Sechs Koffer – Maxim Biller

Kiepenheuer & Witsch 2018 |  198 Seiten.

>> Lässt sich die eigene Position im Familiengeflecht über die Schuld anderer verorten? Wenn es eine Schuld mit Hinrichtung und langjähriger Haft in den Kerkern eines autoritären Regimes ist, wiegt der Versuch umso schwerer. Schwierig wird es besonders, wenn der Versuch im Kopf eines Jugendlichen stattfindet – beeinflusst von den Einflüssen der Verwandten, verwirbelt von aufkeimenden Begierden eines Pubertierenden und verwischt von der Zerrissenheit einer in alle Herrenländer emigrierten Verwandtschaft. Maxim Biller ist in dem autobiographischen Roman Sechs Koffer erst fünfzehn als er seinen Onkel Dima in Zürich aufsucht. Seine Frage lautet, ob dieser seinen eigenen, Schwarzhandel-treibenden Vater, Billers Großvater Tate, an den sowjetischen Geheimdienst verriet. Ebenso könnte es seine unzufriedene Tante Natalia oder Dimas Bruder Lev gewesen sein. Selbst der in Brasilien lebende Bruder Wladimir hatte handfeste Motive. Und ob Billers Vater Sjoma ohne Verdacht bleiben kann, bleibt ebenso eine offene Frage.

Die bubenhafte Suche nach dem Täter ist jedoch nur der äußere Rahmen des Romans. Im Inneren und im Vordergrund dieses Werks stehen die Eigenarten der Verwandten, ihre Vorlieben, ihre Missverständnisse, ihre entdeckten Geheimnisse, ihre heilvollen und unheiligen Verflechtungen, ihre Prinzipien, ihre Eifersuchten, Chancen und Lebensenttäuschungen. Und entfernt und meist unausgesprochen lässt sich in diesem Geflecht die Positionierung des Autors vermuten. Wie stark der Drang nach Einordnung und Quellbestimmung in diesem Strudel ist, kann der Leser nur erahnen. Vermutlich erheblich, denn Sechs Koffer ist nach Der gebrauchte Jude nicht Billers erster Versuch, seinen jüdisch-russischen Ursprung aufzuarbeiten. Damit folgt er einer Familientradition, da sowohl Mutter Rada Biller wie auch seine Schwester Elena Lappin die Verwandtschaft wiederholt zum Gegenstand literarischer Abhandlungen machten. Für den Autor ist es auch der Kampf gegen das infektiöse Verschweigen im Familienkreis. Dass er dabei nicht derart vernichtend wie in seiner legendären TEMPO Kolumne „Hundert Zeilen Hass“ vorgeht, darf man ihm zugutehalten.

Sechs Koffer sind das Gepäck, welches die Roman-Protagonisten schleppen oder sind symbolhaft die Beteiligten selbst. Sechs Kofferinhalte, sechs Erinnerungsansätze, sechs Sichtweisen einer Gegenwart, die für jeden andersdeutig und wertverschieden ist.

Beim Aufbau des Romangerüstes erlaubt sich Maxim Biller fortlaufend Betrachtungssprünge. Zum einen berichtet er als Ich-Erzähler. Zum anderen gehen Texte fließend in Perspektiven eines übergeordneten Erzählers über und beschreiben Einzelheiten, die der fünfzehnjährige Junge nicht wissen kann. Damit werden subjektive Verfremdung und objektive Faktenlage verwischt. Ölfarben mischen sich in das Aquarell, was durchaus zur Bereicherung des Werkes beiträgt. Fiktion und Tatsachen verschmelzen.

Der Tate war der familiäre Großfürst. Wer wo ihm zur Hand gehen durfte oder musste, war im Verwandtschaftskreis still geregelt. Auch unter seinen vier Söhnen: Billers patenter Vater Sjoma, der finanzgewandte Wladimir, der Chemiker Lev und der tollpatschige Dima. Die offensichtlich einflussreiche jüdische Familie lebt zu dieser Zeit im kommunistischen Russland, später in der gemäßigteren Tschechoslowakei. Handel und Schwarzhandel sind wirtschaftliche Grundlage und Expertise der Billers. Der Großvater hortet die Überschüsse in einer abgelegenen Datscha. Als Wladimir offiziell nach Brasilien und Lev als Wirtschaftsattaché nach Berlin entsandt werden um im Tausch für äthiopischen Kaffee harte Devisen in die verarmte Tschechoslowakei zu schleusen, nutzen sie die Gelegenheit zur Republikflucht.

