{"id":389,"date":"2010-12-17T10:05:15","date_gmt":"2010-12-17T08:05:15","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=389"},"modified":"2023-11-22T19:03:21","modified_gmt":"2023-11-22T17:03:21","slug":"don-delillo-der-omega-punkt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=389","title":{"rendered":"Der Omega-PunktDon DeLillo"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_omegapunkt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-394\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_omegapunkt-189x300.jpg\" alt=\"Don DeLillo - Der Omegapunkt\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_omegapunkt-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_omegapunkt.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>K<\/strong><strong>iepenheuer&amp;Witsch 2010, 112 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt;Zwei\u00a0 Episoden &#8211; die Verkn\u00fcpfung bem\u00fcht bedeutungsschwanger.<br \/>\nEpisode 1: Im Sp\u00e4tsommer 2006 zeigt das MOMA in New York an 6 Tagen eine gro\u00dfformatige Videoinstallation von Douglas Gordon, die Hitchkocks Film \u201ePsycho\u201c ohne Musik und Dialog auf 24 Stunden verlangsamt. Ein Mann, von niemandem beachtet, \u00a0ist seit 5 Tagen stummer Betrachter dieser Arbeit. Der Erz\u00e4hler vermutet \u201eWas er hier sah, schien der reine Film zu sein, die reine Zeit\u201c. W\u00e4hrend auf der Leinwand gerade die Duschszene l\u00e4uft, beobachtet der Mann zwei eintretende M\u00e4nner unterschiedlichen Alters (sie entpuppen sich in \u00a0der 2. Episode als die Protagonisten\u00a0 des Romans), die er merkw\u00fcrdig zielsicher als \u201eAkademiker, Adepten des Films, der Filmtheorie\u2026.\u201c ausmacht. Seine \u00dcberzeugung von der Seelenverwandtschaft des entschleunigten Betrachtens- \u201eEr wusste, die beiden M\u00e4nner an der n\u00e4chsten Wand w\u00fcrden ebenso aufmerksam zuschauen. Ihm war, als h\u00e4tten sie etwas gemeinsam, wir drei, so lautete sein Gef\u00fchl. Es war die seltene Kameradschaft, die von einzigartigen Ereignissen hervorgebracht wird, auch wenn die anderen gar nicht wussten, dass er da war.\u201c \u2013 erweist sich als Selbstt\u00e4uschung.\u00a0 Zu rasch verlassen die beiden M\u00e4nner den Raum (10 Minuten gibt ihnen das Geschehen in der 2. Episode) um den \u201eHerzschlag der Bilder, die in diesem Tempo projiziert wurden\u2026 zu sp\u00fcren\u201c und das Urteil des Dauergastes ist unerbittlich: \u201eSie hielten sich f\u00fcr ernsthaft, waren es aber nicht. Und wenn man nicht ernsthaft ist, hat man hier nichts zu suchen\u201c (Ja, solch klare Botschaften \u00fcber die Rezeption von 24st\u00fcndigen Videoinstallationen w\u00fcnscht sich der Leser) Merkw\u00fcrdig diffus scheinen dagegen die Wahrnehmungswelten des stummen Beobachters: \u201eJe weniger zu sehen war, je genauer er hinschaute, desto weniger sah er. Das war der springende Punkt. Zu schauen, was da war, endlich hinzuschauen und zu wissen, dass man es tat, das Vergehen der Zeit zu sp\u00fcren, wach zu sein f\u00fcr das, was in den kleinsten Einheiten der Bewegung geschieht\u201c um dann aber doch wenig sp\u00e4ter festzustellen, \u201ewelche Tiefe durch die Verlangsamung der Bewegung m\u00f6glich wurde, welche Dinge zu sehen waren und welche Tiefe der Dinge bei den oberfl\u00e4chlichen Sehgewohnheiten so leicht zu \u00fcbersehen war.