{"id":555,"date":"2014-07-06T09:08:04","date_gmt":"2014-07-06T07:08:04","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=555"},"modified":"2023-11-22T18:18:35","modified_gmt":"2023-11-22T16:18:35","slug":"hermann-hesse-der-steppenwolf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=555","title":{"rendered":"Der Steppenwolf- Hermann Hesse"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_steppenwolf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-557\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_steppenwolf-180x300.jpg\" alt=\"K640_steppenwolf\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_steppenwolf-180x300.jpg 180w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_steppenwolf.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>S. Fischer Berlin1927,\u00a0 289 Seiten.<\/strong> (<strong>Erstausgabe)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Der Steppenwolf thematisiert die versuchte Metamorphose eines vergeistigt Einsamen zu einer nat\u00fcrlichen bipolaren Pers\u00f6nlichkeit, die Wolf und Mensch, Eros und Geist, frei denkenden K\u00fcnstler und angepassten B\u00fcrger als untrennbare Teile in sich tr\u00e4gt und anerkennt. Von mehreren Lebenstiefen in die menschenleere Steppe blutleerer Entfremdung verschlagen, vagabundiert der Steppenwolf alias Harry Haller jahrelang von Fremde zu Fremde bis er in den Bannkreis eines Dreigestirns zwielichtig anmutender Gestalten ger\u00e4t, die ihn Tr\u00e4ume, Trieb und Tabubr\u00fcche lehren. Am Ende ist er kein anderer, aber einer, der den Horizont der Steppe erblickt: \u201eEinmal w\u00fcrde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal w\u00fcrde ich das Lachen lernen.\u201c Ein Entwicklungsroman mit Elementen des psychoanalytischen C.G. Jung, indischer Religiosit\u00e4t, transzendierender Rauschmittel und zwischen deutschen Kulturg\u00fctern und Weltkriegseuphorie.<br \/>\nHesse strukturiert den Roman ungl\u00fccklich in einer mehrteiligen Form, in dem er Harry Haller dreimal und damit redundant inszeniert, ohne dass die drei Strukturkomponenten einander \u00fcberzeugend erg\u00e4nzen, sei es komplement\u00e4r oder antagonistisch. Im \u201eVorwort des Herausgebers\u201c f\u00fchrt der Neffe von Hallers Vermieterin den Steppenwolf ein. Der spurlos verschwundene Harry Haller habe ihm Aufzeichnungen hinterlassen, aus denen er zitiert und sie kommentiert. Der Neffe beschreibt Grundz\u00fcge seines Wesens und betont das Prinzipielle eines Harry Hallers, dessen Seelenkrankheit die gesellschaftliche Neurose einer ganzen Generation sei. Im zweiten Abschnitt folgen \u201eHarry Hallers Aufzeichnungen\u201c, die sich als selbstkritisches Tagebuch bis zum Ende des Buches erstrecken und neben der unmittelbaren Detailbeschreibung eines 10-Monate umfassenden Zeitraums auch \u00fcbergeordnete Reflexionen von Harry Haller beinhalten. Im dritten Abschnitt, dem \u201eTraktat vom Steppenwolf\u201c, der als in sich geschlossene Abhandlung in den zweiten eingebunden ist, wird ein \u201eHarry\u201c von einem unbekannten Verfasser charakterisiert. Harry Haller erh\u00e4lt das Traktat, das