrt. Geklärt werden die kausalen Zusammenhänge nicht. Marlow berichtet weitgehend trocken, bisweilen anklagend von den Einzelheiten der kolonialen Unterdrückung, sinnleeren Ritualen und der Vordergründigkeit zweifelhafter Wertmaßstäbe.
Die Fahrt führt ihn zunächst von Europa an die zentralafrikanische Küste, gefolgt von einem hunderte Kilometer langen zermürbenden Fußmarsch bis an den großen Strom, den sich sein altersschwacher Kutter fortan hinaufquälen wird. Vegetierende Kontrollstationen, inkompetente Beamte, völlig lautlose Wildnis mit dem Schweigen des Lebens nach dem Tode, zwangszivilisierte Schwarze als Heizer, die mit Kupferdrähtchen entlohnt werden, also einer Währung, die im Dickicht keinen Tauschwert hat. Ein absurder, fast kindischer Angriff mit zermürbendem Wehgeheul im absoluten Nebel, Leckagen, Brennstoffmangel, zürnende schwarze Hungermannschaft, die als gebürtige Kannibalen den Leichnam ihres Kollegen fordert. Auch hier herrscht Finsternis, doch wirkt dies wie eine evolutionäre Dunkelheit, die wie die Natur weder Schuld noch Unschuld kennt, sondern einfach nur ist.
Am Ende erreichen Sie die Außenstation, wo der todkranke Kurtz zusammen mit Massen seines Wildtiergoldes an Bord genommen wird, verzweifelt beweint von den Wilden, die die Inkarnation des Göttlichen verlieren und durch den hilflosen Angriff versuchten, dies zu verhindern. Doch die Schiffsmaschine spuckt nicht nur Dampf und ihre Seelen zerreißende Sirenentöne, sondern treibt auch den Verlauf des Schicksals voran. Wenig später erliegt Kurtz einer unbekannten Erkrankung mit den vernichtenden Worten über sein Leben: „Grauenvoll, grauenvoll“ – angewidert von seinem Herz der Finsternis.
Marlow kehrt nach London mit Briefen zurück, die er der Braut von Kurtz übergibt. Bei der Frage nach Kurtz letzten Worten belügt Marlow sie – es sei angeblich ihr Name gewesen, was sie zutiefst berührt. Im Laufe der Zeit ist Marlows Erinnerung an Kurtz zunehmend verblasst. Am Ende bleiben noch nicht einmal seine reuevollen Worte. Alles, auch die Grausamkeiten sind vergänglich. Die Zeit frisst still jede Gegenwart.
Ein kritischer Roman aus der vorherigen Jahrhundertwende. Begrenzt im Umfang aber mit Längen; auch mit Spannung aber nicht immer mit nachvollziehbaren Verknüpfungen. Note: 2/3 (ur)<<

>>Was Charlie Marlow, „der noch immer zur See fährt“ nächtens seinen vier Zuhörern auf dem Deck eines in der Themsemündung liegenden Dampfers  erzählt, ist weit mehr als der Bericht seiner Expedition, die er in Diensten einer französischen Handelsgesellschaft nach Zentralafrika (der Name Kongo fällt nicht) vor Jahren unternahm. Seiner jugendlichen Faszination folgend, jenen „gewaltigen Fluß, den man auf der Landkarte sehen konnte und der einer riesigen, sich aufringelnden Schlange glich deren Kopf im Meer…und deren Schwanz sich in den Tiefen des Kontinents verlor“, als Dampferkapitän zu befahren, bricht er dorthin auf, wo man nach Ansicht seiner die Anstellung vermittelnden Tante die „unwissenden Millionen von ihren entsetzlichen Bräuchen abbringen müsse“. Marlow, der schon einleitend die Taten römischer Legionäre auf der britischen Insel als das beschreibt, was sie aus einer Sicht waren – „Es war schlicht Raub unter Gewaltanwendung, Mord unter erschwerten Umständen in großem Stil“ – begibt sich auf eine Reise, die ihn in verschiedenster Form in das Innere einer Finsternis führen sollte. Kurz währt der erste eher bewundernde Eindruck der „schwarzen Burschen“ mit dem „Weiß ihrer Augäpfel“:  „eine wilde Vitalität, eine ungeheure Energie lag in ihren Bewegungen…..Sie bedurften keiner Rechtfertigung ihres Daseins. Sie anzusehen war eine rechte Labsal“. Doch schon bald sollten sich Marlows  „Schreckensahnungen“ bewahrheiten. Französische Kriegsschiffe, die blindlings auf vermutete Eingeborenen-Lager feuern („eine Spur von Irrsinn“), die Niederlassung seiner Handelsgesellschaft  ein bizarres Szenarium von Negersklaven in Ketten beim Eisenbahnbau und „todgeweihten Gestalten“, die Marlowe begreifen lassen , dass er in diesem Lande „Bekanntschaft mit einem schlappen, eingebildeten, kurzsichtigen Teufel raubgierigen und erbarmungslosen Wahnsinns machen würde.“ (26). Während namenlose Figuren wie der Hauptbuchhalter der 1. Niederlassung (nur seine Bücher waren „in Ordnung“), der Direktor der Zentralstation und sein Agent in der Mischung von pflichtbewusst, dümmlich, arrogant, hinterlistig eher ein weißes Schattendasein führen, nimmt die vielschichtige zentrale Figur des „erstklassigen Agenten Kurtz“ (erstmals auf S. 30 erwähnt) allmählich Gestalt an. Dabei erscheint Kurtz in den Schilderungen Marlows  zunächst als ein für das die Handelsgesellschaft äußerst erfolgreicher Elfenbeinhändler mit Aussicht auf eine große Karriere, der fettwanstige Direktor der Zentralstation verhöhnt ihn gar als  Gutmenschen: „Jede Station sollte wie ein Leuchtfeuer auf der Straße zum Besseren sein, ein Zentrum des Handels, freilich, doch auch ein Zentrum der Gesittung, der Höherbildung, der Unterweisung .“ Als dann nach einer abenteuerlichen Flußdampferfahrt  zu Kurtz  Station derselbe  erstmals erscheint , blickt Marlow  im doppelten Sinne in die Mächte der Finsternis. Kurtz, den die Internationale Gesellschaft zur Unterdrückung primitiver Bräuche „eigens mit der Ausarbeitung eines Berichts betraut hatte, der ihr zur Orientierung für die Zukunft dienen sollte“, ist von einer tödlichen Krankheit gezeichnet. Körperlicher Verfall und Wahnsinn scheinen das Ergebnis seiner Mission zu sein. Zeigen Pfahlreihen aufgespießter vertrockneter Köpfe von Schwarzen um seine „Elendshütte“ barbarische Grausamkeit , so verraten Voodoo-Zauber und Verehrungsgesten einer nicht näher charakterisierten wilden und prächtigen Frauenperson („Sie war primitiv und herrlich. Funkeläugig und grandios“), die mit Schattengestalten ihres Stammes Kurtz Abschied betrauert, ja sogar zu verhindern sucht, Züge göttlicher Verehrung. Kurtz 17seitiger Bericht, den Marlowe nach dem Tod von Kurtz öffnet, offenbart den Zwiespalt seiner Person. Ist er zunächst davon überzeugt die Weißen müßten „den Wilden“ wie „übernatürliche Wesen vorkommen“, die „eine schier unbegrenzte Macht zum Guten ausüben (könnten)“, so endet sein von  ihm selbst als „Flugschrift“ bezeichneter Bericht mit dem Appell „Rottet all diese Bestien aus“. In den Abgrund auch seiner eigenen Seele muss Kurtz nach Jahren in der Wildnis geschaut haben. Zivilisatorisches und Barbarisches vermischen sich und vom Bild des erfolgreichen Agenten bleibt, nun, da er auf dem zurückkehrenden Flußdampfer stirbt, der „Ausdruck düsteren Stolzes, unbarmherziger Gewalt, feigen Entsetzens“ und die letzten nur noch dahin gehauchten Worte: „Das Grauen, das Grauen“: Ein warnendes Vermächtnis für alle weißen Beutegeier.
Warum Conrad den Blick in die Finsternis zum Schluss nochmals ins Herz der „Zukünftigen“ von Kurtz lenkt, der Marlowe das falsche letzte Wort des in der Wildnis Begrabenen überbringt, bleibt für mich rätselhaft. Note :2/3 (ai)<<

Die Insassen- Katharina Münk

Katharina Münk - Die Insassendtv 2009,  216 Seiten. 

