{"id":330,"date":"2009-08-22T12:01:10","date_gmt":"2009-08-22T10:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=330"},"modified":"2023-11-22T19:01:28","modified_gmt":"2023-11-22T17:01:28","slug":"david-foster-wallace-schrecklich-amuesant-aber-in-zukunft-ohne-mich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=330","title":{"rendered":"Schrecklich am\u00fcsant,aber in Zukunft ohne mich &#8211; David Foster Wallace"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_schrecklich_am\u00fcsant.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-332\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_schrecklich_am\u00fcsant-187x300.jpg\" alt=\"Schrecklich am\u00fcsant-aber in Zukunft ohne mich\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_schrecklich_am\u00fcsant-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_schrecklich_am\u00fcsant.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Goldmann 2006, 183 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Wenn schon eine Seefahrt lustig ist, wie lustig wird dann erst eine Kreuzfahrt? Zu lustig, meint David Foster Wallace, der von sich sagt, er leide unter Agoraphobie, vulgo Platzangst, also keine ideale Voraussetzung f\u00fcrs Kreuzfahrten.<br \/>\nSieben Tage verbringt der Autor auf dem Schiff Nadir und beschreibt akribisch und meist ironisch eine F\u00fclle oftmals skurriler Details. Die Ko-Kreuzfahrer, die Mannschaft, das Programm, die technischen Details (Schwerpunkt Unterdruck-WC). Nichts, was seinem wachen Auge entgehen w\u00fcrde. Gelungen seine Gedanken zum \u00a0\u201eprofessional smile\u201c des Personals, wobei er immer wieder \u00a0auf die miserablen Arbeitsbedingungen der unteren Chargen hinweist, gelegentlich schimmert etwas amerikanischer Selbsthass durch. K\u00f6nnte die Charakterisierung der amerikanischen Touristen als \u201ebovines Herdentier und Fleischfresser\u201c (Seite 110) nicht auch auf andere Nationalit\u00e4ten zutreffen? Nachvollziehbar beschreibt er,\u00a0 wie schnell man sich an Verw\u00f6hnung gew\u00f6hnt, wie schnell die Anspr\u00fcche steigen und dann solange gesucht wird, bis man doch etwas zum Kritisieren findet.<br \/>\nDie Fu\u00dfnoten (Parodie auf wissenschaftliche Schreibe?) erleichtern die Lekt\u00fcre nicht, ebenso manche Wiederholungen.<br \/>\nInsgesamt eine am\u00fcsante, anschaulich und originell geschriebene Lekt\u00fcre, die sich aber jemand, der eine Kreuzfahrt f\u00fcr sich selbst immer schon ausgeschlossen hat, vielleicht auch sparen kann. <strong>Note: <\/strong>2\u2013 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;10 Jahre nach Neil Postmans ber\u00fchmter Rede auf der Frankfurter Buchmesse \u201eWir am\u00fcsieren uns zu Tode\u201c entf\u00fchrt uns David Foster Wallace literarische Reportage in die Abgr\u00fcnde eines 7-t\u00e4gigen Karibik-Kreuzfahrt. Was die Auftragsarbeit f\u00fcr \u201eHarpers Magazine\u201c auf und unter Deck aufdeckt, ist weniger das Produkt eines investigativen Recherche (sie wird, wenn sie denn \u00fcberhaupt intendiert war, durch das Schiffsmanagement gr\u00fcndlich behindert) sondern das Resultat eines glaubhaften Leidensberichts des 35-j\u00e4hrigen Autors, der schon im Einleitungskapitel (\u201eEntentanz von 500 amerikanischen Leistungstr\u00e4gern\u201c, \u201eSkeetschie\u00dfen\u201c \u201ePelikan auf Fenchel\u201c, \u201eBierb\u00e4uche\u201c, \u201eSakkos von menstrualem Rosa\u201c, \u201eKrampfadern und Besenreiser\u201c, \u201ePetra mit den Gr\u00fcbchen\u201c etc.)