{"id":220,"date":"2006-09-15T12:36:50","date_gmt":"2006-09-15T10:36:50","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=220"},"modified":"2023-11-22T18:30:43","modified_gmt":"2023-11-22T16:30:43","slug":"daniel-kehlmann-die-vermessung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=220","title":{"rendered":"Die Vermessung der Welt &#8211; Daniel Kehlmann"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/vermessung_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-222\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/vermessung_klein-189x300.jpg\" alt=\"Die Vermessung der Welt\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/vermessung_klein-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/vermessung_klein-645x1024.jpg 645w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/vermessung_klein.jpg 760w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>rowohlt 2005,\u00a0 302 Seiten.<\/strong><\/em><\/p>\n<p align=\"justify\">&gt;&gt;Der Autor verwebt die Lebensgeschichten der gro\u00dfen deutschen Naturwissenschaftler des 19. Jahrhundert, Gau\u00df und Humboldt, zu einem aufschlussreichen Gewebe, das die Textur eines \u00fcberraschenden Wissenschaftsromans und die vielf\u00e4ltigen Muster unterhaltsamer Situations- und Sprachkomik tr\u00e4gt. In wechselnden Kapiteln, die die Lebensstationen beider Wissenschaftler in Szene setzen, reist der Leser ohne aufdringliche Faktenfolge durch die Erkenntnisabenteuer beider Wissenschaftler mit keinem geringeren Anspruch, als die Welt zu vermessen. W\u00e4hrend wir vordergr\u00fcndig der erstaunlichen Erforschung von Urw\u00e4ldern und Sternenhimmel folgen, werden wir hintergr\u00fcndig zu der Vermessung zweier Psychogramme geleitet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><br \/>\nIn der anekdotischen Gegen\u00fcberstellung beider Genies baut sich ein kontrastreiches Spannungsfeld zwischen zwei notorischen Egomanen auf. Auch wenn beiden das unb\u00e4ndige Streben, die Regelwerke der Natur entschl\u00fcsseln zu m\u00fcssen, gemeinsam ist, k\u00f6nnen ihre Charaktere kaum verschiedener sein. Gau\u00df, der Mathematiker und Physiker, entpuppt sich als bissiger Kauz mit autistischen Z\u00fcgen. W\u00e4hrend er die Gesellschaft als Bedrohung meidet, ist sie f\u00fcr Humboldt, den Geo- und Biologen, eine unverzichtbare B\u00fchne f\u00fcr seine Selbstinszenierung. Namenlose Damen ebenso wie Regenten und amerikanische Pr\u00e4sidenten sch\u00e4tzen seine charmanten und unterhaltsamen Auftritte. Nicht \u00fcberraschend sind die Arbeitsweisen der beiden einmal von Einsamkeit der abgeschiedenen Schreibstube (Gau\u00df) und das andere Mal von den provozierten Naturgewalten auf selbstm\u00f6rderischen Weltreisen gepr\u00e4gt (Humboldt).<br \/>\nAuch wenn die intellektuellen Kompetenzen der beiden \u00fcberw\u00e4ltigend sind, werden sie (notwendigerweise?) von einem Mangel an Empathie, Erotik (Humboldt) und Sozialkompetenz (Gau\u00df) begleitet. Humboldt, von einer ehrgeizigen Mutter zum Gelehrten aufgebaut, kommt in seinem Gef\u00fchlsleben \u00fcber eine stille P\u00e4dophilie nicht hinaus. Ohne den geringsten Sinn f\u00fcr Sinnlichkeit bleibt er ein Leben lang ohne Ehefrau und unterlegt seine Unf\u00e4higkeit mit der Anmerkung, dass man nur dann heirate, wenn man nichts Wesentliches im Leben vorhabe. Gau\u00df dagegen, der seiner aufrichtig sorgenden Mutter \u00fcber all die Jahre zutiefst verbunden bleibt, heiratet wiederholt, zeugt Kinder, hurt und schnurrt sch\u00f6nen Damenr\u00fccken hinterher. Angesichts seines ansonsten entr\u00fcckten Daseins wirken diese emotionalen Lebenszeichen geradezu erfrischend &#8211; mehr Mensch als erwartet. Haben die unterschiedlichen Mutterbindungen der S\u00f6hne die Frauenbilder der erwachsenen M\u00e4nner vorweggenommen?