{"id":402,"date":"2011-05-20T10:24:33","date_gmt":"2011-05-20T08:24:33","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=402"},"modified":"2023-11-22T19:07:56","modified_gmt":"2023-11-22T17:07:56","slug":"arthur-schnitzler-traumnovelle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=402","title":{"rendered":"Traumnovelle &#8211; Arthur Schnitzler"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/traumnovelle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-405\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/traumnovelle-197x300.jpg\" alt=\"traumnovelle\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/traumnovelle-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/traumnovelle-673x1024.jpg 673w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/traumnovelle.jpg 776w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>S. Fischer, 88 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; Fridolin und Albertine leben in Wien nach dem Untergang der Donaumonarchie. Das ist lange her und trotzdem k\u00f6nnte man sie ein modernes Paar bezeichnen. Ein Paar, das dicht kommuniziert, das sich \u00fcber die geheimsten W\u00fcnsche und\u00a0 Abgr\u00fcnde austauschen m\u00f6chte und sich dabei \u00fcberfordert. Eigentlich nicht erstaunlich. Auf die\u00a0 Frage, ob sich Eheleute alles erz\u00e4hlen sollten, gibt es sicherlich keine allgemeing\u00fcltige Antwort.<br \/>\nWer die Kr\u00e4nkungen und Verletzungen, die bei diesen\u00a0 Gespr\u00e4chen entstehen k\u00f6nnen, aushalten kann, nur zu. Fridolin und Albertine schaffen es nur mit M\u00fche, sich gegenseitig zu Therapeuten zu machen. Misstrauen und Eifersucht verzerren die Wahrnehmung und Fridolin meint von seiner Frau: \u201eSie ist die Schlimmste von allen.\u201c Damit liegt er ziemlich daneben. Eros und Tod sind die roten F\u00e4den, die sich durch die Novelle ziehen. Viel Erotisches, aber es \u201epassiert\u201c nie was. Und viel Symbolisches, Freud l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<br \/>\nAber alles wird gut und auf der letzten Seite beginnt ein neuer Tag mit einem \u201esieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen Kinderlachen.\u201c<br \/>\nDas ist sch\u00f6n. <strong>Note:<\/strong> 2\/3 (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0\u00a0\u00a0 Was ist Traum, was Wirklichkeit? \u201eKein Traum ist v\u00f6llig Traum\u201c, seufzt Fridolin am Ende. \u201eUnd keine Wirklichkeit ist v\u00f6llig Wirklichkeit\u201c erg\u00e4nzt Arthur Schnitzler in einem Brief an seinen Verleger S. Fischer, in dem es auch um den Titel der Novelle geht und in dem Schnitzler auf \u201eTraumnovelle\u201c besteht. Selten ist die Dialektik von Traum und Wirklichkeit treffender und spannender literarisch verarbeitet worden als in diesem schmalen B\u00e4ndchen von gerade mal 88 Seiten. Eine Fundgrube f\u00fcr die fast zeitgleich entstandene Psychoanalyse Freuds. Der Titel \u201cEyes wide shut\u201c, den Kubricks Verfilmung der Novelle \u00a0aus dem Jahre 1999tr\u00e4gt,\u00a0 f\u00fchrt gl\u00e4nzend in die Paradoxie der Thematik ein. Hat man den Film gesehen, bevor man die Novelle gelesen hat, f\u00e4llt es schwer, sich von den Bildern\u00a0 des Films und von Tom Cruise und Nicole Kidman zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frido und Albertine geraten nach dem Besuch eines Maskenballes in ein Gespr\u00e4ch, das in einem leichten Geplauder beginnt und zunehmend ernsteren Charakter bekommt und in dem es um verborgene W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte geht.