>> Vier Insassen der Nervenklinik St. Ägidius wollen diese an die Börse bringen. „Börsengang“ ist das Zauberwort. Die vier sind zwar Patienten, aber einer von ihnen sieht sich als Chef der Anstalt und er rackert wie vormals vor seiner Entlassung. Und sie haben noch gute Verbindungen nach draußen.Manchmal fühlt man sich eine Bildgeschichte von Sempé erinnert. Da wird einem ausgebrannten Manager von seinem Therapeuten empfohlen, sich bei der Gartenarbeit  zu regenerieren. Aber was passiert? Nach ein paar Monaten hat er aus seinem Gärtlein ein Plantage gemacht mit steigenden Erträgen. Sie können halt nicht anders. Und fast hätte der Börsengang auch geklappt, wenn nicht im letzten Augenblick. ….Der Bundesbahn wäre vermutlich viel erspart geblieben, wenn man Herrn Mehldorn rechtzeitig nach St. Ägidius gebracht hätte. Köstlich sind die vielen Beispiele aus der Wichtigmachersprache der modernen Arbeitswelt, vom Networking zum Soulmanager,  Powermap, Meeting, Private Equity, Work Life Balance und so fort. Ein besonderes Schmankerl ist das Kapitel, in dem die Manager, die alle einen Chauffeur hatten, versuchen sich im öffentlichen Personennahverkehr zurechtzufinden. Aber manchmal zieht sich die Story auch etwas hin und die Parodie gleitet zur Comedy hin ab.
„Wo ich bin, ist oben.“, sagt Dr. Wilhelm Löhring einmal über sich. Nein, nein, ich werde nicht neidisch oder vielleicht doch ein bisschen? Note: 2/3 (ax)<<

>>Was im Hochreitner-Trakt der renommierten psychiatrischen St. Ägidius-Klinik abgeht seit Dr. Wilhelm Löhring in Verkennung der Realität aus dem Laden ein börsennotiertes Unternehmen im „Psycho-Health-Care-Segment“ machen will, ist im besten Sinne unterhaltsam. Die Wirtschafts- und Finanzwelt mit ihren reichlich schrägen Figuren draußen erweist sich letztlich als therapiebedürftiger als die Insassen der in jeder Beziehung geschlossenen Gesellschaft. Vor allem das sprachliche Blendwerk des Big-Business „draußen“ und dessen Orientierung an Äußerlichkeitsritualen wird trefflich vorgeführt. Dass dabei Satirisch-Ironisches zuweilen zum Klamauk gerät (Wienkamp u. Fechtner sind dafür besonders anfällig), stört. Vier Schmankerl: Das „Management-Audit“ für Winters Nachfolger (Profil: „Arschloch mit menschlichem Antlitz“) – Die Einweisung des Kollegen Steinfeld aus der Analystenabteilung von Losewitz – Karin Schlicks Verwandlung der Therapiebox in Jeff Koons „The basket – Logo work for World Medical Care“ – Die Fahrt der Insassen zum Börsenplatz Frankfurt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Hätte man schon früher manchen Luftblasen-Bullenreiter vom Börsenplatz nach St. Ägidius abgeführt, sähe mein Depot anders aus. Note: 2/3 (ai)<<

>>Ausgesprochen amüsant. Tiefsinnig humorvoll. Literarische Schwerelosigkeit mit psychologischem Gewicht. Unternehmerische Fachkenntnisse wunderbar verdichtet zu satirischem Leergut. Ernsthaftigkeit ohne lähmende Moralgebärden. Potemkische Kulisse als Realwelt. Eine herrlich inszenierte Satire über die Leichtigkeit, aus dem Darmwind erkrankter Hirne Finanzblasen zu generieren.
Wir schauen auf vier entgleiste Psychen einer Wirtschafts- und Finanzwelt, denen die realen Bezugspunkte abhanden gekommen sind. Eingeliefert in den exklusiven Hochreitner Trakt der psychiatrischen Privatklinik St. Ägidius schicken sich drei Manager und eine Chefsekretärin mit gravierendem burn-out-Syndrom an, ihre missverstandenen Rollen in den neuen Klinikkontext zu stellen: in einer wunderbar absurden Finanzposse betreiben sie die konspirative Übernahme der Klinik um sie zu ihrer Aktiengesellschaft zu machen. Am Ende mit Erfolg, aber…
Dr. Löhring, als Head des vierköpfigen Senior Round Table, bleibt in der Tat völlig verborgen, dass seine Privat- und Arbeitswelt ihn in die Psychiatrie entlassen hat. Die ihn empfangenen Klinikmitarbeiter in weißen Kitteln identifiziert er zielsicher als forschende Fachkräfte der Research & Development Abteilung des Unternehmens, das er im expandierenden therapeutischen Marktsegment sanieren will. Ebenso beeindruckt zeigt er sich von der postmodernen Unternehmenskultur mit ihrer vermeintlich ausgeglichenen Life-work-balance, als eine Patientengruppe Staffeleien im Rahmen einer Mal-Therapie aufstellt – und zwar während der Arbeitszeit. Der positive Eindruck wird abgerundet durch ästhetische Stilelemente wie das ungewöhnlich präzise gemähte Rautenmuster des großzügigen Rasengeländes – vermutlich als Ausdruck eines den Equity Wert steigernden Qualitätsverständnisses. Dr. Löhring ist zunächst begeistert von seinem Empfang und der neuen Führungsaufgabe.
Das penible Rautenmuster ist das Ergebnis der Beschäftigungstherapie von Herrn Winter, gescheiterter Manager mit autistischen Zügen, aber Sinn für Präzision, Zahlenwerk und komplexe Finanzakrobatik. Wenn es eng wurde, hatte sich Winter Menschen immer mit einer gewissen Notfallarroganz vom Leib gehalten und gleichzeitig äußerst akkurate Spuren hinterlassen: früher bei Optionsgeschäften und heute beim Rasenkantenschnitt. Er wird der eigentliche Finanzspezialist des Quartetts, der für den Überraschungscoup den bunten Bogen von Strategiepapieren schon bereithält, als andere noch gar nicht ahnen, dass man Papier brauchen würde.

Der Dritte im Bunde ist Hubert Wienkamp: im ersten Leben unausstehlicher Personalchef, nach dem Verlust von 20 Jahren Lebenserinnerung jedoch zum sympathischen Amnesiepatienten mutiert, dessen Stärke Empathie und Sozialgemüt sind. Seine Amnesie wird zur Berufung, die ihn zum soul manager der Aktionstruppe machen wird. Sympathieträger wird man auch, wenn man ein Taxi zur Klinik mietet, vergisst einzusteigen, stattdessen vorneweg läuft und den hinterher gleitenden Fahrer am Ende dennoch bezahlt.

Als Vierte wird die ehemalige Chefsekretärin Karin Schlick gegen ihren Willen rekrutiert. Sie ist natürlich als Frau bei vollem Verstand, möchte ihren Aufenthalt in St. Ägidius ganz ihrer Genesung widmen und wird zu guter letzt die Posse auffliegen lassen. Ihr Organisationstalent und ihre Weitsicht machen die praktische Umsetzung der Löringschen Theoriekonzepte erst möglich. Dank der therapeutischen Fortschritte wird ihr ein Rehabilitationspraktikum im Vorzimmer des Klinikchefs angetragen, womit sich ihr alle Türen zur Manipulation im Herzen des Klinikapparates öffnen.

Löring treibt das Projekt zielstrebig voran, auch wenn er immer wieder von seinem zweiten Ich traktiert wird, sobald es eng wird im Aktionstunnel. Doch die wiederholten Ausbruchversuche dieses rebellierenden Kranken in ihm versteht Löring zu unterbinden, indem er ihn im Keller seines Gemüts ankettet. Krankenstände und Arbeitsausfälle haben ohnehin keinen Platz in einem leistungsstarken Unternehmen, welches sich im Premiumsegment des Psychiatriemarktes profilieren will. Strategiekonzepte werden entwickelt, Projektpapiere formuliert, regelmäßige brain stormings abgehalten und schließlich Banker einbezogen, die aber unerfreulicher Weise das Objekt in Augenschein nehmen möchten. Was jetzt?

