{"id":2163,"date":"1997-12-05T12:19:42","date_gmt":"1997-12-05T10:19:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2163"},"modified":"2025-10-02T12:22:49","modified_gmt":"2025-10-02T10:22:49","slug":"mein-herz-so-weiss-javier-marias","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2163","title":{"rendered":"Mein Herz so wei\u00df &#8211; Javier Marias"},"content":{"rendered":"<p>Klett-Cotta (1992) 1997 \u2013 364 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 &gt;&gt;\u00a0 \u201eMein Herz so weiss\u201c sprach Shakespears Lady Macbeth nach der Anstiftung ihres Gatten zum Mord an Duncan, K\u00f6nig von Schottland. Sie sagte \u201eweiss\u201c, also nicht blutig, und meinte damit doppeldeutig, dass sie gleichzeitig unschuldig und schuldig geworden sei, weil sie den Mord nicht selbst begangen, sondern nur mit Worten angestiftet hatte. Dem l\u00e4sst der englische Trag\u00f6diengott Shakespear nat\u00fcrlich den Selbstmord folgen. So geschehen im Jahre 1606, denn so viel Achtung vor zeitgen\u00f6ssischen Werten musste sein. Wir denken heute anders. Spuren der Trag\u00f6die l\u00e4sst Marias jedoch in seinem vorliegenden Roman erneut aufleuchten. Worte, die wie Taten wirken. L\u00fcgen, die neue Wahrheiten generieren. Liebe, die an Verbrechen grenzt. Reue, die nicht heilt. Wissen, das zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Juan, der 35-j\u00e4hrige Ich-Erz\u00e4hler, ist weitreisender Dolmetscher, der in vier Sprachen reflektiert und s\u00fcchtig Worte aufsaugt. Zuf\u00e4llig im Nebenzimmer gesprochene Worte, Floskeln hochdotierter Politiker, Phrasen des Fernsehens. Jeden Vokal atmet er wie Luft. Es ist sein Lebenselixier und doch bedroht es ihn. Es ist die Angst, zu viel wissen zu k\u00f6nnen. Belastendes zu erfahren. Dass das Wissen von Wahrheit, geglaubte Wahrheiten zerst\u00f6ren k\u00f6nnte. Und so kommt es auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman ist zudem ein Deklinieren von Liebe. Liebe und N\u00e4he, die Juan sucht und auch ebenso scheut. Das eigene Ohr zu dicht am Mund des anderen. In der Tat ist es genau dies und eben jenes daraus resultierende zu viel wissen, dass ihm letztlich die Macbeth Trag\u00f6die seiner eigenen Familie beschert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein literarischer Gegenpol ist Luisa. Dolmetscherkollegin und sp\u00e4tere Gattin, die mit weiblicher Resilienz in sich ruhend die Wahrheit und das Wissen geradezu fordert, ja herausfordert und dabei besteht. In einer der st\u00e4rksten Szenen des Romans hat Juan als Simultandolmetscher die Aufgabe, ein Gespr\u00e4ch zwischen Magret Thatcher und K\u00f6nig Juan Carlos zu vermitteln. Als das Gespr\u00e4ch \u00fcber banale Lautmalerei nicht hinauskommt, erlaubt der Hauptprotagonist sich, sehr private Fragen und Antworten den beiden Herrschern in den Mund zu legen. Prompt entwickelt sich durch diesen Betrug eine neue Wirklichkeit. Der offensichtlich \u00fcberraschte K\u00f6nig und die britische Regierungschefin setzen den Dialog interessiert selbst fort. Wegen der politischen Bedeutung der Begegnung begleitet eine zweite Kontrolldolmetscherin das Gespr\u00e4ch \u2013 Luisa. Diese erste Begegnung von Luisa und Juan wird der Grund, auf dem sie gemeinsames Vertrauen bauen werden. Sie l\u00e4sst ihn gew\u00e4hren und ward das Geheimnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Juan wird in seiner Ann\u00e4herung an Luisa jedoch lange Zeit von Katastrophenahnungen begleitet, ohne zu wissen warum. Diffus meint er, eine Heirat k\u00f6nnte der Einstieg in die Monotonie bedeuten. Der Tod der Gegenwart. Tats\u00e4chlich ist es nicht Luisa selbst, sondern das Wissen eines schrecklichen Geheimnisses, welches sie Juans Vater entlockt. Juans Vater ist M\u00f6rder. Aber ohne Selbstvorw\u00fcrfe wie Lady Macbeth. Stattdessen schuldiges Verdr\u00e4ngen. Er t\u00f6tete seine erste Frau, eine Kubanerin, um seine zweite Frau Theresa heiraten zu k\u00f6nnen. Ihr sind zun\u00e4chst die Umst\u00e4nde unbekannt. Als sie jedoch kurz nach der Hochzeit von seinem Verbrechen erf\u00e4hrt, erschie\u00dft sie sich. Das Mitwissen macht sie mitschuldig und wird zur unertr\u00e4glichen Last. Shakespeares Fluch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen Juan und seinem Vater scheint es einen virulenten Ballast zu geben. D\u00e9j\u00e0 vu Verbindungen ergeben sich bei der Hochzeitsreise von Juan und Luisa, als beide im Hotel in Havanna Zeugen einer Auseinandersetzung werden. Eine aufgew\u00fchlte Kubanerin fordert ihren Geliebten auf, seine Frau zu ermorden. W\u00fcrde er dies nicht tun, w\u00fcrde sie sich das Leben nehmen. Tod oder Liebe. Liebe nur mit T\u00f6ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das nun ein hymnisch zu preisender Roman, wie der verstorbene Meinungsrichter Reich-Ranicki verk\u00fcndete? Tats\u00e4chlich stolpert man durch die Buchpassagen. Wird durch inflation\u00e4r auftretende Klammern fortlaufend zu Fall gebracht. Qu\u00e4lt sich durch den z\u00e4hen Fortgang des Plots mit seinen langatmigen Detailschleifen. Dabei bleibt der Sinninhalt von \u201eWort\u201c und \u201eBedeutung\u201c im Geflecht von Macbeth, Theresa und Juan verschwommen. Die beiden Ebenen von \u201eSprache\u201c und \u201eBeziehung\u201c im Spannungsfeld von Schuld und Leben k\u00f6nnen kaum \u00fcberzeugen. Auch sprachlich bleibt der Roman arm an H\u00f6hepunkten. Literarisch ausgefallen erscheint jedoch, den Komplex Sprache-Wissen-Wahrheit in der Ebene des Dolmetschens zu spiegeln. <strong>Note: 3 \u2013<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klett-Cotta (1992) 1997 \u2013 364 Seiten \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 &gt;&gt;\u00a0 \u201eMein Herz so weiss\u201c sprach Shakespears Lady Macbeth nach der Anstiftung ihres Gatten zum Mord an Duncan, K\u00f6nig von Schottland. 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