{"id":359,"date":"2010-05-07T12:46:42","date_gmt":"2010-05-07T10:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=359"},"modified":"2023-11-22T19:02:35","modified_gmt":"2023-11-22T17:02:35","slug":"silvia-bovenschen-aelter-werden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=359","title":{"rendered":"\u00c4lter werden- Silvia Bovenschen"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/aelterwerden.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-361\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/aelterwerden-190x300.jpg\" alt=\"aelterwerden\" width=\"190\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/aelterwerden-190x300.jpg 190w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/aelterwerden.jpg 243w\" sizes=\"(max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/><\/a><\/strong><strong>Fischer\u00a0 2006,\u00a0 202 Seiten . \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt;\u00a0\u201cWhat a drag it is getting old&#8230;\u201d stellen die Stones in ihrem legend\u00e4ren Song \u201c mothers little helper\u201d schn\u00f6rkellos fest, was der T\u00fcbinger Autor Veit M\u00fcller in seinen Live Lyrix frei aber treffend so \u00fcbersetzt hat: \u201eWas f\u00fcr\u2019n Schei\u00df ist es, alt zu werden&#8230;\u201c Ein Ger\u00fccht sagt, dass der 65 \u2013j\u00e4hrige Mick Jagger diesen Song aus dem Repertoire der Stones gestrichen hat. In unserem Sprachgebrauch ist man aber selten alt, sondern h\u00f6chstens \u00e4lter. Eine \u201eVergewaltigung der Grammatik\u201c sei es, wenn eine \u00e4ltere Frau j\u00fcnger sei als eine alte, so Silvia Bovenschen in ihren \u201eNotizen\u201c, die sich weniger als Ratgeber f\u00fcrs \u201e\u00c4lter werden\u201c, denn als Erinnerungen an Jugend -und Kindheit in den 50er und 60er Jahren und Sammlung mehr oder weniger geistreicher Aphorismen (Lichtenberg immer noch un\u00fcbertroffen) entpuppen. Wiedererkennungseffekte ergeben sich zuhauf, etwa wenn sie das Erschrecken \u00fcber manch unvermittelt erblicktes Spiegelbild im Kaufhaus schildert. Bild und geschmeicheltes Selbstbild wollen einfach nicht zusammen passen. Oder das Abw\u00e4gen zwischen Zeitgem\u00e4\u00dfem und Altersgem\u00e4\u00dfem als \u201ewahre Artistik des Alterns\u201c. Klischeehafte Weisheiten, wie ihre Erfahrungen als Lehramtsanw\u00e4rterin mit den \u201evielen Lehrern, die sich in eine verfehlte Zukunft gestellt sahen. Musiklehrer, die vordem Konzertpianisten, Mathematiklehrer, die vordem Nobelpreistr\u00e4ger hatten werden wollen\u201c sind \u00e4rgerlich, der Einsatz von Fremdw\u00f6rtern wie \u201emnetisch\u201c schlichtweg affig.<br \/>\nDie eigene MS Erkrankung wird nicht allzu sehr in den Vordergrund ger\u00fcckt, das ist angenehm. Trotzdem bleibt ihre Erfahrung mit dem \u00c4lterwerden offensichtlich von der schweren Erkrankung gepr\u00e4gt. Die witzigste Erkenntnis \u00fcber das \u00c4lter werden stammt allerdings nicht von der Autorin, sondern ist von der amerikanischen Entertainerin Roseanne \u00fcbernommen: \u201eIch habe mich zum ersten Mal alt gef\u00fchlt, als ich einer wildfremden Frau von meinen H\u00fchneraugen erz\u00e4hlte\u201c. <strong> Note: <\/strong>2\/3 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u00a0Nein, diese gut gemeinten, j\u00fcngst auch noch von gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Verlagsstrategen des Fischer Verlags brusttaschengerecht als Hardcoverhandb\u00fcchlein auf den Buchmarkt geworfenen Notizen werden nicht im nachlassenden Ged\u00e4chtnis haften. Was aber bleibt, ist, wozu sie inspirierten: Eine fulminante, bis ins Detail stimmige Inszenierung des Gastgebers, der in mehrfachem Sinne eine Kostprobe von dem gegeben hat, was auch die literarische Viererbande zwischen Pauline Krone und Luise Wetzel einmal erwartet \u2013 nur das Probeliegen kam etwas zu kurz. Dass Max &#8211; es ist das erste Mal in der Rezensionsgeschichte des LQ, dass ich die Anonymit\u00e4t l\u00fcfte \u2013 das Zimmer verlassen hat, bevor die Nachtschwester kam, war allerdings ein Versto\u00df gegen die Hausordnung. Es ist wundersch\u00f6n mit diesem Quartett \u00e4lter zu werden. <strong><br \/>\nNoten: <\/strong>Bovenschen <strong>3\/4\u00a0 <\/strong>Gastgeber\u00a0<strong>1,0 <\/strong>(ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; <strong>\u00a0<\/strong>Der Untertitel \u201eNotizen\u201c (ich hatte ihn \u00fcbersehen) h\u00e4lt, was er verspricht. F\u00fcr \u201e\u00c4lter werden\u201c gilt dies nicht in gleicher Weise. \u201eGesammelte Einsichten\u201c oder \u201eVermischte R\u00fcckblicke\u201c\u00a0 w\u00e4re als