{"id":990,"date":"2017-04-21T13:45:57","date_gmt":"2017-04-21T11:45:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=990"},"modified":"2017-07-27T11:28:38","modified_gmt":"2017-07-27T09:28:38","slug":"kraft-jonas-luescher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=990","title":{"rendered":"Kraft  &#8211;  Jonas L\u00fcscher"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-991\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/K1024_Kraft-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/K1024_Kraft-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/K1024_Kraft.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/K1024_Kraft-644x1024.jpg 644w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/p>\n<p><strong>C.H. Beck Verlag 2017 |\u00a0 235 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Nach &#8222;Fr\u00fchling der Barbaren &#8220; erneut ein brillanter L\u00fcscher. Sein &#8222;Kraft&#8220; ist Nachfolger von Walter Jens in T\u00fcbingen (\u201ehausbackene Akademikergesellschaft\u201c) auf dem einzigen Rhetorik Lehrstuhl in Deutschland. Er weilt in Stanford\/Silicon Valley am \u201eHoover Institut on war, revolution and peace\u201c , um an einem von einem Internetmilliard\u00e4r ausgelobten 1 Million Dollar Wettbewerb teilzunehmen, bei es um die originellste Antwort auf die Frage: \u201eWhy whatever is, is right and why we still can improve it?\u201c geht. \u00a0Schon diese Versuchsanordnung macht richtig Lust, sich auf das einzulassen was folgt: Eine wundervoll geistreiche Abrechnung mit dem \u00fcbercanditelten Wissenschaftsbetrieb diesseits und jenseits des Atlantiks, mit den technikgl\u00e4ubigen, ewig optimistischen Start-ups aus dem silicon valley, und vor allem mit dem Neoliberalismus und seinen freidemokratischen Protagonisten der 80 er Jahre um den Grafen Lambsdorf und deren ungekr\u00f6nten Queen Maggi Thatcher, als deren Bewunderer L\u00fcscher seinen Kraft starten l\u00e4sst, womit ihm nat\u00fcrlich w\u00e4hrend seines Studiums an der FU Berlin ein durchaus kalkuliertes Alleinstellungsmerkmal\u00a0 zukommt.<br \/>\nL\u00fcscher erweist sich ein weiteres Mal als genialer und witziger Beobachter der Zeitl\u00e4ufe, der seine subtile Kritik am Kapitalismus hintergr\u00fcndig immer wieder in die \u00dcberlegungen seines Protagonisten Kraft zu seinem Wettbewerbsvortrag einflie\u00dfen l\u00e4sst. So etwa wenn Kraft sich vorstellt, wie er \u201e mit den Kanth\u00f6lzern der neoklassischen Theorie und des Marktliberalismus auf sein Zuh\u00f6rer einzudreschen\u201c gedenkt. Richtig dankbar sein muss man L\u00fcscher f\u00fcr eine hellsichtige und hellseherische Analyse der Weltlage, die er Krafts Mitwettbewerber Bertrand Ducavalier in einem einzigen, zugegeben langen Satz auf S. 226 in den Mund legt: Vom drohenden Zerfall der EU bis zur Freihandelspolitik, die Millionen des S\u00fcdens in den Norden treibt. Kurz vorher hatte Ducavalier auch noch die franz\u00f6sische Linke scharf attackiert, die sich nie bem\u00fcht habe, das \u201eelitistische und neofeudale Ausbildungssystem in Frankreich \u201c zu reformieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u00fcberaus politisches Buch also, das auf h\u00f6chstem sprachlichem und intellektuellem Niveau auch noch \u00fcberaus witzig ist. Einzig der Schluss bleibt r\u00e4tselhaft. <strong>Note : 1 \u2013<\/strong> (\u00fcn)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Schon der Einstieg in den Plot gibt die Richtung vor. Hier geht es vor allem um Entlarvung eines pseudowissenschaftlichen Popanz, der sich hinter so manchem modernen Wissenschaftsbetrieb verbirgt. Die gro\u00dfe philosophische Frage von G.W. Leibniz aus dem 18. Jahrhundert nach der Notwendigkeit des \u00dcbels \u201ein der besten aller Welten\u201c verkommt zum 307 (!!!) Jahrestag des Universalgelehrten zum Preisspiel : wer wird Million\u00e4r.