\u00a0 viel von dem andeutet, wohin die Reise ging. Was sich von der \u201eVerladeprozedur\u201c (die Schindlers-Liste Assoziation erschient mir als Fehlgriff), der Einschiffung in \u201eSt\u00fcckmengen\u201c bis zum skurril-hypnotischen Abgesang in diesen 7 Tagen auf den verschiedenen Decks, an Tisch 64, in Kabine 1009, in den Daueram\u00fcsement- und Rundumversorgung Etablissments abspielt, ist der Mikrokosmos einer Spezies namens \u201eNadiriten\u201c, dem der Autor und Mit-Nadirite erst wieder mit seinem \u201eWiedereintritt in das normale, selbstverantwortliche Landratten entkommt\u201c. Was aber offenbart uns als Leser dieser Mikrokosmos: Dass das teuer bezahlte Bed\u00fcrfnis nicht nur des US-B\u00fcrger gehobenen Mittelstands und der Ostk\u00fcstenadel nach Luxustourismus, nach Rundumverf\u00fchrung,\u00a0 \u201epandemischem Service-L\u00e4cheln\u201c, \u201cCelebrity-Philosophie\u201c, \u201ewahnwitzigem Ausma\u00df der Verw\u00f6hnung der Maschine-Nadir\u201c, \u201eLobster Night\u201c,\u00a0 \u201eGl\u00fcckseligkeits- und Heilsversprechungen\u201c eine vielfach verdr\u00e4ngte Voraussetzung in ethnisch-hierarischen Herrschaftsstrukturen hat, im Falle der \u201eNadir\u201c vom griechischen Elitekader bis zu den Drittwelt-Gestalten der \u201eService-Sklaven\u201c, die nur f\u00fcr einen kurzen Augenblick in der gl\u00e4nzenden Episode des libanesischen Gep\u00e4cktr\u00e4gers ein pers\u00f6nliches Gesicht bekommen.<br \/>\nWenn Wallace zurecht empfindet, dass \u201eall diese Kreuzfahrten etwas unertr\u00e4glich Trauriges umgibt\u201c, dann stellt sich nur noch die in einer literarischen Reportage wohl nicht zu beantwortende\u00a0 Frage, warum die \u201eNadiriten\u201c (der Boom von Luxuskreuzfahrten und Clubarrangements ist gewaltig) sich massenhaft, freiwillig, kostenpflichtig und ohne Anzeichen von Scham zu Tode am\u00fcsieren.<br \/>\nApropos Am\u00fcsement: Die Spa\u00dfolympiade \u00ab\u00a0Pool Possen\u00a0\u00bb des Cruise Directors Peterson ist von der letalen Gefahr deutlich weiter entfernt als die zotige Unterdruck-Anekdote \u00fcber seine Gemahlin Mrs Scott Peterson und ihren Mexikaner(hut).<br \/>\nEin Buch, das ich trotz seiner mitunter lesest\u00f6renden Fu\u00dfnoten, zun\u00e4chst in einem Fluss (Karibik!) gelesen habe. Schiffspassage\u00a0 zum fidelen Orkus \u2013 wo ist der Rettungsring? <strong>Note: <\/strong>2\/3 (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Nicht schrecklich, aber am\u00fcsant und in Zukunft mehr mit mir! David Foster Wallace ist eine Entdeckung. Das schmale B\u00e4ndchen Reiseliteratur &#8211; eine Auftragsarbeit &#8211; der anderen Art macht neugierig auf mehr von einem Autor, der in hinrei\u00dfend komischer und spannenden Art die seltsamen Abl\u00e4ufe einer Kreuzfahrt beschreibt.