{"id":780,"date":"2015-12-19T14:18:08","date_gmt":"2015-12-19T12:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=780"},"modified":"2018-12-11T13:02:22","modified_gmt":"2018-12-11T11:02:22","slug":"jenny-erpenbeck-gehen-ging-gegangen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=780","title":{"rendered":"Gehen, ging, gegangen &#8211; Jenny Erpenbeck"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/K1024_gehen-ging-gegangen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-781\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/K1024_gehen-ging-gegangen-193x300.jpg\" alt=\"K1024_gehen ging gegangen\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/K1024_gehen-ging-gegangen-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/K1024_gehen-ging-gegangen-658x1024.jpg 658w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/K1024_gehen-ging-gegangen.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a><strong>Knaus 2015 |\u00a0 348 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; <em>In the end, we will remember not the words of our enemies, but the silence of our friends &#8211;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zitiert die Autorin einleitend Martin Luther King. Und tats\u00e4chlich ist der Tenor ihres Werkes eine anklagende bundesrepublikanische Innenschau, die neben lauten Grausamkeiten in den Heimatl\u00e4ndern afrikanischer Fl\u00fcchtlinge vor allem eine anteilnahmslose Lautlosigkeit im deutschen Bekanntenkreis auszumachen glaubt. Die Gegen\u00fcberstellung verortet sie vor dem Roten Rathaus in Berlin. Fl\u00fcchtlinge haben sich den Mund zugen\u00e4ht und verweigern ihre Namen und die Nahrungsaufnahme, um mit diesem Weniger politisch mehr zu werden. Richard, der Protagonist des Romans, liest: <em>We become visible<\/em>. Erpenbeck l\u00e4sst Richard zunehmend tiefer in die Abgr\u00fcnde schauen und kommt zu dem Schluss, dass sich dieses, sein Land nicht sehen lassen kann. Die offizielle Willkommenskultur sei nicht mehr als eine zur Willk\u00fcr-verkommende Unkultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 So unerfahren wie Richard als emeritierter Professor der Altphilologie in seinen j\u00fcngst verordneten Ruhestand tritt, so unbeholfen betritt er den Berliner Alltag der Dritten Welt. Irgendetwas macht ihn neugierig &#8211; vielleicht der Forscher in ihm, dessen Fragen nach dem Lieblingsversteck und dem Besitz eines Haustieres in der Kindheit dieser Afrikaner allerdings unbeantwortet bleiben. Stattdessen bekommt er Antworten auf nicht-gestellte Fragen, erf\u00e4hrt von Versklavung in Nigeria, Vertreibung aus dem libyschen Exil, Opferzahlen auf dem Mittelmeer, Willk\u00fcr in italienischen Lagern und zivilisierter Beh\u00f6rdentyrannei in Deutschland. Nach und nach werden ihm <em>Asylrechtsverordnung<\/em>, <em>Aufenthaltstitel<\/em> und <em>R\u00fcckf\u00fchrung<\/em> inhaltsdrohende Begriffe. Nach und nach wird Richard zum t\u00e4glichen Besucher, der sich beim Eintritt in das Asylbewerberheim schon nicht mehr ausweisen muss. Nach und nach werden ihm Schwarzafrikaner, deren fremdl\u00e4ndische Namen er zun\u00e4chst durch altgriechisches Tristan, Apoll und Jupiter ersetzt, zu Osarobo, Yussuf und Raschid. Richard