{"id":770,"date":"2015-10-17T18:52:59","date_gmt":"2015-10-17T16:52:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=770"},"modified":"2018-12-11T13:02:50","modified_gmt":"2018-12-11T11:02:50","slug":"wer-den-wind-saet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=770","title":{"rendered":"Wer den Wind s\u00e4t &#8211; Michael L\u00fcders"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/K1024_Wer_den_Wind_s\u00e4t.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-769\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/K1024_Wer_den_Wind_s\u00e4t-191x300.jpg\" alt=\"Wer den Wind s\u00e4t\" width=\"191\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/K1024_Wer_den_Wind_s\u00e4t-191x300.jpg 191w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/K1024_Wer_den_Wind_s\u00e4t-653x1024.jpg 653w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/K1024_Wer_den_Wind_s\u00e4t.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/a><strong>C.H. Beck\u00a0 2015 | 175 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; L\u00fcders beschreibt vor allem die Aussenpolitik der Vereinigten Staaten im Nahen und Mittleren Osten nach dem 2. Weltkrieg. Dabei ist seine Bilanz ern\u00fcchternd und erschreckend zugleich. Vom Putsch im Iran, dem Sturz des frei gew\u00e4hlten Premierministers Mossadegh 1953 durch den CIA \u00fcber die milit\u00e4rischen Interventionen in Somalia, Afghanistan, im Irak, in Syrien und in Libyen (letzeres in Form \u201edelegierter Kriege\u201c vor allem durch Gro\u00dfbritannien und Frankreich) bleibt ein Scherbenhaufen. Staaten zerfallen, Terrororganisationen wie Al-Qaida und der Islamische Staat entstehen, daneben auch marodierende Banden, die Zivilbev\u00f6lkerung ist das eigentliche Opfer, Millionen Fl\u00fcchtlinge verlassen ihre Heimat. Das Grundmuster interventionistischer Politik ist immer dasselbe: D\u00e4monisierung des Gegners, Gut-B\u00f6se Klischees, vermeintlich ethische Motive im Namen von Demokratie und Menschenrechte, wo es um knallharte machtpolitische und \u00f6konomische Interessen geht. Wirtschaftsanktionen, auch sie betreffen vor allem die Bev\u00f6lkerung, gehen als Knebelinstrument der Entscheidung f\u00fcr milit\u00e4rische Mittel voraus. Der milit\u00e4rischen Strategie scheint keinerlei Perspektive einer neuen staatlichen Ordnung zu folgen. Unter Missachtung historischer Entwicklung religi\u00f6ser und politischer Gegebenheiten (innerislamische Konflikte Sunniten\/Schiiten, Feudalstaatlichkeit, Clan- und Stammesstrukturen, Klientilismus etc.) bestimmen angloamerikanische Denkmuster das politische Handeln. Wo, so m\u00f6chte man auch L\u00fcders fragen, sind angesichts solcher Naivit\u00e4t der politischen Eliten die intellektuellen Eliten der Islamwissenschaft, der Kenner der arabischen Welt? Oder ist das Oval Office allein das Vorzimmer der R\u00fcstungs- und Erd\u00f6lindustrie, den einzigen Gewinnern des amerikanischen Interventionismus. Neben der im w\u00f6rtlichen Sinne verheerenden Rolle der USA und z.T. ihrer westlichen Verb\u00fcndeten wird in L\u00fcders Analyse das innerstaatliche Konfliktpotentiale des arabischen Raumes eher am Rande erw\u00e4hnt. R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, vorwiegend l\u00e4ndliche Strukturen, Fehlen st\u00e4dtischer Mittelschichten, religi\u00f6ser Fanatismus, Missachtung von Menschenrechten, korrupte Eliten, keine legitimierten Institutionen &#8211; die notwendige