{"id":249,"date":"2007-11-09T13:53:01","date_gmt":"2007-11-09T11:53:01","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=249"},"modified":"2023-11-22T18:31:52","modified_gmt":"2023-11-22T16:31:52","slug":"maria-barbal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=249","title":{"rendered":"Wie ein Stein im Ger\u00f6ll &#8211; Maria Barbal"},"content":{"rendered":"<p><strong><em><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/stein_im_ger\u00f6ll.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-253\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/stein_im_ger\u00f6ll-185x300.jpg\" alt=\"Wie ein Stein im Ger\u00f6ll\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/stein_im_ger\u00f6ll-185x300.jpg 185w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/stein_im_ger\u00f6ll-633x1024.jpg 633w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/stein_im_ger\u00f6ll.jpg 777w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a>Transit Buchverlag 2007, 125 Seiten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Maria Barbals Roman ist die pers\u00f6nliche Geschichte von Conxa, die als M\u00e4dchen in den mittellosen katalanischen Pyren\u00e4en aufw\u00e4chst und als junge Frau ein bescheidenes Familiengl\u00fcck erlebt, um es schlie\u00dflich tragisch zu verlieren. Als alte Frau vergeht sie letztlich in der Gesichtslosigkeit der entfremdenden Gro\u00dfstadt. Eine Geschichte, die nicht nur biographische Z\u00fcge Maria Barbals Verwandtschaft tragen soll, sondern auch das pers\u00f6nliche Schicksal der Protagonistin Conxa in die Wirren des spanischen B\u00fcrgerkriegs und damit in eine widerspr\u00fcchliche historische Epoche der iberischen Halbinsel einbindet. Dreimal muss sie in ihrem Leben von dem wenigen, was sie ihr seelisches Eigentum nennt, Abschied nehmen. Erst wird unter der Armutslast die Dreizehnj\u00e4hrige von den Eltern an die Tante abgetreten. Dann verliert die gl\u00fcckliche Ehefrau durch die m\u00f6rderische Willk\u00fcr der falangistischen Milizen ihren Gatten. Im letzten Lebensabschnitt entgleitet der Gro\u00dfmutter schlie\u00dflich ihre Heimat. In gewisser Weise wird Conxa somit auch zur Inkarnation einer politischen Landesgeschichte, da auch Katalonien lange Zeit leidend und auf der Suche nach Identit\u00e4t viele Verluste hat hinnehmen m\u00fcssen. W\u00e4hrend jedoch Katalonien und allen voran Barcelona in der Gegenwart erstarken, vergeht Conxa gerade in Barcelona in der Identit\u00e4tslosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erz\u00e4hlt wird die Geschichte aus der unspektakul\u00e4ren Sicht der einfachen, aufrichtigen Frau vom Lande &#8211; eine Sicht, die durch ihre Schn\u00f6rkellosigkeit gepr\u00e4gt ist, die keine Wortgewalt kennt und der die urs\u00e4chlichen Zusammenh\u00e4nge politischer und sozialer Verflechtungen weitgehend verschlossen bleiben. Literarisch konsequent folgen die Gedanken einer schlichten, chronologischen Gradlinigkeit und bleiben auf kurze, weitgehend nur einem Thema gewidmete zwei- bis dreiseitige Kapitel begrenzt, wodurch die facettenarme, aber klare Gedankenwelt der Ich-Erz\u00e4hlerin f\u00fcr den Leser noch st\u00e4rker profiliert wird. Die t\u00e4gliche M\u00fchsal in den kargen Regionen Kataloniens l\u00e4sst den Eltern keine Mu\u00dfe und kaum Brot f\u00fcr die eigenen sechs Kindern. Conxa wird der kinderlosen Tante \u00fcbertragen, die eine Arbeitskraft gut gebrauchen kann. Von Daheim unerreichbar weit entfernt, versucht Conxa sich mit dem Gedanken zu tr\u00f6sten, dass sie der eigenen Familie