{"id":566,"date":"2014-11-28T09:19:25","date_gmt":"2014-11-28T07:19:25","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=566"},"modified":"2023-11-22T18:17:50","modified_gmt":"2023-11-22T16:17:50","slug":"erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=566","title":{"rendered":"Im Westen nichts Neues &#8211; Erich Maria Remarque"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Im-Westen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-570\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Im-Westen-230x300.jpg\" alt=\"K640_Im Westen\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Im-Westen-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Im-Westen.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a>Kiepenheuer&amp;Witsch 1959, \u00a0360 Seiten.\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Der 1. Weltkrieg- die Urkatastrophe des europ\u00e4ischen Kontinents \u2013 ist 100 Jahre her. Aber Remarques ungeheuer eindringlicher Bericht \u00fcber eine Generation, die durch diesen Krieg zerst\u00f6rt wurde, ist zeitlos. Paul B\u00e4umer ist 18 Jahre alt, als er wie viele seiner Klassenkameraden von der Schulbank direkt an die Westfront geschickt wird, verf\u00fchrt und gedr\u00e4ngt von patriotischen Lehrern, die selbst nicht daran denken, in den Krieg zu ziehen. Paul schildert den Alltag des T\u00f6tens und \u00dcberlebens in den Sch\u00fctzengr\u00e4bern, in den Kasernen und Lazaretten mit der Sach- und Beil\u00e4ufigkeit eines Jungen, der innerhalb weniger Monate erwachsen wird und der schnell erkennt, wie die Phrasen der Autorit\u00e4ten und Stammtischpatrioten an der Realit\u00e4t des Sterbens im Trommelfeuer zerschellen und dass sie dort auf f\u00fcrchterliche Weise auf sich alleine gestellt sind. Beim Kampf Mann gegen Mann sind sie T\u00f6tungsmaschinen, die \u00a0erst nach der Schlacht im get\u00f6teten Gegner den Kameraden, den Menschen sehen. All dies ist so \u00fcberzeugend berichtet, dass es einem kalt \u00fcber den R\u00fccken l\u00e4uft. \u201e Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberfl\u00e4chlich, &#8211; ich glaube, wir sind verloren\u201c . Dieses Werk ist zu Recht der Anti-Kriegsroman schlechthin! Pflichtlekt\u00fcre. <strong>Note<\/strong>: 1(\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u00a0Der Ich-Erz\u00e4hler Paul B\u00e4umer ist kein Widerstandsk\u00e4mpfer. B\u00e4umer ist der Abiturient, der am Leben h\u00e4ngt, aber wie Millionen andere in den Westen ger\u00e4t. Dieser Westen ist die Welt in ihrer schamlosesten Nacktheit. Es ist die unmoralistische Daseinsforms. Es ist das Morden als Lebensinhalt. Es ist der erste Weltkrieg an der Westfront. Dennoch ist nichts Neues an diesem Westen. Ein Westen, der in allen Himmelsrichtungen liegt, die der Mensch mit seiner Gewaltnatur zermalmt wie eine zeitlose Naturgewalt.<br \/>\nChronologisch skizziert Remarque zunehmend vernichtende Episoden einer Gruppe junger M\u00e4nner: vier Sch\u00fcler einer Abiturklasse, vom Klassenlehrer Kantorek zum Vaterlandskrieg gezerrt, und vier bodenst\u00e4ndige Burschen aus Handwerker- und Bauernfamilien. Schon bei der Grundausbildung erleben sie die Werteverschiebung, die einen geputzten Knopf schwerer wiegen l\u00e4sst als Moralvorstellungen deutscher Gelehrter. Das Ich soll gebrochen werden. Die bedingungslose Anpassung wird durch