Basis f\u00fcr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im westlichen Sinne fehlt. Hinzu kommt, dass durch Erd\u00f6l reich gewordene Staaten wie Saudi-Arabien und die Golfstaaten ein doppeltes Spiel spielen, das allerdings durch gigantische R\u00fcstungsexporte vor allem aus den USA befeuert wird. Auch die kompromisslose Politik Israels gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern, die Verweigerung einer Staatenl\u00f6sung, die v\u00f6lkerrechtswidrige Besatzungs- und Siedlungspolitik, die Brutalit\u00e4t der Gazakriege und die Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlage der dortigen Bev\u00f6lkerung, vom Westen fast widerspruchslos geduldet, steht jeder Befriedungsperspektive im Nahen Osten im Wege. L\u00fcders Analyse von mehr als 50 Jahre amerikanische Interventionspolitik und ihrer Folgen im vorwiegend arabischen Raum ist dringend notwendig, zumal in solch verst\u00e4ndlicher Form. Sein Urteil schonungslos, vielleicht zuweilen auch provokativ. Was fehlt ist die Frage: Welche Alternativen bieten sich an? Gibt es zwischen Raushalten und milit\u00e4rischem Eingreifen noch einen dritten Weg? F\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung ist er \u00fcberlebensnotwendig. <strong>Note<\/strong>: 1\/2 (ai) &gt;&gt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u201eWas westliche Politik im Orient anrichtet\u201c ist das Thema des Buches, das der ZEIT-Korrespondent Michael L\u00fcders geschrieben hat. Rund 60 Jahre blickt er zur\u00fcck. Der \u201eS\u00fcndenfall\u201c beginnt mit dem gewaltsamen Sturz des demokratisch gew\u00e4hlten iranischen Premierministers Mossadegh durch CIA und britischen Geheimdienst. Alles was sp\u00e4ter im Iran passieren wird, l\u00e4sst sich hieraus ableiten. Die fatalen Interventionen im Nahen und Mittleren Osten zeitigen schlimme Folgen. Im Schlusskapitel kritisiert der Autor das Kritiktabu am Staat Israel. Ein Stichwortverzeichnis und eine Liste der verwendeten Abk\u00fcrzungen h\u00e4tten die Lekt\u00fcre erleichtert. Auf der letzten Seite schl\u00e4gt L\u00fcders vor, die Schreibtischt\u00e4ter George W. Bush, Dick Cheney, Tony Blair und Donald Rumsfeld vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu stellen. Dies wird eher ein frommer Wunsch bleiben. Leider. Ein gut zu lesendes Buch, das kl\u00fcger macht.<br \/>\n<strong>Note<\/strong>: 1\/2 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Vieles von dem,\u00a0 was Michael L\u00fcders in diesem wichtigen Beitrag zur aktuellen Lage in Nahost schreibt, ist dem kritischen Beobachter des Zeitgeschehens wohl durchaus bekannt, vielleicht aber nicht mehr voll im Bewusstsein gewesen. Das ist das gro\u00dfe Verdienst L\u00fcders: Die komplexen Zusammenh\u00e4nge historisch nochmals aufzuzeigen. Angefangen vom Sturz der gew\u00e4hlten Regierung Irans durch den CIA im Jahre 1953, die anf\u00e4ngliche Unterst\u00fctzung der Taliban und Osama bin Ladens in Afghanistan und Sadam Husseins im Irak durch die USA , das sp\u00e4tere Embargo Iraks durch die USA , das Millionen Opfer gefordert hat, bis hin zu den plumpen F\u00e4lschungen \u00fcber angebliche Massenvernichtungswaffen, mit denen der 2. Irakkrieg 2003 gerechtfertigt wurde. Dass dieser Krieg, der die gesamte staatliche Struktur des Irak zerst\u00f6rt hat, Ursache f\u00fcr das Aufkommen der islamistischen Terroristen war, hat nun in einem bei Politikern seltenen Akt der Einsicht sogar Tony Blair