etwas Gutes tue, da es nach ihrem Fortgehen einen Esser weniger an deren Tisch gebe. Wie ihre aufopfernd sich plagende (aber gef\u00fchlsarme) Mutter f\u00e4llt auch Conxa als rechtschaffendes M\u00e4del auf, das im neuen Verwandtschaftskreis bald ein verbindendes, respektbetontes Familiengef\u00fchl entwickelt. Die leibliche Familie wird Conxa erst nach f\u00fcnf Jahren und nur beil\u00e4ufig wiedersehen. Das Leben und Arbeiten folgt dem steten Kreis der Jahreszeiten, Conxa reift zur jugendlichen Frau und lernt auf einem Tanzabend den lebensfrohen Handwerker Jaume kennen. Nachdem Jaume Conxas Tante die \u00dcbertragung seiner laufenden Eink\u00fcnfte zusagt, wird ihm gestattet Conxa zu ehelichen. Es folgen ausgef\u00fcllte Familienjahre mit drei Kindern bis der politische Freiheitsdrang von Jaume ihn zum Opfer der inzwischen etablierten Franco-Anh\u00e4nger werden l\u00e4sst. W\u00e4hrend Conxa ihrem eng umschriebenen Biotop verhaftet bleibt und angstvoll auf Unbekanntes au\u00dferhalb ihres Horizontes reagiert, stellt Jaume den Gegenpol dazu dar. Zieht Conxa intuitiv die Sicherheit der Freiheit vor, so tritt Jaume begeistert vom republikanischen Gedankengut \u00f6ffentlich als lokaler Friedensrichter auf und wird nach einem t\u00f6dlichen Anschlag unbekannter T\u00e4ter von den Faschisten ermordet. Conxa wird im Zuge der Sippenhaft zusammen mit der \u00e4ltesten Tochter verschleppt, wochenlang interniert, erniedrigt und schlie\u00dflich in ihr Dorf entlassen, welches ihr fortan mit Misstrauen begegnet. Ihr Lebenswille ist gebrochen, sie f\u00fchlt sich <strong><em>wie ein Stein im Ger\u00f6ll<\/em><\/strong>: leblos und nur weiterrollend, wenn der ganze Hang ins Rutschen ger\u00e4t. Ihre drei Kinder heiraten, die beiden T\u00f6chter verlassen die Mutter, Tante und Onkel sterben, in Haus und Seele gefriert die Leere. Der m\u00fcrrische Sohn Mateu bindet sich an eine empfindsame Frau, die Conxa mit Ablehnung begegnet. Der Generationenvertrag verpflichtet jedoch den Sohn, die alternde Mutter zu versorgen. Als ihm ein Pf\u00f6rtnerloggenposten im fernen Barcelona angeboten wird, ziehen sie in den Moloch Gro\u00dfstadt. F\u00fcr die junge Generation ist es die lang ersehnte Flucht aus den entbehrungsreichen H\u00e4rten des Landlebens, f\u00fcr die alte Conxa der letztm\u00f6gliche Verlust. \u201eBarcelona, das ist ein ferner Himmel und schreckhafte Sterne\u2026 Barcelona, das ist niemanden zu kennen\u2026Barcelona, das ist L\u00e4rm ohne Worte und ein klebriges Schweigen\u201c. Conxa schreibt ihre Lebensgeschichte aus der Einsamkeit eines siebenst\u00f6ckigen Hochhauses mit dem R\u00fcckblick auf eine einfache, aber letztlich sinnstiftende Heimat, die es f\u00fcr sie nicht mehr gibt, so dass sie mit den Worten schlie\u00dft: \u201eBarcelona, das ist f\u00fcr mich etwas sehr Sch\u00f6nes. Die letzte Stufe vor dem Friedhof.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bewegt-stilles und in der Einfachheit ber\u00fchrendes Werk, das in Katalonien mit Recht in den Literaturkanon des Bildungssystems aufgenommen wurde.