{"id":476,"date":"2012-09-14T09:24:34","date_gmt":"2012-09-14T07:24:34","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=476"},"modified":"2023-11-22T19:06:07","modified_gmt":"2023-11-22T17:06:07","slug":"hanns-josef-ortheil-die-erfindung-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=476","title":{"rendered":"Die Erfindung des Lebens-Hanns-Josef Ortheil"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Erfindung-des-Lebens.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-480\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Erfindung-des-Lebens-189x300.jpg\" alt=\"K640_Erfindung des Lebens\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Erfindung-des-Lebens-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Erfindung-des-Lebens.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Luchterhand 2009,\u00a0 591 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p>&gt;&gt; \u00a0 Hanns, man schreibt ihn mit zwei n<br \/>\nLehrer nannten ihn blemblem.<\/p>\n<p>Oh, war diese Kindheit schwer<br \/>\nMutter dominiert ihn sehr<br \/>\nMutter-Sohn, als Symbiose<br \/>\neine komplizierte Chose.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann im alten Rom<br \/>\nvor dem sch\u00f6nen Petersdom<br \/>\nwurd es besser, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck<br \/>\n&#8218;Freundin Clara plus Klavier,<br \/>\nsorgen konsequent daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Dieses Buch zeigt wie Musik<br \/>\nbeitr\u00e4gt zu der Menschen Gl\u00fcck.<br \/>\nDoch Hand wird krank, ja so ein Mist<br \/>\npl\u00f6tzlich Schlu\u00df mit Pianist.<\/p>\n<p>Hanns-Josef k\u00e4mpft, gewinnt im Spurt<br \/>\nHappy End in Klagenfurt.<br \/>\nUnd der Leser glaubt es kaum,<br \/>\nalles endet wie im Traum.<\/p>\n<p><strong>Note<\/strong>: 3+ (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0 Einen Einblick in seine bedr\u00fcckende Kindheit und Jugend, die der Autor aus dem Abstand von \u00fcber 50 Jahren und aus der r\u00e4umlichen Distanz Rom freigibt . Johannes als F\u00fcnftgeborener erf\u00e4hrt erstmals als 7j\u00e4hriger am Tag \u00a0fast seiner Einschulung von seinem Vater die Ursache f\u00fcr die Stummheit seiner Mutter. Nach dem\u00a0 Tod ihrer vier ersten Kinder verliert sie die Sprache, ein Trauma, das auch Johannes nach seinem 3. Lebensjahr einholt. Stummes Kind und stumme Mutter bilden von da an eine symbiotische Schicksalsgemeinschaft. Der \u201eskurrile Autismus\u201c f\u00fchrt zum Leben eines \u201eGeheimbundes\u201c, das sich \u201enach festen Regeln und in einer gro\u00dfen Stille\u201c vollzieht, all dies unter der Obhut eines liebevollen Vaters, dem allein der kleine Schriftverkehr der Mutter (sorgf\u00e4ltig beschriebene Zettlchen) die Alltagswelt von Ehefrau und Kind offenbaren. Dass sich unter diesen Umst\u00e4nden bei Johannes auch ein Vaterbild\u00a0 als \u201eFrohnatur\u201c einstellt, irritiert. Die scheinbare Geborgenheit nach innen bedingt den R\u00fcckzug aus der Au\u00dfenwelt. Mitleid aber auch Spott versp\u00fcrt Johannes und so ist wenig verwunderlich, dass ihm der Glaube \u201eein Fundament\u201c\u00a0 der Sicherheit gibt. Ein Klavier des Pfarronkels aus Essen bringt die Wende, nicht behutsam, sondern fortissimo. Die