<br \/>\nTrotz aller \u00e4tzenden Kritik an hohlem Am\u00fcsement und herdenhaftem, tumben Verhalten seiner Mitreisenden, schafft er aber auch liebevolle, einf\u00fchlsame Portr\u00e4ts einzelner Personen an Bord und leiht sich am Ende doch noch einen Smoking f\u00fcr das Captain&#8217;s Dinner. <strong>Note: <\/strong>1\/2 (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ein Wallace auf Wellen mit dem journalistischen Auftrag f\u00fcr eine Zeitschrift Eindr\u00fccke einer einw\u00f6chigen Kreuzfahrt durch die Karibik unterhaltsam zu durchleuchten. Der Titel verr\u00e4t bereits das Layout: \u201eschrecklich\u201c und \u201eam\u00fcsant\u201c. Und weil das erstere schwerer wiegt, folgt erwartungsgem\u00e4\u00df \u201eaber in Zukunft ohne mich\u201c. Wallace ist kein Mensch lauter Seemannslieder, sondern als \u201eAgoraphobiker\u201c, wie er sich selbst einstuft, eher der stille Horcher hinter verschlossenen Kaj\u00fctent\u00fcren. Und was er da h\u00f6rt, bekommt durch eigenwillige Assoziationen durchaus am\u00fcsante Kl\u00e4nge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das Kreuzfahrtschiff von Horizont zu Horizont stampft, entdeckt er die kleine Gruppe der Exzentriker samt dem Toupet tragenden Jungen, der nie ohne orangefarbene Schwimmweste beobachtet wird, den extrovertierten Showmeister, dessen Frau nackt auf dem Unterdruckklo des Traumschiffes festgesaugt war, den Seepfarrer, der w\u00e4hrend seiner Predigt vor dem Klappaltar dankenswerterweise auf nautische Metaphern verzichtet und nat\u00fcrlich das reh\u00e4ugige Zimmerm\u00e4dchen Petra. Mit Petra verbindet Wallace eine rege, wiederkehrende Unterhaltung, auch wenn Petra sich in gebrochenem Englisch auf den einf\u00fchlsamen Jauchzer \u201eYou funny thing, you.\u201c beschr\u00e4nkt. Trotz ihrer Einsilbigkeit bleibt sie ein Serviceph\u00e4nomen, da sie ohne je dabei gesehen zu werden, augenblicklich die Bettt\u00fccher gl\u00e4ttet, sollte Wallace l\u00e4nger als 29 Minuten die Kabine verlassen haben. Das Leben an Bord &#8211; ja auch das Bord \/ das Boot selbst ist ein Ph\u00e4nomen &#8211; gepr\u00e4gt von Luxus, Dekadenz, und herrlicher Sinnlosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bleibt nicht aus, dass Wallace gelegentlich in der Ecke der \u00dcberheblichkeit stecken bleibt. Dennoch gelingt es immer wieder, sich mit eingestreuter Selbstironie etwa als Mann mit der Zinksalbennase selbst zum Erz\u00e4hlgegenstand zu machen. Am\u00fcsante Wortspielereien lockern den Text auf, wenn wir von <em>narkoleptischer Bequemlichkeit der Liegest\u00fchle<\/em> oder dem <em> postkoitalen Timbre der Deutschen Sprache<\/em> erfahren. Sehr bem\u00fcht wirken allerdings seine Passagen, die einem ernsten Anspruch folgen, wie etwa die Ausf\u00fchrungen zum \u201eprofessional smile\u201c als Grundlage der Servicekommunikation. Hier wagt der Autor den Schluss, dass aufgesetzte Freundlichkeit durch unterdr\u00fcckte Emotionalit\u00e4t Gewaltverbrechen provoziert. \u00c4hnlich befremdlich wirken kritische Ausf\u00fchrungen zu \u201eInfomercials\u201c, f\u00fcr die der konkurrierende Autor Frank Conroy nach einer \u00e4hnlich beauftragten Kreuzfahrt einen poetisch vermarkteten Essay verfasste. Vergeblich bem\u00fcht sich der Leser zu verstehen, wo die Unterschiede in der Verwerflichkeit zwischen den Auftragsarbeiten von Conroy und Wallace zu suchen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend tr\u00e4gt die leichte Lekt\u00fcre \u00fcber den kultivierten Tagesablauf auf hoher See dennoch zur Erheiterung bei, vielleicht noch mehr, wenn der Leser dabei kreuzf\u00e4hrt. <strong>Note: <\/strong>3 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goldmann 2006, 183 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &nbsp; &gt;&gt; Wenn schon eine Seefahrt lustig ist, wie lustig wird dann erst eine Kreuzfahrt? 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