Als erstes braucht das äußere Erscheinungsbild ein upgrading. Flugs beordert Frau Schlick am Tag des Bankertreffens die Gattinnen wohlhabender Patienten zum Chefarzt, weil der Krankheitsverlauf ihrer Ehegatten angeblich bedrohliche Züge angenommen habe. Der Chefarzt wird überzeugt, dass man zur Sanierung der Haushaltslage ohnehin Therapieverlängerungen anregen sollte. Entsprechend ist – wie für ein prosperierendes Unternehmen üblich – der Parkplatz der Klinik mit repräsentativen Limousinen voll geparkt. Die Banker werden passgenau von Winters Finanzmodellen eingenommen und sind erfrischend angetan von dem ungemein schlichten und damit mutigen Möblierungsstil des Konferenzsaales (also der Cafeteria). Ähnlich durchschlagend positiv wird der antizyklische Präsentationsmodus im Retro-Stil ohne Powerpoint und Beamer, sondern mit Kamillentee und Wurstwecken aufgenommen. Weiter kann man dem Zeitgeist kaum voraus sein. Damit ist die erste Hürde genommen. Die Banker fungieren als Katalysatoren um Großinvestoren zu gewinnen. Es folgt ein Höhepunkt dem anderen. Die Seniorenbande – tragischerweise ohne Frau Schlick – macht sich auf zur Road Show ins Frankfurter Bankenviertel. Prompt sehen sich die Herren mit einer fast unlösbaren Aufgabe konfrontiert: dem Erwerb eines Gruppenfahrscheins am Automaten des öffentlichen Nahverkehrs. Nicht überraschend reißt sich der Angekettete in Lörings Seelenkerker los und droht schreiend ins Freie zu stürzen. Doch irgendwie hat der Automat ein Einsehen, so dass die Drei noch am gleichen Tag bleibenden Eindruck bei konkurrierenden Investorgruppen aus Japan, Großbritannien und der BRD hinterlassen. Das Klinikum wird formal einer bankrotten Miederwaren AG aus dem hinteren Ruhrgebiet einverleibt, womit die langwierige Gründung einer neuen Aktiengesellschaft umgangen werden kann. Wenig später schon erfolgt die Präsentation an der Börse mit bereits mehrfach überzeichneten Wertpapieren. Doch Löring hat den Deal ohne den unumstößlichen Therapiewillen von Frau Schlick gemacht, die genau diesen Moment ins Kalkül einbezogen hat und bei der Börseneröffnung die Krankenakten der drei Patienten präsentieren lässt. Der Welt soll am erfolgten Vollzug vor Augen geführt werden, wie krank die Täter, wie leichtgläubig das System und wie bereitwillig blind die Opfer sind. Anders hätte niemand den ganz realen Wahnsinn für möglich gehalten.

Im Nachtrag erfahren wir, dass Frau Schlick und Herr Winter sich dem überschaubaren Mikrokosmos des Hochreitner Traktes dauerhaft verschrieben haben und in der Klinik-eigenen Gärtnerei Floristenpreise für Hagebuttenbaldachine einheimsen. Sie glauben nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Normalwelt. Wienkamp hingegen wechselte auf gleichbleibendem Niveau ins TV Geschäft, um dort als Hauptdarsteller einer Pfarrbüro-Serie allwöchentlich die Republik zu begeistern. Und Löring, der Serientäter? Ihn feiert die unverbesserliche Öffentlichkeit als neuen, alten Chefsanierer angeschlagener Industriebranchen, gefesselt von seinem Credo: „Es ist wohl mein Schicksal, Erfolg zu haben.“

Nicht nur die Originalität des Plots und seiner Ausformung macht dieses Buch so lesenswert. Nein, es ist auch die Leichtigkeit mit der fast jeder Verriss wieder ins Liebenswerte verkehrt wird. So wird der Klinikchef degradiert als ein Charakter mit der Ausstrahlung eines Kaufhausangestellten in der Kurzwarenabteilung, dem man im Zweifelsfall immer das teuere Garnröllchen abnehmen würde.

Ebenso quillt das Buch kenntnisreich von satirischem Sprachschaum über. Bei der Suche nach einem Logo der neuen Soul Management Group AG drängen sich prompt die verabscheuten Weidenkörbe auf, die die Herren im Therapiealltag flechten müssen. Stilisiert sei der Flechtkorb Inbegriff der Dreieinigkeit von Professionalität, Kreativität und Nachhaltigkeit und dies in einer modernen Dreidimensionalität. Er sei ein plakatives, emotionalisierendes Logo, das unweigerlich das heimelige Gefühl des Gutaufgehobenseins auslöst.

Seit Jahren warten wir auf ein Werk, das nicht nur einen ernstzunehmenden aktuellen Hintergrund in Zeiten der globalen Finanzdesaster hat, sondern welches uns auch so nachhaltig amüsieren und begeistern kann. Großartig. Note: 1 (ur)<<

Der Sommer ohne Männer – Siri Hustvedt

Siri Hustvedt- Sommer ohne MännerRowohlt 2011, 300 Seiten.

 >>„Die Banalität der Geschichte – die Tatsache, dass sie jeden Tag ad nauseam (auf Deutsch: ‚bis zum Erbrechen‘ wäre verständlicher aber weniger bildungsbeflissen gewesen) von Männern wiederholt wird, die plötzlich oder allmählich entdecken, dass, was IST, nicht SEIN MUSS, und dann handeln, um sich von den alternden Frauen zu befreien, die sie und ihre Kinder jahrelang versorgt haben – dämpft nicht das Elend, die Eifersucht und die Demütigung, die die Verlassenen überkommt.“
Was uns Siri  Hustvedt über dieses Motiv der betrogenen Frau (Elend, Eifersucht, Demütigung) am Beispiel der Mia-Boris Beziehung zu erzählen weiß, bleibt dürftig und ließ meine Augen vielfach ohne jeden Genuss und schon gar nicht Erguss „in ihren Höhlen nach oben rollen“. Nach 30jähriger Ehe durchläuft die Professorin für Komparatistik und bekannte Lyrikerin Mia Fredricksen aus New York durch das „Pause-Abenteuer“ ihres Ehemannes Boris Izcovich (ein bekannter Neurowissenschaftler und Rattenmann) eine kurze aber schwer psychotische Krise um sich danach in den heimatlichen Mutterschoß eines Provinzstädtchen in Minnesota zurückzuziehen, wo ihre betagte Mutter zusammen mit ihren „fünf Schwänen“, fünf verwitweten Frauen zwischen 84 u. 102, „der Elite des Ostflügels von Rolling Meadows“ in einer vornehmen Seniorenwohnanlage „in einer intensiven Gegenwart lebte“. Dem männerlosen Sommer Mias und der fast männerlosen Gegenwart dieses Seniorinnensextetts  (allein ein rollstuhlfahrender Mitbewohner namens Oscar Busley erfährt ein kurze Erwähnung, wie könnte es auch durch die eingeschlagene Perspektive des Romans auch anders sein, als lüstern Enthemmter) gesellt sich gleichsam als jugendliches Pendant ein Grüppchen von 7 pubertierenden Mädchen („Über die prickelnde Aussicht hinaus, Mitglieder des anderen Geschlechts zu treffen, herrschte zwischen ihnen jedoch noch eine zusätzliche Spannung…“), denen die New Yorker Professorin Mia  6 Wochen  „creative writing“ vermittelt.  Während sich das Seniorinnen- grüppchen eher als Solidargemeinschaft (nicht nur in der Form eines monatl. Lesezirkels) erweist, entgleitet Mias Schreibkurs  zunehmend zum Zickenkrieg, der rund um die Periodengeschichte Alice‘ alle Züge einer Mobbinggeschichte trägt, aber dank Mias Geschick durch eine reichlich konstruierte literarische „Hexenzirkel“- Rollengeschichte aufgearbeitet wird.  Neben Alt und Jung dient Mia eine dritte, allerdings kurze Episode ebenfalls als Spiegel von „Geschlechterbeziehungen“. Erweckt Mia zunächst den Eindruck in der Nachbarfamilie Pete, Lola, Flora u. Simon zeigten sich alle Strukturen einer gewalttätigen männerdominierten Unterschichtfamilie, so entpuppt sich das Ganze als „Seifenoper“ mit reichlich kitschigem Happyend. Alle drei Geschichten führend Mia in unterschiedlicher Weise zurück auf Spuren der eigenen Vergangenheit  und Kindheit und erfüllen damit  auch eine therapeutische Funktion, auch im Bezug auf Sexualität. Dabei finden die „knospenden Körper“ der pubertierenden Mädchen, die Mia  als „indirekter Beschleuniger“ dienen ihre erotische Vergangenheit  einem geheimen Büchlein anzuvertrauen, eine Entsprechung in den Enthüllungen der 94jährigen Abigail, die Mia ihre erotischen Gobelinstickereien offenbart. Mias Enthüllungen bleiben demgegenüber mager und selbst ihre Erinnerung an den Bibliotheksquickie mit Professor B. kommt nicht ohne den bildungsbeflissenen Zusatz aus, es sei geschehen während ihrer Beschäftigung mit dem “ leichteren“  Kant, der „Kritik der praktischen Vernunft“, nicht der „Kritik der reinen Vernunft“ (oder ist dieser Hinweis gar ironisch gemeint?)
Eine ganz andere Ebene betritt die Autorin  mit der skurrilen „Niemand-Briefgeschichte“, die vor allem durch Pseudotiefsinn auffällt (auch die Autorin bekennt „Niemand verstand Niemand“). Niemands Reflexionen stellen den ärgerlichen Höhepunkt in einer Reihe intellektueller Verirrungen Mias dar (ihre eigenen Gedichte –merkwürdigerweise hat Niemand hier ein erstaunlich klares Urteil  „hirnrissig, Scheiße“- Namedropping durch die abendländische Literaturgeschichte,  Freud- und Kierkegaard- Verschnitt, abenteuerliche Orgasmus-Theorien im Tierreich, Columbus Klitoris-Entdeckung etc.), die das Gegenteil von dem bezeugen, was die ZEIT-Kritik der Autorin Siri Hustved bescheinigt: “intellektuelle Demut“. Was aber, so fragt der von der Erzählerin immer wieder ins Handlungsgeschehen mit einbezogene Leser, ist der Grund, dass „die Banalität der Geschichte“ (nämlich dass ein Mann eine jüngere „Pause“ nimmt) eine vermeintlich glückliche Wendung nimmt und Boris, nachdem er Mia reichlich verkitscht „den Hof macht“ wieder zurückkommt (doll dieser Schluss, auch sprachlich erstaunlich: „Ein Auto fährt in die Einfahrt“ weiß die gemeinsame Tochter Daisy zu berichten – „Es ist Dad, Mom….Na,na, willst du nicht aufmachen?….Mach du auf……Er soll zu mir kommen“. Die „ABBLENDE“ auf S.300 kommt viel viel zu spät, aber die amerikanische Leserin aus gut situiertem Milieu sieht diesen Frauenroman sicherlich ganz ganz anders. Note: 5 (ai)<<

