{"id":497,"date":"2013-04-27T09:08:11","date_gmt":"2013-04-27T07:08:11","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=497"},"modified":"2023-11-22T19:05:23","modified_gmt":"2023-11-22T17:05:23","slug":"wolfgang-herrndorf-tschick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=497","title":{"rendered":"Tschick-Wolfgang Herrndorf &#8211;"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_tschick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-499\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_tschick-188x300.jpg\" alt=\"K640_tschick\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_tschick-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_tschick.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Rowohlt 2010 , 254 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ein wunderbarer Roman, der die vermeintlichen Grenzen des Jugendbuchterrains locker \u00fcberschreitet und zu Recht f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominiert war. Selten wurde die Welt eines 15-j\u00e4hrigen Jungen so witzig, kurzweilig und doch tiefgr\u00fcndig und ber\u00fchrend zwischen zwei Buchdeckeln abgebildet. Besondere Herausforderung f\u00fcr den Autor, dass der Junge auch noch als Ich-Erz\u00e4hler auftritt. Auch diese schwierige Gratwanderung gelingt Herrndorf letztlich doch meisterhaft, da er der Gedankenwelt des 15 j\u00e4hrigen Maik eine authentische Sprache verleiht, die so luftig und komisch daherkommt, dass jegliche Mitleidsnummer mit dem Schicksal\u00a0 der beiden Protagonisten Maik und Tschick gar nicht erst aufkommt. <strong>Note<\/strong>: 1\u2013 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u201eMaik Klingenberg, der Held\u201c. Sitzt bei der Polizei, \u201evollgeschifft und blutig\u201c. Aber noch ist dieser h\u00f6chst ereignisreiche Abenteuer-Sommer mit seinem Kumpanen Tschick nicht zu Ende.\u00a0 Nachspielzeit vor dem Jugendgericht. Der Sommer, in dem sie erwachsen werden. Tschick und Maike, so ungleich wie Sancho Panza und Quijote? Moderne Varianten des spanischen Traumpaares? Mit einem geklauten Lada als Rocinante fahren sie durch die deutsche Provinz in Richtung Walachei. Nat\u00fcrlich ohne Karte und Kompass. Der wohlstandsverwahrloste Maike und der alkoholaffine Andrej Tschichatschow aus der Hochhaussiedlung begegnen auf einer M\u00fcllkippe dem M\u00e4dchen Isa. Die neue Romantik, roh und doch auch z\u00e4rtlich.<br \/>\nEin spannendes Jugendbuch f\u00fcr Erwachsene, pointensicher, aber nicht anbiedernd, oft lakonisch\u00a0 und gleichzeitig unterhaltsam. <strong>Note<\/strong>: 1\/2 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Wenn ein Jugendroman Erwachsene begeistert, ist etwas Grunds\u00e4tzliches ber\u00fchrt, etwas das nicht nur jugendlich bewegt, sondern wieder verj\u00fcngt. So geschehen bei <em>tschick<\/em> \u2013 ts chick: Achtung! Trudelnde H\u00fchner im Tiefflug: am\u00fcsant, r\u00fchrend, bizarr und erfrischend tiefgr\u00fcndig. Alle vermuten im S\u00fcden die andere Welt, die bunte Seelenvielfalt. Literarisch angelehnt irgendwo zwischen Huckleberry Finns Abenteuer- und Goethes Italien Reise l\u00e4sst Herrndorf die beiden Vierzehnj\u00e4hrigen Mike Klingenberg und Tschick ebenso gen S\u00fcden aufbrechen, weil dort ein Ziel sei. Doch es geht nicht um das Reiseziel, sondern die Reise selbst, die zum Ziel wird. Eingeklemmt im pubert\u00e4ren Seelengrau, niedergehalten von Platz greifenden Minderwertigkeitskomplexen, \u00fcbersehen von der Klassengemeinschaft und dann noch Sommerferien, die so leer sind, dass sogar die Schule ausf\u00e4llt. Das ist das dunkelste Loch, in das Mike fallen kann. Dass die platonisch angebetete Tatjana wieder nicht aus dem Fenster schaut, ist sonnenklar und der Wunsch, sich am Indianerturm den Strick um den Hals zu legen, dr\u00e4ngt sich wieder auf. Dass sich in diesem Moment auch die zerstrittenen Eltern in die Entziehungskur (Mutter) und