{"id":956,"date":"2017-01-16T15:13:43","date_gmt":"2017-01-16T13:13:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=956"},"modified":"2017-02-05T16:20:47","modified_gmt":"2017-02-05T14:20:47","slug":"die-unertraegliche-leichtigkeit-des-sein-milan-kundera","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=956","title":{"rendered":"Die unertr\u00e4gliche Leichtigkeit des Seins &#8211; Milan Kundera"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-965\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/K1024_kundera-199x300.jpg\" alt=\"Buchtitel\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/K1024_kundera-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/K1024_kundera.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/K1024_kundera-680x1024.jpg 680w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><strong> Carl Hanser Verlag, 1984\u00a0 |\u00a0\u00a0\u00a0 301 Seiten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ja,\u00a0 Kunderas Roman \u00a0\u201eDie unertr\u00e4gliche Leichtigkeit des Seins\u201c hat seinen Zauber verloren, den er bei meiner ersten Begegnung in den 80ern noch ausge\u00fcbt hat. Vielleicht war es dem Zeitgeist geschuldet:\u00a0 Prager Fr\u00fchling, russische Okkupation, Liebe und freie Sexualit\u00e4t unter politischen Wirren, Widerstand und Unterwerfung, dazu eine bedeutungsschwangere Metaebene philosophischer, psychologischer, sprachkritischer Reflexionen, ein postmoderner Autor -der Buchmarkt euphorisch. \u00a0Heute liest es sich schlichter: ein Prager Chirurg und Erotomane \u00a0von der Serviererin Teresa (Kurzkarriere als Starfotografin in Sachen russ. Okkupation) trotz Dauerseitenspr\u00fcnge bedingungslos geliebt, ein\u00a0 durch \u201e20 Jahre verdummende Monogamie\u201c gesch\u00e4digter Genfer Professor, der sich zun\u00e4chst durch die K\u00fcnstlerin Sabrina, sp\u00e4ter durch die Studentin mit gro\u00dfer Brille von seinem Mutterkomplex abarbeitet.\u00a0 Das Vierer-Beziehungsgef\u00fcge ist selbstverst\u00e4ndlich eingebettet ins Politische. Eine Leserbriefkritik an der russ. Besetzung besiegelt Tomas Absturz vom Chefarzttraum zum Fensterputzer , libidin\u00f6s etwas entsch\u00e4digt durch fast 200 weibliche Kunden (die Kernseife immer im Handgep\u00e4ck). Franz politisches Engagement zielt eher auf die Befreiung der V\u00f6lker der Welt und findet in einem Friedensmarsch von ber\u00fchmten Wissenschaftlern und K\u00fcnstlern nach Kambodscha bei Kundera einen doppelten realsatirischen H\u00f6hepunkt. Wird der Demonstrationszug selbst schon zur Posse \u00fcber alle gro\u00dfen M\u00e4rsche, endet der Frieden f\u00fcr Franz vor einem Bangkoker Hotel ern\u00fcchternd. Niedergestreckt durch \u201eetwas Schweres\u201c (s. Parmenides \u201adas Leichte und das Schwere\u2018) stirbt Franz in einem Genfer Krankenhaus. Die Grenzen des Kitsches, dem Kundera manch vermeintlich Tiefsinniges widmet, deutlich sprengend, verabschieden sich die beiden M\u00e4nnerfiguren aus dem Roman \u00a0mit ihrem fast gleichzeitigen Tod\u00a0 mit \u00a0der Botschaft zweier \u00a0pathetischer Grabinschriften, deren eine \u201eEr wollte das Reich Gottes auf Erden\u201c weder Tomas, noch deren andere \u201eR\u00fcckkehr nach langem Irrweg\u201c Franz gerecht wird. Sind es hier eher religi\u00f6se \u00dcberh\u00f6hungen so wartet