{"id":310,"date":"2009-03-06T13:28:18","date_gmt":"2009-03-06T11:28:18","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=310"},"modified":"2023-11-22T19:00:51","modified_gmt":"2023-11-22T17:00:51","slug":"roberto-saviano-gomorrha","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=310","title":{"rendered":"Gomorrha- Roberto Saviano"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_gomorrha.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-309\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_gomorrha-198x300.jpg\" alt=\"Roberto Saviano - Gomorrha\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_gomorrha-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/K640_gomorrha.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><strong>Hanser 2007 ,\u00a0 368 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Roberto Saviano legt die Architektur der Gewalt der Camorra offen, entrei\u00dft die T\u00e4te ihrer Anonymit\u00e4t. Pasolinis &#8222;Ich wei\u00df. Ich wei\u00df die Namen&#8220; f\u00fcgt er sein &#8222;und ich habe Beweise&#8220; hinzu.\u00a0 Besonders eindringlich gelungen ist das Kapitel &#8222;Zement&#8220; . Kampanien, das Territorium der Camorra, bekommt eine andere Topographie, eine Topographie der unvorstellbaren Grausamkeit und der Herrschaft der Berretas und Kalaschnikows, die einen erschaudern l\u00e4sst. Ob Bauindustrie, Textilhandel, M\u00fcllgesch\u00e4ft oder Drogen: die Camorra hat alles fest im Griff. Es f\u00e4llt manchmal schwer, weiter zu lesen in diesem Buch. Zu brutal sind die Details der lapidar geschilderten m\u00f6rderischen Akte und Rachakte der Clans. Trotzdem ein mutiges und notwendiges Buch mit literarischen Qualit\u00e4ten. Ob dem literarischen Erfolg politische Konsequenzen folgen, bleibt abzuwarten.<br \/>\n<strong>Note:<\/strong> 2+ (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Als Sohn des Umlandes von Neapel spricht in Roberto Saviano der Journalist, den mit seiner Heimat Heimatlosigkeit verbindet. Eine Heimat, die schon seit zwei Jahrhunderten ein Gomorrha mit besonders brutaler Niedertr\u00e4chtigkeit von geradezu biblischen Ausma\u00dfen ist. Zutiefst ersch\u00fcttert und gleichzeitig doch tiefgr\u00fcndig, teils mit sachlicher Geradlinigkeit und oder auch mit poetisch gefassten Emotionen beleuchtet Saviano diesen s\u00fcditalienischen Zweig des organisierten Verbrechens. Die Camorra &#8211;\u00a0 blutr\u00fcnstiger als die Mafia und gesch\u00e4ftst\u00fcchtiger als die Costa Nostra. Eindr\u00fccklich beschreibt er die unglaubliche Evolution, die immer wieder neue Varianten krimineller Mutanten hervorbringt. Wie Mutationen des Systems neue Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Berufskriminalit\u00e4t generieren, wie Familienclans um Ressourcen ringen, um kriminelle Fortpflanzung ringen und durch Vernichtung konkurrierender Spezies die Vorherrschaft anstreben. Ein Darwinismus der Unmenschlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ausgew\u00e4hlten Detailansichten f\u00fchrt Saviano durch das Reich der Camorra. Neapel als das gr\u00f6\u00dfte Tor Europas f\u00fcr illegale Importe aus China. Im Umland h\u00f6chst produktive chinesische Kleinbetriebe, die unter selbstm\u00f6rderischen Bedingungen international f\u00fchrende Modeh\u00e4user beliefern. Die Wirtschaftphilosophie beim Wechsel vom Heroinhandel mit gesellschaftlichen Au\u00dfenseitern hin zur Livestyle-Droge Kokain etablierter Gesellschaftsschichten. \u00d6ffentliche Testzeremonien mit Todesfolge zur Profilierung neuer Designerdrogen. Jugendliche als die neue Generation