{"id":273,"date":"2008-07-04T19:40:20","date_gmt":"2008-07-04T17:40:20","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=273"},"modified":"2023-11-22T18:33:09","modified_gmt":"2023-11-22T16:33:09","slug":"siegfried-lenz-schweigeminute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=273","title":{"rendered":"Schweigeminute- Siegfried Lenz"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schweigeminute.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-276\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schweigeminute-194x300.jpg\" alt=\"Schweigeminute\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schweigeminute-194x300.jpg 194w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schweigeminute.jpg 260w\" sizes=\"(max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a>Hoffmann und Campe 2008,\u00a0 128 Seiten<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Man muss sein Urteil \u00fcber dieses Buch auch mal verschweigen d\u00fcrfen. <strong>Note: <\/strong>4+ (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Schweigeminute ist ein angemessener Titel auch f\u00fcr den Kommentar: in der Tat m\u00f6chte man aus R\u00fccksicht \u00fcber diese Novelle kaum Worte verlieren. Ein zu kleiner Erz\u00e4hlkreis, der sprachliche Raffinesse sucht aber nicht findet. Ein schon gekanntes Melodram: Sch\u00fcler und Lehrerin verlieben sich bis dass der tragische Tod sie scheidet. Wenig Tiefe in den Gef\u00fchlsgr\u00fcnden und manchmal bem\u00fchte, fast befremdliche Konstruktionen wie am \u00fcberaus entt\u00e4uschenden Schluss, wo man hofft, dass der wohlgediente Lenz die Sieltore nun schlie\u00dfen m\u00f6ge, damit die alten fruchtbaren Weidegr\u00fcnde nicht im Brackwasser untergehen. Doch es gibt auch von gelegentlichen frischen Winden aus dem K\u00fcstenwerk am Rande der Ostsee zu berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hirtshafen, kleiner K\u00fcstenort mit Badeg\u00e4sten, Sch\u00fclerregatta, bodenst\u00e4ndigen Charakteren und der sch\u00f6n-sportlichen und unkonventionellen Englischlehrerin Stella Petersen. Stella verguckt sich still aber direkt in Christian, ihren 18-j\u00e4hrigen Sch\u00fcler wie auch er in sie. Die Ann\u00e4herung erleben wir wie das Ansteigen des Meeresspiegels bei auflaufender Flut: eher unauff\u00e4llig bei Stella und mit Erlebniswellen bei ansonsten ruhiger See bei Christian, der uns mit wenig \u00fcberzeugender Sachlichkeit die Begebenheiten schildert. Gemeinsame Badeerlebnisse, Ausfl\u00fcge auf die einsame Vogelinsel, D\u00fcnenkuschelei, Strandsommerfest, eine gemeinsame Hotelnacht im Heimatort und alles vor den Augen der interessierten Nachbarschaft. Kaum nachvollziehbar die weit verbreitete Gelassenheit der Akteure und ihrer Voyeure, was wie eine wenig gekonnte literarische Nachl\u00e4ssigkeit anmutet. Mit zunehmender Liebelei gewinnen die Tr\u00e4umereien von Christian an Farbe, w\u00e4hrend sich Stella schon mal \u00fcber die Normverletzung ihres p\u00e4dagogischen Fehltritts sorgt. Christian hortet w\u00e4hrenddessen Eingemachtes, um mit Stella auf der Vogelinsel in Einsamkeit und Liebe aber ohne Hunger dem Gl\u00fcck zu fr\u00f6nen. Stella \u00fcbt zwischenzeitlich eingeschr\u00e4nkte Distanzierung mit schlechten Noten f\u00fcr seine m\u00e4\u00dfigen Englischleistungen. Dennoch wird ihre Liebe bis zum Ende durchhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingeflochten erscheinen Momente des Todes. Bei der kleinen Segelregatta rettet Stella einen Sch\u00fcler aus einem gekenterten Dingi, verteidigt ein M\u00e4del unter Wasser gegen einen rivalisierenden Mitsch\u00fcler, pflegt ihren sterbenskranken Vater und stirbt bei einem Segelt\u00f6rn dann doch als erste. Sp\u00e4testens an dieser Stelle b\u00f6te sich ein literarischer Tiefgang als Stellas Segelboot verungl\u00fcckt. Christian hatte mit seinem Vater, der \u201eSteinfischer\u201c ist, von einem uralten Unterwassersteinwall Steine zum Hafen transportiert, um dort einen sch\u00fctzenden neuen Wellenbrecher aufzusch\u00fctten. Im Mittelalter provozierten die k\u00fcnstlichen W\u00e4lle, die bis kurz unter die Meeresoberfl\u00e4che reichten, das Auflaufen fremder Schiffe, damit die K\u00fcstenbewohner sich anschlie\u00dfend am angeschwemmten Strandgut bereichern konnten. Kollektiver Mord mit langlebiger Infrastruktur. Die Tragik liegt in der Tatsache, dass der Abbau der alten und Aufbau der neuen Barriere Leben retten sollte. Doch das Gegenteil geschieht, als sich das Segelschiff bei Sturm in den rettenden Hafen fl\u00fcchten will, sich am Wellenbrecher verf\u00e4ngt und der brechende Mast Stella erschl\u00e4gt. All dies wird von Christian beobachtet. Zwar kann er sie noch lebend retten, doch stirbt sie sp\u00e4ter an ihren schweren Kopfverletzungen. Entt\u00e4uschend, dass die Novelle auch hier kaum mehr als eine unreflektierte Unfallbeschreibung liefert. Dann Sch\u00fclerbesuch im Krankenhaus, schulische Trauerfeier und Seebestattung, Ende.<\/p>\n<p>Letztlich ein auch bei st\u00fcrmischer See leicht verdauliches Buch, das mehr durch seine K\u00fcrze als durch seinen Gehalt \u00fcberzeugt. <strong>Note: <\/strong>3\/4\u00a0(ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;<strong>\u00a0<\/strong>Nicht jedes Alterswerk ist meisterlich, auch wenn der Autor einen gro\u00dfen Namen wie Siegfried Lenz tr\u00e4gt. Trotz gekonnter Erz\u00e4hltechnik und an sich spannendem Thema &#8211; 18 j\u00e4hriger Sch\u00fcler verliebt sich in 30- j\u00e4hrige Englisch &#8211; Lehrerin &#8211; gelingt es Lenz in seiner Novelle nicht , den Figuren gen\u00fcgend Tiefgang zu geben. Ganz im Gegensatz zum Protagonisten Christian, der als Steinfischersohn tief auf den Grund der Ostsee tauchen muss. Nein, Lenz verharrt an der Oberfl\u00e4che. Manche Dialoge wirken platt, vorhersehbar, h\u00f6lzern. So was muss auch in den 60-iger Jahren nicht sein und hat nichts mit Lakonie der Erz\u00e4hlkunst zu tun, sondern ist schlicht tr\u00f6ge. Wetten, dass &#8222;Schweigeminute&#8220; bald verfilmt wird ? Neben Traumschiff und Pilcher kann es sicher bestehen! <strong>Note: 4 <\/strong>(\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p><em><strong>Anmerkung aus dem Jahre 2016:<\/strong>\u00a0 Es hat zwar etwas l\u00e4nger gedauert, aber acht Jahre nach Erscheinen der Novelle gab es nun tats\u00e4chlich eine Verfilmung des Stoffes f\u00fcr das Fernsehen. Selten kann man es behaupten, aber hier war es so: <strong>Der Film ist besser als das Buch!