zugegeben, immerhin einer der\u00a0 \u201ewilligen\u201c Beteiligten in diesem Krieg. L\u00fcders wirft dem Westen m.E. nach zu Recht vor, zu h\u00e4ufig, aus Ignoranz oder aus reinem Machtkalk\u00fcl soll dahingestellt sein, die Falschen unterst\u00fctzt zu haben und die gesamte Region mit seinen Interventionen ins Chaos gest\u00fcrzt zu haben. Unverst\u00e4ndlich auf diesem Hintergrund bleibt dann allerdings L\u00fcders Empfehlung, in den Muslimbr\u00fcdern eine Alternative zum Wahabismus der Saudis zu sehen. <strong>Note<\/strong>: 2 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Der ehemalige Nahostexperte der \u201eDIE ZEIT\u201c L\u00fcders seziert die gegenw\u00e4rtige und bis in die Zwanziger Jahre reichende Vergangenheit verschiedener vorderasiatischer und afrikanischer Regionen. Ein Fazit seiner politischen Analyse ist die Anklage an den industrialisierten Westen, der urs\u00e4chlich die zerst\u00f6rerische Entwicklung vieler Staaten beeinflusst habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Iran.<\/strong> Ohne auf die historischen Eigenarten distinkter Staaten oder Aspekte des Kolonialismus einzugehen, verortet L\u00fcders den entscheidenden S\u00fcndenfall des Westens im Putsch des Jahres 1953 im Iran. Im iranischen, von den Briten erschlossenen Abadan wurde 90% des damals in Europa gehandelten Erd\u00f6ls raffineriert. Weil nur 15% der Einnahmen dem Iran zugutekamen, entwickelten sich politische Unruhen. Aus der folgenden demokratischen Wahl ging die Nationale Front mit ihrem in der Schweiz ausgebildeten Rechtsanwalt Mossadegh als Sieger hervor, der als Premierminister die Verstaatlichung der Erd\u00f6lindustrie und die Einengung der Autokratie des Schahs betrieb. In dem darauf folgenden Putsch und durch die Inhaftierung von Mossadegh gelang es den britischen und amerikanischen Geheimdiensten M6 und CIA stattdessen Schah Reza Pahlevi zu inthronisieren, den \u00d6lnachschub zu sichern und direkt benachbart zur Sowjetunion einen amerikanischen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt zu installieren. Dieser darauf 26 Jahre andauernde Zustand habe<br \/>\n&#8211; laut L\u00fcders &#8211; die Grundlage f\u00fcr die iranische Revolution 1979 gelegt. Dabei sei nicht nur Ayatollah Khomeini im schiitischen Iran an die Macht gekommen. Auch der islamische Fundamentalismus habe dadurch in vielen sunnitischen L\u00e4ndern von Marokko bis Indonesien seinen <em>Big Bang<\/em> erlebt. Die Entwicklung ging auf Kosten s\u00e4kul\u00e4rer, nationalistischer und pro-westlicher Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>Afghanistan<\/strong>. Amanullah Khan wurde erster K\u00f6nig nach der Unabh\u00e4ngigkeit 1919. Seine Modernisierungsversuche des mittelalterlichen Landes in Anlehnung an Atat\u00fcrks Reformen in der T\u00fcrkei scheiterten jedoch an landesweiten Aufst\u00e4nden der Landbev\u00f6lkerung, regionalen Clans und der Geistlichkeit. Mit Khans Sturz wurden Schulpflicht, Schulm\u00f6glichkeit auch f\u00fcr M\u00e4dchen und allgemeine Alphabetisierung unerreichbar. Der entbrannte B\u00fcrgerkrieg wurde von den konkurrierenden Weltm\u00e4chten Sowjetunion und USA nach Kr\u00e4ften befeuert. Den USA gelang es mittels durch die CIA unterst\u00fctzter Mudschahedin, die Sowjetunion zur Invasion zu provozieren und sie damit in ein zweites \u201eVietnam-Abenteuer\u201c zu locken. Nach 10 Jahren mussten die Sowjets den Kampf erfolglos und wirtschaftlich