{"id":561,"date":"2014-10-05T09:11:45","date_gmt":"2014-10-05T07:11:45","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=561"},"modified":"2023-11-22T18:18:19","modified_gmt":"2023-11-22T16:18:19","slug":"shani-boianjiu-das-vilk-der-ewigkeit-kennt-keine-angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=561","title":{"rendered":"Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst- Shani Boianjiu"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Das-Volk.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-563\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Das-Volk-183x300.jpg\" alt=\"K640_Das Volk\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Das-Volk-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Das-Volk.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>Kiepenheuer&amp;Witsch 2013, \u00a0332 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; K\u00fcrzlich wurde in einem Streiflicht der S\u00fcddeutschen Zeitung die Buchreihe \u201cB\u00fccher, bei denen man \u00fcber die ersten 30 Seiten schwer hinauskommt\u201c propagiert. Ich wollte diesen Roman\u00a0 vorschlagen, aber wahrscheinlich eignet er sich noch besser f\u00fcr eine Reihe, bei der es um die letzten 30 Seiten geht.<br \/>\nEine Jugend in Israel. Nach der Lekt\u00fcre ist man geneigt, sich um diese Jugend zu sorgen. Ich\u00a0habe beim Israelkenner Henry M. Broder angefragt, ob der Roman \u00fcbertreibt. Bislang keine Antwort. Yael, Avishag und Lea gehen zusammen zur Schule in einem Dorf an der Grenze zum Libanon. Sie langweilen sich, fl\u00fcchten sich in imagin\u00e4re Welten, Probleme der sp\u00e4ten Pubert\u00e4t, eine Adoleszenz, die normal scheint, im Gegensatz zum Ort und zur Zeit. Der zweij\u00e4hrige Pflichtwehrdienst schlie\u00dft sich unmittelbar an. Lea an einem Checkpoint, Avisihag in einer Kampfeinheit an der \u00e4gyptischen Grenze und Yael als Ausbilderin. Ein Milit\u00e4rdienst mit viel Monotonie, aber auch mit Schikanen und Brutalit\u00e4t. Nach der R\u00fcckkehr ins Zivilleben zeigen sich die Folgen. Depressionen, gro\u00dfe Anpassungsschwierigkeiten und wenig Perspektiven. Die Sprache ist meist sehr derb, dem Milieu angepasst. Der Originaltitel: \u201eThe people of Forever are not afraid\u201c wurde mit \u201eDas Volk der Ewigkeit kennt keine Angst\u201c \u00fcbersetzt. Das wirkt leicht ironisch, oder?\u00a0 Der spanische Titel lautet \u00fcbersetzt: \u201eLeute wie wir haben keine Angst\u201c.\u00a0 Der franz\u00f6sische Titel ziemlich frei: \u201eWir tun so, als w\u00e4ren wir jemand anders\u201c. Der Roman ist kein Lesevergn\u00fcgen, aber die junge Autorin (geboren 1987) kennt die Welt, \u00fcber die sie schreibt. Sie war zwei Jahre lang\u00a0 Waffenausbilderin in der israelischen Armee. Ihren ersten Roman k\u00f6nnte man als ein Antikriegsbuch der etwas anderen Art einstufen. Was wohl ihre Offiziere zu diesem Buch sagen? <strong>Note:<\/strong>\u00a03\u00a0(ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u201e\u2026 stand vor Avis Auto ein mit bunten Aufklebern \u00fcbers\u00e4ter Transporter. Auf einem der Aufkleber stand: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst. Unsere einzige wahre St\u00fctze ist unser Vater im Himmel\u201c. So wahllos die Aufkleber das Lieferwagenheck \u00fcbers\u00e4ten, so inhaltsleer das Motto. Den inszenierten Israelis dieses Romans waren Volk und Ewigkeit so bedeutungsvoll wie der Klebstoff auf der R\u00fcckseite der Etiketten. Ihr Problem war der fehlende Zusammenhang &#8211; \u201ewar die Zukunft der Vergangenheit, die sie nicht hatten.