Zweimal 40.000 Dollar gibt der Tate den flüchtenden Söhnen mit auf den Weg. Die beiden zurückbleibenden Söhne sollen indirekt von dem Kapital profitieren, indem sie teure Westwaren, die ihnen die Brüder schicken, noch teurer in der ausgemergelten Tschechoslowakei absetzen. Der Tate wird entlarvt und nach der zweiten Verhaftung hingerichtet. Wurde er verraten? War es Wladimir oder Lev, um die heimliche Transferverpflichtung in Vergessenheit geraten zu lassen? Die Vermutung keimt erneut auf, als auch ihr Bruder Dima, der von den Wertrückführungen hätte profitieren sollen, beim Fluchtversuch verhaftet wird. Vielleicht war Dima aber selbst an seiner Verhaftung schuld, da halb Prag in seinen Plan eingeweiht war. Fünf Jahre Haft in Pankrác sind die Folge, die zu guter Letzt auch ihn in Verdacht bringen. Denkbar scheint, dass er unter dem Druck der Sicherheitsbehörden seinen Vater verriet und dessen zweite, katastrophale Verhaftung provozierte.

Ein anhaltender Verdacht bleibt an Lev haften, da er jeglichen Kontakt mit allen Familienmitglieder meidet. Hat er eine schwerwiegende Schuld zu verbergen oder ist es die Tatsache, dass ihn sein Bruder Dima in der Aktion „Bruder“ als Republikflüchtling in die DDR locken sollte und wollte, damit sich der Staatssicherheitsdienst seiner bemächtigten konnte. Nur weil ihn ein Sekretär des Innenministeriums warnte, konnte Lev der Verhaftung entgehen. In einer späteren Plauderei erwähnt er dem Beamten und ehemaligen Weggefährten gegenüber beiläufig die illegalen Aktivitäten seines Vaters. Wahrscheinlich trug dies zu dessen Verderben bei. Aber dies wird nie publik.

Billers Vater Smoja hingegen verdächtigt wiederholt seine ehemalige Geliebte und jetzige Schwägerin Natalia, dem Tate den Tod gebracht zu haben. Vielleicht dient die maximale Schuldzuweisung jedoch dazu, ihre unumstößliche Liebe zu ihm nicht beantworten zu müssen. Die attraktive Schwägerin arbeitete sich mit eingeschränkten Fähigkeiten, aber einflussreicher Teilhabe an ihrer Nachtstatt bei politischen Entscheidungsträgern in die Rolle der Chefin der Filmakademie hoch. Filme wollte man von ihr allerdings kaum fördern. Ihre Liebe zu Sjoma bleibt unverwüstlich. Und weil es eine unerfüllte Liebe ist, ätzt sie sich schmerzhaft in den Herzbeutel. Lange Zeit versucht sie sich durch die Heirat mit seinem mittelmäßigen Bruder Dima zu trösten. Am Ende bleibt jedoch nicht mehr als ein pulverisiertes Selbstwertgefühl, dass sie mit einem Sprung vor einen Lastwagen schließlich auslöscht. Ihr Koffer war zu schwer. Aber hatte sie ihn durch Verrat erleichtern wollen?

Als Biller seinen Onkel Dima in Zürich aufsucht, ist sein Täterbild gefestigt. Als er ihn verlässt, hat er einen ewigen Verlierer kennengelernt, der alles im Leben bekam, was er nicht wollte. Der Vater war vermutlich nicht sein Opfer, sein Bruder Lev hätte es aber werden sollen und er selbst war es.

Das Buch ist bemerkenswert, weil es Biller immer wieder gelingt, durch unscheinbare Requisiten der Erinnerung Tore zu großen Entwicklungssträngen zu öffnen. Bemerkenswert auch der Schluss, in dem seine Schwester Jelena Lappin über ein Buchprojekt berichtet – mit dem gleichen verwandtschaftlichen Frachtgut aber in anderen Koffern. (Dieses Buch wurde tatsächlich zwei Jahre vor diesem mit dem Titel In welcher Sprache träume ich? veröffentlicht.)  Note: 1– ( ur) <<

 

>>„ – aber dann hatte ich endgültig genug von diesem ganzen Familienirrsinn.“     denkt der junge Erzähler auf Seite 135 des Romans, der ein Familien-, Schelmen- oder Briefroman sein könnte. Ich hatte schon  nach 99 Seiten genug.