grundlegende Aspekte des Vorwortes wiederholt und andere von \u201eHarry Hallers Aufzeichnungen\u201c vorwegnimmt, von einem Stra\u00dfenverk\u00e4ufer. F\u00fcr den folgenden Wandlungsprozess Hallers, der hier mit seinem eigenen Psychogramm konfrontiert wird, mag es Grundlage des folgenden Erkenntnisabenteuers sein. F\u00fcr den Leser ist eine wenig erhellende Doppelung. Hesse l\u00e4sst hier die M\u00f6glichkeit ungenutzt, verschiedene Facetten des Harry Haller aus unterschiedlichen Blickrichtungen herausarbeiten.<br \/>\nHarry Haller ist akademisch durchdrungen, vielleicht Journalist, auf Grund \u00f6ffentlicher Beitr\u00e4ge gegen die \u00fcbersch\u00e4umende Kriegsbegeisterung zum intellektuellen Verr\u00e4ter gestempelt, als Bildungsb\u00fcrger mit gro\u00dfen deutschen und musischen Idealen wie Goethe und Mozart tief verbunden, entt\u00e4uscht von der Angepasstheit des verachteten Normalb\u00fcrgers, und von den eigenen \u00dcberzeugungen in eine weit reichende Isolation getrieben. Harry Haller ist zum gesellschaftlichen Nomaden geworden, dessen mentale Nicht-Sesshaftigkeit ihn zu dem Entschluss f\u00fchrt, noch zwei Jahre bis zu seinem 50. Lebensjahr die Qualen zu ertragen, und dann gegebenenfalls mit einem Freitod die Erl\u00f6sung zu suchen. Die Vorstellung l\u00e4sst ihn nach Berufs-, Familien- und Heimatverlust ruhiger werden.<br \/>\nIn dieser Grundstimmung ger\u00e4t er bei einem Gastst\u00e4ttenbesuch in den Bann einer jungen Frau. Sie wird sich sp\u00e4ter als Hermine vorstellen. Beide verbindet von Anbeginn eine Seelenverwandtschaft, die ihr erlaubt, Hallers Krisenzustand augenblicklich zu erfassen mit der Folge, dass Harry ihr entgegen seinem Naturell bedingungslos folgen wird. Er wird mit ihr verachtete Jazzmusik genie\u00dfen, wird von ihr tanzen lernen, wird sich von ihr die sch\u00f6ne Freundin Maria ins Bett legen lassen, wird die wilde Anonymit\u00e4t eines Maskenballs genie\u00dfen und wird seine Vermieterin durch n\u00e4chtlichen Damenbesuch \u00fcberraschen. Hermine wird ihn lehren, das Leben zu genie\u00dfen, Normen zu durchbrechen, ja &#8211; nicht nur den Wolf in sich zuzulassen, sondern diesen mit dem Vernunftmensch in einen Rhythmus zu bringen. Er folgt Hermine, obwohl sie be\u00e4ngstigend klar absolute Gefolgschaft fordert und voraussagt, dass er sie am Ende t\u00f6ten wird. Dieser von ihr geforderte Tod ist die symbolische T\u00f6tung des alten, des versteinerten Harry Hallers. Eine Seelen\u00fcberwindung, die unabdingbar scheint f\u00fcr die L\u00e4uterung, f\u00fcr die Geburt des neuen Harry Haller, der Wolf und Mensch in sich in Gleichklang zu bringen bereit ist. Die Mediatoren dieses beginnenden L\u00e4uterungsprozesses sind neben der weisen Dirne Hermine ihre wundersch\u00f6ne Freundin Maria und der von beiden Frauen geliebte Jazzmusiker Pablo. W\u00e4hrend Hermine die wissende Seherin des Trios darstellt, ist Maria unmittelbare Erotik in ihrer reinsten Form. Pablo verk\u00f6rpert den Zauberer, der zun\u00e4chst mit Musik, sp\u00e4ter mit bewusstseinserweiternden Drogen Erlebniswelten jenseits der Ratio f\u00fcr Harry Haller er\u00f6ffnen wird. Harry Haller wird in bizarre Welten gesp\u00fclt. Bereitwillig l\u00e4sst er sich von den Str\u00f6mungen erfassen, ist \u00fcberrascht von ihren stimulierenden Strudeln und badet in lebensbejahenden Aromen.