{"id":225,"date":"2006-11-08T12:48:15","date_gmt":"2006-11-08T10:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=225"},"modified":"2023-11-22T18:30:59","modified_gmt":"2023-11-22T16:30:59","slug":"wolfgang-buescher-berlin-moskau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=225","title":{"rendered":"Berlin-Moskau &#8211; Wolfgang B\u00fcscher"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/berlin_moskau.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-227\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/berlin_moskau-187x300.jpg\" alt=\"Berlin- Moskau\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/berlin_moskau-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/berlin_moskau-637x1024.jpg 637w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/berlin_moskau.jpg 703w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Spiegel Edition|04\u00a0\u00a0\u00a0 2006,\u00a0 224 Seiten<\/strong><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">&gt;&gt;Deutlich nach der politischen Wende macht B\u00fcscher sich auf in den Staub: 2.500 km Geradlinigkeit, ein Fu\u00dfmarsch von Berlin nach Moskau, meist entlang den Marschrouten militanter Wanderer \u2013 mit Erinnerungen an Napoleon und Hitlers Heeresgruppe<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><i>Mitte<\/i>. Davon spricht sein literarischer Bericht und von den meist bitteren Fr\u00fcchten, die heute all jene ernten, die entlang des Weges sesshaft geblieben sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend im ostelbischen Werder die Feldsteinkirche \u201eDeckung unter den alten Kastanien\u201c nimmt, passiert er die Lindenallee bei M\u00fcncheberg, wo die SS vermeintliche Deserteure von der Lastwagenrampe aus an die \u00c4ste kn\u00fcpfte. Alles Weitere ergab sich beim Gas geben. Letzte Gedanken an neuntausend Granatwerfer beim letzten Gefecht im deutschen Oderbruch, dann folgt Polen auf der anderen Grenzseite. Damit ist das kurze Deutschland hinter dem bedr\u00fcckenden Berlin, in dem zur selben Zeit \u201eAngestellte in breiter Formation in ihre B\u00fcros\u201c fahren, schon zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcscher zieht eine gerade, siebenhundert Kilometer lange West-Ost Linie durch Polen \u2013 nicht nur weil der Weg tats\u00e4chlich kurvenarm ist, sondern weil B\u00fcscher auch z\u00fcgig durch will. \u201eDas Land und ich liefen aneinander vorbei, ich wollte es rasch hinter mich bringen\u2026 Polen kam aus der Gegenrichtung und strebte nach Westen\u201c mit einer \u201eGegenwart, die ein einziger Baumarkt war\u201c. Auch im polnischen Kernland will sich trotz kr\u00e4ftigem Mischwald kein Naturempfinden einstellen. Wenigstens der Wald von Pniewy beschert ihm eine gl\u00fcckliche Begegnung und eine l\u00fcckenlose Kette befreundeter Deutschlehrerinnen, die ihm fortan das N\u00e4chtigen quer durch Polen erleichtert, auch wenn sie wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sein Davonlaufen von Daheim haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Eindr\u00fccke, meist in grau und schwarz und klein, reiht B\u00fcscher aneinander. Zwei hingegen wirken gro\u00df und hinterlassen historische Farbeindr\u00fccke. Es sind die Kriegsgeschichten au\u00dfergew\u00f6hnlicher Frauen und ihrer M\u00e4nner, die dem politischen Wahnsinn trotzten, starke Menschen blieben in einer unmenschlichen Zeit. So zum Beispiel die polnische Doppelagentin, Gr\u00e4fin von bet\u00f6render Sch\u00f6nheit und un- erschrockene Husarin mit pochendem Herz f\u00fcr uniformierte Edelleute diesseits und jenseits des Frontverlaufs.