\u00a0 Albertine erz\u00e4hlt Frido von einer Begegnung mit einem jungen Mann im letzten Sommer, den beide in D\u00e4nemark verbrachten. Dass es beim Austausch von Blicken blieb, macht es f\u00fcr Frido nicht leichter, gesteht Albertine ihm doch, dass sie sich dem Unbekannten, wenn er sie nur gerufen h\u00e4tte, sofort hingegeben h\u00e4tte. Frido wirft das offensichtlich ziemlich aus der Bahn, gleichwohl erz\u00e4hlt auch er Albertine von einer Begegnung mit einem 16 -j\u00e4hrigen M\u00e4dchen am Strand, dessen Blick ihn v\u00f6llig in Erregung versetzt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem was nun folgt, bleibt letztlich unklar, ob es sich so abgespielt hat oder ob es sich nicht mit Tr\u00e4umen oder Phantasien vermischt hat. Noch\u00a0 in der gleichen Nacht wird Frido zu einem\u00a0 Hofrat gerufen, der im Sterben liegt. Dessen Tochter Marianne gesteht ihm seine Liebe. Frido macht keine Anstalten, wieder nach Hause zu gehen, sondern streift ziellos durch die Nacht, geht mit der Dirne \u201eMizzi\u201c\u00a0 auf deren Zimmer, bleibt aber passiv. In einem Kaffeehaus trifft er auf seinen alten Kumpel Nachtigall, der auf geheimnisvollen Maskenb\u00e4llen mit verbundenen Augen Klavier spielt. Frido ist elektrisiert und will unbedingt mit. Er besorgt sich in der Nacht noch beim Kost\u00fcmverleih eine\u00a0 M\u00f6nchskutte und eine Maske. Um eingelassen zu werden, muss eine \u201eParole\u201c genannt werden, die Frido von Nachtigall erfahren hat. Sie lautet \u201eD\u00e4nemark\u201c! Ein zarter, aber deutlicher \u00a0Hinweis darauf, dass es sich hier um Traumsequenzen handeln k\u00f6nnte, ist\u00a0 der Begriff \u201eD\u00e4nemark\u201c f\u00fcr Frido doch traumatisch besetzt. Bei der Maskengesellschaft handelt es sich um eine logenhafte, verschworene Gemeinschaft von M\u00e4nnern und Frauen, die rituelle Orgien feiern. Frido wird von einer geheimnisvollen Frau gewarnt, in die er sich sofort bedingungslos verliebt. Als er als Eindringling entdeckt wird, will sich diese f\u00fcr ihn opfern, was in diesen Kreisen bedeutet, sich allen Anwesenden hinzugeben. Frido kann durch dieses Opfer dem sicheren Tod entkommen und wird durch einen Kutscher in einer alptraumhaften Fahrt nach Hause gebracht. Er ist sich selbst nicht mehr sicher, ob das Erlebte nicht nur Delirien waren. Als er um 4 Uhr ins Schlafzimmer zu Albertine kommt, wacht diese etwas verwirrt aus einem Traum auf. Frido dr\u00e4ngt sie, von ihrem Traum zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Albertines Traum ging es um den Vorabend ihrer Hochzeit. Auf einer Lichtung im Wald lieben sie sich. Als sie wieder zur\u00fcckwollen, sind ihre Kleider fort. Als Frido losgeht, um die Kleider zu suchen, f\u00fchlt sich Albertine ganz leicht und frei. Ein junger Mann tritt auf &#8211; er sieht aus wie jener D\u00e4ne- , kommt aus dem Wald und verschwindet wieder, das wiederholt sich unz\u00e4hlige Mal. Analytisch deutbar als Bild f\u00fcr den folgenden Geschlechtsakt, der sich nun pl\u00f6tzlich tausendfach auf der Wiese abspielt und bei dem Albertine nicht mehr richtig erinnert, ob sie nur dem einen oder allen tausend geh\u00f6rt hat und dies alles voller Gel\u00f6stheit, Freiheit und Gl\u00fcck. Gleichzeitig wird Frido gefangen und wartet gefesselt seine Hinrichtung. Die F\u00fcrstin des Landes erscheint