<br \/>\nH\u00f6hepunkt ist der Besuch eines magischen Theaters, in das ihn Pablo unter dem Einfluss eines Drogenelixiers f\u00fchrt. Tausend T\u00fcren f\u00fchren ihn in verdr\u00e4ngte und geleugnete Verschl\u00e4ge seiner Seele. Gewaltorgien werden begeistert ausgelebt. Eitelkeiten selbstverst\u00e4ndlich zelebriert, Liebesfantasien nachgeholt und schlie\u00dflich der vorhergesagte Mord an Hermine vollzogen, w\u00e4hrend sie gerade mit Pablo verkehrt. Benommen verl\u00e4sst Harry Haller das Traumkabinett. Die in einem Gericht vork\u00fcndete H\u00f6chststrafe f\u00fcr den Mord scheint ein Teil des Schl\u00fcssels f\u00fcr verschlossene T\u00fcren seines Selbst zu sein: man verordnet ein unbegrenztes Leben mit Humor. Haller scheint auf dem rechten Weg \u2013 auch sein gesch\u00e4tzter Mozart spricht ihm in dieser Welt des Unbewussten Mut zu \u2013 dennoch ist noch eine unbekannte Wegstrecke unbew\u00e4ltigt.<br \/>\nVermutlich ist es vor allem das Anliegen der Sinnsuche und die unvollendete Selbstfindung, die den Roman Steppenwolf in Zeiten gesellschaftlicher Zweifel nach den Welt- und dem Vietnamkriegen wieder eine hohe Aufmerksamkeit bescherte. Literarisch durchaus mit Feinheiten angereichert, \u00fcberzeugt die Konstruktion jedoch nicht vollst\u00e4ndig. <strong>Note<\/strong>: 3 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Das Vorwort des Herausgebers nimmt <strong>eine<\/strong> Botschaft der nachfolgenden Aufzeichnungen Harry Hallers vorweg: Nicht die \u201epathologischen Phantasien eines einzelnen, eines armen Gem\u00fctskranken\u201c offenbart uns Hesses \u201eSteppenwolf\u201c, nein, dies ist \u201eein Dokument der Zeit, denn Hallers Seelenkrankheit ist\u2026.die Neurose jener Generation, welcher Haller angeh\u00f6rt, und von welcher keineswegs nur die schwachen und minderwertigen Individuen befallen scheinen, sondern gerade die starken, geistigen, begabtesten.\u201c Sieht man von der mehr als irritierenden Kategorisierung der Individuen durch den Neffen der Vermieterin einmal ab, so spiegelt sich in der Figur des Steppenwolf in der Tat die Krise einer Gesellschaft, die nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs von Harry Haller als \u201esinnlos gewordenes Menschenleben\u201c erfahren wird. Untergang des Abendlands (unglaublich vision\u00e4r Hesses Gesp\u00fcr f\u00fcr die Katastrophe der Jahre nach 1933), \u201ebankrotte Ideale\u201c, Verh\u00f6hnung der B\u00fcrgerlichkeit, Fluch \u00fcber \u201ediese fette gedeihliche Zucht des Mittelm\u00e4\u00dfigen, Normalen, Durchschnittlichen\u201c, eine zuweilen radikale Zivilisations- und Konsumkritik (Luxusst\u00e4dte, Massenvergn\u00fcgungen, Negermusik, Lust ein Warenhaus kaputt zu schlagen) \u2013 die gebrochene K\u00fcnstlerexistenz Harry Haller und in ihr Hermann Hesse zieht sich in die Einsamkeit zur\u00fcck. Zwei Schicksalsschl\u00e4ge Hesses, der Verlust seines