ausgeblutet abbrechen. Damit sei laut dem amerikanischen Sicherheitsberater Brzezinski das \u00fcberhaupt wichtigste Ziel, der Zusammenbruch des Sowjetsystems, erreicht worden. F\u00fcr dieses geopolitische Ziel habe es Afghanistan als Plattform gebraucht. Laut L\u00fcders habe sich im folgenden Chaos Al-Qaida und sp\u00e4ter Osama bin Ladens Taliban etablieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberlagert wurde und wird die Situation von konkurrierenden islamischen Kr\u00e4ften. Das sunnitische Saudi-Arabien versucht den erzkonservativen Wahabismus in der gesamten islamischen, \u00fcberwiegend sunnitischen Welt zu verbreiten und zu dominieren. Der vor allem von muslimischen Jugendlichen pr\u00e4ferierte Salafismus als \u201eWahhabismus light\u201c mit seiner idealisierten R\u00fcckbesinnung auf das 7. Jahrhundert ger\u00e4t dabei genauso in milit\u00e4rische Konkurrenz wie Al-Qaida, Taliban und der sunnitische <em>Islamische Staat<\/em> IS. Allen gemeinsam ist u.a. das Prinzip \u201etakfir\u201c, das die Liquidierung aller muslimisch- und nicht-muslimisch Andersgl\u00e4ubigen fordert. Unterschiedlich sind in den verschiedenen sunnitischen Str\u00f6mungen jedoch die Loyalit\u00e4ten: entweder gegen\u00fcber dem saudischen K\u00f6nig, oder dem IS Kalifen oder dem Nachfolger Osama bin Ladens. Diese Unterschiede machen die meisten Fraktionen zu Todfeinden, so dass eine Viel-Fronten Konfrontation die logische Konsequenz ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Irak.<\/strong> Der Irak wurde bereits seit mehreren Jahrhunderten trotz ihres Minderheitenstatus von einer sunnitischen Machtelite regiert, als Saddam Hussein unter dem Dach der arabisch-nationalistischen Baath-Partei die Macht ergriff. Die 80% Mehrheit von Kurden und Schiiten hatte auch nach dem ersten Weltkrieg im k\u00fcnstlichen Staatsgebilde Irak weiterhin das blutgetr\u00e4nkte Nachsehen. 1980 versuchte Saddam Hussein vergeblich sich in einem verlustreichen Krieg \u00d6l-reiche Regionen des Irans einzuverleiben. Der schiitische Iran antwortete u.a. mit einer halben Million geopferter Kindersoldaten als menschliche Minenr\u00e4umkommandos. Das Massensterben endete mit einem Patt und gigantischen Staatsschulden des Irak nach acht Jahren. Um der entstandenen Schuldenlast zu entkommen, \u00fcberfiel das Hussein Regime 1990 Kuwait, womit der weltweit gr\u00f6\u00dfte \u00d6llieferant entstanden w\u00e4re. Eine von den USA gef\u00fchrte Koalition befreite innerhalb von 6 Wochen Kuwait. Die Kosten von \u00fcber 60 Milliarden Dollar trug zur H\u00e4lfte Saudi-Arabien. Deutschland zahlte ebenso mehrere Milliarden ohne jedoch milit\u00e4risch direkt einzugreifen. 2003 wurde in dem Krieg der <em>Willigen<\/em> das Regime liquidiert und Hussein schlie\u00dflich 2006 geh\u00e4ngt. L\u00fcders sieht mehrere US-Verantwortungspunkte. 1) Der iranisch-irakischen Krieg w\u00e4re nach 2 statt nach 8 Jahren zu Ende gewesen, h\u00e4tten die USA nicht das Hussein Regime milit\u00e4risch gerettet, da der Iran schon die \u00dcbermacht gewonnen hatte. Die USA wollten jedoch auf keinen Fall eine St\u00e4rkung des Iran zulassen. 2) Dass die USA Kuwait befreiten, sei honorig. Den USA sei jedoch vorzuwerfen, dass sie anschlie\u00dfend Hussein und sein Regime im folgenden Irakkrieg mit L\u00fcgen von Massenvernichtungswaffen verteufelten. 