{"id":2146,"date":"2025-10-02T12:35:54","date_gmt":"2025-10-02T10:35:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2146"},"modified":"2025-11-01T17:27:25","modified_gmt":"2025-11-01T15:27:25","slug":"radetzkymarsch-joseph-roth","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2146","title":{"rendered":"Radetzkymarsch- Joseph Roth"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2152\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/K1024_Radetzky-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/K1024_Radetzky-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/K1024_Radetzky-641x1024.jpg 641w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/K1024_Radetzky.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/>dtv 1981, 404 Seitern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Joseph Roths <em>Radetzkymarsch<\/em> ist mehr als ein Roman \u00fcber den Niedergang einer Familie oder einer Monarchie \u2013 er ist eine Elegie auf eine untergehende Weltordnung. In den Figuren des Hauses von Trotta spiegelt sich \u00fcber vier Generationen hinweg die gesamte Habsburgermonarchie, deren Glanz schon matt geworden ist, w\u00e4hrend sie sich selbst noch in die Pose imperialer Gr\u00f6\u00dfe stellt. Roth erz\u00e4hlt nicht von heroischen Taten, sondern von Zeremonien, Ritualen und hohlen Loyalit\u00e4tsbekundungen, die wie eine sch\u00f6ne Fassade vor einem Geb\u00e4ude stehen, das l\u00e4ngst Risse tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in dieser Entlarvung liegt die bleibende Kraft des Romans. Roth beschreibt, wie Gesellschaften sich in Illusionen einrichten: im Glauben an ewige Stabilit\u00e4t, im Vertrauen auf Institutionen, die l\u00e4ngst erstarrt sind. Es ist ein kollektives Verdr\u00e4ngen des Zerfalls \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das sich auch heute beobachten l\u00e4sst. Auch in unserer Gegenwart klammern sich Gesellschaften an politische Gewissheiten oder nationale Mythen, w\u00e4hrend im Hintergrund die Weltordnung ins Wanken ger\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders aktuell wirkt Roths literarische Diagnose im Hinblick auf die \u201eVorboten eines Krieges\u201c. <em>Radetzkymarsch<\/em> schildert das langsame Taumeln in die Katastrophe, gespeist aus Selbstt\u00e4uschung, Blindheit und der Unf\u00e4higkeit, sich neuen Realit\u00e4ten zu stellen. Man k\u00f6nnte sagen: Roths Figuren sind nicht Opfer von Zuf\u00e4llen, sondern von einer Mentalit\u00e4t, die schlafwandlerisch in den Krieg m\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Roths gro\u00dfartige Sprache bespielt einerseits den \u00a0Glanz der Vergangenheit und zeigt gleichzeitig schonungslos ihre Leere. Diese Ambivalenz \u2013 Elegie und Analyse zugleich \u2013 macht <em>Radetzkymarsch<\/em> zu einem gro\u00dfen politischen und literarischen Werk. Es ist nicht nur Erinnerung an ein versunkenes Reich, sondern ein Spiegel, der uns vor Augen h\u00e4lt, wie fragil jede Ordnung ist, wenn sie sich im Pathos einrichtet und das Wirkliche nicht mehr wahrnimmt.