{"id":397,"date":"2011-04-08T10:18:47","date_gmt":"2011-04-08T08:18:47","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=397"},"modified":"2023-11-22T19:08:13","modified_gmt":"2023-11-22T17:08:13","slug":"shahriar-mandanipur-eine-iranische-liebesgeschichte-zensieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=397","title":{"rendered":"Eine iranische Liebesgeschichte zensieren &#8211; Shahriar Mandanipur"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/liebesgeschichte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-399\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/liebesgeschichte-180x300.jpg\" alt=\"liebesgeschichte\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/liebesgeschichte-180x300.jpg 180w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/liebesgeschichte.jpg 360w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Unionsverlag 2010, 319 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; In dem Versuch, dem westlichen Leser die Absurdit\u00e4ten des islamisch-postrevolution\u00e4ren Literaturbetriebs des Iran vor Augen zu f\u00fchren, konstruiert Mandanipur einen Werkstatt-Roman aufbauend auf einem Tabuthema. Es geht um Liebe, um Mann und Frau, die sich gegenseitig anziehen aber nicht begegnen d\u00fcrfen, um Zensur und den schleichenden Verrat an literarischen Freiheiten. Kurzen Romanpassagen, in denen sich die Studierenden Sara und Dara versuchen zu finden, werden langatmige Abw\u00e4gungen, wie der Zensur gerecht werden k\u00f6nnte, gegen\u00fcbergestellt. Immer neue Varianten einzelner Textabschnitte werden formuliert und verworfen, unterbrochen von Sachhinweisen zur iranischen Gesellschaft: kleine M\u00e4dchen d\u00fcrfen keine farbigen Schn\u00fcrsenkel tragen, M\u00e4nner und Frauen bleiben bei Hochzeiten getrennt, Musikinstrumente d\u00fcrfen in Medien nicht erkennbar sein, Moralw\u00e4chter walten mit Willk\u00fcr in Privatleben. Auch wenn viele dieser Details erschreckend interessant sind, zerfasern sie nachhaltig den Romanverlauf, der ohnehin d\u00fcrftig daherkommt. Wohlwollend mag dem Werk zugute gehalten werden, dass es vielleicht d\u00fcrftig bleiben muss, will es die engen Grenzen der Zensur lesbar oder besser erleidbar machen. Liebe und zwischengeschlechtliche Tr\u00e4ume lassen sich offensichtlich nur mit vibrierenden Schmetterlingsfl\u00fcgeln und zart sprossenden Lotusbl\u00fctenbl\u00e4ttern revolutionskonform darstellen. Metaphern, die den dumpfen Atem l\u00e4ngst \u00fcberholter Zeiten ventilieren. Das abendl\u00e4ndische Literaturempfinden wird dabei jedoch erheblich strapaziert, so dass sich beim Leser zur schleichenden M\u00fcdigkeit zunehmend Unmut gesellt. Der Plot. Dara liebt platonisch Sara. Durch versteckte Zeichen in Werken einer Leihb\u00fccherei wird auch Sara auf Dara aufmerksam. Es folgen gebremste Begegnungsversuche in Parks und Krankenh\u00e4usern, verstockte Telefonate und Internetkontakte. Zwischenzeitlich l\u00e4sst ein Million\u00e4r als potenziell idealer Ehepartner Sara schwanken. Dara wird beim sehns\u00fcchtigen Warten auf Sara verhaftet. Der gro\u00dfm\u00fctige Million\u00e4r kauft Dara frei, verzichtet selbstverst\u00e4ndlich auf Sarah und entschwindet aus dem Roman. Das Paar spricht in Daras Wohnung miteinander, w\u00e4hrend ein Gnom als Inkarnation b\u00f6ser Weissagungen im Garten verendet und die Wendung zum Guten andeutet. Ende.<br \/>\nEin Buch, das befremdet. Das Konzept eine \u00fcberraschende Idee. Die Ausf\u00fchrung eine qu\u00e4lende Flickschusterei. Der wiederholte Versuch, literaturwissenschaftliche Grundkenntnisse einflie\u00dfen zu lassen, wirkt bem\u00fcht. Und zu guter letzt die offensichtlich lustlose \u00dcbersetzung von Frau Ballin \u2013 vielleicht war sie als Mitglied es mitteleurop\u00e4isch-fremden Kulturkreises ebenso gequ\u00e4lt?\u00a0 <strong>Note:<\/strong> 4\/5 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u201eUmschlingen, vereinigen sich.