\u201c Und dann, als am Ende der Episode der Beobachter fast eins zu werden scheint mit dem Raum seiner Betrachtung \u201eEr wollte an keinem anderen Ort sein als hier, dunkel an dieser Wand\u201c, darf sich doch noch einmal das T\u00fcrchen \u00f6ffnen, um hereinzulassen, worauf der Mann an der Wand \u201enach all der Zeit\u2026.gewartet hatte. Auf was?&#8230;&#8230;Er hatte darauf gewartet, dass eine Frau ankam, eine Frau allein, mit der er reden k\u00f6nnte, hier an der Wand, fl\u00fcstern, sparsam nat\u00fcrlich (warum eigentlich? R.S.), oder sp\u00e4ter irgendwo Gedanken und Eindr\u00fccke auszutauschen, was sie gesehen hatten und wie sie das fanden\u201c. Der Erz\u00e4hler vers\u00e4umt es in diesem Zusammenhang auch nicht das Zeitfenster f\u00fcr ein ernsthaftes Gespr\u00e4ch \u00fcber die Installation zu benennen -\u201eeine halbe Stunde, das gen\u00fcgte\u201c-\u00a0 , nicht vermutend, \u00a0dass damit dem Leser von Episode 1 vielleicht auch einiges an Leere erspart geblieben w\u00e4re. Dass die Frau\u00a0 aus der \u201eJenseitswelt\u201c in die Kunstwelt von \u201e24 hour Psycho\u201c eintritt, erfahren wir in Episode 2, dass die Begegnung allerdings weniger cineastischem Niveau gen\u00fcgte, l\u00e4\u00dft das zeilenisoliert hervorgehobene \u201eWichser\u201c vermuten. Bleibt doch zu hoffen, dass sich da \u201eder Mann an der Wand\u201c im MOMA nicht daneben benommen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Episode 2: Schauplatz ein R\u00fcckzugsraum ganz anderer Art: ein einsames Haus in der s\u00fcdkalifornischen W\u00fcste, wo der 73j\u00e4hrige Wissenschaftler und Ex-Pentagon-Irakkriegsberater Richard Elster von dem nicht mal halb so alten New Yorker Filmemacher \u00a0Jim Finley (er ist der Ich-Erz\u00e4hler der Episode 2) zu einem Filmprojekt besonderer Art gewonnen werden soll. Das Arrangement vergleichbar der Episode 1: \u201enur ein Mann und eine Wand \u2026Der Mann steht da und berichtet von der gesamten Erfahrung, alles, was ihm einf\u00e4llt, Pers\u00f6nlichkeiten, Theorien, Einzelheiten, Gef\u00fchle. Sie sind der Mann. Keine Stimme aus dem Off, die Fragen stellt. Keine hineingeschnittenen Szenen aus dem Krieg oder Kommentare von anderen, im Bild oder im Off\u201c. Welche Erwartungshaltung stellt sich beim Leser angesichts solcher Vorgaben ein? Radikale Reduktion, Ausblendung von St\u00f6rfaktoren, Entschleunigung (Elster spricht von \u201espirituellem R\u00fcckzug\u201c), ver\u00e4nderte Raum- Zeitdimension (Elster spricht vom \u201eTerror der Zeit \u201c, von \u201esterblicher Zeit\u201c im R\u00e4derwerk der Macht), Wahrnehmung und Aufarbeitung verschiedener Wirklichkeiten (Planspiel, Kriegsrealit\u00e4t), vielleicht eine Lebensbeichte Elsters vor dem Hintergrund von Wissenschaft und Verantwortung . Doch statt Erhellung \u00a0Nebul\u00f6ses. \u00a0\u201eDie Wirklichkeit steht, geht, sitzt. Au\u00dfer wenn sie es nicht tut.