{"id":843,"date":"2016-05-06T17:21:49","date_gmt":"2016-05-06T15:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=843"},"modified":"2017-01-16T15:37:06","modified_gmt":"2017-01-16T13:37:06","slug":"unterwerfung-michel-houellebecq","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=843","title":{"rendered":"Unterwerfung &#8211; Michel Houellebecq"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-858\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/K1024_Unterwerfung-1-205x300.jpg\" alt=\"K1024_Unterwerfung\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/K1024_Unterwerfung-1-205x300.jpg 205w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/K1024_Unterwerfung-1.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/K1024_Unterwerfung-1-698x1024.jpg 698w\" sizes=\"(max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><strong>Dumont 2015 |\u00a0 272 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ein aufregendes Szenario. 2022 nach Christi Geburt zieht im Nachbarland Frankreich, oft auch die\u00a0 \u201e\u00e4lteste Tochter der Kirche\u201c genannt, ein muslimischer Pr\u00e4sident in den Elys\u00e9e-Palast ein. Ein B\u00fcndnis zwischen der Bruderschaft der Muslime und der Linken machte es m\u00f6glich. Nur so konnte die Kandidatin des Front National verhindert werden. Utopie? Der neue B\u00fcrgermeister von London und die Landtagspr\u00e4sidentin von Baden-W\u00fcrttemberg sind beide korangl\u00e4ubig. Warum auch nicht. Es l\u00e4uft alles erst mal ganz passabel in Gallien, wenn man von den\u00a0 Ausgaben f\u00fcr Bildung absieht. Die Kriminalit\u00e4t in den Vorst\u00e4dten sinkt und die Arbeitslosigkeit auch. Letztere, weil die Frauen den Arbeitsmarkt zugunsten der K\u00fcche entlasten. Fran\u00e7ois, zynische und desillusionierte Hauptfigur des Romans, bekommt nach der Konversion zum Islam drei Frauen zugewiesen. F\u00fcr ihn ein Gl\u00fccksfall. Und er kann als Literaturprofessor an der islamischen Sorbonne weiter lehren. Die Eliten des Landes sind ersch\u00f6pft, apathisch; kein Mumm, um die Werte der franz\u00f6sischen Revolution zu verteidigen. Die Angst, Islamkritik k\u00f6nnte als Rassismus verstanden werden, l\u00e4hmt. Dann lieber mentale Kollaboration. Besser unter- als \u00fcberwerfen. H\u00e4tte es Autor Michel Houellebecq doch bei diesem Plot belassen. Leider zieht sich durch den ganzen Roman das Drama des\u00a0 Joris-Karl Huysmans, der als Naturalist begann, Nihilist wurde und schlie\u00dflich zum Katholiken konvertierte. Teilweise spiegelt sich darin der Weg Fran\u00e7ois` vom Atheisten zum Muslim wieder. Der Roman enth\u00e4lt satirische und kom\u00f6diantische Momente. Ersteres zum Beispiel, wenn der Professor das Frauenwahlrecht als einen historischen Irrtum darstellt. Letzteres in der Schilderung des Wissenschaftsbetriebes. Trefflich gelungen in der Schilderung des karrieregeilen Unirektors Rediger, der die Meinung vertritt, dass der Gipfel des menschlichen Gl\u00fccks in der absoluten Unterwerfung bestehe. Die breit ausgetretenen professoralen Abenteuer mit Studentinnen wirken eher \u00fcberfl\u00fcssig. \u201eUnterwerfung\u201c erschien am Tag des \u00dcberfalls auf die Redaktion von \u201eCharlie Hebdo\u201c. Zw\u00f6lf Menschen wurden ermordet, darunter ein Freund Houellebecqs. Ironie des Schicksals? Seine Feststellung, der Islam sei die d\u00fcmmste aller Religionen, nahm der Schriftsteller wieder zur\u00fcck, nachdem er von verschiedenen Islamverb\u00e4nden angezeigt worden war. Inzwischen wurde der Roman auf die B\u00fchne gebracht (Deutsches Theater Berlin und Hamburger Schauspielhaus). Die Leistung des beeindruckenden Schauspielers Edgar Selge (Hamburg) lassen den SPIEGEL vom \u201eB\u00fchnenereignis der Saison\u201c und einem \u201eTriumph der Angstlust\u201c sprechen (12. M\u00e4rz 2016). Vielleicht ist das