\u00a0 <strong>Note : 1 \u2013<\/strong> (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt;Wir werden Zeuge einer Familiengeschichte der Trottas, in der sich zugleich der Zerfall des habsburgischen Vielv\u00f6lkerstaates widerspiegelt. Anschaulicher als in jedem Geschichtsbuch vermittelt Joseph Roth ein Sittengem\u00e4lde einer dynastischen Gesellschaft, deren Strukturen im Wesentlichen bis ins kleinste Detail durch st\u00e4ndische Regularien und Konventionen bestimmt werden. Vater-Sohn Beziehungen gleichen dem Kaiser-Untertanen Prinzip, famili\u00e4re Begegnungen gleichen den Ritualen kaiserlicher Audienzbesuche bis in die Art der Kommunikation. \u00a0Vier Mannesfinger von oben zwei Mannesfinger Abstand vom seitlichen Rand, die \u00e4u\u00dfere Form der Vater-Sohn Briefe auf Oktavbogen, sie spiegeln sich auch im distanziert f\u00f6rmlichen Inhalt. Das Portr\u00e4t des Helden von Solferino an der Wand des Herrenzimmers von Josef von Trotta und das allgegenw\u00e4rtige Kaiserportr\u00e4t zu Pferde, sie stehen im Kleinen wie im Gro\u00dfen f\u00fcr ehrfurchtsvolle Vorbildfunktion. Diese verblasst g\u00e4nzlich in der Enkelgeneration und mit der fortschreitenden Senilit\u00e4t des Kaisers. Nahm man das Bildnis vom Haken, wie im Epilog beschrieben, hatte die Stunde des letzten Trottas und zugleich des Kaisers geschlagen. Die Symptome der Verfalls pr\u00e4gen die Romanhandlung von Beginn an: Von der gef\u00e4lschten Legendenbildung der Schlacht von Solferino (Der Held und \u201eRitter der Wahrheit\u201c quittiert aus Verbitterung die Armee) \u00fcber die Aufl\u00f6sung soldatischer Tugenden (mehr \u201eLiebesman\u00f6ver\u201c Casino und Schulden als milit\u00e4rische Disziplin) bis hin zu zunehmend nationalistischen Freiheitsbewegungen (zun\u00e4chst die Tschechen) und erstem \u201estaatsgef\u00e4hrdenden Umtrieben\u201c (sozialdemokratische Arbeiterproteste) zieht sich das Band der Aufl\u00f6sung. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Es sind nicht nur die gro\u00dfartigen Charakterisierungen des Romanpersonals (selbst Diener-Nebenfiguren erz\u00e4hlen eine eigene Geschichte), die lebendigen Schauplatzbeschreibungen (atmosph\u00e4risch am dichtesten die Station des J\u00e4gerbataillons von Leutnant Trotta an der russ. Grenze), die von einem St\u00fcck menschlicher Tragik gepr\u00e4gten Episoden wie die Slama- und Frau v. Tau\u00dfig Geschichte oder die brillante Beschreibung der \u00dcberlegungen anl\u00e4sslich des hundertsten Geburtstags des Dragonerregiments, wer denn wie und wann einzuladen sei, die zeigen wie ein historischer Roman zum Lesegenuss wird, sondern es ist vor allem die Sprache des Erz\u00e4hlers, die den Leser zum (an)teilnehmenden Beobachter macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note : 1<\/strong> (ai)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S. \u201eLassen S\u2018 die Geschicht\u201c \u2013 der kaiserliche Rat an den Helden von Solferino <strong>hier<\/strong> nicht zu verzeihen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Johann Strauss komponierte den Radetzkymarsch als Lobeshymne, nachdem das gef\u00e4hrdete \u00d6sterreich die Lombardei erobert und den Kaiser zur\u00fcckbrachte hatte. Jahre sp\u00e4ter wurde die Lombardei in der Schlacht von Solferino wieder verloren, doch der Kaiser blieb noch ein Weilchen, w\u00e4hrend der Radetzkymarsch nachklang. 1916 war der Herrscher tot. Das \u00f6sterreichisch-ungarische Kaiserreich zerfiel in zahlreiche Nationalstaaten. Der f\u00fcr seine sp\u00e4te, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Utopie bekannte Autor Josef Roth griff diese Phase des Identit\u00e4tsverlustes auf. Er selbst war Teil des Reiches gewesen, verfasste das Werk aber erst in der zweiten historischen Verlustphase w\u00e4hrend des Anschlusses \u00d6sterreichs an Nazideutschland. Gemessen an den nationalsozialistischen Grausamkeiten erschienen Roth die Absurdit\u00e4ten des untergegangenen Kaiserreiches als liebenswerte Ordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dennoch atmet das vorliegende Werk diese Sehnsucht nur am Rande. Stattdessen ist