besonders enthemmter Gewaltt\u00e4ter. Die \u00fcberraschende Moral und B\u00fcrgern\u00e4he der Camorra in Sonderf\u00e4llen. Der 3600 Tote fordernde Bandenkrieg und die f\u00fcr Schlagzeilen dankbare Presselandschaft. F\u00fcr Jugendliche psychologisches Training zur Furchtlosigkeit mittels Schuss\u00fcbungen auf deren kugelsichere Westen. Die zwanzig brutalsten Formen des Mordens und deren rituelle Botschaften: die Symbolkraft von mit der Flex abgetrennten K\u00f6pfen und in Brunnensch\u00e4chten gesprengten Leichen. Frauen der Camorra, die anders als ihre M\u00e4nner nie als Kronzeugen auftreten. Die Wunder der Kalaschnikow und dass sie mehr Menschleben forderte als alle Atombomben zusammen. Gewalt als vermeintlich altruistische Aufopferung des T\u00e4ters \u2013 quasi eine zutiefst christliche Geste. Zement, die Bauwirtschaft, Abfall und Entsorgung als ureigenste St\u00fctzen des italienischen Verbrechens. Pervertiertes Wertesystem und Ehrverletzung als grundlegende Kraft krimineller Entartung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser lernt viel und hat doch schon so viel gewusst, was er gerne verdr\u00e4ngen w\u00fcrde. Und dann die schleichende Einsicht, dass dies ein Teil des modernen Italien ist, ein Land mitten im zivilisierten Europa. Ein Mittelalter mitten in der Jetztzeit. Und vermutlich gieren K\u00f6pfe der Hydra schon lange auch in unserer Nachbarschaft. Nach der Lekt\u00fcre w\u00e4re alles andere verwunderlich. Ein ziemlich gutes Buch \u00fcber ein h\u00e4ssliches Thema.<br \/>\n<strong>Note: <\/strong>2 \u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Wenn Udo Lindenberg \u00a0den Mafioso Jonny Controlleti besingt, der einen Streifenanzug tr\u00e4gt und \u201eAlles unter Kontrolle\u201c hat, m\u00f6chte man gerne mitsingen. Das vergeht einem aber schnell, wenn man mit Roberto Saviano die \u201eReise in das Reich der Comorra\u201c (Untertitel seines Buches) antritt, einem Reich, wo besagte kriminelle Vereinigung alles unter Kontrolle hat. Oder fast alles, viel zu viel auf\u00a0 jeden Fall. Neapel ist der Hafen dieses Reiches, die ber\u00fchmte Bucht, eine Kloake. Schon auf den ersten Seiten fallen Leichen \u00a0aus Containern. Nach einem so starken Einstieg erregt es dann schon fast nicht mehr, dass 60% der Einfuhren an der Zollkontrolle vorbeigehen. Viele Namen, viele Morde, viel B\u00f6ses. Wird das B\u00f6se omnipr\u00e4sent und repetitiv, wirkt es erm\u00fcdend. Wie das Gute ja auch. Manches wird erz\u00e4hlt, was eher degoutant ist. Das langsame Verrecken von Mordopfern oder postmortale Erektionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberfl\u00fcssiges hat sich eingeschlichen. Wozu ausf\u00fchrlich die Vor- und Nachteile einer Kalaschnikow er\u00f6rtern? Die meisten mitteleurop\u00e4ischen Leser\/innen werden sich nie eine anschaffen k\u00f6nnen\/wollen. Nach und nach versteht man, warum die desolaten sozialen Rahmenbedingungen die \u00a0Jobs bei der Camorra attraktiv machen. Man kann auch den Polizisten verstehen, der sich fragt: \u201cWas geht uns das an? Lassen wir sie doch einfach, die sollen sich doch gegenseitig fertig machen.\u201c Die Sprache Savianos ist gut verst\u00e4ndlich, die \u00dcbersetzung gelungen, die Metaphern gelegentlich etwas k\u00fchn. So werden etwa die Hafenbecken mit den Zitzen eines Muttertieres, der Hafen selbst mit einem Anus verglichen.<br \/>\nNach zweihundert Seiten ein erstes Sto\u00dfgebet: \u201eHerr, lass die Plage an diesem unserem Lande vor\u00fcbergehen.