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je \u00f6stlicher der Landstrich desto mehr verblassen die Farben. Das gilt f\u00fcr jeden Punkt der uns\u00e4glichen Strecke und f\u00fcr jedes Selbstverst\u00e4ndnis, egal wo man es antrifft. Der \u00f6sterlichere Osten wird stets verachtet. \u201eDer Osten wurde weiter und weiter gereicht\u201c, egal ob von Ostdeutschen zu Polen, von Westpolen zu Ostpolen, von Polen zu Wei\u00dfrussen, von Wei\u00dfrussen zu Russen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst Moskau ist wieder westlich, also zivilisiert. Der \u00dcbergang nach Wei\u00dfrussland ist ein stundenlanger Nervenkrieg. Die Businsassen verweigern Bakschisch, der Zollbeamte verbohrt sich in seine Selbstgef\u00e4lligkeit, keifende alte Schmugglerinnen wollen den Gewinn nicht teilen. Irgendwann ist der Spuk verbraucht. Es folgt die erste Nacht in einem sowjetischen Rohbau, in dem mit aller Pingeligkeit jede Form von \u00c4sthetik unterbunden worden war. Die zweite Nacht konfrontiert ihn mit dem Rohbau einer Seele, als er in der Not den Verschlag mit einem Halbwilden teilt, der wie ein Tier aufschreit, sobald er einschl\u00e4ft. Wei\u00dfrussland ist das komplizierteste Land. B\u00fcscher mag es nicht. Auch das Land mag ihn nicht. So auch am Busbahnhof, wo am doppelt besetzten Fahrkarten-schalter \u201ePerson eins\u201c b\u00f6se mit ihm ist und ihn an \u201ePerson zwei\u201c verweist, die auch b\u00f6se mit ihm ist und ihm befiehlt, sich zu setzen. B\u00fcscher bleibt nicht lange sitzen, sondern wechselt auf den Standstreifen der Autobahn, der f\u00fcr ihn zur \u00dcberholspur wird. Hier bieten Bauern ihre Waren feil, hier kann er so richtig \u201eStrecke machen\u201c bis er das b\u00fchnenbildhafte Minsk erreicht. Ein vertrautes Zwiegespr\u00e4ch folgt und schon bald ist die Metropole ihm ein \u201eMinsky\u201c.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Minsk saugt das Gift der Nation auf, bietet ganzen Landstrichen im Windschatten der radioaktiven Wolke nach der Vertreibung neue Luft zum Atmen. Hier trifft B\u00fcscher einen Liquidator, der ihn in das hunderte Kilometer entfernte Tschernobyl f\u00fchrt und beim Anblick des geborstenen Reaktors in archaische Begeisterung verf\u00e4llt: \u201e\u2026 so viel Potenz. Die Energie! Die Energie!\u201c Zur\u00fcck in Minsk pendelt B\u00fcscher zwischen orthodoxen Kirchen und McDonalds Filialen &#8211; letztere wegen der Toilettenhygiene, die von gr\u00f6\u00dferer kultureller Nachhaltigkeit ist als die Bibliothek des deutschen Goethe Institutes. Wei\u00dfrussland bietet als \u201eexportf\u00e4higen Rohstoff\u201c neben Holz nur Erinnerungen an, deretwegen auch B\u00fcscher gekommen ist. Vieles ist noch verwoben mit den Schrecken des Krieges oder den leiser werdenden Schreien der Nachkriegszeit. Im Hier und Jetzt verwurzelt dagegen gibt sich der einzige ortsans\u00e4ssige, sibirische Yogi mit seiner inner- und \u00e4u\u00dferlich angewandten Wermutkur und nat\u00fcrlich die t\u00fcchtige Prostituierte Natascha, die ausdauernd wie ein deutsches Eichengew\u00e4chs in der Hotelhalle Wurzel geschlagen hat.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg zieht sich. Sommerhitze, hartn\u00e4ckige Gewitter, tagelange Fu\u00dfm\u00e4rsche neun, zehn, elf Stunden auf Chaussee und Autobahn Seitenstreifen, sumpfige Ein\u00f6de und immer der gleiche Lebenserhalt: Schokolade und Wasser. In Orscha, wo mehr Betrunkene nach Luft r\u00f6cheln als anderswo, fl\u00fcchtet B\u00fcscher in den n\u00e4chst besten Zug, der ihn vor die russische Grenze bringt. Kurz vor dem Grenz\u00fcbertritt wirft sich noch mal eine Wodka-durchtr\u00e4nkte Bellorussin an seine Brust zu einem Tanz, der mehr ein Kampf ist. Dann betritt er das lang ersehnte russische Paradies.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Rudnja f\u00e4llt nach bekannt werden von B\u00fcschers Ursprung die Begr\u00fc\u00dfung \u00fcberschw\u00e4nglich aus, denn man begr\u00fc\u00dft den Verlierer, dessen Niederlage den kleinen Ort ber\u00fchmt gemacht hat (hier bleibt Vergangenheit). Von hier kommt der Soldat, der bei der Eroberung Berlins die russische Fahne auf dem Reichstag gehisst hat. Leider ist auch er schon aus einer Wodka-vereisten Haarnadelkurve ins Nirwana gerast. Hinter Smolensk dann Kartyn, wo Stalin 4420 Mitglieder der polnischen Elite vernichten lie\u00df, bis er an den russischen Br\u00fcdern noch gr\u00f6\u00dfere Verbrechen am selben Ort beging. Danach die Begegnung mit dem Jungmusiker Andrej, der das notorische Gr\u00fcbeln russischer Textmusik philosophiefrei durch Spa\u00dfmusik ersetzen will. Andere