>>„Ein Sommer ohne Männer“ suggeriert ein sorgenfreies Licht, das über die Sommersonnenwende hinaus strahlt. Oder eine anhaltende Hitzewelle, der nicht nur fruchtbarer Regen sondern auch ein guter Teil der Schöpfung, eben Männer, fehlt. Oder schlicht eine zufällige Lücke. Siri Hustvedt macht daraus Kreuzungspunkte zahlreicher Lebenslinien in einem Sommer im mittleren Westen Amerikas. Mädchen, Ehefrauen, Greisinnen, denen gemeinsam ist, dass ihnen Männer fern, fremd oder abhanden gekommen sind. Mädchen ohne Jungs, Frauen ohne treue Ehemänner, Senioren ohne lebende Gatten. Mia, die Literaturprofessorin und Ich-Erzählerin ist eine von Ihnen. Mia steht unter dem Schock einer Pause – einer Pause in ihrer Ehe. Eine Pause, die ihr Ehemann zu einem Exkurs mit einer jungen neurobiologischen Kollegin beansprucht. Mias Zusammenbruch ist so gründlich, das sie sich in der Psychiatrie vergisst und sich erst bei einer Flucht in den heimatlichen Mutterschoß tausende Kilometer entfernt mühsam an sich selbst erinnert. Hier im mittleren Westen spinnt sie vorsichtig neue Fäden, eingemietet in ein fremdes Haus mit häufigen Besuchen bei ihrer im Seniorenstift lebenden Mutter und einem Lyriklehrkurs für von den Sommerferien vergessenen Kleinstadtgören. In dem neuen Geflecht wird sie für die überforderte Mutter Lola aus der Nachbarschaft mit ihren zehrenden Kleinkindern und dem unbeherrschten Ehemann zur Lebensstütze. Dem Seniorenkreis „Fünf Schwäne“ ihrer Mutter ist sie ein willkommender Gast, der nicht nur mit Literaturbeiträgen den Alltag auf „Rolling Meadows“ anreichert, sondern auch vertrauensvoller Zuhörer für nicht-geahnte Intimitäten hoch betagter Damen ist. Die pubertierenden Schülerinnen überrascht Mia mit provokanten Annäherungen an Wort und Sprache, die sie in der Lyrikwerkstatt zu unkonventionellen Gedicht-Basteleien einsetzen lässt. Im Laufe des mehrwöchigen Kurses gewinnt Mia ihre Stärke zurück und wird zur weisen Mediatorin in einem hässlichen Zickenkrieg, der unter den konkurrierenden Mädels Unfrieden stiftet.
Neben den leibhaftigen Beziehungen steht Mia virtuell in Kontakt mit ihrer bestärkenden Psychotherapeutin, der liebenden Tochter Sarah und einem Mr. Niemand, der vielleicht auch eine Frau ist und sie zunächst mit beleidigenden, später borderline-philosophisch ausufernden Emails bombardiert. Ihr Mann Boris sendet ebenso Signale, die im Laufe der Monate und dem Verlust seiner Pause reuevoller klingen. Und weil auch ein Sommer ohne Männer einmal zu Ende geht, steht Boris im Frühherbst wie erhofft wieder vor der Tür und alles wird für die genesende Mia vermutlich wie früher.
Der Leser wird sprachlich durchaus unterhalten, doch erschließt sich ihm nicht, welche (literarisch gehaltvollen) Bezüge zwischen den Bezugsgruppen bestehen, ob die gerade aufbrechenden Konflikte der Jugend die gelösten Probleme der Senioren sind und ob Mia gerade durch das Eingebundensein zwischen beiden Gruppen die Lösungen für ihre Lebenspause findet. Ebenso offenbart sich zwischen den realen und den virtuellen Kontakten keine Verbindung, so dass dieser Sommer ein Panoptikum bleibt, in dem Wachsfiguren ohne inhaltlichen Bezug zueinander ausgestellt werden. Schade. Selbst die seelische Genesung von Mia wird nicht offensichtlich aus den Begegnungen gespeist. Auch wenn eindrucksvolle Textpassagen und Konstruktionen eingestreut sind wie die sprachtherapeutische Konfliktlösung unter den Schulmädchen oder die homoerotischen Masturbationsstrickereien der uralten Abigail, wird für einen Sommer ohne Männer dann doch ein anderes Buch empfohlen.  Note: 3/4  (ur) <<

>> Mia , Literaturwissenschaftlerin , natürlich preisgekrönt wird von ihrem Mann Boris, Neurobiologe,  natürlich weltberühmt, verlassen. Er braucht eine“ Pause“.  Mia ist tief verletzt und kommt vorübergehend sogar in die Psychiatrie. Sie zieht schließlich zu ihrer 87-jährigen Mutter, die mit ihren rüstigen, vitalen Freundinnen im Altersheim lebt. Zugleich hält sie vor Ort einen Sommerkurs im kreativen Schreiben für 7 pubertierende Mädchen, deren subtiles Beziehungsgeflecht sie einfühlsam durchschaut. Die allzu häufig eingeflochtenen Zitate aus der Weltliteratur und das permanente namedropping nerven allerdings schon gewaltig. Ohne Kirkegaard, Meister Eckhart, Hegel, Schelling, Heidegger, Goethes Faust und den Buddhismus scheint bei Huistvedt wenig zu laufen. Kein Wunder bleiben auch Versprechungen über ein erotisches Tagebuch, das sie in einer Art Rachfeldzug gegen Boris schreiben will, leer. Die Deutung  von Mia’s Beziehung zu ihrem Vater als Schlüssel zu ihrem Verhalten gegenüber Boris wirkt trivial und wenig überraschend. Selbst bei den durchaus enttäuschenden Betrachtungen über Sex muss uns die Ich Erzählerin darüber aufklären, dass sie den schwierigen Kant“, den der reinen Vernunft, schon mit 20 Jahren gelesen hat. Auch die seltsame Figur des Mr. Niemand, die ihr E-Mails schreibt, scheint nur eingebaut zu sein für  intellektuelle Höhenflüge und als Nachweis der Belesenheit der Autorin. Es geht am Ende in dem E-Mail-Verkehr um schwierigste letzte Fragen des Seins , nachdem  anfangs noch von Scheiße und hirnrissiger Poesie die Rede war .Von intellektueller Demut, wie in der Besprechung in „Zeit“ versprochen, keine Spur. Im Gegenteil. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter, mit dem eigenen Älterwerden dann wieder besser gelungen, auch die Schilderung der Mobbing-Affäre in ihrem Literaturkurs hat mir gefallen.
Die Erklärung für die auf den ersten Blick überraschende Wendung im Buch- Boris kehrt zurück und  Mia nimmt ihn auch wieder – mag trivial und kitschig klingen, ist es aber keineswegs:  „Die Erklärung war Zeit, all die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten“. Note: 3 (ün)<<