Buchtitel angemessener. Das Buch ist nicht leicht zu res\u00fcmieren, da es sich um eine Sammlung von Fragmenten, Aphorismen, Miniaturen, intelligenten Wortspielereien, verbalen Torsos und Sentenzen handelt. Dabei fast immer klug und geistreich formuliert. Man kann sich nach der Lekt\u00fcre die Autorin, Tochter aus bestem Hause, ganz gut vorstellen. Das B\u00e4ndchen im handlichen Mao-Bibelformat wird wahrscheinlich im Gegensatz zu seinen Leser\/innen nicht so schnell \u00e4lter werden. Auch in zehn Jahren wird es noch zu Geburtstagen verschenkt werden k\u00f6nnen. \u00dcberraschend oft hatte ich bei der Lekt\u00fcre das angenehme Gef\u00fchl \u201eJa, genau. So isses. Das hat sie gut gesagt\u201c. Kein Wunder, dass man so ein Buch gerne liest.<strong> Note: <\/strong>2\u2013 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Kurze Sentenzen, Assoziationen, Erinnerungen, Bedauern \u00fcber Vergangenes , verlorene Worte, abhanden gekommene Werte, vorweggenommene Abkehr von einer Zukunft, die immer k\u00fcrzer wird und schon lange von der \u00dcbermacht der Vergangenheit erschlagen wird. 2006 schreibt Bovenschen, sie sei 60, dass sei eine b\u00f6se Zahl. Da sei nichts mehr zu machen. So dass der Leser schon nach wenigen Seiten ahnt, dass der Titel noch strenger formuliert geh\u00f6rt. Nicht \u201e\u00c4lter werden\u201c \u2013 denn das wird auch ein Neugeborener und blickt einer gro\u00dfartigen Entwicklung entgegen \u2013 sondern \u201eAlt sein\u201c \u2013 Entwicklungen schon hinter sich haben. Oder noch strenger: \u201eZu alt sein\u201c &#8211; Entwicklungen schon eingeb\u00fc\u00dft haben. Je mehr Notizen Bovenschen aneinanderreiht, je weiter das Buch sich dem Ende n\u00e4hert, desto st\u00e4rker scheint auch das Ende an sich zu drohen, wird eine Lebensentt\u00e4uschung zu Gedanken verdichtet, die den Suizid nicht ausschlie\u00dft. Obwohl auch Heiteres aufblitzt, obwohl auch origin\u00e4rer Witz seinen Platz hat, wird der Text von einer Niedergeschlagenheit umklammert. Man f\u00fchlt sich nicht wohl, man m\u00f6chte nicht in und mit dieser Lekt\u00fcre alt werden. Vermutlich ist selbst f\u00fcr Leidende schwerlich Trost oder wenigsten Best\u00e4tigung des eigenen Leids in ihren Gedanken zu finden. Warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bovenschen ist von zahlreichen, sehr schweren Krankheiten gezeichnet, die sie nur sehr zur\u00fcckhaltend als Multiple Sklerose und Krebs andeutet. Man ahnt, dass mit den zunehmenden Qualen des voranschreitenden Leids das gef\u00fchlte Alter wesentlich fortgeschrittener sein muss als das physische Alter. Und dennoch &#8211; die Unstimmigkeit der Stimmung macht die Frage noch dr\u00e4ngender, warum sie sich mitteilt. Jede Autobiographie hat etwas Exhibitionistisches. Warum sehr Privates in die anonyme \u00d6ffentlichkeit streuen? Und schlie\u00dflich die Frage auf der Leserseite: will man in jedem Fall Teilhaber des Privaten werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es reihen sich Kapitel verschiedener Pr\u00e4gung aneinander: am\u00fcsante Details der Jugend, die schon v\u00f6llig vergessen waren wie die widerspenstigen Strumpfhalter, die in der Halb\u00f6ffentlichkeit unter dem Rock zur R\u00e4son gebracht werden mussten, wenn sie sich wieder einmal gel\u00f6st hatten. Oder sehr bem\u00fchte, gestelzt vorgetragene Betrachtungen bis hin zu gelungenen Sprachspielen wie etwa, dass die wahre Artistik des Alterns die Gabe sei, zwischen Altersgem\u00e4\u00dfen und Zeitgem\u00e4\u00dfen unterscheiden zu k\u00f6nnen. Das sei ein K\u00f6nnen, das Alte vor\u00fcbergehend noch k\u00f6nnen k\u00f6nnen. Die kurzen Kapitel machen das Lesen leicht. Gelegentlich m\u00f6chte man noch eins mehr &#8211; aber man muss nicht unbedingt. <strong>\u00a0Note: <\/strong>3\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fischer\u00a0 2006,\u00a0 202 Seiten . \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0&gt;&gt;\u00a0\u201cWhat a drag it is getting old&#8230;\u201d stellen die Stones in ihrem legend\u00e4ren Song \u201c mothers little helper\u201d schn\u00f6rkellos fest, was der T\u00fcbinger Autor Veit M\u00fcller in seinen Live Lyrix frei aber treffend so &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=359\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[41,40],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=359"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1864,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions\/1864"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=359"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}