3) Nach dem Sieg h\u00e4tten die USA den folgenschweren Fehler gemacht, die Sunniten-dominierte Baath-Partei zu verbieten. In der Folge h\u00e4tten sich die jetzt politisch heimatlosen Aktivisten zu neuen Guerilla Einheiten gegen die neuen schiitischen Machthaber zusammengeschlossen. Sp\u00e4te Folge des US initiierten Chaos sei die Entstehung des IS.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angefeuert wurde bzw. wird der desolate Zustand im Irak durch die Regionalm\u00e4chte Iran und Saudi-Arabien, die jeweils die schiitischen bzw. sunnitischen Fraktionen milit\u00e4risch unterst\u00fctzen. Der konfessionell aufgeladene B\u00fcrgerkrieg hat somit eine Stellvertreterfunktion und fordert nach wie vor monatlich 3.000 Tote. Ein \u00e4hnlich trauriges Schauspiel liefern sich beide Regionalm\u00e4chte gegenw\u00e4rtig im Jemen, wo die schiitischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Huthi-Rebellen\">Huthi-Rebellen<\/a> als IS-Ableger gegen die sunnitische Machtelite angetreten sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Syrien. <\/strong>Das machtpolitische Syrien ist schiitisch und enger Verb\u00fcndeter des schiitischen Irans. Damit ist Syrien nat\u00fcrlicher Feind der USA (und Israels). Vor allem in Syrien kollidieren erneut geopolitische Ambitionen, da hier Russland seine einzige Mittelmeerbasis unterh\u00e4lt und ebenso auch von China gegen den kapitalistischen Westen gest\u00fctzt wird, w\u00e4hrend Europa &#8211; allen voran Frankreich 2012 mit Sarkozy &#8211; den Sturz des Diktators (vergeblich) betrieb\/betreibt. Ausgangspunkt ist der arabische Fr\u00fchling 2011, als sich Bev\u00f6lkerungsteile gegen das Regime erhoben. Seitdem verteidigt Assad mit noch gr\u00f6\u00dferer mordenden Konsequenz die Macht gegen sunnitische Aufst\u00e4ndische. Neben den milit\u00e4risch organisierten Hauptakteuren Assad-Regime, Kurden im Norden, Nusra-Front\/Al-Qaida und konkurrierender islamischer Staat IS gibt es vermutlich mehr als 1.000 Fraktionen von Warlords, konkurrierenden Clans, und lokal marodierenden Milizenfraktionen, die keine politischen Ziele sondern pers\u00f6nliche Bereicherung verfolgen. Hier sind also h\u00f6chst gef\u00e4hrlich v\u00f6llig un\u00fcbersichtlich metastasierende Gewaltgeschw\u00fcre aller Gr\u00f6\u00dfenordnungen mit geopolitischen Globalinteressen verquickt, so dass eine Parteinahme fast unm\u00f6glich wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00fcders erhebt an dieser Stelle den Vorwurf, dass man Assad nicht h\u00e4tte abkanzeln d\u00fcrfen. Das Blut-Vergie\u00dfen w\u00e4re dann geringer ausgefallen. An anderer Stelle formuliert der Autor jedoch entgegengesetzt den Vorwurf, dass der Westen mit Gewaltt\u00e4tern zusammenarbeitet, was prinzipiell verwerflich sei. Oder dass der Westen zu einem Zeitpunkt mit Aufst\u00e4ndischen zusammenarbeitet, die zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt zu ihren Feinden werden (s. Afghanistan\/Taliban\/Osama bin Laden).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Arabischer Fr\u00fchling.