{"id":2063,"date":"2000-09-19T15:34:08","date_gmt":"2000-09-19T13:34:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2063"},"modified":"2025-02-28T15:35:26","modified_gmt":"2025-02-28T13:35:26","slug":"die-nackten-masken-luigi-malerba","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2063","title":{"rendered":"Die nackten Masken &#8211; Luigi Malerba"},"content":{"rendered":"<p>Verlag Wagenbach 1995 (Ital. Original 1995) \u00a0\u2013 297 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Malerbas Werk ist ein abenteuerlicher Roman-R\u00fcckblick in die kriminelle Kirchengeschichte des 16. Jahrhunderts. Autorit\u00e4rer Glaube ist Herrschaftsinstrument. Der Verweis auf satanische Kr\u00e4fte und irreale Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten werden beliebig mit Lug und Betrug angereichert. Ziel ist neben missverstandener Fr\u00f6mmigkeit stets der pers\u00f6nliche Bonus. Die suchtartige Befriedung von Libido, Macht- und Gewaltgel\u00fcsten. Je h\u00f6her die Position in klerikalen Institutionen, desto egomaner die Anspr\u00fcche, desto skrupelloser das Instrumentarium ihrer Durchsetzung, desto bizarrer der Glaubensmissbrauch sich selbst und den Gemeindemitgliedern gegen\u00fcber. Auch weil Leben keine Bedeutung zukommt, hat das manipulative Glaubenssystem der kirchlichen Diktatoren selbst auf die kontinentalen Machtverh\u00e4ltnisse einen zerst\u00f6rerischen Einfluss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem pl\u00f6tzlichen Tod des Verschwendungspapstes Leo X. wird nach gro\u00dfen Kontroversen ein Kardinal aus dem Ausland zum neuen r\u00f6mischen Papst gek\u00fcrt. Prompt kommt es zu Aufruhr im Volk und Best\u00fcrzung bei Geistlichen, die um ihre Privilegien f\u00fcrchten. Intrigen, Moralverfall und Kriminalit\u00e4t herrschen in den kirchlichen Chefetagen. Zwei konkurrierende Kardin\u00e4le versuchen im Schatten der Umbr\u00fcche das Amt des K\u00e4mmerers und damit den Zugriff auf die Finanzen an sich zu rei\u00dfen. Selbst Mord ist ein probates Mittel bei diesem Ringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem am\u00fcsanten, informativen und spannungsreichen Erz\u00e4hlaufbau bewegen sich vier Handlungsstr\u00e4nge auf ein gemeinsames Epizentrum zu, das im Moment des Zusammentreffens \u00fcberkritisch wird.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Kardinal della Torre lebt in Angst zur\u00fcckgezogen in seinen Spiegelgem\u00e4chern. Er sucht die Einsamkeit durch Spiegelvervielf\u00e4ltigung seiner selbst zu umgehen. Angetrieben von Machtgel\u00fcsten manipuliert er seinen engsten Mitarbeiter Diakon Baldassare und stachelt ihn gegen seinen Konkurrenten an.<\/li>\n<li>Sein Widersacher Kardinal Ottoboni ist ihm in Machtgeilheit, Prasssucht und Intrigenerfolgen stets voraus. Dieser r\u00fcstet zum Anschlag auf della Torre mit Hilfe eines Berufskillers.<\/li>\n<li>Der neue Papst steht drohend \u00fcber allem. Er bewegt sich m\u00fchsam mit seiner Schiffskarawane von Spanien nach Rom, wo beim rituellen Schuhkuss der Kardin\u00e4le zum Empfang des Papstes alle aus ihren Verstecken erscheinen m\u00fcssen. Es wird der Moment der Katastrophe werden.<\/li>\n<li>Diakon Baldassare ist getrieben von naiver Ergebenheit und Treue zu Gott und seinem Vorgesetzten. Sein Schicksal-weisendes Missgeschick ist eine unverstandene Weihrauchallergie, die ihn an St\u00e4tten heiliger Besinnung in schwere Hustenanf\u00e4lle st\u00fcrzt. Hin- und hergerissen von Angstvisionen, versucht er sich in Befreiungstherapien. Auf Anraten della Torres gibt er sich zun\u00e4chst \u00e4ngstlich und bald lustvoll genie\u00dfend einer Hure hin, sucht einen Arzt mit diabolischen Spezialkenntnissen auf, will sich dem Exorzismus anvertrauen. Und dennoch zweifelt er immer wieder, f\u00fchlt er sich doch f\u00fcr eine Teufelsaustreibung zu rein. Sein Meister Kardinal della Torre nutzt mit gro\u00dfer Hinterlist die Seelennot und macht ihn zum Instrument seiner Machtinteressen. Mit intelligenter Grausamkeit treibt er ihn in den m\u00f6rderischen Anschlag auf seinen Konkurrenten. Della Torre macht den Diakon glauben, seinen in ihm wohnenden Teufel durch diese teuflische Tat bes\u00e4nftigen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gefangen in dem Irrglauben des 16. Jahrhunderts und an sich erf\u00fcllt mit dem Streben nach dem Guten, bleibt Baldassare in seiner Naivit\u00e4t letztlich schuldlos \u2013 auch im Angesicht des folgenden Mordes an Ottoboni.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schuldig und durch Angst und Einsamkeit aufgezehrt dagegen della Torre, der schon als junger Mann mit allem Ehrgeiz Berufsheiliger werden wollte. In seinem ganzen Leben konnte ihn nur ein Mensch an das Menschliche in ihm selbst heranf\u00fchren \u2013 eine Hure. Es war eine Hure, die er bis zum p\u00e4pstlichen Verbot als Haush\u00e4lterin anstellte. Tragisch bis zum Schluss: Als sie sich ihm nach vielen Jahren der entt\u00e4uschenden Ablehnung zuwenden will, ist auch della Torre ermordet worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Kirche? Der neue Papst wettert gegen die Unordnung im Inneren, um eine \u00e4u\u00dfere Ordnung zu erzwingen. Auch diese Ordnung ist betont gewaltt\u00e4tig. Sie ist von den gleichen willk\u00fcrlichen Motiven getragen. Nur die Adressaten sind andere. Alle Kr\u00e4fte f\u00fcr das Morden bei den Feldz\u00fcgen gegen die Heiden. Alle tragen Masken und k\u00f6nnen doch nicht die nackten Tatsachen maskieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leser, die \u00fcber den angemessen religi\u00f6s-mittelalterlichen Sprachstil nicht stolpern, werden ihre helle Freude an dieser Lekt\u00fcre haben.\u00a0 <strong>Note: 2+<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag Wagenbach 1995 (Ital. Original 1995) \u00a0\u2013 297 Seiten &gt;&gt;Malerbas Werk ist ein abenteuerlicher Roman-R\u00fcckblick in die kriminelle Kirchengeschichte des 16. Jahrhunderts. Autorit\u00e4rer Glaube ist Herrschaftsinstrument. 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