\u00a0 Ein steinreicher amerikanischer Unternehmer und Gr\u00fcnder eines \u201eAmazing Future Fund\u201c (!!!) namens Erkner lockt weltweit Wissenschaftler um in einem 18 min\u00fctigen\u00a0 Vortrag an der angesehenen Stanford\u00a0 University die Frage zu beantworten \u201eWhy whatever is right and why we still can improve it?\u201c.\u00a0 Statt kritischer Aufkl\u00e4rung bedingungs- loser Fortschrittsoptimismus in time (18Minuten). Statt philosophischer Essay \u201eschnelle Abfolge von Vortr\u00e4gen\u2026mit Pr\u00e4sentationssoftware\u201c, statt Leibnizscher Gelehrtendisputation \u00dcbertragung per Livestream. Da verwundert es nicht, dass unser in verschiedensten Disziplinen promovierter und blitzgescheiter \u00a0Protagonist Kraft weit weniger an der Fragestellung als an der Kohle interessiert ist, bietet sich ihm doch mit Erkners Preisgeld die Chance wenigstens \u00f6konomisch seine 2. Ehe mit Heike zu retten. So macht sich Rhetorikprofessor Kraft mit Hilfe seines alten ungarischen Studienfreundes Istvan Pancel, er wird durch eine gro\u00dfartig groteske Fluchtgeschichte eingef\u00fchrt, die ihn vom Schachtrikotw\u00e4scher \u00fcber eine Phase militanter Neoliberalit\u00e4t , Kalter Krieger durch sein \u201eAlleinstellungsmerkmal Ungarnfl\u00fcchtling\u201c zum Professor in Sachen Abschreckungstheorie\u00a0 in Stanford katapultiert. Was dann \u201eunseren\u201c Kraft, bei L\u00fcscher dominiert das Erz\u00e4hler-Wir, in dem von Heike auf 14 Tagen genehmigten \u201eForschungsaufenthalt\u201c im Tochterzimmer bei\u00a0 Ivan logierend\u00a0 in allen Licht- und Schattenseiten charakterisiert, ist ein buntes Potpourri von biographischen R\u00fcckblicken aus bewegten Berliner Studienzeiten, Frauenbeziehungen und reichlich schr\u00e4gen Begegnungen Im Dunstkreis \u00a0des reichlich diffusen amerikanischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnisses, dominiert von den\u201c seltsamen\u00a0 Kultst\u00e4tten\u201c vom naheliegenden Silikon Valley. W\u00e4hrend uns die R\u00fcckblicke neben reichlich grotesken Episoden (Ruths Gerbera Attentat-, Professor Ackerknechts Hodensack, Hefe-Johannas-asexuelle Fortpflanzungsfaszination etc.) &#8211; vor allem eine gro\u00dfartige zeitgeschichtliche Analyse des Jahres 1982 liefert \u2013 treffender kann man die Bundestagsdebatte um das konstruktive Misstrauens nicht beschreiben, vor allem Krafts entgegen seiner eigentlichen ideologischen Ausrichtung sicheres Gesp\u00fcr, dass mit dem Auftritt\u00a0 Kohls \u201enur noch deftig Mastiges auf den Tisch kommen werde\u201c (S.91), dominiert in den aktuellen \u00a0San Franzisko Erlebnissen Bizarres, das neben der v\u00f6llig schr\u00e4gen Figur Ragnar Danneskkj\u00f6ld und dessen \u201eSea Stadies\u201c und \u201enessy politics\u201c \u00a0in der Begegnung mit zwei Start-Up Fuzzis im \u201eArtbuckle Dining Pavilion\u201c (auf dem Campus vom Nike-Gr\u00fcnder mit mehreren 100 Millionen bedacht) seines H\u00f6hepunkt findet. Am Beispiel\u00a0 einer neu zu entwickelnden App f\u00fcr ein krudes Nahrungsmittelsubstituts namens Soylent , \u00a0einer grau-beigen Schlurze, und eines Reichweiten-Akzelerators f\u00fcr Live-Video-Stream mit Hilfe einer durch k\u00fcnstliche Intelligenz optimierten Bilderkennungssoftware\u00a0 namens Famethrower werden wir Zeuge einer Entwicklung, die aufgeblasen durch hippe Phraseologie wissenschaftlichen Fortschritt ausschlie\u00dflich nach Kriterien von Vermarktung und Quantifizierung bemisst. Sinn verkehrt sich f\u00fcr Kraft und den Leser in der Aura der \u201cHoover Institution on War, Revolution and \u00a0Peace \u201e zunehmend