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><br \/>\nDer Aufbau des Buches folgt einem chronologischen Wechselspiel der Figuren, bei dem die Kapitel einmal Humboldt und dann wieder Gau\u00df gewidmet sind. Das Eingangskapitel durchbricht diesen Zyklus, indem es eine sp\u00e4te Kongressbegegnung beider Gestalten entwickelt. In dieser Szene wird wie in so vielen anderen Passagen des Buches die zielsichere literarische Handlungsf\u00fchrung offenkundig. Mit Humboldt, Gau\u00df und seinem Sohn Eugen werden bereits an dieser Stelle nicht nur alle Hauptpersonen eingef\u00fchrt, sondern es werden in einer parodistischen Situation auch deren Wesensmerkmale spielerisch herausgearbeitet. Nachdem Gau\u00df mit der Trotzigkeit eines Kleinkindes die Reise nicht verhindern konnte, erniedrigt er w\u00e4hrend der stundenlangen Kutschfahrt mit besch\u00e4mender \u00dcberheblichkeit seinen Sohn Eugen: Gottes b\u00f6ser Humor zeige sich schon darin, dass Eugen als Dummkopf mit strotzender Gesundheit gesegnet sei, w\u00e4hrend sein eigener Geist in einen kr\u00e4nkelnden K\u00f6rper eingesperrt sei. Bei der Ankunft in Berlin veranlasst Humboldt ein gemeinsames Foto. Die gerade erfundene Fotographie verlangt wegen der langen Belichtungszeiten mit viertelst\u00fcndigem Stillhalten noch erheblichen k\u00f6rperlichen Einsatz, der f\u00fcr Humboldt selbstverst\u00e4ndlich ist, doch Gau\u00df an den Rand der Verzweiflung bringt. Letztlich l\u00f6st ein patrouillierender Polizist das Unterfangen auf, da eine Zusammenrottung von mehr als zwei Personen in der \u00d6ffentlichkeit wegen des zu erwartenden Aufruhrs untersagt ist. So treffend l\u00e4\u00dft sich die politische Engstirnigkeit preu\u00dfischer Zeitgeschichte vorf\u00fchren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><br \/>\nHumboldt entpuppt sich fr\u00fch als Praktiker, der zun\u00e4chst dem Bergbau mit naturwissenschaftlicher Methodik zu Leibe r\u00fcckt und damit zu gr\u00f6\u00dferer Effizienz verhilft. Doch aus der Enge der Stollen treibt es ihn bald in die Weiten der Kontinente. Ein Zufall macht ihn mit dem arbeitslosen Arzt Bonpland bekannt, der ihn auf seinen akribisch vorbereiteten Weltreisen begleiten wird. An Geld und politisch unverzichtbaren Empfehlungsschreiben fehlt es nicht, so dass die legend\u00e4re f\u00fcnfj\u00e4hrige S\u00fcdamerikareise m\u00f6glich wird. Als Extremsportler wird der h\u00f6chste (bekannte) Sechstausender bestiegen, als Selbstm\u00f6rder der Orinoco und die Verbindung zum Amazonas bezwungen, als Leichensch\u00e4nder indianische Friedh\u00f6fe f\u00fcr die Wissenschaft erschlossen, als Aztekenforscher tausendj\u00e4hrige Astronomie wiederbelebt, als Workoholic zehntausendfach das Erdmagnetfeld vermessen, als deutscher Intellektueller an den Humanismus durch Erkenntnisgewinn geglaubt und als globaler Entertainer die eigene Publizit\u00e4t vermarktet. Am Ende legen sich wie bei sp\u00e4teren Nobelpreistr\u00e4gern die \u00d6ffentlichkeit und ihre Repr\u00e4sentanten als Schlinge um seinen Hals. Die letzte gro\u00dfe Reise nach Russland ist bereits der Missbrauch seiner Person. Gau\u00df ermittelt mittels neu erfundener Statistik, dass Humboldts verbleibende Lebenserwartung nur noch f\u00fcnf Jahre betr\u00e4gt. Auch Humboldt sp\u00fcrt seinen Fall, sehnt sich nach suizidalem Verlorengehen in der Natur, doch man l\u00e4sst ihn nicht \u2013 der B\u00e4r soll noch auf diversen Festen tanzen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><br \/>\nEin Leben lang bleibt f\u00fcr Alexander v. Humboldt in paradoxer Form sein \u00e4lterer Bruder der bedeutendste Beziehungspunkt. In einer konkurrierenden Symbiose versuchen sie sich als Kinder gegenseitige Qualen zu verl\u00e4ngern und das Leben zu verk\u00fcrzen. Gleichzeitig bleiben sie einander unverzichtbare Partner. Forschungsobjekte, Berichte und Lebenseindr\u00fccke richtet Alexander in erster Linie an seinen Bruder Wilhelm. Der \u00c4ltere, der es zum preu\u00dfischen Gesandten, Gr\u00fcnder und Professor der bedeutendsten Berliner Universit\u00e4t gebracht hat, vermutet dass ihr beider Schaffensdrang vor allem auf den anderen Bruder gerichtet sei. Angeblich nicht, um sich dem anderen gegen\u00fcber zu erh\u00f6hen. Oder doch &#8211; Bruderzwist als Genie geb\u00e4render Motor?