{"id":540,"date":"2014-02-07T08:41:47","date_gmt":"2014-02-07T06:41:47","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=540"},"modified":"2023-11-22T18:19:20","modified_gmt":"2023-11-22T16:19:20","slug":"draginja-dorpat-ellenbogenspiele-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=540","title":{"rendered":"Ellenbogenspiele &#8211; Draginja Dorpat"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_ellenbogenspiele.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-542\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_ellenbogenspiele-178x300.jpg\" alt=\"K640_ellenbogenspiele\" width=\"178\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_ellenbogenspiele-178x300.jpg 178w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_ellenbogenspiele.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><\/a><strong>Fischer B\u00fccherei 1970, 138 Seiten.<\/strong><br \/>\n<strong> Merlin 1968,\u00a0 218 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0 Mit den 4 Kapitel\u00fcberschriften Knut, Thea, Tina, Karol sind die 4 zentralen Protagonisten vorgestellt, aus deren Perspektive im Wesentlichen die Geschichte erz\u00e4hlt wird und die allesamt untereinander und noch mit drei weiteren Figuren schicksalhaft verbunden sind. W\u00e4re ein interessanter Ansatz, wenn er konsequent durchgehalten w\u00fcrde.\u00a0 Doch zu viele stilistische und auch inhaltliche Br\u00fcche, Spr\u00fcnge, Wechsel tr\u00fcben das Bild. Dorpat entwickelt ansatzweise durchaus sprachsch\u00f6pferische Wucht, die aber dann aber doch zu h\u00e4ufig an der teilweise kruden Handlung zerschellt. \u201eStudenten in T\u00fcbingen\u201c- das weckt Erwartungen, die nicht erf\u00fcllt werden. Der Roman k\u00f6nnte \u00fcberall spielen und das studentische Milieu der 60er Jahre ist, bis vielleicht auf die spie\u00dfigen Zimmerwirtinnen, nicht getroffen. Es ist ein desillusionierender Roman \u00fcber unerf\u00fcllte Liebe und die daraus resultierenden Psychospielchen, \u00fcber das was im Alter von der Liebe \u00fcbrig bleibt, \u00fcber Dem\u00fctigungen aller Art, \u00fcber gro\u00dfe Altersunterschiede in Beziehungen, man k\u00f6nnte auch noch den \u201eWarencharakter\u201c der Liebe anf\u00fchren. Allerdings wird das doch allzu bem\u00fcht in verschiedenen Handlungsstr\u00e4ngen wiederholt und mit bildungsb\u00fcrgerlichem Quatsch angereichert.<br \/>\nDass dieser Roman in den 60er Jahren einem der vielen niveaulosen \u201eNackedei\u201c-Filme dieser Zeit als Vorlage diente, mag auf den ersten Blick\u00a0 verwundern.\u00a0 Versucht man den ganzen Roman als groteske Kom\u00f6die zu lesen, wird es wieder plausibel. <strong> Note: <\/strong>3+ (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; \u201eWarten. Warten. Warten.\u201c Auch so kann ein Buch beginnen. Ich hatte mich auf Lekt\u00fcre gefreut. Wegen gewisser Freiz\u00fcgigkeiten war der Roman zu seiner Zeit\u00a0 (1966) zum Skandalon geworden und auf die Liste jugendgef\u00e4hrdender Schriften gesetzt worden. Das macht neugierig. Dazu noch T\u00fcbingen-Bez\u00fcge. Was will man mehr. Dann aber werden ausschlie\u00dflich unerf\u00fcllte, gescheiterte Beziehungen geschildert. Die Ellenbogenspieler\/innen, einige davon Getriebene, scheitern s\u00e4mtlich, teilweise bei h\u00f6chster Bildung. Oft habe ich mich gefragt, ob Belesenheit demonstriert werden soll (Aufz\u00e4hlung wichtiger Personennamen zum Beispiel) oder ob die Autorin an eine Parodie gedacht hat? Viele der Dialoge wirken auf mich bem\u00fcht, konstruiert, artifiziell. Ein pessimistisches Buch. Fr\u00fcher war halt auch nicht alles besser. Befriedigt ist am Ende nur ein Hund: \u201cQueen sah zufrieden aus\u201c liest man auf der vorletzten Seite. Immerhin. Mir tut der Hund eher leid. Warten. Warten. Warten. Ich habe bis Seite 218 gewartet. Vergebens. <strong>Note: <\/strong>3\u2013<strong> (<\/strong>ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; Nein, dieser Roman ist in weiten Teilen missgl\u00fcckt. Figuren ohne jede Empathie, fl\u00fcchtige Beziehungen &#8211; vor allem horizontal. Ein Mix aus Parodie, Groteske und Zynismus, der dem studentischen\u00a0 \u201eTreiben\u201c der ausgehenden 60er an keiner Stelle gerecht wird. Zwischen (unver\u00f6ffentlichtem) lyrischem Elaborat und vielfach vergossenem Ejakulat zu viel Bildungsgeschwafel. \u00a0Siebenrogg, Rudi Phallus Ellenbogen, Christina Edle von Carolsfeld, das Beffchen und als Sodomkr\u00f6nung noch Queen \u2013 das m\u00fcsste\u00a0 selbst f\u00fcr \u201eF\u00fcr Sie\u201c zu viel sein. Einzig die\u00a0 Juristische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t T\u00fcbingen d\u00fcrfte sich freuen:\u00a0 Theas Liebesentt\u00e4uschung heilt die Promotion. Eine vorbildhafte Botschaft: Seminar statt Bettchen. <strong>Note: <\/strong>4\/5 (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&gt;&gt;Thea hatte eine fr\u00fche Liason mit dem gescheiterten