\u201c (30) ist eine der Botschaften Eislers. Wortneusch\u00f6pfungen wie \u201eHaiku-Krieg\u201c, mit denen Eisler dem Irak-Krieg eine neue \u201eDenk- und Sichtweise\u201c zu geben versuchte, zeigen ihn als Adepten der Desinformationsmaschinerie im Pentagon .Der \u201eOmega-Punkt\u201c-Nebel lichtet sich noch weniger angesichts fr\u00fcherer essayistischer Erkenntnisse Eislers einerseits \u00a0\u201eEine Regierung ist ein kriminelles\u00a0 Unterfangen\u201c und seinem (vielleicht scotchglasgetr\u00fcbten) amerikanischen Verblendungbekenntnis andererseits: \u201eIch will immer noch einen Krieg. Eine Gro\u00dfmacht muss handeln. Wir wurden schwer getroffen. Wir m\u00fcssen uns die Zukunft zur\u00fcckholen. Die Willenskraft, das pure instinktive Bed\u00fcrfnis. Wir k\u00f6nnen nicht Andere unsere Welt und unser Denken gestalten lassen. Die haben nur alte, tote, despotische Traditionen. Wir haben eine lebendige Geschichte.\u201c \u00a0Von jemandem, der nach Aussage Finleys \u201efrei ist, alles zu sagen, was er will, ungesagte Dinge, vertrauliche Dinge, loben, verdammen, faseln\u201c, bleibt nur Letzeres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Besuch von Elsters Tochter Jessie erweitert sich zwar das Personal nicht aber Tiefe der Information. \u201eDie meiste Zeit redeten wir \u00fcber nichts, sie und ich\u201c, wei\u00df uns Finley zu erz\u00e4hlen um aber wenige Zeilen sp\u00e4ter zu betonen: \u201eIch mochte diese Gespr\u00e4che,\u00a0 sie waren ruhig, mit einer unheimlichen Tiefe in jeder Zufallsbemerkung, die sie machte\u201c \u00a0(ja so unterschiedlich k\u00f6nnen Erwartungen von Lesern und Romanakteuren sein). Unvermittelt und bedeutungsschwer dann zwischen Scotch und Arznei-mittelschr\u00e4nken (Eisler ist medikamentenabh\u00e4ngig) Eislers Endzeit-Botschaften \u201eWir wollen die tote Materie sein, die wir fr\u00fcher waren. Wir sind die letzte Milliardstelsekunde in der Evolution der Materien\u201c, in deren Kontext wir erfahren, dass Eisler sich neben fr\u00fchen Essays zur Bedeutung der Babysprache, ausf\u00fchrlich der Lekt\u00fcre der Mystiker wie auch der Schriften Teilhard de Chardins widmete. Mit dem geheimnisvollen Verschwinden Jessies gewinnt die Handlung dann kurzfristig dramatischen Schwung. Ist ihr Verschwinden gar der Vorgriff von Eislers Vision\u00a0 des \u201eOmega-Punktes\u201c: \u201e\u00dcberlegen Sie mal. Wir verabschieden uns v\u00f6llig aus dem Dasein. Steine\u201c ? oder lassen Finleys Bemerkungen auf der R\u00fcckfahrt mit Elster nach New York (das Filmprojekt scheint mit dem Abtritt Jessies gescheitert) vermuten, wie br\u00fcchig sich Elsters Gedankgeb\u00e4ude angesichts des Schicksal seiner Tochter ausnimmt: \u201eIch dachte an seine Bemerkungen \u00fcber Materie und Wesen. Die langen N\u00e4chte auf der Terrasse, halb besoffen, er und ich, Transzendenz, Paroxysmus, das Ende des menschlichen Bewusstseins. Jetzt kam mir das wie eine Menge totes Echo vor. Der Omega-Punkt. Eine Million Jahre entfernt. Der Omega-Punkt hat sich, hier und jetzt, verdichtet zu der Spitze eines Messers, die gerade in einen K\u00f6rper eindringt. All die gro\u00dfartigen Themen dieses Mannes zusammengetrichtert auf umgrenzten Kummer, einen K\u00f6rper da drau\u00dfen irgendwo oder auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit \u201eAnonymit\u00e4t 2\u201c erneut ein Schnitt und wir kehren in den Schauplatz von Episode 1 am 6. und letzten Tag der Installation zur\u00fcck. Der Fokus unseres Mannes an der