in Big-Data- Schwachsinn und so verwundert nicht, dass von Krafts reichlich gef\u00fclltem abendl\u00e4ndischem Bildungsballast (hier lieferte der Zettelkasten bzw. die Datenbank des gescheiterten Doktoranden L\u00fcscher in Sachen Philosophie, Literatur, \u00d6konomie, Theologie reichlich Futter) angesichts\u00a0 der auf 18 Minuten zu legitimierenden Optimierung der Weltordnung im Erknerschen Sinne wenig \u00fcbrigbleibt. Krafts Konzept f\u00fcr die Beantwortung der Millionenfrage zerbr\u00f6selt daher zunehmend vergleichbar seinen Beziehungen zu Frauen und gemeinsamen Kindern.\u00a0 Seine Sinnkrise ist nach 14t\u00e4gigem Stanford- Aufenthalt nachvollziehbar, das Experiment Ehe ist auch \u00f6konomisch endg\u00fcltig gescheitert, das Abendland steuert auf Untergang. Dass unser Kraft allerdings seinen Abgang als Live-Stream Event inszeniert, bleibt mir ein R\u00e4tsel. Die Realsatire \u201eTechnodizee\u201c allerdings wird durch L\u00fcschers Roman zur Kenntlichkeit entstellt.\u00a0\u00a0<strong> Note:\u00a0 2+<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Die Hauptperson des Romans Richard Kraft ist nicht wirklich kraftvoll. Vieles, was aus diesem Geist entfleucht, bleibt windig. Leichtgewichtiges vermengt sich mit Aufgebl\u00e4htem, Blasen treiben im intellektuellen Halbdunkel. Vakuum-verdichtete Leere wird von Kraft als \u00fcppige Reichhaltigkeit vorget\u00e4uscht. Der Rhetorikwissenschaftler beherrscht vor allem den kraftvollen Schaumschlag. Kraft ist also mehr Ger\u00e4usch als Klang. Er ist der intelligente Typus im besten <em>Midlife-Crisis<\/em>-Alter mit zwei gescheiterten Ehen samt \u00e4hnlich quacksalberndem Nachwuchs. Dabei ist Kraft auch verletzlich, in den Tiefen reflektierend und letztlich sogar selbstkritisch. Z\u00fcge, die lange Zeit seinem Geltungsdrang zum Opfer fallen. Kraft m\u00f6chte was werden, was sein. Kraft ist etwas geworden: Nachfolger des legend\u00e4ren Rhetorikprofessors Walter Jens an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Und jetzt mit Beginn des Buches holt Kraft zum ganz gro\u00dfen Kraftakt aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kraft will eine Million Dollar Preisgeld f\u00fcr einen intellektuellen Gesamtwurf heimbringen. Die Preisfrage lautet: Warum ist alles gut und wie k\u00f6nnen wir es noch besser machen? Der vom amerikanischen Unternehmer Erkner ausgeschriebene Wettbewerb an der ber\u00fchmten Stanford University fordert, die Sonne Kaliforniens in eine intellektuelle Weltschau zu bannen. Konkreter Optimismus, historisch begr\u00fcnden, philosophisch vergleichen, rhetorisch garnieren, innovativ pr\u00e4sentieren, fulminant \u00fcberrollen. So muss es gehen. Schluss mit Katastrophenvisionen, Schluss mit Desasterfixierung. Wenn schon Klima und Krieg, dann sind wir wenigstens dankbar f\u00fcr die dadurch entstehenden Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Es geht vordergr\u00fcndig um Herrn Kraft in diesem Buch, hintergr\u00fcndig um Daseinswahrnehmung und Werte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zu diesem Zweck f\u00fchrt uns L\u00fcscher in die Niederungen eines akademischen Biotops, in dem Jungakademiker munter mendeln und mutieren, miteinander konkurrieren, sich fortpflanzen in Geist und Leib und sich erotische Kommilitoninnen streitig machen. Noch in Deutschland geh\u00f6rt Kraft in den Baumkronen zu den Gewinnern. Doch im Wurzelwerk h\u00e4ufen sich Einbu\u00dfen. Fr\u00fch erkennt er, dass zur Profilierung Profil geh\u00f6rt. Entsprechend vertritt er w\u00e4hrend seines Studiums an der aufgew\u00fchlten Freien Universit\u00e4t Berlin den Thatcherismus. Die unzeitgem\u00e4\u00dfe Au\u00dfenseiterposition provoziert nicht nur Gegenwind, sondern garantiert eben auch