Pfarrer, wohingegen sie sp\u00e4ter vor allem die unbekleidete Begegnung mit Knut gerne vertieft h\u00e4tte, wenn dieser sich nicht bei seiner Br\u00f6tchengeberin Jertrude h\u00e4tte verausgaben m\u00fcssen, worauf Thea sich am h\u00f6rigen Gilman respektlos auslebte, gleichzeitig Herrn Ellenbogen nicht sofort zur\u00fcckwies und schlie\u00dflich dann doch von Karol entjungfert wurde. Der erniedrigte Gilman widmete sich darauf Tina, die ansonsten von Herrn Ellenbogen in die R\u00fcckenlage gebracht wurde, sofern er sich nicht der Blondine mit der Bulldogge hingab, w\u00e4hrend deren Hund von Theas Pfarrer sodomistisch befriedigt wurde. Ungute, erotische Ellenbogenspiel, die in der moralisch verengten Epoche der 60er Jahre noch als befremdliches Sittengem\u00e4lde aufgefasst und offiziell als jugendgef\u00e4hrdend eingestuft wurden. Ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter wirken die literarischen Tabubr\u00fcche von damals wie ein unaufgeregtes Ungl\u00fcck, das es unter Umst\u00e4nden lohnt aus ganz anderer Sicht zu durchleuchten.<br \/>\nAlle wollen, alle k\u00f6nnen nicht oder nur das eine und keine(r) kann es richtig. Alle suchen ohne zu wissen, was fehlt. Und weil das so ist, tun sie das Falsche. Sie entt\u00e4uschen, sie verletzen, sie st\u00fcrzen und verteilen den Schmerz um. Sex steht vorne, hinten fehlt der Respekt, die Leichtigkeit, die Liebe. Das akademische Rudel und seine Rituale kreisen in einem traurigen Perpetuum mobile, das sich selbst in Bewegung h\u00e4lt.<br \/>\nIm Milieu der T\u00fcbinger Universit\u00e4tsstadt schreibt Draginja Dorpat den Herum-vagabundierenden einen intellektuellen Scharfsinn zu, den sie vor allem dazu benutzen, ihre Gespr\u00e4chspartner zu filetieren noch bevor jede Ann\u00e4herung garen kann. Auch wenn den Roman die Suche nach Bindung und Ansprache als hartn\u00e4ckiges Merkmal aller Protagonisten durchzieht, zeichnet Dorpat die Akteure als zuverl\u00e4ssig unbeholfene Beziehungsversager, die mit vernichtendem Ungeschick zu Werke gehen. Stimmig zu den fragmentierten Begegnungen, zerfasert die Autorin bewusst die Gedankeng\u00e4nge. Stimmig dazu inszeniert sie den Duktus und Szenen als ein Stakkato von bizarren Assoziationskaskaden. So zerfranst wie die Gedanken und Gestalten, so stimmig zerfranst sind mitunter ihre Darstellungen.<br \/>\nKnut ist nicht nur Adonis und begabter Psychologiestudent, sondern auch angewiderter Liebesdiener, der f\u00fcr seinen Ausbildungserfolg sexuelle Frondienste leistet. Auch die Jurastudentin Thea Siebenrogg wird \u00e4hnlich wie Knut von der Vision eines beruflichen Erfolgs getrieben, dessen Vorbereitung von sexuellen Unwettern durchn\u00e4sst wird. Anders dagegen die Damen Jertrude und Tina Christina Edle von Carlsfeld, deren berufliche Werdeg\u00e4nge schon in der Lebensmitte ihr Ende erreichten. Die eine ist verwitwete Unternehmerin und die andere vergraute Redakteurin einer Hausfrauen-Zeitschrift. Gemeinsam ist beiden die Bitterkeit des Verfalls und die Verzweiflung im Angesicht ewig attraktiver Heerscharen knack-erotischer Studentenkonkurrentinnen. Dorpats \u00fcbrige Mannsgestalten umfassen eine bunte Charakterpalette: der Redaktionschef Rudolf Ellenbogen als Machtmacho mit monumentaler Libido, der feinsinnige Musenverlierer Lambert Gilman, der hormonbewusste Redakteur Karol mit einem Restbestand an Anteilnahme und nat\u00fcrlich der vom evangelischen Pfarrdienst zur Sodomie konvertierte Kriegsveteran. Allen gemeinsam ist die Beziehungs-Hilflosigkeit.<br \/>\nAuch wenn der Roman trotz brillanter Sprachpassagen letztlich \u00fcberladen und reifebed\u00fcrftig wirkt, so kann die Plot-Monotonie auch im Sinne der Beziehungsmonotonie des auftretenden Personals gedeutet werden. So verstanden harmonieren Inhalt und Form. Dennoch h\u00e4tten Gegenbilder das Werk lesefreundlicher gemacht. Schon ab der Mitte und erst recht am Ende des Werkes wird man in den Strudel des ewig Gleichen gezogen und sehnt sich im Mief der sexuellen Gemengelage nach frischer Luft.<br \/>\n<strong>Note: <\/strong>3\u00a0(ur) &gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fischer B\u00fccherei 1970, 138 Seiten. Merlin 1968,\u00a0 218 Seiten. &gt;&gt;\u00a0 Mit den 4 Kapitel\u00fcberschriften Knut, Thea, Tina, Karol sind die 4 zentralen Protagonisten vorgestellt, aus deren Perspektive im Wesentlichen die Geschichte erz\u00e4hlt wird und die allesamt untereinander und noch mit &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=540\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[88,89],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/540"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=540"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/540\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1831,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/540\/revisions\/1831"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}