Folio 2026 | 267 S.
>>Auf zwei Handlungsebenen bewegt sich der Protagonist dieses Romans. Bildet der Justizfall Elvira Castell den äußeren Rahmen, so liefern die Sitzungen Avvocato Guerrinis beim Jung‘schen Psychiater Carnelutti einen Einblick in dessen Seelenleben. Während der Verlauf des Prozesses sich auf die Frage Notwehr oder Vorsatz konzentriert und mittels eines forensischen Psychiaters auf „dissoziative Amnestie“ (Erinnerungslücke) verweist, wird in den therapeutischen Sitzungen Guerrinis eine weit tiefere und für den Leser ergiebigeres Erinnerungstableau aus Kindheitsträumen hervorgehoben. Diese Entwicklung des „Patienten“ ist die Stärke des Romans.
Note: 2,5 ( ai) <<
>> Ein selbstkritischer Jurist gewährt Einblicke in sein komplexes Innenleben und das italienische Justizwesen anlässlich eines Totschlags. Dabei brilliert er mit einem exorbitanten bildungsbürgerlichen Wissen, das meinen Horizont stellenweise deutlich überfordert. Erst ganz am Ende erfahren wir, was es mit dem „Horizont der Nacht“ auf sich hat. Sieht Udo L. das nicht ähnlich? Note: 2,5 (ax) <<
>> Die Unternehmerin Elvira Castell hat den windigen Liebhaber ihrer Schwester umgebracht, der sie ihrer Ansicht nach in den Selbstmord getrieben hat. War es spontane Notwehr während des konfliktreichen Zusammentreffens oder ein von vornherein geplanter Racheakt? Also Freispruch oder eine hohe Freiheitsstrafe wegen Mordes?
Rechtsanwalt Guido Guerreri als ihr Verteidiger zweifelt zunehmend an ihrer Unschuld und sieht sich dazu missbraucht, sie möglichst unbehelligt durch die Untiefen des italienischen Rechts- und Prozesssystem zu lavieren. In jedem Prozess kämpft er damit, Recht und Gerechtigkeit zu einer erträglichen Deckung zu bringen. Aber hier will es ihm ganz und gar nicht gelingen, zumal er sich durch zwei unglückliche Beziehungsgeschichten sowieso in einer Lebenskrise befindet – wer ist er eigentlich, was tut er hier auf dieser Welt? Und was will er bewirken? Wie soll er sich da zurechtfinden?
Der Horizont ist zwar auch in der Nacht da, aber sichtbar wird er erst, wenn sich das Dunkel lichtet: Zusammen mit seinem lebensklugen und belesenen Therapeuten Carnelutti spürt er seinen ungelebten Leben nach und beschließt schließlich, den verkorksten Fall zu Anlass zu nehmen, seinen eigentlich geliebten Anwaltsberuf an den Nagel zu hängen.
Diese Hintergrundsgeschichte wird Schritt um Schritt zur spannenderen Spurensuche als die Ermittlungen im Kriminalfall. Guerreri findet eine Reihe von neuen Passionen – einen neuen Lebenssinn, auch wenn es der Autor Gianrico Carofiglio dabei auf eine etwas kitschige Spitze treibt. Note: 2 ( ar)<<