{"id":490,"date":"2013-03-01T09:48:15","date_gmt":"2013-03-01T07:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=490"},"modified":"2023-11-22T19:05:36","modified_gmt":"2023-11-22T17:05:36","slug":"dieter-de-lazzer-suendenpfuhl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=490","title":{"rendered":"S\u00fcndenpfuhl- Dieter de Lazzer"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_S\u00fcndenpfuhl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-494\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_S\u00fcndenpfuhl-189x300.jpg\" alt=\"K640_S\u00fcndenpfuhl\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_S\u00fcndenpfuhl-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_S\u00fcndenpfuhl.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>K\u00f6nigshausen &amp; Neumann\u00a02012,\u00a0\u00a0 273 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; De Lazzer l\u00e4sst nichts aus. S\u00fcndenpfuhl, das ist Sodom und Gomorrha, das volle Programm. Es dauert allerdings eine Weile, bis auch die bizarrsten Erscheinungsformen menschlicher Sexualit\u00e4t ausgeleuchtet werden. Bis es soweit ist, entwickelt sich der durchaus\u00a0 spannende Plot um den bigotten evangelikalen Prediger Seitz und seine nicht minder heuchlerische Gemeinde im Remstal und \u00fcber muslimische Stuttgarter und deren Verf\u00fchrbarkeit f\u00fcr radikale Islamisten. Ein Gebiet, auf dem sich de Lazzer als Theologe und Jurist auskennt. Wie beim klassischen Tatortformat werden viele F\u00e4den aufgenommen, als Prediger Seitz pl\u00f6tzlich mit durchschnittener Kehle tot aufgefunden wird. Diverse Verd\u00e4chtige werden vom sympathischen Kommissar Schiller und seinem munteren Team vernommen. Man merkt deutlich, dass de Lazzer viel Erfahrung als Drehbuchschreiber hat und kann den Roman tats\u00e4chlich als Fernsehfilm Marke Tatort lesen. Literarisch auf akzeptablen Niveau, aber h\u00e4ufig doch ohne wirklichen Tiefgang. Die Dialoge wirken manchmal auch ein wenig k\u00fcnstlich, wenn etwas untergebracht wird, was da nicht hingeh\u00f6rt, das aber die Handlung voranbringen soll. Mitteilungsprosa eben. Im Ermittlerteam herrscht ein erstaunlich sexuell freiz\u00fcgiger, l\u00e4ssiger Umgangston. Vor allem bei den Frauen. Man kann dies im Hinblick auf die aktuelle Sexismusdebatte h\u00f6chstens wohlwollend als Wunschtraum des Autors nach Emanzipation der anderen Art interpretieren. Mit der Realit\u00e4t hat es eher weniger zu tun.\u00a0Die L\u00f6sung der T\u00e4terfrage gestaltet sich durchaus spannend, obwohl schnell klar wird, dass eine ganze Reihe von Verd\u00e4chtigen vorhersehbar ausscheiden. Dies ist kein Widerspruch, da das Motiv doch \u00fcberraschend daherkommt und in Grenzgebiete des Gewohnten f\u00fchrt. Hier muss man de Lazzer Respekt f\u00fcr seinen Mut zollen, diese heikle Thematik \u00fcberhaupt anzufassen und dazu hin noch diskussionsw\u00fcrdige, grunds\u00e4tzliche Fragen von Moral und \u00a0Anstand zu stellen. <strong>Note:<\/strong> 2\/3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Im Stuttgarter Umland gewinnt die pietistische Erweckungs-Gemeinde dank ihres medienversessenen Evangelistenpredigers Seitz enorm an Zulauf. US-amerikanische Eventformen Effekt-orientierter Missionstaktiken begeistern Jugendliche. Karaoke-Predigten, Marathon-Bibellesen und Gospel-Pop-Rallyes f\u00fcllen die riesige zum Jesus Workshop umgebaute Industriehalle. Eine eigene Bibel- und Kampfschriftdruckerei sowie der kircheneigene Fernsehsender runden das strategische Konzept ab, um nicht nur Jesus in Reinstform sondern auch die neue Staatsb\u00fcrgerschaft im Reich Gottes zu predigen. F\u00fcr Andersdenkende wird der verbleibende Platz bedrohlich knapp. Nicht minder intolerant geben sich einige Anh\u00e4nger der Islam-Gemeinde in der Nachbarschaft, deren saudiarabischen Wahhabiten Hardliner die Trennung von Religion und Staat zur\u00fcckweisen. Das Gemeinwesen Umma und die religi\u00f6sen Gesetzte, der Scharia, lassen auch hier keine zweite Staatsb\u00fcrgerschaft zu, warum sich die Welt in das Haus des Islam und das des Krieges, das Haus des Jihad, teile. Als Seitzs Hetzschriften in der Moschee auftauchen, werden Seitz und sein Hund mit durchgeschnittenen Kehlen in einer Jauchegrube aufgefunden.