{"id":213,"date":"2005-12-16T12:28:29","date_gmt":"2005-12-16T10:28:29","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=213"},"modified":"2023-11-22T18:30:25","modified_gmt":"2023-11-22T16:30:25","slug":"ian-mcewan-saturday","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=213","title":{"rendered":"Saturday- Ian McEwan"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/saturday.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-215\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/saturday-197x300.jpg\" alt=\"saturday\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/saturday-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/saturday-672x1024.jpg 672w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/saturday.jpg 705w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Diogenes 2005 , 387 Seiten<\/strong><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt;Saturday ist die Geschichte eines Samstags im Leben des Londoner Neurochirurgen Henry Perowne, \u00fcber dessen geordnetem Leben eine Kuppel von Bedrohungen liegt. Diese Bedrohungen provozieren Sinnfragen, Fragen nach einem ordnenden Prinzip, das vielleicht \u00fcber allem steht und die pl\u00f6tzlichen Einbr\u00fcche im Dasein lenkt. Oder aber das Fehlen einer lenkenden Hand und stattdessen die Einsicht, alles Sein und Bewegen nichts weiter ist als die Summe unendlich vieler, logisch verkn\u00fcpfter Prozesse. Alles physikalisch determiniert und kein Gott weit und breit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Person Perowne steht nicht zuf\u00e4llig ein Neurochirurg im Mittelpunkt des Buches, also jener Humaningenieur, der nicht nur tiefen Einblick in das Bewusstsein bildende Hirn hat, sondern dieses auch operativ manipuliert um schwerste Erkrankungen zu lindern. Ohne dass McEwan sie formuliert, schwebt im Hintergrund die Frage, ob diese Form von Macht nicht Anma\u00dfung und Missbrauch bedingt. Das G\u00f6ttliche Regulativ durch die menschliche Ratio verdr\u00e4ngen \u2013 ist das nicht die Preisgabe des Humanen? Mit der Gestalt des Perowne beantwortet McEwan die Frage mit \u201enein\u201c. Der Mensch und im Besonderen der rationale Mensch, tr\u00e4gt die Kraft des Humanen in sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Profilierung des Hauptprotagonisten stellt McEwan Perowne die Person Baxter antagonistisch gegen\u00fcber. Der eine ein erfolgreicher Arzt, renommierter Retter in lebensbedrohlichen Notst\u00e4nden, gl\u00fccklicher Ehemann und sorgender Familienvater in wohlhabenden Verh\u00e4ltnissen. Der andere ein dem Tod geweihter Kleinkrimineller mit Morbus Chorea Huntington als neurodegenerativer Erkrankung, psychisch bereits hochgradig destabilisiert, ohne famili\u00e4ren Halt und ohne Ich-St\u00e4rke. Beim Ausparken geraten beide aneinander als Perowne Baxters Au\u00dfenspiegel abf\u00e4hrt. Sofort entwickelt sich eine bedrohliche Konfrontation, der Perowne nur entrinnt, weil er an Baxters fehlenden Augensakkaden dessen Erkrankungen erkennt und ihn darauf ansprechend v\u00f6llig verunsichert. Ungl\u00fccklich jedoch, dass sich Baxter dadurch vor seinen beiden Schl\u00e4gerkumpanen derma\u00dfen erniedrigt f\u00fchlt, dass sie abends in Perwones Wohnung eindringen, um sich die Ehrverletzung teuer bezahlen zu lassen. Baxter zwingt Perownes erwachsene Tochter sich zu entbl\u00f6\u00dfen. Doch seine Vergewaltigungsabsichten ersticken beim Anblick ihres schwangeren Bauches und eines sentimentalen Gedichtes, welches er sie zwingt vorzutragen. Die Situation wendet sich, als Baxter in einem Handgemenge im Laufe eines Treppensturzes schwer verletzt wird. Weil er mit seiner Hirnverletzung in die Neurochirurgie eingeliefert wird, ist es Perowne, der ihm in einer Notoperation das Leben