Wand nicht mehr ausschlie\u00dflich auf die Leinwand gerichtet. Neben Filmfiguren treten Besucher, meist leere Momentaufnahmen: \u201eEin Mann und eine Frau traten ein, Eltern der Kinder, der genetische Code knisterte in der Luft\u201c (???) oder \u201eEin franz\u00f6sisches Paar kam herein. Es waren Franzosen oder Italiener, sie sahen intelligent aus\u201c und dann taucht pl\u00f6tzlich an der Seite unseres Anonymus eine Frau auf, die die auch f\u00fcr den Leser entscheidenden Fragen stellt: \u201eWas sehe ich mir da an?\u201c oder \u201eSind Sie sich sicher, dass das keine Kom\u00f6die ist?\u201c und dann passiert, was auch keiner mehr nach 100 Seiten erwartet: Die Antworten bleiben aus. Nur eine von unserem Mann imaginierte Gewaltandrohung gegen\u00fcber der Frau er\u00f6ffnet ein weiteres R\u00e4tsel, bevor er sich nach kurzem Frischluftaufenthalt und Telefonnummerntausch\u00a0 am Ende in die Figur Norman Bates aufzul\u00f6sen beginnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, filmische Langsamkeit und Entschleunigung in konstruiert philosophischem Kontext f\u00fchren allein noch nicht zu mehr Erkenntnis. Was beim \u201eOmegapunkt\u201c\u00a0 \u00fcber weite Strecken bleibt, ist Ratlosigkeit, vielleicht auch das Ungen\u00fcgen, man sei an diesem Buch gescheitert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist aber auch ein ganz Anderer gescheitert. <strong> Note: <\/strong>4\/5 (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ein beklemmendes, zuweilen doch recht dunkel bleibendes Kammerspiel, indem es\u00a0 um \u201eletzte Fragen\u201c, um die\u00a0 Grenzen\u00a0 der Erfahrung, des Sprach-und Ausdrucksverm\u00f6gens und\u00a0 um nichts Geringeres als das Ziel der Evolution geht. \u00a0Als Klammer arrangiert DELILLO raffiniert eine Installation im MOMO, die den Film Psycho in extremer Zeitlupe auf 24 Stunden gedehnt zeigt. Dazwischen der Versuch des Filmemachers Finley den\u00a0 Ex -Regierungsberater und Kriegsphilosophen Elster in dessen abgeschiedenen Zufluchtsort in der W\u00fcste \u00a0zu einem avantgardistischen Filmprojekt zu \u00fcberreden. Finley philosophiert mit ihm \u00fcber Haiku-Kriege und die Idee der Ausl\u00f6schung, den Traum vom Aussterben der Menschheit und die Materialisierung des Lebendigen. Auch Teillard de Chardin wird bem\u00fcht. Die\u00a0 Zeitdilatation wie in der MOMA Installation lie\u00dfe sich bis zum absoluten Stillstand extrapolieren, bis zur Einheit von Mensch und Materie. Als dann allerdings seine Tochter auf mysteri\u00f6se Weise verschwindet, kehrt die Zeit pl\u00f6tzlich zur\u00fcck. Vielleicht ein wirklich gro\u00dfer Roman. Vielleicht aber auch nur ein aufgeblasenes\u00a0 Geschwurbel . Ich wei\u00df es nicht! Man muss ihn vermutlich mehrmals lesen, nein durchackern um diese Fragen beantworten zu k\u00f6nnen. Leichte Kost ist es jedenfalls nicht. <strong>Note: <\/strong>3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0 Richard Elster ist \u00e4sthetisierender Vordenker des Todes. Mit pseudophilosophischer Tiefe vermeint er einen evolutiven R\u00fcckruf wahrnehmen zu k\u00f6nnen: den Ruf der lebenden Natur, sich zur\u00fcck in den Zustand der Leblosigkeit, des Stein-Seins zu entwickeln bis hin zur atomaren Aufl\u00f6sung. \u00dcbertragen auf den politischen Alltag, wird Krieg zu einem Ritual, in dem nicht gemordet wird sondern die Evolution lediglich voranschreitet. In diesem Kontext sind Moral und Verantwortung keine relevanten Gr\u00f6\u00dfen. Entsprechend wird Elster von der US-amerikanischen Regierung in den Irak berufen, um den Krieg zu konzeptualisieren, sprich die Unmenschlichkeit mit akademischen Rechtfertigungen zu etikettieren.