>> Arme Mia. Ihr Boris hat sie verlassen. Nach dreißig Jahren. Wegen einer Französin mit „signifikantem Busen, der echt, nicht künstlich war“ (Seite 11). Dessen Signifikanz wird aber nur einen Sommer lang wirken. Im Herbst kommt Boris wieder heim. Das Buch sei eine Komödie, sagt die Autorin (ZEIT-Literatur, März 2011). Ach so. Doch bevor Boris zurückkommt, wird Mia temporär verrückt. Danach zieht sie in ihr Heimatdorf nach Minnesota, wo ihre Mutter in einem Altersheim lebt.  Die Schilderung der Mutter und ihrer vier betagten Freundinnen („fünf Schwäne“) zählen zu den gelungensten Passagen des Romans. Fast kontrapunktisch dagegen gesetzt der Lyrik-Workshop mit sieben jungen Mädchen. Einfühlsam wird ein Zickenkrieg beschrieben. Auch die mittlere Generation fehlt nicht: Nachbarin Lola mit zwei kleinen Kindern und einem höchst komplizierten Mann. Hin und wieder taucht auch Tochter Daisy bei den Eltern auf. Typisch oder stereotypisch? Viele solcher Beziehungskatastrophen habe sie in ihrem Umfeld beobachten können, erzählt die Romancière. Bei ihr zuhause sei aber alles bestens, ihren dreißigsten Hochzeitstag habe sie mit Paul kürzlich in einem Hotelzimmer gefeiert. Ist doch schön. Ich habe diesen aus vielen Splittern zusammengesetzten Roman als Zumutung empfunden. Das fast  unablässige Namedropping  berühmter Persönlichkeiten, die unsäglichen, selbst gebastelten Gedichte, die  „Zeichnungen“ der Schriftstellerin, ihr verunglücktes Sex-Tagebuch.  Nicht zu vergessen ihre inhaltlich fragwürdigen Ausflüge in die Genderforschung und Neurowissenschaft, ihre Reflexionen über Gehirnunterschiede zwischen Mann und Frau. Männer, und so gesehen hält der Titel auch fast was er verspricht, kommen nur als die Versender von E-Mails vor. Für die Erinnerung gilt das  allerdings nicht. Vieles ist einfach etwas zu egozentrisch und primadonnenhaft geschrieben. Die Übersetzung war vermutlich nicht leicht. Kann mir jemand sagen was ein „Werdepfad“ ist?
Die Botschaft des Romans: “Meine Antwort lautet: Ho! Ho! Ho!. Der Kummer mit den Geschlechtern hört nie auf“ (S.161). Vielleicht sollten wir versuchen,  „unsere“ Bücher etwas sorgfältiger auszuwählen. Die iranische Liebesgeschichte war doch auch eine Qual, oder?  Note: 4/5   (ax)<<

Traumnovelle – Arthur Schnitzler

traumnovelleS. Fischer, 88 Seiten.

 >> Fridolin und Albertine leben in Wien nach dem Untergang der Donaumonarchie. Das ist lange her und trotzdem könnte man sie ein modernes Paar bezeichnen. Ein Paar, das dicht kommuniziert, das sich über die geheimsten Wünsche und  Abgründe austauschen möchte und sich dabei überfordert. Eigentlich nicht erstaunlich. Auf die  Frage, ob sich Eheleute alles erzählen sollten, gibt es sicherlich keine allgemeingültige Antwort.
Wer die Kränkungen und Verletzungen, die bei diesen  Gesprächen entstehen können, aushalten kann, nur zu. Fridolin und Albertine schaffen es nur mit Mühe, sich gegenseitig zu Therapeuten zu machen. Misstrauen und Eifersucht verzerren die Wahrnehmung und Fridolin meint von seiner Frau: „Sie ist die Schlimmste von allen.“ Damit liegt er ziemlich daneben. Eros und Tod sind die roten Fäden, die sich durch die Novelle ziehen. Viel Erotisches, aber es „passiert“ nie was. Und viel Symbolisches, Freud lässt grüßen.
Aber alles wird gut und auf der letzten Seite beginnt ein neuer Tag mit einem „sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen Kinderlachen.“
Das ist schön. Note: 2/3 (ax) <<

>>    Was ist Traum, was Wirklichkeit? „Kein Traum ist völlig Traum“, seufzt Fridolin am Ende. „Und keine Wirklichkeit ist völlig Wirklichkeit“ ergänzt Arthur Schnitzler in einem Brief an seinen Verleger S. Fischer, in dem es auch um den Titel der Novelle geht und in dem Schnitzler auf „Traumnovelle“ besteht. Selten ist die Dialektik von Traum und Wirklichkeit treffender und spannender literarisch verarbeitet worden als in diesem schmalen Bändchen von gerade mal 88 Seiten. Eine Fundgrube für die fast zeitgleich entstandene Psychoanalyse Freuds. Der Titel “Eyes wide shut“, den Kubricks Verfilmung der Novelle  aus dem Jahre 1999trägt,  führt glänzend in die Paradoxie der Thematik ein. Hat man den Film gesehen, bevor man die Novelle gelesen hat, fällt es schwer, sich von den Bildern  des Films und von Tom Cruise und Nicole Kidman zu lösen.

Frido und Albertine geraten nach dem Besuch eines Maskenballes in ein Gespräch, das in einem leichten Geplauder beginnt und zunehmend ernsteren Charakter bekommt und in dem es um verborgene Wünsche und Sehnsüchte geht.  Albertine erzählt Frido von einer Begegnung mit einem jungen Mann im letzten Sommer, den beide in Dänemark verbrachten. Dass es beim Austausch von Blicken blieb, macht es für Frido nicht leichter, gesteht Albertine ihm doch, dass sie sich dem Unbekannten, wenn er sie nur gerufen hätte, sofort hingegeben hätte. Frido wirft das offensichtlich ziemlich aus der Bahn, gleichwohl erzählt auch er Albertine von einer Begegnung mit einem 16 -jährigen Mädchen am Strand, dessen Blick ihn völlig in Erregung versetzt hatte.

Bei dem was nun folgt, bleibt letztlich unklar, ob es sich so abgespielt hat oder ob es sich nicht mit Träumen oder Phantasien vermischt hat. Noch  in der gleichen Nacht wird Frido zu einem  Hofrat gerufen, der im Sterben liegt. Dessen Tochter Marianne gesteht ihm seine Liebe. Frido macht keine Anstalten, wieder nach Hause zu gehen, sondern streift ziellos durch die Nacht, geht mit der Dirne „Mizzi“  auf deren Zimmer, bleibt aber passiv. In einem Kaffeehaus trifft er auf seinen alten Kumpel Nachtigall, der auf geheimnisvollen Maskenbällen mit verbundenen Augen Klavier spielt. Frido ist elektrisiert und will unbedingt mit. Er besorgt sich in der Nacht noch beim Kostümverleih eine  Mönchskutte und eine Maske. Um eingelassen zu werden, muss eine „Parole“ genannt werden, die Frido von Nachtigall erfahren hat. Sie lautet „Dänemark“! Ein zarter, aber deutlicher  Hinweis darauf, dass es sich hier um Traumsequenzen handeln könnte, ist  der Begriff „Dänemark“ für Frido doch traumatisch besetzt. Bei der Maskengesellschaft handelt es sich um eine logenhafte, verschworene Gemeinschaft von Männern und Frauen, die rituelle Orgien feiern. Frido wird von einer geheimnisvollen Frau gewarnt, in die er sich sofort bedingungslos verliebt. Als er als Eindringling entdeckt wird, will sich diese für ihn opfern, was in diesen Kreisen bedeutet, sich allen Anwesenden hinzugeben. Frido kann durch dieses Opfer dem sicheren Tod entkommen und wird durch einen Kutscher in einer alptraumhaften Fahrt nach Hause gebracht. Er ist sich selbst nicht mehr sicher, ob das Erlebte nicht nur Delirien waren. Als er um 4 Uhr ins Schlafzimmer zu Albertine kommt, wacht diese etwas verwirrt aus einem Traum auf. Frido drängt sie, von ihrem Traum zu erzählen.