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><br \/>\nW\u00e4hrend Humboldt sich als Wissenschaftler entpuppt, dessen Intellektualit\u00e4t durch Flei\u00df in Form gebracht wurde, erscheint Gau\u00df im reinsten Sinne als Genie, als geb\u00fcrtiger Champion, dessen Geistreichtum von Natur aus schier unermesslich ist, ohne dass es einer m\u00fchsamen Formung bedurft h\u00e4tte. Fr\u00fch wird seine mathematische Ausnahmebegabung erkannt, durch die sich Lehrer sich entwertet f\u00fchlen, und das Kind Gau\u00df ver\u00e4ngstigen, da Lehrer es fortan bedrohen. Mit 20 Jahren ist bereits der weltber\u00fchmte arithmetische Durchbruch formuliert. Nur um Geld f\u00fcr die inzwischen gegr\u00fcndete Familie zu verdienen, wartet er in der zu jener Zeit \u00f6ffentlichkeitstr\u00e4chtigen Astronomie, die er als Mathematik der Flei\u00dfigen und wenig Begabten abtut, mit weiteren bahnbrechenden Entdeckungen auf. Zur Seite steht ihm jetzt mit gro\u00dfer praktischer Intelligenz seine Ehefrau Johanna. Er ist ihr so nah wie umgekehrt ihm die gemeinsam gezeugten Kinder fremd bleiben. Gleichzeitig gibt sie ihm Halt im Hier und Jetzt: er k\u00f6nne nicht so einfach nach G\u00f6ttingen umziehen wollen, da dies bekanntlich zu Hannover geh\u00f6re, welches \u00fcber die Personalunion mit England inzwischen ein Opfer Napoleons geworden w\u00e4re. Gau\u00df ist \u00fcberrascht \u00fcber so viel Weitsicht. Beim dritten Kind stirbt Johanna. Gau\u00df f\u00fcllt geistesabwesend die L\u00fccke mit der ihm ewig fremd bleibenden Minna. Weil er ihre Anwesenheit scheut, fl\u00fcchtet er sich in die Abwesenheit eines reisenden Landvermessers. Unterwegs geht ihm Sohn Eugen zur Hand, f\u00fcr den er nur Spott und Tadel \u00fcbrig hat. So verwundert es nicht, dass Gau\u00df Eugen jeden Beistand versagt, als er im preu\u00dfisch reglementierten Berlin bei einer konspirativen Turnvater-Jahn-Veranstaltung verhaftet wird. Stattdessen verf\u00e4ngt sich Gau\u00df in seiner Ich-bezogenen Borniertheit im entscheidenden Gespr\u00e4ch mit einem Polizeioffizier, und der Sohn bleibt ohne jede Hilfe des ber\u00fchmten Vaters.<span class=\"Apple-converted-space\"><br \/>\n<\/span>Der Anfang und das beginnende Ende (vorletztes Kapitel) des Buches schlie\u00dfen einen Kreis. Beide Kapitel geben Reisen wieder. W\u00e4hrend anfangs beide Wissenschaftler sich aufeinander zu bewegen entfernen sie sich w\u00e4hrend der Russlandreise sinnbildlich voneinander. Beider Schaffenskraft und -dasein neigt sich dem Ende entgegen. Was bleibt sind zwar Ruhm und Erkenntnis, doch nicht die beiden Gestalten, die im Schlusskapitel g\u00e4nzlich fehlen. Das Schlusskapitel ringt allerdings noch mit seiner Zugeh\u00f6rigkeit zum Ganzen. Was am Ende des Buches als Schatten des gro\u00dfen Ruhmes bleibt, ist der von Vater Gau\u00df verratene Sohn auf seiner Fahrt in die amerikanische Verbannung. Es ist eben vermessen, nur die Welt zu vermessen und das Menschsein zu vergessen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u00dcberraschend \u00fcberzeugend gelingt es dem Autor Ernst und Tiefe mit Leichtigkeit zu kleiden, informativ und gleichzeitig literarisch kunstvoll zu sein. Die erbauliche Leichtigkeit des Buches speist sich auch aus dem Verzicht der Wertung \u00fcber die weltruhmtr\u00e4chtigen Taten und absonderlichen Charakterz\u00fcge der beiden gro\u00dfen Naturforscher. Sehr lesenswert \u2013 wie sich herausgestellt hat vor allem f\u00fcr M\u00e4nner. <strong>Note<\/strong>: 1\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>rowohlt 2005,\u00a0 302 Seiten. &gt;&gt;Der Autor verwebt die Lebensgeschichten der gro\u00dfen deutschen Naturwissenschaftler des 19. 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