Schrubben der Korporalschaftsstube mit einer Zahnb\u00fcrste oder durch das vom Feldwebel organisierte Anpissen von Bettn\u00e4ssern erzwungen. Bis sie die Front erreichen, ist ihr innerer Widerstand in abgestumpfter Gleichg\u00fcltigkeit zerronnen, gepaart mit mitleidloser H\u00e4rte \u2013 zwei Grundvoraussetzungen um im folgenden, seelischen Inferno der blutgetr\u00e4nkten Front zu \u00fcberdauern. Halt bietet nur die in \u00e4u\u00dferster Not gereifte Kameradschaft. Gemeinsam ist ihnen beim Anblick des ersten Toten die grausame Erkenntnis, dass der Aufruf zur Verteidigung deutschen Kulturguts die eigene Todesangst nicht aufwiegen kann. Auch sie sind Patrioten, keine Deserteure. Aber sie h\u00e4ngen am Leben und erleben mit sich selbst, dass dies mehr wiegt als abstrakte Ideale. Nur am Anfang gibt es noch den fassungslosen Abschied des neunzehnj\u00e4hrigen Franz, der schon nicht mehr nach seiner Mutter ruft, sondern ganz allein bleibt mit seinem kleinen, angeschossenen Leben, das ihn gleich verlassen wird, w\u00e4hrend B\u00e4umer bei ihm sitzt.<br \/>\nSchon bald greifen die Schutzmechanismen, und andersartige Lichtflecken werden zu Haltepunkten im gro\u00dfen Dunkel: die begehrenswerten Kampfstiefel des sterbenden Freundes, die doppelten Essensrationen der auf die H\u00e4lfte zusammengeschossenen Kompanie, das legend\u00e4re Dosenfleisch in den vernichteten franz\u00f6sischen Unterst\u00e4nden. Die Scham verfl\u00fcchtigt sich. Das gemeinsame, stundenlange Verdauen auf dem Schei\u00dfhausplatz wird zur kollektiven Entspannung. Der Krieg, den auch sie gestalten, ist von grausamer Mannigfaltigkeit. Die massenhaft eingesetzten Pferde sind genauso Ziel und Fleisch, das von den Explosionen zerrissen wird. Unertr\u00e4glich das zerm\u00fcrbende Br\u00fcllen der Tiere, die \u00fcber die aus ihrem Leib h\u00e4ngenden Ged\u00e4rme stolpern. Die Zuflucht vor einem Gasangriff treibt die Soldaten auf einen der unz\u00e4hligen Friedh\u00f6fe. Dem folgenden Granatangriff entkommen sie nur, weil die Geschosse sich in den frischen Leichnamen der gefallenen Kameraden verfangen. Frisch gebackene Rekruten erliegen dem Grabenkoller, st\u00fcrmen ins Freie und sind schon Sekunden sp\u00e4ter von Minen zerrissen, so dass sich der Brei aus Fleisch und Uniformfetzen mit dem L\u00f6ffel von der Wand kratzen l\u00e4sst. Mit ihren durchl\u00f6cherten Seelen werden die \u00dcberlebenden gef\u00fchllose Tote, die den heranst\u00fcrmenden Franzosen mit dem Spaten die Gesichter spalten, vorbei an Gegnern, deren Oberk\u00f6rper im Drahtverhau h\u00e4ngen, w\u00e4hrend die Unterk\u00f6rper weggeschossen wurden. Oder umgekehrt der Kopf schon abgetrennt wurde und der Leib, aus dem das Blut hervorschie\u00dft, noch ein paar Schritte auf sie zu macht. Ein blinder Lebenskampf speist ihren Wahnsinn. Rache macht sie zu Tieren.<br \/>\nUnd daheim in der gefechtslosen Zone? Die M\u00e4nnerwelt fordert gesteigerten Kampfgeist, der Vater giert nach Frontgeschichten, der Fabrikdirektor will die franz\u00f6sischen Kohlegebiete und von B\u00e4umer und seinen Kumpanen mehr Engagement, um dem Franzmann endlich den Arsch zu versohlen. Die M\u00fctter weinen um ihre schon verlorenen S\u00f6hne und erkranken t\u00f6dlich in Furcht, weitere verlieren zu m\u00fcssen.