{"id":2095,"date":"1997-07-25T11:16:42","date_gmt":"1997-07-25T09:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2095"},"modified":"2025-03-01T11:18:21","modified_gmt":"2025-03-01T09:18:21","slug":"der-vorleser-bernhard-schlink","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2095","title":{"rendered":"Der Vorleser \u2013 Bernhard Schlink"},"content":{"rendered":"<p>Diogenes 1995 \u2013 207 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ein ungew\u00f6hnlicher, deutscher Roman, in dem eine kognitive Schw\u00e4che eine ordnungsversessene Frau zu einer SS-M\u00f6rderin werden l\u00e4\u00dft und ein Schulbub lebensl\u00e4nglich die Kraft zu lieben einb\u00fc\u00dft, weil er eben diese Frau liebte. Der Roman thematisiert die Absurdit\u00e4t des menschlichen Seins, in der die Scham als Analphabetin enttarnt zu werden schmerzlicher empfunden wird als die moralische Last, Hunderte von Juden umgebracht zu haben. Und es ist das Thema dieses Werks, dass eine zutiefst entt\u00e4uschte Initialliebe zu einer lebenslangen Bindungsunf\u00e4higkeit f\u00fchrt und damit jede weitere Entt\u00e4uschung, die aus erneutem Verlassen werden erwachsen k\u00f6nnte, schon im Vorfeld unterbunden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kindheit.<\/strong> Der 15-j\u00e4hrige Michael Berg erbricht sich auf der Stra\u00dfe und wird von der unbekannten Hanna Schmitz (36) versorgt. Es entwickelt sich eine Bekanntschaft, die schnell in eine ungleiche Beziehung mit stets gleichem Ritual \u00fcbergeht: Michael liest Geschichten vor, beide baden, sie schlafen miteinander. Das von H. verordnete obligatorische Bad wirkt wie ein Reinheitszeremoniell &#8211; vielleicht eine zwanghafte Prinzipienhandlung, vielleicht aber auch eine \u00e4u\u00dferliche Ersatzhandlung f\u00fcr eine innerlich nicht vollzogene Moralreinigung mit Blick auf das pers\u00f6nliche Kriegsverbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden Monate sehen Auseinandersetzungen und Zur\u00fcckweisung durch eine unberechenbare H. und die kindliche Unterordnung eines Michael. Die Initiationsliebe, die der v\u00f6llig unbedarfte Junge erlebt, gr\u00e4bt unverw\u00fcstliche Spuren in sein Seelenleben. Er wird sie ein Leben lang lieben. H\u00b4s Gef\u00fchle bewegen sich im Verborgenenen \u2013 vermutlich ist auch sie gebieterisch ihrem \u201eJungchen\u201c verfallen. Sie: Stra\u00dfenbahnschaffnerin. Er: Sch\u00fcler und Erfinder einer 4-t\u00e4gigen Fahrradtour. Sie: Aus Verlassenheitsangst einen Lederg\u00fcrtel in sein Gesicht schlagend. Er: Seiner Schwester Kaufhausklamotten klauend, damit sie ihm die Wohnung allein mit H. \u00fcberl\u00e4\u00dft. Sie: Kontrollg\u00e4nge ins Schwimmbad, ob Michael sich anderen M\u00e4dchen n\u00e4hert. Dann H\u00b4s kommentarloses Verschwinden f\u00fcr immer. Er: ein Leben lang Gesch\u00e4digter, der sich nie wieder auf eine Frau wird verbindlich einlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Studienzeit.<\/strong> Michael reift zu einem verschlossenen Jurastudenten heran, nimmt an KZ-Prozessen teil und begegnet auf diesem Wege unerwartet H. . Sie wird zu lebenslanger Haft als KZ-Aufseherin verurteilt, die 300 Frauen in eine brennende Kirche einsperrte und deren Tod veranlasste. H. pocht noch nicht einmal auf einen Befehlsnotstand, sondern zitiert in bizzar naiver Weise Ordnungsprinzipien, denen sie in jedem anderen politischen Zusammenhang vermutlich ebenso gefolgt w\u00e4re. Die Prozessatmosph\u00e4re ist gekennzeichnet durch eine metale Bet\u00e4ubung als gemeinsamer Zustand von Opfern, T\u00e4tern und Richtern. Auch Michael verharrt in diesem Zustand \u2013 selbst nach einem KZ Besuch vermag Michael keinen emotionalen Bezug zu den Gr\u00e4ueltaten herzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein fatales Motiv begleitet H\u00b4s Lebensentwicklung, n\u00e4mlich die schambesetzte Flucht vor ihrem akribisch verborgen gehaltenen Analphabetismus. Diese Scham begr\u00fcndet eine Vielzahl von Fehlentscheidungen: um der Entdeckung durch den Arbeitgeber Siemens zu entgehen, k\u00fcndigt sie ihre erste Anstellung und wird KZ-Aufseherin; weil sie einen Zettel von Michael nicht lesen kann; schl\u00e4gt sie ihn; um der Bef\u00f6rderung von der Stra\u00dfenbahnschaffnerin zur B\u00fcromitarbeiterin zu entgehen, verschwindet sie spurlos \u2013 auch aus Michaels Leben. Um sich beim KZ-Prozess bei einer Schreibprobe nicht entbl\u00f6\u00dfen zu m\u00fcssen, stellt sie sich freiwillig als Verfasserin eines KZ-Dokumentes dar, was ihr eine lebenslange Haft, ihren leugnenden Mitangeklagten jedoch nur begrenzte Gef\u00e4ngnisstrafen einbringt. Michael entdeckt die Hintergr\u00fcnde und ringt mit sich, die mildernden Umst\u00e4nde dem Gericht mitzuteilen. Der Rat seines Vaters, selbst Professor der Philosphie, jedoch lautet, davon Abstand zu nehmen, da W\u00fcrde mehr bedeute als Gl\u00fcck. Die Verletzung H\u00b4s Scham w\u00fcrde schwerer wiegen als die Freiheit, die sie durch verminderte Schuld erhalten w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zweite Lebensh\u00e4lfte.<\/strong> Michaels Gegenwart zerf\u00e4llt: die Ehe, die Familie, die Feunde. Er fl\u00fcchtet in die Kreisbewegung der Rechtsgeschichte: immer wieder von vorn beginnen, immer wieder suchen. Das Motiv der Odyssee, die er H. vorlas, wird zum Lebensinhalt. Innerlich kehrt er zu Hanna zur\u00fcck ohne ihr jedoch direkt gegen\u00fcberzutreten. \u00dcber 10 Jahre hinweg schickt er H. von ihm besprochene Kassetten, denn das Vorlesen von Werken aller Art war es, was sie zutiefst ber\u00fchrte. Zum Zeitpunkt ihrer Entlassung nach 18 Jahren findet Michael ihr Wohnung und Arbeit, die sie jedoch nie nutzen wird. Man findet sie in der Zelle erh\u00e4ngt. Hat sie sich gewandelt? Lesen \u2013 auch als Akt der Selbstbestimmung und Erkenntnis &#8211; hatte sie sich anhand der Kassetten selbst beigebracht. Ihre n\u00e4chtlichen Tr\u00e4ume hatten sich zu von den Opfern \u00fcberrannte Alptr\u00e4ume verdichtet. Nachdem f\u00fcr sie Reue Jahrzehnte eine unbekannte Gr\u00f6\u00dfe war, scheint sie zum Ende hin Schuld-offen. Aber ist der selbst vollstreckte Tod tats\u00e4chlich ein Schuldbekenntnis den Opfern gegen\u00fcber? Michael gegen\u00fcber? Oder ist der Grund das Nicht-mehr-erreichen-k\u00f6nnen ihrer vermuteten Liebe, dem Jungchen, das vielleicht auch die un\u00fcberbr\u00fcckbare Scham sp\u00fcrt, mit einer Massenm\u00f6rderin vertraut gewesen zu sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende versucht Michael in New York H\u00b4 s Erspartes, das sie ihm vermachte, der einzigen KZ-\u00dcberlebenden zu \u00fcberbringen. Doch das Opfer verweigert die Annahme. Weder H. noch ihm wird eine S\u00fchnegelegenheit gegeben. Erst im Schreiben findet er seinen Frieden. Es ist die Schrift dieses Werks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine feinf\u00fchlige Geschichte mit ungew\u00f6hnlicher Verkn\u00fcpfung von Schuld, Geschichte, Liebe und Scham in einer glasklaren Sprache, direkt und schn\u00f6rkellos. Lesenswert. <strong>Note: 2+\u00a0 <\/strong>(ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diogenes 1995 \u2013 207 Seiten &gt;&gt;Ein ungew\u00f6hnlicher, deutscher Roman, in dem eine kognitive Schw\u00e4che eine ordnungsversessene Frau zu einer SS-M\u00f6rderin werden l\u00e4\u00dft und ein Schulbub lebensl\u00e4nglich die Kraft zu lieben einb\u00fc\u00dft, weil er eben diese Frau liebte. 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