stumme Mutter erweist sich pl\u00f6tzlich als virtuose Pianistin (\u201eIch starrte Vater an und sah, wie entgeistert er war\u2026als habe ihn die Musik geschockt\u201c) und die ersten Ber\u00fchrungen der schwarz-wei\u00dfen Tasten durch den 6j\u00e4hrigen Johannes markieren \u201edie eine Sekunde, die \u00fcber mein ganzes, weiteres Lebens entschied\u201c. Das Klavierspiel als \u201eBefreiung und Ende der dem\u00fctigenden Tage\u201c und als \u201eAusweg aus dem Idiotendasein\u201c, wird zum zentralen Thema des Romans. Wir verfolgen einerseits den Aufstieg des stummen Kindes zum musikalischen Genie (Passagen des Romans geraten zum Musiktelekolleg) und dessen tragisches Scheitern, andererseits die \u201eVereinsamung\u201c des Kindes und dessen Unf\u00e4higkeit zu sozialen Bindungen als Jugendlicher. Letzteres zeigt der vom Vater gew\u00fcnschte Besuch der Grundschule ebenso wie der\u00a0 sp\u00e4tere mit Hilfe des K\u00f6lner Musikgurus Fornemanns vermittelte Internatsaufenthalt des 12j\u00e4hrigen Johannes. Dagegen gelingt die \u201eGeschichte der Sprachwerdung\u201c mit Hilfe des Vaters in der\u00a0 l\u00e4ndlichen R\u00fcckzugsidylle der Gro\u00dfeltern(der Vater verordnet Muttertrennung!) jenseits staatlicher Institutionen\u00a0 . Die Passagen des bildhaften Spracherwerbs von Johannes, eingebettet in die intensive \u00a0Naturerfahrungen von Vater und Sohn z\u00e4hlen zu den St\u00e4rken des Romans, wenn auch die Geschichte\u00a0 des \u201eersten Satzes\u201c mit einem Pathos zelebriert wird, das angesichts des Ergebnisses \u201eGebt mal her\u201c verpufft. \u00a0Die Szenerie des Landaufenthalts erf\u00e4hrt mit dem unerwarteten Erscheinen der nackten Mutter an jenem einsamen Waldseechen, das f\u00fcr Johannes im w\u00f6rtlichen Sinne \u201efrei schwimmen\u201c bedeutete, eine \u00f6dipale Dimension. \u00a0Die Verwandlung der stummen Mutter zur singenden Nymphe &#8211; ihr Bad tr\u00e4gt Z\u00fcge einer rituellen Reinigung &#8211; angesichts des zwischen \u201eEntbehrung\u201c und \u201eBegehren\u201c \u00fcberw\u00e4ltigten kindlichen Beobachters missgl\u00fcckt allerdings zum Psychokitsch. \u00a0Ob autobiographisch verb\u00fcrgt oder wie so manches im Roman wiederum eher der literarischen Dramaturgie geschuldet, ist die 2. Mutter-Sohn Begegnung am Fluss. \u00a0Der Mutsprung Johannes vom Felsplateau\u00a0\u00a0 bedeutet nicht nur die lebenslange \u00dcberwindung von Angst, sondern angesichts der wie aus dem Nichts auftauchenden Mutter den endg\u00fcltigen Schritt aus m\u00fctterlicher Bevormundung. Sein gegen die Hilfeschreie der Mutter \u201eSpring nicht\u201c vollzogener Akt der Befreiung befreit die Mutter aus ihrer Stummheit. Das \u201eabsolute Schweigegebot\u201c innerhalb der Familie \u00fcber das Trauma der Mutter wird erst w\u00e4hrend der Gymnasialjahre von Johannes w\u00e4hrend der sog. \u201eEssener Tage\u201c von Onkel Hubert durchbrochen, jener Pfarronkel, der das Schicksal von Johannes ohne es zu ahnen im wesentlich bestimmt. Leitet dessen Klavier der Marke Sailer die Karriere eines musikalischen Genies ein, so weisen seine Erz\u00e4hlungen \u00fcber das Theologiestudium in Rom den weiteren Weg, einen Weg, den Johannes bei seiner 1. Ankunft 1972 in Rom als \u201eeine