{"id":2059,"date":"2000-12-28T15:30:48","date_gmt":"2000-12-28T13:30:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2059"},"modified":"2025-02-28T15:31:55","modified_gmt":"2025-02-28T13:31:55","slug":"elementarteilchen-michel-houllebecq","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2059","title":{"rendered":"Elementarteilchen &#8211; Michel Houllebecq"},"content":{"rendered":"<p>DuMont 1999 (franz. Original 1998) \u00a0\u2013 357 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Der Roman ist auf zwei zentrale Themen fokussiert: Sexualit\u00e4t und Gewalt \u2013 auch gegen sich selbst. Beide Aspekte ufern mit der Liberalisierung im 20. Jahrhundert aus und verwandeln die Individuen zu erbarmungslosen Egozentrikern, die jede Empathie f\u00fcreinander verlieren. So der intendierte Tenor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angereichert mit zahlreichen authentischen Gegenwartsereignissen werden die Ausfl\u00fcsse der nachklingenden Hippiebewegung mit neutral-k\u00fchlem Eifer seziert. Houellebecq entwirft in seinem Thesenroman ohne jeden Vorwurf dabei das Bild einer Menschheit, deren Ritualmorde \u00e1 la Maison gesetzm\u00e4\u00dfig im Sodom und Gomorrha der Zukunft enden m\u00fcssen. In Abwesenheit ordnender g\u00f6ttlicher Instanzen oder einer selbstbegrenzenden R\u00e4son dieser Menschheit folgen ebenso logisch als einzige Alternative die objektiven L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten der Naturwissenschaft. Der Autor formuliert dies ohne jede missionarische Passion. In einigen Jahrzehnten wird die Molekularbiologie ein Menschengeschlecht erschaffen haben, welches den Urzustand der Genesis spiegelt. Dann jedoch geklonte Lebewesen, optimiert f\u00fcr ein paradiesisches Dasein. Sozial befriedet, unsterblich und ohne sexuelle Fortpflanzung. Mit stabilisierter DNA, die unkontrollierte Mutationen und damit \u00fcberraschende Abweichung von der idealisierten Norm vollkommen ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Hauptprotagonisten des Romans begegnet der Leser den beiden Halbbr\u00fcdern Michel (!) und Bruno. Geboren von der bis zum Lebensende durch Landkommunen, Esoterik und Erotik treibenden Mutter Jane. Sie: gefangen in ihren Freiheiten mit M\u00e4nnern, eine Rabenmutter, die ihre Kinder verl\u00e4sst und den Gro\u00dfeltern \u00fcberantwortet. Die Halbbr\u00fcder wissen zun\u00e4chst nichts voneinander. Sie durchleiden eine elternlose, tr\u00fcbselige und im Internat (Bruno) grausame Jugend. Die fr\u00fche seelische Verst\u00fcmmelung begleitet beide gleicherma\u00dfen bis ans Ende, wenn auch in h\u00f6chst unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruno kompensiert die libidin\u00f6se Isolierung als Jugendlicher mit sexueller Obsession im Erwachsenenalter. Die Endstation seiner seelisch-k\u00f6rperlichen Irrfahrten wird die geschlossene Psychiatrie sein. Zuvor versucht er ein geordnetes Leben, das ihm zun\u00e4chst ein Lehrerdasein und eine Ehe mit Sohn beschert. Die Scheidung folgt. Der Sohn wird ihm trotz seines apathischen Wesens zur unertr\u00e4glichen Konkurrenz. Dessen Jugend scheint ihm sein voranschreitendes Altern zu verh\u00f6hnen. Bruno reagiert mit einer suchthaften Hinwendung zu sexuellen Praktiken. Sie suggerieren ihm intakte Vitalit\u00e4t. Urlaube auf Sexfarmen, meditativer Gruppenkoitus, Stammgast mit seiner Freundin Christiane im Swinger Club. Hier erleidet die von Knochenkrebs gezeichnete Frau w\u00e4hrend eines athletischen Koitus mit unbekannten M\u00e4nnern eine Querschnittsl\u00e4hmung. Als Sexobjekt entwertet, wird sie sich im Rollstuhl von einem Hochhausdach st\u00fcrzen. Bruno hatte sich ihr zwar seelisch angen\u00e4hert, doch vereitelte seine Liebesunf\u00e4higkeit eine tragende Partnerschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michel dagegen etabliert sich fr\u00fch als erfolgreicher, sozial jedoch v\u00f6llig entr\u00fcckter Naturwissenschaftler. Dennoch wird ihm die Gnade zuteil, seine schon fr\u00fcher verehrte Schulfreundin Annabelle zu ehelichen. Aber auch sie hat trotz \u2013 oder gerade \u2013 wegen ihrer bet\u00f6renden Erscheinung Isolierung erfahren. Und so verdorrt sie in ihren Gef\u00fchlen. Im Laufe einer Tumorerkrankung begeht auch sie Selbstmord. Michel zieht sich die letzten Lebensjahre nach Irland zur\u00fcck und legt den entscheidenden Grundstein f\u00fcr die metaphysische Wandlung der Menschheitsgeschichte. Er wird sich nach getaner Karrierearbeit \u2013 der endg\u00fcltigen Stabilisierung des menschlichen Erbmaterials \u2013 dem Suizid hingeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein hintergr\u00fcndig moralischer Roman. Obwohl ohne jede politische Einlassung, provoziert das Werk vor allem mit seinen ausf\u00fchrlichen sexuellen Details. Manche dieser auch pervers brutalen Szenen sind nur in kleinen Dosen zutr\u00e4glich. Dennoch ein diskussionsw\u00fcrdiger Wurf mit soziologischer Nachdenklichkeit. <strong>Note: 2\/3<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DuMont 1999 (franz. Original 1998) \u00a0\u2013 357 Seiten &gt;&gt;Der Roman ist auf zwei zentrale Themen fokussiert: Sexualit\u00e4t und Gewalt \u2013 auch gegen sich selbst. Beide Aspekte ufern mit der Liberalisierung im 20. 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