<\/strong> Die Arabellion 2011 hat mit Ausnahme von Tunesien in keinem arabischen Land zu nachhaltigen Ver\u00e4nderungen im Sinne von Rechtstaatlichkeit gef\u00fchrt. Im Gegenteil versinken Regionen wie Libyen, Syrien, Jemen, Afghanistan und der Irak in Zust\u00e4nde wie sie im Dreizigj\u00e4hrigen Krieg in Europa kaum besser waren. Eine entscheidende Ursache sieht L\u00fcders darin, dass die Gesellschaften weder in Ihrer Strukturentwicklung (noch in ihren Wertevorstellungen, <em>Anmerkung<\/em>) reif f\u00fcr zeitgem\u00e4\u00dfe Staatlichkeit sind. Wichtigstes, weil stabilisierendes Merkmal sei das Fehlen ausgepr\u00e4gter Mittelschichten. So h\u00e4tte Mubarak nach drei Jahrzehnten in \u00c4gypten gest\u00fcrzt, die folgende <em>Sisi<\/em>-Milit\u00e4rregierung nicht aber verhindert werden k\u00f6nnen. Entsprechend bewirkten zwischenzeitlich die freien Wahlen, die aus westlicher Sicht mit der Moslembr\u00fcderschaft ohnehin den \u201efalschen\u201c Wahlsieger hervorbrachten, einen katastrophalen Systemr\u00fcckschritt. Ebenso h\u00e4tte die Liquidierung von Gaddafi und Saddam Hussein Libyen und den Irak in ein brutalisiertes Chaos gest\u00fcrzt, welches als Kollateralschaden nach Syrien ausstrahlend noch den IS hervorgebracht h\u00e4tte. Gleichzeitig formuliert L\u00fcders, dass der \u00d6lreichtum Libyens ausreichen w\u00fcrde, allen 6 Millionen Einwohner einen Schweizer Lebensstandard zu erm\u00f6glichen. Eigennutz, mittelalterliche Denkstrukturen und Wertekanons inklusive der Blutrache sowie parasit\u00e4re Klientelwirtschaft gro\u00dfer und kleinster Machthaber vor Ort verhindern jedoch jeden sozialen Ausgleich. Die Folge ist, dass Libyen unregierbar geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00fcnde, warum allein Tunesien einen wenn auch labilen Wandel zum Besseren schaffte, sieht L\u00fcders in verschiedenen Teilaspekten. Dazu z\u00e4hlen eine gut verwurzelte Zivilgesellschaft, eine relativ breite Mittelschicht, geringere soziale Gegens\u00e4tze, eine starke Gewerkschaftsbewegung, eine untergeordnete Armee (anders als in \u00c4gypten) und inzwischen eine 2014 ratifizierte Verfassung mit Trennung von Staat und Kirche, Glaubensfreiheit, Gleichstellung von Frauen und der Verurteilung von \u201etakfir\u201c und eben kein Platz f\u00fcr eine Scharia-Rechtsprechung.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Der Islamische Staat IS ist personell aus irakischen Milizen hervorgegangen, folgt sunnitischen Grundgedanken und steht damit den schiitischen Machtzentren im ehemaligen Irak und Syrien (und Iran) kontr\u00e4r entgegen. Die kompromisslose Radikalisierung greift religi\u00f6se Urformen des Islam (Wahabismus) auf und integriert sie in eine Staatsidee in Form des Kalifats. Damit gibt sie vielen Arabern eine konstruktivere Identifikationsfl\u00e4che als z.B. Al-Qaida mit dem perspektivarmen 9\/11 Terror. Nicht \u00fcberraschend stehen Al-Qaida und IS in Konkurrenz zueinander. Ebenso Saudi-Arabien und IS, die beide um das ideologische F\u00fchrungsprimat ringen: die Geister, die der Wahabismus rief, k\u00f6nnten ihren Lehrmeister vom Thron st\u00fcrzen. Das Erfolgsrezept des IS ist u.a. seine in der Bev\u00f6lkerung gef\u00fcrchtete Gewaltt\u00e4tigkeit, die z.B. konsequente Exekution von andersgl\u00e4ubigen Kurden und Schiiten praktiziert. Gleichzeitig stabilisiert der IS seine staatlichen Strukturen, organisiert offensichtlich professionell das kommunale Leben und schafft f\u00fcr sich-unterordnende Mitglieder ein geregeltes Alltagsleben. Im Herbst 2015 hat der IS bereits 6 Millionen Einwohner und die H\u00e4lfte Syriens und gro\u00dfe Teile des Irak unter seiner Kontrolle.