ein Alleinstellungsmerkmal. Man wird auf ihn aufmerksam. Professoren suchen Assistenten, die Karriere ist eingeleitet, Fakult\u00e4tsstellen werden angeboten und Kongresse kommen ohne den eloquenten Akademiker kaum noch aus. Seine Grundhaltung ist konservativ neoliberal: der Markt wird es richten. Vor allem, wenn das B\u00f6se im Sowjetreich domestiziert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Krafts Begleiter wird Istv\u00e1n\/Ivan. Ivan hat angeblich als ungarischer Dissident und Schachchampion <em>r\u00fcber gemacht<\/em> und wird entsprechend als endemische Rarit\u00e4t gefeiert. \u00c4hnlich wie Kraft ist Ivan dem gro\u00dfen Wort verpflichtet, das er lautstark vortr\u00e4gt. Ewig verschweigen wird er jedoch, dass er am Abreisetag einer ungarischen Schachmannschaft im Berliner Hotel schlicht vergessen wurde. Da ihm Schach wenig lag, war er als allabendlicher Hemdenw\u00e4scher am Hotelwaschbecken eingeteilt, um die Ausd\u00fcnstungen der Spielerhemden aus transpirationsfeindlichen, sozialistischen Kunsttextilien niederzuk\u00e4mpfen. Fortan bejubeln Ivan und Kraft gemeinsam den amerikanischen Pr\u00e4sidenten Reagan im geteilten Berlin. Sie agitieren auf studentischen Vollversammlungen und suchen die Gegen-gegen-Konfrontation auf Gegendemonstrationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auf einem dieser H\u00f6hepunkte wird eine Gerbera zur Schicksalsblume. Als Ivan auf einer Frauendemo die Parole \u201eSonne statt Reagan\u201c mit Verbalattacken quittiert, schl\u00e4gt ihm die bis dahin unbekannte Ruth Lambsdorff das besagte Floristenrequisit ins Gesicht. Leider trifft der eingearbeitete Blumendraht den Glask\u00f6rper. Zusammen mit dem folgenden Pfusch eines Augenklinikers, bleibt das Augenlicht chancenlos. Ivan erblindet einseitig. Kraft begleitet zun\u00e4chst die ersch\u00fctterte Ruth an Ivans Krankenbett, kann aber schon bald Ruths Anteilnahme zur Teilnahme an eigenen Sofa-Sitzungen umleiten. Das Ergebnis ist eine prompte Schwangerschaft, aus der ein Sohn hervorgeht, den Ruth Kraft gegen\u00fcber allerdings sechs Jahre lang verschweigen wird. Erst Jahre sp\u00e4ter kann Kraft Ruth bei der Wiedervereinigungsfeier auf der Berliner Mauer von einer weiteren Schwangerschaft \u00fcberzeugen. Die Folge ist ein mittellanges Familienleben und eine langj\u00e4hrige Entfremdung von seinem Freund Ivan, der selbst auf die N\u00e4he zu Ruth gehofft hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bevor Kraft Ivan in Kalifornien wiederbegegnet, wird er Frauen verschiedenen Geschmacks kosten. Der m\u00fctterlichen Ruth mit der gro\u00dfvolumigen Oberweite wird die bubenhafte, gef\u00fchlsbeschr\u00e4nkte Biologin Johanna folgen, deren N\u00e4he zu Hefen und anderen Forschungsobjekten ausgepr\u00e4gter ist als zu Kraft. Am Ende wird die zweite, aber ebenso vergebliche Ehe mit Heike stehen, die als zielorientierte Unternehmensberaterin schon Universit\u00e4tsgremien aufmischte. Kraft hofft auf Erl\u00f6sung aus dieser Familie mit Zwillingskindern, die ihm nach 14 Jahren genauso fremd geblieben sind wie ihre Mutter. Schon f\u00fcr die Versorgung beider Familien w\u00fcrde das Millionenpreisgeld Erl\u00f6sung bedeuten. Und so fliegt er also nach Amerika und wringt sein Hirn aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Angekommen qu\u00e4lt qu\u00e4lt er sich tagelang, erstaunt \u00fcber den Umstand, dass das routinierte Jonglieren mit politisch-soziologisch-philosophisch-literarischen Versatzst\u00fccken zu keiner Einheit f\u00fchren will. Auch die Begegnung mit dem Sponsor Erkner bringt ihn nur vor\u00fcbergehend auf die Spur. Erkners Wettbewerbsbegr\u00fcndung entlarvt er zwar als intellektuellen Unsinn, macht sie sich aber dennoch zu eigen und