{"id":458,"date":"2012-03-03T09:42:33","date_gmt":"2012-03-03T07:42:33","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=458"},"modified":"2023-11-22T19:06:39","modified_gmt":"2023-11-22T17:06:39","slug":"elisabeth-filhol-der-reaktor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=458","title":{"rendered":"Der Reaktor-Elisabeth Filhol"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Der_Reaktor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-462\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Der_Reaktor-185x300.jpg\" alt=\"K640_Der_Reaktor\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Der_Reaktor-185x300.jpg 185w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_Der_Reaktor.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a>Nautilus 2011,\u00a0 122 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Filhols Ich-Erz\u00e4hler Yann gibt uns gleicherma\u00dfen einen Einblick ins Innere eines AKWs wie in die innere Befindlichkeit von Leiharbeitern in franz\u00f6sischen AKWs. Arbeiten und Leben unter dem Diktat des Dosimeters, das \u201egeringe Kapital an Millisievert\u201c, das sind die Rahmenbedingungen. \u201eWie in der ersten Reihe am Sch\u00fctzengraben, wer f\u00e4llt, wird sofort ersetzt.\u201c\u00a0 Der DSEA-Arbeiter\u00a0 (j\u00e4hrliche Strahlenexposition 20 Millisievert \u201eaufgebraucht\u201c) ist bis zur \u201en\u00e4chsten Saison aus dem Spiel.\u201c N\u00fcchtern bilanzierend werden Menschen auf \u201eNeutronenfutter\u201c und \u201eRemfleich\u201c reduziert und es will sich wenig einstellen von der Faszination der Technik, von der Bl\u00e4ue des Tscherenkow-Effekts, von dem Gefahrenkitzel, der sich neben der Lohnt\u00fcte als Motivationsquelle dieser modernen Nuklearnomaden. Dem Wartungstakt der Meiler an der Loire oder der Gironde folgend ersetzen sie vielfach vor allem bei gef\u00e4hrlichsten Reparaturarbeiten\u00a0 die\u00a0 \u201eSesshaften\u201c, die Festangestellten oder leisten die \u201eDrecksarbeit\u201c beim Entkalken der K\u00fchlt\u00fcrme. M\u00e4nnerb\u00fcndisches (ohne jedes Heldengebaren) ersetzt die Familie, der Wohnwagen wird Lebensraum, Intimit\u00e4t Fehlanzeige. Freundschaften erweisen sich als Zweckgemeinschaften, unter Hochrisikobedingungen gilt punktgenaues Funktionieren und Verl\u00e4sslichkeit. Wer aus welchen Gr\u00fcnden die n\u00e4chste Leitersprosse hinab in \u201edas klaffende Loch eines Betonsarkophags\u201c verweigert, wer kneift, der ist out, noch bevor er den Campingplatz erreicht, wissen alle Bescheid. Der Selbstmord von Yanns Freund Luc zeigt am deutlichsten, welch psychischen Druck diese Arbeitsbedingungen erzeugen k\u00f6nnen. Verl\u00e4sst einer im Dreierteam \u201emitten im Einsatz das Boot\u201c, dann wird \u201edie kollektive Dosis\u201c nicht mehr \u201egerecht\u201c verteilt, Luc scheint an diesem seinem \u201eVersagen\u201c zerbrochen zu sein. Es h\u00e4tte nicht der Tschernobyl-Kapitel bedurft, um zu zeigen, dass die Atomtechnologie verantwortungslos ist.<br \/>\nFilhols St\u00e4rke ist, dass sie keine Anti-AKW-Kampfschrift verfasst hat, sondern eine sensible Bestandsaufnahme der Psyche von Leiharbeitern. Dass ihr Ich-Erz\u00e4hler Yann nach diesem Roman den Dienst nicht quittiert, bleibt unverst\u00e4ndlich. <strong>Note<\/strong>: 2 (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Sachlich, n\u00fcchtern, lapidar schildert Ich-Erz\u00e4hler Yann seine Arbeit als Leiharbeiter in verschiedenen franz\u00f6sischen Atomkraftwerken. Man nimmt es Yann ab, dass unter den &#8222;Nuklearnomaden&#8220; , wenn auch zaghaft, doch\u00a0 so etwas wie Freundschaft und Solidarit\u00e4t entstehen kann. Auch vor allem die \u00c4ngste und Sorgen um die Gesundheit einerseits und den Arbeitsplatz andererseits werden eindringlich dargestellt. Alle Passagen jedoch, die die Faszination der Technik bis in alle atomphysikalischen Einzelheiten darstellen, wirken bei Yann irgendwie deplatziert und k\u00fcnstlich arrangiert. Insofern halte ich die Konstruktion des Buches f\u00fcr misslungen. Aller Ehren wert ist jedoch das Anliegen einer franz\u00f6sischen Autorin, in ihrem erschreckend atomunkritischen Land den Versuch einer literarischen Ann\u00e4herung an diese Thematik zu unternehmen. <strong>Note<\/strong>: 2\/3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Das atomare Frankreich ist \u00fcberspannt von d\u00fcnnen Netzen sozialer Geflechte. Es sind die vagen Beziehungsf\u00e4den der nuklearen Wanderarbeiter untereinander, die als Leiharbeiter von Kraftwerk zu Kraftwerk ziehen. Im Rhythmus der Revisionszyklen dringen sie in die intimsten Eingeweide der Prim\u00e4rkreisl\u00e4ufe ein, verrichten dort im Minutentakt ihre schlichten Reinigungsarbeiten und k\u00e4mpfen gegen die Radioaktivit\u00e4t-z\u00e4hlenden Dosimeter auf ihrer Brust. 