es eher vom Odem der Buddenbrooks durchweht. Ein Geschlecht im Niedergang in einer sich neigenden Epoche. Interessanterweise platziert Roth den katapultartigen Aufstieg seiner Protagonisten in den historischen Moment, als die Zersetzung des Reiches Formen annimmt &#8211; also in die Schlacht von Solferino. In dieser Schlacht rettet der Infanterist Trotta dem Kaiser das Leben. Das prompte Adelspr\u00e4dikat f\u00fcr den Helden samt fortw\u00e4hrender Protegierung wird daraufhin \u00fcber drei Generationen weitervererbt. Auf den Helden folgt der Sohn als dem Milit\u00e4r abgewandter Amtmann und schlie\u00dflich der dem Milit\u00e4r entfremdete Enkel Karl-Joseph von Trotta. Ihm ist der gr\u00f6\u00dfte Teil des Werks gewidmet. Den individuellen und den nationalen Faden l\u00e4sst Roth synchron abrei\u00dfen, als die Trottas und der Kaiser fast zeitgleich das Zeitliche segnen. Das Buch hat mit der Zusammenf\u00fchrung begonnen und endet auch mit ihr. Protagonisten und politische Ordnung sind jetzt aus der Zeit gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am Anfang steht der Bauernsohn und Gro\u00dfvater des Hauptprotagonisten. Er wirft sich als Infanterist in den Kugelhagel, der im Gefecht dem Kaiser gilt. Beide \u00fcberleben. Der Herrscher belohnt den Untertan. Fortan ist der redliche Held selbst in Schulb\u00fcchern verherrlicht. Doch dieser macht sich zum Prinzen auf der Erbse, als er einen kleinen Fehler entdeckt. Der fu\u00dfl\u00e4ufige Infanterist, der er war, wurde als reitender Kavallerist dargestellt. F\u00fcr den prinzipientreuen Soldaten eine untragbare F\u00e4lschung, die ihn den Heeresdienst quittieren l\u00e4sst. <em>Vertrieben aus dem Paradies der einfachen Gl\u00e4ubigkeit.<\/em> In der Folge untersagt er auch seinem Sohn die Milit\u00e4rkarriere. Doch der von nun an adelige Name <em>von Trotta<\/em> garantiert Auskommen und gehobene Beamtenstellung. Der Sohn wird also angesehener Bezirkshauptmann mit ebenso herrschaftstreuer Gesinnung. Dessen Sohn Karl-Joseph wiederum, der Enkel des Helden, wird wider Willen ins Heer gen\u00f6tigt. Am Ende setzt er zu seiner eigenen Heldentat an, als er beim Wasser holen f\u00fcr verdurstende Kameraden erschossen wird. Im geltenden Wertekodex jedoch ein peinlicher Tod. Gestorben nicht mit der Waffe in der Hand, sondern zwei Wassereimern. Kein Stoff f\u00fcr K&amp;K-Geschichtsb\u00fccher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>Der Bezirkshauptmann.<\/strong> In der Vater-Sohn Beziehung verdichtet Roth auf der individuellen Ebene die gesellschaftliche Problematik von Amtsschimmel, Etikettenl\u00e4hmung, politischen Widerspr\u00fcchen, Machtmissbrauch und Rollenverpflichtung \u2013 auch zwischen den Geschlechtern. Die Zeitl\u00e4ufe folgen einer unumst\u00f6\u00dflichen Taktung. Im einheitlichen Morgenmoment wird der ausladende Bart frisiert. Die Reihenfolge der Men\u00fcteile beim allein absolvierten Mahl erfolgt minutengenau. Der Radetzkymarsch wird jeden Sonntag unter seinem Paradefenster intoniert. Der Zeremonienmeister zelebriert anschlie\u00dfend stets die gleiche Zigarrensorte mit dem Bezirkshauptmann. Die Liste der ewigen Kreisbewegungen ist lang und f\u00fcllt die Tage. Zwischenzeitlich gilt es den \u00fcber alles geachteten Kaiser Franz Josef I zu repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Beziehung zum einzigen Sohn Karl-Joseph ist entsprechend formal. Ein Sohn ist Bestandteil einer Gesellschaftsmaschinerie. Ein Zahnrad, dessen Zacken sauberst herauszuschleifen sind. Freude und Freunde bleiben unbekannte Gr\u00f6\u00dfen. Eine empathische Mutter fehlt. Vater-Sohn Gespr\u00e4che sind Pr\u00fcfungen. V\u00e4terliche Ansagen sind auch im Erwachsenenalter mit \u201eJawohl, Papa!