<br \/>\nTeil des nekrophilen Prozesses ist die Alterung der Zeit. Zeit, die sich selbst verliert, verlangsamt und damit alle Prozesse ihrer nat\u00fcrlichen Bedeutung beraubt. Dies wird im Roman eindrucksvoll mit der vorangestellten Filminstallation 24 Hour Psycho von Douglas Gordon inszeniert. Ein Mord in diesem hochgradig verlangsamten Psychothriller von Alfred Hitchcock verliert seinen Schrecken und die moralische Emp\u00f6rung dar\u00fcber. Die \u00fcberraschende Verz\u00f6gerung wird selbst zum Inhalt, zum k\u00fcnstlerischen Element und einer neuen Form der \u00c4sthetik.<br \/>\nAuch Elster praktiziert eine Form der Entschleunigung, in dem er sich in sein einsames Haus in einer W\u00fcstenregion Kaliforniens zur\u00fcckzieht und sich den Steinen aussetzt um Teil ihrer Zeitlosigkeit zu werden.<br \/>\nDieses Mal hat Elster den Jungfilmer Finley in sein Haus geladen &#8211; oder genauer &#8211; zugelassen. Finley bekniet Elster seit l\u00e4ngerem, sich f\u00fcr einen monolithischen Film herzugeben, der nie zustande kommen wird. Vermutlich ein Anti-Kriegsfilm, in dem in einer einzigen Einstellung 99 Minuten lang nur das erz\u00e4hlende Konterfei Elsters erscheinen soll wie es assoziativ \u00fcber den Irak Krieg ausschweift und sich vermutlich in pseudowissenschaftlichen Phantasterei selbst entlarvt. Die Zeit d\u00e4mmert tagelang dahin bis Elsters sch\u00fcchterne Tochter auftaucht, von der Mutter geschickt, damit sie Abstand zu einem unerw\u00fcnschten Mann gewinnt. Wenig sp\u00e4ter verschwindet sie spurlos.<br \/>\nGenau an dieser Stelle wird Elster vom wahren Leben eingeholt. Jetzt, wo vermutet wird, dass die eigene Tochter aus dem Leben geschieden ist, wird die Pseudophilosophie br\u00fcchig. Elster bricht augenblicklich zusammen und regrediert zum lebensunf\u00e4higen Greis, der der Begegnung mit dem vermuteten Tode im eigenen Haus in keiner Weise gewachsen ist.<br \/>\nDie Fragw\u00fcrdigkeit absurder Endzeit-Philosophie wird letztlich noch mal durch den Pro- und Epilog Rahmen am Anfang und Ende des Buches thematisiert. W\u00e4hrend im Prolog ein Mann tagelang den Zeit-entstellten Mordfilm Hitchcocks inhaliert, wiederholt sich diese Szene im Epilog mit dem Unterschied, dass diese Person sich nach einer Frau, also nach Leben und Emotionen sehnt. Tats\u00e4chlich wird er im Schatten der Leinwand von einer Frau angesprochen. Der Austausch der Telefonnummern suggeriert eine weitere lebenszugewandte Entwicklung fernab ritualisierter Todesphantasien.