{"id":544,"date":"2014-04-11T08:47:18","date_gmt":"2014-04-11T06:47:18","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=544"},"modified":"2023-11-22T18:18:52","modified_gmt":"2023-11-22T16:18:52","slug":"tilmann-rammstedt-die-abenteuer-meines-ehemaligen-bankberaters","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=544","title":{"rendered":"Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters &#8211; Tilmann Rammstedt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K800_bankberater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-547\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K800_bankberater-203x300.jpg\" alt=\"K800_bankberater\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K800_bankberater-203x300.jpg 203w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K800_bankberater.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/a><strong>Dumont 2012 , 156 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>&gt;&gt; <em>Bruce Willis,\u00a0 Los \u00c4ngeles\u00a0&#8211;\u00a0Cool Street 66\u00a0-12 of abril 2014<\/em><\/p>\n<p>Dear Mister Tilman Rammstedt:<br \/>\nsorry that I answer you so late finally and ultimatly.<\/p>\n<p>First I cannot read and speak german.<br \/>\nAnd second yours emails were too much, too often and sometimes too long. I don&#8217;t like emails and I \u00a0don&#8217;t like to play in your book as a bank-adviser. And what for a bankadviser. Every day he says\u00a0another common place. The german language seems to be a sea of common places. No, no, my \u00a0films are enough for me. Shit happens, also in literature, but not with me. Yes, I always hoped that the best will come as you write, but in your book it doesn&#8217;t come. Only the good come but not the best. I think there is too much glasspearlsplay, reflection about roman theory and writing (\u201enouveau roman\u201c?). With the poor dog I have much empaty.<br \/>\nIn the page 118 you write \u201e Bring we it after us\u201c, oh yes, thats what I think too this morning. Surely, the book is singular and perhaps you are a pioneer.<\/p>\n<p>I wish you the best and say you bybye<br \/>\nBruce Willis<\/p>\n<p><strong>Note: <\/strong>2\/3 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Von Denis Scheck empfohlen, \u00a0war die Erwartung gro\u00df. Und tats\u00e4chlich entwickelt Rammstedt einen in der Form wohl einmaligen E-Mail Roman, in dem er eine abenteuerliche Geschichte , wie er sie seinem \u201eehemaligen Bankberater\u201c gerne angedichtet h\u00e4tte, komplett in E-Mails an Bruce Willis entwickelt, die nat\u00fcrlich s\u00e4mtlich unbeantwortet bleiben. Bruce Willis soll in seinem Roman, der ins Stocken geraten ist, die \u201e Rolle\u201c des Bankberaters \u00fcbernehmen. In einer Unzahl von E-Mails berichtet Rammstedt Bruce Willis, was der Roman mit ihm und seiner Rolle vorhat und, besonders raffiniert, auch was er alles nicht macht, weil der seine Rolle nicht richtig annehmen will. So spielt Rammstedt mit den verschiedensten Ebenen der Fiktion und der Fiktion in der Fiktion. Das ist kunstvoll und witzig gemacht. Richtig gro\u00dfes Kino ist die Fluchtgeschichte mit dem toten Hund.<br \/>\nAllerdings kommt die Geschichte nur sehr langsam in Fahrt und die alternierend zu den E-Mails eingeflochtenen Miniaturen \u00fcber den schr\u00e4gen bis weltentr\u00fcckten Bankberater geraten nach meinem Geschmack rasch zu eindimensional und durchschaubar, zeigen keinerlei Entwicklung und entt\u00e4uschen deshalb zunehmend. <strong>Note: 2 <\/strong>(\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Wer h\u00e4tte mit literarischer Innovation gerechnet in einer inflation\u00e4ren Zeit, in der alle schriftstellerischen Patente schon angemeldet schienen. Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters ist die Neuerfindung des Briefromans, der seine Innovationsh\u00f6he einem intelligenten Flechtwerk verschiedener Komponenten verdankt. Fiktion und Wirklichkeit, Buchverlauf und realer Alltag, Autor und Kunstfiguren, Vorw\u00e4rtserz\u00e4hlung und negierende R\u00fcckw\u00e4rtsstr\u00e4nge flie\u00dfen ineinander. \u00dcberraschungs-momente sind garantiert.<br \/>\nGrundmotiv des Romans ist der schriftstellerische Zweikampf: Autor ringt mit seiner unvollendeten Geschichte, die nicht reifen will. Rammstedt setzt sich selbst ins Bild, zitiert seinen Verleger, wiederholt den Druck, ein gutes Ende finden zu m\u00fcssen. Die vermeintliche Hauptfigur ist sein entr\u00fcckter Bankberater, der ehemalig bleibt, weil er die Geschichte nicht voranbringt. Stilistisch beschr\u00e4nkt Rammstedt den herrlich bizarren Bankberater auf anekdotische Zellkastennotizen und nutzt diese L\u00fccke, einen Ersatzmann aufzurufen, der zum imagin\u00e4ren Hauptdarsteller avanciert: den Schauspieler Bruce Willis. In einem bis zum Buchende sich hinziehenden Emailmonolog dr\u00e4ngt Rammstedt Willis zum Mitwirken in der h\u00e4ngengebliebenen Buchgeschichte. Obwohl die Emails durchweg