{"id":526,"date":"2013-11-29T09:47:43","date_gmt":"2013-11-29T07:47:43","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=526"},"modified":"2023-11-22T19:04:24","modified_gmt":"2023-11-22T17:04:24","slug":"ernest-hemingway-der-alte-mann-und-das-meer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=526","title":{"rendered":"Der alte Mann und das Meer-Ernest Hemingway"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K1024_der-alte-Mann-und-das-Meer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-529\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K1024_der-alte-Mann-und-das-Meer-183x300.jpg\" alt=\"K1024_der alte Mann und das Meer\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K1024_der-alte-Mann-und-das-Meer-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K1024_der-alte-Mann-und-das-Meer-625x1024.jpg 625w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K1024_der-alte-Mann-und-das-Meer.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>rororo 2012 144 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Nobelpreis hin oder her: Ich habe mich gelangweilt bei der Lekt\u00fcre dieses Klassikers. Die lakonische, einfache Sprache, in der parabelhaft der ewige Kampf des einsamen Fischers Santiago mit dem Meer erz\u00e4hlt wird, wirkt heute doch ein wenig abgehangen und wenig aufregend. Die Kernbotschaft: &#8222;Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben&#8220; (S.117)\u00a0 ist unverzichtbarer Teil des fragw\u00fcrdigen Selbstbildes der amerikanischen Nation, verinnerlicht vor allem durch den von Hollywood gepflegten Mythos des Siedlers in den unendlichen Weiten des Westens. <strong> Note: <\/strong>3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a084 Tage f\u00e4hrt der alte Fischer Santiago hinaus aufs Meer ohne einen Fisch zu fangen. \u00a040 Tage in Begleitung des \u00a0Jungen Manolin . Aber es ist keine \u201eendg\u00fcltige Niederlage\u201c des alten Mannes. Die letzte Fahrt hinaus aufs Meer bringt die Wende. Ein riesiger Marlin \u201eniemals habe ich etwas Gr\u00f6\u00dferes und Sch\u00f6neres oder Ruhigeres\u00a0 oder Edleres gesehen\u201c hat angebissen und zwischen Fischer und Fisch entwickelt sich eine merkw\u00fcrdige Schicksalsgemeinschaft. In Selbstgespr\u00e4chen und fiktiven Gespr\u00e4chen mit dem\u00a0 Fisch erh\u00e4lt der \u201eShow-down\u201c weit drau\u00dfen vor der Bucht von Havanna eine philosophische Dimension. \u00a0Respekt und W\u00fcrde (\u201eungeheure W\u00fcrde des Fisches\u201c) kennzeichnen den Zweikampf zwischen Mensch und Natur. Ein Todeskampf auf Augenh\u00f6he allerdings ist es nicht, bedeutete doch das Kappen der Leine f\u00fcr den Fischer nur den Verlust der Ware, nicht aber den Verlust des Lebens. So gesehen sind verbale T\u00f6tungshemmungen \u201eDer Fisch, mein Freund\u201c, \u201eBruder\u00a0 Fisch\u201c, \u201eEs tut\u00a0 mir Leid, Fisch\u201c auch angesichts des Berufsethos eines Fischers obsolet. Solche Wertsch\u00e4tzung des Opfers genie\u00dfen \u00fcbrigens Markrele, Thunfisch und andere nicht, ganz zu schweigen vom Killerimage bestimmter Haie, denen Santiago mit Harpune, Messer, Keule wenig zimperlich zu Leibe r\u00fcckt. Was zun\u00e4chst nach zweit\u00e4gigem und