{"id":734,"date":"2015-06-27T10:49:00","date_gmt":"2015-06-27T08:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=734"},"modified":"2018-12-11T13:03:38","modified_gmt":"2018-12-11T11:03:38","slug":"t-c-boyle-hart-auf-hart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=734","title":{"rendered":"Hart auf hart &#8211; T.C. Boyle"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/K1024_hart_auf_hart.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-736\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/K1024_hart_auf_hart-214x300.jpg\" alt=\"K1024_hart_auf_hart\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/K1024_hart_auf_hart-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/K1024_hart_auf_hart-732x1024.jpg 732w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/K1024_hart_auf_hart.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><strong>Hanser 2015 | 396 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; <em>\u201eDie amerikanische Seele ist in ihrem Wesen nach hart, einzelg\u00e4ngerisch, stoisch und ein M\u00f6rder. Sie ist noch nicht geschmolzen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Statement von D.H. Lawrence stellt T.C. Boyle seinem Roman voran. Und um diese dunkle Seite der amerikanischen Seele geht es in diesem Buch. Sie wird verk\u00f6rpert durch Adam, einem durchgedrehten 20-j\u00e4hrigen Jungen, der sich Colter nennt, nach dem historischen John Colter, einem Waldl\u00e4ufer und Trapper , der Teil des amerikanischen Gr\u00fcndungsmythos geworden ist. Ebenso wie dieser zieht sich Adam aus der Zivilisation in die kalifornischen W\u00e4lder zur\u00fcck, dem Ort absoluter Freiheit, wo er Schlafmohn anbaut und mehrere Lager unterh\u00e4lt. In seiner Paranoia sieht er \u00fcberall Schmutz, Unrat, und \u201eFeinde\u201c, die je nach Situation Mexikaner, Chinesen, Aliens, oder Bullen sind. Adam trifft auf die wesentlich \u00e4ltere Sara, die ihn als Anhalter mitnimmt. Sara findet Gefallen an dem durchtrainierten, virilen Adam, denn auch sie hat ein rechts-fundamentalistisches, von Verschw\u00f6rungstheorien durchsetztes Weltbild , in dem staatlicher kontrollierte Rundfunk \u201e linke Kommunistenschei\u00dfe\u201c verbreitet und die Regierung sie durch Vorschriften wie Anschnallpflicht oder Tollwutimpfung f\u00fcr Hunde in ihren uramerikanischen Freiheitsrechten beschneidet und unterdr\u00fcckt. Allerdings ist sie l\u00e4ngst nicht so radikal wie Adam, der das Thema nicht mehr verbalisiert wie Sara, sondern ausgerechnet mit seinem chinesischen (!) Sturmgewehr und in Tarnkleidung wortkarg in die W\u00e4lder zieht. Als sich in einer Aktion \u201e Unser Wald geh\u00f6rt uns\u201c B\u00fcrger gegen eine vermeintliche \u00dcberfremdung durch Mexikaner zur Wehr setzen, kommt auch Adams Vater Sten ins Spiel. Diesen Sten hat Boyle in einem gro\u00dfartigen, 60- seitigen ersten Teil schon eingef\u00fchrt. Er schildert eine Episode auf einer Kreuzfahrt nach Costa Rica, bei dem Sten, seine Frau Carolee mit einer Gruppe weiterer Touristen bei einem Landausflug von zwei bewaffneten Banditen \u00fcberfallen werden. Dem Vietnam-Veteranen Sten gelingt es reflexartig einen der Angreifer zu \u00fcberw\u00e4ltigen, der dabei aber im W\u00fcrgegriff von Sten ums Leben kommt, als die unmittelbare Gefahr l\u00e4ngst vorbei ist. Offensichtlich l\u00e4uft in diesem Augenblick bei ihm ein Programm ab, das er bei den Marines gelernt hat, bei dem es nicht um Selbstverteidigung geht, sondern ums T\u00f6ten. \u201eEinmal Marine, immer Marine\u201c. Sten wird dann nochmals schuldig, als er in der polizeilichen Vernehmung dann bewusst einen Unschuldigen ans Messer liefert.