In Albertines Traum ging es um den Vorabend ihrer Hochzeit. Auf einer Lichtung im Wald lieben sie sich. Als sie wieder zurückwollen, sind ihre Kleider fort. Als Frido losgeht, um die Kleider zu suchen, fühlt sich Albertine ganz leicht und frei. Ein junger Mann tritt auf – er sieht aus wie jener Däne- , kommt aus dem Wald und verschwindet wieder, das wiederholt sich unzählige Mal. Analytisch deutbar als Bild für den folgenden Geschlechtsakt, der sich nun plötzlich tausendfach auf der Wiese abspielt und bei dem Albertine nicht mehr richtig erinnert, ob sie nur dem einen oder allen tausend gehört hat und dies alles voller Gelöstheit, Freiheit und Glück. Gleichzeitig wird Frido gefangen und wartet gefesselt seine Hinrichtung. Die Fürstin des Landes erscheint und will ihn begnadigen, wenn er ihr Geliebter würde. Frido lehnt ab und wird gefoltert. Albertine ist ohne Mitleid und lacht ihn aus, ob seiner Treue. Soweit Albertines Traum.

Frido ist wieder zutiefst geschockt. Er will Rache nehmen an Albertine, die sich im Traum als treulos, verräterisch und grausam entpuppt hat. Er nimmt sich vor, alle Erlebnisse zu Ende zu leben und sie ihr als Vergeltung getreulich zu berichten. Am nächsten Morgen macht er sich mit seiner Arzttasche auf zur Arbeit. Seine Mönchskutte gibt er zurück. Dabei  muss er feststellen, dass der Kostümverleiher, auf dessen Tochter er ein Auge geworfen hatte, für  eben diese Tochter als Zuhälter  fungiert. Frido ist fertig mit den Frauen und hält seine eigene für die allerschlimmste. Er will sich von ihr trennen. Oder zumindest ein Doppelleben führen. Er sucht Marianne auf, um sein Rachewerk zu vollenden. Doch  bleibt seltsamerweise  ihr gegenüber sehr kühl und es passiert nichts zwischen ihnen. Dann will er Mizzi besuchen, doch sie ist nicht da, sondern liegt im Krankenhaus. In einem Café liest er in der Zeitung vom Selbstmord einer Baronin D. Er denkt sofort an seine Retterin, kann dank guter Beziehungen die Leiche in der Anatomie sehen. Ob sie`s tatsächlich war, ist nicht zu klären.
Der ganze Abend eine Kette von verpassten Gelegenheiten, wie in manchem Traum.

Zu Hause  trifft er Albertine schlafend an und neben ihr, auf seinem Kopfkissen die Maske, die er- so seine Erklärung –  wohl doch am Morgen verloren haben musste. Er deutet dies als Zeichen des Verständnisse oder Verzeihens seitens Albertine. Er fängt an zu schluchzen und Albertine wacht auf. Er erzählt ihr alles. „Nun sind wir wohl erwacht, für lange“. Note: 1/2 (ün)<<

>> „Kein Traum ist völlig Traum“, diese Erkenntnis des Protagonisten Fridolin gegenüber seiner Albertine am Ende der Novelle spiegelt das eigentliche Gefährdungspotential dieser nach außen glücklichen Ehe. Dabei nimmt das Verhängnis anfangs nicht durch die Offenbarung von Träumen, sondern  durch das gegenseitige Geständnis unerfüllter Urlaubserlebnisse in Dänemark  seinen Lauf. Unerfüllte Möglichkeiten legen verschüttete Begierden („jene verborgenen kaum geahnten Wünsche“) offen, Unbewusstes bricht ins Bewusstsein ein und so drohen sich zwei zu verlieren. Vorweggenommen wird das Spiel des Sich-verlierens aber auch des Sich-findens bereits in dem Redoute-Erlebnis, einem für beide „enttäuschend banalen Maskenspiel“, das sich aber im Verlauf der Novelle zu einer fast selbstzerstörerischen Maskerade ausweiten sollte. Fridolin , durch Albertines Dänemarkgeständnis völlig aus der Bahn geworfen, begibt sich auf eine bizarre Nachtreise durch Wien. Die erotisch aufgeladene Marianne Episode, Mizzi Episode, Pierette-Episode und der orgiastische Höhepunkt in jener Wiener Vorstadtvilla, zu der sich Fridolin mit der „Dänemark-Parole“ (!) Zugang verschafft, bleiben bei ihm alle zugleich Stimuli von Lustverlangen und Triebverzicht. Fridolins zweite Identität in Mönchskutte, Larve und Pilgerhut verschafft ihm neben dem Augenschmaus auf weibliche Nacktheit unter Spitzenlarven zwar für einen Augenblick „eine fast unerträgliche Qual der Verlangens“, aber ihm bleibt, als Eindringling entlarvt, die Lustbefriedigung jener gutbürgerlichen und adeligen Kreise, die es im Wien der 20er Jahr im Maskenkostüm fast geheimbündlerisch verschwörend gehörig krachen lässt, verwehrt. Stattdessen führt sein Auftritt zu einem reichlich skurilen Opfergang einer schwarzgelockten sich entkleidenden Nonne, die ihren Tod in Kauf nimmt um Fridolin ungeschoren auszulösen. Für Eros-Thanatos Exegeten vielleicht eine Fundgrube, nicht für mich. Fridolins reale Nachterlebnisse finden eine  fast zeitgleiche Entsprechung in Albertines wirklichskeitsnahem Traum, den sie dem morgens gegen vier zurückkehrenden Ehemann auf dessen Drängen eröffnet. Am Tag vor ihrer Hochzeit erlebt  Albertine in einer lieblichen Waldlichtung eine Verführungsszene durch einen dem „Dänen“ nicht unähnlichen unbekannten Jüngling, die merkwürdige Parallelen mit dem Treiben in jener Wienervorstadtvilla aufweist. Ob sie auf dieser Wiese allein „ ob außer mir noch drei oder zehn oder hundert Paare da waren….ob ich nur jenem einen oder auch anderen gehörte, ich könnte es nicht sagen“, wohl aber ist sich Albertine gewiss, statt Entsetzen und Scham ein Gefühl der Gelöstheit, der Freiheit, des Glücks empfunden zu haben. Im 2. Teil des Traums erscheint Fridolin nackt als gefesselter Jüngling. Die Landesfürstin mit Diadem und Purpurmantel verliest ein nicht begründetes Todesurteil (vgl. Eros –Thanatos-Komplex). Unter der Bedingung, dass Fridolin ihr Geliebter werde, sei sie bereit die Vollstreckung auszusetzen. Als Fridolin in ewiger Treue zu Albertine dies Angebot ablehnt, folgt eine Folterszene, in deren Verlauf die Prinzessin nicht nur die Züge jener Nonne aus der Wiener Vorstadtvilla annimmt (“Ihre Haare waren aufgelöst, flossen um ihren nackten Leib“) annimmt, sondern mit dem Bild des Mädchens vom dänischen Strande, jenem Urlaubsgeständnis Fridolins, verschwimmt.  Als Flugtraum endet das bizarre Treiben. Fridolin entschwindet als Gekreuzigter, das höhnische Lachen Albertines nicht wahrnehmend. Bleibt Fridolins reale Nachtflucht ohne Befriedigung, so findet Albertines heimliches Verlangen wenigstens im Traum ihre Erfüllung, was Fridolin – blind vor Eifersucht – zu dem Entschluss führt: „Vergeltung zu üben an jener Frau, die sich in ihrem Traum enthüllt hatte als die, die sie war, treulos, grausam und verräterisch, und die er in diesem Augenblick tiefer zu hassen glaubt, als er sie jemals geliebt hatte“. Dass sich zum Abschluss dieser Szene neben der einschlummernden Albertine bei Fridolin das Bild einstellt „Ein Schwert zwischen uns“, ist für Freudianer sicherlich schlüssig: Phallisches und Zerstörerisches sind untrennbar.