n\u00e4chtigem &#8211; \u00a0auch f\u00fcr den Fischer &#8211; blutigem Kampf mit der Harpunierung des Fisches als Sieg erscheint, verliert mit dem Auftritt der Haie im wahrsten Sinne jede Gr\u00f6\u00dfe . Der Kreislauf der Natur verhindert den gro\u00dfen Fang. Statt reicher Beute, statt ausk\u00f6mmlicher Lebensgrundlage bleibt vom gro\u00dfen Fisch ein Kopf und ein stattliches Gerippe, das am \u00a0Strand vor der \u201eTerrace\u201c von unwissenden Touristen f\u00fcr einen Hai gehalten wird .\u00a0 Was aber f\u00fcr Santiago und den Hemingwayschen Leser bleibt, ist das sattsam bekannte immer wiederkehrende uramerikanische Credo: \u201eAber der Mensch darf nicht aufgeben\u2026Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben\u201c. Santiago \u2013 ein sehr gebrochener Heldenmythos- in einfacher Sprache, mit noch einfacherer Botschaft.<br \/>\nDie Faszination und die Aura, die diese Erz\u00e4hlung seit ihrem Erscheinen umgibt, wollte sich bei mir nicht einstellen. Ernest verzeih! <strong>Note : <\/strong>3\/4 (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Hervorgegangen aus einem k\u00fcrzeren Zeitschriftenbeitrag 1936 formte E.H. die 1951 vorliegende Form der Santiago Geschichte zu einer Parabel \u00fcber die schicksalhafte Verkn\u00fcpfung von Lebensbestimmung an der Sollbruchstelle von kargem Leben, sinnstiftender Aufopferung, ihrer Vergeblichkeit und t\u00f6dlicher Begegnung zwischen den Kreaturen. Schon 3 Jahre sp\u00e4ter erhielt Hemingway auch daf\u00fcr den Literaturnobelpreis. In schlichter Prosa zeichnet er das Wertesystem eines einfachen Lebensentwurfs. In diesem dient das gefahrvolle Hochseefischen eines alten Mannes nicht nur dem Lebenserhalt sondern ist auch die B\u00fchne f\u00fcr das Selbstwertgef\u00fchl. Die Ich-Steigerung und das damit einhergehende T\u00f6ten entpuppt sich als respektvolles Kr\u00e4ftemessen, in dem der eigene Tod nicht gescheut, sondern als verdienter Erfolg der sich wehrenden Natur nicht ausgeschlossen wird. Ein Mann k\u00e4mpft, hart gegen sich selbst, unbeirrt, aufrichtig und prinzipienfest. In diesem Sinne auch Sinnbild amerikanischer Ideale. Und dennoch steckt in der Parabel auch ein antiidealistischer, fatalistischer Zug, denn dieser Kampf entpuppt sich als vergebens und die Frage steht im Raum, ob er besser nicht h\u00e4tte gek\u00e4mpft werden sollen.<br \/>\nDer alte Fischer Santiago tr\u00e4umte schon lange nicht mehr von den gro\u00dfen K\u00e4mpfen und den Frauen, wenn er in seiner d\u00fcrftigen H\u00fctte auf dem zusammengerollten Hemd seinen Kopf f\u00fcr die Nachtruhe bettete. Der 85ste Tag w\u00fcrde morgen anbrechen, ohne dass er einen einzigen Fisch gefangen hatte. Der kleine Junge brachte ihm in aller Fr\u00fche einen Kaffee, wie er \u00fcberhaupt wie ein Alter f\u00fcr den Alten sorgte. Wieder stieg der Fischer in sein schon lange leidendes Boot, wie immer ohne Proviant und ruderte weiter ins Meer hinaus als sonst. Das Meer war f\u00fcr ihn nicht der Feind el mar, f\u00fcr ihn war die weibliche See eine schenkende Frau, wenn auch von launischer Natur. Drei lange Leinen mit kleinen Sardinen gespickt, lie\u00df er in unterschiedliche Tiefen hinab, w\u00e4hrend er weiter in den Horizont trieb. Eins mit dem Dialekt des Meeres verstand er die Sprache der Makrelen, lie\u00df sich von den Fregattv\u00f6geln lenken, sch\u00e4tzte die Meeresschildkr\u00f6ten, die mit Genuss die gallerte Agua mala mit ihren feuerschmerzenden Tentakeln fra\u00df und liebte die Gutm\u00fctigkeit der T\u00fcmmler.