<\/strong> Weit \u00fcber dem sonstigen TV- Niveau. (Trotz Edelkitschverdacht am Ende). Vor allem die beiden Hauptdarsteller sind gl\u00e4nzend besetzt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Vom Schweigen zum Heilschweigen. \u201aSchweigeminute\u2019 wird von der gesamten literarischen Kritik einhellig gelobt. Fast \u00fcberschl\u00e4gt sie sich: \u201cWir haben meinem Freund Siegfried Lenz f\u00fcr ein poetisches Buch zu danken\u201c, schreibt zum Beispiel der Vater aller literarischen Quartette. Die zweite Auflage lief schon durch die Druckmaschinen, bevor das Buch auf dem Markt war, meldet der Spiegel (19\/2008). \u201eDie `Schweigeminute`, eine zeitlose Kostbarkeit, sie passt in diese Zeit, res\u00fcmiert Ulrich Greiner in der ZEIT (08.05.08).In diese unsere Zeit, in der, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, Bestseller entstehen oder auch nicht. All dies Lob steigert die Erwartungen des Lesers, \u00fcbersteigert sie sogar vielleicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Der Inhalt de Novelle ist allerorts nachzulesen. Deshalb beschr\u00e4nke ich mich auf ein paar Anmerkungen, die obiges Lob etwas in Frage stellen. Manche Details bleiben r\u00e4tselhaft, wie zum Beispiel die Oxford-Stipendien, die Direktor Block (nomen est omen?) explizit in seiner Trauerrede erw\u00e4hnt (S.9). Wozu eigentlich?\u201eHat es keinen anderen Ausweg f\u00fcr dich gegeben?\u201c fragt Kollege Kugler w\u00e4hrend der Trauerfeier (S.19). Da wird etwas Gravierendes angedeutet, das sp\u00e4ter nicht mehr aufgenommen oder ausgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie bitte S\u00e4tze des Sch\u00fclers Christian laut: \u201eLob und Herrlichkeit, ich nenne die Namen und ergebe mich, Glorie sei Dir. Und dann dies Amen, das unser Orchester echohaft aufnahm, das leiser wurde und das sich wunderbar verlor an ein Universum des Trostes, \u00fcberwunden der Actus Tragicus.\u201c\u00a0Und dann stellen Sie sich einen Gymnasiasten vor, egal ob von heute oder von der Penne\u00a0 anno 1956. Was f\u00e4llt Ihnen auf? Heilige Stella, ora pro nobis, warum auch \u00a0nicht.\u00a0Oder wenn die Lehrerin in Stella durchbricht und sie zur Oberlehrerin wird. Da klingen ihre S\u00e4tze gedrechselt wie ein Erwartungshorizont zur Animals Farm. Dabei ist sie allein mit Christian und spricht mit ihm \u00fcber M\u00e4ngel seiner Interpretation. Auch dieses Buch bildet. Der S\u00fcdl\u00e4nder erf\u00e4hrt allerlei \u00fcber Br\u00e4uche, Kleidung und Wortschatz\u00a0 an der Ostsee. Wer h\u00e4tte auch geahnt, dass Steine gefischt werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat mir gefallen? Beeindruckend, wie geschickt Lenz immer wieder die Perspektive wechselt \u201eSie trat ans Fenster, als suchtest du etwas\u201c. Immer wieder gelingen dem Erz\u00e4hler wunderbare S\u00e4tze, wenn er in Abwandlung eines Nietzsche-Zitates (\u201eDenn alle Lust will Ewigkeit\u201c) bescheidener von der \u201eSehnsucht nach Dauer\u201c oder den Zusammenhang zwischen Schweigen und Gl\u00fcck andeutet: \u201eIch begriff, dass ich diese Entdeckung nicht in der Schule preisgeben durfte, einfach, weil mit einer Preisgabe etwas aufzuh\u00f6ren drohte, das mir alles bedeutete \u2013 vielleicht muss ja im Schweigen ruhen und bewahrt werden, was uns gl\u00fccklich macht\u201c. (S.126) Ein Ja zum Heil-Schweigen.<br \/>\n<strong>Note: <\/strong>3+\u00a0( ax)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoffmann und Campe 2008,\u00a0 128 Seiten &nbsp; &gt;&gt;Man muss sein Urteil \u00fcber dieses Buch auch mal verschweigen d\u00fcrfen. 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