wird zu ihrem Schatten und schlie\u00dflich zu ihrem Licht, das die Wege durch Polizeireviere, Amtsstuben und Rechtsanwaltspraxen ausleuchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richard kauft f\u00fcr ein paar tausend Euro spontan ein unbekanntes Grundst\u00fcck in Ghana, damit die Eltern eines Fl\u00fcchtlings die Familie versorgen k\u00f6nnen. Richard lehrt Klavier spielen. Richard quartiert in seinem Haus ein Dutzend Fl\u00fcchtlinge ein. Richard l\u00e4sst sogar Freunde konvertieren. Die Gr\u00fcnde scheinen ihm \u00fcberzeugend: Ein Fl\u00fcchtling verschwindet aus dem Operationssaal der Charit\u00e9, weil ihm die sofortige Hilfe f\u00fcr Freunde wichtiger ist als seine Herzoperation. Ein Fl\u00fcchtling w\u00fcrde selbst dann eine deutsche Frau nicht heiraten, wenn Sie ihn zutiefst liebt, weil man meinen k\u00f6nnte, er heirate nur um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken. Diese aufrichtigen Moralvorstellungen inszeniert die Autorin als Gegenentwurf zu Richard, der zwar altruistisch bem\u00fcht aber moralisch labil angelegt ist. Er hatte nicht nur eine langj\u00e4hrige Freundin w\u00e4hrend der Ehe mit seiner verstorbenen Frau, sondern fantasiert schon wieder von der anmutigen \u00e4thiopischen Lehrerin, die in akzentfreiem Deutsch Sprachunterricht erteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend deutsche Beh\u00f6rden durch Wortklauberei Demonstrationsrechte langatmig behindern, gelingt einer afrikanischen Magierin in Berlin durch Versenken von Richards Bargeld in einem dampfenden Bodenloch die Direkt\u00fcberweisung nach Ghana innerhalb weniger Stunden. Ebenso l\u00e4sst die Schriftstellerin Richard erleben, wie das deutsche Gesundheitssystem dem traumatisierten Rufu durch Psychopharmaka fast das Leben nimmt, obwohl seine Niedergeschlagenheit von einem vereiterten Zahn herr\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Blick auf einen Tisch im M\u00e4nnerwohnheim, in das Tristan abkommandiert wird, vollzieht Erpenbeck schlie\u00dflich den unmittelbaren Kulturvergleich. W\u00e4hrend die anderen Zimmerbewohner (Zitat: \u201es\u00fcchtige, wahnsinnige und sehr arme Deutsche\u201c) mit Essensresten und Flaschen die einzige Ablage versauen, lebt der schwarzafrikanische Gast Kultur vor: Zitat: \u201eRichard \u2026 sieht das Drittel vom Tisch, das Tristans Parzelle ist: leer und sauber gewischt\u201c S.332). Pr\u00e4gnanter lassen sich zwei Kulturprofile kaum gegen\u00fcberstellen. Jene Lesenden, die sich bis hierher durch Erpenbecks Text tr\u00e4umten, werden sich sp\u00e4testens an dieser Tischkante sto\u00dfen. <em>Gehen, ging, gegangen<\/em> versteht die Autorin als Unterricht gegen \u201eblondgescheiteltes\u201c Deutsch, das Symbol inhumaner Fl\u00fcchtlingspolitik. Mit <em>Gehen, ging, gegangen<\/em> konjugiert sie bundesrepublikanische Gef\u00fchlsk\u00e4lte, die das Land mit Bodenfrost \u00fcberzieht. Wie kalt ist es wirklich und ist es nur das? LeserInnen beginnen zu fr\u00f6steln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist die Anlage des Romans vielversprechend: Erhellende Begegnungen in der Not. Menschen aus verschiedenen Kulturen, denen gemeinsam ist, dass sie unter Verlusten leiden. Auf