<br \/>\nBei seinem Sohn Adam, der immer mehr mit dem Waldl\u00e4ufer Colter zu verschmelzen scheint, dreht sich das \u201eR\u00e4dchen\u201c im Kopf immer st\u00e4rker. Das Verh\u00e4ltnis zu seinem dominanten Vater ist gest\u00f6rt. (\u201eEr h\u00f6rte den Ton, er erkannte ihn, diesen Ton der ihn zurechtstutzte und ihn kleiner machte, bis er nur noch ein Junge, ein Kind, ein Kleinkind war\u2026\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte eskaliert, als Adam schlie\u00dflich kaltbl\u00fctig Carey Bachmann, einen Freund seines Vaters erschie\u00dft. Der hatte sich Adams Revier im Wald gen\u00e4hert, um dort wegen der Mexikaner nach dem Rechten zu sehen. Adam sieht in ihm schlicht \u201eeinen Feind\u201c.<br \/>\nDieser kaltbl\u00fctige Mord wird von den Bewohner des nahen Dorfes und auch von Adams Vater Sten wie selbstverst\u00e4ndlich den Mexikanern zugeschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hart auf Hart ist ein fesselndes, raffinert gestricktes und sprachlich \u00fcberzeugendes Werk eines Meisters. <strong>Note:<\/strong> 1\u2013 (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u201eThe harder they come\u201c lautet der Titel der amerikanischen Originalausgabe von \u201eHart auf hart\u201c. Und \u201eThe harder they &#8218;ll fall\u201c geht es weiter im klassischen Lied von Jimmy Cliff. Alle fallen sie hart und auch mehr oder weniger tief. Vielleicht sollten wir hier, wenn \u00fcberhaupt, nach einer m\u00f6glichen Botschaft des Buches suchen und weniger in der sogenannten amerikanischen Seele. Am h\u00e4rtesten f\u00e4llt Adam, der schizophren gewordene Protagonist des Romans, der sich in die Person des historischen Trappers Colter ( 1774-1813 ) hinein fantasiert hat. Er f\u00fchlt sich von Aliens und nicht nur von denen verfolgt. Nach mehreren Morden und einer hysterischen Treibjagd wird er unspektakul\u00e4r von zwei Scharfsch\u00fctzen der Polizei erschossen. Seine \u00e4ltere Freundin Sara, Hufschmiedin (resolute Anh\u00e4ngerin von Verschw\u00f6rungstheorien und deformierten anarchistischen Ideen, Wutb\u00fcrgerin zwischen Tea-Party und Pegida) kann ihn nicht retten. Ebenso wenig wie Adams sichtlich \u00fcberforderten Eltern. Richtig sympathisch ist mir nur Saras kleiner Rasta-Hund. Tom Coraghessan Boyle ist ein guter Erz\u00e4hler, der es versteht, Spannung aufzubauen und gleichzeitig Lesererwartungen auch mal ins Leere l\u00e4ufen l\u00e4sst. Beispielsweise bei Adams Tod. Boyle h\u00e4tte es eigentlich nicht n\u00f6tig, das Vierbuchstabenwort \u00fcberzustrapazieren. Bei der Beschreibung weiblicher sekund\u00e4rer Geschlechtsmerkmale bleibt sein Vokabular eher schlicht und repetitiv, wenn man einmal von seiner Umdeutung des Wortes \u201eBiber\u201c zum K\u00f6rperteil absieht (kann hier nicht genauer erl\u00e4utert werden, R\u00fcckfragen mit Altersangabe beim Rezensenten