<br \/>\nWie Kommissar Schiller viel sp\u00e4ter kl\u00e4ren wird, hat beides nichts miteinander zu tun. Ebenso entpuppt sich der von Seitz in der Gro\u00dfdruckerei hintergangene Gesch\u00e4ftspartner Peters als unschuldig wie auch eine Reihe von Gemeindemitgliedern, denen Seitzs ausufernde Dominanz und Spendenhinterziehungen zuwiderliefen. Auch geh\u00f6rnte Ehem\u00e4nner, deren Partnerinnen sich begierig der monumentalen Libido von Seitz anvertrauten, sind nicht unter den T\u00e4tern. Der T\u00e4ter ist der Vater einer Tochter, die nach einer perversen Sodomiebeziehung zu Seitz Selbstmord beging.<br \/>\nMit der Figur des von eigenen Schicksalsschl\u00e4gen gereiften Kommissars Schiller, den sachkenntnisreichen und denkschnellen Kollegen Fahnauer und Assistentin Katrin, sowie dem toleranzgepr\u00e4gten Pfarrer Haegele schafft de Lazzer einen Kreis reflektierender Gespr\u00e4chspartner, die Nachdenklichkeit nicht nur zur Kl\u00e4rung kriminalistischer Details nutzen. Ihre \u00dcberlegungen zu religionsgesellschaftlichen und psychologischen Zusammenh\u00e4ngen geben dem im Bereich von Sexualit\u00e4t mitunter \u00fcberzogen inszenierten Roman eine gewisse Hintergr\u00fcndigkeit.<br \/>\nDie eigentliche \u00fcber das zentrale Verbrechen hinausgehende Essenz des Romans gruppiert sich um zwei M\u00e4dchengestalten, die beide ihr Dasein einb\u00fc\u00dfen. Beiden gemeinsam ist das kompromisslose Elternhaus mit V\u00e4tern, die Ihren T\u00f6chtern mit Verweis auf religi\u00f6se Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten die Selbstverwirklichung gewaltsam untersagen. Die von beiden V\u00e4tern bem\u00fchten Religionen sind so verschieden wie die Stuttgarter Nachbarschaft mit Moschee und Jesus Workshop, ihre Auswirkungen sind jedoch \u00e4hnlich katastrophal. In dem einen Falle l\u00e4sst ein t\u00fcrkischer, zum extremen Islamismus neigender Vater seine pubertierende Tochter AIsi strafvergewaltigen, weil er sie mit einem Freund beobachtete. Ihre opponierende Reaktion der Befreiung ist der Schritt in die Berufsprostitution \u2013 eben in jenen Tatbereich, f\u00fcr den ihr Vater sie vermeintlich bestraft hatte. In dem anderen Falle h\u00e4lt Vater Berwanger seine Tochter in einem pietistischen Zwangskorsett, aus dem das M\u00e4del schlie\u00dflich unter der F\u00fchrung \/ Verf\u00fchrung von Seitz ausbricht. Sie verf\u00e4llt seinen Begierden vollst\u00e4ndig und sucht eine Lebensgemeinschaft mit ihm, die er ihr mit einem bigotten Verweis auf seine vierk\u00f6pfige Familie nat\u00fcrlich verweigert. Es kommt zu \u00dcberschusshandlungen, bei denen sie gemeinsam auf einem Schweizer Geh\u00f6ft von Sado-Maso bis Sodomie keine sexuelle Spielart auslassen. Den H\u00f6hepunkt bildet jene gespenstische Zeremonie, in der sie an Stelle von Seitz einen erregten R\u00fcden heiratet. Als Vater Berwanger die mitgeschnittenen Videos in die H\u00e4nde fallen, und er von der unendlichen Gl\u00fccklichkeit im Gesicht seiner Tochter im Laufe des animalischen Koitus schockiert wird, wird ihm klar, dass er sein Kind schon unwiderruflich verloren hatte bevor sie Selbstmord beging. Die Erniedrigung und den Verlust der Tochter versucht er durch die Morde an Seitz und seinem sodomistischen Hund zu r\u00e4chen. Als Kommissar Schiller auf seine urs\u00e4chliche Mitverantwortung am entarteten Leben und Tod seiner Tochter pocht, erschie\u00dft sich der alte Mann. Auch der t\u00fcrkische Vater wird tot aufgefunden \u2013 vermutlich ger\u00e4cht von AIsis Freund, so dass de Lazzer es sich nicht nehmen l\u00e4sst, Seelenmord mit selbst- oder fremdbestimmter T\u00f6tung zu ahnden.