der einen Seite Schwarzafrikaner, die ihre Angeh\u00f6rigen und ihre Heimat verloren. Auf der anderen Seite jener Professor, der seine Frau und seinen Lebensinhalt durch die Pensionierung verlor. Dazwischen die deutsche Wirklichkeit. Schlie\u00dflich die literarische Idee, eine Umkehrung des Lernprozesses zum Leitmotiv zu machen. Durch das sehr unterschiedliche Gewicht der Verluste auf beiden Seiten wird der Sprachunterricht f\u00fcr Ausl\u00e4nder zur Nebensache. Stattdessen macht Erpenbeck <em>Gehen, ging, gegangen<\/em> zu Lehrstunden f\u00fcr Richard. Leider bricht hier jedoch die literarische Raffinesse ab, da es Erpenbeck nicht gelingt, Richards Lernprozess mit Leben zu f\u00fcllen. Welchen Einfluss hat die unerwartete Begegnung mit fremden Verlusten auf die Verarbeitung der eigenen Verluste? Sind es gerade die Kulturunterschiede, die in diesen Krisen neue Sichtweisen erm\u00f6glichen? Wir erfahren es nicht. Stattdessen benutzt die Schriftstellerin den Hauptdarsteller Richard lediglich als verblasten Spiegel, durch den sie der Leserschaft Migrationsdetails vorf\u00fchrt. Leider entwertet sie nachhaltig ihre mitunter interessanten Interkalationen, wenn z.B. verschiedene Fl\u00fcchtlingsereignisse sprachlich mit verschiedenen Stadien des Klavierunterrichts verflochten werden (S. 292). Letztlich aber bleibt der Roman als gro\u00dfe Literatur viel zu d\u00fcnn, und ist als Sachbuch nicht dick genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entsprechend wird die Leserschaft mit einer dumpfen Einseitigkeit entlassen, so dass von Martin Luther King kaum mehr \u00fcbrigbleibt als:<br \/>\n<em>In the end, we will remember not the words<\/em><br \/>\nSchade. Das Werk h\u00e4tte so viel mehr sagen k\u00f6nnen. <strong>Note: <\/strong>3\/4 (ur) &lt;&lt;<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Was gut gemeint ist, kann auch v\u00f6llig misslingen. Erpenbecks Roman ist der Beleg. Da geht der seit kurzem emeritierte Professor f\u00fcr Klassische Philologie an der Humboldt Universit\u00e4t \u00fcber den Berliner Oranienplatz, ein Platz, der ihn an Hugenottische Fl\u00fcchtlingsgeschichte und an Lenn\u00e9s gro\u00dfartigen Gartenbauplan aus dem vorletzten Jahrhundert erinnert. Noch nimmt er die Gruppe \u201eSchwarzer\u201c, (\u201eSchwarz- h\u00e4utiger\u201c, \u201eSchwarzer M\u00e4nner\u201c ) mit \u201ewei\u00dfen Sympathisanten\u201c nicht wahr , die mit Campingtisch und Schlafsack und einer \u201ewei\u00dfgestrichenen Pappe\u201c in \u201eschwarzen Buchstaben\u201c mit der Aufschrift \u201eWir werden sichtbar\u201c lieber sterben wollen als sagen, wer sie sind. Vielmehr erfahren wir von Richards beginnender Einsamkeit. Zun\u00e4chst von der Geliebten betrogen und verlassen, dann die Ehefrau verloren (\u201egetrunken hatte sie auch, aber das ist eine andere Geschichte\u201c dann Frau Erpenbeck bitte weglassen) dann noch ein Toter im nahegelegen See, da ist es doch mehr als verst\u00e4ndlich, dass \u201edie Zeit jetzt eine andere Art von Zeit ist\u201c, dass ihn \u201edie Zeit an sich qu\u00e4lt\u201c. Dass wir als Leser dann allerdings mit Richards Einkaufzettel, Rasenm\u00e4hen, Pfingstrosenplanzung, Erbseneintopf, abendlichen Wurstbroten, Reparaturarbeiten