<br \/>\nEndlich biss ein wei\u00dfer Thunfisch an, der einen pr\u00e4chtigen K\u00f6der abgeben sollte. Wie er viel sp\u00e4ter feststellte, hatte tats\u00e4chlich in einhundert Faden Tiefe ein unglaublich schwerer Marlin den Thunfisch verschlungen. Der Marlin war so gewaltig, dass er das Boot auf das offene Meer hinauszog. Immer die gleiche Richtung, immer die gleiche Geschwindigkeit, nie auf- und nie abtauchend. Dennoch mit sich nicht im Geringsten ersch\u00f6pfender Kraft. Damit das Seil durch einen pl\u00f6tzlichen Zug des Fisches nicht riss, hatte es der alte Mann um seinen R\u00fccken gewunden. Es war ihm unm\u00f6glich gegen die Kraft des Fisches das Seil einzuziehen. Unb\u00e4ndig war der Zug. Lange war schon kein Land mehr in Sicht. Die Nacht war hereingebrochen, der schmerzende R\u00fccken wurde fast unertr\u00e4glich. Doch der Alte gab nicht nach, selbst nachdem er durch eine abrupte Bewegung des Fisches blutig zu Boden gerissen wurde. Der Morgen brach an und die sengende Sonne begann die Luft erneut zu fressen. Der qu\u00e4lende Krampf seiner um das Seil gepressten Hand war nicht mehr zu l\u00f6sen. Dann stieg der Fisch an die Oberfl\u00e4che. Es war ein riesiger Marlin, gr\u00f6\u00dfer als man je zuvor einen gesehen hatte, noch gr\u00f6\u00dfer als das Boot. Unm\u00f6glich ihn ins Trockene zu holen.<br \/>\nTrotz des Respekts f\u00fcr die Kreatur war der Wille des Alten unb\u00e4ndig. Ebenso der Glaube an sich, nachdem er vor vielen Jahren einen eine ganze Nacht dauernden Kampf im Armdr\u00fccken gewonnen hatte. Es blieb das unersch\u00fctterliche Gef\u00fchl mit festen Willen jedes Ziel erreichen zu k\u00f6nnen. Er wusste, dass er den Fisch niederk\u00e4mpfen w\u00fcrde, selbst wenn dieser ihn t\u00f6ten sollte. Dies war ihr gemeinsames Schicksal. Der riesige Fisch wurde langsamer und gab dem Alten die M\u00f6glichkeit kleine, gefangene Fische roh zu verschlingen um bei Kr\u00e4ften zu bleiben. Es w\u00fcrde aber keinen Menschen geben, der es wert gewesen w\u00e4re, sich so einen stolzen Marlin einzuverleiben. Die zweite Nacht brach herein. Pl\u00f6tzlich explodierte der Fisch aus dem Ozean, sprang wieder und wieder in die H\u00f6he, um krachend ins Meer zur\u00fcckzust\u00fcrzen, w\u00e4hrend das rasend schnell nachgebende Seil dem Alten Hand und R\u00fccken versengte. Bis zum Morgen sollte der Fisch zunehmend an Kraft verlieren, immer engere Kreise um das Boot ziehen, um schlie\u00dflich entlang des Bootes hin- und her zu schwimmen, was der Alten nutzte, um die Leine immer weiter zu verk\u00fcrzen. Als der Fisch an der Oberfl\u00e4che dicht am Boot vorbeizog, rammte er ihm die Harpune so tief in den R\u00fccken, dass das Herz durchsto\u00dfen wurde. Er hatte noch nie einen so edlen Bruder gesehen. Jetzt f\u00fcllte er sich schlecht \u2013 nicht weil er \u00fcberlebt hatte, sondern weil sein Sieg die Niederlage dieser w\u00fcrdevollen Natur war. Dennoch war dieses seine Bestimmung.