<br \/>\nDas Grauen wird nur ertragen, wenn man es innerlich aussperrt. Gef\u00fchle, die f\u00fcr den Frieden geradezu dekorativ sind, zerm\u00fcrben den \u00dcberlebenswillen. Aber B\u00e4umer ist sich sicher, dass der mentale Tod sp\u00e4testens dann kommt, wenn das T\u00f6ten ein Ende hat und die verdr\u00e4ngten Bilder in der Ruhe des Friedens in die Seele kriecht. Da der Heimaturlaub zur zerm\u00fcrbenden Besinnung verleitet, wird er f\u00fcr ihn zum Trauma. Selbst die wundervoll erotische Begegnung mit franz\u00f6sischen M\u00e4dels vertieft die Zweifel, warum man einander morden muss, wenn man sich noch nicht einmal kennt. Den H\u00f6hepunkt dieses Fluchs erlebt B\u00e4umer in einem Sprengkrater, als er eigenh\u00e4ndig einen Franzosen ermordet und dessen langsam voranschreitendes Dahinsiechen miterleben muss ohne im pausenlosen Gesch\u00fctzfeuer fl\u00fcchten zu k\u00f6nnen. Sein Schwur, sich mit dessen Familie zu vers\u00f6hnen, w\u00e4hrt nur bis zur R\u00fcckkehr zur rettenden Truppe. Dann hat der T\u00f6tungsreflex ihn wieder fest im Griff. Am Ende wird B\u00e4umer selbst Opfer \u2013 an einem ruhigen Tag, dessen Kriegsbedeutung lapidar mit der Bemerkung: \u201eIm Westen nicht Neues\u201c protokolliert wird.<br \/>\nEs ist vor allem ein Buch des Verlustes des Menschlichen. \u201eWir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schie\u00dfen. Die erste Granate, die einschlug, traf unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom T\u00e4tigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.\u201c (S. 93)<br \/>\nBemerkenswerterweise wird die politische Willk\u00fcr nur sehr vereinzelt gestreift wie auf Seite 198: \u201eEin Befehl hat diese stillen Gestalten zu unseren Feinden gemacht; ein Befehl k\u00f6nnte sie in unsere Freunde verwandeln. An irgendeinem Tisch wird ein Schriftst\u00fcck von einigen Leuten unterzeichnet, die keiner von uns kennt, und jahrelang ist unser h\u00f6chstes Ziel das, worauf sonst die Verachtung der Welt und ihre h\u00f6chste Strafe ruht.\u201c Der weitgehende Verzicht auf historische Details erlaubt die uneingeschr\u00e4nkte \u00dcbertragbarkeit des Prinzipiellen auf andere Kriege. Remarque fokussiert stattdessen auf das Individuum und seine bestialische Verwahrlosung im Kontext systematischer Gewalt. Er beschreibt den Verfall und seine geradezu mechanische Schuldwerdung. Durch die Ich-Erz\u00e4hlung wird zudem nicht nur der Eindruck von Authentizit\u00e4t erzeugt, sondern auch die ethische Glaubw\u00fcrdigkeit gesteigert.<br \/>\nEs ist ein Buch von unbeschreiblicher emotionaler Ernsthaftigkeit, ein Buch, welches die Kunst vollbringt, die Grausamkeit zu konkretisieren und doch eine feinf\u00fchlige Poesie zu wahren. Die Sprachgebung hinterl\u00e4sst dabei eine tiefe antimilitaristische Wirkung, ohne dabei moralisch zu werden, ohne politische Kausalit\u00e4ten zu bem\u00fchen und ohne dabei humanistische oder spirituelle Forderungen zu stellen. Ein unglaubliches Werk, das wichtiger nicht sein kann. <strong>Note:<\/strong> 1 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer&amp;Witsch 1959, \u00a0360 Seiten.\u00a0\u00a0\u00a0 &gt;&gt; Der 1. Weltkrieg- die Urkatastrophe des europ\u00e4ischen Kontinents \u2013 ist 100 Jahre her. Aber Remarques ungeheuer eindringlicher Bericht \u00fcber eine Generation, die durch diesen Krieg zerst\u00f6rt wurde, ist zeitlos. 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