{"id":2090,"date":"1999-09-18T10:59:45","date_gmt":"1999-09-18T08:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2090"},"modified":"2025-03-01T11:01:32","modified_gmt":"2025-03-01T09:01:32","slug":"truegerisches-licht-der-nacht-juan-manuel-de-prada","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2090","title":{"rendered":"Tr\u00fcgerisches Licht der Nacht \u2013 Juan Manuel de Prada"},"content":{"rendered":"<p>Klett-Cotta 1999 (1997) \u2013 393 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ein Kriminalroman um Kunst, Liebe und Obsession. Vor der winterlichen Kulisse Venedigs, das mit nekrotischer Lethargie im F\u00e4ulnisnebel zerflie\u00dft, versucht der junge Kunsthistoriker Ballesteros seine Arbeiten \u00fcber das f\u00fcnfhundertj\u00e4hrige Gem\u00e4lde <em>La Tempesta<\/em> (Das Gewitter) zu vertiefen. Gewitter suchen prompt auch ihn heim, als ein Kunstf\u00e4lscher hingerichtet wird, eine Tochter zwischen dem Toten und ihren Adoptivvater laviert, der Adoptivvater der Kunstvater des Gem\u00e4ldes <em>La Tempesta<\/em> ist und das Gem\u00e4lde wegen Diebstahls die Forschung des Doktoranden erschwert. Alle wissen \u00fcber alles irgendetwas und schweigen doch, w\u00e4hrend der junge Mann libidogetr\u00e4nkt durch die Damenwelt m\u00e4andert und \u00fcber das Original erf\u00e4hrt, dass es eine fast noch genialere Kopie hat. Damit erreicht der Plot die kunsthistorische Ebene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Museumsdirektor und Herrscher \u00fcber <em>La Tempesta<\/em> philosophierte: Kunst ertrinkt in Theorie, wird erdr\u00fcckt vom bibliographischen Laubwerk, das \u00fcber dem Erschaffenen ausgekippt wird. Das vergeistigte Laubwerk beansprucht selbst zum Wert zu werden. Er dagegen sei \u00fcberzeugt, dass Kunst pure Passion, reine Emotion sei. <em>La Tempesta<\/em> sei das Ideal. Kein Gespinst der Ratio. Alles verschwindet unter dem gemeinen M\u00f6rtel des Vergessens. Nur Kunst hat bleibende Vergangenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lesen wir kenntnisreiche Diskurse des Autors zum kontroversen Kunstverst\u00e4ndnis in einer Art, dass selbst der Handlungsort wohl gew\u00e4hlt erscheint. Venedig, das Gesamtkunstwerk, die sentimentale Hingebung an Farbe und Farblosigkeit. So fr\u00f6nt Venedig der Religion des Gef\u00fchls, nicht der des Verstandes. Und wie reagiert die Vorsehung? Allj\u00e4hrlich bestraft sie Venedig mit Hochwasser. <em>La tempesta<\/em> \u2013 das Unwetter. Und selbst die Darstellung dessen ist schon wieder ein Quell der Katastrophen. Der venezianische Zyklus scheint endlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zentrale Bedeutung in diesem Setting kommt dem Kunstf\u00e4lscher Fabio Valenzin zu. Er hatte sich eine Groteske erlaubt, als er eine gro\u00dfe Ausstellung mit durchweg von ihm gef\u00e4lschten Bildern initiierte. Die Werke zeigten die pornographischen Motive eines belgischen K\u00fcnstlers. Den alternden Maler lud Valenzin zur Vernissage und bat ihn vertraulich, die Echtheit der Werke zu beurteilen. Man bef\u00fcrchte, dass F\u00e4lschungen dabei sein k\u00f6nnten. Der K\u00fcnstler bewertete die Mehrzahl der Bilder als seine Originale. Die unumst\u00f6\u00dfliche Wertigkeit des Originals war damit eines weiteres Mal in Frage gestellt und die Genugtuung des F\u00e4lschers zutiefst befriedigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Valenzin war der platonische Schwarm der Adoptivtocher Chiara des Prof. Gabetti. Prof. Gabetti wachte so eifers\u00fcchtig \u00fcber Chiara wie \u00fcber das unter seiner Obhut stehende Gem\u00e4lde <em>La tempesta<\/em>. Gabetti und Valenzin \u2013 das war wie die Vorder- und R\u00fcckseite der Gem\u00e4lde. Zwei Ansichten, die nie zusammenkommen k\u00f6nnen. Der F\u00e4lscher konnte nicht wirklich lieben. Stattdessen verehrte er Chiara als G\u00f6tzengestalt, malte und studierte sie stundenlang. Sein Liebesdienst bestand darin, sie ebenfalls zur F\u00e4lscherin auszubilden. F\u00fcr Valenzin war <em>La Tempesta<\/em> das Spiegelbild seiner Existenz. Flie\u00dfender \u00dcbergang von Mensch und Gem\u00e4lde. Die F\u00e4lschung von <em>La tempesta<\/em> trug deshalb nicht \u00fcberraschend heimliche Spuren von Chiara und wurde unbemerkt an die Stelle des gestohlenen Originals geh\u00e4ngt. Dass Valenzin dabei eine rote Linie im prinzipientreuen Kunstverst\u00e4ndnis von Chiara \u00fcberschritten hatte, beantwortet sie mit seiner Liquidierung. Sie bleibt jedoch unentdeckt und ohne Bestrafung. Nur Ballesteros, der am Ende ein Geheimnis und einen Beischlaf mit ihr teilt, wird die verschlungenen Pfade durchdringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Trubel der Karnevalszeit wird der spanische Doktorand zwischen den widerstreitenden Parteien von Polizei, Museumsdirektor, dessen Ex-Gattin und einem urw\u00fcchsigen Grobian namens Tedeschi hin- und hergerissen. Spontan (und unverstanden) findet er in Tedeschi einen vertrauensvollen Kompagnon, der ihm einmal das junge Leben retten wird. Durch einen Zufall erf\u00e4hrt er von einem verschlossenen Sicherheitskoffer im Hotel seiner sympathischen Wirtin, den diese f\u00fcr Valenzin versteckte. Sein Inhalt wird sich sp\u00e4ter als das gestohlene Original von <em>La Tempesta<\/em> entpuppen. Ein komplexes Geflecht von Verstrickungen offenbart sich mit kriminellem Potential, peinlicher Karnevalserotik und gesellschaftskritischen Elementen mit Blick auf Beh\u00f6rden-Doppelmoral, aristokratische Gier und fragw\u00fcrdige Kunstbegriffe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein spannender Roman im Widerstreit von Gier nach einem Kunstwerk als geistiges Heiligtum und Kunst als austauschbarem Kultgegenstand. Auch wenn einige inhaltliche Br\u00fcche un\u00fcbersehbar sind und sich roter Kriminalfaden, Kunsttheorie und Metapherverliebheit gelegentlich im Wege stehen, liest sich der Roman auch wegen der blumigen Intonation unterhaltsam. Wenige Stellen kippen ins Kitschig-Schmalzige.<br \/>\n<strong>Note: 2<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klett-Cotta 1999 (1997) \u2013 393 Seiten &gt;&gt;Ein Kriminalroman um Kunst, Liebe und Obsession. 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