\u201c zu quittieren. Schon bald muss sich der Bub in die Kadettenschule und von dort ins Kasernenabseits begeben. Aus der Ferne ist monatlich ein Brief zu schreiben. \u00dcber Jahre hinweg wird nie etwas Inhaltliches darin stehen. Die Seitenabst\u00e4nde zum Papierrand werden jedoch bis zum Schluss pr\u00e4zise eingehalten. Der Vater antwortet jedes Mal mit einer Zeile &#8211; ebenfalls frei von Inhalten. Das formale Ritual als sich vergewissernder Selbstzweck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dann r\u00fccken auch f\u00fcr den Alten die Detonationen n\u00e4her. Der langj\u00e4hrige Hausdiener verstirbt im Dienst. Der Kaiser stirbt. Der Sohn verwahrlost in Suff und Schulden und stirbt w\u00fcrdelos im Krieg. Mit dem regimetreuen Tod seines Sohnes kollabiert schlie\u00dflich sein Seelenleben. Er schreit den Verlust in die Welt und sp\u00fcrt zu sp\u00e4t, dass er liebte in einer lieblosen Zeit. Im Danach ergibt das Weiterleben keinen Sinn mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Karl-Joseph.<\/strong> Der Sohn hat diesen einen Bezirkshauptmann-Vater. Die Mutter bleibt in der streng reglementierten Kaiserepoche nebul\u00f6s. Erzogen und noch im Erwachsenenalter wird der Sohn vom leiblichen Vater wie ein Rekrut deklassiert. Pflichterf\u00fcllung scheint der einzige Ber\u00fchrungspunkt. Karl-Joseph gehorcht, leidet sich durch die prestigetr\u00e4chtige Kavallerie, macht sich zu Pferde l\u00e4cherlich, l\u00e4sst sich in die geschm\u00e4hte Infanterie am \u00e4u\u00dfersten Rand des Reiches versetzen. Die Tristesse wird im <em>neunziggr\u00e4digen<\/em> Fusel ersoffen. Mit weichem Herz werden verschuldete Kameraden alimentiert und Huren verw\u00f6hnt, bis ein ruin\u00f6ser Schuldenberg nur noch von Vater samt Kaiserintervention abgetragen werden kann. Der junge Leutnant ist gutm\u00fctig, jedoch zunehmend willenlos. Als er schlie\u00dflich doch den Milit\u00e4rdienst aufk\u00fcndigt, findet er in einer einfachen Lebensweise vor\u00fcbergehend Ruhe. Doch dann bricht der I. Weltkrieg aus. Der Kaiser ruft und die verinnerlichte Vaterstimme treibt ihn in den l\u00e4cherlichen Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>Das Werk.<\/strong> Ein Roman im Takt des Radetzkymarsches. Ein eing\u00e4ngiger Rhythmus, in dem sich der Stillstand des dahind\u00f6senden Friedens und das Sterben im verordneten Krieg ertragen lassen. Wenn der <em>Krieg die Freiheit des Soldaten<\/em> ist, dann verdichtet der Radetzkymarsch alle disziplinarischen Gef\u00fchle zu einer Siegesparole. Der Marsch wird zur Melodie des Ablebens. F\u00fcr die von Trottas, f\u00fcr den Kaiser, f\u00fcr das Gesellschaftsgef\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Leser ist das Internalisieren dieser Lekt\u00fcre nicht ohne M\u00fche: der zeitlich entr\u00fcckte Inhalt, der mit bedeutenden Details angef\u00fcllt ist und verstanden werden will. Die L\u00e4nge der Betrachtungen. Die Sprache. Und doch wird der Leser auch belohnt mit eloquenten Passagen, und vor allem mit psychologischer Sch\u00e4rfe. Wenn etwa der den Dienst verweigernde Sohn dem Vater die Briefe vorenth\u00e4lt, schreibt Roth: \u201e Der Sohn schwieg. Aber der Vater h\u00f6rte ihn schweigen.\u201c F\u00fcr seine Zeit vermutlich ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Wurf. Heute jedoch schon ein wenig von gestern.\u00a0 <strong>Note: 3<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ein beliebter Text zum Radetzky-Marsch lautet:\u201cAlles klar, alles klar, alles bleibt wie\u2018s war.