Fridolins „Rachewerk“, sein heimlicher  Wunsch ein „Doppelleben zu führen“, der brave Gatte und Familienvater sollte sich zuweilen in den Wüstling verwandeln, scheitert kläglich. Seine Nachtspuren   am nächsten Tag wieder aufnehmend führen ihn erneut zu Marianne. Ein förmlicher Abschied, statt Lust Kältestrom, dann zu Mizzi, wo er erfährt, dass diese syphiliskrank im Spital liege und er „einer großen Gefahr entgangen ist“. Einem Journal beim  abendlichen Cafebesuch entnimmt Fridolin die Meldung, dass eine auffallend hübsche Dame („Baronin D.“) in einem vornehmen Hotel vergiftet aufgefunden wurde (Selbstmord?), was ihn trotz Warnungen die Nachforschungen zu jener sich für ihn aufopfernden „wunderbaren Frau von heute Nacht“ wieder aufnehmen lässt.  An die Stelle der Wiener Lustvilla tritt jetzt, das pathologisch-anatomische Institut eines Doktor Adlers, in dessen Saal dem Doktorkollegen Fridolin ein „Frauenleib fahl entgegenleuchtete“. Mögen auch noch so viele dunkle Haarsträhnen auf den Boden herabgefallen sein (vgl. maskierte Nonne), das „Liebesspiel“ Fridolins mit den Fingern der Toten, ihre Identität bleibt offen, gerät unter den irritierenden Augen Dr. Adlers „Aber was treibst du denn?“ zum psychopathologischen Fall. Für Fridolin jedoch scheint mit dem Austritt aus der „gewölbten Halle“ der Pathologie (mit der Erfahrung des Todes?) der geplante Rachefeldzug gegenüber Albertine  zu Ende. Und wie der Furor nach dem Traumgeständnis Albertines reichlich unvermittelt in ihn fuhr , so kommt die Wandlung zur Versöhnung nicht minder überraschend. Seine zurückgelassene Maske, von Albertine entdeckt und bedeutungsschwanger auf dem weichen Kopfkissenpolster drapiert, öffnet zunächst Fridolins Herz (etwas abgestaubt: „sank neben dem Bette nieder und weinte leise in die Kissen hinein“) und dann seine Zunge und mit dem gegenseitigen Geständnis , dass man aus den geträumten und den  wirklichen Abenteuern“ heil „davongekommen“ sei, stellt sich umrahmt von „hellem Kinderlachen“ jene bürgerliche Familienidylle wieder ein, die doch über weiter Teile der Novelle einzustürzen drohte.

„Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“.  Schnitzler liefert mit seiner Novelle einen Beleg für Freuds These, auch wenn Fridolins Aus- und Umbrüche nicht immer schlüssig sind. Ob den Fridolins und Albertinens  zu empfehlen ist über Unerfülltes, Wünsche, auch Abgründe in Wirklichkeit und Traum besser zu schweigen – mein Ich kann es auch für sich selbst nicht eindeutig entscheiden. Aber wozu hat man kluge Freunde?
Note: 1/2 (ai) <<

>> Träume, die den Gehalt der Wirklichkeit tragen. Träume, die unmittelbar fühlbar sind. Träume, die untrennbarer Teil des Hier und Jetzt und auch des Gestern sind. Träume des einen, die in das Unterbewusstsein des anderen dringen. Träume, die Macht über das Bewusstsein erlangen. Träume, die unentrinnbar das weitere Tun lenken.
Das sind die Träume von Albertine für ihren Ehemann Fridolin. Albertine, die sich in jungen Jahren im Rausch der erotischen Reifung selbstvergessen einem Offizier hätte hingeben wollen aber letztlich nicht hingab. Als Albertine ihrem Ehegatten diese Eindrücke Jahre später beichtet, verwischen sich für Fridolin Albertines Wirklichkeit und nicht gelebte Vision so elementar, dass die Träume von Albertine für ihn zum gefühlten Ehebruch werden. Der Schmerz wiegt so schwer, dass er nicht nur den Abbruch der Ehe, sondern auch Rache und vorsätzliche Verletzungen von Albertine plant.

Es folgt eine apokalyptisch anmutende Odyssee durch die beklemmenden Tiefen des Wiener Untergrunds. Jede dieser Stationen wird für Fridolin zu einer Versuchung. Eine Versuchung, in der er sich durch Hingebung an immer wieder andere Frauen Genugtuung verschaffen könnte. Doch es kommt nie zum Vollzug. Auffallend die enge Verknüpfung von Eros und Tod, die vielen dieser Begegnungen innewohnt. Am Totenbett eines Patienten beschwört dessen Tochter dem herbeigerufenen Arzt Fridolin gegenüber ihre Liebe zu ihm. Im Gewölbe eines Kleiderverleihs wird er von dem Duft aus dem Busen eines Mädchenkindes, das offensichtlich mit zwei Femerichtern zweifelhafte Spiele treibt, empört und betört. Er folgt den Lockrufen einer vermutlich durch Geschlechtskrankheiten todgeweihten Dirne bis zum Matratzenlager. Wenig später erliegt er wie gelähmt den Reizen einer maskierten Schönheit auf einer konspirativen Swinger Party. Am Tag darauf findet Fridolin allem Anschein nach ihre Leiche in der Pathologie eines Kollegen. In der Zeitlosigkeit des Todes ist jene Frau gesichtslos geworden. Frauen dieser Nacht bleiben auswechselbar, da Fridolin sie vor allem durch den Schleier seiner Vergeltungssucht wahrnimmt. Auch sein alter Freund, der ihm Zugang zur Swinger Party verschaffte, scheint von gewalttätigen Wächtern der Erotiksekte liquidiert worden zu sein. Und dennoch spürt Fridolin die anhaltenden Bedrohungen von außen kaum. Wie seelisch angetrunken begibt er sich in immer neue Gefahren – gefangen in einem inneren Geflecht aus Begierde und Rachemotiven.

Just in dieser Nacht träumt Albertine das Gegenstück, als sie sich Jünglingen auf blühenden Auen hingibt und während dessen die Kreuzigung von Fridolin verlacht, nachdem dieser sich den sexuellen Avancen seiner Regentin verweigerte. Erotische Fantasien und Gewaltbilder auf allen Seiten.
Ohne kitschig zu wirken wendet Schnitzler in einem kurzen Moment den Lauf. Eine von Albertine dezent hingerichtet Maske, die Fridolin zum Schutz vor Erkennung die letzte Nacht getragen hatte, wird von ihm als Zeichen der Verständigung verstanden. Im Zustand der Erschöpfung bricht sein Panzer auf. Die folgende Aussprache lässt die Ehepartner die Gefahren der Traumübergänge markieren und erlaubt ihnen einander erneut zu finden. „…als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, ja dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.“ „Und kein Traum“, seufzte er leise, „ist völlig Traum.“ Note: 2– (ur)<<

Eine iranische Liebesgeschichte zensieren – Shahriar Mandanipur

liebesgeschichteUnionsverlag 2010, 319 Seiten.      

 >> In dem Versuch, dem westlichen Leser die Absurditäten des islamisch-postrevolutionären Literaturbetriebs des Iran vor Augen zu führen, konstruiert Mandanipur einen Werkstatt-Roman aufbauend auf einem Tabuthema. Es geht um Liebe, um Mann und Frau, die sich gegenseitig anziehen aber nicht begegnen dürfen, um Zensur und den schleichenden Verrat an literarischen Freiheiten. Kurzen Romanpassagen, in denen sich die Studierenden Sara und Dara versuchen zu finden, werden langatmige Abwägungen, wie der Zensur gerecht werden könnte, gegenübergestellt. Immer neue Varianten einzelner Textabschnitte werden formuliert und verworfen, unterbrochen von Sachhinweisen zur iranischen Gesellschaft: kleine Mädchen dürfen keine farbigen Schnürsenkel tragen, Männer und Frauen bleiben bei Hochzeiten getrennt, Musikinstrumente dürfen in Medien nicht erkennbar sein, Moralwächter walten mit Willkür in Privatleben. Auch wenn viele dieser Details erschreckend interessant sind, zerfasern sie nachhaltig den Romanverlauf, der ohnehin dürftig daherkommt. Wohlwollend mag dem Werk zugute gehalten werden, dass es vielleicht dürftig bleiben muss, will es die engen Grenzen der Zensur lesbar oder besser erleidbar machen. Liebe und zwischengeschlechtliche Träume lassen sich offensichtlich nur mit vibrierenden Schmetterlingsflügeln und zart sprossenden Lotusblütenblättern revolutionskonform darstellen. Metaphern, die den dumpfen Atem längst überholter Zeiten ventilieren. Das abendländische Literaturempfinden wird dabei jedoch erheblich strapaziert, so dass sich beim Leser zur schleichenden Müdigkeit zunehmend Unmut gesellt. Der Plot. Dara liebt platonisch Sara. Durch versteckte Zeichen in Werken einer Leihbücherei wird auch Sara auf Dara aufmerksam. Es folgen gebremste Begegnungsversuche in Parks und Krankenhäusern, verstockte Telefonate und Internetkontakte. Zwischenzeitlich lässt ein Millionär als potenziell idealer Ehepartner Sara schwanken. Dara wird beim sehnsüchtigen Warten auf Sara verhaftet. Der großmütige Millionär kauft Dara frei, verzichtet selbstverständlich auf Sarah und entschwindet aus dem Roman. Das Paar spricht in Daras Wohnung miteinander, während ein Gnom als Inkarnation böser Weissagungen im Garten verendet und die Wendung zum Guten andeutet. Ende.
Ein Buch, das befremdet. Das Konzept eine überraschende Idee. Die Ausführung eine quälende Flickschusterei. Der wiederholte Versuch, literaturwissenschaftliche Grundkenntnisse einfließen zu lassen, wirkt bemüht. Und zu guter letzt die offensichtlich lustlose Übersetzung von Frau Ballin – vielleicht war sie als Mitglied es mitteleuropäisch-fremden Kulturkreises ebenso gequält?  Note: 4/5 (ur)<<