am Gartenh\u00e4uschen und seinen Schlafproblemen \u201enachts geht er pinkeln und kann danach nicht mehr einschlafen\u201c gequ\u00e4lt werden, geht zu weit. Wie gut, dass Richard auch regelm\u00e4\u00dfig Zeitung liest und Nachrichten schaut. So wird dem Herrn Professor nicht nur allm\u00e4hlich klar, wie die Hauptst\u00e4de afrikanischer Staaten hei\u00dfen, sondern auch, dass sich auf dem Berliner Oranienplatz und vor dem Berliner Rathaus etwas abspielt, dem er sich nicht entziehen kann: eine afrikanische Fl\u00fcchtlingsgeschichte. Aus der Konfrontation mit der Realit\u00e4t entsteht Richards Projekt eines zunehmend verkitschten privaten Hilfsprogramm, das seinen H\u00f6he- und literarisch zugleich seinen Tiefpunkt am Schluss in Richards Geburtstagsfeier findet, bei der sich zwei Kulturen friedlich und freudig vereint in Richards Haus \u2013 jetzt sogar eine \u201eanerkannte Heimunterkunft\u201c &#8211; zusammenfinden. Doch kurz der Reihe nach. Richard ist schlie\u00dflich keine Sponti, sondern Professor. Da will alles gut vorbereitet sein. Also zun\u00e4chst Buchrecherche \u201ezum Thema\u201c (das steht tats\u00e4chlich so da auf S.51 \u2013haneb\u00fcchen!!!!!) und \u201eeinen Fragenkatalog\u2026 entwerfen\u201c (das steht tats\u00e4chlich auch so da) f\u00fcr Interviews mit den Fl\u00fcchtlingen. Und da es wichtig ist, die \u201erichtigen Fragen\u201c zu stellen, lesen wir unter anderem folgendes: \u201eWas war in ihrer Kindheit ihr Lieblingsversteck\u201c, \u201eWas f\u00fcr Kleidung trugen sie\u201c, \u201eWie haben sich ihre Eltern kennengelernt\u201c und als besonders sensible Schlussfrage \u201eWo soll man sie begraben\u201c. Was Richard in den folgenden Tagen im Fl\u00fcchtlingsheim an Einzelschicksalen vor allem aus dem Munde von Awad aus Ghana, Raschid und Zair aus Nigeria, \u201eApoll\u201c aus Mali, sp\u00e4ter von Osarobo aus Niger erf\u00e4hrt, ist eine Mischung von tragischen Schicksalen, politisch-religi\u00f6sen Verwerfungen und Idyllisierung vom einfachen afrikanischen Leben (Tuareg-Geschichte). So f\u00fchlt sich auch der \u201eemeritierte Professor\u201c, der \u201ehier an einem Tag so vieles zum ersten Mal h\u00f6rt, als sei er noch einmal ein Kind\u201c sichtlich ergriffen. Doch neben dieser Infantilisierung gibt es auch Erkenntnisgewinn. Richard hat nicht nur Hegel und Nietzche gelesen \u201eaber was man essen soll, wenn man kein Geld hat\u201c, das \u201ewei\u00df er auch nicht\u201c. Jedenfalls gelingt Richard noch der Transfer klassischer Bildung mit seinen ihm zunehmend an Herz gewachsenen afrikanischen Fl\u00fcchtlingen. Schon der \u201eSchwarze\u201c mit den goldenen Turnschuhen am Oranienplatz wird f\u00fcr ihn zu \u201eHermes\u201c, statt sich die \u201efremden Namen der Afrikaner zu merken\u201c mutiert Awad aus Ghana zu \u201eTristan\u201c (durch Richard wird selbst Gottfried von Stra\u00dfburg noch aktuell) und Raschid, als 13j\u00e4hriger aus Nigeria geflohen, nachdem der Vater von 24 Kindern und 5 Frauen (merkw\u00fcrdig, der ist doch Christ) und jetzt wichtiger Ansprechpartner und Organisator seiner afrikanischen Fl\u00fcchtlingsfreunde zum \u201eOlympier\u201c und \u201eBlitzeschleuderer\u201c. Was folgt ist \u00fcberwiegend