\u201c \u00a0\u00a0Wenn man in das Buch \u201eMafialand Deutschland\u201c von J\u00fcrgen Roth schaut, muss man leider bef\u00fcrchten, dass die Bitte vergeblich war. Roberto Saviano muss wegen dieses Buches um sein Leben f\u00fcrchten. Die Verbrecher der Camorra zwingen ihn sich zu verstecken. Ein Skandal. Ich bewundere den jungen Mann f\u00fcr seinen Mut, er hat meine vollste Hochachtung. Am 21. M\u00e4rz 2009 demonstrierten rund 150 000 Menschen in Neapel gegen die Cosa Nostra, die `Ndrangheta, die Camorra. Zum ersten Mal seit dem Erscheinen seines Buches vor drei Jahren trat Saviano \u00f6ffentlich in Neapel auf und verlas die Namen von Mafia-Opfern. Trotz dieser beeindruckenden Demonstration meint Saviano, dass die Mehrheit der Italiener die Augen vor der ungebrochenen Macht der Mafia verschlie\u00dfe (taz vom 23. M\u00e4rz 2009). Ob das bei uns in Deutschland so viel anders w\u00e4re? <strong>Note: <\/strong>2 \u2013 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Kein Buch f\u00fcrs Feuilleton, kein Buch f\u00fcr Literaturkritik. Was sich im s\u00fcdlichen Vorhof der vatikanischen Moral- und Tugendw\u00e4chter, eingebettet in die malerischen Tourismusoasen am Golfo di Napoli und an der Costiera Amalfitana e Sorrentina abspielt, das ist ein allt\u00e4glicher unerkl\u00e4rter Krieg zwischen atavistischen Familienclans, die mit der zunehmenden Akzeptanz von \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c an der Zivilbev\u00f6lkerung anderen Formen entstaatlichter Gewalt in afrikanischen und asiatischen \u201efailed states\u201c in Nichts nachstehen. Ob in der Gestalt der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, der Ndrangeta, der Camorra \u2013 das Spinnenetz des organisierten Verbrechens ist in (Teilen?) Europas allgegenw\u00e4rtig. &#8222;Ich wei\u00df. Ich wei\u00df die Namen&#8230;&#8220;, schrieb Pier Paolo Pasolini in einem ber\u00fchmt gewordenen Artikel des Mail\u00e4nder <em>Corriere della Sera<\/em> im November 1974. Neunmal leitete der Schriftsteller, Regisseur und Intellektuelle darin seine S\u00e4tze mit der Formel &#8222;Ich wei\u00df&#8230;&#8220; ein. Sie war eine Anspielung auf Zusammenh\u00e4nge zwischen Politik und Verbrechen, auf drohende Putschversuche und Attentate in Italien. Namen nannte der umstrittene Schriftsteller nicht: &#8222;Mir fehlen die Beweise.&#8220; Ein Jahr sp\u00e4ter war Pasolini tot. Brutal zugerichtet wurde der 53-J\u00e4hrige im November 1975 unweit der K\u00fcste im r\u00f6mischen Vorort Ostia aufgefunden. Savianos lebensgef\u00e4hrliche Recherche schlie\u00dft Pasolinis L\u00fccke: \u201cIch wei\u00df, und ich habe Beweise. Ich kenne das Fundament, auf dem die Wirtschaft ruht. Den Geruch von Sieg und Erfolg. Ich wei\u00df, woher das Geld kommt. Ich wei\u00df\u201c.<br \/>\nSaviano wei\u00df es nicht nur von Don Peppino Diana. Ich wei\u00df es jetzt auch. Mein Geruch von Zement und Haut Couture hat sich sensibilisiert, doch\u00a0 das bleibt folgenlos. Ein Hauch von Hoffnung dagegen die Stra\u00dfe und nicht das Lesezimmer: Die in Anwesenheit Savianos am 21. M\u00e4rz veranstaltete Anti-Mafia-Demonstration in Neapel.<br \/>\n<strong>Keine Note <\/strong>(ich ziehe daher meine Note zur\u00fcck). Ich bin gl\u00fccklich, dass unser LQ ohne \u201cCapi dei capi\u201c (Bosse der Bosse) auskommt.&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanser 2007 ,\u00a0 368 Seiten. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &gt;&gt; Roberto Saviano legt die Architektur der Gewalt der Camorra offen, entrei\u00dft die T\u00e4te ihrer Anonymit\u00e4t. Pasolinis &#8222;Ich wei\u00df. 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