Verm\u00f6gens und der Zusammenbruch seines Familienlebens durch seine geisteskrank\u00a0 gewordene Frau markieren den autobiographischen Hintergrund. Doch der Abschied von der Welt (Selbstmordpl\u00e4ne des 48j\u00e4hrigen Haller), der R\u00fcckzug in die kleine Mansarde, umgeben von dem, \u201e, was wir `Kultur\u2018, was wir Geist, was wir Seele, was wir heilig nannten\u201c, diese Scheinheimat des \u201eeinstigen Europas\u201c, der \u201eechten Musik\u201c (Bach, Mozart), der echten Dichtung (Goethe), erf\u00e4hrt eine Wendung mit der Lekt\u00fcre des \u201eTraktats vom Steppenwolf\u201c. Diese \u201eStudie von unbekannter Hand\u201c h\u00e4lt Harry Haller den Spiegel vors Gesicht, hebt den vordergr\u00fcndigen Dualismus von Mensch und Tier, Geist und Trieb, Heiligem und W\u00fcstling auf und verweist auf die Vielfalt von Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen. Das Traktat er\u00f6ffnet Haller die \u201eBefreiung seiner verwahrlosten Seele\u201c und verhei\u00dft ihm \u201etausend magische M\u00f6glichkeiten\u201c der Erkenntnis: \u201eEin Nichts gen\u00fcgt, und der Blitz schl\u00e4gt ein\u201c (239). Mit dem Blitzeinschlag ins Magische Theater verlassen wir im Wesentlichen die Mansarde und die dumpfe Bet\u00e4ubung im \u201eStahlhelm\u201c. Neben den Kopf tritt der Bauch. Hermine, Pablo, Maria sind die Verhei\u00dfungen der Gegenwelt und mit ihnen oder durch sie erf\u00fcllt sich f\u00fcr Harry Haller zun\u00e4chst auf realer Ebene und sp\u00e4ter &#8211; wie Faust verj\u00fcngt &#8211; durch einen gro\u00dfartigen orgiastischen Ritt in die Welt des Unterbewussten (T\u00fcren und Inschriften er\u00f6ffnen das \u201eJagdabenteuer\u201c ins Nebeneinander von Eros und Destruktion) das, was ihm bisher verborgen, und daher unerf\u00fcllt blieb. Hallers Erinnerungen an die ersten Beziehungen zu Frauen, seine Entt\u00e4uschungen, seine Wunschtr\u00e4ume, die Erfahrungen neuer Formen des Spiels mit Maria, das wolll\u00fcstige Nacherleben des Entgangenen hinter dem T\u00fcrchen \u201eAlle M\u00e4dchen sind dein\u201c, \u2013 ja, M\u00e4nnerphantasien und von Hesse gl\u00e4nzend beschrieben.<br \/>\nDass sich das Magische Theater zunehmend in ein von mephistophelischer Hand gesteuertes Figurentheater aufl\u00f6st, Harry und Gustav Episode, Hermine Hermann Verschmelzung, Harrys Hinrichtung, Pablo und Mozartidentit\u00e4t (kom\u00f6diantische Z\u00fcge), er\u00f6ffnet der Psychoanalyse sicherlich ein weites Feld. Ich jedenfalls konnte am Schluss nicht lachen, zumal unklar bleibt, was Harry Haller umnebelt vom \u201es\u00fc\u00dfen schweren Rauch\u201c wirklich begriffen hatte: \u201eOh, ich begriff alles\u201c. <strong>Note<\/strong>: 2 (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt;\u00a0 Der Meister H.H. himself stellt\u00a0 im Maria-Kapitel des \u201eSteppenwolf\u201c \u00a0die Frage, die man sich zwangsl\u00e4ufig stellen muss, wenn man dieses Buch\u00a0 40 Jahre nach der ersten eigenen Rezeption im zarten Alter von 25 Jahren heute\u00a0 wieder liest:\u00a0 \u201cHatten wir Kenner und Kritiker nicht alle als J\u00fcnglinge Kunstwerke und K\u00fcnstler gl\u00fchend geliebt, die uns heute zweifelhaft und fatal erschienen?