eine \u2013 ich wei\u00df, das Bild ist hier gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig \u2013 Schwarz-Wei\u00df-Zeichnung: hier die bedauernswerten Fl\u00fcchtlinge, dort die kaltherzige deutsche B\u00fcrokratie. W\u00e4hrend Richards Engagement von Seite zu Seite steigt, er gibt Sprachunterricht f\u00fcr Fortgeschrittene, w\u00e4hrend die sch\u00f6ne \u00c4thiopierin ( Richard, der klassische M\u00e4nnerphantasien entwickelt, unterstellt ihr durch ihre T\u00e4tigkeit \u201eeinen schwarzen Mann zu wollen\u201c) um sprachlichen Basics bem\u00fcht, er vermittelt den Krankenpfleger Ali f\u00fcr Annas Mutter, Osarobo aus Niger \u2013 dessen Schicksal Richard an Mozarts Tamino erinnert (!!) darf zum ersten Mal in seinem Leben ans Klavier, ein d\u00fcnner Mann mit Besen aus Ghana, Karon Anubo, erh\u00e4lt von Richard 3000 \u20ac f\u00fcr den Kauf eines St\u00fcck Lands, das seiner Familie wieder eine Lebensperspektive gibt \u2013 voodohaft die Form der Geldtransaktion in einem Berliner Hinterzimmer und zugleich Richards naive Faszination wie einfach ist doch der Grundst\u00fcckserwerb in Ghana gegen\u00fcber der komplizierten Vertrags- und Rechtskonstruktion in Deutschland sei-, er begleitet Fl\u00fcchtlinge bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen zu durchweg kaltherzigen Berliner Beamten der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde oder Ihtemba zum verst\u00e4ndnisvollen und doch etwas skurrilen Altachtundsechzigeranwalt und Tacituskenner, der auf \u201eGermania\u201c verweisend zur reichlich abstrusen These belangt: \u201eVor 2000 Jahren waren die Germanen das gastfreundlichste Volk, das es gab.\u201c, um eine Seite sp\u00e4ter zum vernichtenden Urteil \u00fcber unseren heutigen Rechtsstaat zu kommen \u201eJetzt, 2000 Jahre sp\u00e4ter, gibt es den Paragraphen 23, Absatz 1, Aufenthaltsgesetz\u201c. Nur ein einziges Mal scheint Richard mit seinem Goodwill-Programm ins Schlingern zu kommen. Er weint, \u201ewie er seit dem Tod seiner Frau nie mehr geweint hat\u201c, nachdem er sich von Osarobo hintergangen glaubt. Doch Richard kommt wieder ins Lot, weil der Einbruch und sein m\u00f6glicher T\u00e4ter durch diffuse religi\u00f6se SMS-Botschaften Osarobos im Nebul\u00f6sen bleibt. Stolz kann Richard allerdings auf seinen vorwiegend akademischen Freundeskreis sein, der \u00fcber viele viele Seiten hinweg seinem Kampf gegen die Ungerechtigkeit Berliner Fl\u00fcchtlingspolitik und seiner Empathie f\u00fcr die Probleme der \u201eschwarzen M\u00e4nner\u201c eher verst\u00e4ndnislos und vorurteilsbesetzt (das Detlef-Sylvia-P\u00e4archen, der Peter-Arch\u00e4ologe mit seinem 21j\u00e4hrigen Freundin-Naivchen\u00a0\u00a0 Marie &#8211; die Afrikaner bringen doch nur Typhus und AIDS) begegnet. Als dann allerdings nach der vom Berlinder Senat verf\u00fcgten R\u00e4umung der Fl\u00fcchtlingsunterkunft in Spandau die Obdachlosigkeit droht, stehen Richard und seine Freunde wie eine Eins solidarisch mit den gedem\u00fctigten Afrikanern: bereitwillig \u00f6ffnen sich Professoren- und B\u00fcrgerh\u00e4user und selbst Naivchen Marie bietet in ihrer WG ein Zimmerchen an. Hier gelingt Richard im Freundeskreis ohne Worte schlicht durch die faktische