\u201c Warum war am Anfang ihrer Jugend traurige Leere und warum entleerte die Gegenwart auch die Zukunft? In der Mitte war nur der innere und \u00e4u\u00dfere Kriegszustand, der alle Abiturientinnen, also auch sie, in Gewaltfluten ertr\u00e4nkte.<br \/>\nDie drei Klassenkameradinnen Yael, Avishag und Lea qu\u00e4lten sich im israelisch-libanesischen Grenzland durch die \u00d6dnis ihrer letzten Schultage. Selbst am Handymast war kein Empfang. Kein Elternteil wollte wenigstens f\u00fcr eine Nacht die triste Wohnung f\u00fcr eine Spontanparty r\u00e4umen. Alleinerziehende M\u00fctter zerbrachen an Familiendramen. Der Bruder vollstreckte sein Lebensende nach vollbrachtem Wehrdienst und im Unterricht sorgten lediglich Kriegsanekdoten f\u00fcr Unterhaltung wie die der arabischen Panzerfaustkinder, die sich in ihrem kindlichen Unwissen mit den f\u00fcr sie viel zu gro\u00dfen Waffen zuhauf selbst verbrannten.<br \/>\nEs war der Vorkrieg, der den Seelenunfrieden n\u00e4hrte. Wie alle M\u00e4dchen, so wurden auch sie zum Milit\u00e4rdienst zwangsverpflichtet. Avishag f\u00fchlte sich immer ungeh\u00f6rt und fand erst in der \u00dcbungsgaskammer die Freiheit zu reden \u2013 wegen der \u00e4tzenden Atmosph\u00e4re konnte sie hier niemand aufhalten. Sie wurde schwanger. Sie t\u00f6tete durch Abtreibung. Und w\u00e4hrend sie das tat, verfolgte sie auf dem Bildschirm zur \u00dcberwachung des Grenzgebietes die kleinen Pixel, die ein sudanesisches M\u00e4dchen zeigten, wie es sich im Stacheldraht verfing. Auch dieses M\u00e4dchen hatte in der Familie get\u00f6tet. Die eigenen Eltern, um gen\u00fcgend Geld f\u00fcr den Schleu\u00dfer zusammenzutragen. Alle Formen von Gewalt, auf allen Seiten. Gewalt war so erbarmungslos fantasievoll.<br \/>\nYael wurde Schie\u00dfausbilderin mit profundem Detailwissen \u00fcber Drehmomente und Durchschlagskr\u00e4fte aller Munitionstypen. Dank ihres geduldigen Einf\u00fchlungsverm\u00f6gens lernte auch der unbegabteste Rekrut Boris das Zielen, das ihm um ein Haar erm\u00f6glicht h\u00e4tte, die kleinen Pal\u00e4stinenserbuben abzuschie\u00dfen, die mit abenteuerlichem Mut nicht nur Patronenh\u00fclsen einsammelten, sondern auch die Sicherheitsz\u00e4une stahlen. Der Granatwerfer ALGL, mit dem k\u00fcrzlich hocheffizient eine Schule samt 73 Insassen zum Einsturz gebracht worden war, hinterlie\u00df den gr\u00f6\u00dften Eindruck. Im Wechsel mit selbst infundierten unterk\u00fchlten Blutkonserven waren f\u00fcr die Soldatinnen diese Spielnachmittage die unterhaltsamsten auf dem St\u00fctzpunkt.<br \/>\nLea kontrollierte am Checkpoint t\u00e4glich hunderte Pal\u00e4stinenser, die als Tagel\u00f6hner beim israelischen Siedlungsbau unentbehrlich waren. Es kam wie es kommen musste. Der alte Araber Fadi verzweifelte an den Dem\u00fctigungen der Kontrollen, opferte sein Brot und dann das Leben eines Grenzsoldaten. Fadi \u00fcberlebte seine Tat, aber Lea qu\u00e4lte ihn sp\u00e4ter fast zu Tode.<br \/>\nDem Vorkrieg folgte der Krieg. Es war vor allem der innere Krieg, der die Seelen pulverisierte. Die M\u00e4dchen vagabundierten zwischen Monotonie, Grausamkeiten und instrumentalisierter Sexualit\u00e4t, in der die Rollenverteilung zwischen T\u00e4terinnen und Opfer v\u00f6llig verschwammen. Avishag provozierte durch einen Nacktauftritt zun\u00e4chst die \u00e4gyptischen Grenzsoldaten auf der feindlichen Seite, dann die Admiralit\u00e4t und letztlich die Justiz, die mit Inhaftierung und schlie\u00dflich Entlassung aus der Armee konterten. Es folgten Monate in tiefster Depression in der Gewissheit, nie wieder zu genesen. Auch Yael wurde die sadistischen Engramme nicht mehr los. Im Wehrdienst war es die Genugtuung bei Scheinhinrichtungen willk\u00fcrlich aufgegriffener Araber. Danach war es die Brandopferinszenierung des alten Nachbarn, dem die M\u00e4dels in absurder Weise den Mord an einem Olivenbaum unterstellten.