Kundera mit ganz anderen H\u00f6henfl\u00fcgen von Beginn an auf. \u00a0. Nichts bleibt dem Leser \u00a0ob der Wissensmacht des Autors Kundera erspart. Der \u201eMythos der ewigen Wiederkehr\u201c, Parmenides Gegensatz-Lehre, der \u00d6dipus-Komplex, Dualit\u00e4t von K\u00f6rfper und Seele, Beethovens \u201ces muss sein\u201c, Platons Gastmahl, Sophokles Trag\u00f6dien,\u00a0 Nietzsche und Descartes, Pseudopsychologisches und dubiose Kategorienlehren (der epische und der lyrische Frauenheld), Genesis- Exegese fast alles aus der abendl\u00e4ndischen Geistesgeschichte wird bem\u00fcht um der Handlung Tiefgang zu geben, ja selbst der Hund Teresas tuts nicht unter \u201eKarenin\u201c , das dressierte Schwein des Genossenschaftsvorsitzenden nicht unter \u201eMephisto\u201c.<br \/>\nWas mich als heutigen Leser aber vor allem st\u00f6rt, ist Kunderas wiederkehrender Vereinnahmungsduktus: \u201eF\u00fcr uns besteht die Gr\u00f6\u00dfe des Menschen darin..\u201c- \u201eWir w\u00fcrden sagen\u2026\u201c \u201eWir alle wissen\u2026\u201c etc.<br \/>\nNein \u2013 bitte lass mich als Leser aus dem Spiel, denken will ich selbst.<br \/>\n<strong>Note: 4<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u201e\u00dcber eine Million Exemplare\u201c, das macht schon mal neugierig. Plus Verfilmung. Plus ein Titel mit\u00a0 bedeutungsschweren Begriffen wie \u201eLeichtigkeit\u201c und \u201eSein\u201c. Ein Roman in sieben Teilen. Der erste und auch der f\u00fcnfte Teil lauten: \u201eDas Leichte und das Schwere\u201c.<br \/>\nDie verschlungene Liebesgeschichte zwischen Tomas und Teresa wird bei Wikipedia ordentlich nacherz\u00e4hlt. Da kann ich es mir leichtmachen.<br \/>\nDer sowjetische Einmarsch in die Tschechoslowakei liegt lange zur\u00fcck, aber bei der Lekt\u00fcre werden die bewegenden Bilder von damals wieder wach. Tschechen, die auf sowjetische Panzer gestiegen sind, der Protest in den Stra\u00dfen Prags.<br \/>\nIm letzten Teil (\u201eDas L\u00e4cheln Karenins\u201c) beschreibt Kundera das Sterben des Hundes Karenin. Sehr ber\u00fchrend. Weniger ber\u00fchrten mich die zahlreichen Schilderungen erotischer und sexueller Begegnungen, da sie oft etwas bem\u00fcht wirken. Die Freude am Lesen wird auch durch die \u00dcberfrachtung mit philosophischen Einsch\u00fcben (ich sag nur Nietzsche) getr\u00fcbt. Nun ja, ich wei\u00df jetzt wenigstens wer Parmenides ist.<br \/>\nManche der S\u00e4tze kann man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen und versteht sie dann immer noch nicht. Zum Beispiel: \u201eDie Quelle des Kitsches ist das kategorische Einverst\u00e4ndnis mit dem Sein.\u201c (Seite 245). Die Phrasendreschmaschine wurde doch erst nach 1984 erfunden. Auch die Parodie auf den Aktionismus naiver Linker bei einem Protestmarsch in Kambodscha (\u201eDer Gro\u00dfe Marsch\u201c) kann nicht \u00fcberzeugen. Der Zeitredakteur Thomas E.Schmidt las das Buch nach 28 Jahren wieder und konnte sich nicht mehr erkl\u00e4ren, warum das Buch damals so erfolgreich war\u00a0 (DIE ZEIT vom 9.August 2012). Es muss 1984 die Leser\/innen-Erwartungen in einer Weise erf\u00fcllt haben, die heute nicht mehr nachvollziehbar ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2017 wirkt es eher wie die \u201eSeichtigkeit des unertr\u00e4glichen Seins\u201c (Zitat eines reputierten lokalen Literaturkritikers, der anonym bleiben m\u00f6chte).