mit der knackfrischen Assistentin in die Sommerglut (Vater) verabschieden, haut der Einsamkeit schlie\u00dflich den Korken raus. Und dass Mike wieder Mike hei\u00dft, sagt eigentlich alles. Wenigsten war Mike eine Zeitlang mit dem Namen Psycho aufgewertet worden, nachdem er ernste Anekdoten aus der \u201eBeautyfarm\u201c, wo seine Mutter regelm\u00e4\u00dfig den Ent- und erneuten Einzug in den Suff zelebriert, einem Klassenaufsatz anvertraut hatte. Mittlerweile fand der Klassenkapit\u00e4n jedoch, dass einer so verpennten Schlaftablette dieser aufregende Spitzname nicht geb\u00fchrt. Was kann schlimmer sein als wieder zu einem Mike deklassiert zu werden?<br \/>\nIn diesem dumpfen Sommerloch dr\u00e4ngt sich ein ebenso ignorierter Au\u00dfenseiter mit einem unaussprechbaren russischen Namen auf, kurz Tschick genannt &#8211; neu in der Klasse, meist im Vollrausch, aber mit beneidenswertem Selbstwertgef\u00fchl. Mike ist nicht begeistert. Als Tschick jedoch erkennt, wie tiefgreifend Mike die Nichtbeachtung von Tatjana zerm\u00fcrbt, dr\u00e4ngt er Mike, seine Zuneigung offen zu zeigen. Gemeinsam fahren sie im von Tschick geklauten Lada zu Tatjanas Geburtstagsparty, zu der sie beide als einzige nicht eingeladen wurden. Nach der \u00dcbergabe der Handzeichnung von Tatjanas Lieblingsmusikerin Beyonc\u00e9, die Mike in wochenlanger Begeisterung malte, tauchen die Jungs in einem spektakul\u00e4ren Schlussauftritt wieder ab. Die Komplizenschaft der Buben ist besiegelt. Es bedarf danach nur noch wenig \u00dcberzeugungsarbeit, um Mike zu einer Tour in die Walachei zu \u00fcberzeugen.<br \/>\nWas nun folgt, ist die Reise nach au\u00dfen in das Innere, die beginnende Selbstwertfindung eines durchsichtigen Mike, der mit jedem weiteren Abenteuer unter der Katalyse seines neuen Freundes an Konturen gewinnt. Die Suche nach der im S\u00fcden vermuteten Walachei scheitert nat\u00fcrlich an der fehlenden Orientierung. Wiederholt endet die Spurensuche im Weizenfeld mit der gro\u00dfen Sehnsucht, von der Welt einmal wahrgenommen zu werden, wenn ihre mit dem Lada in das Weizenfeld gefahrenen Namen vielleicht via Google Earth global bestaunt werden. Dass sie schon nach dem ersten Buchstaben in den meterhohen \u00c4hren den Anschluss verlieren, betr\u00fcbt sie nicht wirklich. Die Abgrenzung als \u201eAutomobilisten\u201c gegen die muntere Jugendgruppe \u201eAdel auf dem Radel\u201c im Walderholungsgebiet, die Einladung in die spie\u00dfige Bioenergetik Familie mit der pfiffigen Kinderschar und dem besten Pudding der Weltgeschichte, die vergeblichen Versuche, durch Aufkleben eines Hitlerbartes aus einem Vierzehnj\u00e4hren einen Erwachsenen am Steuerrad zu machen, um unauff\u00e4llig zu bleiben, die Entdeckung durch die Polizei und die Flucht mit dem Polizistenfahrrad bef\u00f6rdern Mikes Seelenentwicklung. Als sich jedoch der Tank leert, droht ein unl\u00f6sbares Problem, denn an der Tanke d\u00fcrfen sie nicht auftreten. Es bleibt nur der Benzinklau, wozu ein Schlauch her muss, der auf einer M\u00fclldeponie vermutet wird, die allerdings zwei Stunden Wegmarsch entfernt liegt. Als dort die verwahrloste Isa auftaucht, wird nicht nur das Benzinabsaugproblem gel\u00f6st, sondern es versiegt auch Mikes Tatjana Traurigkeit. Denn erstens verfl\u00fcchtigt sich nach einer erzwungenen Naturw\u00e4sche im Stausee Isa\u00b4s Pestgeruch und zweitens vermittelt das fr\u00fchreife M\u00e4dchen dem sch\u00fcchternen Mike, wie begehrenswert er ist. W\u00e4hrenddessen outet sich Tschick als einer vom anderen Ufer und dass er eher von seinem Onkel beeindruckt sei, der mit Hinter-freien Lederhosen durch die Lande zieht. Die Gef\u00fchle toben durcheinander als Mike Tschick zuliebe schwul werden m\u00f6chte, aber keine Vorstellung hat, wie. Nach der denkw\u00fcrdigen Begegnung mit dem wahrlich allerletzten Mohikaner einer verlassenen Bergbausiedlung, in der ihnen der Greis die Autoscheibe