<br \/>\nDem Krieg folgte der Nachkrieg. Jahre waren vergangen. Die Frauen trafen sich zu einem Klassentreffen auf dem fast aufgel\u00f6sten St\u00fctzpunkt. Als sie ein beleidigendes Wortgefecht mit jungen Soldaten provozierten, folgten \u00fcber Tage anhaltende Massenvergewaltigungen. Am Ende t\u00f6teten sie die Peiniger\u00a0 &#8211; oder auch nicht. Das Buch l\u00e4sst uns im Unklaren. Boianjiu verwischt in diesem destruktiven Universum die Entwicklungen wie auch die Grenzen zwischen den T\u00e4terINNEn, die zu einer geschlechtsegalen Gewissenlosigkeit verkommen.<br \/>\nEin bemerkenswertes Erstlingswerk einer blutjungen Autorin. Wenn auch nur erz\u00e4hlt im Rahmen von Pers\u00f6nlichkeiten schwingt dennoch eine politische Dimension mit: ein kontaminiertes Gesellschaftssystem, ein die Jugend zerm\u00fcrbendes Israel, ein gewaltverseuchter Naher Osten. Im indirekten Sinne mag man auch Elemente einer Anti-Kriegsliteratur erkennen. Wenn Krieg in die K\u00f6pfe gelangt, kommt auch Krieg heraus.<br \/>\nUnd dennoch &#8211; trotz aller Bedr\u00fcckung und verschwommener Bez\u00fcge, wohnt zahlreichen Passagen eine Leichtigkeit inne, die sich sowohl aus der Prosa wie auch aus den Plots speist: ein Vater versucht mit dem symbolischen Versenken seines Autos ein therapeutisches Schl\u00fcsselerlebnis f\u00fcr die seelische Genesung seiner Tochter auszul\u00f6sen. Oder die Groteske, in der eine 3-Mann-Demonstration um eine gewaltt\u00e4tige Niederschlagung bat, um es wenigsten auf Seite 5 der Lokalzeitung zu schaffen, die kooperationsbereite Grenzw\u00e4chterin daf\u00fcr jedoch erst Vorschriften und mit den Dreien die Choreographie einstudieren musste. Leider verabschiedet sich das Werk mit L\u00e4ngen und einem verwaisten Schluss. <strong>Note<\/strong>: 2\u2013 (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Das Buch war f\u00fcr mich eine Entt\u00e4uschung. Die Erwartungen waren gro\u00df: Israel, eine gewaltige geopolitische Konfliktregion, Milit\u00e4rdienst, 3 junge Frauen. Was h\u00e4tte man nicht alles erz\u00e4hlen k\u00f6nnen! Dass Milit\u00e4rdienst langweilig sein kann und Krieg verroht- auch in Israel- ist keine \u00fcberraschende Erkenntnis. Dass dies auch f\u00fcr Frauen zutrifft, schon eher. Zu den 3 Protagonisten in Boianjius Roman entwickelte sich bei mir \u00fcberhaupt nie so etwas wie N\u00e4he. &#8222;Der Leser wird ausgesperrt&#8220;, habe ich in einer der wenigen kritischen Rezensionen gelesen. Genau so habe ich es empfunden. Das Schicksal der jungen Frauen l\u00e4sst einen seltsam kalt. Der in mancher Rezension diesem Werk zugeschrieben Humor \u2013 nicht auszumachen. Daf\u00fcr lange Passagen, die bem\u00fcht und angestrengt r\u00e4tselhaft gehalten werden und die, wenn \u00fcberhaupt, erst viel sp\u00e4ter d\u00fcrftig aufgel\u00f6st werden. <strong>Note<\/strong>: 4 (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer&amp;Witsch 2013, \u00a0332 Seiten. &gt;&gt; K\u00fcrzlich wurde in einem Streiflicht der S\u00fcddeutschen Zeitung die Buchreihe \u201cB\u00fccher, bei denen man \u00fcber die ersten 30 Seiten schwer hinauskommt\u201c propagiert. 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