einzige gro\u00dfe Befreiung empfindet\u201c. Und in der Tat offenbaren die r\u00f6mischen Notizen hinter dem bildungsbeflissenen Conservatorio-Sch\u00fcler eine \u00a0Johannesfigur, die vor allem in der Clara-Episode eine erotische Dimension erh\u00e4lt, die zeigt, dass \u00a0\u00a0im K\u00f6lner Einzelg\u00e4nger erfreulicherweise mehr als Schumann und Bach lodert . \u00dcberhaupt \u00f6ffnet Rom in vielf\u00e4ltiger Weise das Fenster nach au\u00dfen: die Musik wird \u00f6ffentlicher, die Kleidung leichter f\u00fcr den begehrlichen\u00a0 Sprung ins Abseits, man trifft sich mit Freunden, Hinterhofparlando, neben Kirchenkult und Petersdomfaszination treten Schaupl\u00e4tze wie Bars und Cafes. \u201eDas sch\u00f6ne Lebens zu zweit\u201c, das Johannes \u201ean die Stelle des fr\u00fcheren, innigen Lebens mit seinen Eltern\u201c \u00a0setzt \u00a0und die Pianistenlaufbahn werden durch die Diagnose \u201eSehnenscheidenentz\u00fcndung\u201c pl\u00f6tzlich beendet. War Rom auch als Abschied von den Eltern gedacht, so f\u00fchrt das Scheitern gerade dorthin zur\u00fcck und mit demselben Pathos mit dem die Ewige Stadt als Heimat glorifiziert wird, erkl\u00e4rt der 20j\u00e4hrige, kaum dass er das einsam gelegene Elternhaus betritt: \u201eIch werde mein Elternhaus nie mehr verlassen\u2026ich werde von nun an zusammen mit meinen Eltern leben und mich nie mehr von ihnen entfernen\u2026ich werde studieren noch einen Beruf anstreben, ich werde \u00fcberhaupt nichts anstreben\u201c. Diese Regression durchbrochen zu haben, verdankt Johannes neben seinem schriftstellerischen Talent vor allem seinem musikalischen F\u00f6rderer Fornemann, der sich auch als gewiefter Strippenzieher in Sachen literarischer Markt erweist. Und wir verdanken Fornemann und den Klagenfurter Kritikern die F\u00f6rderung eines Autors, der seiner stummen Kindheit Jahrzehnte sp\u00e4ter eine eigene Sprache verleihen kann. Dass diese Aufarbeitung der Vergangenheit am Schauplatz Rom geschieht, ist nicht zuf\u00e4llig. Mit der Antonia-Marietta-Handlung, die den Schreibprozess immer wieder unterbricht, erleben wir den inzwischen erfolgreichen Autor als Romenthusiasten. Doch wer glaubt\u00a0 Antonia erwecke Clara- St\u00fcrme sieht sich bitter entt\u00e4uscht. Vielmehr scheint der Autor mit der musikalischen Domestikation der 12j\u00e4hrigen Marietta nochmals seine eigenen Pianistentr\u00e4ume verwirklichen zu wollen. Ob imaginiert oder real \u2013 selbst der vom Autor inszenierte erste \u00f6ffentliche Auftritt Mariettas\u00a0 wird letztendlich zur Apotheose auf den wahren \u201epianisti\u201c: Liebe Freundinnen und Freunde, sagt das Kind, Giovanni wird jetzt zum Schluss noch selbst etwas spielen. Bitte, Giovanni, nun kommt Dein Auftritt.\u201c\u00a0\u00a0 Etwas weniger Eitelkeit, etwas weniger Geniekult, etwas weniger Schumann, etwas mehr wirkliches Leben und weniger Kladden \u00a0\u2013 \u201eDie Erfindung des Lebens\u201c\u00a0 h\u00e4tte mehr ber\u00fchrt.