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kurden. <\/strong>Die Kurden sind wie die Pal\u00e4stinenser ein Volk ohne Staat, da es sich nach dem ersten Weltkrieg durch die ehemaligen Kolonialm\u00e4chte Frankreich und England auf die vier Staaten T\u00fcrkei, Syrien, Irak und Iran aufgeteilt sah. Kurden stellen keine homogene Population dar, sondern vereinen zwei einflussreiche Str\u00f6mungen: eine feudalstaatlich und eine sozialrevolution\u00e4re, zu der die PKK z\u00e4hlt, welche mit Religion und traditionellen Stammesstrukturen gebrochen hat. Die Kurden im Nordirak haben vom Staatszerfall des Irak profitiert und stehen kurz vor der Unabh\u00e4ngigkeit. Die Region ist mit ihrem \u00d6lreichtum wirtschaftlich eine Boomregion. Die T\u00fcrkei nutzt verhalten die irakischen Kurden gegen den IS, reglementiert jedoch die Kurden in der T\u00fcrkei aufs Sch\u00e4rfste. Deutschland definiert die kurdischen Streitkr\u00e4fte des Nordirak (Peschmerga) als \u201egut\u201c und unterst\u00fctzt deren Kampf gegen den IS mit Waffen. Gleichzeitig stuft Deutschland die PKK, die hier die meisten Frontk\u00e4mpfer gegen den IS stellt, als Terrororganisation ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Israel<\/strong>. <strong>Pal\u00e4stinenser.<\/strong> Pal\u00e4stinenser sind auf die beiden nicht-zusammenh\u00e4ngenden Territorien Westjordanland und Gazastreifen aufgeteilt, deren verfeindete Automoniebeh\u00f6rden Fatah (West Bank) und Hamas (Gaza) sunnitisch ausgerichtet sind. Der Gazastreifen mit 1,8 Millionen Einwohnern wird laut Vereinten Nationen 2020 nicht mehr bewohnbar sein, aus Mangel an fehlenden Ressourcen u.a. bedingt durch anhaltende, israelische Kriegssch\u00e4den. Im Laufe der Staatsgr\u00fcndung vertrieben die Juden 800.000 Araber aus ihrem neuen Staatsgebiet. Gegenw\u00e4rtig wird das Westjordanland von Israel sukzessive durch eine aggressive Okkupationspolitik und Ansiedlung j\u00fcdischer B\u00fcrger zerst\u00fcckelt. Die israelische Annexion von L\u00e4ndereien des durch die UN garantierten unabh\u00e4ngigen Westjordanland bleibt unges\u00fchnt. Das gleiche gilt f\u00fcr die israelische Zerst\u00f6rung von Einrichtungen im Gazastreifen, die von der EU finanzierte Hilfsprojekte darstellen. Ein Beispiel ist der Flughafen in Gaza. Statt Israel zur Verantwortung zu ziehen, reagiert die EU mit erneuten Hilfsfinanzierungen. Milit\u00e4risch und wirtschaftlich wird Israel am st\u00e4rksten von den USA unterst\u00fctzt. Gleichzeitig arbeitet Deutschland sich seit 70 Jahren mit Sonderprogrammen an seiner historischen Schuld ab, indem f\u00fcr das j\u00fcdische Israel z.B. Kriegsgro\u00dfger\u00e4te wie Korvetten und acht U-Boote mit zwei Milliarden Euro durch deutsche Steuergelder subventioniert werden. Moralisch sieht L\u00fcders den Westen und vor allem Deutschland in einer schizophrenen Situation. Kriegstechnisch organisierte Massenmorde durch Israel an Pal\u00e4stinensern werden als Selbstverteidigung definiert, Intifada Morde der Pal\u00e4stinenser an Juden als Terror. So gibt es auch keine offizielle, deutsche Kritik an der amtierenden Israelischen Justizministerin Shaked zu T\u00f6tungsaufrufen bzgl. pal\u00e4stinensischer M\u00fctter, die sonst noch mehr <em>M\u00e4rtyrerschlangen<\/em> geb\u00e4ren w\u00fcrden. Ebenso bleiben die Ethnokratiebestrebungen Israels unkommentiert. 2014 hatte Israel in einem Gesetz Israel zum <em>Nationalstaat des j\u00fcdischen Volkes<\/em> erkl\u00e4rt und Arabisch als zweite Amtssprache abgeschafft. Da die Bev\u00f6lkerungsentwicklung in absehbarer Zeit die nicht-j\u00fcdischen Araber zur Mehrheit machen wird, soll das neue Gesetz ihre Entrechtung und eine gesetzlich verankerte Ethnokratie analog der s\u00fcdafrikanischen Apartheid erm\u00f6glichen, schreibt L\u00fcders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Perspektiven.