und will ihn begnadigen, wenn er ihr Geliebter w\u00fcrde. Frido lehnt ab und wird gefoltert. Albertine ist ohne Mitleid und lacht ihn aus, ob seiner Treue. Soweit Albertines Traum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frido ist wieder zutiefst geschockt. Er will Rache nehmen an Albertine, die sich im Traum als treulos, verr\u00e4terisch und grausam entpuppt hat. Er nimmt sich vor, alle Erlebnisse zu Ende zu leben und sie ihr als Vergeltung getreulich zu berichten. Am n\u00e4chsten Morgen macht er sich mit seiner Arzttasche auf zur Arbeit. Seine M\u00f6nchskutte gibt er zur\u00fcck. Dabei\u00a0 muss er feststellen, dass der Kost\u00fcmverleiher, auf dessen Tochter er ein Auge geworfen hatte, f\u00fcr\u00a0 eben diese Tochter als Zuh\u00e4lter\u00a0 fungiert. Frido ist fertig mit den Frauen und h\u00e4lt seine eigene f\u00fcr die allerschlimmste. Er will sich von ihr trennen. Oder zumindest ein Doppelleben f\u00fchren. Er sucht Marianne auf, um sein Rachewerk zu vollenden. Doch\u00a0 bleibt seltsamerweise\u00a0 ihr gegen\u00fcber sehr k\u00fchl und es passiert nichts zwischen ihnen. Dann will er Mizzi besuchen, doch sie ist nicht da, sondern liegt im Krankenhaus. In einem Caf\u00e9 liest er in der Zeitung vom Selbstmord einer Baronin D. Er denkt sofort an seine Retterin, kann dank guter Beziehungen die Leiche in der Anatomie sehen. Ob sie`s tats\u00e4chlich war, ist nicht zu kl\u00e4ren.<br \/>\nDer ganze Abend eine Kette von verpassten Gelegenheiten, wie in manchem Traum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Hause\u00a0 trifft er Albertine schlafend an und neben ihr, auf seinem Kopfkissen die Maske, die er- so seine Erkl\u00e4rung &#8211;\u00a0 wohl doch am Morgen verloren haben musste. Er deutet dies als Zeichen des Verst\u00e4ndnisse oder Verzeihens seitens Albertine. Er f\u00e4ngt an zu schluchzen und Albertine wacht auf. Er erz\u00e4hlt ihr alles. \u201eNun sind wir wohl erwacht, f\u00fcr lange\u201c. <strong>Note:<\/strong> 1\/2 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u201eKein Traum ist v\u00f6llig Traum\u201c, diese Erkenntnis des Protagonisten Fridolin gegen\u00fcber seiner Albertine am Ende der Novelle spiegelt das eigentliche Gef\u00e4hrdungspotential dieser nach au\u00dfen gl\u00fccklichen Ehe. Dabei nimmt das Verh\u00e4ngnis anfangs nicht durch die Offenbarung von Tr\u00e4umen, sondern\u00a0 durch das gegenseitige Gest\u00e4ndnis unerf\u00fcllter Urlaubserlebnisse in D\u00e4nemark\u00a0 seinen Lauf. Unerf\u00fcllte M\u00f6glichkeiten legen versch\u00fcttete Begierden (\u201ejene verborgenen kaum geahnten W\u00fcnsche\u201c) offen, Unbewusstes bricht ins Bewusstsein ein und so drohen sich zwei zu verlieren. Vorweggenommen wird das Spiel des Sich-verlierens aber auch des Sich-findens bereits in dem Redoute-Erlebnis, einem f\u00fcr beide \u201eentt\u00e4uschend banalen Maskenspiel\u201c, das sich aber im Verlauf der Novelle zu einer fast selbstzerst\u00f6rerischen Maskerade ausweiten sollte. Fridolin , durch Albertines D\u00e4nemarkgest\u00e4ndnis v\u00f6llig aus der Bahn geworfen, begibt sich auf eine bizarre Nachtreise durch Wien. Die erotisch aufgeladene Marianne Episode, Mizzi Episode, Pierette-Episode und der orgiastische H\u00f6hepunkt in jener Wiener Vorstadtvilla, zu der sich Fridolin mit der \u201eD\u00e4nemark-Parole\u201c (!) Zugang verschafft, bleiben bei ihm alle zugleich Stimuli von Lustverlangen und Triebverzicht. Fridolins