<strong> Note<\/strong>: 3 (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Was f\u00fcr eingro\u00dfartiger Stoff! Obwohl Handwerklich sicher gekonnt, f\u00fchrt aber doch manch gro\u00dfspurig angelegter Spannungsbogen entt\u00e4uschend ins Leere und die Geschichte zieht sich zunehmend mit erm\u00fcdenden Wiederholungen. Das Getue um die Klavierk\u00fcnste des Protagonisten ist schlicht nervig, am Ende gar peinlich. <strong>Note<\/strong>: 3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Wer seine Sprache zweimal verliert, wird zum Schriftsteller. Sprache, Mitteilung, dem inneren Druck von Kommunikation, die gelebt werden muss, nachgehen und nachgeben, das ist eine Lehre, die das Leben von Ortheil pr\u00e4gt. Sprache dr\u00e4ngt aus dem Menschen heraus, gibt ihm Gleichgewicht und wiegt so schwer im Miteinander. Sprache &#8211; das ist f\u00fcr Ortheil nicht nur das Wort sondern auch Klang, der sich in seinem Leben zu gelebter Musik verdichtet. Der Anlass, ein herausragender Pianist zu werden, war bezeichnender Weise der Verlust des Sprechens. Klavierspiel war fortan in seinem Leben das Therapeutikum, um die isolierende Stummheit zu \u00fcberwinden. Als tragischer Weise schlie\u00dflich das Klavierspielen unm\u00f6glich wurde, und der Pianist in ihm starb, wurde der Schriftsteller geboren, den wir heute kennen. Der autobiographische Roman ist ein eindrucksvolles Manifest einer schicksalhaften Ich-Werdung mit, gegen und durch die Sprache.<br \/>\nDer kleine Johannes (Ortheil) w\u00e4chst in der stillen K\u00f6lner Mietwohnung seiner Eltern ohne Geschwister auf, nachdem seine Mutter durch Kriegsangriffe und Fehlgeburten ihre ersten vier S\u00f6hne und bedingt durch die traumatischen Erfahrungen auch die Sprache verloren hatte. Nach zun\u00e4chst normaler Sprachentwicklung versinkt der dreij\u00e4hrige Johannes in symbiotischem Schweigen. Er teilt die Stille mit der Mutter, die ihn auf Engste an sich bindet. Die Mutter-Kind-Einheit wird vom als Landvermesser arbeitenden Vater geduldig umsorgt mit einer Verst\u00e4ndigung mittels Zetteln, die t\u00e4glich in gro\u00dfer Zahl von der Ehefrau geschrieben werden. Die umschwiegenen Ohren des Jungen machen seinen Augen Platz, die umso aufmerksamer die Welt aufsaugen. Als das Schulalter \u00fcber die Kleinfamilie hereinbricht, sind weder Mutter noch Johannes den Ver\u00e4nderungen gewachsen: die Symbiose droht zu zerbrechen, der ewig schweigende Junge wird als geistig behindert in der Schule ausgegrenzt und das anf\u00e4ngliche Bem\u00fchen des Lehrers verkehrt sich ins Gegenteil. Trost spendet nur ein Klavier, auf dem Johannes ungew\u00f6hnlich ausdauernd \u00fcbt. Die ungez\u00e4hlten t\u00e4glichen Stunden machen es zu seinem musikalischen Freund, den einzigen, den er lange Zeit haben wird.<br \/>\nAls der Schulalltag eskaliert, vollf\u00fchrt der besorgte Vater einen radikalen Schnitt, l\u00f6st sich von seiner Arbeit, trennt Mutter und Sohn und wechselt mit Johannes f\u00fcr viele Monate in sein Heimatdorf im Westerwald. Hier werden sie wie selbstverst\u00e4ndlich in den gro\u00dfen Gastwirtschaftsbetrieb seines Bruders aufgenommen und in das emsige Schaffen eingebunden. Vater und Sohn machen t\u00e4glich lange Wanderungen. Im angestammten Terrain des Landvermessers lehrt der Vater das Betrachten und malerische Wiedergeben der Natur. Der Sohn folgt beeindruckt bis eines Tages das angestrebte Wunder vollbracht wird. Durch die Verbindung von zeichnerischem Erfassen und Schreiben dazugeh\u00f6riger Worte (\u201eDas ist eine Eiche\u201c) \u00f6ffnet Johannes ein kognitives Tor, das ihm ann\u00e4hrend grenzenlos eine einfache Syntax erm\u00f6glicht. Intuitiv gelingt dem Vater eine didaktische Methode zu finden, die dem Sohn den Zugang zur Sprache ebnet.