<br \/>\nEin diskussionsw\u00fcrdiger Kriminalroman mit nachgewiesenen theologischen und sexualtechnischen Sachkenntnissen, Sympathietr\u00e4gern, Widerw\u00e4rtigkeiten und provozierenden Gedanken. Manche Dialoge wirken allerdings wie plattit\u00fcden-verpflichtete Filmbeschleuniger, was sicher dem Fernsehserienautor de Lazzer (\u201eBienzle\u201c et al.) geschuldet ist. Dass das kriminalistische Menu mitunter zu stark gew\u00fcrzt ist, wird vor allem im Bereich der K\u00f6rperlichkeit deutlich. <strong>Note<\/strong>: 2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; T\u00fcbingen wird mehrmals erw\u00e4hnt, aber nat\u00fcrlich nicht als \u201eS\u00fcndenpfuhl\u201c. Das ist schon mal positiv und stimmt auch v\u00f6llig mit der eigenen lokalpatriotischen Wahrnehmung \u00fcberein. Dieter de Lazzer hat viel in seinen \u201eRoman eines Verbrechens\u201c gepackt: Eine pietistisch gef\u00e4rbte Erweckungsbewegung mit Fernsehprediger im Remstal, Salafisten, die Welt der Ermittler und fast den gesamten reichen Kosmos der Triebmanifestationen, von denen manche als pervers angesehen werden d\u00fcrfen, je nachdem. Die Welt der Triebe und das Reden dar\u00fcber bilden eine Art Subthema in allen der geschilderten Milieus. Manchmal wird es bei aller Freude daran etwas zuviel, obwohl man noch nicht von notgeiler Schreibe reden kann. Ist es witzig, wenn der Autor einen Ermittler mehrmals sagen l\u00e4sst: \u201cMoos oder M\u00f6se. Wo ist das Motiv?\u201c\u00a0 M\u00f6se oder Moos, ging das in die Hos?<br \/>\nIn vielen kurzen, oft kalauernden Dialogen erkennt man den erfahrenen und erfolgreichen Drehbuchautor. Der Leser erweitert seinen Horizont, Namen wie Lacan und Freud oder Begriffe wie Polyamorie tauchen auf und verlangen Vertiefung. In Krimimanier werden falsche F\u00e4hrten gelegt. Man ahnt trotzdem fr\u00fch, dass der M\u00f6rder nicht aus der Moschee kommen kann. Das w\u00e4re einfach zu schlicht. Immerhin kommt der salafistische Frauenmi\u00dfhandler auch zu Tode. Das Gerechtigkeitsgef\u00fchl dankt. Wir lernen, dass eine zu strenge pietistische Erziehung dazu f\u00fchren kann, dass das Unterdr\u00fcckte sp\u00e4ter exzessiv und pervers (Sodomie) ausgelebt wird. So ist das. Insgesamt ein unterhaltsames Buch und oft auch spannend. Etwas Konzentration im Mittelteil (Bibelversand Triest?) h\u00e4tte nicht geschadet. <strong>Note:<\/strong> 3+ (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<strong>&gt;&gt;S\u00fcndenpfuhl-Ende statt einer Rezension<\/strong>\u00a0: <em>Mamoud war angekommen. Befreit vom bleischweren G\u00fcrtel ging die Fahrt schneller als er sie sich vorgestellt hatte. Rashid, der Imam aus der Hinterhof-Moschee in Feuerbach hatte Wort gehalten. Da lagen sie die mandel\u00e4ugigen Hurim\u00e4dchen, r\u00e4kelten sich zu Ghaselen und Sufi-Musik w\u00e4hrend rhythmisch tanzende Derwische den Neuank\u00f6mmling empfingen. \u00a0Nein, nicht mehr der Diwan im Zimmer der Zwillinge Aisha und Berit, nicht mehr der b\u00e4uerische Lattengriff unter der Decke, Mamoud tauchte ein in ein liebkosendendes Tausendundeinenacht der absoluten Gl\u00fcckserf\u00fcllung, von j\u00fcdischen Psychoanalytikern als aus der Melancholie geboren diffamiert, w\u00e4hrend sehr sehr weit unten Kommiss\u00e4r B\u00e4rlach vor den rauchenden \u00dcberresten eines abgelegenen Geh\u00f6fts im Kanton Appenzell zwischen G\u00e4bris und Ruppenpass stand und angesichts des s\u00fc\u00dflichen Brandgeruchs mit dem W\u00fcrgreiz k\u00e4mpfte.<br \/>\nIm Zimmer 201 B4 vorn im Marienhospitel liefen die letzten Tropfen Fluoruracil in Marcus Schillers Zugang am rechten Unterarm. Die vierte Chemo. Als er erwachte, k\u00fchlte Schwester Verena von der Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul seine Stirn.<\/em> <strong>Note:<\/strong> 3\/4 (ai) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nigshausen &amp; Neumann\u00a02012,\u00a0\u00a0 273 Seiten. &gt;&gt; De Lazzer l\u00e4sst nichts aus. S\u00fcndenpfuhl, das ist Sodom und Gomorrha, das volle Programm. Es dauert allerdings eine Weile, bis auch die bizarrsten Erscheinungsformen menschlicher Sexualit\u00e4t ausgeleuchtet werden. 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