Theaterst\u00fcck besser als der Roman? Eine Verfilmung halte ich nicht f\u00fcr zwingend. <strong>Note: 3<\/strong> (ax)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ja, das h\u00e4tte ein interessanter Roman werden k\u00f6nnen. Im Vordergrund der schleichende Verfall der 44-j\u00e4hrigen Hauptfigur Francois, eines anerkannten Huysmannkenners und Professors an der literaturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Paris III Sorbonne, im Hintergrund der selbstverschuldete Untergang des europ\u00e4ischen Abendlandes, der im Jahre 2022 in Frankreich mit der Regierung der nationalen Einheit\u00a0 unter dem 1. Islamischen Pr\u00e4sidenten Mohammed Ben Abbas seinen H\u00f6hepunkt findet. Um Le Pen zu verhindern, gehen Sozialisten und Muslim-bruderschaft eine Koalition ein, deren vor allem strategische innenpoltische Ausrichtung mit der Konzentration\u00a0 auf muslimische Erziehungs- und Bildungsdoktrin einen das F\u00fcrchten lehren m\u00fcsste. Dass sowohl die Bewegung der Identit\u00e4ren, vor allem aber die Rolle der FN in diesem Prozess aus dem Focus ger\u00e4t, bleibt unverst\u00e4ndlich. \u00a0W\u00e4hrend uns Houllebecq im 1. Teil seines Romans vor allem einen \u00a0Einblick in die Niederungen der literaturwisssenschaftlichen Universit\u00e4t Sorbonne liefert (Selbstrekrutierung vermeintlicher Eliten, abseitige Forschungsgebiete als Qualit\u00e4tsmerkmal, Intrigen, p\u00e4dagogische Inkompetenz, vor allem aber Muschilecken der Pr\u00e4sidentin als Karriere-sprung, Eintagewoche von Prof. Francois am Mittwoch mit ausgiebigem Zeitbudget f\u00fcr immer nur willige Studentinnen (Francois Kollegen sind auch munter mit dabei) etc. bestimmt den gelungeneren 2. Teil st\u00e4rker der subtile Unterwanderungsprozess des Hochschulrats durch muslimische Bruderschaften und Salafisten unter bereitwilliger Mitwirkung willf\u00e4hriger Konvertiten wie dem sp\u00e4teren Pr\u00e4sidenten Rediger bis hin zur \u201esaudiarabischen Machtergreifung\u201c und Neuer\u00f6ffnung der islamischen Universit\u00e4t Sorbonne. Das ist der st\u00e4rkste Teil des Romans. Erm\u00fcdend ist f\u00fcr den nichtfrankophilen Leser Francois\u2018 immer wieder bem\u00fchter R\u00fcckgriff auf sein Alter Ego, den Dekadenzschriftsteller Huysmann. Zitate ohne Kontext aus in Deutschland meist unbekannten Romanen \u2013 was solls? \u00a0Auch der Unterhaltungswert von Francois\u2018 Sexualleben (S.86\/87 Verh\u00e4ltnis des stets pr\u00e4senten Organs \u201eSchwanz\u201c zum zunehmend abnehmenden \u201eGeistesleben\u201c!) ist gering, das Frauenbild Francois\u2018 \u201eDirne oder Kochtopffrau\u201c unterirdisch, \u201eSchlampe Babeth\u201c, die tunesische Muslima Nadia und ihre \u201egangbangs\u201c Verlockungen, die Escortdienste \u2013 etwas des Schlechten zu viel um Francois als das zu zeichnen, was er ist: ein einsamer Elfenbeinintellektueller, Huysmannb\u00fccherwurm, Alk, bindungsunf\u00e4hig \u2013Myriam eine kleine vergebliche Hoffnung-, unpolitisch und diskursunf\u00e4hig, dem ausgemachten geschichts-philosophischen Stuss, den Rediger bei seinem Besuch zum Besten gibt, wei\u00df er nichts entgegenzusetzen (auch nicht der Realsatire \u201eZehn Fragen zum Islam\u201c) \u00a0und so verwundert nichts, dass er dort endet, wo andere wie sein Gespr\u00e4chsgegen\u00fcber &#8211; allerdings nach Phasen des radikalen Humanismus, des Katholizismus, der identit\u00e4ren Bewegung \u2013 enden, in der Ideologie des Islam mit der Gewissheit von gesicherter Bedienung durch Dirne und Kochtopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, auf diese Literaturwissenschafter ist im Kampf gegen den vermeintlichen Untergang des Abendlands kein Verlass. <strong>Note: 3\/4<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Die identit\u00e4re Bewegung marschiert in \u00d6sterreich, in der Hauptstadt Gro\u00dfbritanniens