<strong>Note<\/strong>: 2+ (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Arbeit, Liebe und Tod. Diese Dreifaltigkeit bestimmt das Leben von Conxa, der Protagonistin von \u201eWie ein Stein im Ger\u00f6ll\u201c. Keine ungew\u00f6hnlichen Ingredienzien f\u00fcr einen Roman. Die Jahre vor der Zweiten Republik, der B\u00fcrgerkrieg, die Franco-Diktatur bilden den zeitlichen Rahmen der in den katalanischen Pyren\u00e4en spielenden Handlung. Mit dreizehn Jahren muss Conxa ihre Familie verlassen, zieht zu Tante und Onkel; eine Esserin weniger am famili\u00e4ren K\u00fcchentisch. Sie ist t\u00fcchtig, wird zusehends akzeptiert, vielleicht auch weil sie sich fast immer an vorgegebene Strukturen anpasst. Eignet sich also nicht als Identifikationsfigur f\u00fcr den feministischen Stammtisch. Ganz anders Jaume, d i e Liebe ihres Lebens, mit dem sie drei Kinder hat. Er ist Wanderarbeiter, eine Ausnahme im Bauerndorf, k\u00e4mpft f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. Dabei ist er ein r\u00fccksichtsvoller Mensch. Wie sollen wir seinen Satz verstehen, \u201edass alles eigentlich ganz einfach w\u00e4re, wenn\u2026 Dann schaute er mich an und schwieg\u2026.\u201c(Seite 43). Wenn, ja wenn? Conxa, die das Vertraute liebt, erlebt sein Politengagement eher als bedrohlich. Manchmal qu\u00e4len sie d\u00fcstere Vorahnungen. Jaume wird am Ende des B\u00fcrgerkrieges ermordet und verscharrt. Auch Conxa und ihre T\u00f6chter werden deportiert und monatelang interniert. Anr\u00fchrend wird der nie \u00fcberwundene Schmerz (weil durch die politischen Verh\u00e4ltnisse tabuisiert) \u00fcber den Verlust des Partners beschrieben. Als ihr Sohn Mateu den Hof aufgibt und in Barcelona als Pf\u00f6rtner arbeitet, zieht sie mit. \u201eBarcelona, das ist ein ferner Himmel und schreckhafte Sterne\u201c. Conxa kennt Barcelona nur aus der Sicht der Pf\u00f6rtnerloge und als die \u201eletzte Stufe vor dem Friedhof\u201c. Davon gibt es dort einige sehr sch\u00f6ne (f\u00fcr tempor\u00e4re Besucher nat\u00fcrlich).Es gibt viele Barcelonas. Meines sieht ganz anders aus. Als \u201eStadt der Wunder\u201c hat Eduardo Mendoza diese Stadt beschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Conxa ist keine typische Romanheldin. Aber vielleicht wei\u00df sie intuitiv mehr als viele moderne Menschen von der Schicksalhaftigkeit menschlicher Existenz, von den Illusionen \u00fcber die Spielr\u00e4ume der sogenannten Lebensentw\u00fcrfe, der vorgeblichen Autonomie. Nur einmal spielt Conxa Schicksal. Bei der Suche nach einer Frau f\u00fcr ihren Sohn wird sie aktiver als gew\u00f6hnlich. Das Ergebnis m\u00f6ge die Leserin\/ der Leser selbst beurteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Kein politischer Roman, kein sozialer Roman, obwohl ein subtiles Soziogramm des d\u00f6rflichen Lebens gezeichnet wird. Wir erfahren viel \u00fcber das harte Leben in Gebirgsd\u00f6rfern, die sozialen Strukturen und Kontraste, die Rolle einer konservativ bis reaktion\u00e4ren Kirche in Gestalt des Dorfpfarrers. Die spanische Sprache taucht nur in negativen Zusammenh\u00e4ngen auf: In der Schule oder aus dem Mund der Franco-Soldaten. Daneben viel Natur. Allein die vielen Namen von Pflanzen und Tieren. Ein stellenweise anr\u00fchrender Roman, ein Gebirgsroman ohne katalanische Heidi, ein Roman, der nicht geschrieben wurde um verfilmt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unpr\u00e4tenti\u00f6s und ohne literarische Vexier-oder Collagespielchen, ein Roman, der dem wie hie\u00df er doch gleich Literaturpapst vermutlich kaum gefallen h\u00e4tte, ein guter Roman also. <strong>Note<\/strong>: 1\/2 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transit Buchverlag 2007, 125 Seiten. &gt;&gt;Maria Barbals Roman ist die pers\u00f6nliche Geschichte von Conxa, die als M\u00e4dchen in den mittellosen katalanischen Pyren\u00e4en aufw\u00e4chst und als junge Frau ein bescheidenes Familiengl\u00fcck erlebt, um es schlie\u00dflich tragisch zu verlieren. 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