zerschie\u00dft um daraufhin Limonade anzubieten, \u00fcberschl\u00e4gt sich der Lada am Steilhang der Abraumhalde. Trotz aller Bedrohungen ist Mike gl\u00fccklich \u00fcberrascht, denn am Ende sind alle Menschen nett zu ihm. So auch hier, als eine \u00fcbergewichtige Sprachtherapeutin die Jungs ins Krankenhaus begleitet, aus dem Mike und Tschick mit Gipsbein unter falschem Namen fl\u00fcchten, um sich wieder zum Lada aufzumachen. Die folgende Fahrt w\u00e4hrt jedoch nicht lange, denn schon auf dem n\u00e4chsten Autobahnabschnitt st\u00fcrzt ein Schweinelaster um, in den die Jungs hineinrasen: Mike\u00b4s Wade und zahlreiche S\u00e4ue nehmen ernsten Schaden.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist der gro\u00dfe Sprung nach vorne. Mike ist ein Neuer. Einer, der mit Stolz die Polizisten empf\u00e4ngt als sie ihn bei Schuljahresbeginn aus dem Unterricht holen. Einer, der von Tatjana und Isa gegr\u00fc\u00dft wird, einer, der seinen Freund vor Gericht nicht verr\u00e4t, obwohl sein Vater dies in ihn reinpr\u00fcgeln will. Einer, der mit seiner Mutter samt Couchgarnitur in den Swimmingpool springt, weil die Schwerelosigkeit des Wassers auch seine innere ist.<\/p>\n<p>Es war noch nie ein so sch\u00f6ner Sommer. <strong>Note:<\/strong> 1 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Aus der Perspektive des 14j\u00e4hrigen Maik verfolgen wir den Ausbruch dreier Jugendlicher aus der normierten Erwachsenenwelt. Ein Sommerferien -Lada-Trip zweier Jungs\u00a0 mit Ziel Walachei, komisch und orientierungslos zugleich, wird zur Geschichte einer gro\u00dfen Freundschaft, die die Dem\u00fctigungen und Ausgrenzungen, die Maik und Tschik im pubertierenden Umfeld vor allem der Mitsch\u00fcler erleben, vergessen machen. Der Auftritt Isas unterwegs nach Prag, die nicht nur in Sachen \u201ekommunale R\u00f6hren\u201c den Jungs weit voraus ist, erweitert das Duo zu einer kurzen Schicksalsgemeinschaft (der Anselm Weil Brief vom Hohen Berg verspricht mehr). Highlight in der Beschreibung der Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen einer jugendlichen Seele sind die Hochsprungepisode und die damit verbundene Tatjana Cosic Handlung. Die Welt der Erwachsenen, ob in Gestalt der Lehrerfiguren, ob in der Gestalt der wohlstandsverwahrlosten Klingenberg-Vaters, ob in der traumatisierten Fricke Figur, ob in der Sprachtherapeuten-Karikatur (herrlich allerdings die \u201eFlu\u00dfpferd\u201c Assoziation), ob im \u00c4rzte-Bild (Ausnahme Pflegeschwester Hanna!), ob als leicht schr\u00e4ge Gro\u00dffamilienmutti oder in Gestalt der deprimierenden Rentner in \u201ebeige\u201c\u00a0 &#8211; sie ist \u00a0die Gegenwelt zum \u00a0Roadmovie. Als Leser jedenfalls w\u00fcnscht man sich f\u00fcr Maik und seine Mutter nach der Versenkung der B\u00fcrgerlichkeit im heimischen Pool wieder trockene T\u00fccher.<\/p>\n<p>Es gab \u00fcbrigens in dem Buch auch einen, der \u201eschien ziemlich vern\u00fcnftig \u2026 Und der hie\u00df Burgsm\u00fcller, falls das jemand interessiert\u201c. <strong>Note<\/strong>: 2 (ai) (nachgebessert)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rowohlt 2010 , 254 Seiten. &gt;&gt; Ein wunderbarer Roman, der die vermeintlichen Grenzen des Jugendbuchterrains locker \u00fcberschreitet und zu Recht f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominiert war. Selten wurde die Welt eines 15-j\u00e4hrigen Jungen so witzig, kurzweilig und doch tiefgr\u00fcndig und &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=497\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[73,72],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/497"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=497"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/497\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1873,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/497\/revisions\/1873"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}