m\u00f6glich). Naturbeschreibungen gelingen Boyle ungleich besser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt ein vielschichtiges Buch, das nicht langweilt, mir aber auch nicht geholfen hat, Amerika besser zu verstehen. <strong>Note<\/strong>: 2\/3 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Dass T.C. Boyle gl\u00e4nzend und spannend zu erz\u00e4hlen vermag, dass er Handlungsstr\u00e4nge virtuos zu verschr\u00e4nken vermag, ergibt noch keinen guten Roman. Die einleitende gro\u00dfartige Costa Rica Episode \u2013 ein Tagesausflug amerikanischer Kreuzfahrturlauber findet ihren dramatischen H\u00f6hepunkt in einem \u00dcberfall, dem Sten Stensen \u2013 ein Vietnamveteran und Exschuldirektor \u2013 mit der T\u00f6tung eines der Banditen eine tragische Wendung gibt. \u201eBei dem, was Sten als Neunzehnj\u00e4hriger, als Rekrut, als Greenhorn, gelernt hatte, war es nicht um Selbstverteidigung gegangen, sondern ums T\u00f6ten, und wer konnte sowas je vergessen\u201c. Damit gibt der Erz\u00e4hler gleich zu Beginn ein Leitmotiv vor, das der \u201eamerikanischen Seele\u201c (siehe D.H. Lawrence) angeblich innewohnt: Gewalt. Was Sten Stensens weitere Charakterisierung betrifft, so vermag allenfalls die ebenso gro\u00dfartig erz\u00e4hlte Verfolgungsjagd der vier Mexikaner Amerikatypisches zu zeigen. Die treibende Kraft ist hier allerdings der B\u00fcrgerwehrler Carey Bachmann, der jedoch mit fortschreitender Verfolgung kleinlaut wird, w\u00e4hrend Sten, den sich zuspitzenden Show-down mit der rassistischen Feststellung beendet: \u201eDas hier ist Amerika, du Schei\u00dfkerl. Die Vereinigten Staaten von Amerika. Verstanden?\u201c. Der polierte Griff des Revolvers bleibt \u2013zum Gl\u00fcck f\u00fcr den Roman \u2013unber\u00fchrt. Mit der Einf\u00fchrung der zentralen Adam-Figur beginnt die Reise in die Abgr\u00fcnde eines Psychopathen. Ein wirres Gemisch von falsch verstandener Heldenverehrung (Adam versteht sich als Nachfahre des legend\u00e4ren Trappers Colter), diffusem Weltbild (Alienphobie, Chinesenhass \u2013 auf die sollte man Atombomben werfen) und Pseudorevoluzzertum (\u201eSchei\u00df auf die illegitime Regierung\u201c, Polizisten, CIA, FBI \u201eHosenschei\u00dfer und Arschl\u00f6cher\u201c) zeichnet ein Bild des verlorenen Sohns von Sten Stensen, das f\u00fcr den Leser schwer zu ertragen ist. Was sich hier an antizivilisatorischer Egomanie und Brutalit\u00e4t entl\u00e4dt, macht fassungslos und verlangt nach Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen, die ausbleiben \u2013 sieht man von dauerhaftem Drogen\u201cgenu\u00df\u201c und dem eher banalen Hinweis auf mangelnde Vaterpr\u00e4senz und Adams Videospielfaszination als Kind einmal ab. Die selbst gew\u00e4hlte Einsamkeit des mordenden Waldl\u00e4ufers und vermeintlichen Colter-Doubles erf\u00e4hrt vordergr\u00fcndig Pfiff durch die Verkn\u00fcpfung mit der Sara-Figur. \u00c4hnlich konfus, aber gewaltfrei, reklamiert hier eine selbstst\u00e4ndige Hufschmiedin ein Freiheitspostulat und eine B\u00fcrgersouver\u00e4nit\u00e4t gegen die Repr\u00e4sentanten des Staates. Ob \u201eBullenkontrollen\u201c, \u201eHundeimpfbestimmungen\u201c oder eine Nummer gr\u00f6\u00dfer dumpfe rechtsradikale Verschw\u00f6rungstheorien \u201ediese