<br \/>\nDie Mutter ringt w\u00e4hrend dessen mit ihrem eigenen Schicksal und vertieft sich ihrerseits in das Klavier spielen bis der Vater ihrem Besuch auf dem Lande zustimmt, der einen weiteren Damm brechen l\u00e4sst. Als sie ihren Sohn zusammen mit anderen Kindern von einem Felsen in den Fluss springen sieht, schreit sie ihre Todesangst dem Sohn entgegen. Der Verlust der S\u00f6hne raubte ihr die Sprache, die Angst den letzten Verbliebenen zu verlieren, gibt ihr die Sprache zur\u00fcck. Fortan wird sie wie in fr\u00fcheren Jahren als eine eloquente, feinsinnige Erz\u00e4hlerin in angeregten Unterhaltungen beeindrucken. F\u00fcr Johannes wird die Begegnung am Fluss zu einem willensstarken Akt der Emanzipation: er will sich nicht mehr dem Diktat der Angst unterwerfen und behauptet bis heute, daraufhin nie wieder im Leben &#8211; egal in welchem Kontext &#8211; Angst gehabt zu haben. Entsprechend darf vermutet werden, dass aus der schicksalhaften Enge seines Kinderlebens kompensatorisch ein unb\u00e4ndiger Durchhaltewille gepaart mit einem enormen Ehrgeiz entsprungen ist. An einem der Folgeabende treten Mutter und Sohn konkurrierend gegeneinander auf. Die Mutter fasziniert die versammelte Belegschaft mit ausuferndem Klavierspiel bis Johannes sich erhebt um zum ersten Mal in der \u00d6ffentlichkeit zu sprechen. Als die v\u00f6llig \u00fcberraschten G\u00e4ste verstummen, holt Johannes zu einer langen Litanei kurzer Haupts\u00e4tze aus wie er sie in Verbindung mit seinen Zeichnungen gelernt hat: \u201e Das ist eine Eiche \u2026\u201c.<br \/>\nNach l\u00e4ngerer Zeit kehren sie nach K\u00f6ln zur\u00fcck, wo Johannes eine andere Schule besuchen und vor allem durch talentiertes Klavierspielen auffallen wird. Um seine musikalische Begabung zu f\u00f6rdern, wird er fortan von einem ber\u00fchmten Pianisten unterrichtet und schlie\u00dflich in ein bayrisches Elite\u2013Musik-Internat \u00fcberwechseln. Die st\u00e4ndige, ungewohnte N\u00e4he zu Schulkameraden lassen diesen Ausbildungsschritt jedoch scheitern.<br \/>\nNach dem sp\u00e4teren Schulabschluss erleben wir Johannes in einer neuen Welt. Angeregt durch viele Wanderungen und Reisen mit dem Vater bricht er nach Rom auf, das ihn augenblicklich verzaubern wird. Das Licht, das Blau, die Menschen, der Gesang der Sprache, das v\u00f6llige Eintauchen in die Musik und vor allem die erste Liebe werden die folgenden zwei Jahre zu den sch\u00f6nsten seines Lebens machen. Mit Clara wird er v\u00f6llig verschmelzen, die Liebe der Seelen und der K\u00f6rper wird sie fesseln &#8211; unterbrochen nur von den z\u00fcgigen Piano Fortschritten am Konservatorium. Freunde scharen sich um die beiden. Eine Ber\u00fchmtheit entwickelt sich um den reifenden Pianisten. Das Leben ist unumwunden herrlich. Der rapide Abbruch kommt mit einer nicht therapierbaren Sehnensch\u00e4digung der Pianistenh\u00e4nde. Die Schmerzen machen das Musizieren unm\u00f6glich. Der monotone Blick auf das eigene Schicksal mit dem Verlust einer sicher geglaubten Karriere lastet auch unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig auf der Beziehung, die wenig sp\u00e4ter zerbricht. Hier holt Johannes die ausladende Ich-Bezogenheit, die ihm in fr\u00fcheren Jahren zu \u00fcberleben half, ein und zerst\u00f6rt seine Aufmerksamkeit f\u00fcr Clara.