\u201c \u00a0Eine Lese- Versuchsanordnung mit dreifacher Fragestellung: Kommt die Erinnerung an das eigene Lebensgef\u00fchl der 70-er Jahre wieder, lassen sich die enormen Wellen, die das Buch damals in Europa und besonders in den USA ausl\u00f6sten heute noch nachempfinden und was hat der Steppenwolf mir heute noch zu sagen?<br \/>\nDer formale Aufbau besticht meiner Meinung nach auch heute noch: Da ist das\u00a0 30 Seiten umfassende \u201eVorwort des Herausgebers\u201c, in dem der Neffe von Harry Hallers Vermieterin seine Sicht auf diesen eigenartigen Au\u00dfenseiter schildert. Dann Harry Hallers eigene Aufzeichnungen- untertitelt mit \u201eNur f\u00fcr Verr\u00fcckte\u201c. Darin eingebettet dann das in einem Jahrmarktheft gefundene und von \u201eunbekannter Hand\u201c geschriebene \u201eTractat vom Steppenwolf\u201c, das einen Mann namens Harry, genannt der Steppenwolf beschreibt. Ann\u00e4herung also von drei Seiten, das ist spannend.<br \/>\nDie enthusiastische Wiederentdeckung in den 70 er Jahren, als ein nicht unbetr\u00e4chtlicher Teil der politisierten Jugend sich auf dem Weg nach innen machte und die Hippiebewegung aufkam, l\u00e4sst sich auch heute nach gut nachempfinden. Der Steppenwolf,\u00a0 der im \u201eZeichen des Wassermanns stand\u201c (\u201eage of aquarius\u201c), verabscheut zwar die b\u00fcrgerliche Welt und f\u00fchrt ein\u00a0 ganz und gar unkonventionelles Leben, es bleibt aber auch eine gewisse Sehnsucht nach der Ordnung seiner Kindheit in genau dieser Welt. Er f\u00fchlt sich aus aller Geborgenheit und Unschuld heraus gefallen und leidet an der Streberei, der Eitelkeit, der Oberfl\u00e4chlichkeit und an dem eingebildeten, seichten Getue\u00a0 seiner Umgebung. Seine Abneigung schl\u00e4gt in richtiggehenden Hass um, wenn er die satte Zufriedenheit\u00a0 gei\u00dfelt, die sich auch bei ihm manchmal einstellt und er dann den Wunsch nach wilden, echten Gef\u00fchlen und Schmerz versp\u00fcrt und eine Lust bemerkt, irgendetwas kaputtzuschlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale. Ob Andreas Baader den \u201eSteppenwolf\u201c gelesen hat? Oder Rio Reiser? (\u201eMacht kaputt, was Euch kaputt macht\u201c) \u00a0Auch seine Warnung, nicht das \u201eDenken\u201c als alleinige Voraussetzung f\u00fcr die Entwicklung des Menschen anzusehen, passt gut in eine Zeit, in der die Ratio zugunsten von Emotion und Spiritualit\u00e4t in den Hintergrund trat und sich hunderttausende einem fern\u00f6stlichen Bhagwan oder anderen \u00a0Gurus\u00a0 zuwandten\u00a0 und in der Individualit\u00e4t auf dem Weg zur Erleuchtung ein Hemmnis darstellte.<br \/>\nDie Bipolarit\u00e4t Mensch-Tier, Geist- Trieb, Ich und nichtsublimierte, reine Natur, stellt zwar eine \u00a0grobe Vereinfachung dar, hilft aber bei einer ersten Analyse. Dazwischen schwankt \u201c angstvoll bebend sein Leben\u201c. Seine Vision vom \u201ewahren Menschen\u201c , der Weg zu den \u201eUnsterblichen\u201c\u00a0 k\u00f6nnte von \u00a0Nietzsches \u201e\u00dcbermensch\u201c beeinflusst sein, in der Adaption der 70 er Jahre mag darin mancher der Weg zur \u201eErleuchtung\u201c gesehen haben.