zweite Identit\u00e4t in M\u00f6nchskutte, Larve und Pilgerhut verschafft ihm neben dem Augenschmaus auf weibliche Nacktheit unter Spitzenlarven zwar f\u00fcr einen Augenblick \u201eeine fast unertr\u00e4gliche Qual der Verlangens\u201c, aber ihm bleibt, als Eindringling entlarvt, die Lustbefriedigung jener gutb\u00fcrgerlichen und adeligen Kreise, die es im Wien der 20er Jahr im Maskenkost\u00fcm fast geheimb\u00fcndlerisch verschw\u00f6rend geh\u00f6rig krachen l\u00e4sst, verwehrt. Stattdessen f\u00fchrt sein Auftritt zu einem reichlich skurilen Opfergang einer schwarzgelockten sich entkleidenden Nonne, die ihren Tod in Kauf nimmt um Fridolin ungeschoren auszul\u00f6sen. F\u00fcr Eros-Thanatos Exegeten vielleicht eine Fundgrube, nicht f\u00fcr mich. Fridolins reale Nachterlebnisse finden eine\u00a0 fast zeitgleiche Entsprechung in Albertines wirklichskeitsnahem Traum, den sie dem morgens gegen vier zur\u00fcckkehrenden Ehemann auf dessen Dr\u00e4ngen er\u00f6ffnet. Am Tag vor ihrer Hochzeit erlebt\u00a0 Albertine in einer lieblichen Waldlichtung eine Verf\u00fchrungsszene durch einen dem \u201eD\u00e4nen\u201c nicht un\u00e4hnlichen unbekannten J\u00fcngling, die merkw\u00fcrdige Parallelen mit dem Treiben in jener Wienervorstadtvilla aufweist. Ob sie auf dieser Wiese allein \u201e ob au\u00dfer mir noch drei oder zehn oder hundert Paare da waren\u2026.ob ich nur jenem einen oder auch anderen geh\u00f6rte, ich k\u00f6nnte es nicht sagen\u201c, wohl aber ist sich Albertine gewiss, statt Entsetzen und Scham ein Gef\u00fchl der Gel\u00f6stheit, der Freiheit, des Gl\u00fccks empfunden zu haben. Im 2. Teil des Traums erscheint Fridolin nackt als gefesselter J\u00fcngling. Die Landesf\u00fcrstin mit Diadem und Purpurmantel verliest ein nicht begr\u00fcndetes Todesurteil (vgl. Eros \u2013Thanatos-Komplex). Unter der Bedingung, dass Fridolin ihr Geliebter werde, sei sie bereit die Vollstreckung auszusetzen. Als Fridolin in ewiger Treue zu Albertine dies Angebot ablehnt, folgt eine Folterszene, in deren Verlauf die Prinzessin nicht nur die Z\u00fcge jener Nonne aus der Wiener Vorstadtvilla annimmt (\u201cIhre Haare waren aufgel\u00f6st, flossen um ihren nackten Leib\u201c) annimmt, sondern mit dem Bild des M\u00e4dchens vom d\u00e4nischen Strande, jenem Urlaubsgest\u00e4ndnis Fridolins, verschwimmt. \u00a0Als Flugtraum endet das bizarre Treiben. Fridolin entschwindet als Gekreuzigter, das h\u00f6hnische Lachen Albertines nicht wahrnehmend. Bleibt Fridolins reale Nachtflucht ohne Befriedigung, so findet Albertines heimliches Verlangen wenigstens im Traum ihre Erf\u00fcllung, was Fridolin &#8211; blind vor Eifersucht &#8211; zu dem Entschluss f\u00fchrt: \u201eVergeltung zu \u00fcben an jener Frau, die sich in ihrem Traum enth\u00fcllt hatte als die, die sie war, treulos, grausam und verr\u00e4terisch, und die er in diesem Augenblick tiefer zu hassen glaubt, als er sie jemals geliebt hatte\u201c. Dass sich zum Abschluss dieser Szene neben der einschlummernden Albertine bei Fridolin das Bild einstellt \u201eEin Schwert zwischen uns\u201c, ist f\u00fcr Freudianer sicherlich schl\u00fcssig: Phallisches und Zerst\u00f6rerisches sind untrennbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fridolins \u201eRachewerk\u201c, sein heimlicher\u00a0 Wunsch ein \u201eDoppelleben zu f\u00fchren\u201c, der brave Gatte und Familienvater sollte sich zuweilen in den W\u00fcstling verwandeln, scheitert kl\u00e4glich. Seine Nachtspuren \u00a0\u00a0am n\u00e4chsten Tag wieder aufnehmend f\u00fchren ihn erneut zu Marianne. Ein f\u00f6rmlicher Abschied, statt Lust K\u00e4ltestrom, dann zu Mizzi, wo er erf\u00e4hrt, dass diese syphiliskrank im Spital liege und er \u201eeiner gro\u00dfen Gefahr entgangen ist\u201c. Einem Journal beim \u00a0abendlichen Cafebesuch entnimmt Fridolin die Meldung, dass eine auffallend h\u00fcbsche Dame (\u201eBaronin D.