20 Millirem Strahlenbelastung ist das Kapital jedes Einzelnen im Laufe eines Jahres. Wird dieser Wert \u00fcberschritten, folgt unwiderruflich die Freisetzung, das zw\u00f6lfmonatige Einsatzverbot, der Einkommensverlust und die noch bedrohlichere Leere. Es ist eine Gemeinde selbstversunkener M\u00e4nner, eine Glaubensgemeinschaft, die sich der schwankenden Gnade der Atommeiler ergeben hat. Diese M\u00e4nner sind nicht nur Nomaden des Arbeitsmarktes, sondern auch des Ichs. Und trotzdem leben sie angesichts des die Unversehrtheit bedrohenden Alltags miteinander eine unspektakul\u00e4re Wahrhaftigkeit. Yann, die Hauptperson des Romans, ist einer von ihnen, der mal mit Jean-Yerves, mal mit Luc, mal mit anderen wochenlang ein Wohnwagenquartier teilt, bis die Cowboys des Industriezeitalters sich wieder verlieren.<br \/>\nDer Roman kleidet sich in das Gewand einer literarischen Sozialstudie; mitunter feinsinnig, unaufdringlich, gelegentlich poetisch. Bemerkenswert ist, dass es der Autorin gelingt, \u00fcber diese Seelenansichten den kritischen Zugang zur Nuklearmaschinerie zu vollziehen, ohne daf\u00fcr Anklagen oder faktenverliebte Technologiebetrachtungen bem\u00fchen zu m\u00fcssen. Untergr\u00fcndig wirkt der Roman suggestiv politisch, obwohl oder gerade weil (?) er die Kernkraft als Naturgesetzm\u00e4\u00dfigkeit erscheinen l\u00e4sst.<br \/>\nIm Imposanten der kraftvollen Verdampfer, Kreislaufr\u00f6hren und K\u00fchlturmbauten verbirgt sich das prinzipiell Bedrohliche. Das paradiesische K\u00fchlwasser-Blau ist bet\u00f6rend und doch letal. Ebenso widerspr\u00fcchlich die Wahrnehmung amtlicher Direktiven: die Halbierung der zul\u00e4ssigen Grenzwerte dient dem Arbeitsschutz und ist gleichzeitig eine Bedrohung des Arbeitsplatzes. Letztlich ist die seelische Anspannung zwischen den Rei\u00dfz\u00e4hnen des nuklearen Monsters so erdr\u00fcckend, dass mehrere M\u00e4nner wie auch Yanns Freund\u00a0 sich das Leben nehmen. Sp\u00e4testens hier wird der Leser emotional von der zur\u00fcckhaltenden Sachlichkeit des Buches erfasst. Sp\u00e4testens hier beginnt die hintergr\u00fcndige Technologiekritik zu wirken. Ein Erstlingswerk, das noch mehr erwarten l\u00e4sst. Lesenswert, wenn auch noch nicht fluoreszierend. Note: 2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Die sogenannte zivile Nutzung der Kernenergie hat erst in j\u00fcngster Zeit Eingang in die Belletristik gefunden, wenn man einmal von Gudrun Pausewang absieht. Die epochale Publikation des Klett-Verlags zu Tschernobyl geh\u00f6rt eher in den Bereich der Sachliteratur. Der erste erfolgreiche Roman zu dieser Thematik erschien erstaunlicherweise in Frankreich. Der Originaltitel \u201eLa Centrale\u201c kann in seiner Mehrdeutigkeit nicht mit Zentrale \u00fcbersetzt werden. \u201eDer Reaktor\u201c klingt viel technischer, eindimensionaler. Im Mittelpunkt des Romans stehen die Arbeitsbedingungen des Atom-Prekariats, die detailliert und \u00fcberraschend lakonisch geschildert werden. Ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, junge M\u00e4nner in Zeitarbeit, warten die Reaktoren im Schichtdienst und best\u00fccken sie mit neuem Brennstoff. Die EDF (Electricit\u00e9 de France) hat diese T\u00e4tigkeit \u201eoutgesourct\u201c und h\u00e4lt sich fein raus. Die Wanderarbeiter, moderne Nomaden, leben in Wohnwagen auf Campingpl\u00e4tzen. Selbstironisch bezeichnen sie sich selbst als \u201eNeutronenfutter\u201c. Ihre Arbeitsbedingungen sind mehr als stressig. In den letzten f\u00fcnfzehn Jahren wurde die Dauer der Revision halbiert&#8230; Ihr gr\u00f6\u00dftes Problem: unter keinen Umst\u00e4nden die maximal erlaubte Strahlendosis von zwanzig Millisievert im Zeitraum von zw\u00f6lf Monaten \u00fcberschreiten. Yann, der Hauptfigur des Romans, ist dies nicht gelungen, weil er ein Metallscheibchen ber\u00fchrt hat. Nun ist er \u201efreigesetzt\u201c, ohne Entsch\u00e4digungszahlung. Das Dosimeter, das ihn sch\u00fctzen soll, ist sein \u201eFeind\u201c geworden. Trotz ihrer Arbeitsbedingungen sind die jungen M\u00e4nner von der Atomtechnologie fasziniert.\u00a0 Das leuchtende Blau des Abklingbeckens wird lyrisch beschrieben, fast als blaue Blume der Kernenergie. Alle wissen sie um die Risiken der Atomenergie, aber f\u00fcr ein Leben ohne sie scheint ihre Vorstellungskraft nicht auszureichen.<br \/>\nDer Erfolg des Romans \u00fcberrascht. (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nautilus 2011,\u00a0 122 Seiten. &gt;&gt;Filhols Ich-Erz\u00e4hler Yann gibt uns gleicherma\u00dfen einen Einblick ins Innere eines AKWs wie in die innere Befindlichkeit von Leiharbeitern in franz\u00f6sischen AKWs. 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