rettet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seiner Absicht, Baxter nach seiner Genesung medizinisch als schuldunf\u00e4hig einzustufen, zeigt er wahre Gnade dem gewaltt\u00e4tigen Kriminellen gegen\u00fcber. Gerade weil Perowne die kausalen biologischen Zusammenh\u00e4nge kennt und nur diese als Leben gestaltende Kraft anerkennt, kann er einen humanen Realismus leben. Daf\u00fcr bem\u00fcht er keine religi\u00f6sen Normen. \u201eF\u00fcr ihn ist es keine Glaubensfrage, sondern eine allt\u00e4gliche Tatsache, dass das Bewusstsein von blo\u00dfer Materie, vom Gehirn geschaffen ist. Eine ehrfurchtgebietende Tatsache, die auch Neugier verdient. Das Wirkliche, nicht das Magische, sollte die Herausforderung sein\u201c (S. 95).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Werk benutzt die Erscheinung vermeintlicher Zuf\u00e4lle als Aufh\u00e4nger f\u00fcr Sinnfragen. Mit welcher Wahrscheinlichkeit treten Zuf\u00e4lligkeiten ein, wie dass ein bestimmter in den Tiefen der Weltmeere schwimmender Fisch an einem ganz bestimmten Tag in eine bestimmte Seite des Daily Mirror eingewickelt wird? Obwohl die Wahrscheinlichkeit gleich Null ist, tr\u00e4gt Perowne diesen Fisch genau so nach Hause, um das Abendessen zu bereiten. Mit dem Blick auf die kleinsten Details ergibt sich f\u00fcr jeden beliebigen Ablauf die gr\u00f6\u00dfte Unwahrscheinlichkeit und trotzdem passieren all diese Dinge ununterbrochen. Bei so viel Normalit\u00e4t des Unm\u00f6glichen stellt sich f\u00fcr den ehrfurchtsvoll gestaltenden Materialisten Perowne das Leben als nichts anderes als die Summe aller Zuf\u00e4lle dar und gleichzeitig als die Freiheit von Gott. Perowne macht dabei die Erfahrung, dass sich die kleinen Abweichungen im allt\u00e4glichen Lebensstrom augenblicklich zu bedrohlichen Strudeln entwickeln k\u00f6nnen. Jeder \u2013 auch er \u2013 k\u00f6nnte der n\u00e4chste eingepackte Fisch sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Perowne zahlt jedoch einen Preis f\u00fcr seine weitgehende, wenn auch menschlich-warme Abgekl\u00e4rtheit in Form eines Mangels an irrationaler Tiefe. So kann er im Gegensatz zu Baxter die lyrischen Schwingungen seiner Tochter nicht wirklich wahrnehmen. Ebenso erahnt er nur, wie ausgef\u00fcllt sein Sohn durch seine Jazzmusik ist. Es bleiben \u00c4ngste. Letztlich ist auch das Altern und vor allem sein eigenes eine unbew\u00e4ltigte Bedrohung f\u00fcr ihn. Entsprechend st\u00f6\u00dft ihn mit Schuldgef\u00fchlen die Senilit\u00e4t seiner im Altersheim und ihrem immer enger werdenden geistigen K\u00e4fig schwankende Mutter ab. Nicht \u00fcberraschend wirft das rationale Licht auch Schatten in das Leben des Perowne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In f\u00fcnf Kapiteln bettet der Autor die Zeiten eines Samstags in Bilder und Begegnungen ein, die jedoch genau so zuf\u00e4llig sind wie das Sein an sich: das brennende Flugzeug in der endenden Nacht, die gr\u00f6\u00dfte Antikriegsdemonstration gegen den britischen Irakeinsatz am Morgen, die senile Welt des Verg\u00e4nglichen im Altenheim am Mittag, die psychische Verstrickung eines umk\u00e4mpften Squash-Spieles am Nachmittag und das famili\u00e4re Festessen am Abend, das in einem gewaltt\u00e4tigen \u00dcberfall endet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Saturday ist ein Roman mit gro\u00dfer Dichte, der mit sprachlicher Akrobatik \u00fcberrascht.<br \/>\nEin gutes Buch. <strong>Note<\/strong><b>: 2+<\/b> (ur)&gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diogenes 2005 , 387 Seiten. &lt;&lt;Saturday ist die Geschichte eines Samstags im Leben des Londoner Neurochirurgen Henry Perowne, \u00fcber dessen geordnetem Leben eine Kuppel von Bedrohungen liegt. 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