ganze schleimige Heil-Hitler-Polizeistaat-Schei\u00dfe\u201c \u2013 ein chaotischer Anarchismus verbindet Sara und Adam. Verbindungen ganz anderer Art, die der Leser schon bei der ersten Begegnung zwischen Adam und Sara erwartet, wei\u00df T.C.Boyle publikumswirksam zu erf\u00fcllen. Sexuelle Entbehrung einer 40 J\u00e4hrigen trifft auf hochpotenten 25-j\u00e4hrigen Naturburschen (selbst beim \u201eGiardien\u201c hatte der \u201eeinen St\u00e4nder\u201c), das verspricht so manches. Meist noch vorher ein Omelett f\u00fcr den ausgehungerten Waldr\u00fcckkehrer, zuweilen auch zun\u00e4chst Abmarsch zum Duschen, aber dann \u201eharter Schwanz\u201c, \u201egro\u00dfe Titten\u201c und \u201ev\u00f6geln\u201c oder etwas softpornmetaphorischer der \u201eMoney shot\u201c in den \u201eBiber\u201c. Der Reiz des Animalischen bleibt schal. Der Schlussteil des Romans, einige Leichen pflastern bereits Adams Weg, wird zum \u201eKrieg\u201c des Einzelnen mit seiner \u201eEin-Mann-Armee\u201c in der Wildnis gegen den geballten Polizeiapparat mit all seiner Technik. Die Findigkeit und Wendigkeit des Waldl\u00e4ufers gegen die dumpfbackene Strategie der \u201eBullen\u201c, da scheint es klar zu sein, dass Adams Norinco immer das letzte Wort haben musste. Dass sich Adam gegen Ende gar als Robin-Hood Figur und Waldsch\u00fctzer im Kampf gegen \u201egesetzlosen\u201c Plantagenanbau irgendeines Drogenkartells, das nur dem schn\u00f6den Mammon verfallen war(\u201eDiese Leute waren schlimmer als die Blackfeet\u201c), geriert, ist wenig \u00fcberzeugend (Adams illegaler Mohnanbau dient nicht nur dem Eigenkonsum). Als dann sogar -gerichtet an Bullen und andere Aliens- noch eine wirre Anklage der Naturverw\u00fcstung durch Gifte und Pestizide, Dosenverpackung und Verm\u00fcllung der \u201eTodeszone\u201c folgt, ist die Adam-Figur g\u00e4nzlich ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit beraubt , jene Figur, die beim letzten Abschied von Sara \u201eden Rucksack schulterte, \u201ein dem jetzt Cracker waren, ein Laib Brot, Thunfisch-\u00a0\u00a0 konserven, Dosen mit Campell\u2019s H\u00fchnersuppe mit Fleischst\u00fcckchen und eine Flasche Rotwein\u2026\u201c Ohne Vorbereitung, eiskalt endet Adams Schicksal, von Scharfsch\u00fctzen mit zw\u00f6lf Sch\u00fcssen erlegt, so eiskalt, wie er selbst mit seiner Norinco in der Wildnis f\u00fcr eine brutale Ordnung gesorgt hatte. Nein, dieses Ende vertr\u00e4gt keine Nachfragen, keine Frage nach Schuld wie es das zuf\u00e4llige Gespr\u00e4ch zwischen Sten und Sarah erm\u00f6glicht h\u00e4tte und so bleibt beim Leser die Ratlosigkeit \u00fcber die Adam-Figur und dem Erz\u00e4hler nur noch der Ausweg in die seltsam abgehobenen Sph\u00e4ren der Ballistik eines Golfballs &#8211; etwas zu durchsichtig gepaart mit dem Motiv der Gewalt (\u201eschlug mit aller Wucht zu\u201c, \u201eSchl\u00e4gerkopf\u201c, \u201eder Ball wurde getroffen, gut und voll getroffen\u201c).