>>„Umschlingen, vereinigen sich.“ Gleich in der zweiten und dritten Zeile des Buches finden sich durchgestrichene Worte. Später ganze Sätze. Die werden auf jeden Fall gelesen. Eine pfiffige Idee des Autors. Eine Liebesgeschichte im bigotten Gottesstaat Iran. Begleitet von einem allmächtigen und doch dümmlichen Zensor, der dem jungen Paar Sara und Dara das Leben schwermacht. Und natürlich auch dem professoralen  Autor, der meint, seine umfassende literarische Bildung und Belesenheit immer wieder durch lange Namensnennungen beweisen zu müssen. Ein komplexes Buch, dessen drei Ebenen sich mit etwas Mühe dekonstruieren lassen, so man denn will. Das Buch hat bei mir  manches vergrößert: die  Abneigung gegenüber Religionswächtern, den Respekt vor Menschen, die diktatorischen Systemen widerstehen und die Skepsis gegenüber Rezensionen. Das Buch wird nämlich allerorten über den fünfblättrigen Klee gelobt. Es könnte sein, dass dem Roman die Übersetzung vom Persischen ins Englische und vom Englischen ins Deutsche nicht gut bekommen ist. Ungefähr ab der Mitte hat mich die Lektüre wegen fehlender Struktur gelangweilt, auch wenn der Autor seine Leser/innen gelegentlich direkt anspricht: „Helfen Sie mir.“ (Seite 180) Ausnahmsweise möchte ich Hermann Hesse folgen, der ja mit mir und einem weiteren bedeutenden Mitglied unseres Quartetts den Geburtstag teilt. Er schrieb am 19.November 1934  an Max Picard: „Ist nichts zu loben, so schweige ich.“  Note: 3/4 (ax)<<

>> Als nach der  umstrittenen Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad im Iran Unruhen ausbrachen,  ging der youtube-Tod der Studentin Neda um die Welt.  Dieses Ereignis fungiert in Mandanipurs raffiniert gestricktem Roman als äußere Klammer. Mandanipur nennt die  Studentin  Sara, deren gleich zu Beginn als unmittelbar bevorstehend angekündigter Tod aber seltsamerweise im Roman gar nicht eintritt.  Wie aus Protest gegen einen sinnlosen Tod erzählt Mandanipur die „Liebesgeschichte“ von  Sara und Dara und zwar auf zweifache Weise. Einmal in einem als Fettdruck kenntlichen Teil, der der Zensur vorgelegt wird und der in grotesker Weise verstümmelt daherkommt und sich auch in stilistischer Hinsicht völlig vom restlichen Roman unterscheidet. Mandanipur macht auch damit klar, wie ärmlich und hölzern eine  Liebesgeschichte unter der Zensur einer Diktatur daherkommen muss. Im  anderen  Teil lässt uns der Autor  auf manchmal sehr unterhaltsame Weise an seinem  Schreibprozess teilhaben,  stellt verschiedene Varianten vor, wie sich die Geschichte entwickeln könnte, schildert Begegnungen mit dem gar nicht so unsympathischen Zensor und eben auch den Fortgang der Sara-Dara- Story . Eindrucksvolle Einblicke in die absurden Tiefen und Untiefen eines schlimmen islamischen Regimes inclusive. Dara hat Filmregie studiert und handelt mit verbotenen Videos von Filmklassikern. Dafür bekommt er 2 Jahre fürchterliche Einzelhaft, die er  nur mit Hilfe der Erinnerung an seine Filme übersteht. Er verliebt sich danach in die Studentin Sara, der er sich zuerst nur über einen  geheimen Code in ebenfalls verbotener Lektüre mitteilen kann. Allseits gegenwärtige Sittenwächter machen ihnen das Leben schwer. Als dann allerdings noch der „Freier“ Sindbad, ein reicher Parvenü auftaucht, der um Sara’s Hand anhält und gegen den Dara nach den traditionellen Maßstäben der iranischen Gesellschaft natürlich keine Chancen hat, gerät die Geschichte etwas außer Kontrolle und tritt gleichzeitig auf der Stelle. Der fiktive Zensor Petrowitsch hält dem Autor an einer Stelle zu Recht vor, dass er die Psychologie seiner Figuren nicht im Griff hat. Dagegen kann es sich Mandanipur  nicht verkneifen, dem Leser seine eigene Belesenheit in der europäischen Literatur-und Filmgeschichte etwas zu häufig  unterzujubeln. Das nervt zuweilen, da es für den Fortgang der Geschichte nicht immer notwendig scheint.  100 Seiten weniger wären 100 Punkte mehr gewesen.
Note: 2/3 (ün)<<

 >> Nein, diese Liebesgeschichte von Sara und Dara kann nicht gut gehen. Wer unter den Bedingungen der Zensur in einem Land,  „in dem jede Annäherung, jeder Kontakt zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht miteinander verheiratet oder verwandt sind, als Vorspiel zur Todsünde gelten“ (so der Autor Mandanipur S.15), muss an einer Liebesgeschichte scheitern. Mandanipurs Absicht, „die Liebesgeschichte in meiner Heimat herauszubringen“, die daraus folgende notgedrungene Kollaboration mit dem nicht ohne Ironie gezeichneten staatlichen Zensor Petrowitsch, die immer gegenwärtige Schere im Kopf des Autors, der teilweise unter Einbeziehung des Lesers inhaltliche und sprachliche Varianten schon im Vorfeld prüft, verwirft, umschreibt, um sie dann Petrowitsch zur endgültigen Strichfassung  vorzulegen, macht aus den durch Fettdruck hervorgehobenen Passagen der Dara-Sara Erzählung einen Flickenteppich von gescheiterten Begegnungs- bzw. Beziehungs- versuchen, der auch sprachlich weit hinter das vom Autor als exzellentem Kenner der Weltliteratur zu erwartende Niveau zurückfällt. Ginge es Mandanipur allerdings darum zu zeigen, dass die lustfeindliche iranische Diktatur  (Blockwartmentalität von Sittenwächtern einerseits, verbotene Prostitution und Genuss westlicher Pornographie andererseits, bedrückendes Frauenbild etwa am Beispiel der Gewalt u. Erniedrigung in der Ehe) keine literarische Liebesgeschichte möglich macht, der Nachweis wäre ihm gelungen., hätte allerdings keiner 314 Seiten bedurft. Eine Herausforderung ganz anderer Art stellen die vielfachen intertextualen Verweise und filmische Zitate des Autors dar. Von der frühen iranischen Literatur des Sufidichters Nizami über die Schlüsselwerke der Weltliteratur bis zur modernen amerikanischen Filmgeschichte (Alfredo James „Al Pacino“-Film in einer skurrilen Prüfung durch einen blinden Zensor ist ein besonderes Schmankerl des Romans) reicht der respektable Bildungskanon des Autors, der ihm eigentlich immer wieder die Dürftigkeit der eigenen, an Petrowitschs-Norm zu messenden iranischen Liebesgeschichte, vor Augen führen müsste. Es bleibt jedoch beim Einblick von uns Lesern in die Literatur-Werkstatt von Mandanipur, der angesichts der politischen Realität im Iran am Ende sogar seinen Plot und seine Erzählfiguren aus dem Auge verliert. Der Funke der Rebellion Daras gegen den Autor hätte schon früher einsetzen können (müssen), dann wäre mir manches erspart geblieben. Note: 4+ (ai)<<