{"id":2105,"date":"1999-07-23T11:59:35","date_gmt":"1999-07-23T09:59:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2105"},"modified":"2025-03-20T12:00:54","modified_gmt":"2025-03-20T10:00:54","slug":"diue-kleine-stechardin-gert-hofmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2105","title":{"rendered":"Diue kleine Stechardin &#8211; Gert Hofmann"},"content":{"rendered":"<p>Deutscher Taschenbuch Verlag 1996 \u2013 213 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Der f\u00fcr seine Zeit unorthodoxe Gelehrte G.C.Lichtenberg (1742 \u2013 1799) lebte und lehrte in G\u00f6ttingen, verma\u00df f\u00fcr Kurf\u00fcrsten die steuerpflichtigen Reiche und f\u00fchrte mit dem englischen K\u00f6nig geistreiche Gespr\u00e4che. Er war seiner Zeit voraus. Gesundheitlich als Behinderter aber hintendran und dennoch ein legend\u00e4rer Sch\u00fcrzenj\u00e4ger. Also Stoff genug f\u00fcr literarische Ewigkeiten. Die historische Gestalt wurde wiederholt Gegenstand von Romanen, Filmen und Wissenschafts Features. Auch G. Hofmann griff kurz vor seinem zu fr\u00fchen Tod 1993 die Materie auf. Er hinterlie\u00df einen Roman, von dem das <em>Zeit<\/em> Feuilleton urteilte, dass dem Werk eine l\u00e4ngere Lebenszeit des Autors und damit eine Veredelung gut getan h\u00e4tte. Das strengere Urteil hier und jetzt: Werk missgl\u00fcckt. Denn es geht auch anders wie Daniel Kehlmann sp\u00e4ter zeigte: eine \u00e4hnliche Pers\u00f6nlichkeit am gleichen Ort. In <em>Die Vermessung der Welt<\/em> wird der kauzige, hypochondrische aber erotisch beeindruckende Mathematiker Gau\u00df literarisch gl\u00e4nzend in Szene gesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist also am Ende des 18. Jahrhunderts in der verschlafenen Universit\u00e4tsstadt G\u00f6ttingen der Professor der Physik. Invalide, Gnom mit 143 cm Scheitelh\u00f6he, Buckel, gro\u00dfer Kopf, d\u00fcnne Beine, Haarausfall. Gesp\u00f6tt und stilles Spektakel f\u00fcr die Nachbarschaft. Aber anerkannter, viel aufgesuchter und zitierter Wissenschaftler f\u00fcr die akademische Gemeinde. In seinem Heim bringt der Professor Massen von Studenten aus wohlhabenden H\u00e4usern Naturwissenschaft nahe. Sein Leben stellt sich jedoch einsam und \u00fcberschaubar dar: die Wohnung, der H\u00f6rsaal, der Spazierweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne offensichtliche Vorgeschichte zieht die 13-j\u00e4hrige Tochter der Familie Stechard bei ihm ein. (Auch das ist authentisch.) Das unbeholfene M\u00e4dchen soll ihm im Haushalt zur Hand gehen. Sie stammt aus bescheidenen Verh\u00e4ltnissen, ist engelhaft h\u00fcbsch, unbedarft und anf\u00e4nglich versch\u00fcchtert. Doch die Ann\u00e4herung zwischen den beiden bleibt nicht aus. Lichtenbergs langsam erwachende Begierden finden begehrlichen Widerhall. Es folgen drei Jahre engster symbiotischer Vereinigung, die f\u00fcr beide gleicherma\u00dfen Erf\u00fcllung und Gl\u00fcck bedeuten, welches sie in v\u00f6lliger Zur\u00fcckgezogenheit kultivieren. W\u00e4hrend er multimorbid an vielerlei Krankheiten laboriert, doch dem Ableben erfolgreich Widerstand leistet, stirbt sie im Alter von nur 17 Jahren an Fleckfieber. Den Platz der jungen Stechardin wird sp\u00e4ter eine andere einnehmen, die dem Professor 8 Kinder geb\u00e4ren wird \u2013 auch das ist belegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein merkw\u00fcrdiger Roman. Die Kommunikation zwischen den beiden Protagonisten ist von Banalit\u00e4ten und Sprachlosigkeit gepr\u00e4gt. Sprechfragmente, Stereotypen, Leere, Fahrigkeit, naives gedankliches Vagabundieren, kein Anfang, kein Ende. Kaum ein Gedankengang wird abgeschlossen. Dasselbe gilt f\u00fcr Handlungsstr\u00e4nge, die an wenigen Stellen vielversprechend beginnen, aber den Plot nicht vorantreiben. Der Autor unternimmt keinen Versuch, an sich interessante Strukturelemente literarisch zu vertiefen. Zum Beispiel die Liebe zwei damals erotisch Illegitimierter: ein k\u00f6rperlich Behinderter und eine Jugendliche im Lichte moralischer Zw\u00e4nge. Oder die verbotene Trauer des verkr\u00fcppelten Kindes Lichtenberg, das wegen seiner Erscheinung der Beerdigung seines Vaters nicht beiwohnen darf. Ebenso wenig \u00fcberzeugend ist der orientierungslos plappernde Prof. Lichtenberg selbst. Vorder- und R\u00fcckseite eines akademischen Charakters? Das Herabsteigen des Gelehrten auf die Ebene der geliebten Analphabetin? Funktioniert der konstruierte Widerspruch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte das Werk in diesem Sinne interpretieren, dass genau dieser Aspekt die Originalit\u00e4t und Intention des Romans spiegelt. Vielleicht soll von der historischen Professorenfigur ein kontroverses und provokantes Gegenbild geschaffen werden: trivialer, triebhafter Charakter, der keine bleibenden Zeitspuren hinterl\u00e4sst. F\u00fcr Leser verdichtet sich jedoch das Werk zu einer erm\u00fcdenden Monotonie des Bedeutungslosen &#8211; wie der Titel, bei dem das Versprechen, die kleine Stechardin in den Mittelpunkt zu stellen, nicht eingel\u00f6st wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Summa summarum: eine Zumutung.\u00a0 <strong>Note: 4 \u2013<\/strong> (ur)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutscher Taschenbuch Verlag 1996 \u2013 213 Seiten \u00a0Der f\u00fcr seine Zeit unorthodoxe Gelehrte G.C.Lichtenberg (1742 \u2013 1799) lebte und lehrte in G\u00f6ttingen, verma\u00df f\u00fcr Kurf\u00fcrsten die steuerpflichtigen Reiche und f\u00fchrte mit dem englischen K\u00f6nig geistreiche Gespr\u00e4che. 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