{"id":2071,"date":"2002-07-26T15:54:32","date_gmt":"2002-07-26T13:54:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2071"},"modified":"2025-02-28T15:55:42","modified_gmt":"2025-02-28T13:55:42","slug":"der-spieler-f-m-dostojewskij","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2071","title":{"rendered":"Der Spieler- F.M.Dostojewskij"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong>Aufbau Verlag 1994 (Der Spieler \u2013 Sp\u00e4te Prosa) \u2013 Seiten 348 &#8211; 530<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Dostojewski skizziert in seiner Erz\u00e4hlung Charaktere gehobener Gesellschaftskreise im Ausnahmezustand. Die dekadente russische Gesellschaft gibt sich im fiktiven deutschen <em>Roulettenburg<\/em> dem ruin\u00f6sen Gl\u00fccksspiel hin. Es ist ein Spiel mit und gegen sich selbst. Spielsucht, Eitelkeit, Eifersucht und Liebe, Standesd\u00fcnkel und Machtkalk\u00fcl sind die Kugeln, die durchweg ung\u00fcnstig fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Da ist der alternde General, der nicht nur beim Milit\u00e4r Geld hinterzog, sondern auch sein Hab und Gut einem falschen Adeligen verpf\u00e4ndete. Da ist die Stieftochter, deren Lebenslust sich aus dem provozierten Leid ihrer Mitmenschen speist. Da ist der Graf, der als Hochstapler zum Blutsauger wird und sich am Ungl\u00fcck anderer bereichert. Da ist die Madame, die beliebig die Seiten wechselt, um Ansehen und Luxus zu mehren. Und da ist der Ich-Erz\u00e4hler, der mit einem Mangel an Kampfgeist zum Treibgut in der aufgew\u00fchlten See wird. Und alle verbindet, dass sie ihr Leben mit einem pl\u00f6tzlichen Verm\u00f6gen richten wollen. Die Quelle dessen soll das Gl\u00fccksspiel sein. Und dieses entfaltet eine ganz eigene Dynamik. Einmal im Casino, wird jeder zum festen Mobiliar in diesem. Eine Sucht, dem kein Widerstand gewachsen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der franz\u00f6sische Graf hatte dem General Geld geliehen. Jetzt versucht der Milit\u00e4r das Geld beim Gl\u00fccksspiel zur\u00fcckzugewinnen. Zudem erwartet er fiebernd den Tod einer Gro\u00dftante, um deren Erbschaft anzutreten. Wie eine Klette h\u00e4ngt der Franzose am gem\u00fctsschwachen General. Noch tragischer wird es f\u00fcr den Uniformierten, als er sich unsterblich in Madame Blanche, eine deutlich j\u00fcngere, affektierte Sch\u00f6nheit, verlieben musste. Madame Blanche diskutiert ihrerseits die M\u00f6glichkeit einer Hochzeit \u2013 freilich nur, um an die erwartete Erbschaft und vor allem an den Titel einer Madame General zu gelangen. Doch die Gro\u00dftante will nicht sterben. Stattdessen erscheint sie mit Donnerget\u00f6se, worauf Madame Blanche mit einem taktischen Man\u00f6ver kontert und sich dem Franzosen in die Arme wirft. Nat\u00fcrlich nur bis zu dem Zeitpunkt, zu dem man den falschen Graf als Schwindler entlarvt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Abhandlung kreist um den Ich-Erz\u00e4hler Alexej, der seit einigen Monaten f\u00fcr die Familie des Generals als Hauslehrer t\u00e4tig ist. Sein verkrampftes, lautes Herz geh\u00f6rt ganz Polina, der Stieftochter des Generals. Polina f\u00fchlt sich in einer hochgradig gest\u00f6rten Art von Alexej angezogen. Sie kann ihre Zuneigung nur in einen missbr\u00e4uchlichen Umgang kleiden. Zu ihrem blo\u00dfen Amusement veranlasst sie ihn, sich entgegen aller Standesunterschiede einer Adligen zu n\u00e4hern. Diese reagiert prompt mit einem Eklat. Alexej verliert seine Anstellung als Hauslehrer. Polina