<br \/>\nDer Alte vert\u00e4ute den Marlin am Boot und setzte das kleine Segel. Schon nach einer Stunde brach der erste Hai ein riesiges St\u00fcck aus dem Marlin. Auch wenn der Alte mit der Harpune den Hai erlegen konnte, war seine W\u00fcrde und die seines angefressenen Bruders schmerzlich entweiht. Bald folgten weitere Haie, gegen die der alte Mann mit sinkendem Erfolg erbitterten Widerstand leistete. Bei jedem Angriff der J\u00e4ger wurde der gro\u00dfe Fisch in kleinere St\u00fccke gerissen. Bei jedem Angriff b\u00fc\u00dfte der Fischer weitere Waffen ein, bis er schlie\u00dflich sogar die Pinne vom Ruder riss, um hilflos auf die fressgierige Horde einzukn\u00fcppeln. W\u00e4hrend die Nacht noch geduckt auf dem Ozean lag, zerfiel der stolze Marlin zu einem fleischlosen Gerippe. Der Alte hatte den Kampf verloren. Er war ebenso get\u00f6tet worden. Jetzt fra\u00df die Reue ihn, denn sein T\u00f6ten war den Tod nicht wert gewesen.<br \/>\nGegen Morgen erreichte er irgendwie den kleinen Hafen. Leer verkroch er sich in seine H\u00fctte, wo ihn sp\u00e4ter der Junge fand, w\u00e4hrend die Dorfbewohner ungl\u00e4ubig vor dem gewaltigen Skelett standen, das immer noch an der Bordwand hing. Ja, er w\u00fcrde mit dem Jungen wie fr\u00fcher wieder hinausfahren. Der Kleine wollte noch so viel lernen.<strong><br \/>\nNote:\u00a0 <\/strong>2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; Der Inhalt des Romans ist Ihnen, geneigter Leser, geneigte Leserin, sicherlich nicht unbekannt. In einem Projekt der lokalen Gender-Mainstreamforschung (gef\u00f6rdert mit Dritt- und Viertmitteln sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG) wird derzeit untersucht, wie der Roman ausgesehen haben k\u00f6nnte, so der alte Mann eine alte Frau gewesen w\u00e4re. Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass sich sowohl der Schwertfisch als auch die Haie nicht wesentlich anders verhalten h\u00e4tten. Sie folgen ihrer naturgem\u00e4\u00dfen Bestimmung, basta. Die Kommunikation Fischerin- Schwertfisch w\u00e4re hingegen sicherlich noch etwas empathischer ausgefallen. Und Hemingway h\u00e4tte sich die langweiligen Einsch\u00fcbe zum Thema\u00a0 Baseball locker sparen k\u00f6nnen. Ebenso Santiagos Tr\u00e4ume \u00fcber L\u00f6wen. Welche Frau tr\u00e4umt von L\u00f6wen? In der Forschung konnten bislang nur Hauskatzen als Traumthemen nachgewiesen werden. Manche Reflexionen w\u00fcrden, von einer Frau gedacht, an Tiefgang gewinnen. Mit vier S\u00e4tzen (Seite 84) kann dies leicht belegt werden: \u201eStell dir mal vor, wenn eine Frau jeden Tag versuchen m\u00fcsste, den Mond zu t\u00f6ten, dachte sie. Der Mond l\u00e4uft davon. Aber stell dir mal vor, wenn eine Frau jeden Tag versuchen sollte, die Sonne zu t\u00f6ten. Wir sind noch gl\u00fccklich dran, dachte sie.\u201c Das dachte ich auch. Bis heute.<br \/>\nUnd Santiago? Ich glaube, wir m\u00fcssen uns Sisyphos Santiago als gl\u00fccklichen Menschen vorstellen.<strong> Note:\u00a0 <\/strong>3 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>rororo 2012 144 Seiten. &gt;&gt; Nobelpreis hin oder her: Ich habe mich gelangweilt bei der Lekt\u00fcre dieses Klassikers. 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