{"id":2114,"date":"1998-05-08T10:30:25","date_gmt":"1998-05-08T08:30:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2114"},"modified":"2025-03-28T10:31:41","modified_gmt":"2025-03-28T08:31:41","slug":"die-geheimen-aufzeichnungen-des-don-rigoberto-mario-vargas-llosa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2114","title":{"rendered":"Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto &#8211; Mario Vargas Llosa"},"content":{"rendered":"<p>Suhrkamp Verlag 1997 \u2013 470 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Die geheimen Aufzeichnungen folgen den bekannten erotisch-literarischen Exkursionen des peruanischen Autors. Erneut gibt er hier seiner poetischen Libido freien Raum und setzt mit dem Personal des vorangegangen Romans <em>Lob der Stiefmutter<\/em> (1988) deren Lebenskrise fort. Dort war Don Rigobertos zweite Gattin der engelhaften Verf\u00fchrung seines f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Sohnes Fonchito aus erster Ehe lustvoll erlegen. Im Folgewerk leben die Eheleute aus diesem Grund getrennt, auch wenn ihre gegenseitige Liebe unverw\u00fcstlich bleibt. Der Plot st\u00fctzt sich also auf eine verwandtschaftliche Dreierbeziehung, mit der ohne gro\u00dfe Handlungsanstrengungen jongliert wird. Jeder der drei Protagonisten setzt eigene Akzente im sexuellen Ausnahmezustand, wobei auf eine vertiefte Sinnebene verzichtet wird. Literarischer Eros ohne Hintergedanken k\u00f6nnte man meinen. Das Ehebett als sakraler Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch damit das Setting nicht allzu flach erscheint, ist es in eine eigenwillige Architektur verbaut. Jedes Hauptkapitel wird von vier Unterkapiteln mit sich wiederholenden Schwerpunkten gebildet. Warum vier? Vielleicht entsprechend den vier Daseinselementen Feuer (Hitze), Wasser (Tiefe), Erde (Standfestigkeit) und Luft (Kommunikation). K\u00f6nnte sein. Ausformuliert sind dies a) Begegnungen von Sohn und Stiefmutter, b) Don Rigobertos alltagsphilosophische Erg\u00fcsse, c) Don Rigobertos erotische Fantasien und d) Liebesbriefe samt erotisierenden Skizzen. Dieser Themen-Reigen pulst mehrmals durch die Gesamtkomposition.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Don Rigoberto leitet ein Versicherungsunternehmen. Im Gegensatz zur grauen Aktentristesse des B\u00fcroalltags bl\u00fcht seine Fantasie umso lebhafter, wenn er sich allabendlich in die Enge seines Singledasein zur\u00fcckzieht. In abenteuerlichen Wachtr\u00e4umen <em>(wiederkehrende Unterkapitel c)<\/em> arrangiert er seine versto\u00dfene Frau in unendlichen Sexepisoden. Mal kopuliert sie mit Bediensteten, dann mit Schulkameraden, die zwingend beim Koitus singen m\u00fcssen. Schlie\u00dflich am\u00fcsiert sie sich mit einem kastrierten Motorradfahrer. Mit einer Botschafterin praktiziert sie exotische Exzesse im Whirlpool. Mit anderen zelebriert sie ritualisiertes Urinieren. Da viele Szenen nicht bis zum Ende ausformuliert sind, l\u00e4sst Vargas Llosa noch ein gewisses Ma\u00df an Unbestimmtheit und erh\u00e4lt damit einen Restreiz. Mit den Ausschweifungen der anderen Protagonisten sind die sexualisierten Passagen in der Summe jedoch erm\u00fcdend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den sich wiederholenden Teilen <em>(b)<\/em> konfrontiert Don Rigoberto den Leser mit einem Potpourri von erotikfernen Themen: ausufernder Umweltschutz, bizarre Massensportveranstaltungen, gef\u00e4hrliche Islamexpansion, absto\u00dfendes Verbandswesen und vieles mehr. Da diese Einsch\u00fcbe zum Fortgang des Werkes nicht wirklich betragen, wurde schon vermutet, dass der Autor, als Vorsitzender der Liberalen Partei Perus und gescheiterter Pr\u00e4sidentschaftskandidat seinen Ansichten zu dezidierten Politbelangen einen Platz in der literarischen Ewigkeit verschaffen wollte. Das ist nicht sehr poetisch, aber vielleicht patentw\u00fcrdig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bemerkenswert im Plot dagegen ist die Person Fonchito. 