\u201c Gleich in der zweiten und dritten Zeile des Buches finden sich durchgestrichene Worte. Sp\u00e4ter ganze S\u00e4tze. Die werden auf jeden Fall gelesen. Eine pfiffige Idee des Autors. Eine Liebesgeschichte im bigotten Gottesstaat Iran. Begleitet von einem allm\u00e4chtigen und doch d\u00fcmmlichen Zensor, der dem jungen Paar Sara und Dara das Leben schwermacht. Und nat\u00fcrlich auch dem professoralen\u00a0 Autor, der meint, seine umfassende literarische Bildung und Belesenheit immer wieder durch lange Namensnennungen beweisen zu m\u00fcssen. Ein komplexes Buch, dessen drei Ebenen sich mit etwas M\u00fche dekonstruieren lassen, so man denn will. Das Buch hat bei mir\u00a0 manches vergr\u00f6\u00dfert: die\u00a0 Abneigung gegen\u00fcber Religionsw\u00e4chtern, den Respekt vor Menschen, die diktatorischen Systemen widerstehen und die Skepsis gegen\u00fcber Rezensionen. Das Buch wird n\u00e4mlich allerorten \u00fcber den f\u00fcnfbl\u00e4ttrigen Klee gelobt. Es k\u00f6nnte sein, dass dem Roman die \u00dcbersetzung vom Persischen ins Englische und vom Englischen ins Deutsche nicht gut bekommen ist. Ungef\u00e4hr ab der Mitte hat mich die Lekt\u00fcre wegen fehlender Struktur gelangweilt, auch wenn der Autor seine Leser\/innen gelegentlich direkt anspricht: \u201eHelfen Sie mir.\u201c (Seite 180) Ausnahmsweise m\u00f6chte ich Hermann Hesse folgen, der ja mit mir und einem weiteren bedeutenden Mitglied unseres Quartetts den Geburtstag teilt. Er schrieb am 19.November 1934\u00a0 an Max Picard: \u201eIst nichts zu loben, so schweige ich.\u201c\u00a0 <strong>Note:<\/strong> 3\/4 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Als nach der\u00a0 umstrittenen Wiederwahl von Pr\u00e4sident Ahmadinedschad im Iran Unruhen ausbrachen,\u00a0 ging der youtube-Tod der Studentin Neda um die Welt.\u00a0 Dieses Ereignis fungiert in Mandanipurs raffiniert gestricktem Roman als \u00e4u\u00dfere Klammer. Mandanipur nennt die\u00a0 Studentin\u00a0 Sara, deren gleich zu Beginn als unmittelbar bevorstehend angek\u00fcndigter Tod aber seltsamerweise im Roman gar nicht eintritt.\u00a0 Wie aus Protest gegen einen sinnlosen Tod erz\u00e4hlt Mandanipur die \u201eLiebesgeschichte\u201c von\u00a0 Sara und Dara und zwar auf zweifache Weise. Einmal in einem als Fettdruck kenntlichen Teil, der der Zensur vorgelegt wird und der in grotesker Weise verst\u00fcmmelt daherkommt und sich auch in stilistischer Hinsicht v\u00f6llig vom restlichen Roman unterscheidet. Mandanipur macht auch damit klar, wie \u00e4rmlich und h\u00f6lzern eine\u00a0 Liebesgeschichte unter der Zensur einer Diktatur daherkommen muss. Im\u00a0 anderen\u00a0 Teil l\u00e4sst uns der Autor\u00a0 auf manchmal sehr unterhaltsame Weise an seinem \u00a0Schreibprozess teilhaben,\u00a0 stellt verschiedene Varianten vor, wie sich die Geschichte entwickeln k\u00f6nnte, schildert Begegnungen mit dem gar nicht so unsympathischen Zensor und eben auch den Fortgang der Sara-Dara- Story . Eindrucksvolle Einblicke in die absurden Tiefen und Untiefen eines schlimmen islamischen Regimes inclusive. Dara hat Filmregie studiert und handelt mit verbotenen Videos von Filmklassikern. Daf\u00fcr bekommt er 2 Jahre f\u00fcrchterliche Einzelhaft, die er\u00a0 nur mit Hilfe der Erinnerung an seine Filme \u00fcbersteht. Er verliebt sich danach in die Studentin Sara, der er sich zuerst nur \u00fcber einen\u00a0 geheimen Code in ebenfalls verbotener Lekt\u00fcre mitteilen kann. Allseits gegenw\u00e4rtige Sittenw\u00e4chter machen ihnen das Leben schwer. Als dann allerdings noch der \u201eFreier\u201c Sindbad, ein reicher Parven\u00fc auftaucht, der um Sara\u2019s Hand anh\u00e4lt und gegen den Dara nach den traditionellen Ma\u00dfst\u00e4ben der iranischen Gesellschaft nat\u00fcrlich keine Chancen hat, ger\u00e4t die Geschichte etwas au\u00dfer Kontrolle und tritt gleichzeitig auf der Stelle. Der fiktive Zensor Petrowitsch h\u00e4lt dem Autor an einer Stelle zu Recht vor, dass er die Psychologie seiner Figuren nicht im Griff hat. Dagegen kann es sich Mandanipur\u00a0 nicht verkneifen, dem Leser seine eigene Belesenheit in der europ\u00e4ischen Literatur-und Filmgeschichte etwas zu h\u00e4ufig\u00a0 unterzujubeln. Das nervt zuweilen, da es f\u00fcr den Fortgang der Geschichte nicht immer notwendig scheint.