<br \/>\n<strong>Note<\/strong>: 2\u2013 (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Entlang der geographischen Topographie Lateinamerikas und Kaliforniens zeichnet T.C .Boyle an dreizehn Orten die Topographie verschiedener Gewaltformen. Vater Sten erw\u00fcrgt in Notwehr einen Jugendlichen. Sein Sohn Adam erschie\u00dft in seelischer Entartung zwei Nachbarn. Die ihn verfolgende Staatsgewalt erlegt durch Scharfsch\u00fctzen den Sohn. Dazwischen eingeflochten ist die bizarre Beziehung zwischen Adam (25) und der deutlich \u00e4lteren Sara (40), die auf ihre eigene Art Furchen in das literarische Gel\u00e4nde des Romans gr\u00e4bt. Wechselweise beobachten wir zudem in literarischer Halbh\u00f6henlage Vater Sten und Mutter Carolee. Ob die Gewalten ein Spiegelbild der amerikanischen Wirklichkeit sind, darf vermutet werden. Ob es \u00fcberzeugende Kausalit\u00e4ten zwischen den Gewaltereignissen gibt, ist zweifelhaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schlaglicht des Romans liegt auf der pathologischen Pers\u00f6nlichkeit von Adam, der als Einzelg\u00e4nger isoliert und mit zunehmender Entfremdung die Gesellschaft verachtet. Schon als Jugendlicher fiel er mit planloser Gewaltt\u00e4tigkeit auf, versank im Drogendickicht und vermengt bis in die Gegenwart des Romans beide Neigungen zu schizoider, gemeingef\u00e4hrlicher Unberechenbarkeit. Wirklichkeit und halluzinative Verfremdung werden f\u00fcr ihn ununterscheidbar, best\u00e4ndig befeuert durch exzessiven Alkohol- und Rauschmittelkonsum. In naiver Imitation des historisch-legend\u00e4ren Pelztierj\u00e4gers John Colter zieht er ruhelos durch die W\u00e4lder Kaliforniens, richtet illegale Notlager ein, rodet Waldabschnitte um Hanf- und Mohnplantagen anzulegen und versorgt sich durch Einbr\u00fcche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Teile der Pers\u00f6nlichkeitsstruktur von Adam finden in gewisser Weise ihr Spiegelbild in Sara, die mit ihm einen renitenten Grundcharakter teilt. Die alleinstehende Sara integriert sich durch festen Wohnsitz und freiberufliche Arbeit als Hufschmied zwar vordergr\u00fcndig in die amerikanische Gesellschaft, doch steht sie in lautem Widerstand zum g\u00e4ngigen Wertesystem. Mit abstrusen Argumentationsketten gei\u00dfelt sie das polit-\u00f6konomische System, das mit Bundesleistungen den souver\u00e4nen B\u00fcrger zum Sklaven der Gro\u00dfkonzerne unter Hilfestellung der politischen Machtelite degradiere. Entsprechend verweigert sie sich den Anordnungen von Polizeistreifen, weil sie keinen Vertrag mit ihnen habe und sich in ihrem unantastbaren Privateigentum fortbewege, wenn sie in ihrem nicht-angemeldeten PKW unterwegs sei. Sich wiederholende Konflikte sind vorprogrammiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dazwischen erscheint Sten als pensionierter Schulleiter, langhaariger Alt-Achtundsechziger, verst\u00e4ndnisvoller, mitunter hilfloser Vater von Adam und als Kriegsveteran. Im Vietnam Krieg stand er im Dienste beherzter <em>Marines<\/em>, denen man als erstes und f\u00fcr immer einen Tod-bringenden W\u00fcrgegriff beibrachte. Genau diesen wendet Sten intuitiv an als seine Reisegruppe bei einer Landvisite im Laufe einer Kreuzfahrt von Jugendlichen mit Waffen \u00fcberfallen wird. Seine nackten H\u00e4nde bringen den Tod eines Jugendlichen und die Befreiung der paralysierten Reisetruppe. Furcht, Stolz und Leere vermischen sich mit der Lautlosigkeit des lateinamerikanischen Urwaldes. Die amerikanische Presse feiert den aufrichtigen Helden, der er eigentlich nicht sein m\u00f6chte. Sp\u00e4ter, als