wurde ein Muslim Stadtoberhaupt, in den Niederlanden hat sich erstmals eine muslimische Partei gegr\u00fcndet, in Frankreich ist der Front National die st\u00e4rkste politische Kraft, das politische Europa zerlegt sich zur Zeit selbst. Nein, man kann Michel Houellebecq wahrlich nicht vorwerfen, dass die Parameter seiner politisch wie literarisch \u00e4u\u00dferst reizvollen Versuchsanordnung v\u00f6llig unrealistisch seien: Im Frankreich des Jahres 2022 koalieren die Sozialisten mit der Partei der Muslimbr\u00fcder, um einen Pr\u00e4sidenten des Front National zu verhindern. Der \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c Muslim Ben Abbes wird Pr\u00e4sident. Ganz behutsam ver\u00e4ndert sich die franz\u00f6sische Gesellschaft. Banden und Dealer aber auch Minir\u00f6cke verschwinden nach und nach aus dem Stadtbild. Auch an der Universit\u00e4t Sorbonne, an der Houellebecqs Protagonist Francois lehrt ver\u00e4ndert sich einiges. Studentinnen in Burka treten selbstbewusster auf als bisher, Israel wird boykottiert, eine Zweigstelle in Dubai wird gegr\u00fcndet, die ganze Uni schlie\u00dflich , nachdem sich Katar die Uni in Oxford unter den Nagel gerissen hat, von den Saudis \u00fcbernommen und mit \u00fcppigen finanziellen Mitteln ausgestattet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Uni herrscht ein seltsames Desinteresse an den Ver\u00e4nderungen. Die meisten Hochschullehrer f\u00fchlen sich unantastbar. Bald schon stellt sich aber heraus, dass Professoren, die ideologisch nicht mehr genehm sind, mit vollem Gehalt in Pension geschickt werden, die anderen 3-faches Sal\u00e4r und weitere Annehmlichkeiten erhalten. Und hier sind wir beim Kern des Romans: Es ist meines Erachtens nach v\u00f6llig falsch, den Roman in erster Linie als gegen den Islam gerichtet zu sehen. Vielmehr geht es um das Versagen der sogenannten geistigen und politischen Eliten in Frankreich, ihre Korrumpierbarkeit und ihre bereitwillige Kollaboration mit r\u00fcckw\u00e4rtsgerichteten Kr\u00e4ften. Es sind schlie\u00dflich die Sozialisten, die den Muslimbr\u00fcdern gro\u00dfe Zugest\u00e4ndnisse machen. Diese verzichten auf viele Ministerien, um Zugriff auf das Bildungs-ministeriums zu bekommen, f\u00fcr sie folgerichtig der Schl\u00fcssel zu allen Ver\u00e4nderungen. Die Erziehung wird islamisch ausgerichtet und am Koran orientiert. Das Pendant halt zur christlichen Erziehung und einem christlich gepr\u00e4gten Menschenbild. Wer das nicht will, wird auf Privatschulen verwiesen. Die Bildungsausgaben sinken dramatisch, da die Schulpflicht mit 12 Jahren endet, ebenso sinken die Sozialausgaben, da die Familien gest\u00e4rkt werden und viele sozialen Aufgaben \u00fcbernehmen sollen. Ben Abbes schwebt ein Europa der Mittelmeerl\u00e4nder vor, in dem das Kraftzentrum nach S\u00fcden verlagert wird und Algerien, Tunesien und Marokko Mitglied der EU sind. Angesichts der Fliehkr\u00e4fte, die Europa zurzeit heimsuchen, ein zumindest ein interessanter Gedanke. Houellebecq ist Europaskeptiker, das ist bekannt. Das christliche Europa, das es einmal gab, ist seinem Befund nach verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Francois erliegt nach anf\u00e4nglichem Rauswurf aus der Uni und folgenden schweren depressiven Phasen, schlie\u00dflich einem pers\u00f6nlichen R\u00fcckruf des Unipr\u00e4sidenten Rediger, einem Konvertiten, der in seinen Anfangsjahren mit der Identit\u00e4ren Bewegung sympathisiert hat. Er wohnt ausgerechnet in dem Haus, in dem die &#8222;Geschichte der O.