Notsituation ein Gesinnungswandel , der mir als Leser bis zum Ende des Buches vorenthalten bleibt. Oberpeinlich bleibt nur noch der Schluss, als Detlefs Bemerkung \u00fcber die Krankheit seiner Frau Sylvia unter allen Anwesenden (Sprachbarrieren der Afrikaner scheinen v\u00f6llig aufgehoben) in der noblen Fl\u00fcchtlingsherberge Richards ein kollektives stilles Gedenken an einstmals geliebte Frauen ausl\u00f6st und als w\u00e4re dies alles nicht schon genug, wird auch noch eine fr\u00fche Abtreibungsgeschichte Richards mit Khalids gef\u00e4hrlicher Mittelmeer\u00fcberfahrt verkn\u00fcpft um in pseudophilosophischen Sentenzen v\u00f6llig zu versinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens: \u201eDen lachenden Yussuf aus Mali, einen kleinen kohlrabenschwarzen Mann\u201c (S.155) oder Rufu aus Burkino Faso \u201eRufu ist jedenfalls sehr schwarz\u201c (S.163) wird die Pr\u00e4zisierung sehr freuen!\u00a0 <strong>Note<\/strong>: 5 \u2013 (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Der Schutzumschlag: Wei\u00df-Schwarz. Das Coverbild innen: Schwarz \u2013 Wei\u00df. Kein gutes Omen. Denn auch der Inhalt ist allzu holzschnittartig Schwarz &#8211; Wei\u00df geraten:<br \/>\nAuf der einen Seite die Fl\u00fcchtlinge, einf\u00fchlsam, mit afrikanischem Migrations-hintergrund, in dem die stolzen Tuareg keinen Kompass brauchen um sich zu orientieren und in dem Grundst\u00fccksgesch\u00e4fte in Ghana g\u00e4nzlich ohne diesen ganzen westlichen Papierkram binnen Stunden zustande kommen. Richard, ein emeritierter Professor f\u00fcr alte Geschichte, macht sich etwas unvermittelt auf, sich f\u00fcr diese Menschen aus Libyen, Niger, Ghana, Burkina Faso, zu engagieren und sich f\u00fcr ihr Schicksal zu interessieren. Auf der anderen Seite die unbarmherzige deutsche B\u00fcrokratie, die eine illegale Zelt- Siedlung auf dem Oranien-Platz und die Besetzung einer Schule in Kreuzberg einfach nach Monaten der Duldung aufl\u00f6sen will, und die mit Vorurteilen beladenen Freunde von Richard wie Detlev und Sylvia, \u201e die vielleicht nicht einmal wissen, wo Niger liegt\u201c. Dabei wei\u00df Richard selbst nicht, was Tuareg sind, was ein Aufenthaltstitel und was Dublin II ist. Dies soll wohl den etwas weltabgewandten Wissenschaftler charakterisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte bewegt sich immer wieder mal auf den Rand zum Fl\u00fcchtlingskitsch zu. Das ist besonders \u00e4rgerlich, da es die schrecklichen Schicksale der aus Elend, Armut, Korruption und Gewalt fliehenden Menschen zwangsweise mit ins Seichte, Unglaubhafte zieht. Unertr\u00e4glich wird es im letzten Kapitel, als Richard in seinem Haus quasi ein privates Fl\u00fcchtlingsheim etabliert und bei einer Gartenparty, auf dem das Fleisch nat\u00fcrlich <em>halal<\/em> ist, Richards Freund Detlev erz\u00e4hlt, dass seine Frau schwer erkrankt ist. Die geschilderte Empathiewelle, die sich nun in den K\u00f6pfen der Fl\u00fcchtlinge aufbaut, ist v\u00f6llig missraten. <em>\u201eAlle miteinander denken einen Moment lang an Frauen, die sie geliebt haben und von denen sie einmal geliebt wurden.