{"id":2085,"date":"2006-05-12T16:13:25","date_gmt":"2006-05-12T14:13:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2085"},"modified":"2025-02-28T16:14:49","modified_gmt":"2025-02-28T14:14:49","slug":"chronist-der-winde-henning-mankell","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2085","title":{"rendered":"Chronist der Winde &#8211; Henning Mankell"},"content":{"rendered":"<p>Paul Zsolnay Verlag \u2013 268 Seiten\u00a0\u00a0 &#8211; 1995 \/ 2000<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Der Chronist der Winde ist Jos\u00e9, ein B\u00e4ckergehilfe in einem von verblendeten Revolution\u00e4ren und ehemaligen Kolonialm\u00e4chten tyrannisierten westafrikanischen K\u00fcstenland. Er ist Echo eines grausamen Windes, der in Gestalt menschlicher Unbarmherzigkeit das Dasein austrocknet. Er ist Chronist des kurzen Lebens des zehnj\u00e4hrigen Stra\u00dfenjungen Nelio, dessen Schicksal die Widerspr\u00fcchlichkeit einer ganzen Epoche zu spiegeln scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jos\u00e9 findet eines Nachts Nelio angeschossen in dem privaten Theater seiner Chefin, die eigentlich B\u00e4ckerin ist. Hartn\u00e4ckig versucht sie in ihrem kleinen Theater eine naive Utopie im Gegenlicht der vernichtenden Wirklichkeit zu inszenieren. Heimlich versorgt Jos\u00e9 den schwerstverletzten Nelio und erf\u00e4hrt \u00fcber die n\u00e4chsten neun Tage bis zu seinem Tode dessen Lebensgeschichte. Diese neun Tage wirken wie ein religi\u00f6ser Gegenentwurf, der mit seinem Leid bezeichnenderweise l\u00e4nger dauert als die sieben Tage der Leben schaffenden Sch\u00f6pfungsgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im B\u00fcrgerkrieg wird Nelio von Banditen, die kurz zuvor seine neugeborene Schwester im Hirsem\u00f6rser zermahlten, entf\u00fchrt. Erst durch den verzweifelten Mord an seinem Aufseher gelingt ihm die Flucht. Alleingestellt findet er schlie\u00dflich Anschluss an einen m\u00fcrrischen Liliputaner. Sie irrlichtern durch die Wildnis so wie der Kleinw\u00fcchsige schon seit zwei Jahrzehnten orientierungslos umherschweift. Es wirkt wie ein Symbol hoffnungsloser Sinnsuche. Auch wenn die Irrwanderung Nelio in die Heimatlosigkeit f\u00fchrt, schafft sie ausgleichenden Abstand zu den grausamen Erinnerungen. Die m\u00e4rchenhafte Odyssee f\u00fchrt schlie\u00dflich in die Metropole. Der Gro\u00dfstadt-Moloch verschreckt mit brutalen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und dennoch wird er Haltepunkt f\u00fcr Nelio. Die Seele braucht Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon die erste Begegnung in diesem toxischen Biotop zwingt Nelio erneut in die Rolle des Ausgebeuteten und Entehrten. Ein \u00e4lterer Taschendieb zwingt ihn zur Gefolgschaft. Er muss Passanten anbetteln, damit der Dieb die abgelenkte Laufkundschaft bestehlen kann. Erst als Nelio ein hohles Reiterstandbild entdeckt, in dem er sich dauerhaft verbergen kann, gelingt die Losl\u00f6sung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nelio umgibt eine ungew\u00f6hnliche Aura, die ihm Zugang zu einer Gruppe von Stra\u00dfenkindern erm\u00f6glicht. Es wird seine soziale Einbettung. Mit seiner fr\u00fchreifen Weisheit avanciert Nelio schlie\u00dflich zum sinnstiftenden Anf\u00fchrer. Bestimmt, fair, akzeptiert. In einem rechtsarmen Raum lebend vermittelt Nelio den durchweg \u00e4lteren Kindern intuitiv Grundz\u00fcge eines solidarischen Wertesystems. Gleichzeitig wird in einer abenteuerlichen Weise das (unverstandene) Wertesystem der Gesellschaft persifliert. Als mystisches Symbol der machtbesessenen Gesch\u00e4ftswelt vermuten sie tote Eidechsen, nachdem sie eine