{"id":2101,"date":"1998-09-18T11:55:05","date_gmt":"1998-09-18T09:55:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2101"},"modified":"2025-03-20T12:05:41","modified_gmt":"2025-03-20T10:05:41","slug":"der-sonntag-an-dem-ich-weltmeister-wurde-friedrich-c-delius","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2101","title":{"rendered":"Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde &#8211; Friedrich C. Delius"},"content":{"rendered":"<p>Rowohlt Taschenbuch Verlag 1994 \u2013 120 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Aufbauend auf autobiographische Elemente problematisiert der Autor die Gewalt der Religion in einer kindlichen Seele. Geschrieben in der 1. Person Singular schildert Delius einen einzigen Sonntag im Leben des elfj\u00e4hrigen Protagonisten. Es ist der 4. Juli 1954 in dem kleinen hessischen Nest Wehrda, gelegen im Abseits an der deutschen Zonengrenze. Im Bannstrahl des Radios erlebt der Bub, wie Deutschland an diesem Tag im Endspiel gegen Ungarn Fussballweltmeister wird (3:2). Die unm\u00f6glich geglaubte Befreiung wird zur leuchtenden Metapher im religi\u00f6sen Dunkel des verengten Kinder-Universums. Es geht also nicht wirklich um Fussball.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Radioerlebnis wird f\u00fcr den Jungen zu einem befreienden Aufatmen in seinem protestantisch puritanischen Milieu, das ihn zu ersticken droht. Der Vater ist wortgewaltiger Dorfpfarrer. Die Mutter eine in stiller, aber bestimmender Pflichterf\u00fcllung Herrschende. Der Gro\u00dfvater vom U-Boot Kapit\u00e4n zum Volksmissionar konvertierter Dogmatiker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Auch am Weltmeister-Sonntag erwacht der Bub mit ohrenbet\u00e4ubendem Kirchengel\u00e4ut, das unschuldige Kindertr\u00e4ume zerschmettert. Beim Fr\u00fchst\u00fcck mahnt das Brot \u2013 leicht von d\u00fcnnem Gelee ger\u00f6tet \u2013 an den blutenden Leib Christi. Den Sonntagmorgen nimmt wie immer der rechtweisende Kirchgang ein. Mittags wird der Braten vom Vater zerteilt wie Abraham bereit war, seinen Sohn Isaak Gott zu opfern. Nachmittags folgen bed\u00e4chtige Bewegungen, aber kein Ballspiel. Verbote, Gebote, Gottes Gegenwart immer und \u00fcberall. Der Elfj\u00e4hrige ist angef\u00fcllt von diesem dumpfen Gef\u00fchl des unverstanden Schuldigen, den Jesus, der Menschenf\u00e4nger, angelt. Jesus, der ihm, dem kleinen Unbedarften, mit dem Angelhaken den Kehlkopf ausrei\u00dft, und damit Luft und Sprache raubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er f\u00fchlt sich als S\u00fcnder, der unwissentlich am Turmbau zu Babel teil hatte. Nur deshalb hat er die Sprache verloren, stottert, scheitert an jedem Doppelkonsonaten wie in \u201eGnade\u201c. Er, der vom Fischer Jesus Gefangene. Will nicht Schwimmen lernen, ein ewiger Nichtschwimmer. Von Schuppenflechte gequ\u00e4lt. Unvollkommener Fisch mit mehr Schuppen als Haut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem Sonntag sichert sich der Bub jedoch leise die Zustimmung, die Radio\u00fcbertragung h\u00f6ren zu d\u00fcrfen. Ein packender, mitrei\u00dfender Reporter Herbert Zimmermann zieht ihn in seinen Bann. Eine Welt der Gemeinschaft dr\u00e4ngt in den Raum. Die kollegiale St\u00e4rke, ein aufbauender Kampf f\u00fcr das eine Ziel. Worte wie \u201eGott sei Dank\u201c und \u201eein g\u00f6ttlicher Schuss\u201c \u00fcberraschen ihn mit ihrer blasphemischen Leichtf\u00fc\u00dfigkeit. Im Angesicht religi\u00f6ser Requisiten im v\u00e4terlichen Arbeitszimmer, hin- und hergerissen zwischen Schuld und Befreiung, erlebt er einen anderen Gott, nein, elf G\u00f6tter. Eine Idee, f\u00fcr die sich Opfer und Leid lohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Zunge l\u00f6st sich. Doppelkonsonaten kennen keine Barriere mehr. Kurz vor der Verl\u00e4ngerung beim Spielstand von <strong>zw<\/strong>ei zu <strong>zw<\/strong>ei ist der Bann gebrochen. Die Euphorie w\u00e4chst. Wenn auch stets unterlegt von einem lauernden Schuldgef\u00fchl und der Ahnung, dass die Befreiung am Montag bereits der Beklemmung weichen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine eindrucksvolle Erz\u00e4hlung in einem poetischen Sprachduktus. Eine ber\u00fchrende Psychologie disruptiver Erziehung. Eine kritische Darstellung einer auf Schuld und S\u00fchne bauenden Religiosit\u00e4t. Die <em>dreieinige Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist<\/em> (S.95) im Zonengrenzgebiet. Und eine \u00fcberraschende Befreiung, als Fussballg\u00f6tter in das Amtszimmer des Gottesdieners gottesl\u00e4sternd eindringen: f\u00fcr den elfj\u00e4hrigen Bub der gl\u00fccklichste Moment. An diesem Sonntag wird er Weltmeister vor sich selbst. <strong>Note: 2<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rowohlt Taschenbuch Verlag 1994 \u2013 120 Seiten &gt;&gt;Aufbauend auf autobiographische Elemente problematisiert der Autor die Gewalt der Religion in einer kindlichen Seele. Geschrieben in der 1. Person Singular schildert Delius einen einzigen Sonntag im Leben des elfj\u00e4hrigen Protagonisten. 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