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider gibt es auch einiges an unmotivierten Wiederholungen und schiefen Sprachbildern, (Der <em>\u201eVolksmund\u201c<\/em> schreibt nicht in Internetforen! (S.226) ) so dass das Buch auch sprachlich nicht \u00fcberzeugt.<br \/>\nWarum es dieses Buch bis in die shortlist zum Deutschen Buchpreis 2015 geschafft hat, bleibt r\u00e4tselhaft. Wer wirklich etwas Tiefgr\u00fcndiges erfahren will \u00fcber die Flucht eines jungen Gambiers nach Deutschland und seine Sicht auf unser Land, dem sei das Essay <em>\u201eModou und die Frauen\u201c<\/em> von KHUE PHAM in der ZEIT N\u00b0 51 empfohlen. <strong>Note<\/strong>: 4\/5 (\u00fcn)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Wie oft steht man vor einem Problem und wei\u00df nicht, was Sache ist. Emeritus Richard wei\u00df zum Beispiel nicht, wie es den afrikanischen Asylanten tats\u00e4chlich geht. Was liegt da n\u00e4her, als einen Fragebogen zu verfassen und sich damit in deren Unterkunft zu begeben. Die Fragen haben es in sich, ich m\u00f6chte sie trotzdem nicht wiederholen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richards Spezialgebiet ist der \u201egriechische G\u00f6tterhimmel\u201c. Deswegen nennt er die Neuank\u00f6mmlinge Apoll, Blitzeschleuderer und sch\u00f6ner. Auch wenn eine gro\u00dfe Hilfsbereitschaft gegen\u00fcber den Fl\u00fcchtlingen in Deutschland besteht, nicht alles l\u00e4uft rund und man kann manches kritisieren.Trotzdem scheint es mir nicht angemessen, dass die Autorin mehrmals die wohlbekannte NS-Keule bem\u00fcht: \u201eNur wenn sie Deutschland jetzt \u00fcberlebten, hatte Hitler den Krieg wirklich verloren\u201c. (Seite 64)<br \/>\nOder wenn ein Bustransport mit dem Abtransport ins KZ verglichen wird (Seite 259). \u00dcber das Leben in Deutschland: \u201eSie sind vor dem Krieg gefl\u00fcchtet und der Krieg h\u00e4lt an.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Deutschen selbst? Sie \u201everteidigen ihr Revier mit Paragraphen, mit der Wunderwaffe der Zeit hacken sie auf die Ank\u00f6mmlinge ein, stechen ihnen mit Tagen und Wochen die Augen aus, w\u00e4lzen die Monate \u00fcber sie hin, und wenn sie dann noch immer nicht still sind, geben sie ihnen, vielleicht, drei T\u00f6pfe in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen, einen Satz Bettw\u00e4sche und ein Papier, auf dem Fiktionsbescheinung steht.\u201c Diese Deutschen mit ihren Wunderwaffen&#8230;. Entschuldigung f\u00fcr den langen Satz, ich kann ihn nicht k\u00fcrzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche S\u00e4tze gehen, gingen, sind mir auf den Geist gegangen.Schade, dass ein wichtiges und viele Menschen bewegendes Thema vergeigt wurde.<br \/>\nDer Roman war absoluter Favorit f\u00fcr den Deutschen Buchpreis 2015. Ich habe keine Rezension gefunden, in der das Buch nicht \u00fcber den gr\u00fcnen Klee gelobt worden w\u00e4re. Woran k\u00f6nnte das liegen? Liegen nur ein paar T\u00fcbinger daneben? Sollte ich das Buch nochmals lesen? <strong>Note<\/strong>:4 \u2013 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knaus 2015 |\u00a0 348 Seiten. &gt;&gt; In the end, we will remember not the words of our enemies, but the silence of our friends &#8211; zitiert die Autorin einleitend Martin Luther King. 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