solche in einem gestohlenen Aktenkoffer entdecken. Ihre kindliche Antwort auf die vermeintliche Logik des Systems ist, selbst tote Eidechsen an Kaufhaus-Kleiderhaken und Palastnischen zu schmuggeln. Die selbstlosen Einbr\u00fcche f\u00fchlen sich an wie Beweise ihrer Macht. Diese vielfarbigen Anekdoten sind es, die den tiefgrauen Lebensalltag nicht nur f\u00fcr die jugendlichen Opfer, sondern auch f\u00fcr den Leser ertr\u00e4glicher machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unruhe \u00fcberkommt das Rudel als sich ihnen das von der Nachbarschaft ausgesto\u00dfene Albino-M\u00e4dchen Deolinda anschlie\u00dft. Als ihre schwarze Mutter das wei\u00dfe Kind zur Welt brachte, verstie\u00df ihr Vater seine Frau, weil er \u00fcberzeugt war, dass sie mit einem Toten geschlafen hatte. Der Widerstand in der Gruppe ist gro\u00df bis sie schlie\u00dflich akzeptiert wird. Als Nelio erf\u00e4hrt, dass sie dennoch vergewaltigt wurde, ger\u00e4t er au\u00dfer sich. Der T\u00e4ter ist das Gruppenmitglied Nascimento. Nascimento ist selbst Opfer einer qu\u00e4lenden Vergangenheit, weshalb Nelio schlie\u00dflich f\u00fcr Nachsicht pl\u00e4diert. Die geflohene Deolinda wird jedoch nie wieder auftauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der kleine Bomba durch wiederholte Lebensmittelvergiftungen an Leberkrebs zu sterben droht, inszenieren die Jungen in einer r\u00fchrenden Anstrengung heimlich im Theater der B\u00e4ckerin eine Wunschtraum-Vorstellung, die Bomba auf eine Insel des Gl\u00fccks entf\u00fchrt bis er wenig sp\u00e4ter dem Tumor erliegt. An diesem Abend werden sie von einem Wachdienst \u00fcberrascht. Nelio wird dabei lebensgef\u00e4hrlich angeschossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Dach des Theaters, wo Jos\u00e9 Nelio bis zum Tode pflegt, liegen Traumwelt des Theaters und Nelios existenzbedrohende Wirklichkeit sinnbildlich \u00fcbereinander. Was f\u00fcr Nelio nur bleibt, ist die Selbstaufgabe. Er lehnt die medizinische Behandlung seiner Wunden ab. Das Leben w\u00fcrde nicht besser werden. Auf seinen Wunsch hin wird Jos\u00e9 seine k\u00f6rperlichen Spuren l\u00f6schen und ihn im B\u00e4ckerofen verbrennen. Parallelen zum Tod eines Heilandes und dem Entr\u00fccken des Leichnams. Was er dem Rudel zur\u00fcckl\u00e4sst, ist die Kraft. Wo Freunde sind, ist kein Platz f\u00fcr Angst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein nachdenklicher Roman, der durch unaufdringliche m\u00e4rchenhafte Passagen in einem f\u00fcr die Perzeption hilfreichen Gleichgewicht gehalten wird. Ein Roman des schwedischen Krimischriftstellers Mankell, der selbst ein Theater in Mosambik unterh\u00e4lt. Ein Theater, das sehen macht, das aber auch erlaubt die Augen zu verschlie\u00dfen. Und leider ist das Sein vor den T\u00fcren des Theaters immer noch so grausam, dass Mankell am Ende des Buches Jos\u00e9 die Worte in den Mund legt: \u201eIch wei\u00df, dass ich Nelios Geschichte weitererz\u00e4hlen muss, selbst wenn es nur die Winde vom Meer sind, die h\u00f6ren, was ich zu sagen habe. Ich muss weiter von dieser Erde erz\u00e4hlen, die immer tiefer in ihrer Ohnmacht versinkt, wo die Menschen gezwungen sind, f\u00fcr das Vergessen zu leben und nicht f\u00fcr die Erinnerung.\u201c\u00a0 <strong>Note: 1\/2<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Zsolnay Verlag \u2013 268 Seiten\u00a0\u00a0 &#8211; 1995 \/ 2000 &gt;&gt;Der Chronist der Winde ist Jos\u00e9, ein B\u00e4ckergehilfe in einem von verblendeten Revolution\u00e4ren und ehemaligen Kolonialm\u00e4chten tyrannisierten westafrikanischen K\u00fcstenland. 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