\u00a0 100 Seiten weniger w\u00e4ren 100 Punkte mehr gewesen.<br \/>\n<strong>Note:<\/strong> 2\/3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt; Nein, diese Liebesgeschichte von Sara und Dara kann nicht gut gehen. Wer unter den Bedingungen der Zensur in einem Land,\u00a0 \u201ein dem jede Ann\u00e4herung, jeder Kontakt zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht miteinander verheiratet oder verwandt sind, als Vorspiel zur Tods\u00fcnde gelten\u201c (so der Autor Mandanipur S.15), muss an einer Liebesgeschichte scheitern. Mandanipurs Absicht, \u201edie Liebesgeschichte in meiner Heimat herauszubringen\u201c, die daraus folgende notgedrungene Kollaboration mit dem nicht ohne Ironie gezeichneten staatlichen Zensor Petrowitsch, die immer gegenw\u00e4rtige Schere im Kopf des Autors, der teilweise unter Einbeziehung des Lesers inhaltliche und sprachliche Varianten schon im Vorfeld pr\u00fcft, verwirft, umschreibt, um sie dann Petrowitsch zur endg\u00fcltigen Strichfassung\u00a0 vorzulegen, macht aus den durch Fettdruck hervorgehobenen Passagen der Dara-Sara Erz\u00e4hlung einen Flickenteppich von gescheiterten Begegnungs- bzw. Beziehungs- versuchen, der auch sprachlich weit hinter das vom Autor als exzellentem Kenner der Weltliteratur zu erwartende Niveau zur\u00fcckf\u00e4llt. Ginge es Mandanipur allerdings darum zu zeigen, dass die lustfeindliche iranische Diktatur\u00a0 (Blockwartmentalit\u00e4t von Sittenw\u00e4chtern einerseits, verbotene Prostitution und Genuss westlicher Pornographie andererseits, bedr\u00fcckendes Frauenbild etwa am Beispiel der Gewalt u. Erniedrigung in der Ehe) keine literarische Liebesgeschichte m\u00f6glich macht, der Nachweis w\u00e4re ihm gelungen., h\u00e4tte allerdings keiner 314 Seiten bedurft. Eine Herausforderung ganz anderer Art stellen die vielfachen intertextualen Verweise und filmische Zitate des Autors dar. Von der fr\u00fchen iranischen Literatur des Sufidichters Nizami \u00fcber die Schl\u00fcsselwerke der Weltliteratur bis zur modernen amerikanischen Filmgeschichte (Alfredo James \u201eAl Pacino\u201c-Film in einer skurrilen Pr\u00fcfung durch einen blinden Zensor ist ein besonderes Schmankerl des Romans) reicht der respektable Bildungskanon des Autors, der ihm eigentlich immer wieder die D\u00fcrftigkeit der eigenen, an Petrowitschs-Norm zu messenden iranischen Liebesgeschichte, vor Augen f\u00fchren m\u00fcsste. Es bleibt jedoch beim Einblick von uns Lesern in die Literatur-Werkstatt von Mandanipur, der angesichts der politischen Realit\u00e4t im Iran am Ende sogar seinen Plot und seine Erz\u00e4hlfiguren aus dem Auge verliert. Der Funke der Rebellion Daras gegen den Autor h\u00e4tte schon fr\u00fcher einsetzen k\u00f6nnen (m\u00fcssen), dann w\u00e4re mir manches erspart geblieben. <strong>Note:<\/strong> 4+ (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unionsverlag 2010, 319 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0&gt;&gt; In dem Versuch, dem westlichen Leser die Absurdit\u00e4ten des islamisch-postrevolution\u00e4ren Literaturbetriebs des Iran vor Augen zu f\u00fchren, konstruiert Mandanipur einen Werkstatt-Roman aufbauend auf einem Tabuthema. Es geht um Liebe, um Mann und Frau, die &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=397\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[49,48],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/397"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=397"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1884,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/397\/revisions\/1884"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}