\u201c F\u00fcr die Schlacht von Solferino vom 24.6.1859 gilt dies nicht. Mit circa 30 000 Toten war sie die blutigste Auseinandersetzung seit der Schlacht von Waterloo.<br \/>\nHenry Dunant schrieb \u00fcber die Schlacht das Buch \u201eErinnerung an Solferino\u201c. Dies f\u00fchrte zur Gr\u00fcndung des Roten Kreuzes und zur Vereinbarung der Genfer Konvention von 1863.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ber\u00fchmter als das Buch von Dunant ist der Roman Radetzky-Marsch von Joseph Roth, der mit der Schlacht von Solferino beginnt. Bei Wikipedia und Kindler ist der Roman vorbildlich rezensiert. Deshalb beschr\u00e4nke ich mich hier auf einige subjektive Anmerkungen, die einen roten Faden vermissen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verh\u00e4ltnis Vater-Sohn: Irritierend die subalternen Floskeln, nicht nur in der schriftlichen Kommunikation. \u201eJawohl, Vater jawohl.\u201c Sp\u00e4ter die hilflose\u201eKommunikation\u201c zwischen Vater und betrunkenem Sohn. Eine bewegende Begegnung. Wer ist hier mehr zu bedauern, Vater oder Sohn? Nicht nachvollziehbar ist f\u00fcr mich die Erregung des Vaters \u00fcber eine \u00fcbertriebene Darstellung seiner Heldentat in einem Schulbuch, die ihn an den kaiserlichen Hof treibt. Dazu der ironisch-zynische Kommentar eines Notars: \u201cAlle historischen Daten werden f\u00fcr den Schulgebrauch anders dargestellt\u201c. Ein Satz, der jeden Schulbuchautor auf die Palme bringen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sterben und Tod: In der Schilderung von Sterbeprozessen zeigt Roth gro\u00dfe Meisterschaft. Geht es ihm wie seiner Romanfigur Carl Joseph \u00fcber den er schreibt:\u201cEr geno\u00df die N\u00e4he des Todes&#8230;\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies gilt auch \u00fcberwiegend f\u00fcr erotische Schilderungen. Die Verf\u00fchrung des jungen Carl Joseph wird in dem genialen Satz \u201eeine gro\u00dfe Welle aus Wonne, Feuer, Wasser\u201c res\u00fcmiert.<br \/>\nRoth hat ein Faible f\u00fcr Fr\u00f6sche. Ich habe nicht gez\u00e4hlt, wie oft Fr\u00f6sche in den unendlichen S\u00fcmpfen quaken. Auch nicht wie oft zum 90 Prozentigen gegriffen wird, fast schon ein roter Faden des Geschehens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein geringer handwerklicher Fehler unterl\u00e4uft dem Autor, wenn er in einem slowenischen Dorf eine Moschee ansiedelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht erstaunlich, dass der Roman mehrmals verfilmt wurde. Der Satz \u201eUnd es war Sommer\u201c (Seite 24) k\u00f6nnte Peter Maffay zu seinem erfolgreichsten Lied inspiriert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man verzeihe mir die Egozentrik, wenn ich den Satz \u201eDer liebe, gute Max!\u201c f\u00fcr den sch\u00f6nsten des Romans halte.\u00a0 <strong>Note: 2<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>dtv 1981, 404 Seitern &gt;&gt;Joseph Roths Radetzkymarsch ist mehr als ein Roman \u00fcber den Niedergang einer Familie oder einer Monarchie \u2013 er ist eine Elegie auf eine untergehende Weltordnung. In den Figuren des Hauses von Trotta spiegelt sich \u00fcber vier &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2146\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2146"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2146"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2175,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2146\/revisions\/2175"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}