Die Frage, wer am Tod Tates schuldig ist, wird von allen Protagonisten des  Buches bearbeitet. Auf unterschiedliche Weise zwar, trotzdem bleiben Wiederholungen nicht aus. Sie langweilen. Am ehesten wecken die zeitgeschichtlichen Informationen das Interesse des Lesers. Man erfährt viel über Krieg, Diktaturen, Antisemitismus und Migration. Und auch über menschliche Grundbefindlichkeiten: Hass, Misstrauen und Missgunst, Vertrauen und Verrat. Die Sprache lässt zu wünschen übrig. So sind die Dialoge häufig von ausgesuchter Alltäglichkeit und Banalität. Ein überlanger Brief von elf Seiten, eine Zumutung.
„Bettelnde Dritte-Welt-Kinder“ mit Eichhörnchen zu vergleichen finde ich degoutant (Seite 135). Den Mund einer Frau als „ziemlich deutschen Mund“ (Seite 197) zu beschreiben ist genau so daneben,  wie wenn ich von einer „ziemlich jüdischen Nase“ schreiben würde.
Unterm Strich: Kein Leservergnügen.  Note: 4 ( ax) <<

 

>> Da macht sich ein Autor auf die Suche nach seiner Identität und gerät in die Abgründe eines jüdisch-russischen Familienlebens, eines wahren „Familienirrsinns“, der sein eigentliches Geheimnis bis zum Schluss glücklicherweise nicht freigibt. Wer hat denn nun wirklich Schuld an der Hinrichtung unseres Großvater? – weder der autobiographische Erzähler noch seine Schwester Jelena lassen uns wissen, „wie es wirklich gewesen war“. Was der sich erinnernde Autor an Mosaiksteinchen von 1960 als 6jähriger bis zum Romanverfasser als 58jähriger zusammenträgt, führt uns in ein komplexes Beziehungsgeflecht von drei Generationen, bei dem sich Privates und Politisches mischt.  Ob bei Schwarzmarkt- und Devisengeschäften des Moskauer Großvaters, ob in der Biographie des Vaters Semjon oder der der  beiden Onkel des Erzählers Lev und Wladimir, ja selbst bei den beiden weiblichen Protagonistinnen Rada und Natalja, geheimdienstliche Berührungspunkte haben sie alle, und so verwundert es nicht, dass Misstrauen und Verdacht diese Familiengeschichte prägen. Liebe und Eifersucht (Rada, Natalia) tun ein Übriges die Brüche zu verschärfen.  Zugleich spiegelt sich in dieser Individualgeschichte auch ein Stück exemplarischer osteuropäisch-jüdischer Geschichte: Emigration (Entfremdung, Ortswechsel ), Widerstand gegen den Faschismus (Lev-Wladimir), KZ-Traumatisierung (Natalia), stalinistische Schauprozesse (Gottwald ,„Bruder-Akte“), offener und verdeckter Antisemitismus (generationen- und länderübergreifend, SU,CSSR,BRD). Max Biller erzählt dies aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder, wobei ihm eine frühe Begegnung mit Onkel Dima in Zürich als wesentliche Quelle dient. Diese Schweizer Episode ist zugleich ein brillantes Stück einer Adoleszenzgeschichte  des Erzählers. Eigentlich spürt man nur da etwas vom Wärmestrom, ansonsten herrscht Beziehungskälte im Hause Biller, die an keiner Stelle so treffend beschrieben wird wie in dem Satz über Onkel und Tante:„ Dima und Natalia waren schon geschieden, aber sie gingen trotzdem so schlecht miteinander um, als wären sie immer noch verheiratet“.
Note: 1 – (ai) <<

<< Maxim Biller hat sich als zeitweises Mitglied im literarischen TV Quartett nicht gerade als Sympathiebolzen, sondern oft als knallharter, schonungsloser und humorfreier Kritiker gezeigt. Einschränkung:Sein  Ton im Umgang mit  Christine Westermann war uncharmant, aber oft nachvollziehbar. Umso gespannter durfte man auf einen Roman aus einer Feder sein.
In „Sechs Koffer“ erzählt er seine Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven. Literarisch raffiniert, seine Familie nicht schonend, historisch interessant, unangepasst, humorvoll.
Lesenswert. Note 2+ (ün)<<