vertieft sie weiter. So erg\u00e4be sich in der <em>chain-of-being<\/em> der Zusammenhalt der menschlichen Kettenglieder in einer Gesellschaft schon deshalb, weil Kettenglieder sich gegenseitig stabilisieren w\u00fcrden &#8211; still ignorierend, dass eine Kette nur so stabil ist wie ihr schw\u00e4chstes Glied. Mit schlichter Formelarithmetik Technik = Kapitalismus + Glauben wird eine neue Dimension an Pr\u00e4zision suggeriert und gleich noch religi\u00f6se Grundfesten mit eingearbeitet. Wenn das Theodizee-Prinzip bedeutet, dass trotz Unrecht in der Welt g\u00f6ttliche Gerechtigkeit herrsche, dann m\u00fcsse auch der Oikodizee-Ansatz gelten, dass der Kapitalismus voll unumst\u00f6\u00dflicher Gerechtigkeit sei. Am Ende w\u00fcrde alles Seiende auf das Primat des Ingenieurs zulaufen, wenn der Mensch vollkommen in der Technik aufgeht &#8211; also ein Zustand von Singularit\u00e4t, also ein bisschen <em>Homo Faber<\/em> von damals und viel <em>Cyber <\/em>von morgen. Sodann wird die kalifornische Sonne nicht mehr untergehen. Erkners Halbgargekochtes wird auch sein Men\u00fc, obwohl es wie Leberwurst-Milch-Shake schmeckt. Und genau das wird ihn still vergiften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wiederholt werden seine inneren Gedankenschlachten beim Aufbau des geforderten 18-Minuten-Vortrags von Zweifeln und schlie\u00dflich Todessehns\u00fcchten durchsetzt. Er leiht sich ein Ruderboot, ignoriert Gezeiten-Warnungen und wird fast Opfer der Naturgewalten. Den Sicherheitsverboten vor einem todbringenden T\u00e4ter auf dem ber\u00fchmten Universit\u00e4tscampus widersetzt er sich mit der Vision, so vielleicht in einem renommierten Ambiente aus dem Leben scheiden zu k\u00f6nnen. Zur Erl\u00f6sung von den Qualen des Scheiterns &#8211; vielleicht auch von der Absurdit\u00e4t der Aufgabe an sich &#8211; tagtr\u00e4umt er ein vernichtendes Erdbebens herbei, das aber leider auf sich warten l\u00e4sst. Am Ende h\u00e4ngt der Autor \u00e4hnlich der bizarr-grotesken Situationskomik wie in \u201eFr\u00fchling der Barbaren\u201c seinen Protagonisten in der ihm eigenen N\u00fcchternheit an den Glockenturm. Kraft wird versuchen, seinen Suizid im <em>Lifestream<\/em> weltweit zu \u00fcbertragen wie es f\u00fcr seinen Wettbewerbsvortrag geplant war. Leider guckt kaum einer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 So verfl\u00fcchtigt sich der Versuch eines ganz gro\u00dfen Wurfs, einer Weltdeutung, einer Wertevision unbeachtet im \u00c4ther. Zuviel Affekthascherei, als dass ein denkender Geist das aushalten k\u00f6nnte. Gelesen werden kann dies als Kritik an der Vordergr\u00fcndigkeit, an Verpackungen, denen der sinngebende Inhalt fehlt, an einer schwafelnden Sprachlosigkeit unserer Zeit, aber auch als Wissenschaftskritik bezogen auf Fakult\u00e4ten, die eine Worth\u00fclsenkultur pflegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 L\u00fcscher \u00fcberzeugt erneut mit genialen Passagen etwa bei der Beschreibung der Politikerpers\u00f6nlichkeiten w\u00e4hrend des konstruktiven Misstrauensvotums im Bundestag (S. 77ff.), der selbst gezimmerten Hodenprothese von Prof. Ackerknecht (S. 170) oder dem Nervenkrieg mit dem eigenen Nachwuchs (S. 30ff., 218ff.). Was jedoch nicht gef\u00e4llt, ist, dass L\u00fcscher nicht nur Kraft erfindet und entsprechend im Sprachduktus inszeniert, sondern selbst zu Kraft wird. So leidet das Werk erheblich unter m\u00fchsam konstruierten Satzverschachtelungen, deren L\u00e4nge auch gerne einmal einen ganzen Absatz ausmachen darf. Es bleibt der Eindruck, dass L\u00fcscher auch L\u00fcscher zelebrieren m\u00f6chte. Das Ergebnis tr\u00fcbt den Lesegenuss erheblich, so dass man gelegentlich kraftlos das Buch zuklappt. Dennoch <strong>Note: 3<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Der T\u00fcbinger Rhetorikprofessor Richard Kraft m\u00f6chte in Stanford bei einem wissenschaftlichen Wettbewerb das gewaltige Preisgeld von einer Million Dollar\u00a0 gewinnen. Daf\u00fcr muss er die Leibniz&#8217;sche Theodizee-Frage in einem 18-min\u00fctigen Vortrag beantworten, die\u00a0 amerikanisch optimistisch so lautet: \u201eTheodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it?