dagegen, wie der alte Michail, sch\u00f6pfen St\u00e4rke aus den Harz-weinenden Heiligen Ikonen, die nicht nur den Glauben sondern auch das Leben festigen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcscher hat den Kontakt nach Deutschland seit langem unterbrochen. In Smolensk holt ihn jedoch die exportierte Heimat ein. War das ausgemusterte Vehikel mit der Aufschrift \u201eBusreisen Obersberger\u201c nicht sein Ausflugsbus als Penn\u00e4ler gewesen? Jetzt nicht mehr. Jetzt geht er zu Fu\u00df oder besser: es geht ihn. Er nimmt nicht mehr wahr, was um ihn herum geschieht. Die ganze und oft genug die letzte Kraft geht in die ewig dahin-huschenden Wanderschuhe. Er ist ein Landstreicher Russlands geworden. So schmutzig, so behandelt und oft von den gleichen Selbstzweifeln zerfressen. Auch dieses Land ist \u201ebodenlos\u201c, ohne jede Form von Sch\u00f6nheit. Das ist es, was so unendlich viel Kraft kostet. Es ist unglaublich schwer, sich nicht gehen zu lassen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder folgt er dem d\u00fcsteren, abgashaltigen Mundgeruch der r\u00f6hrenden Autobahn, leistet verbittert Widerstand gegen einen betr\u00fcgerischen Kellner, muss mit seinen verdreckten Klamotten weiterziehen, weil keine der Kittel besch\u00fcrzten Frauen sie ihm waschen will. Russland verdichtet sich f\u00fcr ihn zu einem einzigen Wort: \u201eSchrott\u201c \u2013 Staatsschrott, Stadtlandflussschrott, Seelenschrott. Erst am heiligsten Ort Russlands, im Geh\u00f6lz von Boris-Gleb, wartet Entgegenkommen und spirituelle Ruhe auf ihn, auch wenn er die Zweifel, dass hier himmlische Wunder nur vorget\u00e4uscht werden, nicht los wird. Kurz hinter Gagarin, das nach dem ersten Kosmonauten benannt worden ist, muss er das Zimmer mit einem Mitschl\u00e4fer teilen, der ihn im Schlaf \u00fcberf\u00e4llt \u2013 oder ist es nur ein irrealer Wahn, der als \u00dcberdruck seines \u00fcberkochenden Seelenzustand entweicht? Die verwundeten Welten beginnen zu verschwimmen. Zuletzt dann die reale Umarmung des Moskauer Ortschildes.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend B\u00fcscher feiert, bleibt beim Leser die Beklemmung, nirgendwo angekommen zu sein, das Gef\u00fchl, zu dicht hinter dem Autor gegangen zu sein, so dass der Blick ins Offene versperrt bleibt. Hinter einem Schwei\u00df durchsetzten Hemd, das vor allem durchwill, freudlos und verbissen. Und die Landstriche? 2.500 km Wegstrecke entwertet zum transkontinentalen Flur durch eine verwahrloste Sozialstation. Und so flieht am Ende der Leser in die Hoffnung, dass es sich weniger um eine \u00e4u\u00dfere als um eine innere Wegbeschreibung handeln m\u00f6ge, vielleicht eine Aufarbeitung historischen Seelenringens. Doch vom Flur aus ist nur ein unm\u00f6blierter Verschlag zu sehen. Dass das Ich des Wanderers sich hier irgendwo niedergelassen hat, l\u00e4sst der befremdliche Schluss vermuten: mit gro\u00dfer Genugtuung sieht der inzwischen geschmackvoll gekleidete Landstreicher an der Seite einer betreuenden Natalia die stehenden Moskauer Wagenkolonnen an sich vorbeirauschen, w\u00e4hrend sein Chauffeur auf dem verbotenem Mittelstreifen die Privilegien russischer Limousinen vorf\u00fchrt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz inhaltlicher Tiefen darf der Leser wiederholt auf sprachlichen H\u00f6hen wandern.<br \/>\n<strong>Note<\/strong>: 3\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiegel Edition|04\u00a0\u00a0\u00a0 2006,\u00a0 224 Seiten. &gt;&gt;Deutlich nach der politischen Wende macht B\u00fcscher sich auf in den Staub: 2.500 km Geradlinigkeit, ein Fu\u00dfmarsch von Berlin nach Moskau, meist entlang den Marschrouten militanter Wanderer \u2013 mit Erinnerungen an Napoleon und Hitlers Heeresgruppe\u00a0Mitte. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=225\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[13,12],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=225"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1849,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions\/1849"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}