\u201c) in einem vornehmen Hotel vergiftet aufgefunden wurde (Selbstmord?), was ihn trotz Warnungen die Nachforschungen zu jener sich f\u00fcr ihn aufopfernden \u201ewunderbaren Frau von heute Nacht\u201c wieder aufnehmen l\u00e4sst.\u00a0 An die Stelle der Wiener Lustvilla tritt jetzt, das pathologisch-anatomische Institut eines Doktor Adlers, in dessen Saal dem Doktorkollegen Fridolin ein \u201eFrauenleib fahl entgegenleuchtete\u201c. M\u00f6gen auch noch so viele dunkle Haarstr\u00e4hnen auf den Boden herabgefallen sein (vgl. maskierte Nonne), das \u201eLiebesspiel\u201c Fridolins mit den Fingern der Toten, ihre Identit\u00e4t bleibt offen, ger\u00e4t unter den irritierenden Augen Dr. Adlers \u201eAber was treibst du denn?\u201c zum psychopathologischen Fall. F\u00fcr Fridolin jedoch scheint mit dem Austritt aus der \u201egew\u00f6lbten Halle\u201c der Pathologie (mit der Erfahrung des Todes?) der geplante Rachefeldzug gegen\u00fcber Albertine\u00a0 zu Ende. Und wie der Furor nach dem Traumgest\u00e4ndnis Albertines reichlich unvermittelt in ihn fuhr , so kommt die Wandlung zur Vers\u00f6hnung nicht minder \u00fcberraschend. Seine zur\u00fcckgelassene Maske, von Albertine entdeckt und bedeutungsschwanger auf dem weichen Kopfkissenpolster drapiert, \u00f6ffnet zun\u00e4chst Fridolins Herz (etwas abgestaubt: \u201esank neben dem Bette nieder und weinte leise in die Kissen hinein\u201c) und dann seine Zunge und mit dem gegenseitigen Gest\u00e4ndnis , dass man aus den getr\u00e4umten und den\u00a0 wirklichen Abenteuern\u201c heil \u201edavongekommen\u201c sei, stellt sich umrahmt von \u201ehellem Kinderlachen\u201c jene b\u00fcrgerliche Familienidylle wieder ein, die doch \u00fcber weiter Teile der Novelle einzust\u00fcrzen drohte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Ich ist nicht Herr im eigenen Haus\u201c.\u00a0 Schnitzler liefert mit seiner Novelle einen Beleg f\u00fcr Freuds These, auch wenn Fridolins Aus- und Umbr\u00fcche nicht immer schl\u00fcssig sind. Ob den Fridolins und Albertinens \u00a0zu empfehlen ist \u00fcber Unerf\u00fclltes, W\u00fcnsche, auch Abgr\u00fcnde in Wirklichkeit und Traum besser zu schweigen \u2013 mein Ich kann es auch f\u00fcr sich selbst nicht eindeutig entscheiden. Aber wozu hat man kluge Freunde?<br \/>\n<strong>Note:<\/strong> 1\/2 (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Tr\u00e4ume, die den Gehalt der Wirklichkeit tragen. Tr\u00e4ume, die unmittelbar f\u00fchlbar sind. Tr\u00e4ume, die untrennbarer Teil des Hier und Jetzt und auch des Gestern sind. Tr\u00e4ume des einen, die in das Unterbewusstsein des anderen dringen. Tr\u00e4ume, die Macht \u00fcber das Bewusstsein erlangen. Tr\u00e4ume, die unentrinnbar das weitere Tun lenken.