\u201c Ausgelobt hat die Summe der \u201eAmazing Future Fund\u201c. Nomen est Omen.<br \/>\nMit dem Geld will sich Kraft famili\u00e4r freikaufen: \u201e \u2026 ich werde sie zuschei\u00dfen mit meinem Geld, alle drei, Heike und die M\u00e4dchen\u201c (Seite 16). Soweit wird es nicht kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jonas L\u00fcscher, ist wie sein Protagonist Kraft ein \u201eVielversprechender\u201c ja vielleicht sogar der Vielversprechendste unter den vielversprechenden Literaten im deutschsprachigen Raum. Soviel (zuviel?) Belesenheit, soviel Wissen, von der Nukleins\u00e4ure Friedrich Mieschers \u00fcber Soylent zum Periscope, Early Adapter und der Dissertation von Frau Hamm-Br\u00fccher findet man selten in einem Roman. Vielleicht sollten die ganzen Zettelk\u00e4sten, die sich bei der Stoffsammlung f\u00fcr seine geplante Dissertation gebildet hatten, erl\u00f6st werden.<br \/>\nDa gibt es Seiten, da m\u00fc\u00dfte -zumindest-zumindest-ich- jeden zweiten Begriff googeln, um sicher zu sein, was Sache ist. Das war mir zuviel. Allerdings wird dank der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Formulierungskunst des Autors das Buch nie langweilig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verkn\u00fcpft n\u00e4mlich geschickt Zeitgeschichtliches (Reagan-Besuch 1987, Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag 1982, Mauerfall usw.) mit dem Leben Krafts und seines Freundes Istv\u00e1n\/Ivan , die mit ihrem neoliberalen Denken letztlich scheitern. Vermutlich haben sie ihre neoliberalsten Ideen als Studenten nur so missionarisch vertreten um aufzufallen. Die Karikatur der digitalen \u201eElite\u201c von Silicon Valley ist gro\u00dfartig gelungen. Schwimmende Inseln im Pazifik wollen sie bauen, exterritorial. Subtil und luzide werden professorale Phrasendrescherei und Namedroping blo\u00dfgestellt. Wissenschaftssatiren scheinen derzeit en vogue zu sein. Stoff f\u00fcr Diskussionen liefert die apokalyptische Weltschau, die der Franzose Bertrand Ducavalier gegen Ende des Buches auf anderthalb Seiten ausbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJetzt, jetzt wei\u00df Kraft, was er zu tun hat\u201c, lesen wir auf der drittletzten Seite. Ob es Jonas L\u00fcscher auch wei\u00df? Vielleicht fragt ihn jemand danach, am Sonntag, den 28.Mai 2017 um 15 Uhr im Museum (T\u00fcbingen). Kein Vorverkauf.\u00a0 <strong>Note: 2+<\/strong> (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>C.H. Beck Verlag 2017 |\u00a0 235 Seiten. &gt;&gt; Nach &#8222;Fr\u00fchling der Barbaren &#8220; erneut ein brillanter L\u00fcscher. Sein &#8222;Kraft&#8220; ist Nachfolger von Walter Jens in T\u00fcbingen (\u201ehausbackene Akademikergesellschaft\u201c) auf dem einzigen Rhetorik Lehrstuhl in Deutschland. Er weilt in Stanford\/Silicon Valley &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=990\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[123],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/990"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=990"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/990\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1000,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/990\/revisions\/1000"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}