<br \/>\nNach Hause zur\u00fcckgekehrt, wird er fortan ein zur\u00fcckgezogenes, von den Eltern jedoch verst\u00e4ndnisvoll unterst\u00fctztes Leben in der idyllischen Enklave im Westerwald f\u00fchren. Zu diesem Zeitpunkt begleiten ihn vor allem tausende von Tage- und Notizb\u00fcchern, die er das ganze Leben lang verfasste. Eine schicksalhafte Begegnung mit seinem ehemaligen Klaviermeister weist ihm den Weg: er m\u00f6ge das aufgreifen, was ihm immer begleitete: seine geschriebenen Worte. Der Meister \u00fcberzeugt ihn, die Tageb\u00fccher mit der so ungew\u00f6hnlichen Lebensgeschichte zusammenzufassen und zu ver\u00f6ffentlichen. Tats\u00e4chlich gelingt das Experiment. Auf Anhieb findet sich ein Wettbewerb, wird ein Sieg errungen und ein Verlag \u00fcberzeugt: der Schriftsteller, der er eigentlich schon immer war, ist nun auch realiter geboren. In Verbindung mit dieser Entwicklung beschreiben eingestreute Kapitel eine zweite Romreise, die Johannes als l\u00e4ngst Erwachsener unternimmt, um seine Lebensgeschichte zu \u00fcberarbeiten. Der r\u00f6mische Alltag spiegelt fr\u00fche Ereignisse: der Tochter seiner Nachbarin wird eine Klavierkarriere vorbereitet, Johannes schl\u00fcpft in die Rolle des Klavierlehrers, er selbst gibt nach Jahrzehnten wieder ein \u00f6ffentliches Konzert, welches begeistert aufgenommen wird. Erotische Schwingungen verbinden ihn mit der Mutter seiner Klaviersch\u00fclerin. Das Leben kann so sch\u00f6n sein.<br \/>\nEine beeindruckende Lebensgeschichte, die nicht nur auf Grund ihrer vermutlich weitgehenden Authentizit\u00e4t ber\u00fchrt. Dies vor allem in der Beschreibung der Kinderjahre, in denen der kleine schutzbed\u00fcrftige Junge seiner vom Schicksal zutiefst verfolgten Mutter selbst Schutz gew\u00e4hrt und damit seine eigene Entwicklung blockiert. Beeindruckend der Vater, dem man als Zahlen-geb\u00e4renden Beamten nicht die p\u00e4dagogische Intuition zutraut, ein tragisches Familienschicksal aufzufangen. Er macht eine schon fast verlorene Seele nicht nur alltagstauglich, sondern verhilft ihr zu Stationen des Gl\u00fccks. Und dar\u00fcber hinaus verw\u00f6hnt uns das Werk mit poetischen Szenen r\u00f6mischer Erotik. Leider \u00fcberrascht die Romanlandschaft stellenweise aber auch mit sprachlichen Flachgebieten, begleitet von einer mitunter erm\u00fcdenden Selbstverkl\u00e4rung, wenn es um die Genialit\u00e4t des Pianisten geht. Entsprechend h\u00e4tte der Roman von einer deutlichen K\u00fcrzung des Umfangs profitieren k\u00f6nnen. Eine Geschichte, die als Kinofilm noch gewinnen k\u00f6nnte.<br \/>\n<strong>Note<\/strong>: 2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Luchterhand 2009,\u00a0 591 Seiten. &gt;&gt; \u00a0 Hanns, man schreibt ihn mit zwei n Lehrer nannten ihn blemblem. Oh, war diese Kindheit schwer Mutter dominiert ihn sehr Mutter-Sohn, als Symbiose eine komplizierte Chose. 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