&#8220;\u00a0 geschrieben wurde, in dem es um die Unterwerfung der Frau unter den Mann geht. F\u00fcr Rediger eine Parabel f\u00fcr die ebenso lustvolle Unterwerfung des Menschen unter den Islam. Rediger w\u00fcrde Francois bei seinem Status durchaus gleich 3 Ehefrauen zugestehen und regt die Einschaltung von Heiratsvermittlerinnen an. Francois, der sich bisher mit Escort-Sex und viel Alkohol durchgeschlagen hat, beginnt diesen Gedanken etwas abzugewinnen. Er meint, dass sich seine akademische Laufbahn vollendet hat und es \u201e noch was anderes gibt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Houellebecq ist mit seinem reizvollen Gedankenexperiment ein kluges und \u00fcberaus spannendes Buch gelungen, das den Finger in viele Wunden legt. <strong>Note\u00a0 2+ (<\/strong>\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Mit der <em>Unterwerfung<\/em> nagelt Houellebecq provokante Thesen an die zeitgen\u00f6ssischen Kirchentore: \u201eDer grandiose Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Gl\u00fccks in der absoluten Unterwerfung besteht.\u201c Insbesondere als \u201eVerbindung zwischen der unbedingten Unterwerfung der Frau unter den Mann \u2026 und der Unterwerfung unter Gott, wie sie der Islam anstrebt\u201c. So gepredigt von Houellebecqs Rektor der Pariser Elite Universit\u00e4t Sorbonne. W\u00f6rtlich genommen nichts anderes als die direkte \u00dcbersetzung von <em>Islam<\/em>: <em>Unterwerfung<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahl kommt es zum gesellschaftspolitischen Showdown der etablierten Volksparteien mit ihren verfeindeten Herausforderern. Im Bem\u00fchen den Rechtsruck durch den Front National zu verhindern, dient sich die politische Mitte der erstarkten Muslimbruderschaft als Juniorpartner an. Die Folgen sind gravierend, vor allem im Bildungssektor, den die neue Machtelite als zentralen Hebel f\u00fcr einen gesellschaftlichen Wandel identifiziert. Die Hauptfigur des Romans Fran\u00e7ois wird als Hochschullehrer mit anr\u00fcchigem Literaturschwerpunkt augenblicklich Opfer der Umw\u00e4lzungen.Fran\u00e7ois begegnet uns als dekadenter Vertreter der verw\u00f6hnten Zivilgesellschaft. Das Selbstverst\u00e4ndnis lautet: Genuss, Geschlechtsverkehr und Gaumenfreuden. Nach einer einmaligen Leistung im Rahmen seiner schon fast vergessenen Doktorarbeit bem\u00fcht sich Fran\u00e7ois die literaturwissenschaftlichen Lehrverpflichtungen seiner schlecht besuchten Vorlesungen an einem einzigen Wochentag abzuhandeln. Wohlwissend, dass die Anstrengungen seiner Studenten m\u00fchsamer sind als seine Herausforderungen, welche sich inzwischen darauf beschr\u00e4nken, in Restaurants die richtige Wahl treffen. Das Jetzt-Sein ist Selbstzweck und verlangt nach zweckfreien Endlosschleifen. Der Grund f\u00fcr seine sofortige Suspension ist Huysmans, dem er sein Forschungsengagement gewidmet hatte. Auch wenn Huysmans Literatur und Leben zweihundert Jahre zur\u00fcckliegen, so erscheint dessen Boh\u00e8me-Dasein nicht zuf\u00e4llig als intellektuelle Blaupause f\u00fcr Fran\u00e7ois\u00b4 Lebensskript. Warme Weiber, fr\u00fches Betten in Beamtenkissen und Sinnkrisen. Fran\u00e7ois spiegelt vielf\u00e4ltig sein Literatursujet.<br \/>\nIn eingefahrenen Semesterrhythmen wechselt Fran\u00e7ois die Studentinnen. Gelegentlich verweilen sie wie Myriam etwas l\u00e4nger und knittern nicht nur die Laken, sondern auch sein Herz. Die genitale Spannkraft bleibt die einzige unbehelligte K\u00f6rperfunktion, w\u00e4hrend er sich als Mitvierziger bereits am ganzen Leib leidend f\u00fchlt. Gelangweilt durch den Tod seiner Mutter, vereinsamt da ohne Freunde und dennoch mit einer gewissen kritischen Distanz zu sich selbst, sucht er gelegentlich Sinnfragen, ohne allerdings f\u00fcndig zu werden. Fran\u00e7ois ist kein Sympathietr\u00e4ger. Houellebecq l\u00e4sst ihn f\u00fcr den Zustand einer Gesellschaft stehen, die die Orientierung verloren hat.