\u00a0Vision\u00e4r und gleichzeitig auch zeitlos (Erscheinungsjahr 1927) die Passagen \u00fcber Kriegsvorbereitungen und Kriegstreiber. Ebenso sieht er mit der aufkommenden Verbreitung von Radioapparaten auch die Gefahren der Zerstreuungs- und\u00a0 Unterhaltungsindustrie auf die Gesellschaft zukommen. Fulminant \u00fcbersteigert wird dieser Kulturpessimismus dann sp\u00e4ter in der im Drogenrausch erlebten, Gewaltorgie gegen \u00a0Autos und ihre Fahrer, die schon etwas von den Amokl\u00e4ufen des 21.Jahrhunderts erahnen l\u00e4sst.<br \/>\nIm verruchten Schwarzen Adler trifft HH dann Hermine. Nicht zuf\u00e4llig das weibliche Pendant zu Hermann, HHs \u201eJugendfreund\u201c . In Nebel der Drogen verschwimmen\u00a0 dann\u00a0 auch folgerichtig die Grenzen zwischen den Geschlechtern und Hermine und Hermann sind eins. Hermine wird f\u00fcr den Steppenwolf zum Meister, zum F\u00fchrer in seine Innenwelt, so wie es sp\u00e4ter in den 60- er Jahren der Meister \u00a0\u201eDon Juan\u201c f\u00fcr Carlos Castaneda \u00a0oder die Zen-Meister f\u00fcr Heilsuchende wurden. Sie f\u00fchrt ihm auch Maria zu, durch die HH einen ganz neuen Kosmos kennen lernt:\u00a0 Begierde, raffinierte Liebesspiele, bedingungslose Hingabe, Ausschalten des Intellekts, Anerkennung geheimer Triebe, freie Liebe. Maria hat zwar keine Bildung, sie erreicht aber seine Seele.<br \/>\nHermine wiederum ist eine intellektuelle F\u00fchrerin: \u00a0Sie verortet ihr Schicksal und das des Steppenwolf in ihrer Zeit: F\u00fcr sie beide sei die heutige Zeit nicht gemacht, sie h\u00e4tten eine Dimension zu viel f\u00fcr die Welt.<br \/>\nEin weiterer F\u00fchrer ist Pablo, der ebenfalls ein Geliebter Marias ist und der Hermine mit Drogen versorgt. Auch HH l\u00e4sst sich mit Pablo auf das Rauchen von Substanzen ein, die ihnen den Eintritt in eine eigene Welt ohne Zeit, das \u201cmagische Theater\u201c verschaffen, in der sie ihre Pers\u00f6nlichkeit hinter sich lassen k\u00f6nnen, sich selbst nicht mehr ernst nehmen m\u00fcssen.\u00a0 In diesem magischen Theater gibt es unz\u00e4hlige Zimmer mit originellen Aufschriften, wie \u201eAlle M\u00e4dchen sind dein!\u201c \u00a0oder \u201eAuf zum fr\u00f6hlichen Jagen!\u201c, in dem die schon beschriebene Hatz auf Automobile abl\u00e4uft.<br \/>\nDie Reise durch die Zimmer des magischen Theaters\u00a0 gleicht einer Reise in die tiefsten Schichten der Psyche und stellt f\u00fcr mich ein Highlight des Romans dar, nach dessen Lekt\u00fcre sich \u00a0auch heute noch gut nachvollziehen l\u00e4sst, dass er zum Kultbuch einer ganzen Generation und zum Wegweiser f\u00fcr weitere Kultb\u00fccher werden konnte.<br \/>\n<strong>Note<\/strong>: 2+ (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Sie lesen hier einen meiner Buchkommentare, die, wie ein Mitquartettler unl\u00e4ngst im Tessin v\u00f6llig zu recht meinte, auf dem Weg zwischen Ahornweg 6 und Ahornweg 12 entstehen. Voll erwischt.