{"id":2067,"date":"2005-04-08T15:41:22","date_gmt":"2005-04-08T13:41:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2067"},"modified":"2025-02-28T15:45:17","modified_gmt":"2025-02-28T13:45:17","slug":"der-verbrecher-aus-verlorener-ehre-friedrich-schiller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2067","title":{"rendered":"Der Verbrecher aus verlorener Ehre &#8211; Friedrich Schiller"},"content":{"rendered":"<p>Bibliothek SG 1986 \/ 1786 \u2013 29 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;In der Erz\u00e4hlung verdichtet Schiller einen historischen Kriminalfall zu einer Sozial-, Justiz- und Gesellschaftskritik. Auf den authentischen Fall eines M\u00f6rders aufbauend, erhebt er die Prinzipienforderung, dass die Bewertung von Taten stets auch die Ursachen des Verhaltens beleuchten muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Protagonist C. Wolf ist der h\u00e4ssliche Spross einer alleinstehenden Mutter, in deren schlecht laufender Gastwirtschaft er fr\u00fch mitarbeiten muss. Von den Kameraden geh\u00e4nselt, sucht er stattdessen die N\u00e4he des eigenn\u00fctzigen M\u00e4dchens Hanna, die ihn prompt ausbeutet. Nur durch Geschenke l\u00e4sst sie sich beeindrucken. In seiner Not wird der mittellose Junge, der sp\u00e4ter den Spitznamen <em>Sonnenwirt<\/em> erhalten wird, zum Wilddieb, um seinem Schwarm W\u00fcnsche erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Als der F\u00f6rstersohn und Nebenbuhler C. Wolf auf die Schliche kommt und ihn anzeigt, wird dieser zum ersten Mal verurteilt. Durch die endlose Schmach \u00f6ffentlich verurteilt worden zu sein, beginnt eine verh\u00e4ngnisvolle Abw\u00e4rtsspirale. Der Sonnenwirt r\u00e4ubert ein zweites, ein drittes Mal. Das Strafma\u00df steigt von Mal zu Mal und s\u00e4mtliche Versuche, dass er einer geregelten Arbeit nachgehen m\u00f6ge, scheitern. W\u00e4hrend einer langj\u00e4hrigen Festungshaft verroht er in der Gesellschaft von M\u00f6rdern vollends. Wieder auf freiem Fu\u00df, begegnet er seinem ehemaligen Denunzianten und streckt ihn nieder. Trotz der eskalierten Tat \u2013 oder gerade deshalb \u2013 bricht sich eine moralische Urgewalt in C. Wolfs Wesen Bahn. Er beraubt den Get\u00f6teten nicht, weil er Rache, nicht aber Reichtum will. Auf der Flucht begegnet er einem Banditenhaufen, der ihn aus Respekt vor seinen legend\u00e4ren Taten zum Anf\u00fchrer ernennt. C. Wolf scheint endlich gebettet zu sein in eine soziale Gemeinschaft. Doch veranlassen ihn schlie\u00dflich Neid, Missgunst und die Furcht verraten zu werden, zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als seine ungew\u00f6hnliche Erscheinung schlie\u00dflich in der \u00d6ffentlichkeit auff\u00e4llt, folgt eine zun\u00e4chst unbegr\u00fcndete, literarisch fesselnde Darstellung der Inhaftierung. Seine wahre Identit\u00e4t bleibt zun\u00e4chst unerkannt. Im Laufe dieser Zeit vollzieht sich ein dramatischer Wandel. Von der respektvollen Ansprache des Amtsrichters ber\u00fchrt, die ihm \u00fcberraschend das Gef\u00fchl vermittelt, als Mensch wahrgenommen zu werden, gibt er sich als Sonnenwirt zu erkennen. Eine gro\u00dfe Dankbarkeit f\u00fcr eine kleine Geste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dramaturgisch geschickt, bricht die Erz\u00e4hlung, die im Stil einer subjektiven, teils wertenden Dokumentation formuliert ist, an dieser Stelle ab. Aus dem Vorspann erfahren wir, dass dem Sonnenwirt das Gest\u00e4ndnis letztlich das Leben kostete. Eine gro\u00dfartige Erz\u00e4hlung, die &#8211; abgesehen vom 200 Jahre alten Sprachduktus &#8211; ein Pl\u00e4doyer unserer Gegenwart sein k\u00f6nnte. Sowohl die Aktualit\u00e4t, wie auch die entlarvende Kausalit\u00e4t gesellschaftlicher Zusammenh\u00e4nge, sozialer Mitverantwortung und angedeutete L\u00f6sungsalternativen sind brandaktuell. F\u00fcr das ausklingende 18. Jahrhundert vermutlich ein revolution\u00e4rer und f\u00fcr die damalige Zeit \u00fcberfordernder Blickwinkel. F\u00fcr heute jedoch ein Schiller, der viel eing\u00e4ngiger f\u00fcr Sch\u00fcler und Erwachsene sein d\u00fcrfte als andere stilfremde, kunstverlorene Dramen, deren inhaltliche \u00dcbertragung auf die Gegenwart allzu bem\u00fcht erscheinen. <strong>Note: 1<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bibliothek SG 1986 \/ 1786 \u2013 29 Seiten &gt;&gt;In der Erz\u00e4hlung verdichtet Schiller einen historischen Kriminalfall zu einer Sozial-, Justiz- und Gesellschaftskritik. 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