<br \/>\n<strong>Note<\/strong>: 3\/4 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Kunderas Roman vereint beliebtes Treibgut zeitgen\u00f6ssicher Str\u00f6mungen: genitaler Freiraum und unumst\u00f6\u00dfliche Liebe, ungeb\u00e4ndigte Eifersucht, Ich-Findung und \u2013Verlust, gesellschaftliche Utopie und politische Unterdr\u00fcckung, Prager Fr\u00fchling und sowjetischer Herbst, Exil und Heimatlosigkeit, urbane Boh\u00e8me und l\u00e4ndliche Monotonie. F\u00fcr den Zeitgeist der Achtzigerjahre wird eine respektable Vielfalt geboten. Dies gilt insbesondere, da nicht nur die Vorw\u00e4rtsentwicklungen in der sexuellen und sozialistischen Befreiung aufgegriffen werden, sondern auch R\u00fcckw\u00e4rtswellen durch das Romanbild fluten, wenn allzu menschliche Abgr\u00fcnde hehre Absichten zu Fall bringen. Leichtigkeit und Schwere des Seins und Nicht-Seins verdichten sich zur Unertr\u00e4glichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcber gro\u00dfe Strecken des Romanweges folgt das Scheinwerferlicht dem talentierten Chirurgen Tomas und seiner Lebensgef\u00e4hrtin Teresa. Teresa tritt unvermittelt in Tomas\u00b4 sexuell ambitioniertes Leben. Der erkl\u00e4rte Junggeselle f\u00fchlt sich magisch an die schlichte Teresa gebunden, deren aufrichtige Zuwendung schwersten Angriffen ihrer eigenen Eifersucht ausgesetzt ist. Gr\u00fcnde f\u00fcr Eifersucht liefert der hypersexuelle Chirurg Nacht f\u00fcr Nacht, wenn er auf Teresas Kopfkissen den Scho\u00df-Duft einer anderen verbreitet. Verzweifelt versucht sie ihre Eifersucht zu b\u00e4ndigen. Nicht-enden wollende Todesvisionen als Strafen ihrer vermeintlichen Unbelehrbarkeit sind die Folge. Wenn sie in Albtr\u00e4umen nicht die Kraft aufbringt sich erschie\u00dfen zu lassen, erstickt sie in Selbstvorw\u00fcrfen, weil sie Tomas gegen\u00fcber versagt habe. Es folgt ein qualvolles Tag- und Nachtleben. Obwohl Tomas der libidin\u00f6sen Sucht verfallen bleibt, belastet ihn Teresas Leid zutiefst. Aus R\u00fchrung ehelicht er sie und versucht mit dem Geschenk des Hundes Karenin ein emotionales Ersatzobjekt zu schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Unterdr\u00fcckungen, die der Prager Fr\u00fchling nach sich zieht, treibt beide schon bald ins Schweizer Exil. Weil auch dort die emotionale Folter anh\u00e4lt, kehrt Teresa unvermittelt in die Heimat zur\u00fcck. Tomas folgt ihr, wohlwissend, dass er politischer Verfolgung ausgesetzt sein wird. Er verliert seine Klinikanstellung, wird mit Berufsverbot belegt und verdient fortan seinen Lebensunterhalt als Fensterputzer. Der Eintritt in fremde Haushalte beschert ihm vor allem bed\u00fcrftige Hausfrauen, die er mit hochfrequenter Emsigkeit befriedigt. 200 d\u00fcrften es sein. W\u00e4hrenddessen flieht Teresa in sexuelle Gegen-\u00dcbungen mit einem anonymen Ingenieur. Der therapeutische Erfolg bleibt aus. Ruhe vor dem sexuellen Notstand und politischer Verfolgung kehrt f\u00fcr beide erst in der selbstgew\u00e4hlten l\u00e4ndlichen Verbannung ein. Kundera suggeriert, dass Teresa letztlich die sexuelle Domestizierung von Tomas gelingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bis zu ihrem gemeinsamen Verkehrstod im Kolchose-Laster verdingen sich Teresa und Tomas als b\u00e4uerliche Hilfsarbeiter. Wie auch