<br \/>\nAlso: keine leichte Kost, dieser Steppenwolf. Die Warnung des Autors: \u201eEintritt nicht f\u00fcr jedermann\u201c macht schon Sinn. Nicht erst auf der letzten Seite sp\u00fcre ich, dass es der Autor des Romans ungleich schwerer mit dem\u00a0 Leben und sich selbst hatte als etwa ich, obwohl er es, wie man so zu sagen pflegt, in vielerlei Hinsicht deutlich \u201eweiter\u201c brachte. Darf man einen, der die Wonnen der besinnungslosen Hingabe in einem Alter entdeckt, in dem andere schon fast wieder ihren Frieden mit den Trieben schlie\u00dfen, einen Sp\u00e4tz\u00fcnder nennen? Oder ist das zu respektlos gegen\u00fcber einem Nobelpreistr\u00e4ger, der ganz gewiss viel Gutes getan hat in seinem langen Leben, das er eigentlich mit 50 beenden wollte, sich aber zum Gl\u00fcck eines Besseren besann. Auf eine Inhaltsangabe kann ich getrost verzichten. Da gibt es schon viele, viele und sehr gute.\u00a0 Die Sekund\u00e4rliteratur ist immens.<br \/>\nAber auch mit selbiger habe ich keinen rechten Zugang gefunden. Vielleicht weil es \u201eNur f\u00fcr Verr\u00fcckte\u201c geschrieben ist? Oder weil ich inzwischen vielleicht schon zu alt bin f\u00fcr dieses Buch ? Petra Kipphoff hat das Buch zweimal gelesen. Zuerst als Jugendliche und dann viel sp\u00e4ter nochmals. Da kann sie ihre erste, aufgew\u00fchlte Reaktion \u00fcberhaupt nicht mehr verstehen (ZEIT-Bibliothek der 100 B\u00fccher). Abgesehen vom Kapitel \u201eHochjagd auf Automobile\u201c, das in seiner vision\u00e4ren Kraft furchterregend wirkt. Diese Szenen beunruhigen. Die Rocknachtigall Lindenberg hingegen hat einen ganz pers\u00f6nlichen Zugang zum Autor gefunden \u201eDanke Hermann, f\u00fcr Deine Inspiration!\u201c ruft Udo in die Calwer Sommernacht (S\u00fcdwestpresse, 21.Juli 2014). \u201eBei meinem ersten Besuch in seiner Geburtsstadt Calw lag Magie in der Luft&#8230;\u201c schreibt Lindenberg auf der Homepage seiner Stiftung (<a href=\"http:\/\/www.udo-lindenberg-stiftung.de\/\">www.udo-lindenberg-stiftung.de<\/a>), auf der sich manch Interessantes zu Hesse findet. Fahren wir doch mal zusammen nach Calw&#8230;<br \/>\nDas letzte Wort soll aber nicht sein Fan, sondern der Autor selbst haben:<\/p>\n<p>\u201e&#8230; Steppenwolf trabe und trabe,<br \/>\nDie Welt liegt voller Schnee,<br \/>\nVom Birkenbaum fl\u00fcgelt der Rabe,<br \/>\nAber nirgends ein Hase, nirgends ein Reh!\u201c<br \/>\n(\u2026).<br \/>\nNirgends.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note<\/strong>: 3\/4 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S. Fischer Berlin1927,\u00a0 289 Seiten. (Erstausgabe) &gt;&gt; Der Steppenwolf thematisiert die versuchte Metamorphose eines vergeistigt Einsamen zu einer nat\u00fcrlichen bipolaren Pers\u00f6nlichkeit, die Wolf und Mensch, Eros und Geist, frei denkenden K\u00fcnstler und angepassten B\u00fcrger als untrennbare Teile in sich tr\u00e4gt &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=555\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[85,84],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=555"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1829,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions\/1829"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}