<br \/>\nDas sind die Tr\u00e4ume von Albertine f\u00fcr ihren Ehemann Fridolin. Albertine, die sich in jungen Jahren im Rausch der erotischen Reifung selbstvergessen einem Offizier h\u00e4tte hingeben wollen aber letztlich nicht hingab. Als Albertine ihrem Ehegatten diese Eindr\u00fccke Jahre sp\u00e4ter beichtet, verwischen sich f\u00fcr Fridolin Albertines Wirklichkeit und nicht gelebte Vision so elementar, dass die Tr\u00e4ume von Albertine f\u00fcr ihn zum gef\u00fchlten Ehebruch werden. Der Schmerz wiegt so schwer, dass er nicht nur den Abbruch der Ehe, sondern auch Rache und vors\u00e4tzliche Verletzungen von Albertine plant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgt eine apokalyptisch anmutende Odyssee durch die beklemmenden Tiefen des Wiener Untergrunds. Jede dieser Stationen wird f\u00fcr Fridolin zu einer Versuchung. Eine Versuchung, in der er sich durch Hingebung an immer wieder andere Frauen Genugtuung verschaffen k\u00f6nnte. Doch es kommt nie zum Vollzug. Auffallend die enge Verkn\u00fcpfung von Eros und Tod, die vielen dieser Begegnungen innewohnt. Am Totenbett eines Patienten beschw\u00f6rt dessen Tochter dem herbeigerufenen Arzt Fridolin gegen\u00fcber ihre Liebe zu ihm. Im Gew\u00f6lbe eines Kleiderverleihs wird er von dem Duft aus dem Busen eines M\u00e4dchenkindes, das offensichtlich mit zwei Femerichtern zweifelhafte Spiele treibt, emp\u00f6rt und bet\u00f6rt. Er folgt den Lockrufen einer vermutlich durch Geschlechtskrankheiten todgeweihten Dirne bis zum Matratzenlager. Wenig sp\u00e4ter erliegt er wie gel\u00e4hmt den Reizen einer maskierten Sch\u00f6nheit auf einer konspirativen Swinger Party. Am Tag darauf findet Fridolin allem Anschein nach ihre Leiche in der Pathologie eines Kollegen. In der Zeitlosigkeit des Todes ist jene Frau gesichtslos geworden. Frauen dieser Nacht bleiben auswechselbar, da Fridolin sie vor allem durch den Schleier seiner Vergeltungssucht wahrnimmt. Auch sein alter Freund, der ihm Zugang zur Swinger Party verschaffte, scheint von gewaltt\u00e4tigen W\u00e4chtern der Erotiksekte liquidiert worden zu sein. Und dennoch sp\u00fcrt Fridolin die anhaltenden Bedrohungen von au\u00dfen kaum. Wie seelisch angetrunken begibt er sich in immer neue Gefahren &#8211; gefangen in einem inneren Geflecht aus Begierde und Rachemotiven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Just in dieser Nacht tr\u00e4umt Albertine das Gegenst\u00fcck, als sie sich J\u00fcnglingen auf bl\u00fchenden Auen hingibt und w\u00e4hrend dessen die Kreuzigung von Fridolin verlacht, nachdem dieser sich den sexuellen Avancen seiner Regentin verweigerte. Erotische Fantasien und Gewaltbilder auf allen Seiten.<br \/>\nOhne kitschig zu wirken wendet Schnitzler in einem kurzen Moment den Lauf. Eine von Albertine dezent hingerichtet Maske, die Fridolin zum Schutz vor Erkennung die letzte Nacht getragen hatte, wird von ihm als Zeichen der Verst\u00e4ndigung verstanden. Im Zustand der Ersch\u00f6pfung bricht sein Panzer auf. Die folgende Aussprache l\u00e4sst die Ehepartner die Gefahren der Traum\u00fcberg\u00e4nge markieren und erlaubt ihnen einander erneut zu finden. \u201e\u2026als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, ja dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.\u201c \u201eUnd kein Traum\u201c, seufzte er leise, \u201eist v\u00f6llig Traum.\u201c <strong>Note<\/strong>: 2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S. Fischer, 88 Seiten. \u00a0&gt;&gt; Fridolin und Albertine leben in Wien nach dem Untergang der Donaumonarchie. Das ist lange her und trotzdem k\u00f6nnte man sie ein modernes Paar bezeichnen. 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