bei anderen Protagonisten des Romans bleibt das reale Sterben eine Nebens\u00e4chlichkeit und droht literarisch fast \u00fcbersehen zu werden. Einzig dem durchdachten Gnadentod des krebskranken Hundes Karenin wird ein humanes Gewicht gegeben. Das tats\u00e4chliche Ableben der Hauptdarsteller dagegen ist dem Zufall geschuldet, folgt also keinem Konzept und tr\u00e4gt nicht zum Sein-Verst\u00e4ndnis bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Im Beziehungskosmos entwirft Kundera eine weitere Galaxie mit zwei Fixsternen: Franz und Sabina. Als komentenschweifartige Verbindung zum Zentralgestirn des Romans w\u00e4hlt der Autor eine pulsierende Liaison zwischen Sabina und Tomas. Sabina stellt den Gegenentwurf zu Teresa dar. W\u00e4hrend Teresa der geordneten Monogamie anh\u00e4ngt, lebt Sabina die Unruhe ihres K\u00fcnstlerdaseins auch in Betten aus. Auf ihrem Laken wird neben Tomas auch der Universit\u00e4tsdozent Franz liegen, der seinerseits als Kontrapunkt angelegt ist. Im Gegensatz zu Tomas verk\u00f6rpert er den beziehungsfesten, geradezu romantisierenden Partner, der sich von seiner aus Verlegenheit geheirateten Frau nur deshalb trennt, um sich ganz Sabina verschreiben zu k\u00f6nnen. Dass genau diese Stetigkeit ein absolutes No-go im Lebensverst\u00e4ndnis von Sabina ist, bleibt ihm fatalerweise verborgen, bis sie sich ihm wortlos entzieht. Sie wird ein Leben lang unerf\u00fcllt durch Exilstationen irren. Exilstationen, die nicht nur geographischer, sondern auch seelischer Natur sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kundera begeht wiederholt Tabubr\u00fcche, indem er die Rolle des \u00fcbergeordneten Erz\u00e4hlers verl\u00e4sst und detaillierte Interpretationen einzelner Romanmomente einstreut. Auch wenn diesen Unterbrechungen lehrmeisterhafte \u00dcberheblichkeit innewohnt, so \u00fcberrascht es andererseits, dass dem Leser dennoch Assoziationsspielraum bleibt, ohne den der Roman zum Sachbuch mutieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gelungen ist die blasphemische Kambodscha-Episode mit filmreifer Inszenierung politischer Eitelkeiten, als franz\u00f6sische und amerikanische Aktivisten um die Erstautorenschaft einer Friedenskampagne keifen, und ein deutscher Liedermacher mit verhaltenem Stolz die Friedensfahne schwingt, nachdem sie durch Blutspritzer eines von Minen zerfetzten Reporters enorm an Authentizit\u00e4t gewonnen hat. Franz schlie\u00dft sich mit gro\u00dfer Geste dem Marsch im Kriegsgebiet an, der jedoch ohne jede Bedeutung bleibt. Kundera persifliert gekonnt die Tragweite des Geschehens. Franz stirbt wenig sp\u00e4ter einen belanglosen Tod \u2013 nicht als engagierter Aktivist am Rande des Vietnamkriegs, sondern schlicht durch die Gemeinheit zweier Stra\u00dfenr\u00e4uber. So banal kann das Ende eines Lebens im Angesicht gro\u00dfer Weltpolitik sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gelungen sind auch die Innenansichten in das real-sozialistische System, in dem Denunziation, Machtmissbrauch und Destruktion sich gegenseitig befeuern. Bem\u00fcht wirken dagegen Kunderas Ausfl\u00fcge auf philosophisches Terrain wie die Abschweifungen \u00fcber Nietzsches Prinzip der ewigen Wiederkehr. Fast unvorbereitet wird man vom Schluss getroffen, der inhaltlich irgendwo im Laufe der Geschichte angesiedelt