unbeantwortet bleiben, entwickeln sie eine dialog\u00e4hnliche Vitalit\u00e4t und werden selbst zum Handlungsger\u00fcst. Der Bankberater habe zun\u00e4chst erfolgreich durch einen \u00dcberfall auf die eigene Bank aus seiner verengten B\u00fcro- und Lebenswelt ausbrechen k\u00f6nnen, sei dann aber mitten in der Schalterhalle stecken geblieben. Die Situation \u00fcberfordere ihn, so dass es f\u00fcr die anstehende Fluchtszene den Actiondarsteller Willis brauche. Was folgt sind 75 Emails unterbrochen von ebenso vielen Notizen zum Wesen des Bankberaters. Rammstedt inszeniert ein fliegendes Wechselspiel, in dem er selbst sowohl als realer Autor wie auch als Romanfigur auftritt. Die angebliche Teilnahmslosigkeit von Willis lasse Rammstedt keine andere Wahl, als selbst den z\u00e4hen Geschichtsverlauf voranzutreiben. Rammstedt fl\u00fcchtet mit dem angeschossenen Willis via gestohlenem Fahrrad ins Unterholz, wird von einer Polizeistaffel aufgesp\u00fcrt, verbei\u00dft sich aus Verzweiflung in einen Polizeihund bis das arme Tier im Kugelhagel niedergestreckt wird. Die beiden M\u00e4nner retten sich in den \u00f6ffentlichen Nahverkehr. Dass der tote Hund aus Mitgef\u00fchl stets mitgeschleppt wird, verleiht den Szenen das f\u00fcr Rammstedt typische Groteske. Da der Autor jedoch mit dem Geschichtsverlauf unzufrieden ist, wird der Bank\u00fcberfall r\u00fcckwirkend neu gestaltet: keine Flucht sondern sofortige Verhaftung des Bankberaters. An dieser Stelle erh\u00f6ht Rammstedt den Grad der Verschachtelung, indem er den alten und neuen Erz\u00e4hlstrang miteinander verbindet \u2013 obwohl der erstere eigentlich gestrichen wurde. Dies erlaubt erz\u00e4hltechnisch beiden Gestalten auf einer Verkehrsinsel beginnend den Bankberater mit nackten H\u00e4nden aus dem Gef\u00e4ngnis frei zu graben. F\u00fcr das Finale bedient sich der Autor eines weiteren Kunstgriffs, indem er diesen Abschnitt als Vorwurf, was alles nicht geschehen sei, durchweg negierend formuliert. Das \u00dcberraschende dieser surrealistisch anmutenden Szene ist, dass die Aussagen wie Tatsachen wirken, obwohl und gerade weil sie durchgehend verneint werden. Die Konstruktion ist schlicht, die erz\u00e4hlerische Wirkung dennoch verbl\u00fcffend.<br \/>\nIn der Schlussepisode f\u00fchrt Rammstedt die Fiktion wieder an die Realit\u00e4t heran. Die Romanfigur Willis sieht er nach Kalifornien in das Eigenheim zur\u00fcckkehren, in dem der reale Bruce Willis in seiner K\u00fcche just einen Kaffee aufgie\u00dft. Der wahre Willis ist so passgenau in seine Wirklichkeit eingef\u00fcgt, dass nicht der kleinste Zwischenraum f\u00fcr den fiktiven Willis bleibt. F\u00fcr den letzteren f\u00fchrt der Weg ins Gegenstandslose \u2013 seine Spur verliert sich an einer Stra\u00dfengabelung.<br \/>\nIst dies die Metapher f\u00fcr das Scheitern des Romanversuchs? Die Konstruktion hat die Verfolgung \u00fcberstanden; allerdings hat der Plot Schaden genommen. M\u00fchsam qu\u00e4lt sich die immer wiederholte Aufforderung an Willis, den Roman proaktiv zu gestalten durch viel zu viele Emails. Erm\u00fcdend bleibt die monotone Darstellung der Autorennot, so dass trotz raffinierter Architektur das Werk nur bedingt lesenswert ist. Dennoch wird das Patent erteilt und bleibt offen f\u00fcr interessierte Lizenznehmer mit Blick auf Briefromane im dann vermutlich gehaltvolleren Format 2.2.<a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/bankberater_plot_diagramm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-552\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/bankberater_plot_diagramm-1024x685.jpg\" alt=\"bankberater_plot_diagramm\" width=\"584\" height=\"391\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/bankberater_plot_diagramm-1024x685.jpg 1024w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/bankberater_plot_diagramm-300x201.jpg 300w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/bankberater_plot_diagramm-449x300.jpg 449w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/bankberater_plot_diagramm.jpg 1760w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/a> <strong>Note: <\/strong>2\/3 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Auf Seite 153 angekommen, meinte mein ehemaliger Bankberater unvermittelt, es sei nun Zeit die Seiten zu wechseln. Er habe lange genug als Lieferant von Pointen hergehalten. Ich legte den Stift beiseite und sah zu wie sich der freie Wille auf seine Abenteuer begab. Kein Schwanz wedelte hinter dem Schalter, nicht einmal der von Hund und Katze. (844 S. des Romans fehlen) <strong>Note: <\/strong>2\/3<strong>\u00a0 <\/strong>(ai) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dumont 2012 , 156 Seiten. &gt;&gt; Bruce Willis,\u00a0 Los \u00c4ngeles\u00a0&#8211;\u00a0Cool Street 66\u00a0-12 of abril 2014 Dear Mister Tilman Rammstedt: sorry that I answer you so late finally and ultimatly. First I cannot read and speak german. 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