<\/strong> Was sind die Perspektiven? L\u00fcders vermutet, dass &#8211; im Gegensatz zu s\u00e4kul\u00e4ren Industrienationen &#8211; im arabischen Raum nur jene Protestbewegungen eine Chance haben, die islamisch verwurzelt sind. Der herrschende Bezugsrahmen aller Bev\u00f6lkerungsgruppen in den verschiedenen L\u00e4ndern sei zu tief im islamischen Glauben verankert. Im Grunde legt L\u00fcders dar, dass die arabischen Nationen nicht reif seien f\u00fcr die Freiheitsbegriffe (Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung\u2026) wie der Westen sie praktiziert. Dazu br\u00e4uchte es eine robuste Verankerung dieser Prinzipien im Kopf jedes Einzelnen einer Gesellschaft. Dass dieser millionenfache Lehr \u2013 und Lernprozess auch in Europa unglaublich schwer und m\u00fchsam war, \u00fcber Jahrhunderte ging und Millionen von Toten forderte, ist wahr aber nat\u00fcrlich nicht tr\u00f6stlich. Der arabische Raum ist so gesehen noch in einer blutgetr\u00e4nkten fr\u00fchen Lernphase, dessen Ende nicht absehbar ist. Das Ergebnis f\u00fcr den Westen ist eine neue Un\u00fcbersichtlichkeit. Vielerorts entstehende Machtzentren unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfenordnungen tragen zu einer schwer kalkulierbaren Multipolarit\u00e4t bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kritik von L\u00fcders an den Industrienationen, allen voran an den USA, f\u00e4llt auf Grund ihrer Mitverantwortung harsch aus und reicht von wirtschaftlicher Selbstbereicherung, \u00fcber humanit\u00e4r begr\u00fcndeten Imperialismus, politische Ignoranz bis zu milit\u00e4rischem Machtstreben. Auch wenn der Autor sich offensichtlich in Bewertungswiderspr\u00fcche verstrickt (z.B. Tyrannen liquidieren versus mit ihnen kooperieren), sind die Darstellungen kenntnisreich, erhellend und lesenswert. L\u00fcders aktionspolitisches Fazit ist: bescheidener agieren, teilen und soziales Gef\u00e4lle mindern, potentiell friedenstiftende Angebote machen, gelegentlich bei \u00fcberschaubaren (?) Konflikten milit\u00e4risch eingreifen und dennoch den humanistischen Wertekanon nicht aufgeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was der Autor nicht sagt: F\u00fcr die deutsche Au\u00dfenpolitik k\u00f6nnte empfohlen werden, sich weder passiv (Waffenlieferungen\u2026) noch aktiv an milit\u00e4rischen Konflikten zu beteiligen, sondern Nationen und V\u00f6lkern ihre Wege und Irrwege zuzugestehen, wenn sie denn von den anderswo gelebten Alternativen nicht zu \u00fcberzeugen sind. F\u00fcr den heimischen Zuschauer bedeutet dies nat\u00fcrlich, dass er auch viel mehr als bisher damit zurechtkommen muss, dass der Mensch massenhaft und vielerorts unglaublich brutal verh\u00e4lt. Ein Faktum, dass auch im historischen Europa ganz nat\u00fcrlich schien, dank unserer ethischen Entwicklung jedoch mancherorts in Vergessenheit geraten ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note: <\/strong>3+ (ur)&lt;&lt;<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>C.H. Beck\u00a0 2015 | 175 Seiten. &gt;&gt; L\u00fcders beschreibt vor allem die Aussenpolitik der Vereinigten Staaten im Nahen und Mittleren Osten nach dem 2. Weltkrieg. Dabei ist seine Bilanz ern\u00fcchternd und erschreckend zugleich. 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