ist. Entsprechend verunsichert verl\u00e4sst der geneigte Leser das literarische Sein auf der Suche nach Leichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note<\/strong>: 3\u00a0\u00a0 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Es ist immer spannend, ein Werk im Abstand von 30 Jahren wieder zu lesen. Wie wird sich der Zuwachs an Erfahrung und Weltverst\u00e4ndnis auf die Rezeption des Werkes auswirken? Tut sich ein neues Kosmos auf, der beim ersten Lesen noch verborgen war oder kann man sich nur noch wundern \u00fcber die vormalige Begeisterung? Das \u00fcberschw\u00e4ngliche Lob bei der Kritik, die Kundera mit der \u201e unertr\u00e4glichen Leichtigkeit des Seins\u201c 1984 erfuhr, l\u00e4sst sich aus dem Abstand von \u00fcber 30 Jahren nur schwerlich nachvollziehen. Der kommerzielle Erfolg schon eher. Zu sehr passte die Figur des erotomanen Arztes Thomas in den Zeitgeist der 80-er Jahre. Er unterh\u00e4lt ein ausgekl\u00fcgeltes System der freien Liebe (Stichwort \u201e 3 er Regel\u201c) mit hunderten von Frauen, lebt aber in einer von wiederholten schmerzlichen Trennungen gepr\u00e4gten Beziehung mit der Krankenschwester Theresa, die er mal als Klotz am Bein, mal als emotionale St\u00fctze empfindet. Und dann wird er auch noch zum stillen Helden, als er sich den Zumutungen des stalinistischen Systems seines Heimatlandes entzieht, und lieber als Fensterputzer in der Provinz arbeitet, als einen politischen Aufruf zu wiederrufen. Und die tapferen Tschechen hatten seit der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings sowieso einen satten Bonus unter den Intellektuellen des Westens.<\/p>\n<p>Auf mich wirkt das jedoch heute reichlich eitel erz\u00e4hlt, aufdringlich und oberlehrerhaft. Die pseudophilosophischen Abhandlungen sind plump und verallgemeinernd. (\u201eGl\u00fcck ist der Wunsch nach Wiederholung\u201c) Der Vergleich mit dem Oberschwurbler Coelho kam mir manchmal in den Sinn, ist aber dann vielleicht doch zu hart. Dabei schreckt Kundera auch vor Banalit\u00e4ten nicht zur\u00fcck. Kostprobe: \u201eWer in der Fremde lebt, schreitet in einem leeren Raum hoch \u00fcber dem Boden, ohne das Rettungsnetz, das einem das eigene Land bietet\u2026\u201c Wer h\u00e4tte das gedacht. Sein Schluss von Nietzsches \u201eEwiger Wiederkehr\u201c, die jener als \u201eSchwerstes Gewicht\u201c bezeichnet hat, \u00a0auf die herrliche Leichtigkeit des Lebens ist schlicht nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erz\u00e4hltechnisch reizvoll sind die verschobenen Zeitachsen. Schon nach einem Drittel des Romans sterben die beiden Hauptfiguren Thomas und Theresa zum ersten Mal, und doch geht Ihre Geschichte in zahlreichen R\u00fcckblenden munter weiter. Auch die Passagen rund um regimekritische Leserbriefe, Auf- und Widerrufe und die raffinerten Versuche des Regimes, den Widerstand zu unterdr\u00fccken, sind gut gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note<\/strong>: 3\/4 (\u00fcn)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carl Hanser Verlag, 1984\u00a0 |\u00a0\u00a0\u00a0 301 Seiten &gt;&gt;Ja,\u00a0 Kunderas Roman \u00a0\u201eDie unertr\u00e4gliche Leichtigkeit des Seins\u201c hat seinen Zauber verloren, den er bei meiner ersten Begegnung in den 80ern noch ausge\u00fcbt hat. 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