dr\u00e4ngt Alexej mit ihrem Geld zu spielen, obwohl er Roulette f\u00fcr ganz und gar verwerflich h\u00e4lt. \u00dcberraschend gewinnt er. Das Geld k\u00f6nnte ausreichen, Polinas umfangreiche Schulden zu tilgen. Mit dem Argument, dass sie sich nicht kaufen lasse, bleibt sie ihren sadistischen Ambitionen treu. Theatralisch schleudert sie die Geldb\u00fcndel in den Schmutz, obwohl sie Alexej im Innersten zugetan ist. Liebe kleidet sie in Hass, Aufmerksamkeit in Unterwerfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Alexej taumelt. Tief verletzt sucht er Trost bei Madame Blanche. Sie bekundet offen, dass sie an seinem Verm\u00f6gen partizipieren will. Bereitwillig liefert sich Alexej aus, ist Wohlstand doch ohne jeden Reiz f\u00fcr ihn. Sie reisen gemeinsam nach Paris, wo es leichtf\u00e4llt, in wenigen Wochen das kleine Verm\u00f6gen zu verprassen. Er l\u00e4sst es geschehen. Die dabei empfundene Absurdit\u00e4t ertr\u00e4nkt der junge Mann im Alkohol. Auch moralisch vernebelt kehrt er zur\u00fcck an die Spieltische. Es ist ein Spielwahn, der nicht auf Reichtum gerichtet ist, sondern der abenteuerlichen Versuchung erliegt. Seine erkl\u00e4rte Ablehnung ist vom Virus der Spielsucht ins Gegenteil verkehrt worden. In der Folge findet er sich im Gef\u00e4ngnis wieder. Anonym kauft Polina ihn frei. Wieder kann sie ihre positiven Empfindungen nicht offen leben. Durchschaut und in scheuer Distanz kommentiert, wird die destruktive Gemengelage von einer britischen Gestalt. Mit seiner Prophezeiung vom v\u00f6lligen Niedergang endet die Erz\u00e4hlung. Dostojewski untermalt damit nochmals den fatalen Werdegang. Auch die offen formulierte Analyse, vermag bei T\u00e4tern und Opfern keinen Einfluss auszu\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Rezensent urteilt: literarisch wird in der zentralen Person des Alexej der Typus des Spielers nicht \u00fcberzeugend ausgeformt. Die prosaische Charakterprofilierung gelingt lediglich bei der Beschreibung der Gro\u00dftante, die beim Eintreffen in Roulettenburg augenblicklich von der Spielsucht befallen wird, im Spiel Qualen durchlebt, von polnischen Ratgebern wie Kakerlaken beraubt wird und letztlich vereinsamt. Die Erz\u00e4hlung versteht sich vermutlich auch \u00a0Gesellschaftskritik. Die Figuren sind allesamt in ein fatales Wechselspiel verwickelt, in dem jeder jeden ausbeutet und damit die Entwicklung einer aufrichtigen Identit\u00e4t verhindert. Der Autor musste selbst diese Erfahrung an deutschen Spieltischen machen. Autobiographisches ist Teil der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz einiger gelungener Passagen ein unvollendetes Fragment.\u00a0 <strong>Note: 3\u2013<\/strong> (bu)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Aufbau Verlag 1994 (Der Spieler \u2013 Sp\u00e4te Prosa) \u2013 Seiten 348 &#8211; 530 &gt;&gt;Dostojewski skizziert in seiner Erz\u00e4hlung Charaktere gehobener Gesellschaftskreise im Ausnahmezustand. Die dekadente russische Gesellschaft gibt sich im fiktiven deutschen Roulettenburg dem ruin\u00f6sen Gl\u00fccksspiel hin. Es ist ein &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2071\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2071"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2071"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2071\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2072,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2071\/revisions\/2072"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}