15 Jahre alt, engelsgleicher Knabe mit ultramariner Anziehungskraft auf seine Stiefmutter. Intelligent, belesen, begabter fr\u00fchreifer Maler, Identit\u00e4tsverschwommenheit bis ins Psychotische. Er glaubt, die Reinkarnation des \u00f6sterreichischen Malers Egon Schiele zu sein. Egon Schiele, dieser egomane P\u00e4derast der fr\u00fchen Jahre des vorigen Jahrhunderts, der unbekleidet mit seinen Modellen spielte, bevor er sie malte. Dabei wurde die ganze Palette von erotisch bis pornographisch bedient. Sexualit\u00e4t als \u00e4sthetisches Element. Auch Fonchito gelingt es spielend mit seiner Stiefmutter Lukrezia allein oder mit ihrer nackten Hausgehilfen, expressionistische Schiele-Motive nachzustellen. Lukrezia wei\u00df um die Verdorbenheit, kann und will jedoch dem erotischen Sog nicht widerstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derweil f\u00fchlt der Bube sich v\u00f6llig frei. Nicht nur, dass er kein Schuldgef\u00fchl entwickelt, weil er seine Eltern entzweite. Im Gegenteil w\u00fcnscht er nichts sehnlicher, als dass sie wieder vereint sein m\u00f6gen. Tats\u00e4chlich gelingt ihm das mit Hilfe gef\u00e4lschter Liebesbriefe<br \/>\n<em>(in den zahlreichen Unterkapiteln d mit Schiele Skizzen)<\/em>. Raffiniert formuliert er Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters und Passagen einer Kitschheftserie zu anonymen Verehrungsbriefen um. Diese l\u00e4sst er Vater und Stiefmutter zukommen, um beide Glauben zu machen, dass der verflossene Partner die Vers\u00f6hnung sucht. Das totgeglaubte Gl\u00fcck wird reanimiert. Die Familie r\u00fcckt wieder zusammen. Allerdings verbleibt das Damoklesschwert in Scheitelh\u00f6he. Lukrezia gesteht, dass es ihr unm\u00f6glich sein w\u00fcrde, dem Reiz des Jungen zu widerstehen, sollte er im gemeinsamen Haushalt verbleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vater und Sohn teilen also in der Gattin\/Stiefmutter denselben erotischen Fixpunkt. Die Art und Weise des Alten erscheint dabei eher antiquiert mit der Tendenz zur stillosen Pornographie. Die Art des Jungen dagegen wirkt ausgefallen und kultiviert. Erotik als spirituell-k\u00fcnstlerischer Akt. Die Jugend gl\u00e4nzt mit Innovation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Freunde des s\u00fcdamerikanischen Literaturbarocks wird auch dieser Roman ein Genuss darstellen. Sprachlich gl\u00e4nzt der Text durch Wort-Reichtum, geniale Assoziationen und Charakterstudien. Merkmale, die den sp\u00e4teren Literaturnobelpreistr\u00e4ger (2010) Vargas Llosa auszeichnen. Letztlich bleibt das Werk jedoch ein erotisch verstaubter Zettelkasten, aus dessen Einzelnotizen in der Tat ein fulminanter Roman h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.\u00a0 <strong>Note: 2\/3<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Suhrkamp Verlag 1997 \u2013 470 Seiten &gt;&gt;Die geheimen Aufzeichnungen folgen den bekannten erotisch-literarischen Exkursionen des peruanischen Autors. 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