<br \/>\nW\u00e4hrend gestern die Rechten noch mordend die Nation umpfl\u00fcgten, tritt unter der neuen muslimischen F\u00fchrung augenblicklich Ruhe ein. Junkies und Damenwaden sind aus dem \u00f6ffentlichen Bild verschwunden, Gesichter verschleiert, die Arbeitslosenzahlen befinden sich im freien Fall, die Frauen kehren an den steuerlich vergoldeten Herd zur\u00fcck und \u00fcberlassen den Arbeitsmarkt den M\u00e4nnern. Das staatliche Schulsystem wird zusammengeschmolzen, w\u00e4hrend aus dem arabischen Ausland subventionierte Koranschulen aufbl\u00fchen wie die Sorbonne unter saudi-arabischer Hoheit.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fran\u00e7ois fl\u00fcchtet zun\u00e4chst ziellos in die Provinz, m\u00e4andert vier Wochen haltlos durch Kl\u00f6ster und Kirchen ohne jedoch seinen Wendepunkt zu finden wie Huysmans, der am Lebensende als entleerter Atheist zum Katholizismus konvertierte. Fran\u00e7ois bleibt der Verr\u00e4ter vor sich selbst, der nur dem oberfl\u00e4chlichen Eigennutz ohne Gesinnung folgen wird. Das letzte Kapitel des Buches suggeriert seine Unterwerfung, die Konversion zum Islam um seine alte Stelle mit weniger Inhalten antreten zu k\u00f6nnen. Sein aufgestocktes Gehalt sollte mindestens zwei Ehefrauen erm\u00f6glichen und damit seiner monumentalen Libido Gen\u00fcge tun. Als Vermittler dieser Entwicklung tritt der neue Universit\u00e4tsrektor Rediger auf, der Not hat, vakant gewordene Lehrstellen zu besetzen. Er kehrte entt\u00e4uscht der christlichen Zivilisation den R\u00fccken, nachdem er deren Verfehlungen w\u00e4hrend der Weltkriege erleben musste. Zum Islam konvertiert, opponiert er gegen islamkritische Str\u00f6mungen, agiert gegen Israel-Kooperationen im Forschungsbereich und beeindruckt die \u00d6ffentlichkeit mit einer auflagenstarken Zehn-Punkte Handreichung f\u00fcr den uns\u00fcndigen Hal\u0101l Alltag.<br \/>\nDas neue Wertesystem mit ver\u00e4nderten Kennzahlen folgt jedoch der gleichen Arithmetik wie das alte. Bereicherung, Intrige, Neid, Egoismus, Intoleranz, Ungleichheit, Dekadenz bleiben unverr\u00fcckbare Naturkonstanten. Houellebecq versteht es vor allem beim Thema Sexualit\u00e4t die flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4nge der Systeme vorzuf\u00fchren. Man meint noch den herben Sperma-Vaginalgeschmack zu schmecken, als Fran\u00e7ois aus seiner T\u00fcr tritt und sich die Pforte zu Redigers Wohnung auftut. Eine F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige, die zweite Ehefrau des Uni-Pr\u00e4sidenten, huscht vorbei. Einmal ist es individuelle Z\u00fcgellosigkeit, das andere Mal religi\u00f6s legitimierte Hochkultur. Die Verpackung ist zwischen den Anschauungen ver\u00e4ndert, der Inhalt kaum zu unterscheiden.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Houellebecq widmet die ersten drei Kapitel vor allem den \u00e4u\u00dferen, politischen Umw\u00e4lzungen, w\u00e4hrend die letzten beiden Kapitel das Augenmerk auf den inneren Pers\u00f6nlichkeitswandel richten. In diesen Zusammenh\u00e4ngen entwickelt der Autor ein Wechselspiel zwischen gesellschaftlichen und pers\u00f6nlichen Wertesystemen. Es sind Ebenen, die nicht nur einander spiegeln, sondern auch einander gestaltend ver\u00e4ndern. Leider verliert Houellebecq sich unterwegs in erm\u00fcdenden Literaturerg\u00fcssen, strapaziert die erogenen Zonen, vernachl\u00e4ssigt begonnene Handlungsstr\u00e4nge wie den aufkeimenden B\u00fcrgerkrieg der Rechten und schafft nicht wirklich den Spannungsbogen des ersten Teils in den zweiten zu retten. So bliebe in diesem intelligenten und realrelevanten Plot nicht nur gesellschaftlich sondern auch literarisch noch einiges zu tun. <strong>Note: 2\/3\u00a0<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dumont 2015 |\u00a0 272 Seiten. &gt;&gt; Ein aufregendes Szenario. 2022 nach Christi Geburt zieht im Nachbarland Frankreich, oft auch die\u00a0 \u201e\u00e4lteste Tochter der Kirche\u201c genannt, ein muslimischer Pr\u00e4sident in den Elys\u00e9e-Palast ein. 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