sich um seinen Heimatort Mendocino ein Leicheng\u00fcrtel spannt und mexikanische Immigranten als M\u00f6rder verd\u00e4chtigt werden, erhofft man deshalb von ihm F\u00fchrung aus der Not. Doch dann werden alle gewahr, dass sein Sohn der T\u00e4ter ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Frage nach den Ursachen f\u00fcr die m\u00f6rderische Entartung des Sohnes l\u00e4sst die Familiengeschichte keinen \u00fcberzeugenden Schluss zu \u2013 zu ausgewogen zeichnet TC Boyle ihre Historie, zu ausgeglichen die Gegenwart, in der dem Sohn lange Zeit ein abgelegenes Haus der Gro\u00dfmutter \u00fcberlassen wird. Erst als der Sohn eine absurd anmutende, vollst\u00e4ndig geschlossene Mauer um dieses Haus errichtet, entschlie\u00dfen sich die Eltern zum Verkauf des Hauses. Man spricht durchaus kritisch mit ihm, doch man verst\u00f6\u00dft ihn nicht. Nichts m\u00f6chte man aus dieser angespannten, famili\u00e4ren Normalit\u00e4t f\u00fcr die Unmensch-Werdung eines M\u00f6rders heranziehen. Dass die amerikanische Gesellschaft pr\u00e4gend sein k\u00f6nnte, dr\u00e4ngt sich auf, wird im Roman jedoch nicht vertieft. Am Ende bleibt die Interpretation, dass es sich um ein individuelles Problem eines endogen verformten Charakters handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Romanablauf ist schnell erfasst. Die erotisch ausgehungerte Sara gabelt den heruntergekommenen Adam beim Trampen auf. Sie animiert ihn, ihren von der Polizei festgesetzten Hund zu befreien, verf\u00fchrt ihn daheim um dann in seinem Waldhaus vor der Polizei unterzutauchen. Die Anziehungskraft auf sie ist so gro\u00df, dass selbst das v\u00f6llig unverbindliche, unberechenbare Kommen und Verschwinden von Adam ihre Zuneigung nicht schm\u00e4lern kann. F\u00fcr Adam \u00fcberzeugend wirkt der gemeinsame Outlaw Status, den sie letztlich mit einem Zuckerangriff auf den Tank eines Polizeiautos festigt. Als Adam auf seiner versteckten Plantage erkannt wird, beginnt er das Morden. Ausdauernd narrt er die Polizei, die ihn \u00fcber einen Monat mit Hundestaffeln, Hubschraubern und bewaffneten Einheiten zun\u00e4chst vergeblich jagt. Erst als er ausgehungert wiederholt Sara aufsucht, wird er unspektakul\u00e4r von Scharfsch\u00fctzen niedergestreckt. Dazwischen vibriert die zur Hysterie gesteigerte Angst der Bev\u00f6lkerung und die Verzweiflung des Vaters, der mit einem Zug durch endlose W\u00e4lder fahrend hilflos seinen Sohn ausruft.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li><em>Das Format: <\/em>gut lesbar, anregend unterhaltsam, begrenzte stilistische H\u00f6hepunkte.<\/li>\n<li><em>Die LesArt: <\/em>starker Eingang in der Urwaldszene, teils Plot-L\u00e4ngen, verpasster Bezug der Gewaltformen Sohn-Vater-Staat zueinander, m\u00e4\u00dfiger Abgang<em>.<\/em><\/li>\n<li><em>Der Tenor: <\/em>ein mittelpr\u00e4chtiger TCBoyle.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0Note<\/strong>: 2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanser 2015 | 396 Seiten. \u00a0&gt;&gt; \u201eDie amerikanische Seele ist in ihrem Wesen nach hart, einzelg\u00e4ngerisch, stoisch und ein M\u00f6rder. Sie ist noch nicht geschmolzen.\u201c Dieses Statement von D.H. Lawrence stellt T.C. 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