<br \/>\nDer Roman weist Parallelen zu dem sechs Jahre \u00e4lteren Werk \u201eDer Dekan\u201c des schwedischen Autors Lars Gustafsson auf. Auch hier steht ein US-Kriegsveteran und Hochschullehrer im Mittelpunkt, der dem Tod und im Besonderen dem T\u00f6ten eine positivistische Kategorie zuordnet. Auch hier tritt ein junger, die Hauptperson kontrastierender Adlatus auf. Ebenso ist der Tod im eigenen Umfeld des Protagonisten Bestandteil des Plots. Auch die W\u00fcste als Grenzbereich zwischen Leben und Tod ist in die Szenerie integriert. Verschieden ist jedoch die Schlussausrichtung: einmal zum Leben hin (deLillo) und das andere Mal den Tod als Endpunkt andeutend (Gustafsson). Ob deLillo an dieser Stelle einen direkten Bezug beabsichtigte, ist nicht bekannt.<br \/>\nWas beiden Romanen in gleicher Weise anhaftet, ist die nur sehr begrenzte inhaltliche Tiefe, sprich Vermutungen im Philosophischen &#8211; sofern die Oberfl\u00e4chlichkeiten der B\u00fccher diesen Begriff \u00fcberhaupt rechtfertigen. Die oben diskutierten Aspekte sind tats\u00e4chlich in nur wenigen Abs\u00e4tzen angerissen. Stattdessen pr\u00e4sentieren sich beide Werke als Zettelkasten von Nebens\u00e4chlichkeiten. Dankenswerterweise aber in \u00fcberschaubaren L\u00e4ngen und mit gelegentlichen Sprach\u00fcberraschungen.\u00a0 <strong>Note: <\/strong>3\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Sp\u00e4tsommer\/Fr\u00fchherbst\u00a0 2006. Ein zeitnaher Roman und doch blieb er mir fern, wenn auch nicht sofort. Ein optimaler erster Eindruck, geniale Umschlagsgestaltung, wunderbares Pflanzenmotiv,\u00a0 sehr ansprechend alles, das Buch liegt gut in der Hand. Hitchcocks \u201ePsycho\u201c auf 24 Stunden verlangsamt.\u00a0 Eine Installation im MoMA in New York. Fulminanter Einstieg. Dann in die W\u00fcste zum Gelehrten Richard Elster. Ein Film soll gedreht werden. Der Filmemacher und Elster unterhalten sich, viel und lang. Es geht um Raum und Zeit, um den Irakkrieg. Zwischendurch geht eine Maus in die Falle. Elster bemerkt es nicht. Sp\u00e4ter taucht Elsters Tochter Jessie auf, verschwindet aber wieder spurlos. Autor Don DeLillo schl\u00e4gt eine immer h\u00f6here Sprache an: \u201eDie Materie m\u00f6chte ihre Befangenheit verlieren, das Bewusstsein ihrer selbst. Wir sind Geist und Herz, zu denen die Materie geworden ist. Es ist Zeit, das alles dichtzumachen. Das treibt uns jetzt an.\u201c (Seite 49) Falls sich jemand findet, der mir diese S\u00e4tze verst\u00e4ndlich machen kann, lade ich ihn zu einem Essen ins Casino (T\u00fcbingen) ein. W\u00e4hrend ich \u00fcberwiegend Phrasen und Worth\u00fclsen entdecke, \u00fcberschl\u00e4gt sich das deutsche Feuilleton mit Lob, Lob, Lob. Vielleicht bin ich einfach zu dumm f\u00fcr dieses Buch? Ich wei\u00df zwar schon l\u00e4nger, dass viele rumlaufen, die intelligenter sind als ich, aber trotzdem zweifle ich an der Genialit\u00e4t dieses Romans. K\u00f6nnte es sich nicht doch um Kaisers neue Buchkleider handeln oder gar um eine Luftnummer? \u201eJeder verlorene Augenblick ist das Leben.\u201c (Seite 61) Die Frage aller Fragen, was ist das Leben. Sie wird beantwortet. Der verlorene Augenblick. Wie gesagt, es geht um Raum und Zeit und immer wieder wird Teilhard de Chardin erw\u00e4hnt. Ihm ist dieser Roman erspart geblieben. <strong>Note: <\/strong>5+ (ax)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer&amp;Witsch 2010, 112 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0&gt;&gt;Zwei\u00a0 Episoden &#8211; die Verkn\u00fcpfung bem\u00fcht bedeutungsschwanger. 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